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Die Schwestern

Georg Ebers: Die Schwestern - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Schwestern
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
seriesGeorg Ebers - Ausgewählte Werke
volumeVierter Band
year1893
firstpub1880
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081021
projectid5c81e946
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Einundzwanzigstes Kapitel

Der Mann, den Klea gesehen hatte, war kein anderer als der Römer Publius.

Ein vielbewegter Tag lag hinter ihm; denn nachdem er sich überzeugt hatte, daß Irene von dem Bildhauer und seiner freundlichen Gattin aufgenommen worden sei wie ihr eigenes Kind, war er in sein Zelt zurückgefahren, um abermals nach Rom zu schreiben.

Aber es sollte dazu nicht kommen; denn sein Freund Lysias ging ruhelos neben ihm auf und nieder, und so oft er das Rohr auf den Papyrus setzte, störte er ihn mit Fragen nach dem Klausner, dem Bildhauer und ihrem geretteten Schützling.

Als der Korinther endlich zu wissen wünschte, ob er, Publius, die Augen Irenens für braun oder blau halte, war er unwillig aufgesprungen und hatte heftig gerufen:

»Und wenn sie rot wären oder grün; was ginge es mich an!«

Lysias schien diese Antwort eher zu erfreuen als zu verdrießen, und schon war er im Begriff, dem Freunde zu gestehen, daß Irene in seinem Herzen einen wahren Wald- oder Städtebrand entzündet habe, als ein Stallmeister des Euergetes erschien, um dem Römer vier herrliche kyrenäische Rosse vorzuführen, die sein Herr den edlen Publius Kornelius Scipio Nasica als Zeichen seiner Freundschaft anzunehmen bitte.

Wohl eine Stunde ergötzten sich die beiden Freunde als Kenner und Liebhaber des Pferdes an dem schönen Bau und der leichten Gangart dieser köstlichen Tiere.

Dann erschien ein Kämmerer der Königin, um Publius einzuladen, sie sogleich zu besuchen.

Der Römer folgte dem Boten nach einem kurzen Aufenthalte in seinem Zelte, woselbst er die Gemmen mit der Hochzeit der Hebe zu sich steckte, denn er war auf dem Wege von der Wohnung des Bildhauers in den Palast auf den Gedanken gekommen, sie der Königin anzubieten, nachdem er sie von der Herkunft der Krugträgerinnen unterrichtet.

Publius hatte scharfe Augen, und die Schwächen Kleopatras waren ihm nicht entgangen, aber niemals hatte er ihr zugetraut, daß sie dem zügellosen Bruder helfen werde, sich der unschuldigen Tochter eines edlen Vaters mit Gewalt zu bemächtigen.

Jetzt wollte er ihr gleichsam zum Ersatz für die vereitelte, von seinem Freunde vorgeschlagene Vorstellung das Bildnis selbst, auf dessen schöne Wiedergabe sie sich gefreut hatte, verehren.

Kleopatra empfing ihn auf ihrem Dache, eine Gunst, deren sich nur wenige rühmen durften, gestattete ihm, während sie selbst auf dem Lager ruhte, sich zu ihren Füßen niederzulassen, und gab ihm durch jeden Blick ihres Auges und jedes Wort, das sie sagte, unzweideutig zu erkennen, daß seine Gegenwart sie beglücke und mit leidenschaftlicher Freude erfülle.

Publius wußte das Gespräch bald auf die unschuldig in die Goldbergwerke geschleppten Eltern der Krugträgerinnen zu lenken; Kleopatra aber unterbrach seine Fürsprache und legte ihm klar, unbemäntelt und nicht ohne Erregung die Frage vor, ob es wahr sei, daß er selbst die Hebe zu besitzen wünsche.

Seiner festen Verneinung begegnete sie so lange mit Äußerungen des Unglaubens, die zuletzt sogar den Ton des Vorwurfes annahmen, bis er unwillig wurde und aufbrausend ihr bestimmt erklärte, daß er das Lügen für unmännlich und schmählich halte, und keine Beleidigung schwerer ertrage als Zweifel an seiner Wahrhaftigkeit.

Solche heftige und strenge Abweisung aus dem Munde eines von ihr ausgezeichneten Mannes war für Kleopatra etwas Neues, und sie nahm sie nicht übel, denn sie durfte nun glauben und glaubte gern, daß Publius nichts von der hübschen Hebe begehre, daß Euläus den Feind verleumdete, und daß Zoë sich geirrt habe, als sie nach dem vergeblichen Gang in den Tempel, von dem sie vor kurzem zurückgekehrt war, ihr mitgeteilt hatte, der Römer sei der Liebhaber Irenens und müsse in aller Frühe dem Mädchen selbst oder den Priestern im Serapeum verraten haben, was mit ihr im Werke sei.

In der Seele dieses edlen Jünglings war kein Falsch, konnte kein Falsch sein! Und sie, die kein Wort aus dem Munde ihrer Umgebung hinzunehmen gewohnt war, ohne sich zu fragen, was wohl damit bezweckt und wie viel daran erlogen oder erheuchelt sei, glaubte dem Römer und freute sich dieses Glaubens so sehr, daß sie voll heiterer Liebenswürdigkeit Publius selbst aufforderte, ihr die Bittschrift des Klausners zu lesen zu geben.

Der Römer überreichte ihr sogleich die Rolle und sagte, weil diese so viel Trauriges enthalte, von dem er ihr Kenntnis zu nehmen zumute, so fühle er sich verpflichtet, ihr auch eine, freilich nur sehr bescheidene Freude zu bereiten.

