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Die Schwestern

Georg Ebers: Die Schwestern - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Schwestern
authorGeorg Ebers
firstpub1880
year1880
publisherEduard Hallberger
addressStuttgart und Leipzig
titleDie Schwestern
pagesIII-XV, 1-432
created20070530
sendergerd.bouillon
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389 Vierundzwanzigstes Kapitel.

All' die dunklen Wolkenmassen, die in der letzten Nacht das Blau des Himmels verfinstert und das Licht des Mondes verdeckt hatten, waren verschwunden.

Der Nordostwind, der sich gegen Morgen erhob, hatte sie verweht und der wolkenfressende Zeus auch die letzte von ihnen verschlungen.

Es war ein köstlicher Morgen, und als das Tagesgestirn höher stieg und auch den über dem Nil schwebenden weißlichen Nebel und den Duft, welcher das Ostgebirge wie ein zartes, durchsichtiges Gewand von graublauem Bombyx umhüllt hatte, schnell und immer schneller zerriß und verzehrte, da schwand auch aus dem schattigsten Winkel der schmalen, sich meilenweit am westlichen Ufer des Stromes hinziehenden Stadt die nächtliche Kühle, und zu dem wundervoll hellen Licht, das die Straßen und Häuser, die Paläste und 390 Tempel, die Gärten, Baumgänge und zahllosen Schiffe im Hafen von Memphis umstrahlte, gesellte sich nun die beim Beginn eines Wintertages auch hier willkommene Wärme.

Um den Nordostwind zur Fahrt stromaufwärts zu benützen, tummelten sich die Schiffsführer und Matrosen am Ufer des Nils, und mit lautem Gesang wurden Segel gehißt und Anker gelichtet.

So überfüllt mit Schiffen war das Ufer, daß man schwer begriff, wie die zur Abfahrt bereiten aus der Masse der zurückbleibenden den Ausweg finden würden; aber jedes fand eine Gasse, durch die es endlich das Fahrwasser erreichte, und bald wimmelte der Strom von Booten, die sämmtlich gen Süden segelten und ihm das Ansehen gaben, als sei er mit einem unabsehbaren schwimmenden Zeltlager überdeckt.

Lange Züge von hochbepackten Kameelen, von leichter beladenen Eseln und dunkelfarbigen Sklaven zogen auf der Hafenstraße dahin. Die Letzteren sangen, unermüdet von der Schwere des Tages, und die Peitschen ihrer Aufseher steckten noch in den Gürteln.

Ochsenkarren wurden belastet oder näherten sich mit Waaren dem Landungsplatze, und schon begannen sich um einzelne große Kaufherren, von denen die Mehrzahl griechisch und nur wenige in ägyptischer Weise gekleidet waren, die Schiffsführer zu sammeln, um ihre Ladungen an den Mann zu bringen oder ihre Fahrzeuge neu zu vermiethen.

Am lärmendsten ging es an einer Stelle des Hafens her, woselbst unter großen Zelten die Steuerbeamten 391 thätig waren, denn die meisten Schiffe gingen nur bei Memphis vor Anker, um den Nilzoll auf den »Tisch« des Königs zu legen.

Bunt genug sah es auch auf dem dem Hafen benachbarten Markt aus, wo Datteln und Korn, Rindshäute und getrocknete Fische in großen Haufen aufgestapelt und blökende und brüllende Viehheerden zusammengetrieben waren, um an den Meistbietenden verkauft zu werden.

Wie auf einem Hühnerhofe Pfauen und bunte Hähne unter den emsig scharrenden Hennen, so zeigten sich hier mitten unter der geschäftigen Menge Soldaten zu Fuß und zu Roß in bunten Röcken und glänzender Waffenrüstung, vornehme Höflinge in Festkleidern von weithin glänzenden rothen, blauen und gelben Stoffen, die von den Sklaven in Sänften getragen wurden oder auf schön vergoldeten Wagen standen, bekränzte Priester in langen weißen Gewändern und geputzte Dirnen, die sich, um die Flöte zu spielen oder zu tanzen, in die dem Hafen benachbarten Schenken begaben.

