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Die Schwestern

Georg Ebers: Die Schwestern - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Schwestern
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
seriesGeorg Ebers - Ausgewählte Werke
volumeVierter Band
year1893
firstpub1880
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081021
projectid5c81e946
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Wie im griechischen Serapeum, so waren auch in dem ägyptischen, den Apisgräbern benachbarten Tempel die befremdlichen Geräusche, welche die Stille der Nacht unterbrochen hatten, nicht unbemerkt geblieben, aber schon herrschte wieder völlige Stille in der Totenstadt, als sich endlich im Heiligtum des Osiris-Apis das große Tor öffnete und unter dem Vortritt von Tempeldienern, die man mit Opfermessern und Beilen bewaffnet hatte, eine kleine, prozessionsartig geordnete Schar von Priestern ins Freie trat.

Publius und Klea, die zu Häupten ihres verstorbenen Freundes treue Leichenwache hielten, sahen sie kommen, und der Römer sagte:

»Dich in dieser Nacht ohne meine Begleitung in einen der Tempel zu senden, wäre doch noch weniger richtig gewesen, als unseren armen Freund unbewacht hier liegen zu lassen.«

»Ich wiederhole es dir,« fiel Klea eifrig ein, »die Möglichkeit, Serapions letzten Wunsch in seinem Sinn zu erfüllen, wäre verscherzt, wenn eine Hyäne oder ein Schakal seinen Leichnam in unserer Abwesenheit beschädigte, und ich bin froh, daß ich wenigstens dem toten Freunde beweisen kann, wie dankbar ich ihm für all das Gute bin, daß er uns, so lang er lebte, erwiesen. Selbst dem Abgeschiedenen dürfen wir erkenntlich sein; denn wie still und schön war diese Stunde bei seiner Leiche! Sturm und Kampf hat uns zusammengeführt...«

»Und hier,« unterbrach sie Publius, »haben wir einen guten und dauerhaften Frieden geschlossen fürs Leben.«

»Ich nehme ihn gern an,« entgegnete Klea und schlug die Augen nieder, »denn ich bin die Besiegte.«

»Du bekanntest mir ja vorhin,« gab Publius zurück, »daß du nie unglücklicher gewesen, als da du meintest, deine Kraft gegen mich bewährt zu haben, und ich sage dir, daß du mir nie so groß und doch so liebenswert erschienst, als da du mitten in deinem Triumph die Schlacht verloren gabst. Solche Stunde wie diese erlebt man nur einmal im Leben. Ich habe ein gutes Gedächtnis, doch sollt' ich sie jemals vergessen und rauh und jähzornig sein, wie das einmal meine Art ist, so erinnere mich an diese Stätte oder an den Verstorbenen dort, und der harte Sinn wird mir schmelzen, und ich werde mich erinnern, daß du einmal bereit gewesen, dein Leben für mich zu opfern. Ich mache es dir leicht; denn um den Mann, der sein Leben für dich preisgab, und der an meiner Stelle gemordet ward, zu ehren, füg' ich – und das nehm' ich auch in Rom nicht zurück, seinen Namen Serapion zu meinen übrigen. Wie ein Vater handelte er gegen uns, und so steht es mir an, sein Gedächtnis so hoch zu halten, als wär' ich sein Sohn gewesen. – Schulden zu haben war mir stets unerträglich, aber wie ich dir das, was du mir heute getan, heimzahlen soll, das begreif' ich schon jetzt nicht, und doch werd' ich gern bereit sein, an jedem Tag und zu jeder Stunde eine neue Gabe der Liebe von dir zu empfangen. Ein Schuldner, sagt man, sei ein halber Gefangener, und darum bitte ich dich, über den Besieger gnädig zu walten.«

Er ergriff ihre Hand, strich ihr das Haar von der Stirn und berührte sie leise mit den Lippen. Dann fuhr er fort:

»Komm jetzt mit mir, damit wir den Toten den Priestern dort übergeben.«

Klea beugte sich noch einmal über die Leiche des Klausners, hängte ihm das Amulett, das er ihr mit auf den Weg gegeben, um den Hals und folgte dann schweigend dem Freunde.