Hierbei überreichte er ihr seine Gemmen, und sie zeigte über diese kleinen Kunstwerke ein so ausgelassenes Entzücken, als sei sie nicht die reiche Königin, welche die schönsten geschnittenen Steine in der ganzen Welt besaß, sondern ein Mädchen, dem man den ersten, langersehnten goldenen Schmuck schenkt.

»Köstlich, herrlich!« rief sie einmal über das andere. »Und dabei sind es unvergängliche Andenken an dich, du Lieber, und an deinen Besuch in Ägypten. Mit wie edlen Steinen ich sie auch fassen lasse, selbst die Diamanten werden mir wertlos neben dieser Gabe von dir erscheinen. Sie wird schon, ehe ich eure Bittschrift gelesen, mein Urteil über den Eunuchen und sein beklagenswertes Opfer entscheiden. Aber ich werde doch die Rolle da lesen und aufmerksam lesen, denn mein Gatte hält Euläus für ein nützliches, fast unentbehrliches Werkzeug, und es wird gelten, das Verdikt und die Begnadigung gut zu begründen. Ich glaube an die Unschuld des armen Philotas, aber hätt' er auch hundert Morde begangen, nach diesem Geschenke schafft' ich ihm dennoch die Freiheit!«

Den Römer verletzten diese Worte, und diejenige, welche sie, um ihm zu gefallen, gesprochen hatte, schien ihm in diesem Augenblicke gerade um ihretwillen mehr einem bestechlichen Beamten als einer Königin vergleichbar.

Die Zeit ward ihm lang bei Kleopatra, die ihm trotz der eigenen Zurückhaltung immer dringlicher zu verstehen gab, wie warm sie für ihn empfinde; und je mehr sie sprach und erzählte, desto schweigsamer zeigte er sich selbst.

Erleichtert atmete er auf, als ihr Gatte endlich erschien, um Kleopatra und ihn selbst zum Mittagsmahl abzuholen.

Bei Tafel versprach Philometor, sich der Sache des Philotas und seiner Gattin, die er beide gekannt hatte, und deren Schicksal ihm weh tat, anzunehmen; doch bat er die Gemahlin und den Römer, den Eunuchen Euläus erst, wenn Euergetes Memphis verlassen habe, vor Gericht zu ziehen; denn während der Anwesenheit des Bruders, durch die ihm Schwierigkeiten erwüchsen, könne er ihn noch nicht entbehren, und wenn er Publius nach sich selbst beurteile, so liege ihm mehr daran, Unschuldigen zu ihrem Recht zu verhelfen und sie aus einem Elend zu befreien, dessen ganze Schrecklichkeit ihm erst jüngst durch seinen Lehrer Agatharchides bekannt geworden sei, als einen seines Zornes Unwürdigen, der ohnehin der Strafe nicht entgehen werde, gerade heute oder morgen vor den Richter zu ziehen.

Bevor das Schreiben Asklepiodors, das der falschen Vermutung der Priester des Serapis Ausdruck gab, Irene sei im Auftrag des Königs aus dem Tempel entführt worden, in den Palast gelangte, hatte Publius Gelegenheit gefunden, sich von dem fürstlichen Paar zu verabschieden.

Gegen seine bestimmte Versicherung, heute noch in wichtigen Angelegenheiten nach Rom schreiben zu müssen, wagte selbst Kleopatra keinen Einwand zu erheben; und als dann Philometor mit seiner Gattin allein war, fand er, dessen Neigung schnell zu gewinnen war, nicht Worte genug, die herrlichen Eigenschaften des jungen Mannes zu preisen, der ausersehen schien, in Zukunft ihm und seiner Sache zu Rom die wichtigsten Dienste zu leisten, und dessen freundliche Gesinnung er wiederum, und das erkannte er mit Freuden an, der unwiderstehlichen Klugheit und Anmut seiner Gattin verdankte.

Als Publius den Palast verlassen hatte und seinem Zelte zueilte, kam er sich vor wie ein von schwerer Arbeit heimkehrender Fröner, wie ein von einer peinlichen Anklage freigesprochener Mann, wie ein Verirrter, der wieder den richtigen Weg gefunden.

Die schwüle Luft zwischen den Laubgängen des tiefer gelegenen Gartens schien ihm leichter zu atmen, als der das Dach Kleopatras umwehende kühle Hauch.

Erregend und doch beengend erschien ihm die Nähe der Königin, und so viel Schmeichelhaftes auch für ihn in dem Entgegenkommen der mächtigen Herrscherin lag, so wollte es ihm doch nicht besser munden als ein schön geschmücktes Gericht auf goldener Schüssel, zu dessen Genuß man uns zwingen will, in dem Gift verborgen sein könnte und das, wenn man es dennoch kostet, widerlich süß schmeckt.

Publius war ein rechter Mann, und so erschien ihm, wie jedem seinesgleichen, die Liebe, die sich ihm aufdrängte, wie eine Ehrenbezeigung, die man lieber abweist als annimmt, weil sie aus einer Hand kommt, die man nicht achtet – wie weit über unser Verdienst hinausgehendes Lob, das vielleicht einen Toren erfreut, verständigen Männern aber eher zum Ärgernis gereicht, als des Dankes würdig zu sein scheint.

Es kam ihm vor, als beabsichtige Kleopatra, sich seiner zunächst als eines lustbringenden Spielzeuges und dann als eines brauchbaren Handlangers zu bedienen, und das verdroß und beunruhigte den ernsten und reizbaren Jüngling so sehr, daß er am liebsten sogleich und ohne Abschied Ägypten und Memphis verlassen haben würde.

