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Die Schwestern

Georg Ebers: Die Schwestern - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Schwestern
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
seriesGeorg Ebers - Ausgewählte Werke
volumeVierter Band
year1893
firstpub1880
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081021
projectid5c81e946
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Drittes Kapitel

Wie der Fuß Irenens keinen festen Riemen ertragen konnte, so war ihre Seele höchst empfindlich gegen jedes rauhe Wort. Darum hatte die Rede des Römers und seine Weise ihr weh getan.

Gesenkten Hauptes und dem Weinen nahe ging sie ihrer Wohnung entgegen, aber bevor sie dieselbe erreicht hatte, fiel ihr Blick auf die Pfirsiche und den Braten in ihrer Hand.

Schnell dachte sie nun an ihre Schwester und wie gut der Hungernden dies leckere Mahl munden werde. Ihr Mund lachte wieder, Freude strahlte ihr aus den Augen, und mit beschleunigten Schritten setzte sie ihren Weg fort.

Daß Klea sie nach den Veilchen fragen und der Römer ihr mehr gelten könnte als jeder andere gütige Fremde, fiel ihr nicht ein.

Sie hatte außer der Schwester keine Gefährtin gehabt, und nach der Arbeit, wenn die Mädchen sonst vom Sehnen und Bangen, der Lust und dem Leid der Liebe reden, pflegten diese beiden so schwer ermüdet nach Hause zu kommen, daß ihnen nichts erwünschter erschien als Ruhe und Schlaf. Blieb ihnen einmal eine Stunde zu müßigen Gesprächen, so begann Klea immer und immer wieder von dem gemeinsamen Elternhause zu erzählen; Irene aber, die auch zwischen den ernsten Mauern des Serapistempels manches harmlose Vergnügen aufsuchte und fand, hörte ihr gern zu und unterbrach sie mit Fragen und der Erzählung von kleinen Ereignissen und Zügen, deren sie sich aus der Kindheit zu erinnern glaubte, und von denen ihr doch viele erst durch ihre Schwester vertraut und durch die umbildende Tätigkeit ihrer höchst lebendigen Einbildungskraft zu eigen geworden waren.

Klea hatte die lange Abwesenheit Irenens nicht bemerkt; denn bald nachdem sie sie verlassen, war sie, von Hunger und Müdigkeit überwältigt, entschlummert.

Bevor ihr schwankendes Haupt zur Ruhe kam und ihre Augenlider sich schlossen, zuckte es oft recht schmerzlich um ihren Mund; dann aber glätteten sich ihre Züge, leise öffneten sich ihr die Lippen, und wie ein sanfter Lenzhauch über eine frierende Blume, so flog ein Lächeln über die sich mehr und mehr rötenden Wangen.

Diese Schläferin war gewiß nicht geboren für Einsamkeit und Entsagung, sondern um die Liebe und jede ihrer Wonnen zu gewähren und zu genießen.

Sehr warm und dabei still, ganz still wurde es in der Kammer der Schwestern.

Jetzt vernahm man das Gesumme einer Fliege, die das von Irene geleerte Ölgefäß umkreiste, jetzt den immer schneller wehenden Atem der Schläferin.

Jede Spur von Erschlaffung war von Kleas Antlitz gewichen, wie zum Kuß öffneten und fanden sich ihre Lippen, glühender röteten sich ihre Wangen, und endlich hob sie beide Hände und stammelte, vom Traum umfangen, abwehrend und dennoch zärtlich: »Nicht, nicht – nein, gewiß nicht; ich bitte dich, Lieber...« Jetzt sank ihr der Arm und schlug herabfallend an die Kiste, auf der sie saß, und sie erwachte.

Langsam öffnete sie die Lider mit einem glückseligen Lächeln; dann aber hoben sich ihr die langen Wimpern höher und höher, bis daß ihr weit geöffnetes Auge, als sei ihm etwas Unerhörtes begegnet, entsetzt ins Leere starrte.

So verblieb sie eine Zeitlang, ohne sich zu regen, dann aber richtete sie sich auf, drückte die Rechte auf Stirn und Auge und zusammenschauernd, als habe ein Frost sie geschüttelt, murmelte sie stoßweise mit zusammengebissenen Zähnen:

»Was soll mir das? Woher kommen mir solche Gedanken? Was sind das für Dämonen, die uns im Traum Dinge tun und empfinden lassen, die wir wachend aus Herz und Sinn weit, weit von uns stoßen würden? Verabscheuen könnte ich mich selbst, verachten und Hassen um dieser Gesichte willen; denn ich Elende ließ es geschehen, daß er mich umfaßte, und kein bitterer Zorn, o nein, etwas ganz anderes, unaussprechlich Süßes durchbebte mir dabei die Seele.«

Dabei ballten sich ihr die Hände zu Fäusten, die sie an die Schläfen drückte; dann sanken ihr aber wieder die Arme schlaff in den Schoß, und das Haupt schüttelnd, sagte sie mit verändertem, weicherem Tone:

