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Die Schwestern

Georg Ebers: Die Schwestern - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Schwestern
authorGeorg Ebers
firstpub1880
year1880
publisherEduard Hallberger
addressStuttgart und Leipzig
titleDie Schwestern
pagesIII-XV, 1-432
created20070530
sendergerd.bouillon
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34 Drittes Kapitel.

Wie der Fuß Irenens keinen festen Riemen ertragen konnte, so war ihre Seele höchst empfindlich gegen jedes rauhe Wort. Darum hatte des Römers Rede und Weise ihr weh gethan.

Gesenkten Hauptes und dem Weinen nahe ging sie ihrer Wohnung entgegen, aber ehe sie dieselbe erreicht hatte, fiel ihr Blick auf die Pfirsiche und den Braten in ihrer Hand.

Schnell gedachte sie nun ihrer Schwester und wie gut der Hungernden dieß leckere Mahl munden würde. Ihr Mund lachte wieder, Freude strahlte aus ihren Augen und mit beschleunigten Schritten setzte sie ihren Weg fort.

Daß Klea sie nach den Veilchen fragen und der Römer ihr mehr gelten könnte als jeder andere gütige Fremde, fiel ihr nicht ein.

35 Sie hatte außer ihrer Schwester keine Gefährtin gehabt, und nach der Arbeit, wenn die Mädchen sonst vom Sehnen und Bangen, der Lust und dem Leid der Liebe reden, pflegten diese Beiden so schwer ermüdet nach Hause zu kommen, daß ihnen nichts erwünschter erschien als Ruhe und Schlaf. Blieb ihnen je einmal eine Stunde zu müßigen Gesprächen, so begann Klea immer und immer wieder von ihrem gemeinsamen Elternhause zu erzählen; Irene aber, die auch zwischen den ernsten Mauern des Serapistempels manches harmlose Vergnügen aufsuchte und fand, hörte ihr gern zu und unterbrach sie mit Fragen und der Erzählung von kleinen Ereignissen und Zügen, deren sie sich aus ihrer Kindheit zu erinnern glaubte, und von denen ihr doch viele erst durch ihre Schwester bekannt und durch die umbildende Thätigkeit ihrer höchst lebendigen Einbildungskraft zu eigen geworden waren.

Klea hatte die lange Abwesenheit Irenens nicht bemerkt, denn bald nachdem die Letztere sie verlassen, war sie, von Hunger und Müdigkeit überwältigt, entschlummert.

Ehe ihr schwankendes Haupt zur Ruhe kam und ihre Augenlider sich schlossen, zuckte es oft recht schmerzlich um ihren Mund; dann aber glätteten sich ihre Züge, leise öffneten sich ihre Lippen, und wie ein sanfter Lenzhauch über eine frierende Blume, so flog ein Lächeln über ihre sich mehr und mehr röthenden Wangen.

Diese Schläferin war gewiß nicht geboren für 36 Einsamkeit und Entsagung, sondern um die Liebe und jede ihrer Wonnen zu gewähren und zu genießen.

Sehr warm und dabei still, ganz still wurde es in der Kammer der Schwestern.

Jetzt vernahm man das Gesumme einer Fliege, die das von Irene geleerte Oelgefäß umkreiste, jetzt der Schläferin immer schneller wehenden Athem.

Jede Spur von Erschlaffung war von Klea's Antlitz gewichen, wie zum Kuß öffneten und fanden sich ihre Lippen, glühender rötheten sich ihre Wangen und endlich hob sie beide Hände und stammelte vom Traum umfangen abwehrend und dennoch zärtlich: »Nicht, nicht doch, nein, gewiß nicht; ich bitte Dich, Lieber . . .« Jetzt sank ihr der Arm und schlug herabfallend an die Kiste, auf der sie saß, und sie erwachte.

Langsam öffnete sie die Lider mit einem glückseligen Lächeln; dann aber hoben sich ihre langen, seidigen Wimpern höher und höher, bis daß ihr weit geöffnetes Auge, als sei ihm etwas Unerhörtes begegnet, entsetzt in's Leere starrte.

