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Gutenberg > Ernst Wichert >

Die Schwestern

Ernst Wichert: Die Schwestern - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLitauische Geschichten
authorErnst Wichert
year1935
publisherDeutsche Hausbücherei
addressHamburg
titleDie Schwestern
pages79-160
created20031109
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ernst Wichert

Die Schwestern

Davids Lukatis besaß einen der vier Höfe von Lukatellen.

Da die kleine Ortschaft von irgendeinem Ältervater den Namen erhalten hatte, so ist anzunehmen, daß die Familie dort seit unvordenklicher Zeit angesessen war und das Land teilte. Jetzt hatten die übrigen Besitzer andere Namen, und es ließ sich voraussehen, daß auch das Lukatissche Grundstück nicht mehr lange an die alte Zusammengehörigkeit erinnern werde, da Davids nur zwei Töchter besaß und nach dem Tode seiner Frau nicht wieder geheiratet hatte. Seine Mutter, die Altsitzerin, hatte ihm die Wirtschaft geführt, so lange sie noch rüstig war, nun war seine Tochter Mare an ihre Stelle getreten, und wenn sie oder Katre heiratete, verstand es sich ja von selbst, daß er dem Schwiegersohn den Hof abtreten und selbst ein Ausgedinge nehmen würde.

Eigentlich war dabei immer nur an Mare gedacht worden. Sie war die um vier Jahre ältere und konnte bereits unter der Haube sein, wenn Katre noch mit ihren Puppen spielte. Sie selbst hatte sich's auch, solange sie überhaupt an so etwas dachte, nicht anders vorstellen können, als daß sie die Erbtochter werden müßte und ihre Schwester abgefunden würde. Einige Freier waren aber abgewiesen worden, wahrscheinlich in der zuversichtlichen Hoffnung, daß sich noch eine bessere Partie finden werde. Und als dann Katre heranwuchs, schien Mare die rechte Zeit versäumt zu haben. Die jungen Burschen kümmerten sich nicht mehr viel um sie, und sie hatte auch ein mürrisches Wesen angenommen, das abstoßend wirkte. Nun waren ihre dreiundzwanzig Jahre freilich noch kein Alter, das zu einem Verzicht hätte nötigen müssen, aber sie zählte immer nur die neunzehn ihrer Schwester und meinte, daß alle Leute es ebenso machten.

Und Katre war auch hübscher als sie, das nahm sie selbst für gewiß an. Jedenfalls unterschieden sich beide in ihrem Äußeren sehr merklich. Mare war groß und hager, hatte dunkle Augen und Haare, eine vorgebaute Stirn, die sich früh in Falten zog, schmale Lippen und bräunliche Hautfarbe; Katre war kleiner und voller, sehr zierlich in ihrem Wuchs, blond, blauäugig, rotlippig und milchweiß; die langen Zöpfe konnte sie mehr als zweimal um den Kopf wickeln, und wenn sie lachte, was sie gern tat, blitzten die Perlzähne. Freilich bedeckten ihr in der Erntezeit Sommersprossen Gesicht und Hände, aber sie meinte scherzend, das sei nun einmal nicht anders, wenn man eine so feine, weiße Haut habe, und wolle auch als eine Schönheit angesehen sein. Mare nahm das ganz ernst. Sie hätte viel darum gegeben, wenn nach einem heißen Arbeitstage auch auf ihrer Stirn die kleinen gelblichen Sprenkel zu entdecken gewesen wären. Daß ihr Spiegelscherben, den sie übrigens auf dem Boden ihres Kastens versteckte, damit niemand ihr Eitelkeit vorwerfen könnte – nichts davon zeigte, war ihr ein Beweis, um wieviel feiner in Wirklichkeit Katres Haut sei. Eitel war sie auch nicht; es wäre ja ganz wunderlich gewesen, sich aus Eitelkeit Sommersprossen auf Nase und Stirn zu wünschen. Aber die Nachbarinnen sagten doch: »Seht einmal, die Katre kann zwei Tücher über den Kopf binden, und die Sonne findet sich doch zu ihr.« Das war ärgerlich zu hören.

Mare sah alle natürlichen Vorzüge ihrer Schwester vielleicht noch viel schärfer, als alle andern Leute. Sie hätte sie ihr gern gegönnt, wenn ihr nur der Vergleich erspart worden wäre. Und es ließ sich auch gar nicht verkennen, daß dieser zu ihren Ungunsten ausfiel, selbst wenn es sich um Leistungen handelte, die mit ihrem Äußeren nichts zu tun hatten. Weil die Katre ein hübsches Mädchen und ein lustiges Ding war, sah man ihr vieles durch die Finger. Und so war's stets gewesen.

Schon früh, fast so lange sie zurückdenken konnte, hatte Mare gegen die jüngere Schwester zurückstehen müssen. Nur vier Jahre lang war sie das einzige Kind gewesen, von Vater und Mutter, besonders aber von den Großeltern verwöhnt worden. Und dann plötzlich war neben ihr noch ein anderes Wesen auf der Welt, mit dem sie teilen sollte. Nicht nur teilen! Es entzog ihr zunächst fast die ganze Aufmerksamkeit der Hausgenossen; alles drehte sich um die kleine Katre, die schreien konnte, soviel sie wollte, und doch nicht gescholten wurde. Sie selbst aber, die ältere Schwester, mußte sich still verhalten und tun, was ihr gar nicht gefiel; stundenlang an der Wiege sitzen und den Korb in schaukelnder Bewegung halten, der von der Spitze der Stange am Deckenbalken herabhing, oder später dem unruhigen Kinde Mätzchen vormachen, zu denen sie gar nicht aufgelegt war. Und dann hieß es, sie sei faul, wenn sie lieber mit den Nachbarkindern draußen spielte, und tückisch, wenn sie nicht gleich gehorchte. Und dann gab's Püffe und Schläge, ihren Eigensinn zu brechen, und ehe sie sich's noch in ihrem Kinderverstande klarzulegen vermochte, hatte sie das Gefühl, nicht für eine Unart bestraft, sondern zu einer Arbeit angetrieben zu werden. Die kleine Katre erhielt tausend Schmeichelnamen und bekam auch Zucker in das Beutelchen getan, das ihr in den Mund gesteckt wurde, und Weißbrot vom Bäcker im nahen Marktflecken. Und darauf besann Mare sich noch recht gut, daß sie einmal mit einer Birkenrute unbarmherzig geprügelt worden war, als sie dem Kinde etwas fortgenommen hatte und sich herauslügen wollte.

Dann hatte sie wirklich lernen sollen: Federnzupfen, Erbsen auslesen, Stricken. Und nun war es ihr gar nicht in den Sinn gekommen, zu unterscheiden, sondern sie hatte gemeint, auch das verdanke sie der kleinen Schwester. Wenn Katre herumkroch und ihr das Schälchen vom Schoß riß, daß die Erbsen über die ganze Stube hinrollten und mühsam wieder aus allen Ecken aufgesucht werden mußten, durfte sie ihr nicht einmal einen Klaps auf die Hand geben, und wenn sie sich die Nadeln aus dem Strickzeug ziehen ließ, bekam sie noch Schelte, weil sie »wieder geduselt« habe. »Die Margelle taugt auch zu nichts«, hieß es, »nicht einmal Kinderwarten kann sie.«

Mit sieben Jahren wurde sie »zum Herrn Präzeptor« in die Schule geschickt, und das war auch wenig vergnüglich, besonders im Herbst und Winter, wenn der Weg vom Regen aufgeweicht oder vom Schnee verschüttet war. Die kleinen Füße brauchten fast eine Stunde bis zum Marktflecken. Oft weinte sie bittere Tränen, wenn sie frühmorgens aus dem warmen Bett heraus mußte, und Katre durfte noch schlafen, solange es ihr gefiel. Das Lesen- und Rechnenlernen war auch keine Kleinigkeit, und Katre konnte immer spielen, den ganzen Tag spielen. Kein Wunder, daß die lachte und sang und allerhand Bosheit im Kopfe hatte! Daß sie es selbst auch einmal so gehabt, war Mares Gedächtnis entschwunden.

