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Die Schwestern

Georg Ebers: Die Schwestern - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Schwestern
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
seriesGeorg Ebers - Ausgewählte Werke
volumeVierter Band
year1893
firstpub1880
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081021
projectid5c81e946
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Zweites Kapitel

Das Pastophorium wurde der Ziegelbau genannt, in dem sich das Zimmer der Schwestern befand, und der auch von anderen Bediensteten der Tempelanlage und zahlreichen Pilgern bewohnt ward. Diese wallfahrteten aus allen Teilen Ägyptens hierher und nächtigten gerne im Heiligtume des Gottes.

Irene ging, nachdem sie ihre Schwester verlassen, an vielen Türen vorüber, die sich nach dem Aufgang der Sonne geöffnet hatten, erwiderte schnell den Gruß manches bekannten oder unbekannten Antlitzes, das ihr so freundlich nachschaute, als sei ihm in der Frühe ein gutes Vorzeichen zuteil geworden, und gelangte bald zu einem sich an den äußersten Norden des Pastophoriums schließenden Anbau, der keine Tür, wohl aber in Manneshöhe sechs unverschlossene Fensterhöhlen enthielt, die sich nach dem Wege hin öffneten.

Aus der ersten, die sie erreichte, schaute ihr das bleiche und von vielen Falten zerrissene Antlitz eines Greises entgegen.

Sie rief dem Alten munter den heitern Gruß der Hellenen: »Freue dich!« zu, er aber gebot ihr, ohne die Lippen zu rühren, ernst und bedeutungsvoll mit der mageren Hand und den kleinen, starren und ausdruckslosen Augen zu warten, und reichte ihr dann ein hölzernes Brett, auf dem einige Datteln und ein halbes Brot lagen.

»Für den Altar des Gottes?« fragte das Mädchen. Der Greis nickte bejahend, und Irene ging so sicher wie jemand, der genau weiß, was von ihm begehrt wird, mit der leichten Bürde weiter. Aber schon nach wenigen Schritten, und bevor sie das letzte Fenster erreicht hatte, hemmte sie den Fuß; denn laute Stimmen und Schritte ließen sich vernehmen, und bald zeigten sich an demjenigen Ende des Pastophoriums, dem sie entgegenging und an das sich ein kleiner Akazienhain des Serapis schloß, der außerhalb der Ringmauer eine weitere Ausdehnung gewann, einige Männer, deren Erscheinung ihre Aufmerksamkeit fesselte; aber sie scheute sich, den Fremden entgegen zu gehen, und wartete, eng an die Wand des Pastophoriums geschmiegt und ihren Reden lauschend, auf ihre Entfernung.

Den frühen Tempelbesuchern voran ging ein starker Mann mit einem langen Stabe in der Rechten und sprach zu den beiden Fremden, die ihm folgten, in der Weise der Erklärer von Beruf, die so zu reden pflegen, als läsen sie ihren Hörern aus einem unsichtbaren Buche vor, und die man nicht gern mit Fragen unterbricht, weil man weiß, daß sie doch kaum mehr wissen, als was sie gerade sagen.

Unter den beiden nichts weniger als aufmerksamen Zuhörern war der eine in ein langes, buntes Gewand gehüllt und reich mit goldenen Ketten und Ringen geschmückt, während der andere außer dem kurzen Chiton nur eine über die linke Schulter geworfene römische Toga von weißer Wolle trug.

Sein reich gekleideter Begleiter war ein älterer Mann mit fleischigem, bartlosem Antlitz und dünnem, ergrauendem Haar.

Diesen sah die lauschende Irene mit Bewunderung und Staunen an, aber nur, um, nachdem sie das Auge an den Stoffen und Geschmeiden, die er trug, geweidet hatte, die schlanke Jünglingsgestalt an seiner Seite um so aufmerksamer ins Auge zu fassen.

