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Die schwarze Tulpe

Alexandre Dumas (der Ältere): Die schwarze Tulpe - Kapitel 9
Quellenangabe
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie schwarze Tulpe
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorH. Meerholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160922
projectid373613d8
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8.
Ein Einbruch

Wie man errät, war das Vorgefallene das teuflische Werk des Mynheer Isaak Boxtel.

Man erinnert sich, daß ihm mit Hilfe seines Fernrohrs kein einziger Umstand bei dieser Zusammenkunft des Herrn Cornelius von Witt mit seinem Paten entgangen war.

Man erinnert sich, daß er zwar nichts gehört, aber alles gesehen hatte.

Man erinnert sich, daß er die Wichtigkeit der von dem Deichhauptmann seinem Paten anvertrauten Papiere erraten hatte, als er sah, wie sorgfältig dieser das ihm eingehändigte Päckchen in das Schubfach packte, in dem er die kostbarsten Knollen aufhob.

Als nun Boxtel, welcher der Politik mit weit größerer Aufmerksamkeit als sein Nachbar Cornelius folgte, erfuhr, daß Cornelius von Witt, als des Hochverrats gegen die Stände beschuldigt, verhaftet war, dachte er folglich im geheimen daran, daß er gewiß nur ein einziges Wort zu sagen brauchte, um van Baerle zugleich mit ihm verhaften zu lassen.

So beglückt Boxtel in seinem Herzen auch darüber war, so schauderte ihm anfangs doch bei dem Gedanken, einen Menschen anzuzeigen, den diese Anzeige auf das Schaffot bringen konnte.

Aber das Furchtbarste bei schlechten Gedanken ist, daß sich schlechte Seelen mit ihnen allmählich vertraut machen.

Außerdem ermutigte sich Mynheer Isaak Boxtel mit dem Trugschluß:

Cornelius von Witt ist ein schlechter Bürger, da er des Hochverrats angeklagt und verhaftet ist.

Ich dagegen bin ein guter Bürger, da ich nicht des Geringsten in der Welt bezichtigt und frei wie die Luft bin.

Wenn nun Cornelius von Witt ein schlechter Bürger ist, was als ausgemacht gelten muß, da man ihn des Hochverrats angeklagt und verhaftet hat, so ist sein Mitschuldiger Cornelius van Baerle ein ebenso schlechter Bürger als er.

Da ich ein guter Bürger bin und es die Pflicht von den guten Bürgern verlangt, die schlechten Bürger anzuzeigen, so ist es folglich meine, Isaak Boxtels, Pflicht, Cornelius van Baerle anzuzeigen.

Aber so bestechend diese Folgerung auch war, so würde sie noch keine volle Macht über Boxtel gewonnen haben, und vielleicht hätte der Neider der bloßen Rachgier, die sein Herz verzehrte, nicht nachgegeben, wenn sich zu dem Dämon des Neides nicht noch der Dämon der Habsucht gesellt hätte.

Boxtel wußte ganz genau, wie weit van Baerle in seiner Aufsuchung der berühmten schwarzen Tulpe gekommen war.

So bescheiden der Doktor Cornelius auch war, so hatte er seinen nächsten Freunden doch nicht verschweigen können, daß er die fast sichere Aussicht hätte, im Jahre der Gnade 1673 den von der Harlemer Gartengesellschaft ausgesetzten Preis von hunderttausend Gulden zu gewinnen.

Diese fast sichere Aussicht des Cornelius van Baerle quälte Isaak Boxtel fieberhaft.

Wenn Cornelius verhaftet wurde, mußte dies sicherlich in dem Hause eine große Verwirrung hervorrufen. In der auf die Verhaftung folgenden Nacht würde niemand an die Bewachung der Tulpen im Garten denken.

Und in dieser Nacht wollte Boxtel über die Mauer klettern, und da er wußte, wo die Zwiebel war, welche die berühmte schwarze Tulpe geben sollte, wollte er die Zwiebel mitnehmen. Anstatt bei Cornelius sollte die schwarze Tulpe bei ihm blühen, und statt des Cornelius sollte er den Preis von hunderttausend Gulden erhalten, ganz von der hohen Ehre abgesehen, daß nun die neue Blume tulipa nigra Boxtellensis heißen würde.

