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Die Schwestern

Georg Ebers: Die Schwestern - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Schwestern
authorGeorg Ebers
firstpub1880
year1880
publisherEduard Hallberger
addressStuttgart und Leipzig
titleDie Schwestern
pagesIII-XV, 1-432
created20070530
sendergerd.bouillon
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130 Zehntes Kapitel.

Eine Stunde war über die Gäste des Königspaares, seitdem Lysias sie verlassen, dahingegangen, die Becher waren oft gefüllt und geleert worden, der Eunuch Euläus hatte sich wieder zu den Schmausenden gesellt und das Gespräch seine Form völlig geändert, denn der gleiche Gegenstand beschäftigte nicht mehr alle Anwesenden, vielmehr unterhielten sich beide Könige mit Aristarch über die in Griechenland zerstreuten Handschriften älterer Dichter und Gelehrtenwerke und die Mittel und Wege, sie zu erwerben oder genaue Abschriften von ihnen für die Bibliothek des Museums zu erlangen.

Hierax erzählte dem Eunuchen von dem letzten dionysischen Fest und den Aufführungen der neuesten Komödien in Alexandria, und Euläus gab sich geschickt genug das Ansehen, ihm mit beiden Ohren zu lauschen, unterbrach ihn auch manchmal mit verständigen, sich an seine Worte schließenden Fragen, und 131 doch war seine Aufmerksamkeit ausschließlich der Königin zugewandt, die sich des Römers Publius völlig bemächtigt hatte, ihm leise von ihrem ihre Kräfte verzehrenden Leben, ihrem unbefriedigten Herzen und ihrer Begeisterung für Rom und männliche Kraft erzählte.

Dabei glühten ihre Wangen und leuchteten ihre Augen, denn je ausschließlicher sie das Wort behielt, je besser glaubte sie unterhalten zu sein, und Publius, der nichts weniger war als gesprächig, unterbrach sie nur selten, mischte aber, wo es anging, ein schmeichelhaftes Wort in ihre Rede, denn er gedachte des Rathes, den ihm der Klausner gegeben, und wünschte Kleopatra für sich zu gewinnen.

Der Eunuch verstand trotz seines feinen Gehörs nur wenig von ihrer Flüsterrede, denn des Königs Euergetes gewaltige Stimme übertönte laut das übrige Gespräch, aber Euläus verstand es, die abgerissenen Sätze schnell im Geist zu verbinden und wenigstens im Allgemeinen den Sinn des von ihr Gesagten aufzufassen.

Die Königin verschmähte den Wein, aber sie verstand es, bei Gelagen sich durch ihre eigenen Worte zu berauschen, und jetzt, gerade als ihre Brüder und Aristarch auf's Lebhafteste erregt Rede und Gegenrede mit einander tauschten, hob sie ihren Becher, berührte ihn mit den Lippen und reichte ihn Publius, während sie seinen Pokal ergriff.

Der junge Römer wußte, was diese rasche That zu bedeuten hatte.

So tauschte auch in seiner Heimat ein von Amor 132getroffenes Weib mit dem Geliebten den Pokal oder den von ihren weißen Zähnen zerschnittenen Apfel.

Wie einen Wanderer, der, nach dem Mond und den Sternen schauend, sorglos seines Weges dahin zieht und plötzlich den Abgrund bemerkt, der ihm tief und schwarz zu seinen Füßen entgegen gähnt, so überlief Publius ein kalter Schauer. Wie ein Blitz schoß ihm der Gedanke an seine Mutter und ihre Warnung vor den verführerischen Ränken der Aegypterinnen und besonders der Frau, die ihn jetzt gar nicht königlich, sondern bang und verlangend anschaute, durch die Seele, und gern hätte er zu Boden geblickt und den Becher unberührt gelassen, aber ihr Auge hielt das seine wie mit Schlingen und Banden gefangen, und den Pokal von sich zu weisen, schien dem furchtlosesten Sohn des muthigsten Volkes ein unausführbar kühnes Wagniß.

Und wie hätte er es auch vermocht, die höchste Gunst mit einer Beleidigung zu vergelten, die kein Weib, am wenigsten aber eine Kleopatra, jemals vergeben konnte?