»Der dicke Pudel des Koches Hui und ein junger Löwe,« murmelte sie vor sich hin, indem sie den behäbigen Schritt des einen und den selbstbewußten, elastischen Gang des anderen beobachtete. Dabei fühlte sie sich lebhaft versucht, den älteren Herrn nachzumachen, aber diese übermütige Regung sollte bald unterbrochen werden; denn kaum hatte der Fremdenführer dem Römer berichtet, daß hier die frommen Männer ihre Zellen hätten, die in freiwilliger Gefangenschaft als dem Serapis Geweihte dem Gotte dienten, und daß sie ihre Nahrung durch die Fenster – er wies mit dem Stabe auf sie hin – in Empfang nähmen, als plötzlich eine Lade, an die der Führer des ungleichen Paares mit dem Stabe gerührt hatte, so schnell und heftig aufflog, als habe ein jäher Windstoß sie erfaßt und an die Wand geschlagen. Nicht minder plötzlich fuhr ein grimmig dreinschauendes, von grauen Haaren wie von einer Löwenmähne umwalltes Menschenhaupt aus dem Fenster heraus und schrie dem Klopfenden mit tiefer, überlauter Stimme zu:

»Daß meine Lade dein Rücken wäre, du frecher Gesell, dann hätte dein langer Stock auf die rechte Stelle geklopft! Oder würde statt dieser Zunge ein Knüppel in meinem Munde wohnen, dann wollt' ich sie regen, bis sie mir müde würde wie die eines Redners, der drei Stunden lang vor dem Volke leeres Stroh ausdrischt. Kaum ist die Sonne heraus, und schon schleppt der Schmarotzer neugieriges Gesindel zu uns! Weck uns doch nächstens um Mitternacht aus dem Schlafe und wirf uns mit Steinen an die morschen Laden! Meine letzte Begrüßung hat für drei Wochen ihre Schuldigkeit an dir getan, die von heute soll, hoff' ich, länger wirken. Ihr Herren da, hört mich! Wie die Raben den Heeren nachstiegen, um die Gefallenen zu fressen, so stelzt der da den Fremden voran, um ihnen die Taschen zu leeren. And du, der du dich Dolmetscher nennst, und als du Griechisch lerntest, dein bißchen Ägyptisch vergaßest, merke dir das: Wenn du Fremde zu führen hast, so bring sie zu dem Sphinx, oder laß sie im Tempel des Ptah den Apis um die Zukunft befragen, oder führe sie in das Wildgehege des Königs in Alexandria oder in die Schenken nach Kanopus, aber nicht her zu uns, denn wir sind keine Fasanen und keine Flötenspielerinnen oder Wundertiere, die sich's gefallen lassen müssen, daß man sie angafft. Ihr Herren solltet euch einen besseren Führer wählen als dies Klapperblech, das euch sein erbärmliches Geleier vorklingelt, wenn ihr es schüttelt. Was euch selbst betrifft, so sag' ich nur eines: Neugierige Augen sind zudringliche Gäste, vor denen ein kluger Wirt sich schützt, indem er die Tür schließt.«

Wieder erschrak Irene und schmiegte sich fester an den sie verbergenden Pfeiler; denn krachend flog die Lade, die der Klausner mit einem an ihrem äußersten Ende befestigten Stricke an sich gerissen hatte, zu und entzog ihn den Blicken der Fremden; aber nur für einen Augenblick; denn die morschen Angeln, in denen sie hing, ertrugen nicht den heftigen Anschlag und langsam neigte sie sich zum Falle.

Der lebhafte Polterer streckte die Arme aus, um sie zu halten und zu heben, aber sie war schwer, und sein Vorhaben würde ihm kaum gelungen sein, wenn nicht der römisch gekleidete Jüngling ihm Hilfe geleistet und die fallende Lade leicht und ohne Anstrengung, als bestehe sie nicht aus starken Bohlen, sondern aus dünnem Weidengeflechte, mit Hand und Schulter in die Höhe gehoben hätte.

»Noch etwas höher,« rief der Klausner dem Helfer zu. »Stellen wir das Ding auf die scharfe Kante! So! Schiebe noch etwas! Da hätt' ich das erbärmliche Ungetüm, und da mag es liegen. Wenn mich heute nacht die Fledermäuse besuchen, so werde ich an euch denken und sie von euch grüßen!«

»Du tätest besser, dir diese Mühe zu sparen,« entgegnete der junge Mann kühl und vornehm. »Ich werde dir einen Zimmermann schicken, der die Lade neu befestigen soll; auch wollen wir dich um Entschuldigung bitten; denn wir haben den Schaden veranlaßt, der dich betroffen.«

Der Graukopf ließ den andern aussprechen und sagte dann, nachdem er ihn vom Scheitel bis zur Sohle mit den Augen gemessen:

