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Die Schwestern

Georg Ebers: Die Schwestern - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Schwestern
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
seriesGeorg Ebers - Ausgewählte Werke
volumeVierter Band
year1893
firstpub1880
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081021
projectid5c81e946
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Achtzehntes Kapitel

Vor der Hohen Pforte des Königspalastes saß eine Anzahl von Bittstellern, die hier vom frühen Morgen bis zur späten Nacht zu warten pflegten, bis man sie zur Empfangnahme der Antwort auf die eingereichten Schreiben in den Palast rief.

Klea fühlte sich, als sie bei ihrem Ziele angelangt war, so erschöpft und verwirrt, daß sie die Notwendigkeit empfand, Ruhe und Sammlung zu suchen, und so setzte sie sich denn zu diesen Leuten neben einem Weibe aus Oberägypten nieder.

Kaum hatte sie mit einem stummen Gruß den Platz an seiner Seite eingenommen, als ihr die redselige Nachbarin mit großer Ausführlichkeit zu erzählen begann, warum sie nach Memphis gekommen sei und wie ungerecht die Richter, die mit ihrem schlechten Manne ein gemeinsames Spiel spielten – denn die Männer wären immer gegen die Frauen verschworen –, ihr alles absprächen, was ihr durch den Ehekontrakt für sie und ihre Kinder zugesichert worden sei.

Zwei Monate, sagte sie, warte sie nun schon von früh bis spät vor der Hohen Pforte und sie verzehre in der teuren Stadt die letzte Barschaft, doch das sei ihr gleich, und zur Not würde sie auch noch ihren Goldschmuck verkaufen, denn einmal käme ihre Sache doch auch vor den König, und dann würde dem schlechten Kerl und seinen Spießgesellen schon gezeigt werden, was Recht sei.

Klea hörte nur wenig von diesen Worten.

Sie kam sich ihnen gegenüber vor wie einer, der es nicht wehren kann, daß ihm ein anderer Wasser und immer neues Wasser über den Kopf gießt.

Endlich bemerkte die Nachbarin, daß die Neuangekommene gar nicht auf ihre Klagen höre, stieß sie mit der Hand an die Schulter und sagte:

»Du scheinst nur an deine eigenen Sachen zu denken; die werden freilich nicht danach sein, daß man sie anderen erzählen könnte. Was meine angeht – steht es besser darum.«

Die Stimme, mit der diese Sätze gesprochen wurden, war so eintönig und dabei so scharf, daß sie Klea wehe tat und sie sich schnell erhob, um sich dem Tore zu nähern.

Ein unfreundliches Wort ihrer Nachbarin folgte ihr nach; sie aber achtete nicht darauf, sondern zog den dunklen Schleier fester zusammen und trat durch die Pforte des Königspalastes in einen weiten, durch Pechpfannen und Fackeln hell erleuchteten Hof, in dem es von Fußsoldaten und berittenen Mannschaften wimmelte.

Die Wache am Tore hatte sie vielleicht nicht beachtet, vielleicht auch um ihres hochaufgerichteten Ganges willen unangerufen vorübergehen lassen, und die vielen waffentragenden Männer, an denen sie nun vorbeischritt, schienen mit den eigenen Angelegenheiten so beschäftigt zu sein, daß keiner ihr seine Aufmerksamkeit zuwandte.

In einem schmalen, zu einem zweiten Hofe führenden, mit Laternen beleuchteten Gange kam ihr einer der Leibwächter, die man Philobasilisten nannte, ein junger übermütiger Gesell in gelben Reiterstiefeln und mit einem Panzerhemd über dem roten Waffenrocke hoch zu Rosse entgegen, bemerkte sie, versuchte es, sie zwischen die Mauer und sein Pferd zu drängen, und streckte die Hand aus, um ihr den Schleier vom Gesichte zu ziehen; Klea aber wich ihm aus und hielt die Hände abwehrend dem Kopf des Rosses, der sie beinahe berührte, entgegen.

Der Reiter, der sich an ihrer Furcht ergötzte, rief ihr zu:

»Bleibe nur stehen; er ist nicht böse.«

»Dein Pferd oder du?« fragte Klea, und das mit solchem Ernste in der tiefen Stimme, daß der Leibwächter einen Augenblick die Fassung verlor und ihr dadurch Zeit ließ, sich aus der Nähe seines Pferdes zu entfernen.