»Aber freilich, es war nur ein Traum und – ihr ewigen Götter – wenn wir schlafen – ja, was dann? So mußt' es ja kommen! Zu den unreinen Gedanken füge ich jetzt die Unwahrheit gegen mich selbst! Nein diesen Traum sandte mir kein Dämon, er war nur ein Abbild dessen, was ich gestern empfand und vorgestern und früher, als der fremde große Mann mir nun schon zum dritten Male mit dem mächtigen Blick in die Augen sah und mir dann – wie viele Stunden sind es denn her? – die Veilchen reichte. Hab' ich da etwa das Antlitz abgewandt oder seine Kühnheit mit zürnenden Blicken gestraft? Wär's nicht etwa möglich, auch mit den Augen einen Feind zu verjagen? Das ist mir immer geglückt, so oft auch ein Mann nach uns schaute, aber gestern, da konnt' ich es nicht und war doch so wach wie in dieser Stunde. Was will der Fremde von mir? Was verlangt sein gewaltiger Blick, der mich seit Tagen verfolgt, wohin ich mich auch wende, und mir auch im Schlafe die Ruhe raubt? Warum öffnete ich ihm das Auge, das die Pforte des Herzens ist? Jetzt wuchert darin das Gift, das es aufnahm, aber ich reiße es aus, und wenn Irene heimkehrt, so zertret' ich die Veilchen oder lasse sie ihr, die sie bald zerrupft oder kläglich verdorren läßt; denn rein will ich bleiben, selbst im Traume; was hab' ich denn anders als meine Reinheit?«

Jetzt unterbrach sie ihr Selbstgespräch, denn sie hatte Irenens Stimme gehört, und dieser Klang mußte wohl freundlich auf ihr Gemüt wirken, denn der schmerzlich herbe Zug, der ihr eben noch das schöne Antlitz entstellt hatte, verschwand, und aufatmend murmelte sie:

»Ich bin doch nicht ganz arm und elend, solang ich sie habe und ihre Stimme vernehme.«

Als Irene, welche unterwegs einem Tempeldiener das bescheidene Opfergeschenk des Klausners Phibis für den Altar des Serapis übergeben hatte, die Kammer betrat, verbarg sie das Brett mit der Gabe des Römers hinter ihrem Rücken und rief schon in der Tür der Schwester entgegen:

»Nun rate, was ich hier habe?«

»Brot und Datteln von Serapion,« entgegnete Klea.

»O nein,« rief die andere, indem sie der Schwester den Teller entgegenhielt, »lauter Leckerbissen für Götter und Könige. Fühle nur diesen Pfirsich! Faßt er sich nicht an wie die Bäckchen des kleinen Philo? Wenn ich immer solchen Ersatz fände, so müßtest du wünschen, daß ich jeden Morgen dir das Frühstück aufäße. And weißt du auch, wer uns dies alles geschenkt hat? Nein, darauf wirst du nicht kommen! Der große Römer gab es mir, derselbe, von dem du gestern die Veilchen bekamst.«

Kleas Antlitz entfärbte sich, und streng und kurz fragte sie: »Wie weißt du das?«

»Weil er mir's selber gesagt hat,« erwiderte Irene mit gänzlich veränderter Stimme; denn das Auge der Schwester war fest auf sie gerichtet und blickte sie mit einem ihr bis dahin völlig fremden Ausdruck strengen Ernstes an.

»Und wo sind die Veilchen?« fragte Klea weiter.

»Er nahm sie, und sein Freund gab mir diese Granate,« stammelte Irene. »Er selbst wollte sie mir reichen, aber der Grieche, ein schöner, heiterer Jüngling, litt es nicht und legte sie dort auf das Brettchen. Da nimm sie, aber schau mich nicht länger so an, ich kann's nicht ertragen!«

»Ich will sie nicht,« versetzte die andere, nicht ohne Herbheit. Dann schlug sie die Augen nieder und fragte leise: »Behielt der Römer die Veilchen?«

»Er behielt – nein, Klea, nein, belügen will ich dich nicht! Er warf sie über das Haus und sprach so rauhe Worte dabei, daß ich erschrak und ihm rasch den Rücken wandte; denn ich fühlte schon, wie mir die Tränen ins Auge stiegen. Was hast du nur mit dem Römer? Mir ist so bange, so angst, wie sonst nur, wenn ein Unwetter aufzieht, vor dem ich mich fürchte. And wie bleich deine Lippen aussehen! Das kommt gewiß von dem langen Hungern. So iß dich nun satt! Aber, Klea, warum schaust du mich so an, so finster und gräßlich? Ich kann diesen Blick nicht ertragen, ich kann's nicht!«

Irene schluchzte laut auf, die Schwester aber näherte sich ihr, strich ihr das weiche Haar aus der Stirn, küßte sie und sagte freundlich:

»Ich bin dir nicht böse, Kind, und will dir nicht weh tun. Könnt' ich nur weinen wie du, wenn Wolken mein Herz umziehen, dann zeigte sich auch hier drinnen ebenso schnell der blaue Himmel wieder wie bei dir. Jetzt trockne die Augen, gehe hinüber in den Tempel und frage, wann wir zu der Gesangsübung kommen sollen und wie spät der Aufzug beginnt.«

Irene folgte diesem Gebot.