Als später Katre auch in die Schule gehen mußte, hatte Mare wieder ihre liebe Not, jene fortwährend in den Augen zu behalten, daß sie nicht fortlief und nicht in den Graben fiel, auch nicht die Pfützen ausmaß und nicht ihre Handschuhe verlor oder ihre Bücher vergaß. Sie war ja nun schon »ein großes Mädchen« und sollte für zwei verständig sein. Wenn Katre es ihr nur leichter gemacht hättet Die war aber wie ein Irrwisch und wollte sich gar nicht zügeln lassen. Sie wußte es nicht anders, als daß die ältere Schwester für sie sorgen müsse, und gab sich durchaus keine Mühe, ihre Gedanken zusammenzuhalten. Sie selbst hatte ja keine jüngere Schwester, die sie an Pflichten gewöhnte. Ihrer Mare war sie sehr gut, aber ihr einen Ärger zu ersparen, kam ihr nicht in den Sinn.

Das hübsche Kind mit den großen blauen Augen und den langen blonden Haaren wurde überall verhätschelt. Auch vom zweiten Lehrer und selbst vom Herrn Präzeptor. Katre war immer vergnügt und gab so putzige Antworten und benahm sich auch auf der Schulbank so drollig! Alles machte ihr Spaß, und man mußte über sie lachen, selbst wenn sie sich eine Unart hatte zuschulden kommen lassen. Sie zeigte sich oft unaufmerksam, zerstreut, unordentlich, träge, aber es ging ihr vieles durch, was an andern scharf getadelt wurde, während sie immer ein überschwengliches Lob erntete, wenn sie einmal eine gute Antwort zu geben wußte oder auf ihre Aufgabe ungewöhnlichen Fleiß verwandt hatte. Ihrem Lesebuch fehlte es nicht an Eselsohren, ihrem Schreibheft nicht an Tintenklecksen, ihre Schiefertafel war immer zerbrochen, der Schwamm vom Bindfaden abgerissen, aber es mußte schon arg kommen, wenn sie in den Winkel gestellt wurde oder das Lineal auf ihren Fingern tanzte. Mare war's nie so gut geworden; für jedes Versehen hatte sie büßen müssen. Und da stellte sie nun unwillkürlich einen Vergleich an und fragte verwundert und gekränkt nach der Ursache einer so ungleichen Behandlung. Freilich war Katre auch der Liebling der anderen Kinder und von den älteren Mädchen in den Zwischenstunden stets als Spielzeug gesucht. Katre hier und Katre da. Mare war kaum bemerkt worden, und wenn man sie jetzt heranzog, geschah's der niedlichen, kleinen Schwester wegen. Sie hörte auch oft von Erwachsenen den Ausruf: »Das hübsche Kind – das Blauauge – das Blondköpfchen – der niedliche Schelm!« Katre wurde gestreichelt, geküßt, beschenkt. Und sie tat gar nichts dazu, um sich beliebt zu machen oder eine Auszeichnung zu verdienen. Sie war nun einmal so und gefiel. Da konnte sie wohl lustig sein und immer lachen und trällern.

Dann starb die Mutter, als Mare knapp sechzehn Jahre alt geworden war, und es verstand sich nun von selbst, daß sie der schon schwächlichen Altsitzerin mehr als bisher in der Wirtschaft zur Hand gehen, bald fast allein das Haus in Ordnung halten mußte. In der Zeit, in der die jungen Mädchen sonst vergnügt mit ihren Freundinnen zu verkehren und allerhand Kurzweil zu suchen pflegen, hatte sie vom Morgen bis zum Abend in Haus und Hof ihre ungemessene Arbeit. Da mußte die Stube gereinigt, das Essen rechtzeitig besorgt, das Vieh gefüttert werden. Lukatis trank mehr als früher und lag manchmal halbe Tage untätig auf dem Stroh. So lange seine Frau kräftig gewesen war, hatte sie ihn stets begleitet, wenn in der Stadt ein Handel abgeschlossen werden sollte, und das Geld eingenommen; nun kam es vor, daß er vom Kaufmann ohne einen Pfennig zurückkehrte und nicht einmal vollständig die nötigen Einkäufe besorgt hatte. Mare, so jung sie war, mußte ihm entgegentreten und manchen harten Kampf um die Schlüsselgewalt durchfechten. Das Grundstück, das ihr einmal gehören sollte, durfte doch nicht heruntergebracht werden! Sie wäre lieber noch ein paar Jahre als Magd in den Dienst gegangen, aber das verboten nun die Umstände.

So war Mare früh selbständig, aber auch ernst und in ihrem ganzen Wesen streng geworden. Die Frauen der Nachbarn rühmten sie als eine tüchtige Person, die einmal ihrem Mann sehr brav zur Seite stehen werde, und die jungen Mädchen wunderten sich nicht, daß sie zu ihnen wenig paßte und lieber die Bibelstunden besuchte, als mit ihnen lustig verkehrte. Während sie sich so aber in der Wirtschaft abmühte und täglich Verdrießlichkeiten schuf, wuchs Katre heran, ohne sich das Köpfchen mit Sorgen beschweren zu dürfen, freilich auch ohne jede Neigung dazu. Sie arbeitete nicht gern und zeigte keine Ausdauer, wenn sie sich einmal hatte anstellen lassen. Es geschah ja auch ohne sie, was geschehen mußte; warum sollte sie sich anstrengen und die Hände verderben! Sie war auch so ungeschickt zu den gewöhnlichen häuslichen Diensten und so wenig zuverlässig, daß ihre Hilfe kaum etwas förderte. Sie putzte sich aber gern und stickte ihre Hemden mit zierlichen Mustern in rotem und blauem Garn aus, strickte bunte Handschuhe und schmeichelte mit leichter Mühe dem Vater oder der Großmutter das Geld ab, wenn der Händler auf den Hof kam und seine hübschen Tüchelchen auskramte. Sie war immer guter Dinge, wußte alle Schelmenlieder auswendig und hatte die Gabe, neue zu erfinden. Sie ritt auf ungesatteltem Pferd mit den jungen Burschen um die Wette nach der Weide und war die flotteste Tänzerin bei Hochzeiten und Kindtaufen. Auf der Bleiche gab es immer allerhand Kurzweil, wenn sie die Nachtwache hatte, und bei den abendlichen Spaziergängen der jungen Mädchen hörte man weithin ihr helles Lachen. Ihr heiteres Gemüt ließ gar nichts Ärgerliches an sich herankommen; auch wenn ihr wirklich einmal eine Freude verdorben war, huschten ihre Gedanken rasch darüber fort zu vergnüglicheren Aussichten.