Nachdem sie die Prozession erreicht hatten, teilte Publius ihrem Führer mit, wie sie Serapion gefunden, und bat ihn, die Leiche abholen und aufs kostbarste in dem zu ihrem Tempel gehörenden Balsamierungshause zur Bestattung herrichten zu lassen.

Einige Tempeldiener setzten sich wachehaltend neben die Leiche, und der Zug ging nach mancher Frage an Publius, und nachdem auch der erschlagene Mörder bemerkt worden war, in den Tempel zurück.

Sobald die beiden Liebenden wieder allein waren, faßte Klea leidenschaftlich die Hand des Korneliers und sagte: »Freundliche Worte hast du zu mir gesprochen, und ich danke dir dafür, aber wahr zu sein bin ich gewöhnt, und weniger noch als jeden andern möcht' ich dich täuschen. Was deine Liebe mir auch immer gewährt, das wird ein Geschenk für mich sein; denn du schuldest mir gar nichts, ich aber dir um so mehr, denn du hast, wie ich nun weiß, dem Mächtigsten in diesem Lande meine Schwester entrissen, ich dagegen, als ich erfuhr, daß Irene dir gefolgt sei, und daß dich Mörder bedrohten, ich ergab mich völlig dem Glauben, du habest das Mädchen verlockt, dir als deine Geliebte zu folgen, und da – da – haßte ich dich, und da, ja, ich muß es gestehen – da wünschte ich dir in schrecklicher Verblendung den Tod.«

»Und dieser Wunsch soll mich kränken?« fragte Publius. »Nein, Mädchen, er lehrt mich erst recht, daß du mich liebst, wie ich geliebt sein möchte. Solcher Ingrimm in solcher Lage ist der dunkle Schatten der Liebe, und ein solcher gehört zu ihr so notwendig wie zu einem jeden wirklichen Dinge. Wo er fehlt, da ist eben nicht von rechter Liebe die Rede, da kann es sich nur um ein luftiges Trugbild, ein Garnichts, einen Schemen handeln! Eine Klea liebt nicht halb und haßt nicht halb, aber Rätselhaftes geht doch in ihr vor wie in jedem andern Weibe. Wie wandelte sich in dir nur der Wunsch, mich sterben zu sehen, in den entsetzlichen Entschluß, dich für mich töten zu lassen?«

»Ich sah die Mörder,« entgegnete Klea, »und Abscheu vor ihnen und ihrem Vorhaben und alles, was diesem verwandt ist, erfaßte mich; ich wollte Irenens Glück nicht vernichten, und ich liebte dich doch weit heißer, als ich dich haßte; und dann – aber lassen wir das!«

»Nein, sage nur alles!«

»Dann trat ein Augenblick ein ...«

»Nun, Klea?«

»Dann – ich habe ja diese letzten Stunden, als wir vorhin Hand in Hand stumm neben der Leiche des armen Serapion saßen, zum zweitenmal durchlebt, dann griff mir der mitternächtliche Gesang der Priester ins Herz, und als ich bei den frommen Klängen betend die Seele erhob, da war es mir, als sei alles hier drinnen erstarrt und verhärtet gewesen und gewinne nun neue Bewegung und Weichheit und Wärme. An alles Gute und Rechte mußt' ich wieder denken, und schneller und leichter faßt' ich den Entschluß, mich für dich und Irenens Glück zu opfern, als ich ihn später aufgeben mochte. Mein Vater gehörte zu den Jüngern des Zeno ...«

»Und du,« unterbrach sie Publius, »gedachtest gemäß der Lehre der Stoa zu handeln. Ich kenne sie auch; aber den Tugendhaften und Weisen kenne ich nicht, der imstande wäre, mitten im Kampfe des Daseins so zu leben und zu handeln, wie sie es befiehlt, indem er das gesamte Sittengesetz in allen seinen Teilen, und ohne gegen einen zu fehlen, in Fleisch und Blut überträgt und an sich selbst verkörpert. Hast du von der Ruhe der Seele, der Gelassenheit und dem Gleichmut des stoischen Wesens jemals gehört? Du schaust drein, als verletzte dich diese Frage, aber zu erwerben wußtest du diese Eigenschaften mitnichten; denn ich habe dich gegen jede von ihnen fehlen sehen; sie wiedersprechen auch dem Wesen des Weibes, und, den Göttern sei Dank, du bist kein Stoiker im Frauengewand, sondern ein Weib, ein echtes Weib, wie es sein soll. Von Zeno und Chrysipp hast du nichts gelernt, als was jede Bauernmagd von ihrem braven Vater lernen kann, ich meine, wahr zu sein und die Tugend zu lieben. Laß du es dabei bewenden, ich bin damit mehr als zufrieden.«