Gesenkten Blickes war sie ins Freie getreten, dort aber schlug sie frisch ihr Auge wieder auf, denn sie gedachte des Aufzuges, und als ihr einfiel, daß sie den munteren Freund des Römers dabei wiedersehen würde, kehrte sie noch einmal in die Kammer zurück, legte die Granatblüte in das Näpfchen, aus dem sie am Morgen die Veilchen genommen, grüßte die Schwester so munter wie je zuvor und überlegte, ob sie für den Aufzug die Blume in das Haar stecken sollte oder an die Brust. Tragen mußte sie sie jedenfalls; denn es galt ja zu zeigen, daß sie solche Gabe wertzuhalten verstehe.

Sobald Klea allein war, griff sie mit einer heftigen Bewegung nach dem Teller, den ihr Irene gebracht hatte, reichte der grauen Katze, die sich wieder in das Gemach geschlichen, den Braten und wandte dabei das Gesicht ab; denn der bloße Duft des Fasanen berührte sie wie eine Kränkung.

Dann, nachdem sich die Katze mit ihrer willkommenen Beute in eine Ecke der Kammer zurückgezogen, ergriff sie einen Pfirsich und erhob die Hand, um ihn durch die Öffnung im Dach ihres Zimmers ins Freie zu schleudern. Aber sie führte dies Vorhaben nicht aus; denn es kam ihr in den Sinn, daß sie Irene und den kleinen Philo, das Söhnchen des Türhüters, mit den süßen Früchten erfreuen könnte. Darum legte sie ihn auf den Teller zurück und griff nach dem Brot; denn der Hunger quälte sie sehr. Schon wollte sie das goldgelbe Gebäck zerbrechen, aber einer schnellen Regung folgend, warf sie auch dieses auf den Teller zurück und murmelte:

»Am letzten möchte ich ihm auch nur das Geringste zu danken haben, aber ich werfe die Gottesgabe nicht fort wie er meine Veilchen; denn das wäre Sünde! Mag das Brot einen Hungrigen satt machen, so bewirkt es doch etwas Gutes, das ihm vielleicht den Dank eines Gottes einträgt. Zwischen ihm und mir muß alles vorbei sein, und erscheint er heute beim Aufzug, und es gelüstet ihn, noch einmal mich anzuschauen, so werde ich meine Augen zu zwingen wissen, die seinen zu meiden; ich will es und führe es durch! Aber, ihr ewigen Götter, und du vor allen, großer Serapis, dem ich willig diene, ein anderes werd' ich nicht ohne euren Beistand vermögen! Helfet, ja helft mir, ihn zu vergessen, damit meine Gedanken rein bleiben mögen!«

Bei diesen Worten warf sie sich vor der Kiste nieder, drückte die Stirn auf das harte Holz und versuchte zu beten.

Nur um eines bat sie die Götter: um die Kraft, den Mann zu vergessen, der sie um die Ruhe ihrer Seele betrogen.

Aber wie schnelle Wolken zwischen einem Weltkörper und dem Auge des Sternsehers, das ihn zu beobachten begehrt, die Arbeit des Himmelkundigen störend, hin und her ziehen, wie der Lärm der Gasse ein schönes Lied, dem wir gern lauschen möchten, wieder und wieder unterbricht und mit wirren Geräuschen verdirbt, so kreuzte immer und immer das Bild des Römers Kleas Gebet um Befreiung von jedem Gedanken an ihn, und endlich wollt' es ihr scheinen, als gleiche sie einem Menschen, der einen Felsblock mit dem Aufgebot aller Kräfte aufzurichten wünscht, und der, statt den Stein zu erheben, von seiner Last zu Boden gedrückt wird; mußte sie doch empfinden, daß durch all ihr Beten und Ringen der Feind, den sie weit von sich abzuweisen wünschte, ihr nur näher trat und, statt zu fliehen, sich mit immer unabwendbareren Griffen ihrer Seele bemächtigte.

Endlich ließ sie von dem vergeblichen Kampfe ab, stand auf, kühlte das glühende Antlitz mit frischem Wasser und zog die Riemen der Sandalen fester an, denn im Tempel, in der Nähe des Gottes, hoffte sie der Ruhe, die sie hier nicht finden konnte, teilhaftig zu werden.

Vor der Tür der Kammer traf sie Irene, die ihr mitteilte, daß wegen des Aufzugs, der vier Stunden nach Mittag beginne, die Gesangsübung ausgesetzt werden solle.

Als Klea sich dann von ihr entfernte, um sich dem Tempel zu nähern, rief ihre Schwester ihr nach:

»Du bleibst doch nicht lange; es wird gleich wieder Wasser gebraucht für die Spenden.«

»So gehe du nur an die Arbeit,« bat Klea, »es ist ja nicht viel notwendig; denn bald ist der Tempel leer wegen des Aufzugs. Mit einigen Krügen wird es genug sein. Drinnen liegt ein Brötchen und ein Pfirsich für dich; den anderen muß ich für den kleinen Philo aufheben.«

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