Die zwischen diesem lebendigen Treiben umherspielenden Kinder schauten begehrlich nach den hoch mit Kuchen bepackten Körben, welche Bäckerburschen geschickt auf dem Kopfe trugen. Die besonders zahlreichen Hunde erhoben die Nasen, wenn solch' ein Träger von Süßigkeiten sich ihnen nahte, und mancher von ihnen heulte auf vor Verlangen, sobald eine Bürgersfrau mit ihrem Sklaven, der unter Gemüse und Früchten auch frisch geschlachtetes Geflügel und 392 blutiges Fleisch für den Festbraten in seinem Korbe verwahrte, an ihm vorbeiging.

Gärtnersleute, Knaben und Mädchen in großer Zahl, trugen zu Zweien auf hölzernen Bahren oder einzeln auf Brettern und an Stangen Blumenkränze, Guirlanden und duftende Sträuße, und an derjenigen Stelle des Ufers, bei der die Schiffe des Königs vor Anker lagen, waren viele Arbeiter thätig, um die fahnentragenden Masten mit Laub- und Blütengewinden rings zu umschlingen und mit bunten Laternen zu schmücken.

Lange Züge von festlich gekleideten Dienern der Gottheit, die Vertreter der fünf Phylen der Priesterschaft des gesammten Landes, zogen mit Geschenken und Standarten in der zum Königspalast führenden Richtung auf der Hafenstraße dahin, und die geschäftige Menge wich ihnen ehrerbietig aus,

Wie goldene Fäden durch ein graues Alltagsgewand, so wob sich durch das geschäftige Treiben am Landungsplatze festlicher Glanz.

Euergetes, der zu Alexandria herrschende Bruder des Königs, feierte heute zu Memphis seinen Geburtstag und die ganze Stadt sollte Theil haben an diesem Feste.

Schon in der ersten Stunde nach Sonnenaufgang waren in dem Tempel des Ptah, dem größten und ältesten Heiligthum in der ehrwürdigen Pharaonenresidenz, Opfer geschlachtet worden, der jüngst gefundene heilige Apisstier, dem Euergetes in der Frühe des Morgens seine Verehrung dargebracht und 393 der, als günstiges Zeichen für das Gelingen der Pläne des Königs, aus seiner Hand gefressen hatte, war über und über mit goldenen Zieraten behängt und seine eigene, sowie die Wohnung seiner Mutter und der für ihn gehaltenen Kühe, reich mit Blumen geschmückt.

Nur bis zu Mittag war es den Memphiten gestattet, ihren Geschäften nachzugehen und ihre Gewerbe zu treiben, dann aber wurden die Märkte, die Buden, die Werkstätten und Schulen geschlossen, und auf dem großen Jahrmarktsplatze vor dem Ptahtempel sollte es weltliche und religiöse Schauspiele jeder Art für Männer, Weiber und Kinder auf Kosten beider Könige zu sehen, zu hören und zu bewundern geben.

Zwei Männer aus Alexandria, ein aus Lesbos stammender Aeolier und ein zu der jüdischen Gemeinde gehörender Palästinäer, der sich weder durch Kleidung noch Sprache von seinen hellenischen Mitbürgern unterschied, begrüßten einander gegenüber dem Ankerplatz der königlichen Schiffe, von denen einige, die purpurnen Segel entfaltend und die mit Elfenbein ausgelegten, schwer vergoldeten Schnäbel wendend, in den Nil stachen.

»In zwei Stunden,« sagte der Jude, »fahr' ich nach Hause. Darf ich Dir anbieten, mein Boot mit mir zu theilen, oder denkst Du erst morgen zu reisen und das Fest mitzumachen? Es gibt allerlei Schaustellungen zu sehen und beim Einbruch der Dunkelheit wird eine große Beleuchtung stattfinden.«

