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Die schwarze Tulpe

Alexandre Dumas (der Ältere): Die schwarze Tulpe - Kapitel 7
Quellenangabe
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie schwarze Tulpe
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorH. Meerholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160922
projectid373613d8
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6.
Der Haß eines Tulpenzüchters

Als er davon ausging, ließ sich Boxtel nicht von einer gewissen Besorgnis, sondern von einer offenbaren Angst leiten. Was den Kräften des Leibes und des Geistes Entschlossenheit und Adel verleiht, die Pflege einer Lieblingsidee, war für Boxtel verderblich, indem er sich unaufhörlich den ganzen Nachteil vorhielt, den ihm der Gedanke des Nachbars bereiten mußte.

Sobald van Baerle die ganze Geisteskraft, mit der ihn die Natur begabt, hierauf gerichtet hatte, glückte es ihm die schönsten Tulpen zu erzielen.

Besser wie jedem anderen in Harlem und Leyden, Städten, die den besten Boden und das gesundeste Klima gewähren, gelang es Cornelius die Farben zu verändern, die Formen umzubilden, die Arten zu vervielfältigen.

Er gehörte zu jener geistvollen und naiven Schule, die als Devise einen Lehrsatz aus dem siebenten Jahrhunderte annahm, welchen einer ihrer Eingeweihten im Jahre 1653 in die Worte gesetzt hatte:

»Die Blumen verachten heißt Gott beleidigen.«

Ein Vordersatz, an welchen die Tulpenschule, die unverträglichste aller Schulen, den Schluß knüpfte:

»Je schöner die Blume ist, desto mehr beleidigt man Gott durch ihre Verachtung.«

»Die Tulpe ist die schönste aller Blumen.«

»Wer die Tulpe verachtet, beleidigt Gott also über alle Maßen.«

Eine Schlußfolge, vermittelst der, wie man sieht, bei einigem bösen Willen die vier- oder fünftausend Tulpenzüchter in Holland, Frankreich und Portugal, gar nicht zu reden von denen auf Ceylon, in Indien und China, mehrere hundert Millionen gegen die Tulpe gleichgiltige Menschen hätten für außerhalb des Gesetzes stehend und für Schismatiker erklären können.

Es ist unzweifelhaft, daß für einen solchen Fall Boxtel, ein so grimmiger Feind van Baerles er auch war, mit ihm unter derselben Fahne marschiert wäre.

Van Baerle erzielte also so zahlreiche Erfolge und machte soviel von sich reden, daß Boxtel seitdem für immer von der Liste der berühmten Tulpenzüchter verschwand, und die Tulpenzucht Hollands von Cornelius van Baerle, dem bescheidenen und harmlosen Gelehrten vertreten wurde.

So treibt der Pfropfreis von dem niedrigsten Zweige die stolzesten Schößlinge und läßt die Heckenrose mit vier farblosen Blättern die riesenhafte und duftende Rose aus sich hervorsprossen. So sind die königlichen Häuser oft aus der Hütte eines Holzhauers oder eines Fischers hervorgegangen.

Ganz mit Züchten, Pflanzen und Ernten beschäftigt, ahnte der von der ganzen Tulpenwelt Europas geliebkoste van Baerle nicht einmal, daß ein entthronter Unglücklicher, den er verdrängt hatte, neben ihm wohnte. Er setzte seine Versuche und folglich seine Siege fort und bedeckte in zwei Jahren seine Rabatten mit so wunderbaren Exemplaren, wie etwas Ähnliches mit Ausnahme von Shakespeare und Rubens wohl nie ein Mensch nächst Gott geschaffen hat.

Auch mußte man, um sich eine Vorstellung von einem von Dante vergessenen Verdammten zu machen, Boxtel während dieser Zeit sehen. Während van Baerle seine Rabatten von Unkraut reinigte, verschönerte, begoß; während er auf der Raseneinfassung knieend jede Ader der blühenden Tulpe genau untersuchte und die Veränderungen, die man damit vornehmen könnte, sowie die Farbenmischungen, die sich dabei versuchen ließen, überlegte, folgte Boxtel, hinter einer Platane versteckt, die er an der Mauer gepflanzt hatte und die er als Schirm zu benutzen pflegte, mit hervorgetriebenen Augen und schäumendem Munde jedem Schritte, jeder Bewegung seines Nachbars, und wenn er ihn fröhlich zu sehen glaubte, wenn er ein Lächeln auf seinen Lippen, einen Glücksstrahl in seinen Augen ertappte, dann sandte er ihnen so viele Flüche, so viele wütende Drohungen zu, daß man nicht begriff, wie diese von Neid und Zorn verpesteten Atemzüge nicht in die Blumenstengel einziehen und Todeskeime hineinlegen sollten.

