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Die Schwestern

Georg Ebers: Die Schwestern - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Schwestern
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
seriesGeorg Ebers - Ausgewählte Werke
volumeVierter Band
year1893
firstpub1880
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081021
projectid5c81e946
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Sechzehntes Kapitel

Klea war dem Geheiß des Priesters sogleich gefolgt und schritt, ohne recht zu wissen wohin, aus einem Gang der großen Gebäudemasse in den andern, bis der laute Klang der kräftig geschlagenen ehernen Scheibe, dessen zitternde Schwingungen auch den verstecktesten Winkel des Tempels erreichten, sie aufschreckte.

Auch ihr galt dieser Ruf, und darum trat sie in den Versammlungshof, wo es lebendig und immer lebendiger wurde.

Die Tempeldiener und Pfleger der Tiere, die Torhüter, die Sänften- und Wasserträger strömten von der unterbrochenen gemeinsamen Mahlzeit herbei, wischten sich beim eiligen Laufe den Mund oder hielten ein Stück Brot, einen Rettich, eine Dattel zwischen den Fingern, um sie noch schnell zu verzehren; mit nassen Händen kamen die Wäscher und Wäscherinnen der weißen Priestergewänder und mit triefender Stirn die Köche von der noch unvollendeten Arbeit. Weithin dufteten die noch ungesäuberten Hände der Pastophoren, die in den Laboratorien mit der Bereitung von Räucherungsstoffen beschäftigt gewesen waren. Aus der Bibliothek und Schreibestube kamen mit wirrem Haar und mit roter oder schwarzer Farbe am dünnen Arbeitskittel die Beamten der Bücherei und der Verwaltungskammer des Tempelgutes. Wohlgeordnet, so wie sie bei der Chorgesangübung vereint gewesen war, zog die Schar der Sänger und Sängerinnen heran und mit ihr das verblühte Zwillingsschwesternpaar, zu dessen Nachfolgerinnen Asklepiodor Klea und Irene ausersehen hatte.

Lärmend und vergnügt über den unterbrochenen Unterricht, drängten, von den Lehrern geführt, die Zöglinge der Tempelschule in den Hof. Die ältesten von ihnen wurden abgesandt, um den großen Baldachin herbeizutragen, worunter sich die Leiter des Heiligtums versammelten.

Ganz zuletzt erschien Asklepiodor, und überreichte einem jüngeren Schreiber die Liste der Namen sämtlicher Bewohner und Mitglieder des Tempels, damit er die verlese.

Dies geschah.

Jeder Aufgerufene antwortete mit einem vernehmlichen »Hier«, und bei dem Fehlenden wurde schnell Auskunft über sein Verbleiben erteilt.

Klea hatte sich zu den Sängerinnen gesellt und wartete mit atemloser Spannung lange, unendlich lange auf den Namen der Schwester, denn erst, nachdem auch der kleinste Schüler und der unterste Viehknecht sein »Hier« gerufen, las der Schreiber: »Die Krugträgerin Klea« und nickte ihr zu, als sie »Hier« rief.

Dann erhob er die Stimme lauter als vorher und las:

»Die Krugträgerin Irene.«

Als auf diesen Ruf keine Antwort erfolgte, bemächtigte sich eine leise Bewegung, wie das Gewoge eines reifenden Kornfeldes, wenn der Morgenwind über die Ähren dahinzieht, der versammelten Tempelgenossen, die in lautlosem Schweigen verharrten, als Asklepiodor hervortrat und mit weithin vernehmbarer Stimme sagte:

»Auf meinen Ruf seid ihr alle in dieser Stunde zusammengekommen. Die einzigen, die ihm nicht folgten, sind die dem Serapis geweihten heiligen Männer, denen ein Gelübde verbietet, ihren Verschluß zu sprengen, und die Krugträgerin Irene.

Noch einmal rufe ich laut zum ersten-, zweiten- und drittenmal »Irene«, und noch immer bleibt sie die Antwort schuldig.

