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Die Schwestern

Georg Ebers: Die Schwestern - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Schwestern
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
seriesGeorg Ebers - Ausgewählte Werke
volumeVierter Band
year1893
firstpub1880
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081021
projectid5c81e946
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Neuntes Kapitel

Ein lautes, von den harten Marmorwänden des festlichen Gemaches widerhallendes Gelächter unterbrach die letzten Worte der Königin, welche erst zusammenschrak, dann aber freundlich lächelte, als sie ihren Bruder Euergetes erkannte, der, den Kämmerer zurückdrängend, an der Seite eines älteren Griechen zu den Schmausenden getreten war.

»Bei allen Bewohnern des Olymp und dem ganzen Götter- und Viehgesindel, das die Tempel am Nil bevölkert!« rief der Neuangekommene, indem er immer noch so laut lachte, daß ihm die fleischigen Wangen und der ungeheuer starke junge Leib wankte und bebte. »Bei deinen schönen, kleinen Füßen, Kleopatra, die sich so leicht verstecken ließen, und die man doch immer sehen muß, bei all deinen sanften Tugenden, Philometor, ich glaube, daß ihr versucht, den großen Philadelphus oder unseren syrischen Oheim Antiochus zu überbieten und einen Aufzug sondergleichen veranstalten wollt; und das zu meiner Ehre! Recht so! Ich nehme selbst teil an dem Wunder und stelle mit meinem dicken Leib einen Eros dar mit Köcher und Bogen. Eine Äthiopierin muß dann meine Mutter Aphrodite spielen! Sie wird sich prächtig ausnehmen, wenn sie mit dem schwärzlichen Fell aus dem weißen Meerschaum aufsteigt. Und was meint ihr zu einer Pallas mit kurzem Wollhaar, zu Charitinnen mit breiten äthiopischen Plattfüßen und einem Ägypter mit rasiertem Kopfe, in dem die Sonne sich spiegelt, als Phöbus Apollon?«

Damit warf sich der zwanzigjährige Riese auf das leere Lager zwischen den Geschwistern nieder und rief, nachdem sein Bruder ihm des Römers Namen genannt und er ihn nicht ohne Würde begrüßt hatte, einen der jungen mazedonischen Edlen, die die Schmausenden als Schenken bedienten, zu sich heran, ließ seinen Becher einmal und wieder und zum drittenmal füllen, trank ihn schnell und ohne abzusetzen aus und sagte dann laut, indem er mit beiden Händen durch sein wirres blondes Haar fuhr, so daß es von dem mächtigen Schädel und der breiten Stirn gerade in die Luft starrte:

»Ich muß nachholen, was ihr vor mir voraus habt. Noch einen Becher, Diokleides!«

»Unbändiger!« mahnte Kleopatra, indem sie ihm halb im Scherz, halb ernsthaft mit dem Finger drohte. »Wie du aussiehst!«

»Wie Silen ohne Bocksfüße,« entgegnete Euergetes. »Gib einen Spiegel her, Diokleides! Folge nur dem Blick der Königin, so wirst du ihn finden. Da wäre das Ding! Und wahrhaftig, das Bild, das er mir zeigt, gefällt mir nicht übel. Ich sehe da einen Schädel, auf dem zu den zwei Kronen Ägyptens noch eine dritte Platz finden möchte, und in dem so viel Hirn steckt, daß man damit die Köpfe von vier Königen bis an den Rand füllen könnte; ich erblicke zwei Geieraugen, die immer scharf sind, selbst wenn ihr Gebieter betrunken ist, und die nichts gefährdet als das Fleisch an diesen munteren Wangen, das, wenn es so zuzunehmen fortfahren wird, sie endlich vom Lichte absperren muß wie das wachsende Holz eine Drachme, die man in die Ritze eines Baumes steckte, wie eine Lade, die man zuschiebt, ein Fenster. Mit diesen Händen und Armen erwürgt der Kerl dort im Spiegel zur Not ein ausgewachsenes Nilpferd, die Kette, die diesen Hals zieren soll, muß doppelt so lang sein wie die, die ein reichlich genährter ägyptischer Opferpriester gebraucht. Ich sehe in diesem Spiegel einen Mann, der aus einem tüchtigen Teigstück und aus einem fetteren, festeren Stoffe gebacken ist als andere Leute, und wenn das seine Geschöpf dort auf der blanken Fläche ein durchsichtiges Gewand trägt, was hast du dagegen, Kleopatra? Für den Einfuhrhandel in Alexandria müssen die ptolemäischen Fürsten sorgen, das hat schon der große Sohn des Lagus eingesehen, und wohin käme das Geschäft mit Kos, wenn ich den feinsten Bombyx nicht kaufte, da du, die Königin, denen, die damit handeln, nichts zu verdienen gibst und dich wie eine Vestalin in Kleider von Teppichzeug hüllst? Einen Kranz auf mein Haupt und noch einen zweiten, und neuen Wein in den Becher! Auf Roms Wohl und auf deines, Publius Kornelius Scipio, und, mein Aristarch, auf unsere letzte kritische Vermutung, auf feines Denken und derbes Trinken!«