Dennoch ward ihm die Abreise nicht leicht; denn in jeden Gedanken an Kleopatra mischte sich ein anderer an Klea.

Wie er Irene gerettet hatte, so wünschte er auch den Eltern der Krugträgerinnen die Freiheit zurückzugeben, und Ägypten zu verlassen, ohne Klea noch einmal wiedergesehen zu haben, schien ihm unmöglich.

Ihn verlangte, sich selbst noch einmal ihrer stolzen Größe gegenüber zu stellen und ihr zu sagen, daß sie ein schönes, königlich würdiges Weib und daß er ihr Freund sei, der die Ungerechtigkeit hasse und um des Rechtes und ihrer selbst willen gern bereit sei, für sie und ihre Eltern Großes zu opfern.

Heute noch vor dem Gastmahl wollte er den Tempel des Serapis von neuem besuchen und den Klausner bitten, ihm zu einer Unterredung mit seinem Schützling zu verhelfen. Wußte Klea nur erst, was er für Irene und ihre Eltern getan hatte, dann mußte sie ihm ja wohl zeigen, daß ihr stolzes Auge auch freundlich zu blicken verstehe, dann mußte sie ihm zum Abschiede die Rechte reichen, die er mit beiden Händen zu ergreifen und an die Brust zu ziehen gedachte.

Sagen wollt' er ihr dann mit den höchsten und wärmsten Worten, die er nur kannte, wie glücklich er sei, sie gefunden zu haben, und wie schwer es ihm falle, von ihr Abschied zu nehmen.

Vielleicht ließ sie dann auch ihre Hand in der seinen und gab ihm freundliche Worte zurück.

Ein gütiger, ein anerkennender Satz aus Kleas strengem und doch so schönem Munde schien ihm von höherem Wert als Kuß und Umarmung der großen und reichen Königin von Ägypten.

Der Kornelier konnte, wenn er gereizt ward, im Jähzorn sich selbst vergessen, aber seine Einbildungskraft war weder besonders lebendig noch feurig.

Während er die Rosse anschirren ließ und mit ihnen zu dem Serapistempel fuhr, stand ihm fortwährend das große Bild der Krugträgerinnen vor der Seele, meinte er oft, statt der Zügel ihre Hand in der seinen zu halten, und er mußte des Tages gedenken, an dem er von den Seinen Abschied genommen, um zum erstenmal in den Krieg zu ziehen.

Damals hatte der Blick seiner Mutter in Tränen geglänzt, und er fand, daß wenn er Klea mit einem andern Weibe vergleichen dürfe, sie doch am meisten der hohen Matrone gleiche, die ihm das Leben gegeben, daß Klea sich neben der Tochter des großen Scipio Africanus ausnehmen müsse wie die jugendliche Minerva neben der erhabenen Juno, der Mutter der Götter.

Groß war seine Enttäuschung, als er die Tore des Serapistempels verschlossen fand und sich genötigt sah, ohne Klea oder den Klausner gesehen zu haben, nach Memphis zurückzukehren. Was heute unmöglich gewesen war, konnte er morgen von neuem versuchen, aber das Verlangen nach der Geliebten steigerte sich nun in ihm zur qualvollen Sehnsucht, und als er wieder in seinem Zelte saß, um den zweiten Brief nach Rom zu beenden, unterbrach der Gedanke an Klea immer und immer wieder seine ernste Arbeit.

Zehnmal sprang er auf, um sich von neuem zu sammeln, und ebenso oft mußte er das Rohr fortwerfen, weil sich das Bildnis der Krugträgerin zwischen ihn und die schreibende Hand stellte.

Endlich schlug er ungeduldig über sich selbst auf den vor ihm stehenden Tisch, preßte eine Minute lang beide Fäuste so heftig in die Seiten, daß es ihn schmerzte, und gab sich selbst streng und unwillig den Befehl, bevor er anderes denke, seine Pflicht zu erfüllen.

Seine stählerne Willenskraft behielt den Sieg, und als es zu dunkeln begann, war der Brief vollendet.

Schon war er im Begriff, das in den Sardonyx seines Siegelringes geschnittene Zeichen seines Hauses in das Wachs des Siegels zu drücken, als ihm sein Diener einen schwarzen Sklaven meldete, der ihn zu sprechen begehre.

Der Kornelier befahl, ihn einzuführen, und der Neger überreichte ihm die Scherbe, auf die Euläus in betrüglicher Absicht Kleas Einladung an ihn, um Mitternacht bei den Apisgräbern zu erscheinen, geschrieben hatte.

Wie ein Bote der Götter erschien dem Jüngling das verschmitzt dreinschauende Werkzeug des Feindes, und mit leidenschaftlicher Eile und ohne auch nur den Schatten eines Verdachtes zu hegen, schrieb er sein »Ich werde erscheinen« auf das armselige Topfstück.

Publius wünschte den soeben vollendeten Brief an den Senat dem Boten, der ihm gestern das Schreiben aus Rom gebracht hatte, eigenhändig und unbemerkt zu übergeben, und da er eher die Einladung, einen königlichen Schatz in dieser Nacht zu heben, abgelehnt, als Kleas Stelldichein versäumt hätte, konnte er in keinem Fall an dem Gastmahl des Königs teilnehmen, bei dem Kleopatra ihn doch, seiner Zusage gemäß, erwarten mußte.

Er vermißte jetzt schmerzlich die Anwesenheit seines Freundes Lysias; denn er wollte es vermeiden, die Königin zu beleidigen, und der Korinther, der in diesem Augenblicke gewiß die unnützen Dinge trieb, war ebenso geschickt im Ersinnen von glaubhaften Entschuldigungen, wie er selbst es nicht war.