So wende ich mich denn an euch, ihr versammelten Großen und Kleinen, Männer und Weiber im Dienste des Serapis! Weiß einer von euch Kunde von dem Verbleiben dieses Mädchens zu geben? Hat sie einer, seitdem sie bei Anbruch des Tages die erste Spende aus dem Brunnen der Sonne vor den Altar des Gottes stellte, gesehen?

Ihr schweigt alle? Es ist also keiner von euch ihr am heutigen Tage begegnet?

Nun noch einige Fragen, und wer sie beantworten kann, der trete vor und rede der Wahrheit gemäß.

Aus welchem Tor entfernte sich die vornehme Frau, die den Tempel heute früh besuchte? – Aus dem des Ostens! – Gut. –

War sie allein? – Sie war es. Aus welchem Tor entfernte sich der Epistolograph Euläus? – Aus dem des Ostens.

War er allein? – Er war es.

Ist einer von euch dem Wagen der vornehmen Frau oder des Epistolographen begegnet?«

»Ich!« rief ein Fuhrknecht des Tempels, der mit seinem Ochsengespann täglich nach Memphis ging, um von dort Vorräte für die Küche und andere notwendige Dinge zu holen.

»Rede!« befahl der Oberpriester.

»Ich habe,« entgegnete der Mann, »die Schimmel des Herrn Euläus, die ich gut kenne, bei den Weinbergen vor Kakem gesehen. Sie zogen eine verschlossene Kutsche, und in der hat außer ihm selbst noch ein Frauenzimmer gesessen.«

»War es Irene?« fragte Asklepiodor.

»Ich weiß nicht,« antwortete der Fuhrknecht, »denn sehen konnte ich keinen, der in dem Kasten saß, aber ich hörte des Eunuchen Stimme und dann auch, wie eine Frauensperson lachte. Das klang so lustig, daß ich selbst das Maul verziehen mußte, so hat's mich gekitzelt.«

Während Klea bei diesen Worten Irenens heiteres Lachen, an das sie heute zum erstenmal mit Schmerz gedachte, zu hören vermeinte, rief der Oberpriester:

»Torhüter von der Pforte des Ostens, betraten und verließen der Epistolograph und die vornehme Frau unser Heiligtum gemeinsam?«

»Nein,« lautete die Antwort. »Sie kam eine halbe Stunde später als er und verließ den Tempel lange nach dem Eunuchen ganz allein.«

»Und Irene ging nicht durch deine Pforte, kann nicht durch sie gekommen sein? Das frage ich dich im Namen des Gottes!« »Es wäre doch möglich, heiliger Vater,« entgegnete der Torhüter ängstlich. »Ich habe ein krankes Kind; um nach ihm zu sehen, bin ich manchmal in unser Zimmer gegangen, aber immer nur auf kurze Zeit; doch die Pforte steht offen – es herrscht ja jetzt Ruhe in Memphis.«

»Du hast unrecht gehandelt,« entgegnete Asklepiodor streng, »aber weil du die Wahrheit geredet, so magst du ungestraft bleiben. Wir wissen genug. Ihr Torhüter mögt mich jetzt hören. Alle Pforten des Tempels werden sorgsam verschlossen und keiner, auch nicht einer der Pilger oder ein Großer aus Memphis, so hoch er auch stehe, darf ihn betreten oder verlassen ohne meine besondere Erlaubnis. Seid wachsam, als wenn sich's um einen Überfall handelte, und nun gehe jeder an die Arbeit.«

Die Versammlung löste sich auf.

Der eine begab sich hierhin, der andere dorthin.

Klea fühlte nicht, daß viele sie mißbilligend, als trage sie die Verantwortung für die Handlungsweise ihrer Schwester, oder mit Bedauern anschauten, sie sah auch nicht die Zwillingsschwestern, an deren Stelle sie selbst und Irene treten sollten, und das tat den guten alternden Mädchen leid, die so viel zu klagen hatten, wenn sie gar nichts dabei empfanden, daß sie jede Gelegenheit mit Ungeduld und Eifer ergriffen, um ihre Empfindungen zum Ausdruck zu bringen, wenn sie einmal wirkliches Bedauern fühlten.

