Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alexandre Dumas (der Ältere) >

Die schwarze Tulpe

Alexandre Dumas (der Ältere): Die schwarze Tulpe - Kapitel 5
Quellenangabe
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie schwarze Tulpe
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorH. Meerholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160922
projectid373613d8
Schließen

Navigation:

4.
Die Schlächterbande

Stets von seinem großen Hute beschattet, stets auf den Arm des Offiziers gestützt, stets sich die Stirn und seine Lippen mit seinem Taschentuche abwischend, stand der junge Mann einsam und regungslos in einer Ecke des Buytenhoffes, im Schatten eines über eine Bude herabhängenden Schutzdaches verloren da und betrachtete das Schauspiel, das ihm dieser wütende Pöbel gab und das seiner Entwickelung entgegenzugehen schien.

»O,« sagte er zu dem Offizier, »ich glaube, Sie hatten Recht, van Deken, und der Befehl, den die Herren Abgeordneten unterzeichneten, war der wirkliche Todesbefehl des Herrn Cornelius. Hören Sie dieses Volk? Es hat gegen die Herren von Witt jedenfalls eine sehr schlechte Gesinnung.«

»Ich habe wahrhaftig solches Geschrei nie gehört,« sagte der Offizier.

»Sie scheinen mir das Gefängnis unseres Mannes gefunden zu haben. Wie, gehörte jenes Fenster nicht zu dem Zimmer, in dem Cornelius eingesperrt war?«

Wirklich ergriff ein Mann das eiserne Gitter vor dem Kerker des Herrn Cornelius, den dieser erst vor zehn Minuten verlassen hatte, mit vollen Händen und schüttelte es heftig.

»Er ist nicht mehr da!« rief dieser Mann.

»Wie, er ist nicht mehr da?« riefen von der Straße die herauf, welche als die zuletzt Angekommenen nicht mehr in das von Menschen wimmelnde Gefängnis gelangen konnten.

»Nein, nein!« wiederholte der wütende Mann, »er ist nicht mehr da, er muß sich gerettet haben.«

»Was sagt dieser Mann da?« fragte die Hoheit erblassend.

»O, gnädiger Herr, er verkündet eine Nachricht, die zu glücklich sein würde, wenn sie wahr wäre.«

»Ja wohl, sicherlich würde es eine sehr glückliche Nachricht sein, wenn sie wahr wäre,« sagte der junge Mann; »leider kann sie nicht wahr sein.«

»Überzeugen Sie sich indessen selbst,« versetzte der Offizier.

Wirklich zeigten sich noch andere wütende Gesichter, außer sich vor Zorn, an den Fenstern und riefen:

»Gerettet, entwischt, sie haben ihn entfliehen lassen!«

Und das auf der Straße gebliebene Volk wiederholte unter schrecklichen Flüchen: »Gerettet, entwischt! Wir wollen ihnen nachlaufen und sie verfolgen!«

»Gnädiger Herr,« sagte der Offizier, »Herr Cornelius von Witt scheint wirklich gerettet zu sein.«

»Ja, aus dem Gefängnis vielleicht,« erwiderte dieser, »aber nicht aus der Stadt; Sie sollen sehen, van Deken, daß der arme Mann das Thor, das er offen glaubte, geschlossen findet.«

»So ist der Befehl, die Stadtthore zu schließen, also erteilt worden, gnädiger Herr?«

»Nein, ich glaube nicht; wer sollte diesen Befehl gegeben haben?«

»Was bringt Sie dann auf diese Vermutung?«

»Es giebt Verhängnisse,« entgegnete die Hoheit kalt, »und die größten Männer sind bisweilen als die Opfer solcher Verhängnisse gefallen.«

Der Offizier fühlte, wie ihm bei diesen Worten ein Schauder durch die Adern lief, denn er verstand, daß der Gefangene so oder so verloren war.