Mare schalt sie leichtsinnig, und von ihr ließ Katre sich auch die derbsten Scheltreden gefallen. Nur daß sie gar nichts fruchteten. Sie war nun einmal, wie sie war, und hätte nicht gewußt, wie sie's anfangen sollte, sich zu ändern. Sie dachte überhaupt kaum über den Tag hinaus. Wozu auch? Der liebe Gott würde ja wohl wieder die Sonne scheinen lassen und Mare dafür sorgen, daß der Tisch gedeckt sei. Und wenn die Sonne nicht schien, so verdarb ihr auch das schlechte Wetter nicht die gute Laune; und wenn sie sich mit einem Stückchen Brot ohne Butter begnügen mußte, so stillte auch das den Hunger. Für Mare hatte sie etwas beängstigend Unbegreifliches. Es war ihrer ganzen Sinnesart unmöglich, sich vorzustellen, daß sie selbst an solchen nichtigen Dingen Freude haben könne. Gleichwohl stellte sie Vergleiche an, die für sie ungünstig ausfielen. Danach hatte sie nun nichts als Arbeit, Katre nichts als Vergnügen. Und so war es ja allezeit gewesen! Niemand erwartete es auch anders. Wenn sie selbst nur die kleinste Pflicht versäumt hätte, würde der Vater sie gescholten, die Nachbarschaft ihr üble Nachrede nicht erspart haben. Daß Katre aber lustig in den Tag hineinlebte und sich um nichts kümmerte, schien sich von selbst zu verstehen. Was hatte denn eigentlich Katre vor ihr voraus? Warum mußte sie die Magd sein und Katre die Prinzessin spielen? Sie hätte ja auch die Hände in den Schoß legen und spazierengehen können. Warum war sie so geschaffen, daß ihr immer alles gleich schwer aufs Gewissen fiel? Wenn sie auch so leichtsinnig sein könnte, wäre ihr vielleicht wohler. Gewiß! Sie suchte sich zu überreden, daß es nur an ihrem Willen läge. Wenn sie dann aber einmal einen schüchternen Versuch wagte, und sich selbst wunderlich dabei vorkam und nach wenigen Schritten wieder umkehrte, ärgerte sie sich erst recht über ihr Ungeschick. Sie hätte mit Katre nicht tauschen mögen, und doch erschien sie ihr als das glücklichste Geschöpf unter der Sonne.

Sie kleidete sich immer dunkel, schwarz und grün; die Jacke trug sie bis unter das Kinn zugehakt, die Röcke lang. Katre liebte die helleren Farben, Blau und Feuerrot, weiße Hemdärmel, bunte Schürzenbänder. Sie verstand es, ein gelbseidenes Tüchelchen mit langen Fransen faltig um die runden Schultern zu nehmen und vorn einzustecken, aber auch eins von geblümtem Kattun saß ihr gut, wie sie es gefällig um den Hals knüpfte. Sie ging gar nicht auf Eroberungen aus, achtete kaum darauf, daß sich die Leute nach ihr umblickten, hatte aber ihre Freude daran, recht schmuck auszusehen. Kam sie vom Felde, so brachte sie zwischen die Haken ihrer Weste geschoben eine Blume mit, wie sie die Zeit bot; sie lief auch wohl eine Stunde weit, um sich von dem deutschen Gutsbesitzer, der einen schönen Garten am Hause hatte, ein paar Rosen zu erbetteln. Am Sonntag besteckte sie sich die Hände mit Ringen, die sie von einem Krämer für wenige Groschen erhandelt hatte. Mare spottete darüber, aber Katre meinte, es gehe niemand etwas an, und wenn die Reifen nicht von Gold und die Steine nur von Glas wären, so brauche sie auch keinen Schatz zu hüten. »Jeder vernünftige Mensch lacht dich aus«, sagte Mare. – »Das gönn' ich ihm von Herzen«, antwortete ihre Schwester achselzuckend, »ich putze mich ja auch nur für mich selbst aus.«

Wirklich hatte sich auch zu ihr, so beliebt sie bei alt und jung war, noch niemand mit einem ernstlichen Antrage gefunden. Für einen Mann, der selbst nichts hatte, war sie keine gute Partie zu nennen, und wer für seine Wirtschaft eine zuverlässige und fleißige Wirtin brauchte, mochte sie für zu leicht in ihrem Wesen halten. Daß sie dem Mannsvolk nachlaufe, konnte ihr auch Mare nicht vorwerfen.

Übrigens kam es selten zu Zank und häuslichem Unfrieden. Mare war stolz und Katre gutmütig. Mare wollte den Leuten keinen Anlaß zum Gerede geben, als sei sie mißgünstig oder hielt sich für zurückgesetzt. Katre kam in ihrer Unbefangenheit gar nicht einmal auf den Gedanken, daß die Schwester unliebsame Vergleiche anstellen könne. Sie wußte sich ihr gegenüber immer irgendeiner Pflichtversäumnis schuldig, und war nur bemüht, sie durch allerhand kleine Beweise von Zärtlichkeit zu begütigen. Es war schwer, ihr böse zu sein.

So würde sich wahrscheinlich dieses sonderbare Verhältnis noch längere Zeit fortgesetzt haben, wenn sich nicht etwas ereignet hätte, das an sich sehr unerheblich, doch für die kleine Ortschaft Lukatellen nicht geringe Bedeutung beanspruchen durfte. Janis Skwirblies kam im Juli auf Urlaub nach Hause. Sein Bruder Endrik war Besitzer des Hofes gegenüber, seine jüngere Schwester Marikke – die ältere hatte einen Fischerwirt in Rankeln geheiratet – Katres gute Freundin. Janis diente in der kaiserlichen Marine und hatte als Matrose auf Seiner Majestät Schiff »Sperber« eine Reise in die Südsee mitgemacht. Nach mehr als zweijähriger Abwesenheit war er nun nach Wilhelmshaven zurückgekehrt und durfte den Seinigen einen längeren Besuch abstatten. Er kam ohne vorherige Anmeldung – man wußte nicht einmal aus den Zeitungen, daß das Schiff, mit dem er ausgefahren, glücklich eingelaufen sei – und die Überraschung erhöhte deshalb noch die Freude.

Skwirblies verleugnete ganz und gar seinen Namen, welcher Sperling bedeutet. Er hatte die ansehnliche Größe von fünf Fuß zehn Zoll, und in seinem Auftreten nichts, was an das beständige Flattern und Hüpfen des kleinen Vogels erinnern konnte. Er ging mit langen bedächtigen Schritten über die Dorfstraße, den Oberkörper ein wenig wiegend, den Kopf selten zur Seite wendend. Die dunkelblaue Tuchjacke und das hellblaue, über der Brust weit offene Hemd mit dem großen Überschlagkragen kleideten ihn sehr gut. Die runde Mütze mit den langen Bändern trug er weit aus der Stirn zurück. Das bartlose, meist ernste Gesicht zeigte regelmäßige Züge und konnte wohl hübsch genannt werden, wenn es sich beim Sprechen belebte. Viel sprechen war allerdings nicht seine Sache. Er mochte sich's auf dem Schiff abgewöhnt haben, schon bevor er zur Marine eingezogen wurde. Vor sechs Jahren hatte er sich entschlossen, Seemann zu werden, da sein älterer Bruder das Grundstück übernehmen sollte, und war zuerst auf einem Memeler, dann auf einem Hamburger Schiff gefahren. Seit er vom Hause Abschied genommen, sah er jetzt die Heimat zum ersten Male wieder.

Es verstand sich von selbst, daß er auch die Nachbarn begrüßte, nachdem er sich zwei Tage Zeit gelassen hatte, an seines Bruders mit Speisen und Getränken immer reich besetztem Tisch zu sitzen, die Schwägerin Lenke und die Kinder kennenzulernen und die neugierigen Fragen der Altsitzer, seiner Eltern, so knapp zu beantworten, daß der Stoff sich nicht rasch erschöpfen konnte. Die Höfe lagen nicht gerade weit voneinander entfernt, aber doch durch Acker- und Weidepläne getrennt, unter alten Birken versteckt, und hatten von der Landstraße her besondere Zugangswege. Man brauchte einander also nicht zu begegnen oder in die Fenster zu sehen. Hatte es sich auch rasch herumgesprochen, daß Janis Skwirblies auf Urlaub gekommen sei, so galt es doch für schicklich, abzuwarten, bis er sich melden würde, und Katre war deshalb auch nicht zu Marikke gegangen, mit der sie doch sonst täglich verkehrte. Auch als man bei Lukatis den langen Matrosen über die Fließbrücke schreiten und sich dem Hause nähern sah, rührte sich in demselben niemand. Er mußte erst an die Tür klopfen und den Einlaß erbitten. Nicht unbemerkt konnte aber bleiben, daß er bei Lukatis zuerst anklopfte.