Dadurch wurde nicht nur seine Rachgier, sondern auch seine Habgier befriedigt.

Im wachenden Zustande dachte er nur an die berühmte schwarze Tulpe, im Schlafe träumte er nur von ihr.

Um zwei Uhr nachmittags den 19. August wurde endlich die Versuchung so stark, daß Mynheer Isaak nicht länger zu widerstehen vermochte.

Deshalb schrieb er eine Denunziation ohne Namensunterschrift, deren Glaubwürdigkeit er durch genaue Angabe ersetzte und sandte diese Anzeige mit der Post ab.

Nie brachte ein gehässiges Schriftstück, das in einen bronzenen Löwenrachen zu Venedig geworfen war, eine schnellere und schrecklichere Wirkung hervor.

Noch an demselben Abend empfing der erste Staatsanwalt die Depesche; sofort berief er seine Kollegen zu einer Zusammenkunft am nächsten Morgen. In dieser Sitzung hatten sie die Verhaftung beschlossen und den Befehl zu ihrer Ausführung dem Herrn van Spennen zugeschickt, der als würdiger Holländer seiner Pflicht nachgekommen war und Cornelius van Baerle gerade in dem Augenblicke verhaftet hatte, wo die Haager Orangisten die Stücke der Leichen des Cornelius und Johann von Witt verbrannten.

Sei es jedoch aus Scham oder aus sündiger Schwäche, kurz, an diesem Tage hatte Isaak Boxtel nicht gewagt, sein Fernrohr auf den Garten, oder auf das Atelier, oder auf das Trockenzimmer zu richten.

Er wußte zu gut, was in dem Hause des armen Doktors Cornelius vorgehen würde, um erst hinüberblicken zu brauchen. Er stand nicht einmal auf, als sein einziger Diener, der das Los der Diener des Cornelius nicht weniger schmerzlich als Boxtel das Los des Herrn beneidete, zu ihm in das Zimmer trat. Boxtel sagte zu ihm:

»Ich werde heute nicht aufstehen; ich bin krank.«

Gegen neun Uhr vernahm er einen großen Lärm auf der Straße, und ihm schauderte bei diesem Lärm; in diesem Augenblicke wurde er blässer als ein wirklich Leidender und begann heftiger zu zittern als ein wirklich Fieberkranker.

Sein Diener trat herein; Boxtel verkroch sich unter seine Decke.

»Ach, Herr,« rief der Diener, der sehr gut ahnte, daß er durch seine bedauernde Mitteilung des dem Herrn van Baerle zugestoßenen Unglücks seinem Gebieter eine angenehme Nachricht mitteilte, »wissen Sie schon, was jetzt geschieht?«

»Woher soll ich es wohl wissen?« versetzte Boxtel mit einer fast unverständlichen Stimme.

»Ach Gott, Herr Boxtel, soeben verhaftet man Ihren Nachbar, den Herrn Cornelius van Baerle, als des Hochverrates schuldig.«

»Ach was,« murmelte Boxtel mit schwacher Stimme, »das ist nicht möglich!«

»So behauptet man wenigstens; übrigens habe ich selbst den Richter van Spennen und die Häscher zu ihm hineingehen sehen.«

»Freilich, wenn du es gesehen hast, ist es etwas anderes,« erklärte Boxtel.

»Jedenfalls will ich mich von neuem erkundigen,« sagte der Diener, »und seien Sie unbesorgt, ich werde Sie stets von allem, was vorfällt, unterrichten.«

Boxtel begnügte sich den Diensteifer seines Dieners durch einen Wink zu ermutigen.

Dieser ging hinaus und kehrte nach einer Viertelstunde zurück.

»Ach, Herr,« berichtete er, »alles was ich Ihnen erzählt habe, war die reine Wahrheit.«

»Wie so?«

»Herr van Baerle ist verhaftet worden; man hat ihn in einen Wagen zu steigen gezwungen und soeben nach Haag geschickt.«

»Nach Haag?«

»Wenn das, was man behauptet, wahr ist, wird es für ihn ein schlimmes Ende nehmen.«

»Und was behauptet man?« fragte Boxtel.

»Ei, der Tausend, man behauptet, aber es ist doch nicht ganz sicher, die Bürger wären in dieser Stunde drauf und dran, Herrn Cornelius und Herrn Johann von Witt zu ermorden.«

»O,« murmelte oder röchelte vielmehr Boxtel, indem er die Augen schloß, um nicht das gräßliche Bild zu sehen, das sich ihm gewiß vor Augen stellte.

