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Die Schwestern

Georg Ebers: Die Schwestern - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Schwestern
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
seriesGeorg Ebers - Ausgewählte Werke
volumeVierter Band
year1893
firstpub1880
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081021
projectid5c81e946
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Zwanzigstes Kapitel

Ohne Aufenthalt jagte der königliche Wagen, auf dem Klea im Mantel und mit dem Hut des Obersten der Sicherheitswächter stand, durch die Straßen von Memphis.

Solange sie Käufer und erleuchtete Fenster zu ihrer Rechten und Linken sah, und sie lärmenden Soldaten und Bürgersleuten begegnete, die still unter dem Schein der Laternen in der eigenen oder der Hand ihrer Sklaven aus Schenken und Werkstätten von später Nachtarbeit nach Hause gingen, beherrschte sie nur bitterer Haß gegen Publius und mit dieser ihr völlig neuen Empfindung, die ihr Blut erregte und ihr den Herzschlag bald stocken ließ, bald wild beschleunigte, der Gedanke, daß der Kornelier ein Elender sei.

Mit böser Verführungskunst hatte er es versucht, eine von ihnen, gleichviel ob sie oder ihre Schwester, zu umgarnen und an sich zu ziehen.

»Bei mir,« dachte sie, »dürft' er nicht hoffen, zu seinem bösen Ziel zu gelangen, und als er sah, daß ich mich zu wehren verstand, da lockte er das arme, widerstandslose Kind mit sich fort, um es zu verderben und in Schande und Unglück zu stoßen. Und wie sein Rom, das ein Land nach dem anderen an sich zu reißen versteht, so ist auch dieser ruchlose Mann. Sobald der Brief des Schurken Euläus zu ihm gelangt war und er sich für berechtigt hielt, zu glauben, daß auch ich von dem Blick seines Auges bezwungen sei und die Flügel rege, um ihm in die Arme zu stiegen, da streckte er die begehrliche Hand auch nach mir aus und warf den Glanz und die Genüsse des königlichen Gastmahls von sich, um durch die Nacht in die Wüste zu ziehen und dort – ja, es gibt noch strafende Götter – um dort einen gräßlichen Tod zu finden!« Völlige Finsternis umgab sie jetzt; denn schwarze Wolken verdeckten den Mond.

Schon lag Memphis hinter ihr, und der Wagen fuhr durch einen hochstämmigen Palmenhain, in dem sich selbst um Mittag dunkle Schatten zum Lichte gesellten. Als an dieser Stelle der Gedanke, daß der Verführer dem Tode geweiht sei, ihr wiederum die Seele berührte, war es ihr, als entzünde sich plötzlich helles, flimmerndes Licht in ihr und um sie her, und sie halte in Jubelgeschrei ausbrechen mögen, wie ein Rächer, der den Fuß triumphierend auf die Brust des erschlagenen Todfeindes stellt.

Fest biß sie die Zähne zusammen und faßte an den Gürtel, in dem das Messer des Schmiedes Krates gesteckt hatte.

Wäre der Rosselenker an ihrer Seite Publius gewesen, mit Wonne hätte sie ihm ihre Waffe ins Herz gestoßen und sich selbst dann unter die Hufe der Pferde und die ehernen Räder des Wagens geschleudert.

Doch nein!

Lieber noch hätte sie ihn sterbend in der Wüste gefunden und ihm, bevor das Herz ihm stille stand, in das Ohr gerufen, wie sehr sie ihn hasse; und dann, wenn kein Atemzug mehr ihm die Brust bewegte, dann hätte sie sich gern über ihn geworfen und ihm die brechenden Augen mit den Lippen geküßt.

Untrennbar wie die dunkeln Wogen eines Flusses von den helleren eines anderen, mit denen sie sich vor kurzem vermischten, waren von ihren wildesten Rachegedanken weiches Mitleid und die zärtlichsten Wünsche eines ganz von Liebe erfüllten Herzens.

Jeder leidenschaftliche Trieb, der ihr bisher in der Seele geschlummert hatte, war entfesselt und erhob laut die Stimme, während sie durch das nächtliche Dunkel der Wüste zueilte.