Mit eiliger Hand schrieb Publius nun an den Zeltgenossen einige Worte mit der Bitte, dem Könige mitzuteilen, daß er durch wichtige Geschäfte verhindert sei, an diesem Abend unter seinen Gästen zu erscheinen, nahm den Mantel um, setzte den sein Gesicht beschattenden Reisehut auf und begab sich zu Fuß und ohne Begleiter, mit dem Briefe in der einen und dem Wanderstab in der andern Hand, an den Hafen.

Die Soldaten und Sicherheitswächter, welche die Höfe des Palastes erfüllten, hielten ihn für einen Boten, riefen den schnell und sicher Dahinschreitenden nicht an, und so erreichte er, ohne aufgehalten und erkannt zu werden, die Herberge am Hafen, in der er unter Schiffsführern und Kaufleuten eine Stunde zu warten hatte, bevor sein Bote aus dem heiteren Fremdenquartier, wo er sich eine Güte getan, heimkehrte.

Manches gab es mit diesem Manne, der am nächsten Morgen nach Alexandria und Rom abreisen sollte, zu besprechen, aber Publius nahm sich kaum die nötige Zeit dazu, denn schon eine volle Stunde vor Mitternacht meinte er zu der von Klea angegebenen, ihm wohlbekannten Stelle in der Totenstadt aufbrechen zu müssen, obgleich er wußte, daß er in sehr viel kürzerer Zeit sein Ziel zu erreichen vermöge.

Dem Sehnsüchtigen geht die Sonne zu langsam, und eher versäumt ein wandelnder Stern die Zeit, als ein Liebender, den die Liebe gerufen.

Um Aufsehen zu vermeiden, bediente er sich keines Wagens, sondern eines starken Maultiers, das ihm der Wirt der Herberge mit Vergnügen lieh; denn der Römer war so freudig erregt in der Hoffnung, Klea zu begegnen, daß er dem auf einer Bank vor dem Schenktische eingeschlummerten lieblichen Kinde des Schenkwirtes ein Goldstück zwischen die leicht geschlossenen kleinen Finger schob und den Landwein, den er getrunken, ohne nach der Zeche zu fragen, doppelt so hoch bezahlt hatte wie edlen Falerner.

Bewundernd schaute der Wirt ihm zu, als er endlich, ohne es zu berühren, mit einem prächtigen Satz auf den Rücken des großen Tieres sprang, und es wollte Publius selbst scheinen, als habe er sich seit seiner Knabenzeit nie so frisch und bis zum Übermut freudig gefühlt wie in dieser Stunde.

Der vom Hafen zu den Apisgräbern leitende Weg war ein anderer als derjenige, welcher von dem Königspalaste aus dorthin führte und den Klea gezogen.

Er wurde bei Tag viel von Pilgern benützt, und der Römer konnte ihn auch bei Nacht nicht verfehlen; denn das Maultier, welches er ritt, kannte ihn gut. Das wußte er, denn auf die Frage, wozu der Herbergsvater das Tier halte, hatte er ihm erwidert, es habe täglich aus Oberägypten kommende Pilger zu dem Tempel des Serapis und zu den Grüften der heiligen Stiere zu führen. Den Vorschlag des Wirtes, ihm einen Eselstreiber mitzugeben, konnte er darum ablehnen.

Alle, die ihn aufbrechen sahen, glaubten, er kehre in die Stadt und zu dem Palaste des Königs zurück.

In langsamem Trab ritt Publius durch die Straßen der Stadt, und wenn ihm aus einer Schenke das Gelächter der zechenden Soldaten ans Ohr klang, hätte er am liebsten mit eingestimmt.

Als ihn dann die schweigende Wüste umfing, und die Sterne ihn lehrten, daß er zu früh an der Stätte des Stelldicheins eintreffen werde, zwang er das Maultier zu einer langsameren Gangart, und je näher er seinem Ziele kam, desto ernster ward er, desto heftiger schlug ihm das Herz.

Es mußte etwas Wichtiges, Bedeutsames sein, das Klea ihm in solcher Zeit und an solchem Ort mitzuteilen begehrte.

Oder war sie wie tausend andere Weiber, befand er sich auf dem Wege zu einer Schäferstunde mit ihr, die doch noch vor einigen Tagen seinen Blick erwidert und seine Veilchen angenommen hatte?

Einmal zog ihm dieser Gedanke mit aufdringlicher Lebhaftigkeit durch den Sinn, aber er wies ihn als töricht und seiner selbst unwürdig weit von sich.

Eher konnte ja ein König einem Bettler anbieten, er möge mit ihm seinen Thron teilen, als dies Mädchen ihn einladen, mit ihr an heimlicher Stelle von Amors süßen Gaben zu naschen.

Gewiß wünschte sie vor allen Dingen über das Geschick der Schwester Gewißheit zu erlangen, vielleicht auch über ihre Eltern mit ihm zu reden, aber sie hätte sich doch kaum entschlossen, ihn zu rufen, wenn sie nicht gewillt gewesen wäre, ihm zu vertrauen, und dies ihr Vertrauen erfüllte ihn mit Stolz und dabei mit lebhafter Sehnsucht nach ihr, die ihm heftiger und immer heftiger das Herz bestürmte.

Während das Maultier mit langsamen, sicheren Schritten auch im tiefsten Dunkel den Weg suchte und fand, schaute er zu dem Firmament hinauf und dem Spiele der Wolken zu, die bald schwarz und massig das Licht Selenens bedeckten, bald von weißlichem Schimmer umflossen auseinander wichen, wenn sie die silberne Sichel des Mondes, wie ein Schwan den dunklen Spiegel eines Gewässers, zerteilte.