Aber das scharfe Wort der Jungfrau hatte den jungen und verwöhnten Gesellen geärgert, und wenn es ihm auch selbst an Zeit gebrach, sie zu verfolgen, so rief er doch einigen zyprischen Söldnern, an denen das geängstigte Mädchen vorbeigehen wollte, aufmunternd zu:

»Seht doch der Dirne einmal unter den Schleier, Kameraden, und wenn sie so hübsch ist wie schlank gewachsen, so wünsch' ich euch Glück zu dem Fange.«

Lachend drückte er die Weichen seines Brandfuchses mit den Schenkeln und trabte langsam von dannen, während die Zyprer Klea geflissentlich Zeit ließen, den zweiten Hof, der noch Heller beleuchtet war als der erste, zu betreten, um sie dort mit ausgelassener Zudringlichkeit zu umringen.

Der Hilflosen, Verfolgten erstarrte das Blut in den Adern, und während einiger Augenblicke sah sie nichts als ein wirres Durcheinander von blitzenden Augen und Waffen, von Bärten und Händen, hörte sie nur Worte und Laute, von denen sie weiter gar nichts verstand und wußte, als daß sie widerwärtig waren, gräßlich – vielleicht auch Tod und Verderben bringend.

Sie hatte die Arme über der Brust gekreuzt, jetzt aber erhob sie die Hände, um ihr Antlitz zu bedecken, denn sie fühlte, wie ihr eine kräftige Faust den Schleier vom Kopfe riß.

Diese rohe Tat wandelte ihre Erstarrung in zornige Erregung, und mit blitzenden Augen die bärtigen Gegner messend, rief sie:

»Schande über euch, die ihr in des Königs eigenem Hause ein wehrloses Weib wie die Wölfe überfallt, die ihr an friedlicher Stätte einer Jungfrau den Schleier vom Kopfe reißt. Eure Mütter müssen sich über euch schämen und eure Schwestern »Pfui« über euch rufen, so wie ich es jetzt tue.«

Überrascht von der vornehmen Schönheit Kleas, erschreckt von dem zornigen Glanz ihrer Augen und dem tiefen Brustton ihrer vor Erregung bebenden Stimme, waren die Zyprer von ihr zurückgewichen, nur derselbe wüste Gesell, der ihr den Schleier vom Kopfe gerissen, trat ihr näher und rief:

»Wer wird um einen morschen Schleier so viel Lärm machen! Willst du mein Schatz werden, so kauf' ich dir einen neuen und noch anderes dazu!«

Dabei versuchte er, sie mit dem Arm zu umschlingen, sie aber fühlte bei seiner Berührung, daß das Blut ihr aus den Wangen wich und mit purpurner Röte in die Augen trat, und zu gleicher Zeit erfaßte, von einem unwiderstehlichen inneren Triebe gezwungen, ihre Hand den Griff des Messers, das ihr der Schmied Krates geliehen, schwang es mit zitterndem Arme und rief:

»Du läßt mich frei, oder, beim Serapis, in dessen Diensten ich stehe, ich stoße dich nieder!«

Der Krieger, dem diese Drohung galt, war nicht der Mann, sich von einem Blättchen Eisen in der Hand eines Weibes einschüchtern zu lassen, und faßte mit einem schnellen Griff ihr Handgelenk, um sie zu entwaffnen; aber obgleich Klea das Messer fallen lassen mußte, rang sie doch gegen ihn, um sich von seiner Faust zu befreien, und dieser Kampf eines Mannes gegen ein Weib, das doch mehr zu sein schien, als worauf seine schlichte Kleidung deutete, erschien auch den meisten Zyprern so unwürdig und im Palast des Königs so wenig am Platze, daß sie den Genossen von Klea zurückrissen, während wieder andere dem sich kräftig wehrenden Raufbold zu Hilfe kamen.

Mitten in diesem, mit großem Geschrei verbundenen Handgemenge stand Klea mit fliegendem Atem.

Ihr zu Boden gerissener Widersacher hielt, indem er sich mit der Rechten gegen die Genossen wehrte, mit der Linken noch immer ihr Handgelenk fest, und sie versuchte mit Kraft und List, es ihm zu entziehen; denn mitten in der höchsten Gefahr und Erregung war es ihr, als hätte ein plötzlicher Windstoß ihr jede Befangenheit aus der Seele gefegt, und von neuem fühlte sie in sich die Fähigkeit, ihre Lage klar und sicher zu überschauen.

Wenn ihre Hand frei war, konnte sie vielleicht den Streit ihrer Gegner benützen und ihre Reihe an einer offenen Stelle durchbrechen.