Tobend und brausend, sich aufschwingend und einander zu Boden schlagend, tummelten sich in ihrer Brust die Wünsche, die der Haß ihr zuschrie und die Liebe ihr mit verlockenden Flötentönen ins Ohr sang.

Wie eine Tigerin hätte sie bei dieser Fahrt sich auf ihr Opfer stürzen, wie ein verstoßenes Weib die versagte Liebe auf den Knien von Publius erbetteln können. Sie hatte völlig die Empfindung der Zeit und des Raumes verloren, und wie aus einem wüsten, sinnverwirrenden Traum erwachte sie, als der Wagen plötzlich stille hielt und der Lenker ihr mit rauher Stimme zurief:

»Da sind wir, hier muß ich heimkehren!«

Sie schauerte zusammen, zog den Mantel fester um sich, sprang auf den Weg und blieb dort regungslos stehen, bis der Lenker ihr sagte:

»Ich habe die Pferde nicht geschont, mein edles Herrchen. Bekomm' ich gar nichts für einen Schluck Wein?«

Klea besaß nichts als zwei silberne Drachmen, von denen die eine ihr selbst, die andere Irene gehörte.

Der König hatte beim vorletzten Gedenktag seiner Mutter dem Tempel eine Summe zur Verteilung an alle Diener und Dienerinnen des Serapis angewiesen, und davon waren ihr und ihrer Schwester je ein Silberstück zugekommen. Klea trug beide in einem Säckchen bei sich, das auch einen Ring, den ihre Mutter ihr beim Abschiede gegeben hatte, und das Amulett des Klausners Serapion enthielt.

Jetzt nahm das Mädchen beide Drachmen und gab sie dem Rosselenker, der, nachdem er das reiche Geschenk mit den Fingerspitzen geprüft hatte, ihr, indem er die Pferde wandte, zurief:

»Eine fröhliche Nacht und den Schutz Aphroditens und aller Eroten!«

»Irenens Drachme!« murmelte Klea vor sich hin, während das Fuhrwerk sich entfernte.

Ihrer Schwester liebliches Bild trat ihr vor die Seele, und sie gedachte der Stunde, in der das noch nicht voll erwachsene Mädchen ihr das Geldstück anvertraut hatte, weil sie doch alles verliere, wenn Klea es nicht für sie aufbewahre.

»Wer wird nun für sie wachen und sorgen?« fragte sie weiter, blieb sinnend stehen und wehrte die wilden Wünsche, die sich wieder in ihr zu regen begannen, weit von sich ab, um die verirrten Gedanken zu sammeln.

Unwillkürlich war sie dem Lichtglanze ausgewichen, der von dem Fenster der Schenke her auf den Weg fiel und sie doch veranlaßte, das Auge zu erheben und ihm zu folgen. Da sah sie aus dem Dunkel, das sie umfing, gerade in zwei Männergesichter, deren Blicke nach der Stelle gerichtet waren, auf der sie stand.

Und welche Gesichter waren es, in die sie schaute!

Das eine, fleischige, von dichtem Haar und einem ungleich gewachsenen, kurzen Vollbart umrahmte, war schwärzlich braun und so roh und tierisch wie das andere ganz helle und dabei glatte und hagere bös und verschlagen.

Gemein und blöde blickten aus dem ersten blutunterlaufene, gläserne, weit hervortretende Augen, während die in dem anderen ruhelos und unstät umherzulauern schienen.

Das waren die Mordgesellen des Euergetes, das mußten sie sein!

Von Entsetzen und Abscheu gebannt, blieb sie stehen und fürchtete, daß die Schrecklichen das Pochen ihres Herzens vernehmen möchten; denn es war ihr, als sei es zu einem Kammer geworden, der in einem leeren Raume hin und her geschwungen ward und bald an ihrer Brust, bald unter ihrer Kehle mit Widerhall anschlug.

»Das Herrlein ist hinter der Schenke herumgegangen; es kennt den nächsten Weg zu den Grüften; gehen wir ihm nach und führen wir schnell das Geschäft zu Ende,« sagte der breitschulterige Mörder mit heiserer, oft versagender Flüsterstimme, die Klea noch widerwärtiger erschien als das Gesicht dieses Unholdes.