»O Publius,« rief Klea und faßte die Hand des Freundes, »ich verstehe dich und weiß, daß du recht hast. Unglücklich ist das Weib, solange es sich starken Geistes zu sein dünkt und meint, es brauche keine andere Stütze als das eigene Wollen und Denken, keinen andern Berater als eine klug ersonnene Lehre, der es sich anschließt. Bevor ich dich besaß und tugendstolz meinen eigenen Weg ging, war ich – ich mag nicht mehr daran denken – etwas Halbes, das sich für ganz hielt; aber jetzt, wenn jetzt auch das Schicksal dich mir entrisse, so wüßte ich doch die Stütze zu finden, auf die ich mich lehnen könnte in Not und Verzweiflung. Nicht in der Stoa, nicht in sich selbst kann ein Weib sie finden, wohl aber im frommen Vertrauen auf die Hilfe der Götter.«

»Ich bin ein Mann,« unterbrach sie Publius, »und dennoch opfere ich ihnen und beuge mich willig vor ihrem Ratschluß.«

»Ich aber,« rief Klea, »sah gestern im Tempel des Serapis Unwürdiges von seinen Dienern begehen, und das tat mir weh und widerstand mir, und so verlor ich die Gottheit; aber das höchste Elend und die tiefste Liebe ließen sie mich wiederfinden. Ich kann mir auch die welterhaltende Kraft nicht mehr ohne Liebe und die die Menschen beglückende Liebe nicht ohne Gottheit denken. Wer jemals so für ein teures Wesen gebetet, wie ich in der Wüste für dich, der verlernt das Beten wohl niemals. Solches Flehen ist gewiß nicht vergebens! Selbst wenn keine Gottheit es hört, liegt doch eine wunderbare, stärkende Kraft in ihm selbst. Nun geh' ich ruhig in unsern Tempel zurück, bis du mich abholst; denn ich weiß, daß ganz verschwiegene, weise und gütige Vertraute über unserer Liebe wachen.«

»Du willst mich nicht zu Apollodor und Irene begleiten?« fragte Publius überrascht.

»Nein,« entgegnete Klea bescheiden. »Führe mich lieber zum Serapeum zurück. Von der Pflicht, die ich dort auf mich nahm, hat mich noch niemand entbunden, und es wird würdiger für uns beide sein, wenn Asklepiodor dir des Philotas Tochter zum Weibe gibt, als wenn du dich mit einer geraubten Dienerin des Serapis verbindest.«

Einen Augenblick schaute Publius vor sich hin, dann sagte er lebhaft:

»Ich möchte doch, daß du mit mir kämest. Du mußt schwer ermüdet sein, aber ich führe dich auf meinem Maultiere zu dem Bildhauer Apollodor. Nach dem Gerede der Menschen frag' ich nur wenig, wenn ich mir selbst bewußt bin, das Rechte zu tun, und vor Euergetes werde ich dich zu schützen wissen, magst du nun wieder Einlaß in deinen Tempel begehren oder mir zu dem Künstler folgen. Komm nur, es wird mir zu schwer, mich wieder von dir zu trennen. Der Sieger legt den Kranz nicht beiseite, nachdem er ihn eben im schweren Kampf gewonnen.«

»Ich bitte dich dennoch, führe mich in das Serapeum zurück,« bat Klea, indem sie die Rechte auf die Hand des Korneliers legte.