Zwei-, drei- und viermal versuchte sie, den Knöchel den ihn umklammernden Fingern durch einen schnellen Ruck zu entziehen, aber immer vergebens.

Plötzlich ertönte unter ihr ein lauter, langgezogener, von den hohen Mauern des Palasthofes widerhallender Klageschrei, und im selben Augenblicke fühlte sie, wie sich die Finger ihres Gegners so langsam und allmählich von ihrem Arme trennten, wie Sandalenriemen, die der Arzt behutsam von einem gebrochenen Knöchel löst.

»Der hat sein Teil,« rief der älteste Mann unter den Zyprern, »so schreit man nur einmal im Leben! Wahrhaftig, dicht unter der neunten Rippe steckt ihm der Dolch! Unsinniges Zeug! Das bist du wieder gewesen, Lykos, du wütender Wolf!«

»Er hat mich beim Kampf tief in den Finger gebissen ...«

»Und stets und immer nur um die Weiber zerfleischt ihr einander,« unterbrach der Alte den anderen, seine Entschuldigung überhörend. »Ich hab's auch einmal nicht besser gemacht; und keiner wird's ändern! Fort jetzt; denn wenn der Epistrateg erfährt, daß es wieder zu Dolchstichen unter uns kam ...«

Der Zyprer hatte noch nicht ausgesprochen, und seine Landsleute standen noch im Begriff, die Leiche des Kameraden aufzuheben, als eine Abteilung Sicherheitswächter in geschlossener Reihe aus dem Gange, vor dem sich der Kampf um die Jungfrau entsponnen hatte, in den Hof stürmte und die zur Flucht Bereiten aufhielt; denn den Torweg, in dem Klea von dem Reiter bedrängt worden war, mußten alle durchschreiten, die ins Freie wollten.

Jeder andere Ausgang des zweiten Burghofes führte zu den stark bewachten Gärten und Gebäuden des eigentlichen Königspalastes.

Der laute Streit um Klea und der Schrei des Verwundeten hatte die Sicherheitswache herbeigelockt, bald befanden sich die Zyprer und das Mädchen in ihrer Mitte und wurden durch eine enge Seitengasse in den Hof der Gefängnisse gebracht.

Nach einem kurzen Verhör ließ man die festgenommenen Männer unter Bedeckung zu ihrer Phalanx führen, Klea aber folgte gern dem Befehlshaber der Sicherheitswache zu einer weniger hell beleuchteten Stelle des Gefängnishofes; denn sie erkannte in ihm sogleich des Klausners Bruder Glaukus und er in ihr die Tochter des Mannes, der für seinen Vater alles getan und geopfert, und mit der er manchmal im Tempel des Serapis Grüße getauscht und geredet.

»Was ich vermag,« sagte dieser noch höher, aber weniger breit als sein Bruder gewachsene Mann, nachdem er des Klausners Briefchen gelesen und Klea ihm eine Reihe von Fragen beantwortet hatte, »was ich vermag, das will ich mit Freuden für dich und deine Schwester tun, denn ich habe nicht vergessen, was wir eurem Vater schulden; aber ich muß bedauern, das du dich in solche Gefahr begabst; denn es ist für eine schöne Jungfrau immer mißlich, diesen Palast in später Stunde zu betreten, heute aber ganz besonders, denn es wimmeln die Höfe nicht nur vom Kriegsvolk Philometors, sondern auch von dem seines Bruders, das zur Geburtstagsfeier des Gebieters hierher gekommen ist. Die Leute sind gut bewirtet worden, und der Soldat, der dem Dionysus geopfert, greift nach den Gaben des Eros und der Aphrodite, wo er sie findet. Den Brief meines Bruders an den Römer Publius Kornelius Scipio werd' ich sogleich besorgen, aber wenn du die Antwort empfangen, tätest du gut, dich zu meiner Frau oder Schwester, die in der Stadt wohnt, führen zu lassen und bei der einen oder anderen den Morgen zu erwarten. Hier kannst du keine Minute unbehelligt bleiben, während ich fort bin. – Wie soll nur ... Ja! Die einzige sichere Stelle, die ich dir zu bieten vermag, ist das Gefängnis dort drüben. Die Kammer, in der man die Unterbefehlshaber einsperrt, die etwas verbrochen haben, steht gerade leer, und in die werd' ich dich führen. Sie wird sauber gehalten, und es steht auch ein Bänkchen darin.«

Klea folgte dem, wie seine hastige Weise deutlich bewies, in wichtigen Geschäften unterbrochenen Mann zu dem Gefängnisse, das sie in wenigen Schritten erreichte, bat Glaukus, ihr des Römers Antwort möglichst schnell zu überbringen, erklärte sich gern bereit, im Dunkeln zu bleiben, weil sie einsah, daß das Lampenlicht sie verraten könne, und sie sich nicht vor der Finsternis fürchtete, und ließ sich dann einschließen.