»Auf derbes Denken und feines Trinken,« entgegnete der also Angeredete schnell, indem er den Becher hob, mit den blitzenden Augen in den Wein schaute und ihm langsam die lange, schön geformte und leicht gebogene Nase und die schmalen Lippen näherte.

»Oho, Aristarch!« rief Euergetes, indem er seine breite Stirn runzelte. »Du gefällst mir besser beim Säubern der Worte deiner Dichter und Schreiber als bei der Kritik der Trinksprüche eines zechenden Königs. »Fein Trinken« ist »nippen«, und das Nippen überlasse ich den Dommeln und anderem Geflügel, das sich im Rohre wohl fühlt. Du verstehst mich doch? Im Rohre; mag es nun zum Schreiben geschnitten sein oder nicht!«

»Unter feinem Trinken,« gab der große Kritiker gelassen und indem er mit der schmalen Hand das weiche graue Haar von der hohen Stirn strich, dem jungen Fürsten zurück, »unter feinem Trinken verstehe ich das Trinken auserlesenen Weines, und hast du jemals etwas Feineres gekostet als dieses Rebenblut von Anthylla, das uns dein erhabener Bruder vorsetzt? Dein umgekehrter Trinkspruch lobt dich als kräftigen Denker und zugleich den gütigen Spender des besten Trankes.«

»Gut gewendet,« rief Kleopatra, in die Hände klatschend. »Siehst du, Publius, das war eine Probe der Schnelligkeit einer alexandrinischen Zunge.«

»Ja,« fiel Euergetes ein, »wenn man mit Silben statt mit Speeren zu Felde zöge, so würden die Herren vom Museum in der Stadt Alexanders mit ihrem Aristarch an der Spitze Roms und Karthagos verbündete Heere in zwei Stunden zu Paaren treiben.«

»Aber wir sind nicht im Krieg, sondern beim friedlichen Schmause,« versetzte der König mit begütigender Freundlichkeit. »Du hast zwar unser Geheimnis erlauscht, Euergetes, und meine guten schwarzen Ägypter verspottet, an deren Stelle ich gern weiße Griechen setzte, wenn Alexandria noch mir und nicht dir gehörte, es soll aber doch bei deinem Feste nicht an einem stattlichen Aufzuge fehlen.«

»Machen euch denn wirklich diese ewigen Gänsemärsche noch Freude?« fragte Euergetes und streckte sich auf dem Lager aus, indem er die gefalteten Hände unter sein Hinterhaupt schob. »Lieber will ich mich an das feine Trinken des Aristarch gewöhnen, als diesem hohlen Gepränge stundenlang zuschauen. Nur unter zwei Bedingungen erklär' ich mich zum Stillehalten bereit und außerdem noch mich geduldig fast einen halben Tag zu langweilen wie ein Affe im Käfig: Erstens, wenn es unserem römischen Gastfreunde Publius Kornelius Scipio Vergnügen macht, solches Schauspiel anzusehen, das sich doch, seitdem unser Oheim Antiochus uns ausplünderte und wir Brüder uns in Ägypten teilten, mit den Triumphzügen römischer Sieger nicht im entferntesten zu messen vermag, oder zweitens, wenn ihr mir gestattet, als handelnde Person an dem Zuge teilzunehmen.«