Mare freilich hatte gar nichts anderes vorausgesetzt. Janis war knapp ein Jahr älter als sie; als Kinder hatten die beiden miteinander gespielt, die Schule besucht und ein Freundschaftsverhältnis angeknüpft, das womöglich noch enger wurde, als sie in die Jahre kamen, in denen zärtlichere Empfindungen zu erwachen pflegten. Nicht, daß zwischen ihnen jemals ein Wort gewechselt worden wäre, an das sich bestimmte Hoffnungen knüpfen ließen! Nicht einmal von einem stillschweigenden Einverständnis konnte die Rede sein. Aber wie sie zufällig nach ihrem Lebensalter als Nachbarkinder zusammen gehörten, so hatten sie sich unzweifelhaft auch gern gehabt und vielleicht füreinander bestimmt gehalten, ohne weiter darüber nachzudenken. Nach der Trennung hatte das eine wahrscheinlich an das andere nicht allzu oft gedacht. Nun sie sich aber wiedersehen sollten, war es beiden doch ganz im stillen gewiß, daß sie als die ältesten Freunde den ersten Händedruck zu beanspruchen hätten.

Bei Mare ging das freudige Gefühl der Wiederannäherung wohl noch etwas tiefer. Es bemächtigte sich ihrer eine Unruhe, die unmöglich allein auf Rechnung der Neugier gestellt werden konnte, wie er nach so langer Abwesenheit aussehen und was er von seinen weiten Fahrten zu erzählen haben möge. Sie überraschte sich selbst durch die Beobachtung, daß ihr die Wangen glühten oder das Herz heftiger als sonst schlug. Tausendmal blickte sie aus dem Fenster und mußte sich gestehen, daß sie dazu gar keinen andern Grund hätte, als die Straße nach dem erwarteten Gast abzusuchen. Sie erinnerte sich all der kleinen Begebenheiten aus der Kindheit, die ihr damals wichtig gewesen waren: wie er ihr aus jungen Weiden Pfeifen geklopft und aus Borke kleine Schiffe geschnitzt, sie auf seinem Schlitten herumgefahren und auf dem Schulwege gegen andere Jungen in Schutz genommen, dabei auch öfters furchtbare Prügel davongetragen hatte, auf die er doch stolz gewesen.

Es war ihr recht lieb – sie dachte nicht weiter darüber nach, weshalb –, daß Katre, als er nun zum ersten Besuch kam, aufs Feld gegangen war, die beiden Kühe zu melken. Wie sie Janis begrüßte, ließ sich freilich kaum vermuten, daß irgend etwas Ungewöhnliches in ihr vorging, und auch er benahm sich nicht viel anders, als wenn die sechs Jahre der Trennung sechs Wochen gewesen wären. Er schüttelte ihr ebenso kräftig wie Lukatis die Hand und sagte lachend: »Da bin ich. Wie gefall' ich euch nun als Seemann?« Die Mütze hatte er nicht abgenommen.

»Du gefällst mir recht gut«, antwortete Mare ohne Bedenken, »aber auf dem Lande bist du doch gewiß lieber als auf dem Wasser.«

»Na ja«, meinte er, das Kinn aufwerfend, »so einmal zum Besuch . . .«

»Trink erst eins«, sagte Lukatis, indem er eine Branntweinflasche und zwei Gläser mit dickem Fuß auf den blank gescheuerten Tisch stellte, »wir haben noch nicht zusammen getrunken, soviel ich weiß.«

»Nein«, bestätigte Janis, »als ich wegging, war ich dir noch zu jung.«

»Jetzt bist du ein Mann«, rühmte der Wirt. »Ich werde schwerlich noch gegen dich aufkommen. Auf See weht ein scharfer Wind, der bläst's rasch wieder heraus.«

Der Matrose lächelte zustimmend, entgegnete aber nichts.

Mare goß ein, voll bis an den Rand. »Bediene dich«, sagte sie.

Er hob das Glas auf und reichte es ihr zu. »Trink ab«, bat er.

Sie zierte sich gar nicht, sondern nahm einen nicht zu kleinen Schluck und sagte: »Es mag dir wohl gehen.« Darauf goß er den ansehnlichen Rest mit einem Zuge herunter, nachdem er mit Lukatis angestoßen hatte. Mare füllte wieder, brachte auch aus dem blauen, mit Blumen bemalten Eckspinde Brot, Butter und ein halbes gekochtes Huhn herbei. Sie setzten sich um den Tisch.

Es wurde nun eine Weile schweigend gegessen und getrunken. Mare hatte den Kopf auf den Arm gestützt und sah zu, wie die Männer mit ihren Taschenmessern die Knöchelchen beputzten und Stücke Brot abkerbten, auf die vorher dick Butter gestrichen war.

»Mich wundert, daß du noch nicht geheiratet hast, Mare«, bemerkte endlich der Matrose.

»Es ist noch keiner gekommen«, antwortete sie ruhig, »den ich hätte nehmen mögen.«

»Jawohl«, meinte er nickend, »an Freiern wird es dir nicht gefehlt haben.«

»Sie hat auf dich gewartet«, scherzte Lukatis und blinzelte dabei mit den kleinen Augen, die nicht mehr ganz klar sahen.

Mare nahm's nicht übel, aber sie wurde doch rot. »So einer, der auf See geht, braucht wohl auch eine Frau«, entgegnete sie achselzuckend.

Janis schmunzelte. »Na – ein Matrose ist doch nicht immer auf See. Sieht ihn die Frau selten, so hat sie sich auch nicht oft über ihn zu ärgern.«

»Wirst du auf dem Schiff bleiben?« fragte Lukatis.

»Das wird wohl das beste sein«, meinte der Seemann. »Hier auf dem Lande . . . Was soll ich da? Ich hab' keine Lust, als Knecht zu dienen.«

»Du könntest aber eine Frau finden, die dich zum Wirt macht«, warf Mare ganz unbefangen ein.

»Willst du mir eine zufreien?« scherzte er.

»Damit geb' ich mich nicht ab«, erwiderte sie ein wenig schnippisch. »Du hast selbst Augen.«

»Er ist noch zu jung«, bemerkte Lukatis.

Der Matrose wischte das Messer am Brot ab und klappte es zu. »Wo ist die Katre?« fragte er so beiläufig.

»Auf dem Felde.«

»Sie war damals noch so ein klein' Ding.« Er gab das Maß mit der Hand an. »Ist wohl seitdem tüchtig gewachsen?«

»Versteht sich«, sagte Lukatis. »Aber so groß wie ihre Schwester ist sie nicht.«

»Es sind auch nicht viele so groß«, meinte der Matrose. Er stand auf und faßte Mare am Arm und stellte sie neben sich. Mit der Hand zog er einen Strich über ihrem Kopf weg bis zu seinem Kinn. »Du bist noch gewachsen. Früher reichtest du mir nicht so weit.«

»Ach –! Du hast's wohl ausgemessen?«

»Na, einen Kuß werd' ich doch einmal bekommen haben.«

Sie schlug ihm auf die Schulter und kehrte sich kichernd ab.

»Adjes«, sagte er und hielt ihr die Hand hin, in die sie nun einschlug.

»Komm wieder«, rief Lukatis ihm nach.

Mare schien von dem Besuche sehr befriedigt. »Er ist ein recht netter Mensch geworden«, bemerkte sie.