Sobald das Böse einmal die menschliche Seele beherrscht, so macht es schnelle Fortschritte darin, und bald war Boxtel nicht mehr zufrieden damit, van Baerle zu sehen. Er wollte auch seine Blumen sehen; er war Künstler durch und durch, und das Meisterwerk eines Rivalen lag ihm am Herzen.

Er kaufte ein Fernrohr, vermittelst dessen er, ebenso wie der Besitzer selbst jedem Wechsel der Blume folgen konnte, von dem Augenblicke an wo ihr erster blasser Jahrestrieb aus der Erde hervorsproßt, bis zu dem, wo sie nach ihrer fünfjährigen Periode ihren edelen und anmutigen Cylinder abrundet, auf dem die unbestimmte Farbenmischung hervortritt und sich die Blätter der Blume entfalten, die jetzt erst die geheimen Schätze ihres Kelches enthüllt.

Ach, wie oft sah der unglückliche Neider, auf seiner Leiter sitzend, auf den Rabatten van Baerles Tulpen, die ihn durch ihre Schönheit blendeten und ihre Vollkommenheit erstickten!

Und wenn dann die Bewunderung, die er nicht unterdrücken konnte, vorüber war, befiel ihn das Fieber des Neides, dieses Leiden, das die Brust zerfleischt und das Herz in eine Myriade kleiner Schlangen verwandelt, die einander verschlingen, diese gräßliche Quelle furchtbarer Schmerzen.

Wie oft fühlte sich Boxtel unter diesen Qualen, von denen keine Schilderung eine Vorstellung zu geben vermag, des Nachts versucht, in den Garten hinüberzuspringen, die Pflanzen zu vernichten, die Zwiebeln mit den Zähnen zu zerreißen und selbst den Eigentümer seinem Zorne zu opfern, wenn er seine Tulpen zu verteidigen wagte.

Aber eine Tulpe vernichten ist in den Augen eines Gärtners ein so furchtbares Verbrechen!

Einen Menschen töten geht noch an.

Aber dank den Fortschritten, die van Baerle in der Wissenschaft, welche er instinktmäßig zu erraten schien, von Tage zu Tage machte, geriet Boxtel in einen solchen Wutparoxysmus, daß er daran dachte, Steine und Knüppel in die Beete seines Nachbars zu werfen.

Als er jedoch überlegte, daß van Baerle es am nächsten Tage beim Anblicke der Verwüstung erfahren, daß man alsdann feststellen würde, die Straße wäre weit entfernt, Steine und Knüppel fielen im siebzehnten Jahrhundert nicht mehr wie zur Zeit der Amalekiten vom Himmel, der Thäter des Verbrechens würde, obgleich er es des Nachts begangen hätte, entdeckt und nicht allein nach dem Gesetze bestraft werden, sondern auch in den Augen der ganzen europäischen Tulpenwelt für immer entehrt sein; so erhöhte Boxtel den Haß noch durch Tücke und beschloß ein Mittel anzuwenden, das ihn nicht bloßstellte.

Lange suchte er allerdings, aber endlich fand er.

Eines Abends band er zwei Katzen, jede mit einer Hinterpfote an einen zehn Fuß langen Faden zusammen und warf sie oben von der Mauer mitten auf die Hauptrabatte, auf die fürstliche, die königliche Rabatte, die nicht bloß die Cornelius von Witt enthielt, sondern auch die Brabanterin, weiß wie Milch, rot und purpurfarbig; die Marmortulpe von Rotterdam, grau wie hin- und herwogender Flachs, rot und von glänzendem Blaßrot; die »Wunderblume« von Harlem; die dunkelrote und die matthelle Columbinentulpe.

Durch den Fall von der Mauer wild gemacht, stürzten sich die Tiere zuerst auf die Rabatte und versuchten jede nach ihrer Seite zu entfliehen, bis der zwischen ihnen straff angezogene Faden sie zurückhielt. Aber als sie nun die Unmöglichkeit weiter zu kommen merkten, sprangen sie mit schrecklichem Miauen bald hierhin, bald dorthin und rissen mit ihrer Schnur die Blumen, zwischen denen sie sich umhertummelten, nach allen Seiten um. Erst als es ihnen nach einer Viertelstunde erbitterten Kampfes gelungen war den Faden, der sie festhielt, zu zerreißen, verschwanden sie.

Hinter seiner Platane versteckt, sah Boxtel zwar wegen der Dunkelheit der Nacht nichts, aber nach dem wütenden Geschrei der beiden Katzen vermutete er alles, und sein von Galle schwellendes Herz wurde von Freude erfüllt.