»Potztausend,« dachte der Diener beim Herausgehen, »Mynheer Boxtel muß wirklich sehr krank sein, daß er bei einer solchen Nachricht nicht sofort aus dem Bette gesprungen ist.«

In der That war Isaak Boxtel sehr krank, krank wie ein Mensch, der einen anderen Menschen ermordet hat.

Aber er hatte diesen Menschen in einer doppelten Absicht ermordet; die erste war erreicht, die zweite blieb noch zu erreichen.

Die Nacht brach an. Auf die Nacht wartete Boxtel.

Als die Nacht erschienen war, stand er auf.

Darauf kletterte er auf seine Platane.

Seine Berechnung war richtig gewesen: niemand dachte daran, den Garten zu bewachen; im Hause war das Unterste zu oberst gekehrt, und die Dienerschaft hatte den Kopf verloren.

Hintereinander hörte er zehn Uhr, elf Uhr, Mitternacht schlagen.

Mit klopfendem Herzen, zitternden Händen und leichenblassem Gesichte kletterte er um Mitternacht von seinem Baume hinab, nahm eine Leiter, legte sie gegen die Mauer, stieg bis oben hinauf und lauschte.

Alles war ruhig. Kein Geräusch störte das Schweigen der Nacht.

Ein einziges Licht brannte noch in dem ganzen Hause.

Es ließ das Zimmer der Amme erkennen.

Diese Stille und diese Dunkelheit ermutigten Boxtel.

Er kletterte auf die Mauer und blieb einen Augenblick auf dem Rande sitzen; darauf völlig sicher, daß er nichts zu befürchten hätte, setzte er die Leiter aus seinem Garten in den des Cornelius und stieg hinab.

Da er nun die Stelle, wo die Brutzwiebeln zu der künftigen schwarzen Tulpe in der Erde ruhten, genau kannte, so eilte er dorthin, wobei er, um nicht durch die Spur seiner Schritte verraten zu werden, trotzdem die Wege benutzte; und an der rechten Stelle angekommen, grub er mit einer tigerhaften Freude seine Hände in die weiche Erde.

Er fand nichts und glaubte sich getäuscht zu haben.

Unwillkürlich perlte ihm jedoch der Schweiß auf seiner Stirn.

Er grub daneben nach: nichts.

Er grub rechts, er grub links nach: nichts.

Er grub vorn und hinten nach: nichts.

Fast närrisch wäre er geworden, denn endlich bemerkte er, daß erst denselben Vormittag das Land umgegraben war.

Während Boxtel in seinem Bette lag, war Cornelius in der That in seinen Garten hinabgestiegen, hatte die Knolle ausgegraben und sie, wie wir gesehen haben, in drei Brutzwiebeln geteilt.

Boxtel konnte sich nicht entschließen, den Platz zu verlassen. Mehr als zehn Fuß im Quadrat hatte er umgewühlt.

Endlich konnte er sein Unglück nicht länger bezweifeln.

Trunken vor Zorn, kehrte er zu seiner Leiter zurück, kletterte über die Mauer, zog die Leiter wieder in seinen Garten, warf sie um und sprang ihr nach.

Plötzlich stieg eine letzte Hoffnung in ihm auf.

Die Brutzwiebeln mußten sich in dem Trockenzimmer befinden.

Wie er in den Garten eingedrungen war, brauchte er nur in das Trockenzimmer einzudringen.

Dort mußte er sie finden.

Übrigens war das nicht viel schwerer.

Die Scheiben in der Glaswand ließen sich wie bei einem Mistbeete in die Höhe heben.

Cornelius van Baerle hatte sie am Vormittage selbst geöffnet, und niemand hatte daran gedacht, sie zu schließen.

Alles kam darauf an, daß er sich eine ausreichend lange Leiter, eine Leiter von zwanzig anstatt von zwölf Fuß, verschaffte.

Boxtel hatte in der Straße, in der er wohnte, ein Haus in Reparatur bemerkt; an dem Hause stand eine ungeheuer große Leiter aufgerichtet.

Diese Leiter half Boxtel aus der Verlegenheit, wenn die Handwerker sie nicht mitgenommen hatten.