»Du bist stark und billig denkend und könntest mir gefallen, wenn du in anderer Gesellschaft wärest. Deinen Zimmermann brauch' ich nicht, laß mir nur einen Hammer senden, ein Beil und kräftige Nägel; wollt ihr mir sonst noch dienen, so packt euch!«

»Wir gehen schon,« sagte nun der Buntgekleidete mit weibisch hoher Stimme. »Was bliebe dem Manne, den Buben aus sicherem Versteck mit Kot bewerfen, auch übrig, als sich zu entfernen!«

»Fort nur, fort,« lachte der so Gescholtene, »und wenn du willst, gleich bis nach Samothrace, großer Euläus; den Weg dahin hast du kaum vergessen, seitdem du dem König geraten, mit seinen Schätzen dorthin zu fliehen. Wenn du dich aber dennoch nicht trauen solltest, ihn allein zu finden, so empfehl' ich dir den Dolmetscher und Fremdenführer dort, damit er ihn dir weise.«

Des Königs Ptolemäus, den man Philometor oder den seine Mutter Liebenden nannte, hochgestellter Ratgeber, der Eunuch Euläus, erbleichte bei diesen Worten, warf dem Alten einen wütenden Blick zu und winkte dem jungen Römer; der aber war nicht willens, ihm zu folgen, denn der grimmige Sonderling gefiel ihm, vielleicht schon, weil er fühlte, daß er selbst dem Alten, der sonst mit seinem Mißfallen nicht kargte, angenehm sei. Übrigens fand er auch an seinem Urteil über die ihn begleitenden Männer nichts auszusetzen, und darum wandte er sich dem Eunuchen zu und sagte höflich:

»Nimm meinen Dank für deine Begleitung und laß dich nicht länger um meinetwillen von deinen wichtigen Geschäften abhalten.«

Euläus verneigte sich und entgegnete:

»Ich weiß, was meines Amtes ist. Der König betraute mich mit deiner Führung; gestatte also, daß ich dich dort unter jenen Akazien erwarte.«

Als nun der Eunuch mit dem Fremdenführer dem grünen Hain zuschritt, hoffte Irene endlich Gelegenheit zu finden, ihre Bitte vorzubringen, doch der Römer war vor der Zelle des Alten stehen geblieben und hatte mit ihm ein Gespräch begonnen, das sie sich nicht zu unterbrechen getraute. Leise seufzend stellte sie das Brett mit dem Brot und den Datteln, die ihr anvertraut worden waren, auf einen Prellstein an ihrer Seite nieder, lehnte sich mit gekreuzten Armen und Füßen an die Wand und spitzte wiederum lauschend das Ohr.

»Ich bin kein Grieche,« sagte der Jüngling, »und du irrst, wenn du meinst, ich sei aus Neugier nach Ägypten und zu dir gekommen.«

»Aber wer nur, um zu beten, in den Tempel geht,« unterbrach ihn der andere, »der wählt sich, so sollt' ich meinen, keinen Euläus, kein Paar wie jene zwei, die dir dort unter den Akazien auch keinen Segen aufs Haupt wünschen werden, zu Begleitern; ich wenigstens möchte, wenn ich zufällig ein Dieb wäre, nicht zum Stehlen mit ihnen ausgehen. Was führt dich denn zum Serapis?«

»Jetzt wär' es an mir, dich der Neugier zu zeihen.«

»Nur zu!« rief der Graukopf. »Als ehrlicher Kaufmann nehm' ich die Münze an, mit der ich selber gern zahle. Du kommst, damit man dir einen Traum deute, oder um drüben im Tempel zu schlafen und ein Gesicht zu empfangen?«

»Seh' ich so schläfrig aus,« fragte der Römer, »als wollt' ich mich jetzt, eine Stunde nach Sonnenaufgang, wiederum niederlegen?«

»Es könnte ja auch sein,« rief der Klausner, »daß du noch nicht ganz mit dem gestrigen Tage zu Ende gekommen und es dir am Schluß eines Gastmahls eingefallen ist, uns zu besuchen und beim Serapis den Kopfschmerz zu verschlafen.«

»Dir scheint doch manches vom Leben außerhalb dieser Mauern zu Ohren zu kommen,« versetzte der Römer, »und begegnete ich dir auf der Straße, so würd' ich dich wohl für einen Schiffsführer oder einen Baumeister halten, der über viele widerwillige Arbeiter gebietet. Nach dem, was man in Athen und hier von dir und deinesgleichen erzählte, hab' ich dich anders zu finden erwartet.«