Als sie hörte, wie der eiserne Bolzen kreischend in sein ehernes Bett eindrang, überlief sie ein leiser Schauer, und obwohl das Zimmer, in dem sie sich befand, nicht schlechter und kleiner war als ihre und ihrer Schwester Wohnung im Serapistempel, so beengte es sie doch, und es schien ihr sogar, als hemme ihr ein unbestimmtes Etwas den Atem, wie sie sich sagte, daß sie eingeschlossen und der Freiheit, zu gehen und zu kommen, beraubt sei.

Durch die in den beleuchteten Hof schauende vergitterte einzige Fensteröffnung ihres Gefängnisses trat mattes Licht in dasselbe und zeigte ihr eine kleine Bank von Palmenstäben, auf die sie sich setzte, um die Ruhe zu suchen, deren sie so nötig bedurfte.

Jede Empfindung des Mißbehagens wich langsam mit dem neu erwachenden Gefühl der Erholung von ihr, und schon begannen sich in die Erinnerung an das vor kurzem erlebte Entsetzliche freundlichere Zuversicht und Hoffnung zu mischen, als es vor dem Gefängnisse lebendig wurde und sich draußen Pferdegetrappel und Kommandoruf vernehmen ließ.

Sie erhob sich von der Bank und sah, wie etwa zwanzig Reiter, in deren goldenen Helmen und Panzerhemden sich das Licht der Laternen spiegelte, den weiten Hof zu ihren Füßen von allen Menschen säuberten, indem sie dieselben, wie die Flammen das Wild auf einer brennenden Heide, vor sich hertrieben und in einen zweiten Hof drängten, um daselbst wie in dem ersten zu verfahren. Wenigstens hörte Klea sie dort wie hier laut »Im Namen des Königs!« rufen.

Zuletzt kehrten die Reiter zurück und stellten sich zu zehn und zehn an jeden der beiden in den Hof führenden Eingänge als Wachtposten auf.

Klea schaute diesem ihr völlig neuen Schauspiele nicht ohne Teilnahme zu, und als eines der edlen Rosse, vom Laternenlicht geblendet, scheu wurde und zur Seite sprang, sich bäumte und wieder bäumte und den starken Reiter abzuwerfen drohte, dieser aber es bändigte und zum Stillstehen zwang, verwandelte sich der mazedonische Kriegsmann vor ihr in Publius, der gewiß nicht weniger gut als jener ein Roß zu bezwingen vermochte.

Kaum war der durch die Leibwächter gesäuberte Hof völlig leer von Menschen, als etwas Neues die Aufmerksamkeit Kleas in Anspruch nahm.

Zuerst hörte sie in dem ihrem Gefängnis benachbarten Raum Schritte, dann fielen helle Lichtstreifen durch die Spalten der dünnen, ihre Aufenthaltsstätte von dem letzteren trennenden Scheidewand, dann wurden die neben dem ihren befindlichen beiden Fensteröffnungen mit schweren Läden geschlossen, dann rückte man Stühle oder Bänke und legte verschiedene Gegenstände auf einen Tisch, endlich aber wurde die Tür des Nachbarzimmers so heftig aufgerissen und zugeschlagen, daß auch die Pforte, die das ihre verschloß, und die Bank, neben der sie sich hingestellt hatte, erbebend wankte.

Zu gleicher Zeit rief eine tiefe, klangvolle Stimme mit lautem, aus voller Brust kommendem Gelächter:

»Einen Spiegel, einen Spiegel her, Euläus! Beim Himmel, nach Gefängniskost seh' ich nicht aus, wohl aber wie einer, in dessen großem Schädel es nicht an guten Anschlägen fehlt, wie einer, der seinen Gegner mit einem Griff seiner Faust erdrosselt und jedes Beutestück rasch verwertet, um, bevor ihm der Strick an den Hals kommt, in jeder Stunde die Lust eines ganzen Tages zusammenzudrängen und auszukosten! So wahr ich Euergetes heiße, mein Oheim Antiochus hatte recht, wenn er's liebte, sich unter das Volk zu mischen!