»Was kümmert mich der barbarische Kram!« 394 entgegnete der Lesbier. »Allein die ägyptische Musik bringt mich zur Verzweiflung. Mein Geschäft ist abgeschlossen, die Waaren, die über Berenice und Koptos aus Arabien und Indien kommen, habe ich besichtigt und ausgewählt, was ich brauche, ehe das Schiff, das sie trägt, in dem mareotischen Hafen landet und Andere in Alexandria mir zuvorkommen. Ich bleibe keine Stunde länger als nöthig in diesem Nest, das so traurig wie groß ist. Gestern sah ich das Gymnasium an und die vornehmen Bäder. Jammervoll, sage ich Dir. Ich trete den Fischmärkten und Pferdeschwemmen in Alexandria zu nahe, wenn ich sie mit ihnen vergleiche.«

»Und das Theater!« rief der Jude. »Sein Aeußeres ließe sich ansehen, aber das Spiel! Gestern gaben sie die ›Thaïs‹ des Menander. Mit faulen Aepfeln, sag' ich Dir, hätten sie in Alexandria das Frauenzimmer von der Bühne getrieben, das die bestrickende und doch kalte Hetäre darzustellen wagte. Neben mir saß ein dicker brauner Aegypter, ein Zuckerbäcker oder dergleichen, der sich vor Lachen die Seiten hielt und doch, ich möcht' es beschwören, kein Wort von der ganzen Komödie verstand. Auch in Memphis ist es jetzt selbst unter den Handwerkern Mode, Griechisch zu können. Darf ich hoffen, daß Du mein Gast bist?«

»Gern, gern,« entgegnete der Lesbier. »Ich wollte mich eben nach einem Boote umsehen. Bist Du mit Deinen Geschäften zufrieden?«

»Leidlich,« antwortete der Jude. »Ich kaufte oberägyptisches Korn und legte es hier in die Speicher. 395 Die ganze Reihe dort drüben war zu Spottpreisen zu vermiethen, und so kommen wir gut fort, wenn wir das Getraide hier und nicht in Alexandria, wo die Vorrathskammern kaum mehr zu bezahlen sind, lagern lassen.«

»Das ist klug,« gab der Lesbier zurück. »Es sieht hier lebendig genug aus im Hafen, aber schon die vielen leeren Magazine und billigen Miethen beweisen, wie Memphis zurückging. Früher war diese Stadt das Ziel für die Schiffe, heute aber laufen die meisten nur an, um den Zoll zu zahlen und den Mundvorrath für die Mannschaft zu ergänzen. Dieser volkreiche Ort hat einen großen Magen, und es kommt wohl auch manchmal zu bedeutenderen Geschäften, aber das Meiste von dem, was hier anhalten muß, geht doch nach Alexandria weiter.«

»Es fehlt eben das Meer,« unterbrach ihn der Jude. »Memphis handelt nur mit Aegypten und wir mit der Welt. Wer hier Waaren versendet, belastet Kameele, erbärmliche Esel und flache Nilboote, wir aber befrachten in unseren Häfen gewaltige Meerschiffe. Wenn die Winterstürme vorbei sind, senden wir allein zwanzig Trieren mit ägyptischem Getraide nach Ostia und in den Pontus. Eure indischen und arabischen Waaren, die Güter, die ihr aus den neu erschlossenen äthiopischen Ländern bezieht, nehmen weniger Platz ein, aber ich möchte wohl wissen, wie viel Talente euer Umsatz im vorigen Jahr betrug. Auf Wiedersehen denn in meinem Schiffe; es heißt ›Euphrosyne‹ und liegt dort drüben gerade gegenüber den beiden 396 Bildsäulen des alten Königs . . . Wer kann diese Namen behalten! Ungelenke, barbarische Dinger! In drei Stunden brechen wir auf. Ich habe einen guten Koch an Bord, der sich wenig um die Speisegesetze kümmert, nach denen meine Landsleute in Palästina leben. Du findest auch einige neue Bücher und ganz vorzüglichen Wein aus Byblos.«

»So haben wir wenig von widrigen Winden zu fürchten,« lachte der Lesbier. »Auf Wiedersehen denn in drei Stunden!«

Der Israelit grüßte seinen Reisegefährten mit der Hand und ging im Schatten einer Allee von Sykomoren mit unförmig breiten Laubkronen zuerst dem Ufer entlang, dann aber bog er in eine schmale Straße, die aus dem Hafen in die Stadt führte.