Er eilte nach dem Hause, die Leiter war noch da.

Boxtel nahm die Leiter und schleppte sie mühselig in seinen Garten; mit noch größerer Mühe lehnte er sie gegen die Wand des Nachbarhauses.

Die Leiter reichte gerade bis an die Schiebfenster.

Boxtel steckte eine ganz matt brennende Laterne in seine Tasche, stieg die Leiter hinauf und drang in das Trockenzimmer ein.

Als er in diesem Heiligtum angelangt war, machte er Halt und stützte sich gegen den Tisch; die Beine versagten ihm fast den Dienst, sein Herz schlug zum Ersticken.

Hier war es schlimmer als in dem Garten: man könnte sagen, die freie Luft nehme dem Eigentums das Achtunggebietende; wer über eine Hecke springt oder über eine Mauer klettert, macht vor der Thür oder dem Fenster eines Zimmers Halt.

Im Garten war Boxtel nur ein Plünderer; im Zimmer war Boxtel ein Dieb.

Gleichwohl gewann er wieder Mut: er war nicht so weit gegangen, um mit leeren Händen zu sich zurückzukehren.

Vergebens aber öffnete, durchsuchte und verschloß er alle Schubfächer und sogar das bevorrechtete Schubfach, in dem die Herrn Cornelius so verhängnisvoll gewordenen Papiere aufbewahrt worden waren. Wie die Hauptpflanzen in einem Garten fand er hier die Johannes, die Witt, die nußbraune Tulpe, die Tulpe mit der Farbe des gebrannten Kaffees mit Aufschriften versehen; aber von der schwarzen Tulpe oder vielmehr von den Brutzwiebeln, in deren Blütenrändern sie noch schlummerte, war keine Spur zu entdecken.

Und gleichwohl las Boxtel in dem Verzeichnis der Sämereien und Brutzwiebeln, das von van Baerle in zwei Exemplaren mit größerer Sorgfalt und Genauigkeit als das Handelsbuch der ersten Amsterdamer Häuser geführt wurde, die Reihen:

»Heute, den 20. August 1672 habe ich die Knolle der berühmten schwarzen Tulpe aus der Erde genommen und in drei vollkommen entwickelte Brutzwiebeln geteilt.«

»Diese Brutzwiebeln, diese Brutzwiebeln!« heulte Boxtel und warf in dem Trockenzimmer alles durcheinander, »wo hat er sie nur verbergen können?«

Darauf schlug er sich heftig vor die Stirn und rief:

»O, ich unglückseliger Mensch! o ich dreimal beklagenswerter Boxtel! Trennt man sich etwa von seinen Brutzwiebeln? Läßt man sie in Dordrecht zurück, wenn man nach Haag reist? Kann man ohne seine Brutzwiebeln leben, wenn aus ihnen die berühmte schwarze Tulpe hervorgehen soll? Er wird Zeit gehabt haben, sie mitzunehmen, der Niederträchtige! Er hat sie bei sich! Er hat sie mit nach Haag genommen!«

Ein Blitzstrahl zeigte Boxtel die Tiefe eines unnützen Verbrechens.

Wie vom Donner gerührt sank er an demselben Tische, auf denselben Platz nieder, wo einige Stunden vorher der unglückliche Baerle die Brutzwiebeln der schwarzen Tulpe so lange und so entzückt bewundert hatte.

»Ei nun,« sagte der Neidhammel und erhob seinen leichenblassen Kopf wieder, »hat er sie, so kann er sie trotzdem doch nur behalten, so lange er lebt, und wenn ...«

Das Übrige seines gräßlichen Gedankens ging in ein schreckliches Lächeln über.

»Die Brutzwiebeln sind in Haag,« sagte er; »in Dordrecht kann ich also nicht mehr leben.«

»Nach Haag zur Erlangung der Brutzwiebeln, nach Haag!«

Ohne die ungeheuren Reichtümer, die er verließ, zu beachten, so sehr nahm ein anderer unschätzbarer Reichtum sein ganzes Sinnen in Anspruch, kletterte er durch sein Schiebfenster hinaus, rutschte die Leiter hinab, brachte das Diebswerkzeug wieder dorthin, woher er es genommen hatte, und kehrte brüllend wie ein Raubtier in sein Haus zurück.

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