»Scheint dir der Weg nach Memphis zu lang, fühlst du dich völlig ermattet?«

»Ich bin sehr ermüdet von Erregung und Angst, vor Kummer und Wonne, und doch könnt' ich den Ritt wohl ertragen; aber ich bitte dich, führe mich in den Tempel zurück.«

»Obgleich du dich kräftig genug fühlst, bei mir zu bleiben, und trotz meines Verlangens, dich sogleich zu Apollodor und Irene zu führen?« fragte Publius erstaunt und entzog seine Hand der ihren. »Drüben wartet das Maultier. Stütze dich auf meinen Arm. Komm und tue, was ich wünsche!«

»Nein, Publius, nein. Du bist mein Herr, und widerstandslos will ich dir immer gehorchen. Nur in einem laß mir den Willen heut und in Zukunft! Was dem Weibe ziemt, weiß ich besser als du, das weiß nur das Weib zu entscheiden.«

Publius entgegnete nichts auf diese Worte, aber er küßte sie, schlang den Arm um sie, und aneinandergeschmiegt erreichten beide die Pforte des Serapeums, um sich dort auf wenige Stunden zu trennen.

Klea fand Einlaß in den Tempel und streckte sich sogleich, nachdem sie gehört, daß der kleine Philo sich besser befinde, auf ihrem ärmlichen Lager aus.

Wie einsam erschien ihr ihre Kammer, wie unaushaltbar verödet ohne Irene!

Einer raschen Eingebung folgend, erhob sie sich von dem eigenen Bette, legte sich, als bringe sie das der Entfernten näher, auf das der Schwester und schloß die Augen. Aber sie war zu erregt und ermüdet, um fest zu schlafen.

Schnell wechselnde Traumbilder durchbrachen fortwährend ihr aufrichtiges Dankgebet und den unruhigen Halbschlaf und stellten ihr bald wundervoll glänzende, bald schreckliche, bald beglückend liebliche, bald jammervoll traurige Gemälde vor die Seele.

Dabei war es ihr zumute, als höre sie ferne Musik und als wiegten unsichtbare Hände sie auf und nieder.

Des Römers Bild beherrschte übermächtig alle anderen.

Endlich schloß erquickender Schlaf ihre Augen fester, und ein Traum zeigte ihr das Haus des Geliebten in Rom, seinen hohen Vater, seine würdige Mutter, die ihr ihrer eigenen zu gleichen schien, und viele strenge und große Senatorengestalten.

Tief befangen fühlte sie sich unter all diesen Fremden, die sie fragend anschauten und dann ihr gütig die Hände reichten.

Auch die edle Matrone näherte sich ihr freundlich und zog sie an die Brust; als Publius aber ihr die Arme entgegenbreitete und sie ihm ans Herz flog und seine Lippen auf den ihren zu fühlen meinte, da schlug die weckende Dienerin heute wie alle Tage an die Tür, und sie erwachte.

Diesmal freute sie sich ihres Traumes, und gern hätte sie weitergeschlafen; aber sie tat sich Gewalt an und erhob sich vom Lager, und bevor die Sonne völlig aufgegangen war, stand sie am Brunnen der Sonne und füllte, um ihre Pflicht nicht zu versäumen, beide Krüge mit Wasser für den Altar des Gottes.

Müde und halb vom Schlaf befangen stellte sie die goldenen Gefäße an ihren Platz und ruhte am Fuß eines Pfeilers aus, während ein Priester das von ihr herbeigebrachte Wasser als Trankopfer zu Boden goß.

Es war völlig hell, als sie nun wieder durch die vielsäulige Tempelhalle in den Vorhof schaute.

Das junge Licht umspielte jetzt die Säulen, und seine schrägen Strahlen fielen hell leuchtend durch das hohe Tor tief in den Saal hinein, der sonst von dämmerigem Dunkel erfüllt war.

Sehr feierlich, sehr erhaben und wie neu eingeweiht erschien ihr jetzt wieder diese heilige Stätte, und einem unwiderstehlichen Triebe folgend lehnte sie sich an eine Säule und sprach mit hocherhobenen Armen und Augen dem Gott ihren Dank aus für seine Güte und wußte nur um das eine zu bitten, daß er Publius und Irene und sie selbst und alle Menschen vor Leid und Kummer und Täuschung bewahre.

Ihr war zumute, als sei ihr Herz ein dunkler Körper gewesen und habe nun helle Leuchtkraft gewonnen, als sei es verdorrt gewesen und treibe nun frisches Grün und bunte, glänzende Blumen.