Ja manches Lebensglück ist verscherzt, manche Sünde begangen worden, weil Frauenhuld für jeden Mann ein Ehrengeschenk ist, das ihm, auch wenn es aus ungeliebten und unwürdigen Händen kommt, schmeichelt; Schmeichelei aber ist ein Schlüssel zum Herzen, und steht dieß letztere halb offen, so fehlt es niemals an der Stimme des Versuchers, welche spricht: »Durch Zurückweisung würdest du kränken.«

Aehnliche Erwägungen waren es, die des jungen 133 Römers erregten Sinn rasch durchkreuzten, als er den Becher der Königin ergriff und ihn an derselben Stelle, an der ihre Lippen ihn gestreift, mit den seinen berührte.

Während er dann in langen Zügen den Pokal leerte, erfaßte ihn plötzlich ein großer Widerwille gegen das sehr gesprächige, überreich geschmückte, bewegliche Weib ihm gegenüber, das ihm ihre Neigung, um die er nicht geworben, aufdrängte, und plötzlich trat ihm das Bild der armen Krugträgerin greifbar deutlich vor die Seele und er sah Klea vor sich, wie sie stolz und abweisend, seine Blicke meidend, weit königlicher einherschritt, als die mit dem Diadem geschmückte Herrscherin an seiner Seite es jemals vermocht hätte.

Kleopatra freute sich über sein langes, langsames Trinken, denn sie meinte, der Römer wolle damit andeuten, daß er nicht aufhören könne, sich wegen der ihm erwiesenen Huld glücklich zu preisen.

Keinen Blick wandte sie von ihm und nahm mit Vergnügen wahr, wie Roth und Blaß auf seinen Wangen wechselte, und bemerkte nicht, daß Euläus mit blitzenden Augen Alles beobachtete, was zwischen ihr und Publius vorging.

Endlich setzte der Römer den Becher nieder und suchte befangen nach einer Antwort auf ihre Frage, wie der Wein ihm gemundet.

»Herrlich, vorzüglich,« gab er endlich stammelnd zurück, sah aber dabei nicht mehr Kleopatra an, sondern Euergetes, der eben laut ausrief:

»Stundenlang hab' ich über diese Stelle 134 nachgedacht, Dir meine Gründe entwickelt und Dich sprechen lassen, Aristarch, aber ich bleibe dabei, und wer es leugnen wollte, der thäte Homer Unrecht, daß hier statt iusiu gelesen werden muß.«

Euergetes sprach diese Worte so heftig erregt, daß er alle anderen Gäste laut überschrie, Publius aber klammerte sich an sie, um der Nothwendigkeit zu entgehen, Gefühle zu heucheln, die er nicht hegte, und so sagte er denn, indem er sich halb an den Redenden, halb an Kleopatra wandte:

»Was nützt es zu wissen, ob es so oder so, iu oder siu heißt! Ich finde Vieles an Anderen berechtigt, was mir selbst fremd ist, aber das vermag ich nicht zu begreifen, daß ein thatkräftiger Mann, ein umsichtiger Fürst und tüchtiger Zecher wie Du, Euergetes, sich stundenlang hinter bröcklige Papyrusrollen setzen und sich den Kopf zerbrechen kann, ob dieses oder jenes Wort im Homer so oder anders gelautet habe.«

»Du versuchst Dich eben an anderen Dingen,« gab Euergetes zurück. »Ich halte das, was unter diesem goldenen Stirnreifen steckt, für mein Bestes und übe meinen Witz an dem Feinsten und Kleinsten, wie ich die Kraft meiner Arme gern an dem stärksten Athleten versuche. Fünf hab' ich das letzte Mal in den Sand geworfen, und sie zittern in der timagetischen Ringbahn, wenn ich erscheine. Es gäbe keine Kraft, wenn kein Widerstand auf der Welt wär', und Niemand wüßte, daß er stark ist, wenn es ihm nicht gelänge, Hindernisse zu finden. Ich suche mir solche, die meiner Eigenart zusagen, und wenn sie nicht nach 135 Deinem Geschmack sind, so kann ich nicht helfen. Ein edles Roß, dem Du diese vortrefflich bereitete Languste vorsetzest, wird sie verschmähen und nicht begreifen, wie die thörichten Menschen so etwas Salziges wohlschmeckend finden können. Salz ist eben nicht jeden Geschöpfes Sache! Dem fern vom Meere Geborenen munden die Austern nicht, ich aber als Feinschmecker öffne sogar ihre Schalen selbst, damit sie ganz frisch sind, wenn ich sie ausschlürfe und ihren Saft mit dem Weine vermische.«