»Und wie denn?« lachte Serapion. »Das frage ich auf die Gefahr hin, noch einmal für neugierig gehalten zu werden.«

»Wohl möcht' ich dir's antworten,« gab der andere zurück, »aber wenn ich dir die volle Wahrheit sage, so begebe ich mich in die größere Gefahr, von dir so wenig glimpflich heimgesandt zu werden wie mein armer Führer da drüben.«

»Sprich nur,« entgegnete der Graukopf, »für verschiedene Leiber hab' ich verschiedene Kleider und nicht das schlechteste für den, der mich mit dem seltenen Gericht der Wahrheit bewirtet. Aber bevor du mir die bittere Speise zu kosten gibst, sage mir, wie du dich nennst.«

»Soll ich den Fremdenführer rufen?« fragte der Römer mit schalkhaftem Lächeln. »Der kann mich dir beschreiben und dir die ganze Geschichte meines Hauses erzählen. Aber nichts für ungut, ich heiße Publius.«

»So nennt sich von dreien deiner Landsleute wenigstens einer.«

»Ich bin vom Geschlecht der Kornelier, und zwar der Scipionen,« entgegnete der Jüngling mit gedämpfter Stimme, als wollt' er vermeiden, sich seines vornehmen Namens laut zu rühmen.

»Also ein hoher, sehr großer Herr,« sagte der Klausner und verneigte sich aus der Zelle heraus. »Das wußt' ich auch ohnehin; denn so sicher geht in deinen Jahren, mit so zarten Knöcheln an den mächtigen Beinen, nur ein Edler einher. Also Publius Kornelius ...«

»Laß das und nenne mich Scipio, oder lieber noch bei meinem Vornamen Publius,« bat der Jüngling. »Du selbst heißt Serapion, und ich will dir nun sagen, was du von mir zu wissen wünschest. Ich dachte, als man mir erzählte, es gäbe in diesem Tempel Leute, die sich in kleine Kammern einsperren ließen, um sie nie zu verlassen, auf ihre Träume zu achten und ein nachdenkliches Leben zu führen, daß sie Schwächlinge sein müßten oder Narren, oder beides zugleich.«

»Recht, recht so,« unterbrach Serapion den Kornelier, »aber an ein viertes dachtest du doch nicht. Wie nun, wenn es unter diesen Männern auch solche gäbe, die man gegen ihren Willen eingesperrt hält, und wenn gerade ich zu diesen Gefangenen gehörte? Ich habe dich manches gefragt, und du bist mir die Antwort nicht schuldig geblieben, so magst du auch wissen, wie ich in diesen elenden Käfig komme und warum ich darin verbleibe. Ich bin guter Leute Kind; denn mein Vater war Vorsteher der Kornspeicher dieses Tempels und von mazedonischer Herkunft, meine Mutter aber ein ägyptisches Weib. Die hat mich in einer üblen Stunde geboren, am siebenundzwanzigsten des Paophimondes, an dem Tage, von dem es in den heiligen Büchern heißt, er sei ein sehr böser Tag, und das Kind, das an ihm geboren werde, solle man eingesperrt halten; denn durch Schlangenbiß werde es sterben. Wegen eben dieser bösen Verheißung sind viele meiner Geburtstagsgenossen schon früher gleich mir in solch einen Käfig eingesperrt worden. Der Vater hätte mir gern die Freiheit bewahrt, aber mein Oheim, ein Horoskop im Tempel des Ptah, der bei meiner Mutter alles galt und seine Freunde mit ihm, fanden noch viel schlimme Zeichen an mir; sie lasen Unheil für meinen Lebensweg aus den Sternen, versicherten, daß die Hathoren mir lauter Schlimmes bestimmt hätten, und setzten ihr so lange zu, bis man mich – wir wohnten unten in Memphis – zur Einschließung bestimmte. Der leiblichen Mutter verdanke ich dies Elend, und aus lauter Liebe hat sie es über mich gebracht. Du siehst mich fragend an: ja, Knabe, auch dich wird das Leben lehren, daß schlimmer Haß dem, auf den er sich richtet, oft besser bekommt als blinde Zärtlichkeit, die das Maß überschreitet. Lesen und Schreiben, und was man Priestersöhnen sonst beibringt, hab' ich gelernt, aber niemals und nie, mich geduldig in mein Los zu schicken. – Als mir der Bart wuchs, gelang es mir, mich zu befreien, und ich habe mich weit in der Welt umhergetrieben. Auch in Rom bin ich gewesen, in Karthago und Syrien. Zuletzt lüstete es mich wieder, aus dem Nil zu trinken, und ich ging nach Ägypten zurück. Warum? Weil es mir Narren manchmal vorkam, als habe Wasser und Brot und Gefangenschaft in der Heimat mir besser geschmeckt als Kuchen und Wein und Freiheit in der Fremde.