»Um meinetwillen, mein König,« entgegnete Publius, »braucht' es keine Festzüge zu geben, namentlich aber nicht solche, denen ich zuzuschauen gezwungen bin.«

»Mir macht dergleichen noch immer Freude,« sagte Kleopatras Gatte Philometor. »Gut geordnete Gruppen und die froh bewegte Menge zu sehen werd' ich nicht müde.«

»Und mich,« rief Kleopatra, »überläuft es heiß und kalt und manchmal treten mir sogar Tränen ins Auge, wenn der Jubel am lautesten schallt. Eine große Vielheit, die sich zu einem einzigen Willen verbindet, wirkt immer bedeutend. Ein Tropfen, ein Sandkorn, ein Baustein sind elende Dinge, aber erhebend wirken Millionen von ihnen, die zum Meer, zur Wüste, zur Pyramide vereint sind. Ein einzelner Jubelnder sieht aus wie ein dem Tollhaus entsprungener Narr, aber wenn Tausende von Menschen zusammen jubeln, so wird auch ein kaltes Herz gewaltig ergriffen. Wie kann gerade dich, Publius Scipio, bei dem mir der kräftige Wille besonders glücklich entwickelt zu sein scheint, ein Schauspiel unberührt lassen, bei dem solch ein gewaltiger Gesamtwille seine Wirkung übt?«

»Kann denn bei diesem Volksjubel,« fragte der Römer, »überhaupt von Willen die Rede sein? Gerade bei einem solchen wird jeder zum willenlosen Nachahmer und Nachredner des anderen; ich aber lieb' es, den Weg selbst zu finden und mich von nichts abhängig zu machen, als von den Gesetzen und den Pflichten, die der Staat, dem ich angehöre, mir auferlegt.«

»Ich aber,« sagte Euergetes, »habe den Aufzügen von Kind an stets vom besten Platze aus zugeschaut, und dafür straft mich das Schicksal durch Gleichgültigkeit gegen sie und alles Ähnliche, während die armen Schlucker, die immer nur die Nasen, die Haarspitzen oder Rückseiten der Mitwirkenden zu sehen bekommen, sich stets von neuem an dem Gepränge ergötzen. Auf Publius Scipio brauch' ich, wie ihr hört, so gern ich's auch täte, keine Rücksicht zu nehmen. Was würdest du nun sagen, Kleopatra, wenn ich selbst an meinem Aufzuge, ich sage an meinem, denn mir zu Ehren wird er ja veranstaltet, teilnähme; das wäre endlich einmal etwas Neues und dazu ergötzlich.«

»Mehr neu und ergötzlich als rühmlich, sollt' ich meinen,« entgegnete Kleopatra herb.

»Aber das müßte euch besonders lieb sein,« lachte Euergetes; »denn außer eurem Bruder bin ich auch noch euer Nebenbuhler, und einen solchen sieht man lieber hinab- als heraufsteigen.«

»Zu diesen Worten,« fiel der König abweisend und mit dem Ausdruck des Bedauerns in der weichen Stimme ein, »berechtigt dich nichts. Wir lieben dich, gönnen dir deinen Besitz neben dem unseren und bitten dich, damit alles Vergangene vergessen bleibe, selbst im Scherz dergleichen zu meiden.«

»Und nicht,« fügte Kleopatra hinzu, »deine Würde als König und deinen Ruf als Gelehrter durch Possenspiel zu beflecken.«

»Schulmeisterin! Weißt du denn, was ich im Sinne hatte? Ich würde mit einem Gefolge von Flötenspielerinnen mit Aristarch, der den Sokrates spielen müßte, als Alcibiades erscheinen; es wird mir ja immer gesagt, daß der und ich – in manchen Stücken, sagen die aufrichtigeren, in allen, die höflicheren Freunde, einander ähnlich sähen.«