So verblieb sie eine Zeitlang, ohne sich zu regen, dann aber richtete sie sich auf, drückte ihre Rechte auf Stirn und Auge und zusammenschauernd, als habe sie etwas Entsetzliches erblickt, oder als ob ein Frost sie schüttelte, murmelte sie stoßweise mit zusammengebissenen Zähnen:

»Was soll mir das? Woher kommen mir solche Gedanken! Was sind das für Dämonen, die uns im Traume Dinge thun und empfinden lassen, die wir wachend aus Herz und Sinn weit, weit von uns 37stoßen würden? Verabscheuen könnte ich mich selbst, verachten und hassen um dieser Gesichte willen, denn ich Elende ließ es geschehen, daß er mich umfaßte, und kein bitterer Zorn, o nein, etwas ganz Anderes, unaussprechlich Süßes durchbebte dabei meine Seele.«

Bei diesen Worten ballten sich ihre Hände zu Fäusten, die sie an ihre Schläfen drückte; dann sanken ihr aber wieder die Arme schlaff in den Schooß, und das Haupt schüttelnd, sagte sie mit verändertem, weicherem Tone:

»Aber freilich, es ist nur ein Traum gewesen und – ihr ewigen Götter – wenn wir schlafen – ja, was dann? So mußt' es ja kommen! Zu den unreinen Gedanken füge ich jetzt die Unwahrheit gegen mich selbst! Nein, diesen Traum hat mir kein Dämon gesandt, er war nur ein Abbild dessen, was ich gestern empfand und vorgestern und früher, als der fremde große Mann mir nun schon zum vierten Male mit dem mächtigen Blick in die Augen sah und mir dann – wie viele Stunden sind es denn her? – die Veilchen reichte. Hab' ich da etwa das Antlitz abgewandt oder seine Kühnheit mit zürnenden Blicken gestraft? Wär's nicht etwa möglich, auch mit den Augen einen Feind zu verjagen? Das ist mir immer geglückt, so oft auch ein Mann nach uns schaute, aber gestern, da konnt' ich es nicht und war doch so wach wie in dieser Stunde. Was will der Fremde von mir? Was verlangt sein gewaltiger Blick, der mich seit Tagen verfolgt, wohin ich mich auch wende, und mir auch im Schlafe die Ruhe raubt? Warum öffnete 38 ich ihm das Auge, das die Pforte des Herzens ist? Jetzt wuchert darin das Gift, das es aufnahm, aber ich reiße es aus, und wenn Irene heimkehrt, so zertret' ich die Veilchen oder lasse sie ihr, die sie bald zerrupft oder kläglich verdorren läßt, denn rein will ich bleiben, selbst im Traume; was hab' ich denn anders als meine Reinheit?«

Mit diesen Worten unterbrach sie ihr Selbstgespräch, denn sie hatte Irenens Stimme gehört und dieser Klang mußte wohl freundlich auf ihr Gemüth wirken, denn der schmerzlich herbe Zug, der eben noch ihr schönes Antlitz entstellt hatte, verschwand, und aufathmend murmelte sie:

»Ich bin doch nicht ganz arm und elend, so lang ich sie habe und ihre Stimme vernehme.«

Als Irene, welche unterwegs einem Tempeldiener das bescheidene Opfergeschenk des Klausners Phibis für den Altar des Serapis übergeben hatte, die Kammer betrat, verbarg sie das Brett mit der Gabe des Römers hinter ihrem Rücken und rief schon in der Thür ihrer Schwester entgegen:

»Nun rathe, was ich hier habe?«

»Brod und Datteln von Serapion,« entgegnete Klea.