An dem Eingange des Eckhauses, welches seine eine Seite dem Strom, seine andere, in der sich die Thür und ein kleiner Oelladen befanden, der Gasse zukehrte, blieb er einen Augenblick stehen, denn seine Aufmerksamkeit ward dort von einem seltsamen Bilde gefesselt. Aber er hatte vor seiner Abfahrt noch Mancherlei zu besorgen und eilte bald weiter, ohne auf eine stattliche Männergestalt zu achten, welche ihm mit dem Reisehut auf dem Kopfe und in einem Mantel, wie man ihn sonst nur auf der Wanderung trug, entgegentrat.

Das Haus, nach dem der Jude geschaut hatte, war das des Bildhauers Apollodor, und der für diese Tageszeit und einen Spaziergang durch die Stadt seltsam gekleidete Herr der Römer Publius Scipio.

397 Ihn schien das, was in dem kleinen Laden an der Thür des Bildhauers vorging, noch mehr zu fesseln, als den Israeliten, denn er lehnte sich an einen der Bude gegenüber liegenden Gartenzaun und schaute kopfschüttelnd eine Zeitlang den wunderlichen Dingen zu, die es da drin zu sehen gab.

Eine hölzerne, von der Mauer des Hauses getragene Tischplatte, auf die die Käufer ihr Geld zu legen und einige Oelkrüge zu stehen pflegten, ragte wie ein Fensterbrett ein wenig in die Straße hinein, und auf dieser eigenthümlichen Ruhebank saß, indem er dem Budenraum, welcher nicht viel größer war als ein stattlicher Reisewagen, den Rücken zukehrte, ein vornehm aussehender Jüngling in einem lichtblauen, ärmellosen Chiton.

Neben ihm lag ein weißes, mit blauem Rande verziertes Himation von feinem Wollenstoffe. Seine Beine hingen in die Gasse hinein und ihre schimmernde Helle stach wunderlich ab von der schwarzen Haut eines nackten ägyptischen Buben, der mit einem Käfige voll Tauben zu seinen Füßen kauerte.

Der Grieche auf dem armseligen Budentische trug einen goldenen Reifen über dem schön gesalbten Lockenhaar, Sandalen vom feinsten Leder an den Füßen und sah auch in seiner niederen Umgebung vornehm genug aus, dabei aber noch fröhlicher als vornehm, denn sein ganzes hübsches Gesicht lachte, während er zwei kleine, röthlichgraue Turteltauben mit Bändern von rosenrothem Bombyx an den zierlichen Korb, in dem sie saßen, schnürte und dann den geängstigten 398 Thierchen ein kostbares goldenes Frauenarmband über die Köpfchen streifte und es mit einer weißen Schnur an ihre Flügel befestigte.

Nachdem dieses Werk gelungen, hob er das Körbchen in die Höhe, betrachtete es schmunzelnd und mit zufriedenem Blick und war eben im Begriff, es dem schwarzen Knaben zu überreichen, als er Publius bemerkte, der von dem Gartenzaune aus auf ihn zutrat.

»Um aller Götter willen, Lysias,« rief der Römer, ohne seinen Freund zu begrüßen, »was treibst Du da wieder für thörichtes Zeug! Bist Du Oelhändler geworden oder beschäftigst Du Dich mit der Abrichtung von Tauben?«

»Ich bin das Eine und thue das Andere,« lachte der Korinther, denn dieser war es, dem die Anrede des Römers galt. »Wie gefällt Dir dieß Nestlein? Ich finde es wunderniedlich, und wie gut den kleinen Dingern der goldene Reif steht, der ihre Hälschen verbindet!«