Im Vaterhause fand ich nur noch die Mutter wieder; denn der Vater war in Kummer gestorben. Vor meiner Flucht ist sie eine gar stattliche Frau gewesen, doch als ich heimkehrte, fand ich sie völlig verwelkt und dem Tode verfallen. Die Angst um mich Elenden habe sie aufgezehrt, sagte der Arzt, und das war mir am schwersten zu tragen ... Als mich dann zuletzt noch die gute kleine Frau, die mich wilden Gesellen so sanft zu streicheln verstand, auf dem Sterbebette anflehte, wieder in die Klause zurückzugehen, da gab ich nach und schwur ihr, geduldig in dem Käfig zu bleiben bis ans Ende, denn ich bin so wie das Wasser im Norden; entweder kann mich ein Kind mit den Händchen zerteilen, oder ich bin kalt und hart wie Kristall. Die Alte starb bald, nachdem ich den Eid geleistet, und daß ich Wort hielt, das siehst du; – auch hast du erfahren, in welcher Weise ich mein Schicksal ertrage.«

»Geduldig genug,« unterbrach ihn Publius. »Ich würde noch weit ungebärdiger als du an meinen Ketten rütteln und denke mir, daß es dir wohltun muß, dich auszutoben wie vorhin.«

»Wie süßer Wein von Chios,« entgegnete der Klausner, schnalzte, als prüfe er den edlen Rebensaft, mit der Zunge, und streckte den buschigen Kopf weit aus dem Fenster hinaus. Dabei sah er Irene und rief ihr sogleich munter zu:

»Was machst du da, Kind? Du stehst dort, als wartest du auf das Glück, um ihm einen frohen Morgen zu bieten.«

Das Mädchen ergriff schnell das Brettchen, glättete das Haar mit der freibleibenden Hand, und während es sich leicht errötend den Männern näherte, ließ Publius überrascht und bewundernd die Augen auf ihr ruhen.

Außer ihm hatte noch ein anderer, der jetzt, von dem Akazienhaine herkommend, auf den Römer zuschritt, die Worte Serapions vernommen und rief, bevor er die beiden erreicht hatte:

»Diese da soll auf das Glück warten, sagt der Mann dort? Und du hörst das mit an, Publius, und entgegnest nicht, daß sie selbst das Glück hinbringt, wo sie sich zeigt?«

Der also Redende war ein mit besonderer Sorgfalt gekleideter junger Grieche, der jetzt die Granatenblüte, die er in der Hand hielt, hinter das Ohr steckte, um seinem Freunde Publius die Rechte zu schütteln und dann das hübsche, übermütige und fast mädchenhaft fein geschnittene Gesicht dem Klausner zuzuwenden; denn er wünschte auch dessen Aufmerksamkeit durch eine Anrede auf sich zu lenken.

»Mit Platos Gruß, schön und recht handeln, nah' ich mich dir!« rief er und fuhr dann ruhiger fort: »Zwar bedarfst du kaum dieser Mahnung; denn du gehörst ja zu denen, die es verstehen, die echte, das heißt die innere Freiheit zu erringen; denn wer wäre freier als der Bedürfnislose? Weil aber niemand edler ist als der Freieste der Freien, so nimm den Zoll meiner Verehrung und laß dir den Gruß des Lysias von Korinth gefallen, der wie Alexander gern mit dir, dem Diogenes Ägyptens, tauschen würde, wenn es ihm vergönnt wäre, aus der Öffnung deiner sonst nicht eben begehrenswerten Wohnung stets die liebliche Gestalt dieser Jungfrau...«