»O nein,« rief die Andere, indem sie ihrer Schwester den Teller entgegenhielt, »lauter Leckerbissen für Götter und Könige. Fühle nur diesen Pfirsich! Faßt er sich nicht an wie die Bäckchen des kleinen Philo? Wenn ich immer solchen Ersatz fände, so müßtest Du wünschen, daß ich jeden Morgen Dein Frühstück aufäße. Und weißt Du auch, wer uns dieß Alles geschenkt hat? 39 Nein, darauf wirst Du nicht kommen! Der große Römer gab es mir, derselbe, von dem Du gestern die Veilchen bekamst.«

Klea's Antlitz entfärbte sich und streng und kurz fragte sie:

»Wie weißt Du das?«

»Weil er mir's selber gesagt hat,« erwiederte Irene mit gänzlich veränderter Stimme, denn das Auge ihrer Schwester war fest auf sie gerichtet und blickte sie mit einem ihr bis dahin völlig fremden Ausdruck strengen Ernstes an.

»Und wo sind die Veilchen?« fragte Klea weiter.

»Er nahm sie und sein Freund gab mir diese Granate,« stammelte Irene. »Er selbst wollte sie mir reichen, aber der Grieche, ein schöner, heiterer Jüngling, litt es nicht und legte sie dort auf das Brettchen. Da nimm sie, aber schau' mich nicht länger so an, ich kann's nicht ertragen!«

»Ich will sie nicht,« sagte die Andere, nicht ohne Herbheit. Dann schlug sie die Augen nieder und fragte leise: »Behielt der Römer die Veilchen?«

»Er behielt – nein, Klea, nein, belügen will ich Dich nicht! Er warf sie über das Haus und sprach so rauhe Worte dabei, daß ich erschrak und ihm rasch den Rücken wandte, denn ich fühlte schon, wie mir die Thränen in's Auge stiegen. Was hast Du nur mit dem Römer? Mir ist so bange, so angst, wie sonst nur, wenn ein Unwetter aufzieht, vor dem ich mich fürchte. Und wie bleich Deine Lippen aussehen! Das kommt gewiß von dem langen Hungern. So 40 iß Dich nun satt. Aber, Klea, warum schaust Du mich so an, so finster und gräßlich? Ich kann diesen Blick nicht ertragen, ich kann's nicht!«

Irene schluchzte laut auf, ihre Schwester aber näherte sich ihr, strich ihr das weiche Haar aus der Stirn, küßte sie und sagte freundlich:

»Ich bin Dir nicht böse, Kind, und will Dir nicht weh thun. Könnt' ich nur weinen wie Du, wenn Wolken mein Herz umziehen, dann zeigte sich auch hier drinnen eben so schnell der blaue Himmel wieder wie bei Dir. Jetzt trockne die Augen, gehe hinüber in den Tempel und frage, wann wir zu der Gesangsübung kommen sollen und wie spät der Aufzug beginnt.«

Irene folgte diesem Gebot.

Mit gesenktem Blick war sie in's Freie getreten, dort aber schlug sie frisch ihr Auge wieder auf, denn sie gedachte des Aufzuges, und als ihr einfiel, daß sie den munteren Freund des Römers bei demselben wiedersehen würde, kehrte sie noch einmal in die Kammer zurück, legte ihre Granatenblüte in das Näpfchen, aus dem sie am Morgen die Veilchen genommen, grüßte ihre Schwester so munter wie je zuvor und überlegte, ob sie für den Aufzug die Blume in das Haar stecken sollte oder an die Brust. Tragen mußte sie sie jedenfalls, denn es galt ja zu zeigen, daß sie solche Gabe werth zu halten verstehe.

Sobald Klea allein war, griff sie mit einer heftigen Bewegung nach dem Teller, den ihr Irene gebracht hatte, reichte der grauen Katze, die sich wieder in das Gemach geschlichen, den Braten und wandte dabei das 41 Gesicht ab, denn der bloße Duft des Fasanen berührte sie wie eine Kränkung.