»Breite nun,« fuhr er, sich gegen seinen kleinen Gehülfen wendend, fort, »die Tatzen aus, Du braunes Krokodil, trage das Körbchen behutsam in das Haus hinein und sprich mir nun nach: ›Von dem liebeskranken Lysias an die schöne Irene!‹ – Sieh nur, Publius, wie mich das Unthier mit seinen weißen Zähnen angrinst! Du wirst gleich hören, daß sein Griechisch weit weniger tadellos ist, als sein Gebiß. Die Ohren gespitzt, kleines Ichneumon! Wiederhole noch einmal, was Du da – siehst Du, wohin ich mit dem Finger zeige? – was Du da drin dem Herrn 399 oder der Herrin, die Dir die Tauben abnehmen werden, sagen sollst!«

In kläglicher Verstümmelung wiederholte der Knabe des Korinthers Gruß an Irene, und während er dabei den Mund weit aufsperrte, warf ihm Lysias, der es wohl verstand, flache Steine über den Spiegel des Wassers hüpfen zu lassen, besonders zierlich eine silberne Drachme hinein. Dieser Bissen schmeckte dem Burschen, denn nachdem er die Münze aus seinem Munde genommen, stellte er sich mit weit geöffneten Kiefern, auf einen neuen Wurf wartend, seinem freigebigen Gebieter gegenüber; dieser aber schlug ihm nun mit den flachen Händen leicht auf den Kopf und unter das Kinn und sagte, als die Zähne des Jungen aneinander klappten:

»Jetzt trägst Du das Nest hinauf und wartest auf Antwort.«

»Also Irene gilt dieses Geschenk?« fragte Publius. »Wir haben uns lange nicht gesehen. Wo warst Du gestern den ganzen Tag?«

»Es wird viel unterhaltender sein, zu hören, was Du in dieser ganzen langen Nacht getrieben. Du siehst aus, als kämest Du geradenwegs von Rom! Euergetes hat heute Morgen schon einmal und die Königin zweimal nach Dir geschickt; sie ist in Dich verliebt bis über die Ohren!«

»Thorheit! – Erkläre mir nun, was Du hier treibst.«

»Erst erzähle Du mir, wo Du gewesen.«

»Ich hatte einen wichtigen Weg zu gehen, von 400 dem ich Dir später erzählen werde, nicht jetzt; und dabei sind mir ganz absonderliche, ja, ich darf sagen, bemerkenswerthe Dinge begegnet. Vor Sonnenaufgang fand ich dann in der Herberge unten ein Lager und habe zu meinem eigenen Erstaunen so fest geschlafen, daß ich erst vor kaum zwei Stunden erwacht bin.«

»Das ist ein ärmlicher Bericht; aber ich weiß ja, wenn Du nicht reden willst, so entlockt Dir kein Gott eine Sylbe. Was mich betrifft, so würde ich mir mit Schweigen selbst zu nahe treten, denn mein Herz ist wie ein überbürdetes Lastthier und das Sprechen wird es erleichtern. Ach, Publius, mir geht es heut wie dem armen Tantalus, dem die saftigen Birnen an der Nase herumzappeln, seinen hungrigen Magen kitzeln und sich doch nie von ihm erwischen lassen! Sieh' nur, da – da drin wohnt Irene, die Birne, der Pfirsich, der Granatapfel, nach dem sich mein durstendes Herz in Sehnsucht verzehrt. Lache nur! Heute könnte Paris der Helena straflos begegnen, denn Eros hat an mir seinen ganzen Vorrath an Pfeilen verschossen. Du siehst sie nicht, aber ich fühle sie, denn es hat sie noch Keiner aus den Wunden gezogen. Und die liebe Kleine ist bei dem großen Scheibenschießen des geflügelten Knaben auch nicht ganz unverletzt geblieben. Sie hat mir's selber gestanden. Ihr etwas abzuschlagen, ist mir unmöglich, und so habe ich die Thorheit begangen, ihr einen schrecklichen Eid zu schwören, sie nicht eher zu besuchen, als bis sie wieder mit ihrer großen, ernsten Schwester vereint ist, vor der ich mich fürchte. Gestern hab' ich, wie wenn 401 es kalt ist, ein hungriger Wolf einen Tempel, in dem man Lämmer opfert, dieß Haus umschlichen, um sie zu sehen, oder wenigstens ein Wort aus ihrem Munde zu hören, denn sie spricht, wie Nachtigallen singen; aber Alles vergebens. – Heute früh trieb mich's wieder in die Stadt und hieher, und weil mir das ewige Umherlaufen nichts nützt, so kauft' ich dem alten Oelhändler, der dort in der Ecke schläft, seinen Kram ab und ließ mich in seiner Bude nieder, denn von hier aus entgeht mir Keiner, der das Haus Apollodor's betritt oder verläßt, außerdem aber ist es mir nur verboten, Irene zu besuchen; ihr Grüße zu senden, erlaubt sie selbst und wehrt mir Niemand, auch nicht Apollodor, mit dem ich vor einer Stunde geredet.«