»Genug, junges Herrchen!« unterbrach Serapion den schnellen Redefluß des Griechen. »Diese Jungfrau gehört in unsern Tempel, und wen es gelüstet, mit ihr zu reden, als sei sie eine Flötenspielerin, der bekommt es mit mir, ihrem Beschützer, zu tun. Ja, mit mir, und dein Freund dort wird mir gern das Zeugnis ausstellen, daß es nicht vorteilhaft ist, mit meinesgleichen anzubinden. – Tretet zurück, ihr jungen Herren, und laßt das Mädchen mir sagen, was es begehrt.«

Als Irene jetzt dem Klausner gegenüberstand und ihm schnell und leise erzählt hatte, was sie getan, und daß ihre Schwester Klea nun auf sie warte, lachte Serapion erst laut auf und sagte dann mit gedämpfter Stimme, aber munter wie ein Vater, der sein Töchterchen neckt:

»Für zwei hat sie gegessen und steht hier auf den Zehen und reckt sich zu meinem Fenster herauf, als säße in ihrem Röckchen kein übersattes Menschenkind, sondern ein luftiger Geist. Wir können lachen, aber Klea, das arme Ding, hat wohl Hunger?«

Irene entgegnete kein Wort, doch indem sie sich noch höher als vorher auf die Zehen stellte, wandte sie Serapion das ganze Gesicht zu, nickte mehrmals lebhaft bejahend mit dem hübschen Kopfe, und während sie ihm noch voll Schelmerei und innig bittend in die Augen sah, rief der Klausner:

»Ich soll dir mein Frühstück für Klea geben, wünschest du? Doch damit ist's nichts; denn das gehört zu den gewesenen und unwiederbringlichen Dingen; nur die Dattelkerne sind davon übrig. Aber da auf dem Brettchen in deiner Hand liegt ja ein leidlicher Imbiß.«

»Es ist des alten Phibis Opfer für den Serapis,« entgegnete das Mädchen.

»Hm, hm, ja allerdings,« brummte der Alte. »Wenn's für den Gott ist ... Der könnt' es freilich eher entbehren als so ein armes, ausgehungertes Menschenkind.«

Dann fuhr er ernst und gewichtig fort wie ein Lehrer, der eine unvorsichtige Rede, die ein Schüler aus seinem Munde vernommen, durch eine um so würdigere gutmachen möchte:

»Allerdings, anvertraute Sachen soll man nicht berühren, und erst der Gott – dann die Menschen. Wüßt' ich nur, wie man ... Aber bei der Seele meines Vaters, Serapis schickt uns selbst, was wir brauchen! He da, edler Scipio, oder, da ich dich so nennen darf, Publius, tritt doch zu mir heran und schau mit mir dorthin – nach den Akazien. Siehst du da meinen Liebling, den Fremdenführer, und das Brot und die gebratenen Hühnchen, die euer Sklave für ihn aus der ledernen Tasche nimmt? Nun stellt er gar einen Weinkrug auf den Teppich, den er vor den großen Füßen des Euläus ausgebreitet hat. Gleich werden sie auch euch zu der Mahlzeit rufen, aber ich kenne ein schönes, hungriges Kind, dem eine weiße Katze heute morgen das Frühstück wegstibitzte. Bringt mir für die ein halbes Brot und den Flügel eines Huhnes, und wenn ihr wollt, auch noch einen Granatapfel oder einen von den Pfirsichen, die der Eunuch eben mit den Fingern befühlt. Davon könnten's auch zwei sein; denn ich habe für beide Verwendung.«

»Serapion!« sagte Irene mit leisem Vorwurfe und schaute zu Boden; der Grieche aber rief eifrig:

»Mehr, weit mehr kann ich dir bringen. Ich eile sogleich ...«

»Bleib,« unterbrach ihn Publius entschieden, und indem er ihn an der Schulter zurückhielt. »Mir hat die Bitte des Serapion gegolten, und ich wünsche in eigener Person meinem Freunde gefällig zu sein.«