Tugendhaft zu handeln ist auch denen vergönnt, die, auf sich selbst gestellt, mit sittlichem Ernst recht und wahr zu leben bemüht sind, aber Tugend und reines inneres Glück feiern nur in denjenigen Herzen ihre Vermählung, die Gott, mag er Serapis oder Jehovah heißen, zu suchen und zu finden verstehen.

An der Pforte des Vorhofes trat Asklepiodor Klea in den Weg und befahl ihr, ihm zu folgen.

Der Oberpriester hatte erfahren, daß sie den Tempel heimlich verlassen. Als sie in seinem stillen Gemach mit ihm allein war, fragte er sie ernst und streng, warum sie das Gesetz übertreten und ohne seine Zustimmung aus dem Heiligtume sich entfernt habe.

Klea erzählte ihm nun, wie sie die Angst um die Schwester nach Memphis getrieben, und daß sie dort erfahren habe, der Römer Publius Kornelius Scipio, der sich der Sache ihres Vaters angenommen, habe Irene vor König Euergetes gerettet und in Sicherheit gebracht. Mitten in der Nacht habe sie sich allein auf den Heimweg begeben.

Der Oberpriester schien sich über diese Nachricht zu freuen, und als sie ihm weiter mitteilte, daß Serapion aus Besorgnis um sie seine Zelle verlassen und in der Wüste den Tod gefunden, sagte der Oberpriester:

»Das alles war mir vorher bewußt, Kind. Dem Klausner mögen die Götter vergeben und Serapis ihm im Jenseits trotz des gebrochenen Eides Gnade gewähren. Sein Schicksal hat sich an ihm erfüllt. Dir, Mädchen, schienen bessere Sterne als ihm bei der Geburt, und in meiner Hand liegt es, dich straflos zu lassen. Das tu' ich gern, und, Klea, wenn meine Andromeda heranwächst, so wünsch' ich, daß sie dir ähnlich werde. Dies ist das höchste Lob, das ein Vater der Tochter eines anderen Mannes zu erteilen vermag. Als Leiter dieses Tempels befehle ich dir, deine Krüge heut wie immer zu füllen, bis einer, der deiner wert ist, vor mich hintritt und dich zum Weibe begehrt. Ich denke, er läßt nicht lange auf sich warten.«

»Wie weißt du, mein Vater ...« fragte Klea errötend.

»Ich les' es aus deinen Augen,« entgegnete Asklepiodor und schaute ihr freundlich nach, als sie auf seinen Wink das Gemach verließ.

Sobald er allein war, ließ er den Schreiber rufen und sagte:

»König Philometor befahl, daß der Geburtstag seines Bruders Euergetes heute in Memphis gefeiert werde. Laß alle Fahnen aufhissen und die Blumenkränze, die bald aus Arsinoë ankommen werden, an die Pylonen befestigen, die Opfertiere herausführen und für den Nachmittag einen Aufzug ansagen. Alle Bewohner des Tempels sollen auch sorglich geschmückt sein. – Aber nun etwas anderes. Komanus war hier und hat uns in des Königs Euergetes Namen Großes verheißen und erklärt, er werde seinen Bruder Philometor bestrafen, weil er uns die Genossin unseres Tempels, Irene, geraubt. Zugleich bittet er mich, die Krugträgerin Klea, die Schwester der Entführten, zu einem Verhör nach Memphis zu senden; aber das wird unterbleiben. Auch heute schließen wir die Tore des Tempels, feiern das Fest unter uns und lassen niemand zum Opfer und zum Gebet in unsere Mauern, bis das Schicksal der Schwestern gesichert ist. Wenn die Könige selbst erscheinen und ihre Soldaten mit einführen wollen, so empfangen wir sie ehrerbietig, wie es sich ziemt, aber wir liefern ihnen Klea nicht aus, sondern führen sie in das Allerheiligste, das auch Euergetes nicht ohne mich zu betreten wagt; denn zugleich mit dieser Jungfrau gäben wir unsere Würde preis und mit ihr uns selbst.«

Der Schreiber verneigte sich und meldete darauf zwei Propheten der Osiris-Apis, die mit Asklepiodor zu reden wünschten.