In diesem Augenblick brach das Gebrüll der Menge donnerartig los, denn sie hatte den Nachweis erhalten, daß Cornelius von Witt nicht mehr im Gefängnisse war.

Wirklich hatten Cornelius und Johann, nachdem sie den Fischteich entlang gefahren waren, die große Straße erreicht, welche nach Tol-Hek führt, wobei sie den Kutscher ermahnten die Pferde langsam schreiten zu lassen, damit die Vorbeifahrt der Kutsche keinen Verdacht erregte.

Aber als er die Mitte dieser Straße erreicht hatte, als er von fern das Gatter erblickte, als er sich sagte, daß er Gefängnis und Tod hinter sich ließ und Leben und Freiheit vor sich hatte, versäumte der Kutscher jede Vorsicht und fuhr in Galopp weiter.

Plötzlich hielt er an.

»Was giebt es?« fragte Johann, indem er sich aus dem Wagenfenster hinauslehnte.

»O gnädiger Herr ...« rief der Kutscher.

Der Schrecken erstickte die Stimme des braven Mannes.

»Mache ein Ende, sprich weiter,« befahl der Großpensionär.

»Das Gatter ist geschlossen.«

»Wie? das Gatter ist geschlossen! Man pflegt doch sonst das Gatter am Tage nicht zu schließen.«

»Überzeugen Sie sich selbst.«

Johann von Witt beugte sich noch weiter aus dem Wagen und sah wirklich das Gatter geschlossen.

»Fahre ruhig weiter,« befahl Johann, »ich habe die Erlaubnis zum freien Ein- und Ausgang bei mir, der Pförtner wird öffnen.«

Der Wagen setzte sich wieder in Bewegung, aber man merkte, daß der Kutscher seine Pferde nicht mehr mit derselben Zuversicht antrieb.

Als er seinen Kopf wieder in den Wagen zurückzog, war Johann von Witt von einem Brauer, der sich verspätet hatte und gerade seine Thür schloß, um sich zu seinen Kameraden auf dem Buytenhoff zu gesellen, gesehen und erkannt worden.

Er stieß einen Schrei der Überraschung aus und eilte zwei anderen Männern, die vor ihm herliefen, nach.

Nach hundert Schritten holte er sie ein und sprach mit ihnen. Die drei Männer machten Halt und sahen zu, wie sich der Wagen entfernte, wußten aber doch nicht genau, wen er enthielt.

Inzwischen langte der Wagen am Tol-Hek an.

»Öffnet!« rief der Kutscher.

»Öffnen?« versetzte der Pförtner, der auf der Schwelle seines Hauses erschien, »öffnen und womit?«

»Potztausend mit dem Schlüssel!« erwiderte der Kutscher.

»Mit dem Schlüssel, ja; aber dazu müßte man ihn haben.«

»Wie, Sie haben den Thorschlüssel nicht?« fragte der Kutscher.

»Nein.«

»Was haben Sie denn mit ihm angefangen?«

»Ei, man hat ihn mir genommen.«

»Wer denn?«

»Vermutlich jemand, dem daran lag, daß niemand aus der Stadt kommt.«

»Mein Freund,« sagte der Großpensionär, der zum Fenster hinaussah und alles gegen alles aufs Spiel setzte, »mein Freund, die Bitte geschieht für mich, Johann von Witt, und meinen Bruder, den ich in die Verbannung führe.«

»O, Herr von Witt, ich bin in Verzweiflung,« sagte der Pförtner und eilte an den Wagen, »aber der Schlüssel ist mir wahrhaftig abgenommen.«

»Wann?«

»Heute morgen.«

»Von wem?«

»Von einem blassen und mageren jungen Manne von zweiundzwanzig Jahren.«

»Und weshalb haben Sie ihm denselben gegeben?«

»Weil er einen unterzeichneten und untersiegelten Befehl hatte.«

»Von wem?«

»Von den Herrn im Stadthause.«

»Dann scheinen wir allerdings sicher verloren zu sein,« sagte Cornelius ruhig.