»Solch' ein Gruß war auch das Nest, das Dein brauner Liebesbote vorhin in das Haus trug?«

»Natürlich. Es ist schon der dritte. Erst sandt' ich einen schönen Strauß von lauter Granatblüten und dazu einige Verse, die ich in dieser Nacht geschmiedet, dann einen Korb mit Pfirsichen, die sie ja gern ißt, und jetzt die Tauben. Da liegen auch ihre Antworten. O das liebe, süße Geschöpf! Für den Strauß erhielt ich dieß rothe Bändchen, für die Früchte diesen angebissenen Pfirsich. Nun bin ich begierig, was ich für meine Tauben bekomme. Den braunen Schlingel hab' ich mir auf dem Markte gekauft; ich nehm' ihn mir zum Andenken an Memphis mit nach Korinth, wenn er jetzt etwas Hübsches zurückbringt. Da geht die Thür und da ist er. Komm' her, mein Junge, was bringst Du?«

402 Publius hörte und schaute mit auf dem Rücken gekreuzten Armen den lebhaften Worten und Bewegungen seines Freundes zu, der ihm heute noch mehr als sonst wie ein sorgloser Liebling der Götter vorkam, an dessen übermüthigem Thun man sich freut, weil es zu seinem Sein und Wesen paßt und man fühlt, daß er es so wenig lassen kann, wie die Bäume das Blühen.

Sobald Lysias ein Päckchen in der Hand des Knaben bemerkt hatte, nahm er es ihm nicht ab, sondern schwang den ganzen, keineswegs winzigen Gesellen, als wär' es ein Kinderspielzeug, an dem seinen Schurz tragenden Ledergurt zu sich empor, ließ ihn neben sich auf seinen Tisch nieder und rief: »Ich lehre Dich fliegen, junges Nilpferd. Nun zeige, was Du hast!«

Schnell nahm er dem verblüfft dreinschauenden Jungen das Päckchen aus den Fingern, wog es in seiner Hand und sagte, sich an Publius wendend:

»Es steckt etwas ziemlich Schweres da drin, was kann es enthalten?«

»Ich bin wenig erfahren in solchen Dingen,« entgegnete der Römer.

»Ich außerordentlich,« gab Lysias zurück. »Es könnte, warte – es könnte ihre Gürtelschnalle darin sein. Fühle nur, es ist gewiß etwas Hartes.«

Publius betastete das Päckchen, das der Korinther ihm hinhielt, aufmerksam mit den Fingern und sagte dann lächelnd:

»Mir ahnt, was Du da bekommst, und hätte ich 403 Recht, so sollt' es mich freuen. Irene schickt Dir, glaub' ich, das goldene Armband auf einem Brettchen höflich zurück.«

»Unsinn,« entgegnete Lysias. »Die Spange war hübsch gearbeitet und werthvoll, und alle Mädchen lieben den Schmuck.«

»Deine Freundinnen zu Korinth in jedem Falle! Aber sieh' doch zu, was das Tüchlein enthält.«

»Wickele Du es aus,« bat der Korinther.

Publius löste zuerst einen Faden, entfaltete dann ein weißes Leinwandstückchen und fand endlich ein in spröden »Handelspapyrus« eingewickeltes Etwas.

Nachdem diese letzte Hülle entfernt war, zeigte sich in der That das Armband und unter diesem lag ein kleines Wachstäfelchen.