Dabei dachte er ohne Unterlaß an Klea und träumend meinte er sie vor sich zu sehen, aber anders und höher als je zuvor.

Mächtig erregt von diesem Gesicht, ließ er den Zügel auf den Hals des Maultiers fallen und breitete die Arme nach der schönen Traumgestalt aus, aber je weiter er vorwärts ritt, desto mehr wich sie zurück, und als der Westwind ihm Staub ins Gesicht blies, und er seine Augen mit der Hand bedecken mußte, verschwand sie völlig und kehrte nicht wieder, bis er bei den Apisgräbern angelangt war.

Er hatte gehofft, hier einen Soldaten oder Wächter zu finden, dem er das Tier anvertrauen könne, aber nachdem der mitternächtliche Priestergesang im Tempel des Osiris-Apis verhallt war, ließ sich weit und breit kein Laut vernehmen, und was ihn umgab, war so still und stumm und ohne Regung, als sei alles Lebende ringsum erstorben. Oder hatte ein Dämon ihn des Gehörs beraubt? Nur das Rauschen des eigenen, schnell bewegten Blutes meinte er zu vernehmen, sonst aber nicht den leisesten Laut.

Solche Stille kennt nur die Totenstadt in der Nacht, kennt nur die Wüste.

An einer mit Inschriften bedeckten Stelle von Granit befestigte er die Zügel des Maultiers und ging dann auf die zum Stelldichein bestimmte Stätte zu.

Mitternacht, das lehrte ihn der Stand des Mondes, mußte vorbei sein, und schon begann er sich zu fragen, ob er da, wo er stand, bleiben oder der Krugträgerin entgegengehen solle, als er erst leise Schritte und bald darauf eine von einem langen Mantel umwallte, hoch aufgerichtete Gestalt von der Sphinxallee her gerade auf sich zuschreiten sah.

War das ein Mann, war es ein Weib, war sie es, die er erwartete?

Und wenn sie es war, hatte jemals ein Weib sich mit so gemessenen, beinahe feierlichen Schritten dem Freunde genähert, dem sie ein Stelldichein gab?

Jetzt erkannte er ihr Antlitz.

War es das fahle Mondlicht, das es so blutlos und marmorbleich erscheinen ließ?

Es lag etwas Starres in diesen Zügen, und dennoch waren sie ihm noch niemals, selbst nicht als sie errötend seine Veilchen angenommen hatte, so tadellos schön, so ebenmäßig und edel geschnitten, so vornehm, ja so ehrfurchtgebietend erschienen.

Wohl eine Minute lang standen beide sprachlos und doch ganz nahe einander gegenüber.

Dann unterbrach Publius das Schweigen, indem er ihr voll warmer Innigkeit und doch bange mit der tiefen, reinen Stimme nichts zurief als ein einziges Wort, und dieses Wort war ihr Name: »Klea«.

Wie eines Gottes Gruß und Segen, wie der wohllautendste aller Akkorde im Sang der Sirenen, wie der befreiende Spruch aus dem Munde des Richters über Tod und Leben klang dieses Wort und berührte mit seinen Schwingungen das Herz der Jungfrau, und schon öffneten sich ihre Lippen, um dem Römer seinen Namen »Publius« nicht weniger tief und innig entgegen zu rufen, aber sie bezwang sich mit aller Kraft ihrer Seele und sagte leise und schnell: »Du bist in später Stunde hierher gekommen, und es ist gut, daß du es tatest.«

»Du hast mich gerufen,« entgegnete der Römer.

»Ein anderer tat es, nicht ich,« versetzte Klea dumpf und langsam, als hebe sie eine schwere Last und das Atmen falle ihr schwer. »Folge mir nun; denn nicht hier ist der Ort, dir das zu erklären.«

Klea ging dabei auf die verschlossene Tür der Apisgräber zu und versuchte den Schlüssel, den der alte Krates ihr anvertraut hatte, in das Schloß einzuführen, aber er war noch so neu, und die Finger zitterten ihr so heftig, daß jede ihrer wiederholten Bemühungen mißglückte.

Publius stand indessen dicht an ihrer Seite, und während er sich anschickte, ihr zu helfen, berührten seine Finger die ihren.

Als sich dann, gewiß nicht aus Versehen, seine starke und dennoch bebende Hand über die ihre legte, ließ sie es einen Augenblick geschehen; denn es war ihr, als walle ein warmes, wirbelndes Gewölk aus ihrer Brust auf und verschleiere ihr den Geist und lähme ihr die Willenskraft und umneble ihr den Blick des Auges.

»Klea,« sagte er abermals und griff auch nach ihrer Linken.

Wie aus einem kurzen Traum ins wache Leben zurückgerufen, entzog sie ihm nun sogleich die Hand, auf der die seine ruhte, stieß den Schlüssel ins Schloß, öffnete die Pforte und rief mit gebieterischem Ernste: »Geh mir voran!«

Publius folgte diesem Geheiß und betrat die weite Vorhalle der ehrwürdigen, in den Fels gemeißelten und matt beleuchteten Grotte.

Ein gebogener Gang, dessen Ende er nicht abzusehen vermochte, lag vor ihm, und zu beiden Seiten desselben öffneten sich links und rechts die Kammern, in denen die Sarkophage der verstorbenen heiligen Stiere standen.