Wie an jedem Teil ihres Leibes, so hängen all die glänzenden Gliederpuppen, die uns Könige umgeben, Hüllen und Lappen um den Ausdruck jeder kräftigen Empfindung; und schwindelig möchte man werden, wenn man bedenkt, daß man, um nicht betrogen zu werden, jedes Wort, das man hört – und o weh! wie viele Worte hat man zu hören! – im Geiste umdenken muß. Das Gesindel hingegen, das schon meint, es sei hübsch angezogen, wenn ihm ein fadenscheiniges Schurztuch um die braunen Hüften hängt, ist besser daran!

Wenn solchem nackten Weisen, der alles bei sich trägt, was er besitzt, ein anderer von seinem Schlage sagt, er sei ein Hund, so schlägt er ihm als Antwort mit der Faust ins Gesicht, und wie könnte man deutlicher sein! Wenn ihm dagegen gesagt wird, er sei ein prächtiger Kerl, so glaubt er's ohne Rückhalt und hat volles Recht, es zu glauben.

Hast du gesehen, wie der gedrungene Kleine mit der Stulpnase und den krummen Beinen, der so breit ist wie lang, vor Vergnügen grinsend die Zähne wies, als ich seine sichere Hand lobte? So lacht eine Hyäne, und ein gottverhaßtes Ungetüm nennt jeder gute Hausvater diesen Burschen; doch wie wert müssen ihn die Himmlischen halten, die ihm solch tadelloses Gebiß in das Maul steckten, und es ihm fünfzig Jahre – denn so alt muß der Biedermann sein – freundlich erhielten! Wenn dem Gesellen der Dolch zerbricht, so beißt er sein Opfer mit den Zähnen tot, wie der Fuchs eine Ente, oder er bricht ihm mit den Fäusten die Knochen entzwei.«

»Aber, mein Gebieter,« entgegnete trocken und mit einem gewissen sachlichen Ernst der Eunuch Euläus dem König Euergetes – denn dieser war mit ihm in den dem Zimmer Kleas benachbarten Raum getreten – »aber der kleine, dürre Ägypter mit dem dünnen, schlichten Haar ist noch zuverlässiger und zäher und geschmeidiger, und darum auch wohl noch schätzenswerter als sein Genosse. Der eine stürzt sich polternd wie ein vom Dache fallender Felsblock auf seine Beute, der andere aber schlägt ihm seinen Giftzahn unversehens ins Fleisch wie eine im Sande versteckte Natter. Der dritte, auf den ich gute Hoffnung setzte, ist vorgestern ohne mein Wissen geköpft worden, aber das Paar, das du mit eigenen Augen zu prüfen die Gnade hattest, genügt. Sie dürfen weder Dolch noch Lanze gebrauchen, aber sie kommen auch leicht mit Schlingen und Haken und vergifteten Nadeln, die Wunden verursachen, die dem Stich einer Natter gleichen, zum Ziele. Man darf sich auf diese Burschen verlassen.«

Wiederum lachte Euergetes laut auf und rief:

»Welche Kritik! Gerad' als wären diese Bluthunde Tragödienspieler, von denen der eine durch Feuer und Pathos, der andere durch die Feinheit der Auffassung besser zu wirken vermag.

Das nenn' ich ein unbefangenes Urteil!

Aber warum soll man auch nicht groß sein können im Morden?

Aus welcher Henkerschlinge hast du den Hals des einen gezogen? Auf welchem Richtblocke lag der Kopf des anderen, als du ihn fandest?

Die Stunde, in der man Neues erblickt, gehört zu den guten, und, beim Herakles, Kerlen wie denen da bin ich Zeit meines Lebens noch nicht begegnet. Ich bereue es nicht, sie besucht und, als sei ich ihresgleichen, mit ihnen verkehrt zu haben.

Nimm mir jetzt den zerrissenen Rock vom Leibe und hilf mir, mich umzukleiden. Bevor ich zum Gastmahl gehe, werfe ich mich übrigens schnell in das Bad, denn es juckt mich an allen Gliedern; es ist mir, als wär' ich in ihrer Nähe schmutzig geworden.

Da liegen meine Kleider und die Sandalen. Schnüre sie mir an und erzähle dabei, wie du den Römer ins Netz lockst.«

Klea konnte jedes Wort dieser furchtbaren Unterhaltung verstehen und faßte sich dabei schaudernd an die Stirn, denn es fiel ihr schwer, an die Wirklichkeit der entsetzlichen Bilder, die ihr hier gezeigt wurden, zu glauben. Wachte sie oder war sie von einem gräßlichen Traume befangen?