Publius maß dabei den unförmigen, in durchsichtige Gewänder gehüllten Leib des jungen königlichen Wüstlings mit den Augen, und da er dabei einer herrlichen Statue des Lieblings der Athener gedachte, die er am Ilissus gesehen, umflog ihm den Mund ein spöttisches Lächeln. Dieses blieb von Euergetes nicht unbemerkt, und es verletzte ihn, da er nichts lieber sah, als sich mit dem Pflegesohn des Perikles verglichen zu sehen: aber er unterdrückte den Groll; denn Publius Kornelius Scipio war der nächste Verwandte der einflußreichsten Männer am Tiber, und wenn er selbst die Macht eines Königs besaß, so waltete doch Rom über ihm wie der Wille der Gottheit.

Kleopatra bemerkte, was in dem Bruder vorging, und um ihm das Wort abzuschneiden und neue Gedanken in ihm anzuregen, sagte sie heiter:

»So geben wir denn den Aufzug preis und denken an eine andere Feier deines Geburtstages. Du, Lysias, mußt ja in solchen Dingen erfahren sein; denn Publius erzählte mir, daß du bei allen Schaustellungen in Korinth der Führer seiest. Was sollen wir vornehmen, um Euergetes und uns zu erheitern?«

Der Korinther schaute einen Augenblick in den Becher, bewegte ihn langsam auf der marmornen Platte des Tischchens an seiner Seite zwischen Austernpasteten und frischen Spargeln hin und her und sagte dann, indem er Beifall fordernd umherschaute:

»Bei dem großen Aufzuge, der unter Ptolemäus Philadelphus stattfand und dessen Beschreibung durch den Augenzeugen Kallixenus Agatharchides mir gestern zu lesen gab, wurden allerlei Szenen aus dem Leben der Götter dem Volke vorgeführt. Bleiben wir in diesem herrlichen Palaste und bringen wir selbst schöne Gruppen zur Darstellung, die die großen Künstler der älteren Zeiten gemalt oder geformt haben, aber wählen wir nur weniger Bekanntes.«

»Prächtig!« rief Kleopatra lebhaft angeregt. »Wem gliche mein gewaltiger Bruder wohl mehr als dem Herakles, und zwar dem Sohne der Alkmene, wie Lysippus ihn auffaßte und bildete! Stellen wir also das Leben des Herakles nach großen Vorbildern dar und überlassen wir Euergetes überall die Rolle des Heros.«

»Ich übernehme sie,« fiel der junge König ein, indem er die ungeheuren Muskeln an der Brust und an den Armen betastete, »Und daß ich's übernehme, könnt ihr mir hoch anrechnen; denn dem Schlangenwürger hat es am besten gefehlt und Lysippus bildete ihn nicht ohne Bedacht mit einem kleinen Kopf auf dem gewaltigen Leibe; – aber ich werde ja nichts zu reden haben.«

»Willst du mir, wenn ich die Omphale darstelle, zu Füßen sitzen?« fragte Kleopatra.

»Wer säße nicht gern neben diesen Füßen?« entgegnete Euergetes. »Wählen wir nun sogleich noch anderes aus der großen Fülle des Vorhandenen, aber wie Lysias warne ich vor dem ganz Bekannten.«

»Es gibt freilich Gemeinplätze für das Auge wie für das Ohr,« versetzte Kleopatra, »aber das anerkannte Gute pflegt stets das Schönste zu sein.«

»Erlaubt mir,« nahm nun Lysias das Wort, »daß ich euch auf ein Marmorbildwerk in erhabener Arbeit aufmerksam mache, das alt ist und schön und doch wenigen unter euch bekannt sein möchte. Es befindet sich am Brunnen meines väterlichen Hauses zu Korinth und ward schon vor mehreren Jahrhunderten von einem großen peloponnesischen Künstler geschaffen. Publius war von diesem Werke entzückt, und es ist auch über alle Beschreibung herrlich.