»Weißt du, ob dieselbe Maßregel überall ergriffen ist?«

»Ich kann es nicht sagen.«

»Vorwärts dann,« sagte Johann zum Kutscher, »Gott hat dem Menschen befohlen, alles was in seinen Kräften steht, zur Erhaltung seines Lebens zu thun; suche ein anderes Thor zu erreichen.«

Während der Kutscher umlenkte, sagte Johann dann zum Pförtner:

»Dank für deinen guten Willen; die Absicht muß für die That gelten; du hattest die Absicht uns zu retten, und in den Augen des Herrn ist es so viel, als wäre es dir gelungen.«

»Ach,« sagte der Pförtner, »sehen Sie nur dort unten!«

»Fahre im Galopp mitten durch die Schar hindurch,« rief Johann dem Kutscher zu, »und biege in die Straße linker Hand ein, es ist unsere einzige Hoffnung.«

Die Schar, von der Johann sprach, hatte die drei Männer, welche wir dem Wagen mit den Augen folgen sahen, zum Kern gehabt. Zu ihnen hatten sich, während Johann mit dem Pförtner unterhandelte, sieben oder acht andere Individuen gesellt.

Diese neuen Ankömmlinge hatten gegen die Kutsche offenbar feindliche Absichten.

Als sie die Pferde im schnellsten Galopp auf sich zueilen sahen, stellten sie sich auch quer über die Straße, schwenkten ihre mit Stöcken bewaffneten Arme hin und her und riefen: »Halt, halt!«

Seinerseits beugte sich der Kutscher vornüber und peitschte unaufhörlich los.

Endlich trafen der Wagen und die Menschen zusammen.

Eingeschlossen wie sie in ihrer Kutsche waren, vermochten die Brüder von Witt nichts zu sehen. Aber sie merkten, daß die Pferde sich bäumten, und empfanden darauf eine heftige Erschütterung. Einen Augenblick entstand in dem ganzen rollenden Fuhrwerke eine schwankende und zitternde Bewegung, dann jagte es von neuem weiter, fuhr über etwas Weiches und Geschmeidiges, das der Körper eines hingefallenen Menschen zu sein schien, und entfernte sich unter gräßlichen Schmähungen.

»O!« sagte Cornelius, »ich fürchte, wir haben ein Unglück angerichtet.«

»Im Galopp, im Galopp!« rief Johann.

Aber trotz dieses Befehles hielt der Kutscher plötzlich.

»Was giebt es?« fragte Johann.

»Sehen Sie nur!« sagte der Kutscher.

Johann blickte hin.

Der ganze Pöbel vom Buytenhoff erschien hinten in der Straße, durch welche der Wagen fahren mußte und kam heulend und schnell wie der Wind näher.

»Halte an und rette dich,« sagte Johann zum Kutscher; »es ist unnütz weiter zu fahren; wir sind verloren.«

»Da sind sie, da sind sie!« schrien fünfhundert Stimmen auf einmal.

»Ja, da sind sie, die Verräter, die Totschläger, die Mörder!« antworteten den Heranstürmenden die Nachsetzenden, die den toten Körper eines ihrer Kameraden, welcher bei dem Versuche, den Pferden in die Zügel zu fallen, von ihnen niedergetreten war, in ihren Armen hielten.

Über ihn war der Wagen, wie die beiden Brüder gefühlt hatten, fortgefahren.

Der Kutscher hielt still; aber trotz dringender Bitte, die sein Herr an ihn richtete, wollte er sich nicht retten.

Einen Augenblick lang war die Kutsche das Ziel der von beiden Seiten her Heranrückenden.

Einen Augenblick lang beherrschte sie diese ganze erregte Menge wie eine schwankende Insel.

Mit einemmale stand die schwankende Insel bewegungslos da. Ein Schmied hatte eines der beiden Pferde mit einem Hammerschlage getötet, daß es zusammenbrach.