»Ich liebe keine übersalzigen Speisen und überlasse das Oeffnen der Seethiere gern meinen Dienern,« entgegnete Publius. »Dadurch spare ich Zeit und unnütze Arbeit.«

»Ich weiß,« rief Euergetes. »Ihr haltet euch griechische Sklaven, die für euch lesen und schreiben müssen. Gibt es denn keinen Markt, auf dem man Leute kauft, die nach durchzechten Nächten unsern Kopfschmerz ertragen? Man liebt andere Dinge am Tiber mehr als das Lernen.«

»Und,« fiel Aristarch ein, »man beraubt sich dadurch der edelsten und feinsten Genüsse, denn die reinste Lust ist immer diejenige, welche wir mit dem Einsatz von Unlust und Anstrengungen erwerben.«

»Aber was ihr durch diese Art der Arbeit gewinnt,« entgegnete Publius, »ist klein und wenig bedeutend. Ihr kommt mir dabei vor wie ein Mann, der im Schweiße seines Angesichts einen Steinblock heranschleppt, um ihn auf eine Sperlingsfeder zu legen, damit sie der Wind nicht fortweht.«

136 »Was ist klein und was ist groß?« fragte Aristarch. »Entgegengesetzte Ansichten über das gleiche Ding können gleich wahr sein, denn von uns allein und unseren Empfindungen hängt es ab, wie die Dinge uns erscheinen, ob kalt oder warm, lieblich oder widerwärtig, und wenn Protagoras sagt, der Mensch sei das Maß aller Dinge, so ist das die annehmbarste von allen sophistischen Lehren; übrigens hat, das wirst Du verstehen, selbst das Kleinste um so höhere Bedeutung, je vollendeter das Ding ist, zu dem es als eins seiner Theile gehört. Schneide einem Karrengaul ein Ohr ab, was schadet es, aber denke, dasselbe geschähe einem edlen Roß, das Du auf dem Marsfelde tummelst! Im Antlitz eines Bauernweibes hat eine Runzel, ein Zahn mehr oder weniger keine Bedeutung, aber in dem einer gefeierten Schönen ist's anders. Zerkratze über und über das Menschenbild, mit dem die groben Finger des Töpfers einen Wasserkrug zierten, und es wird dem armen Gefäße zu geringem Schaden gereichen, aber ritze nur mit der Nadel die Gemme mit den Bildern des Ptolemäus und der Arsinoë, die Kleopatra's Gewand an ihrem schönen Halse zusammenhält, und die reichste Fürstin wird sich bekümmern, als hätte sie einen schweren Verlust erfahren.

»Was gibt es nun Vollendeteres und der Erhaltung Würdigeres, als die edelsten Werke der großen Denker und Dichter?

»Sie vor Schaden zu wahren, sie von den Flecken zu säubern, die sich mit der Zeit in ihr tadelloses 137 Gefüge eingeschlichen haben, das ist unsere Aufgabe, und wenn wir Steinblöcke wälzen, so thun wir es nicht, um eine Sperlingsfeder zu belasten, damit der Wind sie nicht fortwehe, sondern um das Thor zu verschließen, hinter dem ein kostbarer Schatz bewahrt ist, und diesen vor Schaden zu hüten.

»Der Mädchen Reden am Brunnen sind werth, daß der Wind sie verwehe und Niemand ihrer gedenke, aber kann einem Sohne ein Wort von denen bedeutungslos scheinen, die ihm sein sterbender Vater als Richtschnur für das Leben mit auf den Weg gab? Wenn Du nun selbst solch' ein Sohn wärst und Dein Ohr hätte die Rathschläge des Scheidenden nur unvollständig verstanden: wie viel Talente würdest Du Dem wohl zahlen, der die fehlenden Worte zu ergänzen vermöchte? Die unsterblichen Werke der großen Dichter und Denker, was sind sie nun Anderes, als solche heilige Mahnungsworte, die sich freilich nicht an einen Einzelnen, sondern an alle Nichtbarbaren wenden, so viel ihrer sind. Erheben, belehren, erfreuen werden sie wie heute noch nach tausend Jahren die Nachgeborenen, und diese werden, wenn sie keine mißrathenen Söhne sind, auch Denen Dank zollen, die ihres Lebens beste Kraft daran setzen, um das, was ihre großen Vorfahren sagten, so zu ergänzen und herzustellen, wie es gelautet haben muß, ehe es durch Sorglosigkeit und Thorheit verstümmelt und verderbt ward.