Es bringt die Vermählung des Herakles mit der Hebe, des zum Gott erhobenen Helden mit der ewigen Jugend köstlich zur Anschauung. – Willst du dich von Pallas Athene und deiner Mutter Alkmene zur Hochzeit mit Hebe führen lassen, mein König?«

»Warum nicht?« fragte Euergetes; »aber die Hebe muß schön sein. Nur eins macht mich bedenklich. Wie bekommen wir den Brunnen aus deines Vaters Haus bis morgen oder übermorgen hierher? Aus dem Gedächtnis, ohne das Urbild, läßt sich solche Gruppe nicht stellen, und wenn man auch erzählt, die Statue des Serapis sei von Sinope nach Alexandria geflogen, und wenn es auch zu Memphis Zauberer gibt ...«

»Die brauchen wir nicht,« unterbrach Publius den König. »Während ich als Gast im Hause der Eltern meines Freundes weilte, das übrigens prächtiger ist als die alte Königsburg des Gyges zu Sardes, ließ ich nach dem köstlichen Bildwerke Gemmen als Hochzeitsgeschenke für meine Schwester schneiden. Sie sind sehr wohl gelungen und liegen in meinem Zelte.«

»Hast du eine Schwester?« fragte die Königin, indem sie sich zu dem Römer neigte. »Du wirst mir von ihr erzählen müssen.«

»Sie ist ein Mädchen wie alle anderen,« entgegnete Publius, zu Boden schauend; denn es widerstrebte ihm, in Gesellschaft eines Euergetes von der Schwester zu reden.

»Du bist ungerecht wie alle Brüder,« lächelte Kleopatra, »und ich muß mehr von ihr hören; denn« – und bei diesen Worten flüsterte sie leise und schaute Publius innig an – »denn alles hat Bedeutung für mich, was dich angeht.«

Während dieses Zwiegespräches hatten die königlichen Brüder sich mit Fragen über die Vermählung des Herakles und der Hebe an den Korinther gewandt, und alle Tafelgenossen hörten diesem aufmerksam zu, als er sagte:

»Es stellt dies schöne Werk nicht eigentlich eine Hochzeit, sondern die Stunde dar, in der der Bräutigam der Braut zugeführt wird.

Der Heros mit der Keule auf der Schulter und mit dem Löwenfelle geschmückt, geht, von Pallas Athene geführt, die die Lanze bei diesem Werk des Friedens senkt und den Helm in der Hand trägt, begleitet von seiner Mutter Alkmene, dem Brautzuge entgegen. Diesen eröffnet, den Hymenäus zur Laute singend, kein Geringerer als Apollon selbst. Mit ihm tritt seine Schwester Artemis auf, dann aber die Mutter der bräutlichen Hebe, der als Gesandter des Zeus der Götterbote Hermes das Geleit gibt. Nun kommt die Hauptgruppe, die zu den allerschönsten Werken der griechischen Kunst gehört, die ich kenne.

Hebe schreitet dem Bräutigam entgegen, sanft fortgezogen von Aphrodite, der Herrin der Liebe; Peitho aber, die Göttin der Überredung, legt die Hand auf den Arm der Braut, drängt sie unmerklich vorwärts und wendet das Antlitz ab, denn was gesagt werden mußte, hat sie gesagt, und sie lächelt in sich hinein; denn Hebe hat ihrer Stimme das Ohr nicht verschlossen, und wer Peitho einmal angehört hat, der muß tun, was sie will.«

»Und Hebe?« fragte Kleopatra.

»Sie schlägt die Augen nieder und hält den Arm, auf dem die Hand der Überredung ruht, mit einer abwehrenden Bewegung der Finger, auf deren Spitzen ein unentblättertes Röslein schwebt, in die Höhe, als wolle sie sagen: »Ach, laß mich; ich fürchte mich vor dem Manne« – und fragen: »Wär' es nicht besser, ich blieb', was ich bin, und folgte nicht deiner Lockung und der Gewalt Aphrodites?« Diese Hebe ist wunderreizend und du, Königin, solltest sie darstellen!«

»Ich?« fragte Kleopatra. »Aber du sagtest, daß sie die Augen zu Boden schlägt.«

»Das tut sie sittig und schüchtern; und zaghaft und jungfräulich muß auch ihr Gang sein. In schlichten Falten fällt ihr langes Gewand auf die Füße, während Peitho das ihre schalkhaft und sich des neuen Sieges verstohlen freuend mit dem Daumen und Zeigefinger in die Höhe hebt. Auch die Gestalt der Peitho würde sich wundervoll für dich eignen.«