Sie wußte es nicht und begriff auch von allem, was sie da hörte, kaum die Hälfte, bis des Römers Name genannt ward.

Als treffe der Stich einer dünnen und scharfen Klinge ihr das Gehirn und durchbohre es in schräger Richtung von der rechten zur linken Seite, so war es ihr, als nun in ihr der Gedanke aufblitzte, daß gegen ihn, daß gegen Publius des Euläus reißende Tiere in Menschengestalt gehetzt werden sollten, und wieder gewann sie im Angesicht des Gräßlichsten, des Unerhörtesten die volle Klarheit ihres Geistes zurück.

Leise schlich sie zu derjenigen Spalte der Scheidewand, durch die der breiteste Lichtschimmer in das dunkle Gemach fiel, näherte derselben ihr Ohr und sog nun, wie ein Verschmachtender in der Wüste das widrige Wasser einer salzigen Lache, in furchtbarer Spannung, Silbe für Silbe, den Bericht ein, den der Eunuch seinem verbrecherischen Gebieter, der ihn oft mit Einwürfen, Worten des Beifalls oder einem kurzen Auflachen unterbrach, erstattete.

Was sie vernahm, war wohl geeignet, ihr die Besinnung zu rauben, aber mit je bestimmteren Tatsachen sich das, was sie nun hören mußte, beschäftigte, desto schärfer lauschte sie, desto fester nahm sie ihre Gedanken zusammen.

In ihrem, Kleas, eigenem Namen hatte Euläus den Römer bestimmt, um Mitternacht in der Wüste in der Nähe der Apisgräber zu einem Stelldichein zu erscheinen.

Der Eunuch wiederholte die Worte, die er zu diesem Zweck auf eine Scherbe geschrieben, und welche Publius baten, ganz allein an der angegebenen Stelle zu erscheinen, denn im Tempel dürfe sie nicht mit ihm reden. Zuletzt ward er gebeten, ihr auf der Rückseite des Tonstücks seine Antwort zu erteilen.

Klea hätte, als sie diese Worte, die ein Bösewicht ihr in den Mund legte, vernahm, am liebsten laut aufgeschluchzt vor Herzensangst, Scham und Ingrimm, aber es galt jetzt, nur die Ohren offen zu halten; denn Euergetes fragte sein furchtbares Werkzeug:

»Und wie lautete des Korneliers Antwort?«

Der Eunuch mußte dem König die Scherbe überreicht haben, denn der letztere lachte abermals laut auf und rief:

»Er geht also ins Garn, kommt spätestens eine halbe Stunde nach Mitternacht und läßt Klea von ihrer Schwester Irene grüßen. Er treibt die Liebe und das Entführen im großen und kauft die Krugträgerinnen paarweise wie Tauben auf dem Markt oder Sandalen in eines Schusters Bude.

»Sieh nur, wie der Tropf griechisch schreibt! Da macht er in den wenigen Worten zwei Fehler, zwei richtige Schuljungenschnitzer!

Der Bursch hat heute einen zu glücklichen Tag, als daß er bei der üblen Gewohnheit der Götter, die Hand, mit der sie ihre Günstlinge lange geliebkost haben, in eine schlagende Faust zu verwandeln, nicht auf einen schlimmen Abend rechnen müßte.

Amaltheas Horn ward heute über ihm ausgeschüttet: erst schnappte er mir meine kleine Hebe, die Irene aller Irenen, die ich morgen von ihm zu erben hoffe, vor der Nase fort, dann bekam er von mir meine besten kyrenäischen Rosse geschenkt und zugleich mit ihnen die schmeichelhafte Versicherung meiner kostbaren Freundschaft, dann ward er von meiner schönen Schwester empfangen, und es kitzelt das Herz eines Republikaners mehr, als man glauben sollte, wenn Kronenträger ihnen gnädig gesinnt sind, und endlich ruft ihn die Schwester seiner reizenden Liebsten, die, wenn du und Zoë die Wahrheit reden, zu den Schönheiten im großen Stil gehört, zum Stelldichein.