»Damit er uns kommen hört, du Dummkopf,« entgegnete der andere. »Wenn er ein Viertelstündchen auf das Liebchen gewartet, rufe ich seinen Namen mit der Stimme eines Weibes, und bei seinem ersten Schritt in die Wüste brichst du ihm das Genick mit dem Sandsack. Wir haben noch lange Zeit; denn es muß noch eine gute halbe Stunde bis Mitternacht fehlen.«

»Desto besser,« entgegnete der andere, »Unser Weinkrug ist noch lange nicht leer, und wir haben ihn dem faulen Wirt doch vorausbezahlt, bevor er ins Bett kroch.«

»Du trinkst nur noch zwei Becher,« befahl der Schmächtige, »denn diesmal haben wir es mit einem gesunden Burschen zu tun, Setnau ist nicht mehr mit bei der Arbeit, und der Braten darf keine breite Stich- oder Schnittwunde haben. Meine Zähne sind nicht wie die deinen, wenn du nüchtern bist; selbst das gekochte Fleisch, das sie zerreißen, darf nicht mehr zu hart sein. Wenn du dich besäufst und schlägst fehl, und ich komme nicht dazu, mit der Giftnadel zu stechen, geht die Sache noch schief. Aber warum ließ der Römer seinen Wagen nicht warten?«

»Ja, warum ließ er ihn fortfahren?« fragte der andere und starrte mit offenem Munde nach der Richtung hin, aus der man noch von fern das Rasseln der Räder vernahm.

Sein Genosse legte unterdessen die Hand an das Ohr und lauschte in die Ferne.

Beide schwiegen eine Minute, dann sagte der Dünne:

»Da hält der Wagen bei der ersten Schenke. Um so besser! Der Römer hat teures Vieh an der Deichsel, und die da unten haben einen Schuppen für Gäule; in dieser Spelunke gibt es kaum einen Eselsstall und nichts wie sauren Wein und vergorenes Bier. Ich mag das Zeug nicht und spare meine Drachmen für Alexandria auf und mareotischen Weißen. Der macht gesund und reinigt das Blut. Fürs erste wollt' ich, wir hätten's so gut wie die Gäule da unten; die werden viel Zeit haben, sich zu verschnaufen.«

Der andere wiederholte: »Viel Zeit werden sie haben,« grinste dazu mit breitem Munde und zog sich dann mit dem Gesellen in das Zimmer zurück, um den Becher zu füllen.

Auch Klea konnte hören, daß das Fuhrwerk, welches sie hierher getragen, anhielt, aber sie ahnte nicht, daß der Wagenlenker in die erste Schenke getreten war, um sich dort für die Hälfte der Drachme Irenens beim Wein eine Güte zu tun. Die Pferde sollten die verzechte Zeit wieder einbringen und sie konnten es leicht, denn wann endete wohl vor Mitternacht das Gastmahl des Königs?

Sobald Klea die Mörder die irdenen Becher füllen sah, schlich sie erst leise und auf den Zehen an der Schenke vorbei, suchte und fand, als der Mond auf kurze Zeit aus den Wolken hervortrat, den nächsten zu den Apisgrüften führenden Wüstenpfad und eilte dann raschen Schrittes auf ihm vorwärts.

Sie blickte gerade vor sich hin; denn wenn sie an die Seite des Weges schaute und ihrem Auge begegnete ein dürres, vom blassen Mondlicht beschienenes Wüstengewächs, so meinte sie hinter ihm das Gesicht eines Mörders zu sehen.

Die aus dem Staube hervorblitzenden Gerippe gefallener Tiere und die gebleichten Kinnbackenknochen von Kamelen und Eseln, die viel weißer schimmerten als der Sand der Wüste, auf dem sie lagen, schienen Leben gewonnen zu haben und sich zu bewegen und erinnerten sie an das Tigergebiß des bärtigen Mordgesellen.

Die Staubwolken, die ihr der stärker wehende warme Westwind ins Gesicht trieb, steigerten ihre Angst, denn er war vermischt mit der kühleren Strömung der Nachtluft, und oft war es ihr, als ob Geister mit dem warmen Hauche dahinzögen und ihr Antlitz mit kalten Fingern berührten.