»So geh!« rief der Grieche dem sich schnell entfernenden Publius nach. »Du gönnst mir nur nicht den Dank von den schönsten Lippen in Memphis. Sieh nur, Serapion, wie er sich eilt! Nun muß sich der arme Euläus erheben. Ein Nilpferd könnte von ihm lernen, wie man das mit dem nötigen Ungeschick anstellt. Das nenne ich kurzen Prozeß machen. So ein Römer fragt nicht viel, ehe er nimmt. Da hätt' er ja, was er braucht. Wie eine Milchkuh, der man das Kalb nimmt, schaut Euläus ihm nach. Ich mag freilich selbst viel lieber Pfirsiche essen, als sie forttragen sehen. Wenn dem das Volk auf dem Forum zuschauen könnte! Publius Kornelius Scipio Nasica, des großen Afrikanus leiblicher Enkel, der in jeder Hand wie ein Sklave, der beim Schmause bedient, eine Schüssel trägt! Nun, Publius, was bringt Rom diesmal als Sieger nach Hause?«

»Süße Pfirsiche und einen gebratenen Fasan,« lachte der Kornelier und reichte dem Klausner zwei Schüsseln ins Fenster. »Es bleibt noch genug für den Alten zurück.«

»Dank, schönen Dank!« rief Serapion, winkte Irene zu sich heran, gab ihr ein goldgelbes Weißbrot, die Hälfte des schon von Euläus in zwei Teile zerlegten Bratens sowie zwei Pfirsiche und flüsterte ihr leise zu:

»Das andere mag sich Klea, wenn die dort fort sind, selbst bei mir holen. Jetzt danke dem guten Herrn und geh!«

Einen Augenblick stand das Mädchen befangen und stumm dem Römer gegenüber. Sie war ganz übergossen mit Schamrot, biß die Unterlippe mit den kleinen, schimmernden Zähnen und hütete sich, dem ernsten Blick der schwarzen Augen des Fremden zu begegnen. Dann nahm sie sich zusammen und sagte:

»Du bist sehr gut. Ich kann keine schönen Worte machen, aber ich danke dir freundlich.«

»Und dein freundlicher Dank,« entgegnete Publius, »verschönt mir diesen köstlichen Morgen. Ich möchte wohl zum Andenken an ihn und dich eins von den Veilchen aus deinen Haaren besitzen.«

»Nimm sie alle!« rief Irene, löste das Sträußchen schnell aus den Haaren und reichte es dem Römer, doch bevor dieser die Blumen ergriffen, zog sie die Hand zurück und sagte mit gewichtiger Miene:

»Die Königin hat sie in der Hand gehalten! Meine Schwester Klea bekam sie gestern beim Aufzug.«

Des Korneliers Züge wurden ernst bei diesen Worten, und mit befehlshaberischer Kürze und Schärfe fragte er:

»Hat deine Schwester schwarzes Haar und ist größer als du, und trägt sie bei den Aufzügen einen goldenen Kranz? Sie schenkte dir diese Blumen? Ja, sagst du? Nun wohl, so bekam sie dies Sträußchen von mir, aber obgleich sie es annahm, scheint sie doch wenig Gefallen an ihm gefunden zu haben; denn was man werthält, das gibt man nicht fort, und so mag es denn fliegen!«

Dabei warf Publius die Blumen über das Haus hin und fuhr dann freundlicher fort: »Du, Kind, sollst schadlos gehalten werden für den verlorenen Haarschmuck. Gib mir deine Granatenblüte, Lysias!«

»Gewiß nicht,« entgegnete dieser. »Du wünschtest in eigener Person deinem Freunde Serapion gefällig zu sein, als du mich vorhin abhieltest, die Pfirsiche zu holen, und mich verlangt es, mit eigener Hand der schönen Irene meine Blumen zu reichen.«

»So nimm sie von ihm!« sagte Publius und wandte dem Mädchen schroff den Rücken, während Lysias die Granatenblüte auf das Brettchen in den Händen des Mädchens legte, das sich von des Fremden rauher Weise wie von einer harten Hand berührt fühlte, sich stumm und eingeschüchtert verneigte, um dann schnell zu ihrer Wohnung zurückzukehren.