»Und hat einen guten Zug«, setzte der Vater hinzu, der nicht ganz fest stand. »Ja, auf dem Wasser – lernt man das. Unsereiner – verträgt nicht – so viel.«

Katre kam durch den hinteren Eingang ins Haus, setzte den leeren Kübel hart auf den Boden und sagte weinerlich: »Da quält man sich nun recht umsonst. Die Gelbe hat mir den Eimer umgestoßen, die Milch ist ins Gras gelaufen.«

»Du hast nicht aufgepaßt«, schalt Mare, »denkst immer an etwas anderes. Auf ein zehnjähriges Kind kann man sich besser verlassen.«

»Die schöne, fette Milch!« klagte Lukatis. »Muß die Gelbe den Eimer auch gerade umstoßen, wenn er voll ist! Dir geht's immer so – du taugst zu nichts.«

Katre widersetzte sich murrend. »Kann ich dafür, daß eine Fliege die Kuh stach? Wenn ich zu nichts tauge, warum schickt ihr mich aufs Feld?«

»Ja, wenn eine Stechfliege . . .«, beruhigte Lukatis sich selbst. »Die Bestien machen das Vieh ganz wild.«

»Du entschuldigst sie wieder«, sagte Mare ärgerlich. Sie ging hinaus und schlug hinter sich die Tür zu.

Katre half ihrem Vater, sich auf die Ofenbank strecken. Er plauderte viel von Janis Skwirblies und schlief dann ein.

Der war also dagewesen. Das bedeutete für Katre so viel, als daß sie nun wieder ungehindert mit Marikke verkehren könnte. Sie lief denn auch schon am nächsten Tage zu ihr. Die Mädchen setzten sich auf eine Bank unter den Birken und tauschten ihre Neuigkeiten aus. Dabei war denn natürlich Marikke im Vorteil, die von ihrem Bruder erzählen konnte. »Hast du ihn schon gesehen?« fragte sie.

»Nein«, antwortete Katre, »und ich bin auch nicht neugierig. Er wird sich wenig verändert haben, und damals gab's hübschere Jungen als ihn. Er hatte so lange Beine wie ein Storch und segelte immer mit den Armen wie ein Wettermännchen auf dem Zaun. Ich hab' im stillen viel über ihn gelacht.«

»Jetzt wirst du nicht über ihn lachen«, versicherte Marikke ein wenig empfindlich. »Er ist vor einer Stunde ausgegangen, sonst müßtest du in die Stube kommen. So ein Matrose von der kaiserlichen Marine sieht anders aus als ein Haifischer.«

»Ach, sie tragen das Hemd vorn am Halse so weit offen, daß einen friert«, spottete Katre, »ich kann das nicht schön finden.«

Als sie fortging, kam eben Janis nach Hause und ging an ihr vorbei. Er schien zu stutzen und sah sich um, da das Mädchen vernehmlich lachte. »Wer ist die?« fragte er.

»Kennst du wirklich die Katre Lukatis nicht mehr?«

»Die Katre?« rief er verwundert. »Die ist aber hübsch geworden! freilich – ein hübsches Kind war sie schon damals.«

Er lief ihr nach und rief wiederholt ihren Namen, bis sie stehen blieb.

»Warum gingst du denn an mir vorbei?« fragte er, ihre Hand fassend.

»Ja, warum gingst du an mir vorbei?« gab sie ihm neckisch zurück.

»Weil ich mir gar nicht denken konnte, daß du's seist. Wie du dich so stattlich herausgemacht hast –! Aber jetzt sehe ich wohl, daß die Augen noch immer so blau und die Haare noch immer so blond sind, und die Sommersprossen –«

»Um die brauchst du dich gar nicht zu kümmern.« Sie zog die Hand fort.

»Ich sage ja nur . . .«

»Wie ist es dir denn gegangen?«

»Komm in den Garten, Katre, da sollst du's hören.«

»Nein, jetzt nicht. Ich muß nach Hause. Die Mare wird schon schelten, daß ich so lange fortgeblieben bin.«

»Was geht's die Mare an?«

»Gar nichts, aber sie schilt doch. Ein andermal, Janis. Du hast doch längeren Urlaub?«

»Vier Wochen.«

»Ach –!« Sie ließ sich nicht weiter darüber aus, was dieser Ausruf der Verwunderung bedeuten sollte, sondern huschte fort.

Janis sah ihr noch ein Weilchen nach und schüttelte den Kopf.

»Die Katre – sieh einer . . .«

Zu Marikke sagte er: »Die hat wohl an jedem Finger einen?«

»Wenn sie wollte –«, antwortete diese. »Aber die Katre ist nicht so. Da muß schon ein ganz Feiner kommen.«

Ein ganz Feiner, das war ein Reicher, und so verstand Janis sie auch. Eine so hübsche Wirtstochter konnte natürlich wählerisch sein.

Es verging nun kein Tag, an dem er nicht bei Lukatis vorsprach, um mit den Mädchen zu plaudern. Die Mare fand er immer zu Hause, die Katre sah er aber öfter noch bei seiner Schwester. Er lauerte da manchmal stundenlang auf sie, bis sie kam, und ging ihr dann nicht von der Seite. Ihre Munterkeit und Dreistigkeit gefiel ihm. Sie wußte ihn durch allerhand Fragen, auf die sonst kein anderer verfiel, gesprächig zu stimmen. Sie war eigentlich die einzige, die von seinen Reisen etwas erfahren wollte und die ihm zuhörte, wenn er von fremden Ländern und ihren Bewohnern merkwürdige Dinge erzählte. Allerdings fehlte viel, daß sie ihm alles glaubte, was er von den Südseeinsulanern berichtete, aber es unterhielt sie doch so gut wie ein Märchen. Er nahm's auch nicht übel, wenn sie ihn auslachte.

Mare wiegte sich indessen mehr und mehr in dem Traum, Janis Skwirblies sei der richtige Mann für sie. Es war ihr nun gewiß, daß sie für ihn etwas empfand, wie bisher für keinen andern, und sie überredete sich sogar leicht, daß sie nur auf ihn gewartet habe. Wenn er ihr wenig entgegenkam, so sah sie darin einen Beweis vorsichtiger Zurückhaltung, wie sie durch seine Lebenslage geboten sei. Dabei nahm sie doch wieder jedes freundliche Wort für ein gutes Zeichen auch seines Wunsches, ihr eine wärmere Neigung zu erkennen zu geben. Wie es nun überhaupt ihre Art war, sich nicht lebhaft zu äußern, sondern ihre Gefühlsregungen zu meistern, so tat sie auch jetzt nichts dazu, Janis mit verliebten Blicken oder versteckten Andeutungen an sich heranzuziehen. Ein Liebesverhältnis, wie es unter leichtfertigen jungen Leuten üblich, kam ihr gar nicht in den Sinn. Für sie fragte sich's allein, ob Janis zu ihrem Mann und sie zu seiner Frau tauge, und da sie sich darauf eine befriedigende Antwort gab, die ihr Herz angeregt hatte, so zögerte sie nun auch nicht, diejenigen Schritte zu tun, die nach ihrer Erfahrung von andern Fällen her beide Teile zum Ziele führen konnten.

Sie sprach mit ihrem Vater. Nicht um ihn in ein Herzensgeheimnis einzuweihen und seinen Segen zu erbitten, sondern ganz geschäftsmäßig trocken. Sie ging von dem Grundstück aus, das er doch wohl wünschen werde, endlich an einen Schwiegersohn abzugeben, um sich zur Ruhe setzen zu können. Sie sei ja auch schon seit Jahren die Wirtin gewesen. Auf dem Felde aber reiche ihre Arbeit doch nicht aus, und eine jüngere, männliche Kraft sei auf die Dauer nicht zu entbehren. Ein Knecht tue selten Gutes, wenn er nicht scharf beaufsichtigt würde, und so wolle sie sich denn entschließen, zu heiraten. Über den Annahmepreis des Grundstücks werde man sich hoffentlich einigen; fordere er kein zu hohes Ausgedinge, so werde Katre mit ihrer Abfindung wohl zufrieden sein können.