Was sie auch wahrnahm, ward von ihrer erhitzten Einbildungskraft in ein furchtbares Etwas verwandelt; aber schrecklicher und grauenerregender als alles, was ihr Ohr vernahm, und jedes Trugbild, das ihr Auge im fahlen Mondlicht erblickte, waren ihre Gedanken an das, was wirklich in der nächsten Zukunft geschehen sollte, war das Entsetzliche, das den Römer und Irene bedrohte. Und sie vermochte doch das eine nicht von dem anderen zu sondern; denn nur eins erfüllte ihr Herz und Sinn: Angst, Angst, dieselbe grenzenlose, namenlose, tödliche Angst vor Todesgefahr und unauslöschlicher Schande wie vor dem luftigsten Truggebilde und vor dem nichtigsten Nichts.

Da zog eine große schwarze Wolke langsam über den Mond, und tiefes Dunkel bedeckte alles rings umher und auch die unbestimmten Gestalten, die ihre Einbildungskraft in Schreckbilder verwandelt hatte.

Sie mußte den Schritt mäßigen, um den Weg mit dem tastenden Fuße zu finden, und wie ein Kind etwas Gräßliches, das ihm naht, aufzulösen und in nichts zu verwandeln vermag, wenn es die Augen mit der Hand verdunkelt, so ward ihre Seele durch die tiefe Finsternis, die sie nun umgab, von hundert eingebildeten Schrecken plötzlich erlöst.

Aufatmend blieb sie stehen, nahm die ganze ihr innewohnende Kraft des Willens zusammen und fragte sich, was sie zu tun habe, um das Schreckliche zu verhüten.

Seitdem sie die Mordgesellen gesehen, war jeder Rachegedanke, jeder Wunsch, den Verführer mit dem Tode zu strafen, ihr aus der Seele gewichen, beherrschte sie nur noch der eine Wunsch, ihn, den Menschen, vor den Klauen reißender Tiere zu retten.

Langsam vorwärts schreitend, wiederholte sie sich jedes Wort, das sie aus dem Munde des Euergetes, des Eunuchen, des Klausners und der Mörder über Publius und Irene vernommen, und rief jeden Schritt, den sie selbst getan, seitdem sie den Tempel verlassen, sich ins Gedächtnis zurück, und so trat ihr wieder klar ins Bewußtsein, daß sie ja ausgegangen sei und Gefahren bestehe und Angst erdulde nur und ausschließlich nur um Irenens willen.

Das Bild der Schwester stellte sich schnell und mit heiterem Liebreiz ihr vor die Seele, ungetrübt von eifersüchtiger Mißgunst, die sie auch, solange die Leidenschaft sie umstrickt hielt, nicht während des kleinsten Bruchteils eines Augenblickes empfunden.

Unter ihren Augen war Irene groß geworden, von ihrer Sorgfalt behütet, im Sonnenlicht ihrer Liebe.

Für sie zu sorgen, für sie zu entbehren und schwere Mühen zu ertragen, war ihr eine Lust gewesen, und als sie sich nun, wie sie häufig zu tun pflegte, an ihren Vater wandte, als sei er gegenwärtig, und ihn mit unvernehmbaren Worten fragte: »Nicht wahr, ich habe für sie getan, was ich konnte?« und sie sich sagen mußte, daß es doch nicht anders möglich sei, als daß er diese Frage bejahe, da füllten sich ihre Augen mit Tränen, und die Bitterkeit und Unruhe, die jüngst noch ihre Brust erfüllt hatten, wichen langsam von ihr, und wie kühlende Luft nach einem glühenden Tage zog ein leiser, stiller, erquickender Hauch dankbarer Freude ihr durch die Seele.

Als sie nun stillstand, um mit ihren sich mehr und mehr an das Dunkel gewöhnenden Augen nach einem der Tempel am Ende der Sphinxstraße zu suchen, denen sie jetzt schon nahe sein mußte, drang ihr unerwartet von der Rechten her ein feierlicher, mehrstimmiger Klagegesang an das Ohr.