»Ich denke, daß ich die Peitho darstelle,« unterbrach die Königin den Korinther. »Hebe ist eine Knospe, eine noch nicht völlig erschlossene Blüte, ich aber bin Mutter, schmeichle mir, daneben ein wenig Philosophin zu sein ...«

»Und,« unterbrach sie Aristarch, »darfst dir mit Recht sagen, bei allem Zauber der Jugend Eigenschaften zu besitzen, die der Peitho zukommen, der Göttin, die nicht nur die Herzen, sondern auch die Geister zu bezaubern versteht. Wie Rosen – so sind auch Mädchenknospen reizend anzuschauen, aber wer nicht nur die Farbe liebt, sondern auch den Duft, ich meine Erfrischung, Anregung, Bereicherung für die Seele, der soll sich der erschlossenen Blüte zuwenden, wie die Rosenzüchter beim Mörissee nur die Knospen ihrer Pfleglinge in schnell verblühende Sträuße und Kränze winden, sie aber nicht brauchen können, um edles Öl von unvergänglichem Duft daraus zu bereiten; zu diesem Zweck bedürfen sie der voll erblühten Blume. Stelle die Peitho dar, meine Königin; die Göttin selbst darf auf solche Vertreterin stolz sein!«

»Wäre sie's doch ebenso,« rief Kleopatra, »wie ich glücklich bin, solche Worte aus dem Munde Aristarchs zu hören! Es bleibt dabei; ich gebe die Peitho. Meine Spielgefährtin Zoë mag die Artemis darstellen und ihre ernste Schwester Pallas Athene. Für die Mutter stehen uns viele Matronen zu Gebote, des Epitropen älteste Tochter scheint mir geschickt zu sein für die Rolle der Aphrodite; sie ist wunderschön.«

»Ist sie auch dumm?« fragte Euergetes. »Das gehört zu der ewig lächelnden Kypris.«

»Genügend, denke ich, für diesen Zweck,« lachte Kleopatra. »Wo aber nehmen wir eine Hebe her, wie du sie beschrieben hast, Lysias? Des Arabarchen Ahmes Tochter ist ein reizendes Kind.«

»Aber sie ist braun, so braun wie dieser treffliche Wein und gar zu ägyptisch,« sagte der die jungen mazedonischen Aufwärter überwachende oberste Mundschenk, sich tief verneigend, und machte bescheiden auf seine eigene sechzehnjährige Tochter aufmerksam; gegen diese aber hatte die Königin einzuwenden, daß sie viel größer sei als sie selbst, die doch neben ihr zu stehen und ihr die Hand auf den Arm zu legen habe.

Andere Mädchen wurden aus anderen Gründen abgewiesen, und schon schlug Euergetes vor, nach Alexandria eine Brieftaube zu schicken, und von dort ein schönes hellenisches Kind auf einem schnellen Viergespann nach Memphis, wo die dunklen ägyptischen Götter und Menschen besser gediehen als die griechischen, holen zu lassen, als Lysias ausrief:

»Ich sah heute das Mädchen, das wir brauchen, eine Hebe, als wär' sie aus dem Marmor meines Vaters herausgetreten und als hätte sie ein Gott mit Bewegung und Farbe und Wärme begabt. Jung, schüchtern, weiß und rot und von deiner Größe ist sie, meine Königin. Wenn ihr gestattet, so sag' ich euch nachher, wer sie ist, aber erst geh' ich und hole die Gemmen mit der Nachbildung des Marmors aus unserem Zelte.«

»Du findest sie in dem Elfenbeinkästchen auf dem Boden meiner Kleidertruhe,« sagte Publius. »Hier hast du den Schlüssel.«

»Eile dich,« rief die Königin, »denn wir alle sind neugierig zu hören, wo du hier in Memphis deine weiße und rote, schüchterne Hebe entdeckt hast.«

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