Das Verlangen, sich von der angestifteten Verheerung zu überzeugen, war in Boxtels Herzen so groß, daß er bis zum Tagesanbruche ausharrte, um sich mit eigenen Augen an dem Zustande zu weiden, in welchen der Kampf der beiden Kater die Rabatten seines Nachbars versetzt hatte.

In dem Morgennebel fror er furchtbar, aber er fühlte die Kälte nicht; die Hoffnung auf Rache hielt ihn warm.

Der Schmerz seines Nebenbuhlers sollte ihn für alle Mühseligkeiten entschädigen.

Bei den ersten Strahlen der Sonne öffnete sich die Thür des weißen Hauses. Van Baerle erschien und ging, lächelnd wie ein Mann, der die Nacht in seinem Bette zugebracht und angenehme Träume gehabt hat, auf seine Rabatten zu.

Plötzlich bemerkt er auf dem Boden, der den Tag vorher ebener als ein Spiegel gewesen war, Furchen und Sandaufwürfe; plötzlich bemerkt er, wie die sonst so regelmäßigen Reihen seiner Tulpen den Spießen eines Bataillones glichen, unter das eine Bombe gefallen.

Erblassend eilt er hin.

Boxtel bebte vor Freude. Fünfzehn oder zwanzig zerschlitzte oder ausgerissene Tulpen lagen teils auf die Seite gebeugt, teils völlig umgebrochen und schon halb welk da; der Saft floß aus ihren Wunden, dieses kostbare Blut, für das van Baerle gern sein eigenes dahingegeben hätte.

Aber welche Überraschung, welche Freude van Baerles! welcher unaussprechliche Schmerz Boxtels! nicht eine einzige der vier von dem Attentate des letzteren bedrohten Tulpen war angetastet worden. Stolz erhoben sie ihre edelen Häupter über die Leichen ihrer Gefährten. Dies genügte, um van Baerle zu trösten, dies genügte, um den Mörder vor Herzeleid vergehen zu lassen, der sich beim Anblick seiner begangenen und unnütz begangenen Unthat die Haare ausraufte.

Van Baerle, der das Unglück, welches ihn betroffen hatte, ein Unglück, das übrigens, Gottlob! geringer war, als es hätte sein können, van Baerle vermochte den Grund nicht zu ahnen. Er erkundigte sich nur und erfuhr, daß die ganze Nacht von einem schrecklichen Miauen gestört worden wäre. Außerdem erkannte er das Wühlen der Katzen an der zurückgelassenen Spur ihrer Krallen und an den auf dem Schlachtfelde liegen gebliebenen Haaren. Teilnahmlos wie auf den Blättern einer gebrochenen Blume zitterten auf ihm die Thautropfen. Um zu vermeiden, daß sich künftig ein ähnliches Unglück wiederholte, befahl er, daß jede Nacht ein Gärtnerbursche in einem Wächterhäuschen in der Nähe der Rabatten schlafen sollte.

Boxtel vernahm den Befehl. Er sah, wie das Wächterhäuschen noch an demselben Tage aufgerichtet wurde, und allzu glücklich darüber, daß ihn kein Verdacht getroffen hatte, und nur noch aufgebrachter als je gegen den glücklichen Gärtner, wartete er bessere Gelegenheiten ab.

Um jene Zeit setzte die Harlemer Tulpengesellschaft einen Preis auf die Entdeckung, wir wagen nicht auf die Hervorbringung der vollkommen schwarzen Tulpe zu sagen, eines noch nicht gelösten und damals noch für unlösbar gehaltenen Problems, wenn man berücksichtigt, daß sich zu dieser Zeit die Gattung in der Natur noch nicht einmal in nußbraunem Zustande vorfand.

Deshalb sagte jeder, die Stifter des Preises hätten ebensogut zwei Millionen Franken statt der hunderttausend aussetzen können, da die Sache unmöglich wäre.

Nichtsdestoweniger wurde die Tulpenwelt in furchtbarste Aufregung versetzt.

Einige Liebhaber machten sich zwar mit dem Gedanken vertraut, ohne jedoch Versuche zu seiner Ausführung anzustellen; aber derart ist einmal die Einbildungskraft der Gartenfreunde, daß sie, obgleich sie ihre Spekulation von vornherein als verfehlt betrachteten, sofort nur noch an diese schwarze Tulpe dachten, die als ein eben solches Traumbild galt wie der schwarze Schwan des Horaz und die weiße Amsel der französischen Sage.