In diesem Augenblicke öffnete sich halb der Laden eines Fensters und man konnte sehen, wie sich das leichenblasse Gesicht und die düsteren Augen des jungen Mannes nach dem Schauspiele, das sich vorbereitete, richteten.

Hinter ihm erschien der Kopf des Offiziers fast ebenso bleich wie der seinige.

»O, mein Gott, mein Gott, gnädiger Herr, was wird hier vorgehen?« murmelte der Offizier.

»Sicherlich etwas Schreckliches!« erwiderte dieser.

»O, sehen Sie nur, gnädiger Herr, sie ziehen den Großpensionär aus dem Wagen, sie schlagen ihn, sie zerreißen ihn.«

»Wahrhaftig, diese Leute müssen außerordentlich aufgebracht sein,« erwiderte der junge Mann mit demselben leidenschaftslosen Tone, den er bis dahin beibehalten hatte.

»Und jetzt reißen sie auch Cornelius aus der Kutsche, Cornelius, schon von der Folter ganz zerquetscht und verstümmelt. O, sehen Sie nur, sehen Sie nur!«

»Ja, wahrhaftig, es ist der Cornelius.«

Der Offizier stieß einen schwachen Schrei aus und wandte den Kopf ab.

Der Grund war, weil der Deichhauptmann schon auf der untersten Stufe des Wagentritts, ehe er noch die Erde berührte, einen Schlag mit einer eisernen Stange erhalten hatte, der ihm den Kopf zerschmetterte.

Er erhob sich zwar wieder, aber nur um zugleich zurückzusinken.

Darauf ergriffen ihn Männer an den Füßen und zogen ihn quer durch die Menge, in der man die blutige Spur verfolgen konnte, bis sie sich unter dem schadenfrohen Jubelrufe wieder schloß.

Der junge Mann wurde noch blässer, was man für unmöglich gehalten hätte, und schloß einen Augenblick die Augen.

Der Offizier bemerkte diese mitleidige Regung, die erste, die sein ernster Gefährte zu erkennen gegeben hatte, und da er diese weiche Stimmung seiner Seele benutzen wollte, sagte er:

»Kommen Sie, kommen Sie, gnädiger Herr, denn dort wird man auch noch den Großpensionär ermorden.«

Aber der junge Mann hatte die Augen schon wieder aufgemacht.

»Wahrhaftig,« sagte er, »dieses Volk ist unversöhnlich. Man thut nicht gut daran, wenn man es verrät.«

»Gnädiger Herr,« sagte der Offizier, »sollte man diesen armen Mann, der Ew. Hoheit erzogen hat, nicht retten können? Giebt es ein Mittel, so sagen Sie es, und sollte ich mein Leben dabei verlieren, so ...«

Wilhelm von Oranien, denn er war es, runzelte seine Stirne finster, ein Blitz unheimlicher Wut funkelte auf einen kurzen Augenblick in seinen Augen, und dann erwiderte er:

»Oberst van Deken, suchen Sie gefälligst meine Truppen auf, damit sie sich für jedes Vorkommnis bereit halten.«

»Aber soll ich Sie, gnädiger Herr, diesen Mördern gegenüber allein lassen?«

»Beunruhigen Sie sich um meinetwillen nicht mehr, als ich mich selbst beunruhige,« versetzte der Prinz barsch. »Gehen Sie.«

Der Offizier begab sich mit einer Schnelligkeit fort, die weit weniger seinen Gehorsam, als seine Freude darüber zu erkennen gab, daß er nicht der abscheulichen Ermordung des zweiten der Brüder beizuwohnen brauchte.