Über jeder dieser ungeheuren Steinkisten brannte Tag und Nacht eine Lampe, deren Schein, wie ein aus Licht gewobener Teppich, überall da, wo eine Grabkammer offen stand, die tiefe Finsternis der Höhle durchbrechend, mit hellem Schimmer über dem dunklen, in das Innere des Gefelses führenden Wege lag.

Welchen Ort hatte Klea gewählt, um mit ihm zu reden!

Aber wenn ihre Stimme auch streng klang, so war sie selbst doch nicht kalt und ohne Empfindung, wie die Schatten des Orkus, dem diese mit Weihrauchduft erfüllte und seine Brust beklemmende Stätte glich, denn er hatte gefühlt, daß ihre Finger unter den seinen zitterten, und als er, um ihr zu helfen, ganz dicht zu ihr herangetreten war, da hatte ihr Herz nicht minder schnell und heftig als das seine geschlagen.

Ja, wem es gelänge, dies Herz von hartem, aber reinem und edlem Kristall zu schmelzen, über den ergoß sich wohl ein herrlicher Strom der lautersten Seligkeit!

»Hier wären wir am Ziel,« sagte Klea und fuhr dann in kurzen, abgebrochenen Sätzen fort: »Bleibe da, wo du bist. Laß mir den Platz hier an der Pforte. Jetzt beantworte mir zuerst eine Frage: Meine Schwester Irene ist aus dem Tempel verschwunden. Hast du ihre Entführung veranlaßt?«

»Ich tat es,« entgegnete Publius mit Eifer. »Sie läßt dir Grüße entbieten und dir sagen, wie wohl ihr ihre neuen Freunde gefallen. Wenn ich dir erzählt haben werde ...«

»Jetzt nicht,« unterbrach ihn Klea erregt. »Wende dich um! – Dorthin, wo du das Lampenlicht schimmern siehst.«

Publius tat, wie ihm geheißen, und dabei lief ihm ein leiser Schauer über das feste Herz; denn nicht nur feierlich, nein, auch geheimnisvoll, wie das einer Prophetin, erschien ihm das Tun und Wesen des Mädchens.

Da erschütterte ein heftiger Krach die stille, heilige Stätte, und kräftige Schallwellen pflanzten sich mit Gedröhn verhallend an den Felsenwänden der Grotte fort.

Besorgt wandte sich Publius um, und sein suchender Blick fand Klea nicht mehr.

Als er dann zur Pforte des Felsenraumes eilte, hörte er, wie sie von außen her verschlossen wurde.

Die Krugträgerin war ihm entflohen, hatte das schwere Tor zugeworfen und hielt ihn gefangen – und dieser Gedanke schien dem Römer so entwürdigend und unerträglich, daß er, keines andern Gefühls als der Empörung, des verletzten Stolzes und des leidenschaftlichen Wunsches, sich zu befreien, mächtig, mit den Füßen an die Tür trat und Klea zornig zuschrie:

»Du öffnest das Tor; ich befehl' es! Gleich läßt du mich frei oder bei allen Göttern –«

Er sprach die Drohung nicht aus; denn in der Mitte des rechten Flügels der verschlossenen Pforte öffnete sich die kleine Lade, durch welche die Priester sonst Weihrauchduft in die Gruft der heiligen Stiere einzulassen pflegten, und zwei- und dreimal, und als er sich noch immer nicht beruhigen wollte, auch zum viertenmal rief ihm Klea entgegen:

»Höre mich, höre mich, Publius!«

Da stellte er das Toben ein; sie aber sagte:

»Drohe mir nicht, Publius, denn du bereust es gewiß, wenn du erfahren hast, was ich dir mitzuteilen habe. Unterbrich mich nicht und wisse jetzt schon, daß dies Tor alle Tage vor Sonnenaufgang geöffnet wird. Deine Gefangenschaft dauert nicht lange, und du mußt dich schon fügen, denn ich schloß dich ein, um dir das Leben zu retten, ja, dein gefährdetes Leben. Torheit nennst du meine Besorgnis? Nein, Publius, sie ist nur zu gerechtfertigt, und wenn du stark bist als Mann, so bin ich es als Weib, und vor einem eingebildeten Nichts werde ich nimmer erschrecken.

Urteile selbst, ob ich recht habe, für dich zu fürchten.

König Euergetes und der Eunuch Euläus dangen zwei furchtbare Unholde, um dich zu ermorden. Als ich ausging, um Irene zu suchen, da erlauscht' ich das alles und habe die schrecklichen Wölfe, die sie auf dich hetzen, mit diesen Augen gesehen und ihren Anschlag auf dich mit diesen Ohren besprechen hören.

»Den Brief auf der Scherbe, der meinen Namen trug, hab' ich niemals geschrieben. Euläus tat es, und du nahmst seine Lockspeise an und bist bei Nacht in die Wüste gegangen. In wenigen Minuten werden die Mörder diese Stätte umschleichen und ihr Opfer suchen, aber dich, Publius, werden sie nicht finden, denn Klea hat dich gerettet, dieselbe Klea, der du erst freundlich begegnet bist und dann die Schwester geraubt hast, dieselbe Klea, die du soeben bedrohen wolltest, und die nun sogleich, bekleidet mit Hut und Mantel, wie ein Wanderer, den man leicht im unsicheren Scheine des Mondes für dich halten könnte, in die Wüste gehen und ihr armes Herz den Dolchen der Mörder darbieten wird.«

»Wahnsinnige!« schrie Publius und rannte mit seiner ganzen Wucht und trat mit den Füßen gegen die Tür. »Was du vorhast, ist Tollheit! Du öffnest das Tor, ich befehl es! Wie stark die Buben auch sind, die Euergetes gedungen, ich bin Manns genug, mich selbst zu verteidigen.«

»Du bist ohne Waffen, Publius, und sie führen Schlingen und Dolche.«

»So öffne die Tür und bleibe hier bei mir, bis der Morgen graut. Es ist nicht groß, es ist ruchlos, sein Leben von sich zu werfen. Gleich schließt du die Tür auf, ich bitte dich, ich befehle es dir!«

Zu anderer Zeit hätten diese Worte ihre Wirkung auf den verständigen Sinn Kleas nicht verfehlt, doch die furchtbaren Stürme, die in den letzten Stunden auf sie hereingebraust waren, hatten die Ruhe ihrer Seele in ihren Wirbel mit fortgerissen.