Dann, nachdem sich die Katze mit ihrer willkommenen Beute in eine Ecke der Kammer zurückgezogen, ergriff sie einen Pfirsich und erhob die Hand, um ihn durch die Oeffnung im Dach ihres Zimmers in's Freie zu schleudern. Aber sie führte dieß Vorhaben nicht aus, denn es kam ihr in den Sinn, daß sie Irene und den kleinen Philo, des Thürhüters Söhnchen, mit den süßen Früchten erfreuen könnte. Darum legte sie ihn auf den Teller zurück und griff nach dem Brod, denn der Hunger quälte sie sehr.

Schon wollte sie das goldgelbe Gebäck zerbrechen, aber einer schnellen Regung folgend, warf sie auch dieses auf den Teller zurück und murmelte:

»Am letzten möchte ich ihm auch nur das Geringste zu danken haben, aber ich werfe die Gottesgabe nicht fort, wie er meine Veilchen, denn das wäre Sünde! Mag das Brod einen Hungrigen satt machen, so bewirkt es doch etwas Gutes, das ihm vielleicht den Dank eines Gottes einträgt. Zwischen ihm und mir muß Alles vorbei sein, und erscheint er heute beim Aufzug und es gelüstet ihn, noch einmal mich anzuschauen, so werde ich meine Augen zu zwingen wissen, die seinen zu meiden; ich will es und führe es durch! Aber, ihr ewigen Götter, und du vor Allen, großer Serapis, dem ich willig diene, ein Anderes werd' ich nicht ohne euren Beistand vermögen, helfet, ja helft mir, ihn zu vergessen, damit meine Gedanken rein bleiben mögen!«

42 Bei diesen Worten warf sie sich vor der Kiste nieder, drückte ihre Stirn auf das harte Holz und versuchte zu beten.

Nur um Eines bat sie die Götter: um die Kraft, den Mann zu vergessen, der sie um die Ruhe ihrer Seele betrogen.

Aber wie schnelle Wolken zwischen einem Weltkörper und dem Auge des Sternsehers, das ihn zu beobachten begehrt, die Arbeit des Himmelskundigen störend, hin und her ziehen, wie der Lärm der Gasse ein schönes Lied, dem wir gern lauschen möchten, wieder und wieder unterbricht und mit wirren Geräuschen verdirbt, so kreuzte immer und immer das Bild des Römers Klea's Gebet um Befreiung von jedem Gedanken an ihn, und endlich wollt' es ihr scheinen, als gleiche sie einem Menschen, der einen Felsblock mit dem Aufgebot aller Kräfte aufzurichten wünscht, und der, statt den Stein zu erheben, von seiner Last zu Boden gedrückt wird; mußte sie doch empfinden, daß durch all' ihr Beten und Ringen der Feind, den sie weit von sich abzuweisen wünschte, ihr nur näher trat und statt zu fliehen, sich mit immer unabwendbareren Griffen ihrer Seele bemächtigte.

Endlich ließ sie von dem vergeblichen Kampfe ab, stand auf, kühlte ihr glühendes Antlitz mit frischem Wasser und zog die Riemen ihrer Sandalen fester an, denn im Tempel, in der Nähe des Gottes, hoffte sie der Ruhe, die sie hier nicht finden konnte, theilhaftig zu werden.

Vor der Thür ihrer Kammer traf sie Irene, die 43 ihr mittheilte, daß wegen des Aufzugs, der vier Stunden nach Mittag beginnen würde, die Gesangsübung ausgesetzt werden sollte.

Als Klea sich dann von ihr entfernte, um sich dem Tempel zu nähern, rief ihre Schwester ihr nach:

»Du bleibst doch nicht lange; es wird gleich wieder Wasser gebraucht für die Spenden.«

»So gehe Du nur an die Arbeit,« bat Klea, »es ist ja nicht viel nothwendig, denn bald ist der Tempel leer wegen des Aufzugs. Mit einigen Krügen wird es genug sein. Drinnen liegt ein Brödchen und ein Pfirsich für Dich; den andern muß ich für den kleinen Philo aufheben.«

 

 

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