Aber es wagten auch weder diese mitleidigen Geschöpfe, noch andere Tempelbewohner, die mit der Absicht, Klea auszufragen oder zu beklagen, auf sie zugetreten waren, sie anzureden, ein so schwerer, furchtbarer Ernst schaute ihr aus den zu Boden gerichteten Augen.

Endlich war sie ganz allein in dem weiten Hofe.

Das Herz schlug ihr schneller als gewöhnlich und in ihrem Geiste ging etwas Bedeutendes vor.

Das eine schien ihr sicher zu sein: Euläus, der ruchlose Feind und Verderber ihres Vaters, führte nun auch das Kind des zugrunde gerichteten Mannes ins Verderben, und ohne daß sie es wußte, teilte der Oberpriester diesen Verdacht. Sie, Klea, war freilich nicht gewillt, dies, ohne sich zu wehren, geschehen zu lassen, und auch, daß sie verpflichtet sei, ohne Aufschub zu handeln, ward ihr klarer und klarer.

Zunächst wollte sie ihres Freundes Serapion Rat erbitten, aber als sie sich seiner Klause näherte, ertönte das Erz, das die Priester zum Dienste des Gottes rief und sie an die Pflicht mahnte, Wasser zu schöpfen.

Unwillkürlich und doch nur an Irenens Rettung denkend, verrichtete sie jetzt das, was sie alle Tage infolge dieses Klanges zu tun gewohnt war; sie ging in ihre Wohnung, um die goldenen Krüge des Gottes zu holen.

Als sie in das öde Gemach trat, sprang ihr die Katze mit zwei munteren Sätzen entgegen, krümmte den Rücken, rieb den runden Kopf an den Füßen und streckte den mit schönen schwarzen Reifen gezierten Schwanz so gerade in die Luft, wie sie nur zu tun pflegte, wenn sie sich freute.

Klea wollte das behende Tier streicheln, es sprang aber von ihr zurück, starrte sie scheu und, wie es ihr vorkam, böse mit den grünen Augen an und zog sich in eine Ecke neben Irenens Lager zurück.

»Sie hat sich geirrt,« dachte Klea. »Selbst dem Tiere erscheint meine Irene liebenswerter als ich, und diese Irene, diese Irene...«

Laut stöhnte sie dabei auf und wollte sich, um auf neue Mittel und Wege zu denken, die sie doch alle als töricht und unausführbar verwerfen mußte, auf ihre Lade niederlassen, aber auf dieser lag ein Hemdchen, das sie für den kleinen Philo zu nähen begonnen, und nun erinnerte sie sich zum erstenmal wieder des kranken Kindes und dann ihrer Pflicht, Wasser zu schöpfen.

Ungesäumt ergriff sie die Krüge, und während sie zu dem Tempelbrunnen ging, mußte sie der letzten Lehre gedenken, die ihr der Vater im Gefängnis mit auf den Weg gegeben.

Nur einzelne Sätze aus dieser letzten, mahnenden Rede kamen ihr jetzt in den Sinn, und doch war ihr kein Wort daraus entfallen, und sie hatte also gelautet:

»Es möchte wohl scheinen, als wenn ich für mein Handeln nach dem, was ich für recht und tugendhaft hielt, übeln Lohn von den Göttern empfinge, aber es scheint doch nur so, und solange es mir gelingt, in Übereinstimmung mit der ewigen Gesetzen folgenden Natur zu leben, wird niemand berechtigt sein, mich zu beklagen. Es wird mich besonders die Ruhe der Seele nicht verlassen, solang ich, den Lehren des Zeno und des Chrysippus gehorsam, mich selbst nicht in Widerspruch setze zu den Grundbedingungen des eigenen inneren Wesens. Diese Ruhe kann sich jeder, kannst auch du, ein Weib, dir erhalten, wenn du stets das tust, was du für recht erkannt hast, und das erfüllst, was du als Pflicht auf dich nahmst. Die Gottheit selbst liefert den Beweis für die Richtigkeit dieser Lehre, indem sie dem, der ihr folgt, jene Ruhe des Gemütes verleiht, die ihr genehm sein muß, weil sie der einzige Zustand der Seele ist, in den sie weder hemmend noch treibend einzugreifen scheint. Dagegen kommt derjenige, der sich vom Wege der Tugend und ihrer Tochter, der strengen Pflichterfüllung, entfernt, nie zur Ruhe, und mit Schmerz empfindet er den harten Griff einer die Seele vorwärts und rückwärts zerrenden, unzufriedenen und feindlichen Macht. – Wer ein ruhiges Gemüt bewahrt, der ist auch im Unglück nicht elend, und dankbar lernt er in jeder Lage des Lebens sich zufrieden fühlen, schon weil ihn die schönste, dem edelsten Teil seines Wesens am meisten angemessene Empfindung – ich meine die des Rechten und Guten – erfüllt. Also, mein Kind, handle gemäß dem Recht und der Pflicht, ohne nach dem Zweck zu fragen, ohne zu bedenken, ob dein Tun dir Lust oder Unlust bereiten könnte, ohne Furcht vor dem Urteil der Menschen und dem Neid der Götter, und du wirst dir die Ruhe der Seele erhalten, die den Weisen vom Unweisen unterscheidet, und auch in widrigen Lagen glücklich sein können, denn das einzige wahre Übel ist die Herrschaft des Schlechten, das ist der naturwidrigen Unvernunft über uns; das einzig wahre Glück liegt im Besitze der Tugend, diese aber darf nur der sein eigen nennen, der sie ganz besitzt und auch im kleinen nicht gegen sie fehlt, denn weder das Gute noch das Böse hat verschiedene Grade, und auch die geringste Handlung gegen die Pflicht, das Recht und die Wahrheit, selbst gegen das von keinem Gesetz bestrafte Schlechte steht im Gegensatz zu der Tugend.

Irene,« so hatte Philotas geschlossen, »kann diese Lehren noch nicht verstehen, du aber bist ernst und verständig über deine Jahre hinaus. Wiederhole sie dir täglich und flöße sie, wenn die rechte Zeit gekommen, der Schwester, der du die Mutter ersetzen sollst, als letztes Vermächtnis ihres Vaters ins Herz.«

Während Klea jetzt, um Wasser zu schöpfen, zu dem Brunnen im Innern der Umfassungsmauer ging, wiederholte sie sich manches von diesen mahnenden Worten und fühlte sich neu ermutigt durch sie und fest entschlossen, die Schwester nicht ohne Kampf dem Verführer preiszugeben.

Nachdem die Libationsgefäße am Altar gefüllt waren, ging sie zu dem kleinen Philo zurück, dessen Zustand ihr nicht mehr besorgniserregend erschien, blieb länger als eine Stunde bei ihm und verließ dann die Wohnung des Torhüters, um Serapions Rat einzuholen und ihm mitzuteilen, was sie in der Ruhe des Krankenzimmers ersonnen.

Der Klausner pflegte sonst ihren Schritt von weitem zu erkennen und ihr aus seinem Fenster entgegenzuschauen, wenn sie ihn besuchte; heute aber hörte er ihn nicht; denn er wiederholte wieder und wieder die wenigen Schritte, die ihm der enge Raum seiner winzigen Zelle zu machen gestattete.

Wenn er auf und nieder ging, so gelang ihm das Nachdenken am besten, und er sann jetzt und sann; denn er hatte alles vernommen, was man im Tempel von Irenens Verschwinden wußte, und er wollte, er mußte sie retten. – Aber je mehr er seinen Geist anstrengte, je deutlicher sah er ein, daß jeder Versuch, das entführte Kind seinen mächtigen Räubern zu entreißen, vergeblich sein würde.