Der eine Gedanke, der eine Entschluß, der eine Wunsch beherrschte sie ganz, ihr an Opfern reiches Dasein mit dem größten Opfer, dem Opfer des Lebens, zu beschließen, und das nicht nur, um Irene glücklich zu machen und den Römer zu retten, sondern weil es ihr, der Tochter ihres Vaters, gefiel, so groß zu enden, weil sie, das Mädchen, Publius zeigen wollte, was das Weib vermöge, dem er ein anderes vorgezogen, weil der Tod ihr in diesem Augenblicke nicht wie ein Unglück erschien, und ihr von furchtbaren, stundenlangen Erregungen überspannter Geist nicht loskam von dem Vorsatz, sich opfern zu wollen, sich opfern zu müssen.

Sie hatte nicht mehr diesen Gedanken, dieser Gedanke hatte sie, und wie ein Wahnsinniger sich gezwungen fühlt, das gleiche Wort wieder und immer wieder vor sich hin zu sagen, so hätten keine Bitten und keine Gründe sie in dieser Stunde vermocht, von dem Vorsatz zurückzutreten, ihr blühendes Leben für Publius und Irene hinzugeben.

Sie sah mit Liebe und Stolz auf diesen Entschluß, der sie berechtigte, zu sich selbst wie zu einer großen Erscheinung aufzuschauen. Darum verschloß sie das Ohr den Bitten des Römers und sagte mit einer Weichheit des Tones, die ihn überraschte: »Schweige jetzt, Publius, und höre mich weiter. Du bist doch edel, und gewiß, du weißt es mir Dank, daß ich dir das Leben rette.«

»Ich weiß es dir Dank und will dir's vergelten,« rief der Kornelier, »solange diese Brust noch zu atmen vermag, aber öffne das Tor, ich flehe dich an, ich beschwöre dich ...«

»Hör mich zu Ende, die Zeit drängt; hör mich zu Ende, Publius. Meine Schwester Irene ist dir gefolgt. Von ihrer Schönheit brauch' ich dir nicht zu reden, aber wie gut, wie sonnig ihr Herz ist, das weißt du nicht, das kannst du nicht wissen, doch du wirst es erfahren. Sie, das mußt du noch hören, ist arm wie ich, aber das Kind von freien und edlen Eltern. Schwöre mir jetzt, schwöre – nein, du darfst mich nicht unterbrechen, schwöre mir bei dem Haupt deines Vaters, daß du sie nie verlassen, daß du nicht anders gegen sie handeln wirst, als sei sie deines besten Freundes, deines Bruders leibliche Tochter.«

»Ich schwöre es und werde meinen Eid halten beim Leben des Mannes, dessen Haupt mir heiliger ist als der Name der Götter. Aber nun, ich bitte dich, ich befehl' es dir, nun öffne mir die Tür, Klea, damit ich dich nicht verliere und dir sagen kann, daß mein Herz dir gehört, dir und nur dir allein, daß ich dich liebe – grenzenlos liebe.«

»Ich hab' deinen Eid,« rief das Mädchen, das nun von ferne in der Wüste einen sich hin und her bewegenden Schatten erblickte, in höchster Erregung, »und du schwurst beim Haupt deines Vaters. Laß Irene niemals bereuen, daß sie dir gefolgt ist, und liebe sie so, wie du in dieser Stunde mich, deine Retterin, zu lieben vermeinst. Denkt beide der armen Klea, die gern für euch gelebt haben würde und nun für euch stirbt. Vergiß mich nicht, Publius, denn ich habe nur einmal mein Herz der Liebe geöffnet, aber geliebt hab' ich dich, Publius, mit Schmerz und Qual und dem süßesten Glück, wie nie noch ein sterbliches Weib in der Wonne der Liebe geschwelgt und sich in Liebe verzehrt hat.«

Außer sich, sich selbst vergessend und wie berauscht, hatte sie diese Worte, als sänge sie einen Jubelhymnus, dem Römer entgegengerufen.

Warum schwieg er jetzt, warum hatte er nichts zu erwidern, da sie ihm doch das verborgenste Mysterium ihrer Brust eröffnet und ihm vergönnt hatte, in das Allerheiligste ihres Herzens zu schauen?

Ein Strom von glühenden Worten aus seinem Munde hätte sie sogleich in die Wüste und in den Tod getrieben; sein Schweigen fesselte ihr den Fuß, verwirrte sie und fiel wie ein kalter Regen in die überhell brennende Fackel ihres Stolzes, wie Öl, das die Wogen sänftigt, in die brandende Flut ihrer Seele.

So konnte sie nicht von ihm scheiden, und sie öffnete die Lippen, um noch einmal seinen Namen zu rufen.

Während sie dem Römer das Bekenntnis ihrer Liebe gleichsam als letztes Vermächtnis zu schenken begann, war es Publius zu Sinne wie einem Verschmachtenden, den man zu einer vollen Quelle führt, um ihm zu verbieten, die Lippen mit ihrem frischen Naß zu benetzen.