Das ist für einen Bewohner dieser höchst mangelhaft eingerichteten Welt und für einen einzigen Tag, der bald zu Ende ist, wenn er begonnen, zu viel des Guten, und die Gerechtigkeit fordert, daß wir dem Schicksal nachhelfen und diesen Mohnkopf, der sich über die Brüder erheben will, abhauen. Die Tausende, denen es weniger gut geht, hätten sonst ja Grund, sich über Zurücksetzung zu beklagen.«

»Ich sehe dich mit Freuden in einer glücklichen Stimmung,« versetzte Euläus.

»Sie ist, wie sie ist,« unterbrach ihn der König. »Ich glaube, daß ich das lustige Liedchen nur pfeife, um mir im Dunkeln den Mut zu erhalten. Stände ich mit dem, was andere Leute Angst nennen, auf besserem Fuße, so hätte ich wohl Grund, mich zu fürchten; denn bei dem Wachtelkampf, den wir da begonnen, setze ich eine Krone ein und mehr noch als das.

Erst morgen wird sich's entscheiden, ob das Spiel gewonnen ward oder verloren, aber das weiß ich schon heute, daß ich lieber mein Unternehmen gegen Philometor und meine Hoffnungen auf die Krone beider Ägypten, als unseren Anschlag gegen das Leben des Römers scheitern sähe; denn ehe ich König wurde, war ich ein Mensch und würde es bleiben, wenn mein jetzt doch nur auf zwei Beinen stehender Thron unter meiner Last zusammenkrachte.

Meine Herrscherwürde ist nur ein Kleid, wenn auch das kostbarste aller Gewänder. Wer mir das befleckt und beschädigt, dem könnt' ich, wenn das Vergeben überhaupt meine Sache wäre, recht wohl verzeihen, aber wer dem Menschen Euergetes zu nahe tritt und diesen Leib und den Geist, den er birgt, anzutasten und das, was er begehrt und fordert, zu kreuzen wagt, den trete ich unerbittlich zu Boden, den will ich in Stücke zerreißen! Dem Römer ist das Urteil gesprochen, und wenn deine Mordgesellen ihre Schuldigkeit tun und die Götter das Opfer annehmen, das ich ihnen beim Sonnenuntergange für das Gelingen meines Vorhabens schlachten ließ, so wird in zwei Stunden Publius Kornelius Scipio verblutet sein.

Er ist über mich, den Menschen, zu lachen berechtigt, aber dafür habe ich als Mensch das Recht und als König auch die nötige Macht, dafür zu sorgen, daß dieses Lachen sein letztes sei. Könnt' ich Rom ermorden wie ihn, so sollt' es mich freuen; denn nur Rom hindert mich, unter den großen Königen unserer Zeit der größte zu werden, morgen aber werd' ich höhere Freude empfinden, wenn es heißt: den Publius Kornelius Scipio haben wilde Tiere zerrissen, und sein Leichnam ist so verstümmelt, daß ihn die eigene Mutter nicht wiederzuerkennen vermöchte, als wenn ein Bote die Nachricht brächte, Karthago habe die Macht der Römer gebrochen.«

Mit einer Stimme, die wie das Rollen des Donners bei einem schnell heraufziehenden Gewitter immer lauter und tiefer und heftiger grollte, hatte Euergetes diese letzten Worte gesprochen.

Als er endlich schwieg, sagte Euläus:

»Diese Freude, mein Gebieter, werden dir die Unsterblichen nicht vorenthalten. Die tüchtigen Bursche, die du zu sehen und zu prüfen die Gnade hattest, treffen so sicher wie der Blitz des Vaters Zeus, und da wir durch den Rosselenker des Römers wissen, wo er Irene verborgen hält, so wird sie dir so wenig entgehen wie die Krone von Ober- und Unterägypten. – Gestatte mir jetzt, dir den Mantel umzulegen und dann die Leibwächter zu benachrichtigen, damit sie dich umringen, während du in deine Wohnung zurückkehrst.«

»Noch eines,« rief der König, indem er den Eunuchen zurückhielt. »Bei den Apisgräbern standen stets Truppen, welche die heiligen Stätten zu bewachen hatten; können sie deinen Freunden nicht hinderlich werden?«

»Ich habe,« entgegnete Euläus, »alle Soldaten und bewaffneten Wächter bis auf den letzten nach Memphis beschieden und in der weißen Mauer unterbringen lassen. Morgen früh, ehe du zur Tat schreitest, werden sie durch eine stärkere Abteilung ersetzt, damit sie hier nicht die Truppen deines Bruders verstärken, wenn es zum Kampfe kommt.«

»Ich werde diese Umsicht zu lohnen wissen,« versetzte Euergetes, während der Eunuch das Gemach verließ.