Das alles leuchtete Lukatis durchaus ein. Er konnte sich's nur nicht gut zurechtlegen, auf wen sie zielte, und war überrascht, als sie Janis Skwierblies nannte. Nicht, daß er gegen dessen Person etwas einzuwenden gehabt hätte. Er kam aber sogleich mit dem Einwande vor: »Wie soll Janis das Grundstück übernehmen? Er hat ja doch nichts. Was für ihn auf seines Bruders Besitz eingetragen steht, wird erst nach der Eltern Tode frei, und es bedeutet auch nicht viel. Was willst du mit einem Mann, den du ernähren mußt?«

»Er wird dafür arbeiten«, entgegnete Mare, »und die Wirtschaft in besseren Stand bringen. Janis ist ordentlich und zuverlässig, das ist mehr wert als eine Handvoll Geld. Wer damit klimpert, macht auch größere Ansprüche und meint am Ende, er erweise mir eine Gnade. Janis wird dankbar und bescheiden sein.«

»Aber er ist ja doch ein Seemann«, gab Lukatis zu bedenken.

»Er wird nicht mehr zur See gehen wollen, wenn er ein Grundstück hat«, versicherte Mare. »So töricht ist er nicht, sich für Fremde in Gefahr zu begeben, wenn er zu Hause Herrenbrot essen kann.«

Lukatis wollte die Sache gar nicht so recht in den Kopf. Er hätte gern einen Schwiegersohn gehabt, der ein paar hundert Taler auf den Tisch legte. »Hast du so lange gewartet«, sagte er, »um schließlich mit so einem vorlieb zu nehmen? Das gefällt mir wenig.«

»Mir ist er gerade recht«, antwortete Mare. »Ich weiß, was ich an ihm habe. Warte ich noch länger, so bessert sich nichts dadurch. Ich will keinen andern zum Mann, den Janis aber will ich, und es soll mir nicht schwer werden, für ihn zu arbeiten.«

Da Lukatis nun merkte, daß seine guten Gründe nicht durchschlugen, fügte er sich und beriet mit Mare, was unter solchen Umständen weiter zu tun sei, um den Matrosen zu einer Werbung in aller Form zu veranlassen. Janis mußte zu ihm kommen. Damit war Mare ganz einverstanden. »Es ist auch nur nötig«, sagte sie, »daß er erfährt, er habe eine Abweisung nicht zu befürchten. Dann wird er sich schon von selbst ein Herz fassen.«

Nun wohnte im Marktflecken nahe der Kirche eine alte Frau, die in dem Ruf stand, gegen eine kleine Erkenntlichkeit gern Heiraten zu vermitteln. Sie war die Witwe eines Glöckners und verrichtete selbst seit langen Jahren die Dienste einer Kirchenfrau. Die alte Kubillene kannte jeden Menschen im Kirchspiel und war von jedem gekannt, der Sonntags an ihrem Strohstühlchen vorüberging. Sie galt für ebenso klug als gefällig und hielt auch reinen Mund, wenn es sich um geheime Aufträge handelte. Wer ihr etwas zu sagen hatte, brauchte nur nach der Kirche an sie heranzutreten oder an ihr Fenster zu klopfen, an dem immer ein paar Blumentöpfe standen. Man sah sie öfters gut angezogen, mit einem schwarzen Tuch über der weißen Haube, einen großen Regenschirm statt des Stockes in der Hand, über Land gehen, und riet dann wohl, wem sie diesmal einen Besuch zugedacht habe. Man wußte aber auch, daß sie nicht immer bestimmte Absichten verfolgte, sondern öfters nur die Freundschaft begrüßte, um für alle Fälle vorzusorgen, und so brauchte also jemand, bei dem sie eintrat, nicht gerade zu fürchten, ins Gerede zu kommen.

Lukatis gab ihr einen Wink, der nicht unbeachtet blieb. Am nächsten Sonntagnachmittag zur Kaffeestunde sah Mare die Alte mit ihrem großen Schirm auf der Landstraße heranhumpeln und in den Weg nach dem Skwirbliesschen Gehöft einbiegen. Die Kubillene wurde von der Wirtin freundlich aufgenommen; es war ja möglich, daß sie einmal der Marikke wegen kam. Sie brachte aber sehr bald das Gespräch auf den Seemann, der gerade nicht zu Hause war. Ob er nicht daran denke, sich seßhaft zu machen und zu heiraten. Einem so hübschen Menschen könne es nicht schwer werden, zu einer Frau auch ein Grundstück zu bekommen, wenn er nur wolle. Man merkte nun, daß sie schon etwas in Vorschlag hätte, tat aber gar nicht neugierig. Finde sich etwas Passendes, so würde er vielleicht nicht abgeneigt sein – warum sollte er? Darauf meinte die Alte, sie würde ihm aus alter Freundschaft gern eine gute Wahl treffen helfen; wolle er ihr Vertrauen schenken, so möge er einmal bei ihr nachfragen, ob sie ihm empfehlen könne, hier oder da anzuklopfen. Daß er dann den Gang nicht vergeblich mache oder seinen Freiersmann machen lasse, dafür werde sie sorgen.

Endrik und seine Frau redeten Janis zu, doch wenigstens zu hören, wen die Kubillene ihm zugedacht habe. Janis wollte anfangs davon nichts wissen. Er habe gar keine Lust, seine Freiheit so rasch aufzugeben und wieder eine Landratte zu werden; seine Frau wolle er sich selbst aussuchen, und wenn sie nicht hübsch und niedlich sei, so werde ihn Haus und Hof nicht locken; er wäre wohl noch der Mann, eines alten Weibes Beistand nicht zu brauchen. Was er verschwieg, war, daß Katre ihm von Tag zu Tag besser gefiel und sich seiner Gedanken schon ganz bemächtigt hatte. Ob sie eine passende Frau für ihn sein könne, war dabei ganz außer Rechnung geblieben: ans Heiraten hatte er überhaupt nicht gedacht. Katre gefiel ihm, wie ihm noch kein anderes Mädchen gefallen hatte. Es war ihm jedesmal, wenn er sie sah, als ob in seinem Innersten eine Flamme sich entzündete. Plötzlich wurde es ganz hell; er hätte darüber lachen mögen, so viel überraschendes Vergnügen bereitete ihm das. Er meinte, jeder, der in seine Nähe käme, müßte merken, wie es mit ihm stehe. Darin irrte er sich nun freilich bei seinem Bruder und der Schwägerin; nur Marikke, die beide täglich beobachten konnte, erriet leicht, was in ihm vorging. Daß er aber in Katre verliebt war, schien auch ihr kein Hindernis, mit der alten Kubillene in Verhandlung zu treten.

Endlich entschloß er sich dann wirklich, sie aufzusuchen. Er klopfte an ihr Fenster, und sie winkte ihn hinein. »Ich höre, du weißt eine Frau für mich«, sagte er etwas verlegen.

»Das kann wohl sein«, antwortete sie blinzelnd. »Willst du denn heiraten, mein Söhnchen?«

Er paffte aus der kurzen Pfeife. »Na . . . es kommt darauf an.«

»Ich hab' für dich an eine Wirtstochter gedacht, mein Söhnchen, der das Grundstück verschrieben werden soll, wenn sie heiratet. Es sind nur zwei Kinder, und das Geld für die andere Tochter kann eine Weile stehenbleiben. Das Ausgedinge wird auch nicht allzu groß sein, weil die Mutter nicht mehr lebt. Du könntest gleich Wirt werden.«

»Das war' mir schon recht.«

»Und hättest eine hübsche, junge, sehr tüchtige Wirtin, um die dich jeder beneiden würde.«

»Laß hören.«

Die Alte schmunzelte. »Du hättest nicht weit auf Freierschaft zu gehen nötig – nur über die Straße.«

Der Matrose sah sie verwundert an. »In Lukatellen?«

Die Alte nickte.