»Wer wie König Euergetes im Homer eine einzige richtige Sylbe an die Stelle einer falschen setzt, der 138 hat den Folgegeschlechtern, sollt' ich meinen, einen Dienst und zwar einen großen Dienst geleistet.« –

»Was Du da sagst,« entgegnete Publius, »klingt überzeugend, aber völlig leuchtet es mir doch nicht ein; gewiß, weil ich von früh an gelernt habe, Thaten den Worten vorzuziehen. Am leichtesten versöhn' ich mich mit eurer mühevollen Kleinarbeit, wenn ich mir denke, daß euch die Herstellung des Wortlauts von Gesetzen, deren Bedeutung durch ein fehlendes Wort verkehrt ausfallen könnte, anvertraut sei; oder daß mir ein schlechter Bericht über eine einzelne Handlung oder den Lebenslauf eines Freundes oder Blutsverwandten vorläge und es stünde bei mir, ihn von Fehlern und Mißverständnissen zu säubern.«

»Aber was sind denn die Werke der Sänger von Heldengedichten und der Geschichtsschreiber anders als dichterisch ausgeschmückte oder wahrheitsgemäß erzählte Lebensläufe unserer Väter?« rief Aristarch. »Ihnen widmet sich mein König und Studiengenosse gerade mit besonderem Eifer.«

»Wenn er nicht zecht und schwärmt und regiert, und mit Opfern und Prozessionen und anderen Thorheiten seine Zeit vergeudet,« fiel Euergetes ein. »Wär' ich kein König, vielleicht würde aus mir ein Aristarch geworden sein, jetzt bin ich ein halber Fürst, denn eine Hälfte meines Reichs gehört ja Dir, Philometor – und ein halber Gelehrter, denn wann fänd' ich wohl völlige Ruhe zum Denken und Schreiben?

»Halb, halb ist Alles an mir, der ich, wenn das Gewicht den Ausschlag gäbe, ein . . .« und er schlug 139auf seinen Leib und seine Stirn, »ein doppelter Mann sein würde.

»Ganz, mehr als ganz bin ich allein beim Gelage, wenn in den Bechern der Wein und in den hübschen Köpfen der Flötenspielerinnen zu Alexandria und Kyrene die Augen blitzen; vielleicht auch manchmal im Rathe, wenn es darauf ankommt, und überall, wo es etwas Ungeheuerliches zu thun gibt, wovor mein Bruder und ihr Alle, und vielleicht nur dir Römer nicht zurückschrecken würden. So ist's und ihr werdet's erfahren!«

Diese letzten Worte hatte Euergetes mit gerötheten Wangen, unruhig hin und her schießenden Augen und, indem er den Kranz und den goldenen Stirnreifen vom Kopf nahm und mit den Händen wiederum durch sein Haar fuhr, mehr geschrieen als gesprochen.

Seine Schwester hielt sich dabei beide Ohren zu und sagte:

»Du thust mir weh! Da Dir Niemand widerspricht und Du ja als geistreicher Mann nicht wie die Scythen durch lautes Reden zu bekräftigen gewohnt bist, was Du behauptest, so würdest Du gut thun, das Metall Deiner Stimme für weitere Reden zu sparen, mit denen Du uns heute hoffentlich noch erfreuen wirst. Vor Deiner Kraft, die Du rühmst, haben wir uns ja mehr als einmal beugen müssen, aber jetzt beim fröhlichen Mahle wollen wir daran nicht denken, sondern lieber bei dem Gespräche bleiben, das uns ergötzt und so schön begonnen wurde. Durch solche warme Vertheidigung dessen, was in Alexandria 140 die Besten unter den Hellenen erfreut, gelingt es vielleicht unserem Publius Scipio und durch ihn wohl auch vielen jüngeren Römern, Achtung vor einer Geistesrichtung einzuflößen, die er nur verurtheilen konnte, so lang ihm das Verständniß dafür abging.