Leidenschaftlicher Ingrimm erfüllte ihm die Seele, und während er, der Verzweiflung nahe, sich mit rollenden Augen in dem Gefängnis umschaute, begegnete sein Blick einer an die Wand gelehnten eisernen Brechstange, mit der die Werkleute den Sarkophag des letzten, jüngst bestatteten Apis an die rechte Stelle gerückt hatten.

Wie ein Ertrinkender auf den ihm entgegenschwimmenden Balken, stürzte er sich auf dies Werkzeug und hörte dabei dennoch die letzten Worte Kleas und verlor keines davon, während er mit triefender Stirn den metallenen Hebel über der Schwelle zwischen die Mitte des doppelten Tors keilte.

Jetzt schwieg alles da draußen.

Vielleicht ging die Wahnsinnige schon den Mördern entgegen, und die Tür war furchtbar schwer und wollte nicht wanken und weichen.

Aber er mußte sie sprengen und warf sich nun auf die Erde, schob die Schulter unter den Hebel, stemmte sich mit dem ganzen Körper so mächtig gegen das Eisen, daß die Knochen ihm zu brechen und die Sehnen zu zerreißen drohten, glaubte zu fühlen, daß die Tür sich hob, setzte nochmals und wieder seine ganze junge Manneskraft ein, und jetzt krachte das Holz in den Fugen, und die Flügel der Pforte flogen auf, und Klea jagte, von Entsetzen erfaßt, in die Wüste, den Mördern entgegen.

Publius schwang sich sogleich auf die Füße, stürzte aus seinem Kerker ins Freie, und als er Klea fliehen sah, jagte er ihr in raschen Sprüngen nach, holte die von dem Mantel im Lauf Gehinderte mit wenigen Sätzen ein, und als sie seiner Aufforderung, stehen zu bleiben, nicht Folge leistete, verlegte er ihr den Weg und sagte, nicht liebevoll, sondern streng und entschieden:

»Keinen Schritt gehst du weiter; ich befehle es dir!«

»Ich gehe, wohin ich gehe,« entgegnete das Mädchen in großer Erregung. »Gleich läßt du mich frei!«

»Du bleibst hier, bleibst hier bei mir!« knirschte Publius, faßte ihre beiden Hände an den Gelenken und umgab sie mit den eisernen Fingern wie mit festen Klammern. »Ich bin der Mann, und du bist das Weib, und ich werde dich lehren, wer hier zu befehlen hat und wer zu gehorchen.«

Diese völlig unvorbedachten Worte hatten Zorn und Empörung dem Römer auf die bebenden Lippen gelegt, und als Klea, während er sie aussprach, mit vollem Aufgebot ihrer keineswegs verächtlichen Kräfte die Hände aus der seinen loszuringen versuchte, da bog er ihr, immer noch heftig erregt, aber dennoch das Weib in ihr schonend, mit einem unwiderstehlichen und doch sanften Drucke die Arme ein und zwang sie, sich vor ihm zu beugen und sich langsam auf beide Knie niederzulassen.

Sobald sie so vor ihm lag, ließ Publius sie los, sie aber bedeckte die Augen mit den sie schmerzenden Händen und schluchzte laut auf vor Entrüstung und weil sie sich schmählich gedemütigt fühlte.

»Nun steh auf,« bat Publius, da er sie weinen hörte, mit völlig veränderter Stimme. »Wird es dir denn gar so schwer, dich dem Willen des Mannes zu fügen, der dich nicht lassen will und kann, und den du doch lieb hast?«

Wie mild, wie gütig klangen diese Worte!

Klea schlug, als sie sie hörte, die Augen zu Publius auf, und als sie ihn flehentlich bittend auf sie herniederschauen sah, da zerschmolz ihr Zorn und wandelte sich in dankbare Rührung, und dann näherte sie sich ihm auf den Knien, schmiegte das Haupt dicht an ihn und sagte: »Ich war ja immer gezwungen, mich auf mich selbst zu stützen und einen anderen Menschen mit Liebe zu leiten, aber es mag doch viel süßer sein, sich von der Liebe führen zu lassen, und dir will ich immer und immer gehorchen.«

»Und ich will dir's danken mit Herz und Sinn und zu jeder Stunde!« rief Publius und hob sie in die Höhe. »Du wolltest dein Leben für mich opfern, und dir gehört nun das meine. Ich für dich und du für mich, ich als dein Gatte, du als mein Weib bis ans Ende!«

Mit beiden Händen ergriff er ihre Schultern und wandte ihr Antlitz dem seinen zu.

Sie widerstand nicht länger; denn es erschien ihr süß, sich dem Willen dieses starken Mannes zu fügen.

Und wie tat es ihr, die schon als Kind die Pflicht auf sich genommen, sich stark und wachsam zu zeigen, so wohl, sich schwach fühlen und sich auf eine kräftigere Hand verlassen zu dürfen!

Ihr Blick hing beseligt und doch angstvoll an dem seinen, und eben berührte sein Mund im ersten Kusse den ihren, als beide erschreckt auseinander wichen, denn laut ward der Name Kleas durch die stille Nacht gerufen, und gleich darauf ließ sich in ihrer Nähe lautes Geschrei und dumpfes Geheul vernehmen.

»Die Mörder!« schrie Klea und schmiegte sich, zitternd für sich selbst und für ihn, an die Brust des Freundes.

Aus der todesmutigen, tugendstolzen Heldin war in einer kurzen Minute ein schwaches, hilfbedürftiges, demütiges Weib geworden.

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