»Da ist ja aber keiner, auf den deine Reden passen, als allenfalls . . .«

»Ja, sag's nur dreist heraus, mein Söhnchen.«

Ihm glühte plötzlich das Gesicht. »Davids Lukatis.«

»Der kann auch wohl gemeint sein. Du solltest einmal bei ihm wegen seiner Tochter Mare anfragen.«

Er fuhr überrascht zurück. »Mare –?«

»Gewiß, Mare. Seine ältere Tochter heißt doch Mare? Und ich hab' euch beide ja schon zusammen nach der Schule gehen sehen, als mein Mann noch lebte, und hab' manchmal zu ihm gesagt: ›Denen läutest du noch einmal die Glocken, Martinus.‹ Das hat der liebe Gott nun freilich so nicht gewollt, aber –«

»Die Mare – die Mare –«, rief er in großer Aufregung. »Warum nicht . . .«

Die Alte schob das Kinn hin und her. »Ja, was hast du denn? Von der Mare kann doch nur die Rede sein. Und es ist dein Glück, wenn sie dich nimmt.«

»Meinst du –? Ja, ja! aber . . .« Die Pfeife war ihm ausgegangen; er hielt sie an der Spitze und ließ sie zwischen den Fingern baumeln. »Muß es denn gerad die Mare sein?«

»Du kannst ja tun, was du willst«, meinte die Glöcknerfrau, die nicht gleich begriff, wo eigentlich sein Bedenken steckte.

»Ja – ich kann tun . . .«, stotterte Janis. »Aber er hat ja zwei Töchter.«

»Jawohl zwei. Nicht mehr als zwei.«

»Und die Katre . . .«

»Die ist noch sehr jung.«

»Aber doch nicht zu jung . . .«

Die Alte warf ihm einen erstaunten Blick zu.

»Wenn's die Katre wäre«, platzte er heraus.

Sie rieb sich die Hände. »Ja, da weiß ich nicht, mein Söhnchen . . .«

Der Matrose trat dicht an sie heran und legte die Hand auf ihre Schulter. »Dem Lukatis wird's gleichviel sein«, sagte er. »Gegen die Mare ist gewiß nichts einzuwenden, aber die Katre gefällt mir doch besser. Und wenn ich heiraten soll . . . Höre, wenn du mir die Katre mit dem Grundstück verschaffen kannst, will ich dir's danken.«

Die Kubillene schien mit dieser Wendung sehr unzufrieden. »Aber das ist ja dummes Zeug«, murrte sie. »Wie kannst du nur an die Katre denken? Sie wird im Leben nicht vernünftig werden. Lukatis müßte ein Tor sein, wenn er so einem lustigen Vogel das Grundstück abtreten wollte. Mare ist eine Wirtin für dich, mein Söhnchen! Die wird dich gut anleiten, und ich glaube, sie hat dich gern. Über die Katre lohnt's wahrhaftig gar nicht zu reden. So eine muß sich ein reicher Mann holen, der ihr schöne Kleider und seidene Tücher und goldene Ringe kaufen kann, soviel ihr Herz begehrt.«

»Und doch –«, sagte Janis nachdenklich, »sie oder keine. Auf die Katre kann ich noch warten, und es ist auch möglich, ich vergesse sie wieder, wenn ich auf dem Schiffe bin und tausend Meilen weit von ihr entfernt. Bleib' ich aber hier, so vergess' ich sie nicht, und das will ich ihrer Schwester nicht antun. Dazu ist mir die Mare zu lieb.«

Sie verhandelten noch eine Weile hin und her, ohne zu einem andern Ergebnis zu kommen. Endlich meinte die Kubillene, gegen solche Unvernunft sei schwer anzukämpfen. Sie wollte Lukatis einmal von weitem ausholen, ob er sich zu solchem Tausch entschließen könne. »Lacht er mich aus, so ist's am besten, du nimmst gleich Abschied und kehrst in ein paar Jahren nicht nach der Heimat zurück. So handelst du ehrlich auch gegen Katre.«

Sie sprach mit Lukatis und Lukatis sprach mit Mare. »Er will dich nicht – er will Katre«, darauf kam's hinaus. Mare war aus allen Himmeln gefallen. Wenn Janis sie verschmäht hätte, der Sturz wäre schon tief genug gewesen. Aber daß er Katre ihr vorzog . . . Das gab ihr einen Stoß, der sie zu Boden schmetterte, als sollte sie sich nie mehr erheben. Katre – Katre! Auch hier wieder Katre!

Sie vergoß keine Träne, sie klagte auch dem Vater nicht ihr Leid, aber alles Blut wich aus ihrem Gesicht, und die Augen blickten feindlich ins Weite, während die Lippen sich von den festgeschlossenen Zähnen zurückzogen. War's Eifersucht, was sie peinigte? Hier sprach doch noch ein anderes Gefühl mit. Es hatte sich so oft schon geregt – wie ein wildes Tier in dunklem Versteck, aus dem es nicht vorzubrechen wagt –, und nun hatte die Eifersucht es aufgepeitscht und hinausgetrieben. Es schämte sich nicht mehr seiner Häßlichkeit, glaubte voll an sein Recht, wollte sich eine Befriedigung schaffen: Neid fraß an ihrem Herzen.

Warum ich nicht – warum sie?

Mare hatte keine ruhige Stunde mehr. Sie beobachtete Katre mißtrauisch, schlich ihr nach. wenn sie sich von Hause entfernte. Sie wollte etwas entdecken, was ihren Zorn reizen könnte. Ihre Feindseligkeit mußte einen greifbaren Grund haben, um zum Angriff überzugehen. Abends, wenn es dunkel geworden war, versteckte sie sich hinter dem Gartenzaun des Endrik Skwirblies und suchte zu erspähen, was Janis und Katre miteinander trieben. Marikke war dabei, aber das bedeutete ihr wenig. Die beiden saßen zusammen auf der Bank, plauderten lustig, trieben Scherz miteinander und sangen allerhand Schelmenlieder, oder sie jagten sich im Garten herum und lachten ausgelassen, wenn sie einander gefaßt hatten. Er wollte sie küssen, und Katre wehrte sich kaum ernst, wenn sie kichernd die Hände vors Gesicht hielt oder ihm neckisch die Zunge ausstreckte. Trieb er's zu arg, so lief sie mit Marikke fort auf die Straße, aber er holte die beiden Mädchen rasch ein, nahm jede an einen Arm und führte sie spazieren.

Mare entrüstete sich innerlich immer mehr über dieses liederliche Treiben der Schwester. Gesellte sie sich einmal zu dem munteren Völkchen, so war's mit der Lustigkeit bald zu Ende.

Eines Tages gerieten die Schwestern aus irgendeinem geringfügigen Anlaß in Streit. Katre ließ sich eine Weile ruhig ausschelten; dann riß ihr aber die Geduld, als sie zu bemerken glaubte, daß Mare ihr Vergnügen daran habe, sie durch boshafte Reden zu verletzen. Sie antwortete heftiger, als ihre Gewohnheit war. Das schien Mare nun just lieb zu sein. »Es fehlt ja auch nur gerade noch«, rief sie giftig, »daß du mir grob kommst! Je untauglicher einer ist, einen um so größeren Mund hat er. Aber das sage ich dir, es muß jetzt anders werden. Ich habe keine Lust, länger für dich zu scharwerken, damit du deine Hände schonen kannst. Auf dein hübsches Gesicht brauchst du dir nichts einzubilden, das ist ein unverdientes Geschenk. Und es können sich auch andere sehen lassen, die nicht Furcht haben dürfen, in die Sonne zu treten. Du aber zeigst dich lieber dem Mond und bist nachts auf der Landstraße zu finden. Das nimmt kein gutes Ende.«

Katre warf das Kinn auf. »Du bist nicht meine Mutter«, erwiderte sie spitz, »und der Vater hat dich mir nicht zum Vormund gesetzt. Was du in der Wirtschaft tust, das tust du nicht mir zum Gefallen. Und wenn du lieber früh schlafen gehst, als mit den Mädchen zu lachen und zu singen, so hat dir das ja noch niemand übelgenommen.«

»Mannsleute sind doch wohl auch dabei«, sagte Mare giftig.