Er hatte die Zimmerthür noch nicht geschlossen, als Johann, dem es durch eine äußerste Anstrengung die Vortreppe eines dem Zimmer, in welchem sich sein Zögling verborgen hielt, gegenüberliegenden Hauses zu ersteigen gelungen war, unter den Schlägen, mit denen man von zehn Seiten auf ihn eindrang, zu taumeln begann und rief:

»Mein Bruder, wo ist mein Bruder?«

Einer dieser Wütenden schlug ihm mit einem Faustschlage den Hut ab.

Ein anderer zeigte ihm das Blut, das seine Hände färbte. Dieser Unhold hatte Cornelius den Bauch aufgeschlitzt und eilte nun herbei, um nicht die Gelegenheit zu verlieren, auch den Großpensionär so zu morden, während man den Leichnam des bereits Getöteten nach dem Galgen schleppte.

Johann stieß einen schmerzlichen Seufzer aus und legte eine seiner Hände über die Augen.

»Haha! du schließest die Augen,« sagte einer von den Soldaten der Bürgerwehr, »nun wart, ich werde sie dir ausstechen!«

Und er stieß ihm mit der Lanze ins Gesicht, daß das Blut weit herausspritzte.

»Mein Bruder!« rief von Witt, indem er durch das Blut, das ihn blendete, zu sehen versuchte, was aus seinem Bruder geworden war, »mein Bruder!«

»Fahre zu ihm!« heulte ein anderer Mörder, der ihm seine Muskete an den Schlaf legte und losdrückte.

Aber der Schuß ging nicht los.

Nun kehrte der Mörder seine Waffe um, ergriff sie mit beiden Händen am Laufe und schlug Johann von Witt mit einem Kolbenschlage nieder.

Johann von Witt wankte und fiel vor seinen Füßen nieder.

Aber dann raffte er sich noch einmal empor und rief: »Mein Bruder!« mit einer so schmerzlichen Stimme, daß der junge Mann den Fensterladen vorzog.

Außerdem blieb nur noch wenig zu sehen, denn mit einem Pistolenschusse, der diesmal losging und ihm den Schädel zerschmetterte, streckte ihn ein dritter Mörder nieder.

Johann von Witt fiel, um sich nicht mehr zu erheben.

Durch diesen Fall kühn gemacht, wollte nun jeder dieser Elenden sein Gewehr gegen den Leichnam abschießen. Jeder wollte ihm einen Schlag mit einem Hammer oder Schwerte, einen Stoß mit einem Messer geben, jeder ihm einen Tropfen Blut entlocken, einen Fetzen von seinen Kleidern reißen.

Als sie dann beide ganz tot, ganz zerrissen, ganz ausgeplündert sahen, schleppte der Pöbel sie nackt und blutig zu einem improvisierten Galgen, an dem Henker aus Liebhaberei sie an den Beinen aufhingen.

Nun rückten die feigsten heran. Nachdem sie das lebende Fleisch nicht zu berühren gewagt hatten, schnitten sie das tote Fleisch in Fetzen und verkauften in der Stadt darauf kleine Stückchen von Johann und Cornelius zu zehn Sous.

Wir können nicht sagen, ob der junge Mann durch die fast unwahrnehmbare Spalte der Fensteröffnung das Ende dieses schrecklichen Auftrittes mit ansah, aber in dem Augenblicke, wo man die beiden Märtyrer an den Galgen hängte, schritt er durch die Menge, die ihre lustige Beschäftigung mit einem solchen Eifer betrieb, daß sie sich um ihn gar nicht bekümmerte, und gelangte düster und verschlossen nach dem Tol-Hek.

»Ach, mein Herr,« rief der Pförtner, »bringen Sie mir den Schlüssel wieder?«

»Ja, mein Freund, da ist er,« erwiderte der junge Mann.

»O, was für ein großes Unglück, daß Sie mir nicht den Schlüssel schon eine halbe Stunde früher gebracht haben,« sagte der Pförtner seufzend.

»Und weshalb?« fragte der junge Mann.