»Und doch; es darf, es darf nicht geschehen!« rief er und stampfte, kurz bevor Klea seine Klause erreichte, mit dem kräftigen Fuße; doch sobald er ihrer ansichtig geworden, gab er sich Mühe, ganz unbefangen zu scheinen, und rief mit der ihm auch in weniger verhängnisvollen Lagen eigenen Lebendigkeit:

»Wir denken nach, wir sinnen, wir grübeln, mein Kind; denn die Götter haben heute morgen geschlafen, und wir müssen dafür doppelt wach sein.

Irene, unsere kleine Irene!

Wer hätte das gestern gedacht!

Nichtsnutzige, unglaublich nichtswürdige Bubenstreiche sind das, und was tut man jetzt, um dem gemästeten Ungetüm, dem wilden Raubtiere die Beute zu entreißen, bevor es unser Kind, unser liebes Kindchen verschlingt?

Oft schon habe ich mich über meine Dummheit geärgert, aber so dumm, so gottverlassen dumm wie heute fühlt' ich mich niemals. Wenn ich nachsinnen will, ist es mir, als hätte man mir diese schwere Lade vor den Kopf genagelt. Ist dir ein Gedanke gekommen? Mir keiner, dessen sich nicht der größte Esel schämen müßte, kein einziger!«

»Du weißt also alles?« fragte Klea, »und auch vielleicht, daß des Vaters Feind Euläus das arme Kind mit List verlockt hat, ihm zu folgen?«

»Doch, doch!« rief Serapion. »Wo es einen Schurkenstreich gibt, da muß er so sicher dabei sein wie Mehl, wenn man Brot backt! Neu ist nur, daß er diesmal für Euergetes ins Zeug ging. Der alte Philammon hat mir alles erzählt. Vorhin kam auch der Bote aus Memphis zurück und brachte einen Wisch von Papyrus, auf den im Namen Philometors ein jammervoller Sudler geschrieben hatte, daß man am Hofe nichts von Irene wisse und tief beklage, daß Asklepiodor sich nicht scheue, ein falsches Spiel mit dem Könige zu spielen. Sie denken also gar nicht daran, unser Kind freiwillig herauszugeben.«

»So tu' ich denn, was meine Pflicht ist,« sagte Klea entschieden. »Ich gehe nach Memphis und hole mir die Schwester.«

Der Klausner starrte das Mädchen erschrocken an und rief:

»Das ist ja Unsinn, Verrücktheit, Selbstmord! Willst du ihnen statt eines zwei Opfer in den Rachen schleudern?«

»Ich weiß mich selbst zu beschützen, und in Irenens Sache will ich Kleopatras Hilfe anrufen. Sie ist ein Weib und mächtig und kann nicht dulden ...«

»Was gäb's auf der Welt, das sie nicht dulden könnte, wenn es ihr zum Vorteil oder Vergnügen gereicht? Wer weiß, wie lustig das Ding ist, das ihr Euergetes für unser Mädchen versprach?! Nein, beim Serapis, nein, Kleopatra wird dir nicht helfen; aber – und das ist ein Einfall – einer könnt' es gewißlich. An den Römer Publius Scipio gilt es sich zu wenden, und zu ihm läßt es sich unschwer gelangen.«

»Von ihm,« rief Klea errötend, »will ich weder Gutes noch Böses empfangen; ich kenne ihn nicht und mag ihn nicht kennen.«

»Aber, Kind, Kind!« unterbrach sie der Klausner mit ernstem Vorwurf. »Wiegt denn dein Stolz so viel schwerer als Liebe, Pflicht und Besorgnis? Was, bei allen Göttern, hat Publius dir angetan, daß du ihn ängstlicher meidest, als wenn ihn Aussatz bedeckte? Jedes Ding hat seine Grenze, und jetzt, ei was, heraus muß es dennoch, denn jetzt ist es nicht an der Zeit, sich blind zu stellen, wenn man mit beiden Augen erkennt, was da vorgeht: Dein Herz ist voll von dem Römer, und es zieht dich zu ihm, aber du bist ein braves Mädchen, und um es zu bleiben, fliehst du ihn; denn du mißtraust dir selbst und weißt nicht, was da geschähe, wenn er dir sagte, daß auch ihn der Pfeil des Eros getroffen.