Van Baerle gehörte zu der Zahl jener Tulpenfreunde, die sich mit dem Gedanken vertraut machten; Boxtel zu der Zahl derjenigen, die an die Spekulation dachten. Von dem Augenblicke an, wo sich van Baerle in seinem scharfsinnigen und geistvollen Kopfe mit dieser Aufgabe unaufhörlich beschäftigte, legte er langsam die Samenbeete an und traf die nötigen Vorbereitungen, um die Tulpen, die er bis dahin gezogen hatte, von rot zu braun und von braun zu dunkelbraun hinüberzuführen.

Im nächsten Jahre erzielte er Blumen von einem vollkommenen Nußbraun, und Boxtel gewahrte sie auf dessen Beete, als er selbst erst hellbraun gezogen hatte.

Vielleicht wäre es wichtig, den Lesern die schönen Theorien zu erklären, welche zum Beweise dienen, daß die Tulpe den Stoffen ihre Farben entlehnt; vielleicht wüßte man uns für die Nachweisung Dank, daß dem Gärtner, der durch seine Geduld und sein Genie das Feuer der Sonne, die Reinheit des Wassers, die Säfte der Erde und das Wehen der Luft benutzt, nichts unmöglich ist. Aber wir sind willens nicht eine Abhandlung über die Tulpe im Allgemeinen, sondern die Geschichte einer besonderen Tulpe zu schreiben; wir wollen uns darauf beschränken, so anziehend auch die Reize des dem unserigen beigefügten Stoffes sein mögen.

Wieder durch die Überlegenheit seines Feindes besiegt, verlor Boxtel die Lust an der eigenen Kultur und ergab sich nun ganz der Beobachtung.

Das Haus seines Nebenbuhlers gestattete den Einblick. Der Garten lag der Sonne, Zimmer mit Glaswänden lagen dem Blicke offen da. Das Fernrohr konnte leicht zu Fachschränken, Spinden, Kästen und Etiketten dringen. Boxtel ließ die Zwiebeln auf den Beeten verfaulen, die Samengehäuse in ihren Fächern vertrocknen, die Tulpen auf den Rabatten eingehen, und da er sein Leben von nun an nur noch zum Sehen verwandte, so beschäftigte er sich nur mit dem, was bei van Baerle vorging, atmete durch den Stengel seiner Tulpen, löschte seinen Durst durch das Wasser, mit dem man sie begoß und sättigte sich von der weichen und feinen Erde, die der Nachbar über seine lieben Zwiebeln breitete. Aber die wichtigste Arbeit wurde nicht im Garten vorgenommen.

Sobald es ein Uhr, ein Uhr nachts, schlug, stieg van Baerle in sein Laboratorium, in das Arbeitszimmer mit der Glaswand hinauf, in welches das Fernrohr Boxtels so gut drang, und wenn das Licht des Gelehrten die Wände und Fenster erleuchtet hatten, sah Boxtel das erfinderische Genie seines Nebenbuhlers sich entfalten.

Er sah, wie van Baerle die Samenkörner auslas und sie mit den zu ihrer Veränderung oder Färbung bestimmten Substanzen begoß; sah, wie derselbe gewisse von diesen Samenkörnern erwärmte, einige befeuchtete, dann wieder einige mit anderen durch eine Art Pfropfreis in Verbindung brachte, eine höchst minutiöse und außerordentlich geschickte Arbeit, und erriet, wenn er diejenigen, welche die schwarze Farbe geben sollten, in das Dunkle schloß, diejenigen, welche die rote Farbe geben sollten, dem Sonnenlichte oder dem Lampenscheine aussetzte, und diejenigen, welche das Weiß, das reine Bild des feuchten Elementes, liefern sollten, in den beständigen Reflex des Wasserspiegels brachte.

Diese unschuldige Zauberei, ein Zug der kindlichen Träumerei und zugleich des männlichen Genies, diese geduldige, beständige Arbeit, deren sich Boxtel als unfähig bekannte, brachte es dahin, daß der Neidische sein ganzes Denken, seine ganze Hoffnung in sein Fernrohr verlegte.

Seltsam! So großes Interesse und eigene Kunstliebe hatten bei Isaak nicht den wilden Neid, den Rachedurst vernichtet. Wenn er sein Fernrohr auf van Baerle gerichtet hatte, bildete er sich manchmal ein, daß er mit einer sicher treffenden Muskete auf ihn anlegte, und suchte dann mit dem Finger nach dem Drücker, um den Schuß, der ihn töten sollte, abzufeuern. Aber es ist Zeit, daß wir mit dieser Periode der Arbeiten des Einen und der Spionage des Andern den Besuch, welchen der Deichhauptmann Cornelius von Witt seiner Geburtsstadt abstattete, in Verbindung bringen.

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