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Die Schweden vor Olmütz

Johann Gabriel Seidl: Die Schweden vor Olmütz - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleAusgewählte Werke in vier Bänden - Vierter Band
authorJohann Gabriel Seidl
editorDr. Wolfgang von Wurzbach
firstpub1843
yearca. 1905
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleDie Schweden vor Olmütz
pages151-200
created20070115
sendergerd.bouillon
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Johann Gabriel Seidl.

Die Schweden vor Olmütz.

1.

Narrheit erscheint am Toren nicht so hart,
Als an dem Klugen, ist er erst vernarrt;
Denn der verwendet allen Witz daran,
Daß er die Torheit Klugheit nennen kann.
Shakespeare.

Ein wüstes Geschrei tönte durch die niedere Stube des sogenannten »Stammhauses«, einer kleinen abgelegenen Schenke in Olmütz, wo sich allabendlich die Brüder in studio zu versammeln und ihrer Lustbarkeit freien Lauf zu lassen pflegten; da ward an den massiven Eichentischen umher getrunken, gewürfelt, gesungen und gesalbadert, daß der Sprechende sich oft selbst nicht verstand, und die gesteigerte Bemühung, sich einander verständlich zu machen, gewöhnlich in allgemeine Unverständlichkeit ausartete. Auch an tollen Raufszenen fehlte es nicht, denn die jungen Herren Studenten trugen ihre wohlgeschliffenen Klingen jederzeit an der Seite und ließen sich ein unebenes Wort nicht zweimal sagen. Zudem schnitten sie gar schiefe Gesichter, sobald ein Mensch eintrat, der nicht zu ihrem Bunde gehörte, oder von demselben nicht geduldet war. Da ward des Federlesens nicht viel gemacht, der ungebetene Gast mußte sich über die Maßen bescheiden fügen und schmiegen, wenn er nicht den Schauplatz, auf welchem er eben mit zu agieren begann, in kürzester Zeit von außen, und zwar oft in der unbequemsten Lage, betrachten wollte.

»Zaus ihn, Wallach!« war die gewöhnliche Losung, wenn es auszumustern galt. Dieser Wallach war niemand anderer, als ein Student namens Valentin Schmidt, der Sohn des gleichnamigen reichen Handelsmannes, ein stämmiger, zwanzigjähriger Jüngling, mit schwarzen Locken, rollenden Feueraugen, aus welchen sein lebhafter Geist sprach, und einer mächtig schallenden Stimme, die bei ihm gut angebracht war, weil er allerdings ein eben so vernünftiges als kräftiges Wort zu reden wußte. Den Namen »Wallach« hatten ihm seine Kollegen gegeben, weil er seiner Körperbildung nach ganz jenen kräftigen Gebirgssöhnen glich, deren Sprache, Sitten, Gewohnheiten er getreu zu kopieren wußte. Häufige Ausflüge in die Bergschluchten jener Gegend hatten ihn mit vieler Vorliebe für diese gigantischen Naturmenschen erfüllt, und manches naseweise Herrlein, welches den guten Valentin zu necken vermeinte, trug den Beweis dafür bald auf dem Rücken weg. Er war bei allen Studentenstreichen Anführer, Bürge des Gelingens und im Notfalle der Alexander, der den verworrensten Knäuel mit einem kühnen Faustschlage zerhieb. Darum hing auch das ganze Studentenvolk mit begeisterter Vorliebe an ihm. So tapfer er aber in der Schenke arbeitete, so wacker trieb er sich auf dem Tummelplatze der Wissenschaften umher, auf welchen es ihm keiner zuvortat. Daher war man auch gegen alle seine Torheiten nachsichtiger, als es vielleicht recht war, zumal da man in jener kriegerischen Zeit es nicht ungern sah, wenn den jungen Leuten ein bißchen Raufgeist in die Glieder fuhr.

Nur Valentins Vater, ein alter, ehrlicher, aber über die Maßen phlegmatischer Bürger, der seinem Geschäfte friedsam nachging, hielt seinem unbändigen Sohne oft ebenso langweilige als vergebliche Ermahnungsreden, welche gewöhnlich mit den Worten schlossen: »Junge, Junge! du hast Kopf, aber wenn du ihn so toll aufsetzest, so wirst du ihn noch einmal verlieren.«

Eben hatte seinen Kopf Valentin, wie es schien, wieder aufgesetzt, als er an einem regnerischen Sommerabende des Jahres 1640 im Stammhause saß und wild und unlustig vor sich hinsah.