Klea war diesen Männern, als sie den Oberpriester verließ, in seinem Vorzimmer begegnet und hatte in der Hand des einen den Schlüssel gesehen, mit dem sie das Tor der Apisgräber geöffnet.

Sie erschrak, und ihr Pflichtgefühl gebot ihr, sogleich dem priesterlichen Schmied mitzuteilen, wie schlecht sie seinen Auftrag erfüllt habe.

Der alte Krates saß, als sie bei ihm eintrat, mit umwickelten Füßen bei seiner Arbeit und freute sich ihres Erscheinens, denn Besorgnis um sie und Irene hatte ihm den Schlaf der Nacht gestört, und gegen Morgen waren seine Befürchtungen durch ein schreckliches Traumbild zur Angst gesteigert worden.

Ermutigt durch die liebreiche Begrüßung des sonst so mürrischen Greises gestand ihm Klea, daß sie dem Schmied in der Hauptstadt den Schlüssel abzugeben versäumt, das Tor der Apisgräber mit ihm geöffnet und ihn aus dem neuen Schloß zu ziehen unterlassen habe.

Bei diesem Berichte brauste der Alte heftig auf, warf das eiserne Stänglein, das er bearbeitete, samt der Feile auf den Werktisch und rief:

»So also hast du dich deines Auftrags entledigt! Zum erstenmal vertraut' ich einem Weibe, und nun hab' ich den Lohn! Übel wird dir und mir dies alles bekommen, und wenn sie erfahren, daß durch meine Schuld und die deine das Heiligtum der Apisgräber entweiht ward, so belegen sie mich mit Recht mit allerlei Bußen, dich aber strafen sie mit Einsperrung und Hunger.«

»Und doch, mein Vater,« entgegnete Klea ruhig, »fühl' ich mich schuldlos, und vielleicht hättest du in meiner gräßlichen Lage ebenso gehandelt.«

»Du meinst, du wagst das zu glauben?« polterte der Alte. »Und wenn sie nun den Schlüssel und vielleicht gar das Schloß gestohlen haben und ich diese ganze schöne und mühevolle Arbeit vergebens gemacht hätte?«

»Welcher Dieb sollte sich an die heiligen Grüfte wagen?« fragte Klea schüchtern.

»Sind sie etwa so unantastbar?« unterbrach sie Krates. »Hat sie doch solch ein armseliges Ding wie du zu öffnen gewagt! Aber warte nur, warte; wenn meine Füße mich nur nicht so schmerzten ...«

»Höre mich,« bat das Mädchen und trat dem empörten Schmiede näher. »Du bist verschwiegen, das hast du mir gestern bewiesen – und wenn ich dir erzählt haben werde, was ich in dieser Nacht erlebt und erfahren, dann wirst du mir sicher vergeben, ich weiß es.«

»Wenn du dich nur nicht irrst!« rief der Schmied. »Das müßten seltsame Dinge sein, die mich bewegen könnten, solche Pflichtvergessenheit und solchen Frevel ohne Strafe hingehen zu lassen!«

Und seltsame Dinge mußten es sein, die der Alte nun hörte; denn als Klea die Erzählung dessen, was ihr in der letzten Nacht widerfahren, beendet hatte, da schwammen nicht nur ihre Augen, sondern auch die des Schmiedes in Tränen.

»Verdammte Beine!« brummte er, als er dem fragenden Blicke der Jungfrau begegnete, und wischte mit dem Ärmel seines Rockes das salzige Naß von den Wangen. »Ja, solch ein geschwollener Fuß tut weh, Mädchen, und solch ein Krüppel, wie ich, ist nicht immer der Stärkste. Alte Weiber werden den Männern ähnlich und alte Männer den Weibern. Ja, das Alter! Solche Füße zu haben, ist bös, aber schlimmer ist's, daß das Gedächtnis mit den Jahren schwindet. Wie war das denn gleich mit dem Schlüssel? Sollt' er im Tore der Apisgräber stecken geblieben sein? Ei, ei! Da muß ich gleich zu Asklepiodor schicken, damit er die Ägypter drüben, die mir doch für manche Arbeit verpflichtet sind, in meinem Namen um Entschuldigung bitte.«

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