Werde nur blaß und rot und sie mich an, als wär' ich dein Feind und schwatzte verächtliches Zeug. Viel Seltenes hab' ich gesehen, aber vor dir doch keinen, der aus lauter Tapferkeit feige geworden, und dabei steht unter allen Weibern, die ich kenne, Furchtsamkeit keiner so wenig wie meiner entschlossenen Klea.

Der Gang ist schwer, den du tun sollst, aber lege nur einen Panzer um dein armes Herz und wag es, dem Römer, der ein braver Gesell ist, getrost entgegen zu treten. Gewiß wird das Bitten dir schwer; aber darfst du dir denn die wenigen Schritte über spitzige Steine schenken? Da steht unser armes Kind am Rande des Abgrunds! Kommst du nicht zu rechter Zeit und mit dem rechten Worte an den einzigen, der hier noch zu helfen vermag, so wird es in den schwarzen Sumpf hinuntergestoßen und geht in ihm unter, weil seine mutige Schwester sich vor sich selber fürchtet.« Klea hatte bei den letzten Worten des Klausners die Augen niedergeschlagen, blickte eine Zeitlang finster und schweigend zu Boden und versetzte endlich mit zuckenden Lippen und so dumpf, als habe sie sich das eigene Urteil zu sprechen:

»So werd' ich den Römer um Hilfe bitten; doch wie kann ich zu ihm gelangen?«

»Nun ist meine Klea wieder ganz ihres Vaters Tochter«, entgegnete Serapion, streckte ihr aus dem Fensterchen der Zelle beide Arme entgegen und fuhr dann fort:

»Ich kann dir den schlimmen Weg immerhin etwas ebnen. Mein Bruder Glaukus, der die Sicherheitswache im Palaste anführt, ist dir ja bekannt. Ich gebe dir für ihn einige empfehlende Worte mit, und um dir deine Aufgabe zu erleichtern, auch einen kleinen Brief an Publius Scipio, der alles enthalten soll, um was es sich handelt. Will der Kornelier dich selber sprechen, so gehe zu ihm und vertraue ihm, aber mehr noch dir selbst.

Geh jetzt, und wenn du noch einmal die Krüge gefüllt hast, so kehre zu mir zurück und hole dir die Schreiben. Je früher du gehen kannst, desto besser, denn es wäre gut, wenn du vor dem Einbruch der Nacht den Wüstenweg, auf dem es im Dunkeln an gefährlichen Strolchen nicht fehlt, hinter dir hättest. Bei meiner Schwester Leukippa, die beim Zollhause am großen Hafen wohnt, findest du, wenn du ihr diesen Ring zeigst, freundliche Aufnahme und ein Lager für dich, und wenn dir die Himmlischen helfen, auch für Irene.«

»Ich danke dir, Vater,« entgegnete Klea und nichts weiter, dann verließ sie ihn mit raschen Schritten.

Serapion sah ihr erst liebreich nach; dann nahm er zwei mit Wachs bekleidete Holztäfelchen aus seiner Lade und ritzte mit einem Metallstift auf das eine einen kurzen Brief an seinen Bruder, auf das andere einen längeren an den Römer, der also lautete:

»Serapion, der Klausner des Serapis, an Publius, Kornelius Scipio Nasica, den Römer.