Klea hörte darauf von neuem eine Tür gehen und zahlreiche Pferdehufe das Pflaster des Hofes schlagen.

Als sie dann zitternd an das Fenster trat, sah sie Euergetes selbst und das große, starkknochige Roß, das ihm zugeführt wurde.

Der Schreckliche wickelte die Mähne des unruhig stampfenden Tieres um die Hand, und Klea dachte, daß diese ungeheure Masse nur mit Hilfe vieler Männer auf den Rücken dieses Pferdes gelangen könne; doch sie irrte; denn mit gewaltiger Schwungkraft schnellte sich der Riese an dem Leibe des Rosses in die Höhe und sprengte, den keuchenden Hengst nur mit den Schenkeln regierend und rings von seinem glänzenden Gefolge umgeben, aus dem Gefängnishofe hinaus.

Wenige Augenblicke blieb dieser völlig menschenleer, dann wurde er von einem eiligen Manne betreten, der das Gemach, in dem Klea verweilte, aufschloß und sich ihr als einen Untergebenen und Boten des Glaukus zu erkennen gab.

»Mein Herr,« teilte der ergraute Sicherheitswächter dem Mädchen mit, »läßt dir seinen Gruß entbieten und sagen, daß er weder den Römer Publius Scipio noch seinen Freund aus Korinth zu Hause getroffen. Er ist verhindert, dich selbst aufzusuchen; denn er hat alle Hände voll zu tun, weil Soldaten von beiden Königen in der weißen Mauer liegen und zwischen ihnen allerlei Reibungen vorkommen. Du kannst auch nicht in diesem Raume bleiben; denn er wird gleich von einigen Unterbefehlshabern, die Händel begannen, eingenommen werden. Glaukus stellt dir die Wahl, dich von mir zu seiner Frau führen zu lassen, oder in den Tempel, in den du gehörst, zurückzukehren. Im letzteren Falle soll dich – denn die Stadt ist überfüllt von trunkenem Kriegsvolk – ein Wagen bis zum zweiten Wirtshause von Kakem führen, das am Rande der Wüste liegt, und in dem du vielleicht einen Begleiter findest, wenn du dich dem Wirte zu erkennen gibst. Das Fuhrwerk muß in einer kleinen Stunde zurück sein, denn es gehört zu denen des Königs, und wenn das Gastmahl früh endet, könnte es sonst an Wagen fehlen.«

»Ich will dahin zurück, wohin ich gehöre,« unterbrach Klea den Boten mit Eifer. »Führe mich gleich zu dem Wagen.«

»So folge mir,« bat der Alte.

»Aber ich bin unverschleiert,« bemerkte Klea, »und trage nichts als dieses dünne Gewand. Rohe Soldaten haben mir die Hülle vom Gesicht und den Mantel von der Schulter gerissen.«

»So bring' ich dir den des Obersten, der hier neben in dem Befehlshaberzimmer liegt, und auch seinen Reisehut, dessen breite Krämpe dein Gesicht verdecken wird. Man kann dich bei deiner stattlichen Größe für einen Mann ansehen, und das ist gut, denn eine Frau, die zu dieser Stunde den Palast verläßt, möchte schwer unangefochten bleiben. Morgen holt ein Sklave die Sachen aus eurem Tempel ab. Ich darf sie dir schon anvertrauen, denn mein Herr hat mir befohlen, für dich zu sorgen, als seist du seine leibliche Tochter. Er läßt dir auch sagen, und das hätte ich doch beinahe vergessen, deine Schwester sei dem Römer Publius Kornelius Scipio gefolgt und nicht dem andern sehr gefährlichen Manne, du würdest schon wissen. Nun warte, ich bitte dich, bis ich wiederkomme; es wird nicht lange dauern.«

Nach wenigen Minuten kehrte der Sicherheitswächter mit einem großen Mantel, in den Klea sich hüllte, und einem breitkrämpigen Reisehut, den sie sich auf das Haupt drückte, zurück und führte sie dann zu dem Palastquartiere, in dem sich die Ställe des Königs befanden.

Sie mußte sich dicht bei dem Beamten halten, und bald darauf stand sie auf einem Wagen und ließ sich von dem Rosselenker, der sie für einen mazedonischen Edlen hielt, den ein Stelldichein hinaus in die Nacht locke, bis zur zweiten Schenke an dem zum Serapeum führenden Wege fahren.

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