Das waren die Priester des Osiris-Apis, die um Mitternacht auf dem Dach des Tempels die Mysterien ihres Gottes feierten.

Sie kannte wohl diesen Hymnus, der den verstorbenen Osiris beklagte und mit stehender Bitte ihm zurief, die Macht des Todes zu brechen, aufzuerstehen, die Welt und die Menschen mit neuem Licht und neuer Lebenskraft zu beschenken und alles Verstorbene mit einem neuen Dasein zu segnen.

Mächtig wirkte dieser fromme Klagegesang auf ihre erregte Seele. Vielleicht hatten ja auch ihre Eltern den Tod gefunden und nahmen jetzt, eins mit dem Leben spendenden Gotte, teil an der Lenkung des Schicksals der Welt und der Menschen.

Höher atmend hob sie nun beide Arme empor, und zum ersten Male, seit sie sich empört von dem Allerheiligsten des Serapis abgewendet, ergoß sich ihre ganze Seele mit leidenschaftlicher Inbrunst in ein heißes, stilles Gebet um Kraft, auch ferner ihre Pflicht zu erfüllen, um einen Fingerzeig, der ihr den Weg weise, Irene vor Unglück und Publius vor dem Tode zu bewahren.

Sie fühlte sich nicht mehr allein bei diesem Gebet; nein, ihr war es, als stehe sie der unbesieglichen, das Gute schirmenden Macht, an die sie nun wieder glaubte, und für die sie doch keinen Namen hatte, Aug' in Auge gegenüber wie eine von Feinden verfolgte Tochter, die, Rettung fordernd, die Knie des mächtigen Vaters umschlingt.

Wenige Minuten hatte sie so mit erhobenen Armen gestanden, als der von neuem hervortretende Mond sie wieder zu sich selbst und in die Wirklichkeit zurückführte.

Jetzt sah sie in ihrer unmittelbaren Nähe, kaum hundert Schritte von sich entfernt, die Sphinxstraße, an deren Seite die Apisgräber lagen, bei denen Publius sie erwarten sollte.

Das Herz begann ihr wieder schneller zu pochen und die Furcht vor ihrer eigenen Schwäche in ihr lebendig zu werden.

In wenigen Minuten sollte sie dem Römer begegnen, und als sie nun unwillkürlich mit der Hand nach dem Haar fuhr, um es zu glätten, bemerkte sie, daß sie den Hut des Glaukus auf ihrem Haupte und seinen Mantel auf der Schulter trage.

Langsam und das Herz noch einmal zum Gebet erhebend, um in wenigen kurzen Sätzen um Ruhe zu bitten und besonnenen Sinn, ordnete sie das Gewand und seine Falten, und dabei stießen ihre Finger auf den Schlüssel zu den Apisgräbern, den sie noch immer bei sich trug.

Da blitzte ein Gedanke in ihrem Hirn auf, und sie hielt ihn fest und bildete ihn, schneller atmend, aus, bis sie meinte, daß sie nun den rechten Weg gefunden habe, den Mann vor dem Tode zu retten, der so reich war und mächtig, der ihr nichts gegeben und alles genommen, und dem sie, die arme Krugträgerin, mit der er sein Spiel zu treiben gedachte, nun das kostbarste unter allen Gütern, das Leben, als Geschenk darbieten konnte.

Serapion hatte gesagt, und sie glaubte es gern, daß Publius nicht unedel sei; und zu denen gehörte er doch gewiß nicht, die sich undankbar gegen ihre Retter erweisen!

Sie wollte die Berechtigung erobern, etwas von ihm zu fordern, und das konnte nichts anderes sein, als daß er ablasse von ihrer Schwester und Irene ihr wieder zuführe.

Wann mochte er sich mit dem leicht zu gewinnenden, unerfahrenen Mädchen verständigt, und wie schnell mußte sie die dargebotene Hand dieses Mannes ergriffen haben!

Von ihr, dem Kinde des Augenblicks, setzte sie nichts in Erstaunen, und sie begriff auch, daß Irenens Anmut selbst eines ernsten Mannes Herz schnell zu gewinnen vermöge.