Lysias war keineswegs zufrieden mit diesem Funde und schaute verblüfft und verdrossen auf sein zurückgewiesenes Geschenk, aber er wurde schnell seines Aergers Herr und sagte, indem er sich an seinen nicht schadenfroh lachenden, sondern nachdenklich zu Boden blickenden Freund wandte:

»Hier auf dem Täfelchen steht auch etwas. Das ist gewiß die Brühe zu dem gepfefferten Gericht, das mir da vorgesetzt ward.«

»Iß sie nur,« unterbrach ihn Publius. »Sie kann Dir für die Zukunft wohlthätig sein.«

Lysias nahm das Täfelchen in die Hand und nachdem er es von allen Seiten betrachtet hatte, sagte er:

»Es gehört dem Bildhauer, denn da steht noch sein Name. Und da . . . Wahrhaftig, sie hat die 404 Brühe, oder wenn Du lieber willst, die bittere Arznei mit Versen gewürzt. Sie sind weniger schön als deutlich geschrieben und gehören jedenfalls zu der lehrhaften Gattung.«

»Nun?« fragte der Römer neugierig, während Lysias las. Aber dieser Letztere schaute nicht auf von der Schrift, sondern gab, indem er den Rücken seiner feinen Nase mit den Fingerspitzen rieb, nur leise seufzend zur Antwort:

»Recht hübsch für Jeden, den es nichts angeht! Willst Du das Distichon hören?«

»Ich bitte Dich, trage vor!«

»Nun also,« sagte der Korinther, seufzte noch einmal und las:

»Freundlich erscheinet sein Loos dem durch Liebe verbundenen Paare,
Doch das belastende Gold scheut es und sendet's zurück.«

»Da hast Du meine Arznei! Aber Tauben sind keine Menschen und ich weiß schon, was ich entgegne! Gib mir die Fibula, Publius, die Deinen Mantel zusammenhält, in dem Du wie Dein eigener Bote aussiehst; ich ritze mit ihr meine Antwort in das Wachs.«

Der Römer reichte Lysias den mit einer starken Nadel versehenen goldenen Kranz, und während er seinen Mantel mit den Händen zusammenzog, weil er auch von den wenigen, diese Gasse berührenden Vorübergehenden nicht erkannt zu werden wünschte, schrieb der Korinther:

»Wärmt sich den Tauben das Herz, so putzet allein sich das Männchen,
Wenn es dem Jüngling erglüht, schmückt die Geliebte er gern.«

405 »Darf man hören?« fragte Publius und sein Freund las ihm sogleich seine Verse vor, gab dem Knaben das Täfelchen und das Armband, welches er schnell von Neuem einwickelte, in die Hand und befahl ihm, es sogleich zu der schönen Irene zu bringen.

Aber der Römer hielt den Knaben zurück, und seine Hand auf des Korinthers Schultern legend fragte er:

»Und wenn nun die Jungfrau diese Gabe annimmt und nach ihr viele andere, denn Du bist ja reich genug, sie nach Herzenslust zu beschenken, – was dann, Lysias?«

»Was dann?« wiederholte der also Angeredete unschlüssiger und befangener als sonst. »Dann warte ich Klea's Heimkehr ab und –; ja, lache mich nur aus, aber ich habe ernstlich daran gedacht, dieß Mädchen zu heirathen und es mit nach Korinth zu nehmen. Ich bin der einzige Sohn und schon seit drei Jahren läßt mir mein Vater keine Ruhe. Er will durchaus, daß die Mutter mir eine Frau sucht oder daß ich mir selbst eine wähle. Und brächt' ich ihm die pechschwarze Schwester dieses braunen Bengels, ich glaube, er würde sich freuen! Toller als in diese kleine Irene werd' ich mich in kein anderes Mädchen verlieben, so wahr ich Dein Freund bin; aber ich weiß, warum Du mich wieder mit dem Blicke des Donnerers Zeus ansiehst! Du weißt, was unser Haus in Korinth bedeutet, und wenn mir das in den Sinn kommt, dann freilich –«

»Dann freilich?« fragte der Römer schneidig und ernst.