Serapeon grüßt den Publius Scipio und teilt ihm mit, daß die jüngere Schwester der Krugträgerin Klea, Irene, aus diesem Tempel verschwunden ist und zwar, wie er vermutet, durch die List des uns beiden bekannten Epistolographen Euläus, der im Auftrage des Königs Ptolemäus Euergetes gehandelt zu haben scheint. Suche zu erfahren, wo sich Irene befindet. Rette sie, wenn Du kannst, vor den Entführern und geleite sie in diesen Tempel zurück, oder übergib sie in Memphis meiner Schwester Leukippa, der Gattin des Hafenaufsehers Hipparch, die im Zollhause wohnt. Serapis möge Dich und Dein Tun beschützen!«

Als Klea zu dem Klausner zurückkehrte, hatte dieser soeben die Briefe beendet.

Das Mädchen verbarg sie in den Brustfalten des Gewandes, sagte ihrem Freunde Lebewohl und blieb ernst und gefaßt, während Serapion ihr mit feuchten Augen das Haar streichelte, ihr Segenswünsche erteilte und ihr zuletzt auch noch ein heilbringendes Amulett, das seine Mutter getragen – es war ein Auge von Bergkristall mit einer schützenden Inschrift – um den Hals hängte.

Ohne Aufenthalt schritt sie dann auf das Tor des Tempels zu, das sie infolge der Verordnung des Oberpriesters verschlossen fand.

Sein Hüter, der Vater des kranken Philo, saß auf einer steinernen Bank neben ihm und hielt Wache.

Klea forderte ihn freundlich auf, es ihr zu öffnen, aber der besorgte Beamte willfahrte nicht sogleich ihrem Wunsche, sondern erinnerte sie an Asklepiodors strenge Weisung und teilte ihr mit, daß vor etwa drei Stunden der große Römer Einlaß in den Tempel begehrt habe, doch auf des Oberpriesters besonderen Befehl abgewiesen worden sei. Er habe auch nach ihr gefragt und morgen wiederzukommen verheißen.

Bei dieser Nachricht schoß das Blut heiß in Kleas Haupt und Augen.

Konnte Publius es so wenig unterlassen, an sie zu denken, wie sie an ihn?

Hatte Serapion recht gesehen?

»Der Pfeil des Eros«, dies Wort des Klausners flog ihr, als wär' es selbst ein gefiedertes Geschoß, durch Herz und Sinn und erschreckte sie und tat ihr doch wohl; aber nur auf eine kurze Sekunde; denn schon erfaßte sie wieder strenge Mißbilligung gegen die eigene Schwäche und schaudernd sagte sie sich, daß sie auf dem Wege sei, dem Zudringlichen nachzugehen und ihn aufzusuchen.

Die ganze Furchtbarkeit ihres Unternehmens trat ihr ins Bewußtsein, und wäre sie jetzt umgekehrt, so hätte es ihr nicht an einer Entschuldigung vor dem eigenen Innern gefehlt, denn das Tor des Tempels war ja verschlossen und durfte niemand und auch ihr nicht geöffnet werden.

Einen Augenblick fand sie Wohlgefallen an dieser verführerischen Erwägung, aber sobald sie wieder Irenens gedachte, stand ihr Entschluß von neuem fest, und dem Torhüter näher tretend, sagte sie mit großer Entschiedenheit:

»Du öffnest mir ohne Säumen das Tor; denn du weißt, daß ich nichts Unrechtes zu tun und zu verlangen pflege. Ich bitte dich, schiebe sogleich den Riegel zurück.«

Der Mann, dem Klea des Guten viel erwiesen und dem der große Arzt Imhotep erst heute gesagt hatte, sie sei der gute Geist seines Hauses und er solle sie ehren wie eine Gottheit, folgte, wenn auch bedenklich und zaudernd, ihrem Geheiß.

Der schwere Riegel flog zurück, das eherne Tor öffnete sich, die Krugträgerin trat ins Freie, warf einen dunklen Schleier über das Haupt und begann die Wanderung.

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