Publius schaute ihr sinnend nach, bis Lysias ihm zurief:

»Wie ist mir denn? Hätte sich etwa heute morgen der heitere Eros in den Tempel des finstern Serapis verirrt?«

»Das wäre nicht gut,« unterbrach ihn der Klausner; »denn der Zerberus zu Füßen unseres Gottes würde dem windigen Jungen –« und bei diesen Worten sah er den Griechen bedeutungsvoll an, »bald die beweglichen Flügel rupfen.«

»Wenn er sich von dem dreiköpfigen Ungetüm greifen läßt,« lachte Lysias. »Aber komm jetzt, Publius; Euläus hat nun lange genug gewartet.«

»So geh du zu ihm,« entgegnete der Römer. »Ich komme bald nach; aber erst hab' ich noch ein Wort mit Serapion zu reden.«

Dieser hatte seit dem Verschwinden Irenes seine Aufmerksamkeit der Akazie zugewandt, unter der der Eunuch noch immer schmauste. Als der Römer ihn nun anrief, sagte er, seinen großen Kopf unwillig schüttelnd:

»Deine Augen sind gewiß nicht schlechter als meine. Sieh nur, wie dieser Mensch beim Kauen die Kiefern bewegt und mit den Lippen schmatzt. Beim Serapis, man kann die Sinnesart eines Menschen erkennen, wenn man ihn beim Essen betrachtet. Du weißt, daß ich ungern in diesem Käfig sitze, aber für eines bin ich ihm dankbar, dafür nämlich, daß er das von mir fernhält, was ein Euläus »genießen« nennt; denn dies Genießen, sag' ich dir, macht gemein.«

»So bist du doch mehr Philosoph, als du scheinen willst,« versetzte Publius.

»Ich will gar nichts scheinen,« entgegnete der Klausner; »denn mir ist's gleich, was andere über mich denken. Aber wenn einer, der nichts zu tun hat und selten in seiner Ruhe gestört wird und sich über mancherlei eigene Gedanken macht, ein Philosoph ist, so nenne mich so, wenn du willst. Solltest du einmal Rat gebrauchen, so magst du mich immerhin wieder besuchen; denn du gefällst mir, und vielleicht vermagst du mir einen wichtigen Dienst zu leisten.«

»Sprich nur,« unterbrach ihn der Römer. »Von Herzen gern wär' ich dir nützlich.«

»Jetzt nicht,« entgegnete Serapion leise, »aber komm, wenn du Zeit hast, ein andermal wieder, natürlich ohne deine Gefährten von heute, jedenfalls ohne Euläus, der von allen Schurken, die mir jemals begegnet sind, der schlechteste ist. Vielleicht ist es nützlich, wenn ich schon heute dir sage, daß es sich nicht um mich – denn was könnt' ich wohl brauchen – sondern um das Wohl und Wehe der Krugträgerinnen handelt, die du ja beide gesehen hast, und die des Schutzes bedürfen.«

»Um der Ältern, um Kleas, und nicht um deinetwillen,« sagte Publius freimütig, »kam ich hierher. Es liegt etwas in ihrem Gang und in ihren Augen, das andere vielleicht fernhält, mich aber anzieht. Wie kommt diese vornehme Gestalt in euren Tempel?«

»Wenn du wiederkehrst,« entgegnete der Klausner, »erzähl' ich dir die Geschichte der Schwestern, und was sie dem Euläus verdanken. Jetzt geh und laß dir sagen, daß diese Mädchen hier gut bewacht sind. Dies bemerk' ich wegen des Griechen, der übrigens ein flinker Bursche ist, nicht um deinetwillen; denn wenn du weißt, wer die Mädchen sind, so wirst du mir gern helfen, ihnen zu nützen.«

»Das tät' ich schon jetzt mit wahrer Freude,« entgegnete Publius, nahm Abschied von dem Klausner und rief Euläus zu: »Das war ein köstlicher Morgen!«

»Er wäre für mich noch schöner gewesen,« erwiderte der Eunuch, »wenn du mir deine Gesellschaft weniger lange entzogen hättest.«

»Das heißt,« erwiderte der Römer, »ich blieb länger aus, als dir billig erscheint.«

»Du handeltest eben nach der Gewohnheit der Deinen,« entgegnete der andere, sich tief verneigend, »die selbst Könige in ihren Vorzimmern warten lassen.«

»Tu aber trägst keine Krone,« entgegnete Publius abweisend, »und wenn einer, so versteht ja ein alter Hofmann sich zu gedulden ...«

»Sobald sein König befiehlt,« unterbrach ihn Euläus, »hält der ergraute Hofmann auch still, wenn es Jünglingen gefällt, ihm die schuldige Achtung zu schmälern.«

»Das galt uns beiden,« entgegnete Publius, indem er sich an Lysias wandte. »Jetzt antworte du ihm; denn ich habe genug gehört und gesprochen.«

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