»Mit dem Wallachen ist heute nichts anzufangen!« hieß es unter den Studenten; denn sie hatten sich seit länger als einem Jahre an diese, früher ihm fremde, Übellaunigkeit gewöhnen müssen. Was ihm so fortwährend im Kopfe stak, wußte niemand; denn trotz seiner Offenheit in allem übrigen ließ er jede Frage über diesen Punkt unbeantwortet, und erwiderte jede Zudringlichkeit mit einer unliebsamen Abfertigung. Man ließ ihn daher gewähren und erschöpfte sich nebenan in flüsternden Vermutungen, deren Resultat war: »Der Wallach ist verliebt!«

Toller Lärm übertäubte bald dieses Gespräch. Valentin starrte noch immer teilnahmlos auf den Boden, als ob er alle Spalten und Astlöcher der kotbelegten Dielen zählen wollte. An einem Nebentische saßen einige Bürger, die mit den Studenten in gutem Einvernehmen lebten, und schwatzten wunderliches Zeug von der Teufelsjagd in Bayern, welche damals unter dem gemeinen Manne vielen Schrecken verbreitete. Andere wußten sich von einem schwäbischen Weibe eines Soldaten zu erzählen, welches bei Mellerstadt auf einmal vier Knaben und drei Mägdlein geboren hatte. Wieder andere behaupteten, von Augenzeugen gehört zu haben, daß es im kaiserlichen Lager zu Saalfeld bald nach dem Scharmützel, in welchem der schwedische Offizier Schlange den einen Arm verlor, Blut regnete und daß Feuer vom Himmel fiel.

»Mag es sein!« rief ein Soldat von der Stadtbesatzung darunter, der mit den Studenten zechte, »aber etwas anderes will ich euch sagen, daß der BannerDer schwedische Feldmarschall Johann Gustafson Banér (geb. 1508, † 1641), genannt »der schwedische Löwe«, war in zweiter Ehe mit der Gräfin Juliane Elisabeth von Erbach (nicht Erlach) vermählt. die im Jahre 1640 starb. bald abfahren wird. Kaum hatte seine Frau, die schöne Juliana von Erlach, die Augen zugedrückt, als die Soldaten oftmals eine Stimme hörten: »Fort, fort, Banner! nun ist es Zeit.« – Jawohl es ist Zeit, wir haben an dem TorstensohnLenart Torstensson (geb. 1603, † 1651) erhielt nach Banérs Tode den Oberbefehl über die schwedische Armee. Er drang im Mai 1642 durch Sachsen und Schlesien bis nach Mähren vor und eroberte Olmütz. allein genug.«

Indessen war ein alter Diener der deutschen Gräfin eingetreten, welche vor anderthalb Jahren im großen Hause am Schulplatze eingezogen war. Schmidt hatte dem gutmütigen, plauderlustigen Graubart manchmal in der Schenke eine Kanne Bier auftischen lassen, die Studenten wußten nicht, wie er sich's verdient habe, duldeten ihn aber gerne, weil er von Valentin eingeführt worden war und ein so eigentümliches Lachen hatte, daß er damit jedesmal seinen Schluck Bier redlich abdiente. Diesmal hatte er sich, ohne seinen Gönner zu bemerken, welcher stumm und gebückt seitwärts saß, zu den übrigen gemacht, und fiel, ein lautes Gelächter seinen Worten vorausschickend, den abergläubische Unglückspropheten nebenan in die Rede: »Ei, was ihr doch immer von Schreckensstimmen und Schaudergeschichten schwatzt! Die Zeit liegt ohnedies im argen! Wartet! ich will euch einmal etwas von einem Feste vorsingen, wobei sich mancher von euch die Gurgel wacker netzen wird.« Sein eigenes Gelächter unterbrach ihn, und alles am Tische lachte unwillkürlich mit. »Ja, lacht nur!« fuhr er fort, »heute über acht Tage ist Hochzeit in Olmütz. Unser Fräulein Eleonora und unser Stadtkommandant Antonio Miniati! Heute abend war das Versprechen!«

Ein schmetternder Schlag unterbrach das Gelächter, in welches der Graubart durch sein tolles Lachen ohne Ursache immer alles mitriß. Der Student Schmidt hatte seinen Bierkrug in wildem Ungestüm auf den Boden geschleudert, daß die Stücke wie Kartaunentrümmer umhersprangen. Mit rollenden Augen fuhr er jetzt empor, drückte das Barett tief in die Stirne, trat wankend zu seinen Brüdern an den Tisch und rief mit versagender Stimme: »Lebt wohl, Brüder! der Wallach zaust keinen mehr!« Mit diesen Worten stürmte er zur Türe hinaus. Alle sprangen überrascht auf, eilten ihm nach, riefen seinen Namen nach allen Weltgegenden; aber er war im Dunkel der Nacht wie ein Poltergeist verschwunden.

Eine tiefe Pause war eingetreten, während welcher alles wieder, stumm einander anblickend, die vorigen Plätze einnahm. Ein lautes gellendes Gelächter des alten Haushofmeisters unterbrach sie, welches Unwillen erregt haben würde, wenn nicht die Neugierde der Kollegen Valentins zu groß gewesen wäre.

»Ei, daß ich ihn nicht früher gesehen habe!« rief er noch immer lachend. »Nun hätte auch nichts geändert! Geheiratet ist geheiratet, und verliebt ist verliebt.«

»Verliebt?« schrie alles.