»Oft macht uns ein treffendes Dichterwort auf einen Schlag deutlich, was wir nach langen gelehrten Darlegungen nicht zu fassen vermögen, und ich kenne ein solches, das ein Ungenannter verfaßt hat, und das euch, und auch Dir, Aristarch, gefallen möchte.

»Es faßt den Kern unseres Gesprächs hübsch zusammen und lautet also:

›Singt das kleine Menschenkind
    An dem Ocean der Zeit,
Schöpft mit seiner kleinen Hand
    Tropfen aus der Ewigkeit.

›Sitzt das kleine Menschenkind,
    Sammelt flüsternde Gerüchte,
Schreibt sie in ein kleine Buch
    Und darüber: »Weltgeschichte«.‹

»Einem klugen Freunde danken wir diese Verse und ein Anderer ergänzte sie also:

›Schöpfte nicht das kleine Menschenkind
    Tropfen aus dem Ocean der Zeit,
Was geschieht, verwehte wie der Wind
    In den Abgrund öder Ewigkeit.‹

»Und weiter:

141 ›Tropfen aus dem Ocean der Zeit
    Schöpft das Menschenkind mit kleiner Hand,
Spiegelt doch dem Lichte zugewandt
    Sich darin die ganze Ewigkeit.‹Siehe im Vorwort S. XIII.

»Kleine Menschenkinder sind wir Alle, aber die Tropfensammler unter uns sollen wir doch gewiß nicht geringer schätzen als Diejenigen, welche am Ufer des Oceans ihr Leben verbringen mit Spiel und Streit . . .«

»Und Liebe,« fiel der Eunuch Euläus leise ein, indem er auf Publius blickte.

»Die Verse Deiner Dichter sind hübsch und treffend,« nahm jetzt Aristarch das Wort, »und ich lasse mich gern mit dem tropfenschöpfenden Kinde vergleichen. Es gab eine Zeit, die leider mit dem großen Aristoteles ihren Abschluß gefunden, in der es unter den Griechen Männer gab, die den Ocean, von dem Du redest, mit neuen Zuflüssen speisten, denn die Götter hatten sie mit der Kraft beschenkt, Quellen zu wecken, wie jenen Wunderthäter Mose, von dem uns neulich der Jude Onias erzählte und dessen Geschichte ich in dem heiligen Buch der Hebräer nachlas. Der – den Moses mein' ich – schlug freilich nur Wasser für den Leib aus dem Felsen, während wir unseren Philosophen und Dichtern nie versiegende Labung für Geist und Seele danken.

»Jetzt ist die Zeit vorüber, in der solche göttergleiche, schöpferische Geister geboren werden, und das 142 haben eure Väter, meine Könige, wohl erkannt, als sie das Museum in Alexandria und die Büchersammlung, deren Hüter ich bin und deren Ergänzer ich mich durch euren Beistand nennen darf, gründeten.

»Das in größeren Tagen Entstandene ließ sich nicht durch neue erhabene Werke mehren, als Ptolemäus Soter das Museum in's Leben rief; aber er stellte uns tropfensammelnden Kindern die Aufgabe, es zusammenzutragen, zu sichten und zu reinigen, und dieser Aufgabe, denk' ich, zeigen wir uns gewachsen.

»Man sagt, es sei nicht weniger schwer, ein Vermögen zu erhalten, als es zu verdienen, und so mag auch uns, die wir solche ›Erhalter‹ sind, immerhin einiges Lob gebühren, und das um so mehr, weil wir das Vorgefundene recht zu ordnen, auszubeuten, anzuwenden, zu erklären und zu verwerthen verstehen.