»Das will ich meinen«, antwortete Katre. »Wir lachen und singen ja nur, um sie anzulocken.«

»Pfui, so etwas zu sagen!«

»Pfui, so etwas zu glauben!«

»Dir ist's zuzutrauen, du Falsche!«

»Ich bin keine Falsche. Wie kann ich dafür, daß der Janis Skwirblies sich dafür bedankt, eine so böse Frau zu nehmen, wie dich.«

Da war's nun im Eifer herausgesprochen. Schon im nächsten Augenblick tat's Katre leid. Es war, als ob Mare ein Stein gegen die Stirn geflogen wäre, so taumelte sie zurück. Ein flammendes Rot ergoß sich vom Halse her über ihr ganzes Gesicht, die Augen schienen aus ihren Höhlen treten zu wollen und die Zähne knirschten gegeneinander. Das war zuviel. »Das hat er selbst dir wohl verraten?« ächzte sie. Was sie am schmerzlichsten verwundet hatte, war damit bloßgelegt. Janis hatte nicht nur sie verschmäht, er hatte der bevorzugten Schwester auch ihr Geheimnis preisgegeben und damit das Messer in die Hand gedrückt, das sie ihr ins Herz stoßen konnte.

»Du brauchst das nicht so zu nehmen«, sagte Katre einlenkend, »als ob ich's dem Janis nachrede. Ich denke mir's nur so!«

Mare hatte sich noch nicht gefaßt. »Daß er dir verraten hat . . .«, rief sie. »Und es ist nicht wahr! Wer will behaupten, daß ich mich ihm zur Frau angeboten habe?«

»Er behauptete es auch nicht.«

»Lüge nicht, du Freche!« Sie faßte Katres Schulter und schüttelte sie.

Katre stieß sie zurück. »Was willst du von mir? Wenn du glaubst, daß Janis dir unrecht getan hat, so stelle ihn doch zur Rede. Ich spreche so wenig ein Wort für als gegen ihn, und für mich selbst wiederhole ich nur, was ich schon gesagt habe: ich kann nichts dafür, daß er dich nicht mag.«

Mare ließ sich so nicht beruhigen. Ihre Lippen zuckten verächtlich und die dunklen Augen schossen Blitze. »Du kannst dafür«, rief sie, alle Vorsicht vergessend. »Du allein! Wir haben als Kinder zusammen gespielt, bis er aufs Schiff ging. Dich aber hat er damals kaum so viel beachtet, wie den Ofen im Sommer. Und als er jetzt wiederkam, hat er sich mir so gezeigt, daß ich nicht glauben konnte, sein Sinn habe sich geändert. Nachdem du ihm aber die Augen verblendet hast, ist er wie umgewandelt. Bin ich etwa blind oder sehe ich das nur im Traum?«

»Und wenn es so wäre«, antwortete Katre lachend, »hätte ich Schuld daran? Ich bin ihm nicht nachgelaufen, und meinetwegen hätt' er mir auch nicht nachlaufen dürfen. So dumm bin ich doch nicht, daß ich mir einbilde, so einer, der nichts hat, könnte mich heiraten. Mir wird der Vater das Grundstück nicht überlassen, wie dir. Wollt' ich durchaus einen Schatz haben, so könnt' ich leicht einen dauerhafteren finden, als einen Matrosen, der auf Urlaub kommt; gefall ich ihm, so ist mir's nicht unlieb, und treibt er allerhand närrisches Zeug, um mich in ihn verliebt zu machen, so hab' ich meinen Spaß daran und nehm's ihm nicht übel. Aber weinen werd' ich nicht gerade, wenn er wieder abreist, und bringst du ihn dazu, daß er hierbleibt und dich heiratet, so werde ich sehr lustig auf deiner Hochzeit tanzen. Ich nehme ihn dir nicht fort, dessen kannst du versichert sein.«

Mare klangen diese Worte wie Hohn. »Du nimmst ihn mir fort«, zischte sie, »und willst ihn nicht einmal für dich haben. Mir kann's gleich sein – nicht den kleinen Finger möcht' ich jetzt heben, einen so wankelmütigen Menschen an mich zu ziehen. Nur gewarnt sollst du sein, da du doch meine Schwester bist. Der Vater muß tun, was ich will, und das Grundstück wird er dir nicht verschreiben, solange ich lebe! Wenn Janis darauf rechnet, so hält er mich für ein Schäfchen, das sich geduldig scheren läßt. Ich kann ihn nicht zum Mann haben, aber du sollst ihn auch nicht haben. Lasse dich also nicht zu weit mit ihm ein! Es könnte dich gereuen.«

Sie hatte ihrem Ärger Luft gemacht, recht unklug vielleicht, aber doch augenblicklich mit der guten Wirkung, daß sie sich erleichtert fühlte. Den Kopf steif im Nacken, verließ sie die Stube und gab draußen mit lauter Stimme dem Knecht Jurgis Matuttis Befehle; Katre aber klatschte in die Hände und lachte hinter ihr her. »Was sie sich nur denkt –?« plauderte sie vor sich hin. »Als ob der Janis mir so gefährlich wäre, weil er ihr ganz den Kopf verdreht hat. Aber wenn sie weiß, daß sie ihn nicht haben kann, warum soll ich ihn nicht . . . Pfui! so abgünstig zu sein. Wie schickt sich das? Dafür mag sie dann auch ihren Verdruß haben.«

Nachdem sie vor dem kleinen Spiegel ein weißes Tuch zum Schutz gegen die Sonne um den Kopf gelegt und unter dem Kinn lose zugeknöpft hatte, nahm sie eine Harke über die Schulter und ging trällernd an Mare vorüber nach der Wiese am Flüßchen, das Heu zu wenden. Sie wußte, daß Marikke auf ihres Bruders Wiese dicht daneben arbeitete, und nahm für gewiß an, daß Janis, wenn er nicht schon auf sie wartete, vor dem Hause aufpaßte und ihr bald nachfolgen werde. Sah ihn Mare denselben Fußpfad einschlagen, so hatte sie schon ihre Strafe.

Sie glaubte wirklich an keine Gefahr für sich selbst. Aber indem sie nun das Neckspiel um so eifriger fortsetzte, je borstiger Mare sie behandelte, gab sie der Verliebtheit des Matrosen immer mehr Gelegenheit, ihren Leichtsinn auf die Probe zu stellen. Wenn er nach dem Marktflecken ging, so brachte er allemal vom Kaufmann etwas für sie mit, erst nur ein buntes Band, wie sie es liebte, oder eine Nadel mit farbigem Glasknopf, dann auch ein seidenes Tüchelchen, eine Bernsteinschnur und ein Ringelchen mit vier blauen Steinen, das vergoldet war. Sie nahm die Geschenke an, ohne sich viel zu zieren, und putzte sich vor Mare damit aus. »Es macht ihm Spaß«, sagte sie, »sein Geld für solchen Tand wegzuwerfen. Was soll er auch sonst damit anfangen? Wenn er aufs Schiff kommt, braucht er's nicht. Es ist besser so, als wenn er's vertrinkt. Meinst du nicht?«

»Er wird ja wohl wissen, wofür er so freigebig ist«, erwiderte Mare bissig. »Wenn er für so etwas Geld ausgeben will, so hat er doch eine Schwester, die es ihm danken könnte. Du aber –«

»Oh! Marikke wird auch nicht vergessen«, versicherte Katre. »Er hat ihr aber schon so viel aus England mitgebracht, daß solche Kleinigkeiten für sie gar keinen Wert mehr haben. Sie ist auch nicht neidisch.«

»Denke doch nur nicht, daß ich's bin«, eiferte Mare, die sich gleich angegriffen fühlte. »Ich würde mich schämen, so etwas die Leute sehen zu lassen. Aber auf dich könnten sie ja mit Fingern zeigen, du würdest nicht einmal rot werden.«

»Es kann ja jeder denken, was ihm beliebt«, meinte Katre schnippisch.

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