»Ja verliebt,« erwiderte der Alte, in sein voriges ungestümes Gelächter zurückfallend. »Verliebt! ohne weiters verliebt! Wisset ihr nicht, meine Herren, daß Schmidt in Eleonora verliebt war? Nicht? Ei sehe doch einer, die Herren Studenten wissen so etwas nicht! Freilich war er's oder ist er's vielmehr. Wir waren kaum ein paar Wochen im Hause, als das schöne Zithernspiel des Herrn Kollega unserer Frau auffiel. Absonderlich zeigte aber das Fräulein Lust, diese artige Kunst zu erlernen, da es auch eine engelreine Stimme hat und überhaupt sehr gelehrig ist. Der gute Valentin ward ins Haus gerufen, um ihr in dieser schönen Kunst Unterricht zu erteilen. Da muß sich der Handel angesponnen haben. O, er war ihr nicht gleichgültig! Ich habe dabei manchen Dienst geleistet und glaube der Geschichte sogar die Ehre zu danken, daß ich bei so lustigen Herren meinen Abendtrunk ohne Gefahr tun kann.«

Seine Worte erstickten in einem krampfhaften Gelächter, welches die Studenten durch ein dringendes »Weiter, weiter!« unterbrachen.

»Ja, weiter, weiter«, lachte der Alte sprechend fort, »was weiter? Der Oberst Miniati warb um Eleonora. Die Mutter fand die Partie gut, und unser armer Valentin sitzt nun als Hase im Pfeffer; ich bedauere ihn recht herzlich! Aber es ist nun schon so, und der Weltlauf läßt sich nicht ändern.«

Die Studenten sahen nun, daß sie recht geahnet hatten, und fürchteten trotz des Haushofmeisters Lachen von Valentins unbeugsamem Trotze und unbändiger Leidenschaft das Äußerste.

Noch in der Nacht suchten sie ihn auf, aber er war weder in seines Vaters Hause, noch irgend wo anders zu finden. Eben so vergeblich waren ihre Nachforschungen am andern Tage und an den folgenden. Sie ersetzten dem Vater die besorgtesten Späher und ließen sich die Sache mehr angelegen sein als er selbst, welcher anfangs zwar betroffen war, bald aber mit siegreichem Phlegma antwortete: »Soll's haben! Hab's ihm immer gesagt: Bursche, du hast Kopf, wenn du ihn aber so aufsetzest, wirst du ihn verlieren!« und damit war die Sache von Seite des Vaters abgetan.

Die acht Tage waren um. Ganz Olmütz nahm an dem festlichen Beilager Anteil. War gleich Eleonora erst zwanzig Jahre alt und Miniati nahe an den Sechzigen, so dachte doch niemand, welcher den kräftigen, mit edlem Anstande und freundlicher Herablassung einhergehenden Krieger sah, an sein Alter. Noch leuchtete volle Rüstigkeit aus seinem ernsten Auge, und hätte man, ihm zur Seite, Eleonoren auch eher für seine Tochter als für seine Gemahlin ansehen mögen, so lag in dem Gedanken, daß sie seine Braut sei, doch weiter nichts Abschreckendes. Sie selbst schien ziemlich heiter zu sein und in dem Bande, welches zu knüpfen sie im Begriffe stand, ihr volles Begnügen zu finden. Mit ruhiger Fassung schritt am Arme des Bürgermeisters, als Beistandes, die schöne Braut der bischöflichen Kapelle zu, in welcher, in Anwesenheit der Autoritäten und Honoratioren, die Trauung vor sich gehen sollte.

Eben steckte der Priester den Trauring des Obersten an den weißen Finger der zitternden Braut, als von außen ein Schuß fiel, und unter Scheibengeklirr eine Kugel knapp über dem Haupte des Bräutigams hinpfiff. Entsetzt und empört von gerechtem Unwillen über diesen Frevel fuhr alles auf, und ohne irgend einen Befehl abzuwarten, stürzten einige von den Soldaten, welche das Spalier an der Kapelle bildeten, hinaus, um sich des Ruhestörers zu bemächtigen. Vor dem Altare selbst war alles mit der Braut beschäftiget, die ohnmächtig zu Boden sank. Der Täter war nicht auszumitteln. Erst nach einer langen Pause kam die Braut wieder zu sich und erklärte, wiewohl scheu und ängstlich um sich blickend, daß sie sich kräftig genug fühle, den Akt der Trauung vollenden zu lassen. Diese ging auch ohne weitere Störung vor sich.

Ganz Olmütz sprach von dem sonderbaren Vorfalle. Man hegte Vermutungen aller Art. Die Studenten argwöhnten nicht ohne Besorgnis, daß Valentin Schmidt, von welchem nicht die geringste Spur mehr zu entdecken war, den unvorsichtigen Streich begangen habe, um sich empfindlich zu rächen. Selbst Valentins Vater äußerte einmal in seinem unverbrüchlichen Phlegma: »Ja, ja, das sähe dem Tollkopfe gleich! Gut, daß ich ihn vom Halse habe, vielleicht setzt ihm die Not den Kopf zurecht!«

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