»Weil ich den Herren von Witt hätte öffnen können, während sie jetzt, da sie das Thor geschlossen fanden, umkehren mußten. Sie sind mitten unter ihre Verfolger gefallen.«

»Das Thor auf!« rief eine Stimme, die einem Menschen anzugehören schien, der sich in Eile befand.

Der Prinz drehte sich um und erkannte den Oberst van Deken.

»Sie sind es, Oberst?« sagte er. »Sie haben Haag noch nicht verlassen? Das heißt meinen Befehl langsam ausführen.«

»Gnädiger Herr,« entgegnete der Oberst, »das ist bereits das dritte Thor, an dem ich mich zeige, die beiden anderen fand ich geschlossen.«

»Nun, so wird uns dieser brave Mann dieses öffnen. – Öffne, mein Freund,« sagte der Prinz zu dem Portier, der bei dem Titel gnädiger Herr, welchen der Oberst van Deken diesem blassen jungen Mann, mit dem er ebenso vertraut gesprochen, beigelegt hatte, in die größte Verwunderung geraten war.

Um sein Versehen wieder gut zu machen, beeilte er sich auch, den Tol-Hek, der sich kreischend um seine Angeln drehte, zu öffnen.

»Wollen Sie mein Pferd, gnädiger Herr?« fragte der Oberst Wilhelm.

»Besten Dank, Oberst; einige Schritte von hier muß mich ein Gaul erwarten.«

Und eine goldene Pfeife aus seiner Tasche nehmend, entlockte er diesem Instrumente, das zu jener Zeit zur Herbeirufung der Dienerschaft diente, einen gellenden und lang anhaltenden Ton, bei dessen Klange ein berittener Stallmeister herbeieilte, der ein zweites Pferd am Zügel hielt.

Ohne sich des Steigbügels zu bedienen, sprang Wilhelm auf das Pferd, gab ihm beide Sporen und sprengte nach der Straße, die nach Leyden führt.

Als er sie erreicht hatte, kehrte er sich um.

Der Oberst folgte ihm in Pferdelänge.

Der Prinz winkte ihm an seiner Seite zu reiten.

»Wissen Sie,« sagte er ohne Halt zu machen, »daß diese Schufte Herrn Johann von Witt ebenso wie vorher seinen Bruder Cornelius getötet haben?«

»Ach, gnädiger Herr,« entgegnete der Oberst traurig, »um Ihretwillen würde ich es lieber sehen, wenn Sie noch diese beiden Hindernisse zu übersteigen hätten, um thatsächlich Statthalter zu werden.«

»Sicherlich wäre es besser,« erwiderte der junge Mann, »wäre das Vorgefallene nicht vorgefallen. Aber geschehen ist einmal geschehen, wir tragen die Schuld nicht daran. Wir wollen schnell reiten, damit wir noch vor der Botschaft, welche die Stände mir gewiß ins Lager schicken werden, in Alphen ankommen.«

Der Oberst verneigte sich, ließ seinen Prinzen vorausreiten und nahm seinen Platz wieder wie vor ihrer Unterredung hinter ihm ein.

»Ach,« murmelte Wilhelm von Oranien boshaft, indem er die Stirn runzelte, seine Lippen zusammenpreßte und seine Sporen tief in den Bauch seines Pferdes grub, »ich möchte wohl das Gesicht sehen, das Ludwig die Sonne machen wird, wenn er hört, wie man seine Freunde, die Herren von Witt behandelt hat. O, du Sonne, Sonne, wie ich mich Wilhelm der Schweigsame nenne. Sonne, nimm deine Strahlen in Acht!«

Und vorwärts sprengte er auf seinem guten Pferde, dieser junge Prinz, der erbitterte Nebenbuhler des großen Königs, dieser am Tage vorher in seiner neuen Macht noch so wenig feste Statthalter, dem aber die Bürger Haags aus den Leichen der Brüder Johann und Cornelius, diesen beiden vor den Menschen und Gott so edeln Prinzen, einen Fußschemel bereitet hatten.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.