»Wo Neues in unserem Kreise geschaffen wird, knüpfen wir überall an das Alte an, aber es ist uns doch auch gelungen, dieses letztere auf vielen Gebieten, und namentlich auf dem der Erfahrungswissenschaften, zu überflügeln. Der erhabene Geist unserer Ahnen schaute überall in's Weite, unser kürzerer Blick erfaßt schärfer das Naheliegende. Den sicheren Weg für alle Arbeiten des Geistes, die wissenschaftliche Methode, haben wir gefunden, und die scharfe Beobachtung der Dinge, wie sie sind, gelingt uns besser als all' unseren Vorgängern, und so kommt es, daß in unserem Kreise auf dem Gebiet der Naturwissenschaften, der Mathematik, der Himmelskunde, Mechanik und Erdbeschreibung 143 Unübertroffenes geleistet wird. Auch der Sammelfleiß meiner Genossen –«

»Der ist groß!« rief Euergetes. »Aber mit dem Staub, den sie zusammenkramten, ersticken sie das frische Denken, und weil es ihnen vor allen Dingen um das ›viel‹ des Erworbenen zu thun ist, vergessen sie zu sichten, was groß und was klein ist, und geben dem Publius Scipio und seinesgleichen, die über die Arbeit der Gelehrten die Achsel zucken, Ursache genug, ihnen in's Gesicht zu lachen. Unter je Vieren von euch möcht' ich am liebsten immer Dreien das Handwerk legen und ich thu' es auch noch eines Tages, ich thu's – und jage sie sammt ihrem elenden Zeug aus dem Museum und meiner Hauptstadt hinaus.

»Bei Dir, Philometor, der Du Alles bewunderst, was Du selbst nicht kannst, der Du Alles zu besitzen liebst, was ich verwerfe, und Diejenigen hätschelst, die ich verdamme, können sie dann Aufnahme finden, und Kleopatra spielt vielleicht bei ihrem Einzug in Memphis die Harfe.«

»Vielleicht,« antwortete die Königin mit bitterem Lächeln, »läßt es sich doch erwarten, daß Dein Zorn auch würdige Männer treffen wird. Ich werde mich bis dahin in der Musik üben und dazu das Werk benützen, das Du über die Harmonie zu schreiben begonnen. Du lieferst uns heute Proben, wie weit Du in der Erlangung des Gleichklanges in Deiner eigenen Seele gelangt bist.«

»So gefällst Du mir,« rief Euergetes. »So lieb' ich Dich, Schwester! Es steht dem Jungen des 144 Adlers schlecht, wenn es girrt wie ein Täubchen, und Du hast scharfe Krallen, so sehr Du sie auch unter den weichen Federn versteckst.

»Daß ich über die Harmonie schreibe, ist wahr, und ich thu' es mit Leidenschaft, gehört sie doch zu den unserer Vorstellung zugänglichen Erscheinungen, die unvergänglich sind, weil sie auch kein Gott ganz und ungetrübt in der Wirklichkeit zu entdecken vermöchte. Wo fände sich Harmonie in dem Ringen und sich Verschlingen des kosmischen Lebens, und unser menschliches Dasein gibt im verkleinernden Spiegelbilde den Werde- und Vernichtungsprozeß wieder, der an allem sinnlich Wahrnehmbaren sich vollzieht, bald unmerklich und allmälig, bald gewaltsam und krampfhaft, aber nie in harmonischer Weise.

»In der Ideenwelt und nur da ist sie zu Hause, diese Harmonie, die selbst dem Leben der Götter fremd ist, diese Harmonie, die ich kenne und doch nicht zu erfassen vermag, die ich liebe und doch nicht besitze, nach der ich mich sehne und die mich flieht.

»Ein Durstender bin ich, sie aber ist der ferne, unerreichbare Quell, auf offener See schwimm' ich und sie ist ein Land, das je weiter zurücktritt, je mehr ich mich ihm zu nähern wähne.

»Wer nennt mir das Reich, in dem sie ungestört und ungetrübt als Königin waltet? Wem ist es ernster zu thun um die Schöne: Einer, der schlafend in ihren Armen ruht, oder ein Anderer, den die Leidenschaft nach ihr verzehrt?

»Ich suche, was ihr zu besitzen meint; – zu besitzen!