Und dennoch!

Bei allen Aufzügen hatte er niemals Irene, immer nur sie selbst angeschaut, und wie kam es, daß er der gefälschten Einladung, sich um Mitternacht in die Wüste zu ihr zu begeben, schnell und willig Folge geleistet?

Vielleicht stand sie seinem Herzen doch näher als Irene, und wenn die Dankbarkeit ihn mit neuer Kraft zu ihr hinzog, dann, ja dann konnte er vielleicht vor sie hintreten und seinen Stolz und ihre Niedrigkeit vergessen und sie zum Weibe begehren.

Diesen Gedanken dachte sie völlig aus, aber ehe sie zu dem von den Büsten der Philosophen umgebenen Rundell gelangt war, erhob sich in ihr die Frage:

»Und Irene?«

Wäre sie ihm gefolgt und hätte sie sie ohne Abschied verlassen, wenn ihr junges Herz nicht von heißer Liebe für Publius, der ja liebenswert war vor allen anderen Männern, ergriffen worden wäre?

Und er?

Würde er sich nicht dennoch aus Dankbarkeit für das, was sie zu tun gedachte, wenn sie es forderte, entschließen, ihre Irene, die arme, aber mehr als schöne Tochter eines edlen Hauses, zu seinem Weibe zu machen?

Und wenn das möglich war, wenn diese beiden glückselig werden konnten in Liebe und Ehren, sollte sie, Klea, dieses Paar trennen?

Sollte sie ihre Irene mißgünstig aus seinen Armen reißen und in den düsteren Tempel zurückführen, der ihr nun, nachdem sie in die sonnige Luft und heitere Freiheit hinaus geflattert, doppelt finster und unerträglich erscheinen mußte?

Sollte sie es sein, die Irene ins Unglück stieß, Irene, ihr Kind, den ihr anvertrauten Schatz, den sie zu behüten geschworen?

»Nein, und wiederum nein,« sagte sie fest. »Sie ist zur Freude und ich bin zum Leidtragen geboren, und wenn ich dich, du erhabene Gottheit, noch eines bitten darf, so ist es das, daß du mir diese Liebe, die mir das Herz, als wäre es morsches Holz, stückweise zerbricht, aus der Seele nimmst, und daß du Neid und Mißgunst von mir fern hältst, wenn ich sie in seinen Armen glücklich sehe.

»Hart ist es wohl, das eigene Herz in die Wüste jagen, damit in einem andern der Frühling erblühe, aber recht ist es so, und die Mutter würde mich loben und der Vater würde sagen, ich hätte in seinem Sinne gehandelt und nach der Lehre der Männer dort auf den Postamenten. Still, still, du armes Herz, so nur so ist es das Rechte!«

Solches denkend, schritt sie an den Büsten des Zeno und Chrysipp vorüber, warf einen Blick auf ihre vom Mondlicht beleuchteten Züge, und als sie dann wieder auf die glatten Steinfliesen blickte, womit das Philosophenrundell gepflastert war, fiel ihr eigener schwarzer und scharf umrissener Schatten ins Auge, der genau demjenigen eines Reisenden glich, der mit Mantel und breitem Hut von einer Stadt in die andere wandert.

»Wie ein Mann!« murmelte sie vor sich hin, und als sie im selben Augenblick eine der ihren gleichende Gestalt, die wie sie einen Hut trug, neben der Öffnung der Apisgräber erscheinen sah und sie in ihr den Römer zu erkennen meinte, da leuchtete in ihrem erregten Hirn ein Gedanke, ein Anschlag auf, der sie erst mit Schauder, dann aber blitzschnell mit jener Wonne erfüllte, die der Adler empfinden mag, wenn er die Flügel mächtig regt und sich hoch über den Staub der Erde in den reinen, grenzenlosen Äther erhebt.

Klopfenden Herzens, tief und langsam atmend, aber hoch aufgerichtet wie eine Königin, die einem Fürsten entgegenschreitet, ging sie mit dem Hut, den sie vom Haupte genommen, in der linken und dem Schlüssel des Schmiedes Krates in der rechten Sand dem Kornelier und dem Tore der Apisgräber entgegen.

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