406 »Dann bedenke ich, daß eine Krugträgerin und die Tochter eines verurtheilten Mannes in unserem Hause . . .«

»Hältst Du das meine in Rom für geringer, als das eure in Korinth?« fragte Publius streng.

»Im Gegentheil, Publius Cornelius Scipio Nasica. Wir sind groß durch Reichthum, ihr seid es durch Macht und sicheren Besitz.«

»Wir sind es, und dennoch führ' ich Irenens Schwester, Klea, als mein eheliches Weib in das Haus meines Vaters.«

»Thust Du das?!« rief Lysias, sprang von seiner Bank auf und warf sich, obgleich einige Aegypter in diesem Augenblicke in der öden Gasse an ihnen vorbeizogen, an des Römers Brust. »Dann ist ja Alles gut, dann, – ach, wie mir das die Seele erleichtert, – dann wird Irene mein Weib, so wahr das Leben mir lieb ist! O Eros und Aphrodite und Vater Zeus und Apollo, wie das mir gut thut! Als wär' mir die größte von allen Pyramiden da drüben vom Herzen gefallen, so ist mir zu Muthe! Jetzt, Schlingel, gehst Du hinauf und bringst der schönen Irene, der Braut des treuen Lysias, – hörst Du, was ich Dir sage? – sogleich diese Tafel und dieses Armband. Aber Du wirst es nicht richtig bestellen; ich schreibe hier über mein Distichon: ›Der treue Lysias der schönen Irene, seiner künftigen Gattin.‹ So und nun, denke ich, schickt sie das Ding da nicht wieder zurück, das brave Mädchen! Höre, Schlingel, wenn sie es behält, so darfst Du heut auf dem Festplatz so viel Kuchen 407 schlingen, bis Du todkrank bist, und ich habe doch eben erst für Dich fünf Goldstücke bezahlt. Behält sie das Armband, Publius, ja oder nein?«

»Sie wird es behalten.«

Wenige Minuten später kam der Knabe eilend zurück, zog heftig an des Korinthers Chiton und rief:

»Kommen, mitkommen, hinein in das Haus!«

Lysias sprang mit einem weiten und zierlichen Satze über den Buben fort, riß die Thür auf und öffnete seine Arme, als er Irene erblickte, welche die schmale, leiterartige Stiege behend wie eine gejagte Gazelle herunter und auf ihn zu eilte, um sich lachend und weinend in einem Athem an seine Brust zu werfen.

Schnell fanden seine Lippen die ihren, aber nach diesem ersten Kusse riß sie sich von ihm los, stürmte wieder die Treppe hinan, rief ihm von einer der oberen Stufen jubelnd zu: »Ich habe nicht anders gekonnt! Wenn Klea da ist, auf Wiedersehen!« und verschwand dann im oberen Stockwerk.

Wie berauscht kehrte Lysias zu seinem Freunde zurück, schwang sich wieder auf seine Bank und sagte:

»Nun mag der Himmel einfallen, mich soll es nicht kümmern! Ihr ewigen Götter, wie schön ist die Welt!«

»Seltsamer Gesell,« unterbrach der Römer seines Freundes Entzücken, »Du kannst doch nicht immer in dieser schwärzlichen Bude bleiben.«

»Ich rühre mich nicht von der Stelle, bis Klea hier eintrifft. Der Bursch da soll mir Futter 408 zutragen, wie ein alter Spatz seinen Jungen, und zur Noth bleib' ich hier eine Woche liegen, wie die kleinen Sardellen, die man zu Alexandria in Oel aufbewahrt.«

»Du wirst, hoff' ich, nur einige Stunden zu warten haben; ich aber muß gehen, denn ich gedenke dem König Euergetes eine seltsame Ueberraschung zu seinem Geburtstage zu bereiten und muß in den Palast. Die Feierlichkeiten sind schon in vollem Gange. Höre nur, wie sie am Hafen schreien und rufen; mir ist es, als ob ich den Namen Euergetes verstände.«

»Bring' dem dicken Ungethüm meinen Glückwunsch, und auf baldiges Wiedersehen, mein Schwager!«

 

 

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