145 »Seht euch um in der Welt und im Leben, seht euch mit mir in diesem Gemache um, auf das ihr stolz seid! Ein Grieche hat es gebaut, aber weil euch der einfache Gesang schön zusammenklingender Formen nicht mehr genügt und die Pracht des Morgenlandes, in dem ihr geboren, euch zusagt, weil sie eurer Eitelkeit schmeichelt und euch, so oft ihr sie anschaut, in's Gedächtniß ruft, daß ihr reich seid und mächtig, so befahlt ihr dem Baumeister, abzusehen von der einfachen Würde und solch' ein buntes Unding herzustellen wie dieses, das dem Festsaal eines Perikles nicht ähnlicher sieht, als ich oder Du, Kleopatra, in unserem Putze einem schlicht gewandeten Gott oder einer Göttin des Phidias. Nichts für ungut! Aber Dir, Kleopatra, sei gesagt: Ich schreibe jetzt über die Harmonie und später vielleicht auch über Gerechtigkeit, Wahrheit, Tugend; obgleich ich weiß, daß das lauter Dinge sind, die weder in der Natur, noch in unserem Leben vorkommen, und von denen ich bei meinen Handlungen absehe, die mir aber immerhin der Untersuchung werth scheinen, wie jeder andere Irrthum, durch dessen Auflösung man zum bedingt Wahren gelangt. Weil der Eine den Andern fürchtet, hat man jene Beschränkungen – Gerechtigkeit, Wahrheit und wie sie sonst heißen mögen – mit hochklingenden Namen belegt, zu Eigenschaften der Götter gestempelt und unter den Schutz der Himmlischen gestellt; ja so weit ging die Besorgniß, daß man lehrte, es sei schön und gut, sich um dieser Trugbilder wegen den freien Genuß des Daseins zu 146 verkümmern. Denkt an Antisthenes und seine hündischen Nacheiferer, denkt an die im Serapistempel eingeschlossenen Narren! Nur was frei ist, ist schön, und unfreier ist Keiner, als wer seine Triebe zu jeder Zeit und dabei meistens vergebens zu knebeln sucht, um im Sinne furchtsamer Schwächlinge tugendhaft, gerecht und wahrhaftig zu leben. Ein Thier frißt das andere, nachdem es ihm gelungen, es im offenen Kampfe oder mit trügerischer List zu erbeuten; die Schlingpflanze erwürgt den Baum, der Wüstensand tödtet die Felder, Sterne fallen vom Himmel und Erdbeben verschlingen die Städte. Ihr glaubt an Götter und ich thue es meinetwegen gleichfalls; wenn nun diese das Leben auf allen Gebieten des Daseins so geordnet haben, daß dem Stärkeren der Sieg über den Schwächeren zufällt, warum soll ich meine Kraft nicht benützen und sie einschränken lassen von jenen vielgepriesenen Schlummersäften, die kluge Vorfahren mischten, um mir und meinesgleichen das heiße Blut zu kühlen und die nervige Faust zu lähmen.

»Euergetes, der ›Gutthäter‹, heiß' ich von meiner Geburt an, aber wenn man mich einst ›Kakergetes‹, den Uebelthäter, nennen wird, so soll mich das nicht verdrießen, denn was ihr gut nennt, heißt eingeschränkt, und was ihr böse nennt, frei und mit ungezügelter Kraft waltend. Nur für träg und müßig möcht' ich nicht gelten, denn bewegt und thätig ist Alles in der Natur, und da ich als höchstes Gut mit Aristipp die Lust erkannt habe, so möcht' ich mir den Ruhm erwerben, mehr genossen zu haben als jeder Andere, 147 zunächst mit dem Geiste, nicht minder aber auch mit diesem Leib, den ich liebe und pflege.«

Während dieser Rede waren viele Zeichen des Unwillens laut geworden und Publius, der zum ersten Male in seinem Leben so lästerlich sprechen hörte, folgte den Worten des unbändigen Jünglings entsetzt und staunend.

Er fühlte sich diesem starken, in allen Künsten des Denkens und Redens fein geschulten Geiste nicht gewachsen, aber er konnte das, was er vernommen hatte, nicht unerwiedert lassen und sagte darum, als Euergetes schwieg, um seinen frisch gefüllten Becher zu leeren:

»Wollten wir Alle Deinen Grundsätzen folgen, so würde es, sollt' ich meinen, in einigen Jahrhunderten Keinen mehr geben, der sich zu ihnen zu bekennen vermöchte, denn die Erde wäre entvölkert; die Schriftrollen aber, in denen Du sorglich die ›iu‹ in ›siu‹ verwandelst, würden kräftige Mütter nehmen, wo sie sie fänden, um in diesem holzarmen Lande ihren Kindern damit die Suppe zu kochen. Vorhin noch rühmtest Du Dich, dem Alcibiades zu gleichen, aber das, was Jenen auszeichnete und den Athenern werth machte – die Schönheit, mein' ich – ist mit diesen Lehren, die aus den Menschen denkende Raubthiere machen müßten, am wenigsten vereinbar, denn wer schön erscheinen will, der muß, das hab' ich schon in Rom und nicht erst in Athen vernommen und wohl behalten, vor allen Dingen verstehen sich zu beschränken und Maß zu halten. Wie Du hat vielleicht ein Titane gedacht und geredet, ein Alcibiades schwerlich!«

Euergetes schoß bei diesen Worten das Blut in's 148Gesicht, aber er unterdrückte die scharfe, verletzende Antwort, die ihm auf den Lippen schwebte, und der Sieg über seine zornige Wallung ward ihm erleichtert, denn Lysias trat gerade jetzt zu den Schmausenden, entschuldigte sein langes Ausbleiben und legte dann zuerst Kleopatra und ihrem Gatten die Gemmen seines Freundes Publius vor.

Sie fanden reichen Beifall, mit dem auch Euergetes nicht geizte, und jeder unter den anwesenden Tischgenossen gestand, nur selten etwas Schöneres und Anmuthigeres gesehen zu haben, als die verschämt zu Boden schauende Hebe und die ihre Hand auf den Arm der Braut legende Göttin der Ueberredung.

»Ich stelle die Peitho dar,« sagte Kleopatra entschieden.

»Und ich den Herakles!« rief Euergetes.

»Wer aber,« fragte der König Philometor, »ist die Schöne, die Du, Lysias, für dieß unvergleichliche, liebliche Hebebildniß in's Auge gefaßt hast? Während Du fort warst, hab' ich mir das Aussehen aller Frauen und Mädchen, die unsere Feste besuchen, in's Gedächtniß gerufen, aber nur um Eine nach der Andern zu verwerfen.«

»Die Schöne, welche ich meine,« entgegnete Lysias, »hat weder diesen, noch irgend einen andern Palast jemals betreten, und ich fürchte beinahe, daß ich zu kühn bin, wenn ich der erhabenen Königin vorschlage, einem bescheidenen Kinde, wenn auch nur im Spiel, den Platz an ihrer Seite einzuräumen.«

»Ich werde auch ihren Arm mit meiner Hand zu berühren haben,« sagte die Königin besorgt und 149 indem sie die Finger einzog, als sollten sie etwas Unreines berühren. »Wenn Du eine Blumenhändlerin meinst, eine Flötenspielerin oder dergleichen . . .«

»Wie würde ich so Unziemliches vorzuschlagen wagen?« unterbrach Lysias lebhaft die Fürstin. »Die Jungfrau, welche ich meine, mag sechzehn Jahre zählen, ist die in Fleisch und Bein verwandelte Unschuld und sieht aus wie eine Knospe, die schon der Frühregen, der vielleicht dieser Nacht folgt, öffnen könnte, die aber doch noch geschlossen in ihren Kelchblättern ruht. Sie ist hellenischen Stammes, von Deiner Größe, Kleopatra, hat wundervolle Gazellenaugen in dem von braunem, vollem Haar geschmückten Köpfchen, wenn sie lächelt, reizende Grübchen in den Wangen, und sie wird schon lächeln, wenn solche Peitho ihr zuspricht.«

»Du spannst unsere Neugier!« rief der König Philometor. »In welchem Garten wächst diese Blume?«

»Und wie kommt es,« fragte Kleopatra, »daß mein Gatte diese Blume nicht schon längst bemerkt und in unsern Palast verpflanzt hat?«

»Vermuthlich,« entgegnete Lysias, »weil Derjenige, welcher Dich, die schönste Rose Aegyptens, besitzt, die Veilchen am Wege für zu gering achtet, um nach ihnen zu schauen. Uebrigens ist die Hecke, an der mein Knösplein heranwuchs, an einem finstern Orte gelegen, schwer zugänglich und wird mißtrauisch bewacht. Daß ich kurz bin: unsere Hebe ist eine der Krugträgerinnen im Tempel des Serapis und heißt Irene

 

 

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