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Die schwarze Tulpe

Alexandre Dumas (der Ältere): Die schwarze Tulpe - Kapitel 34
Quellenangabe
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie schwarze Tulpe
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorH. Meerholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160922
projectid373613d8
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Schluß

Von vier Wachmannschaften begleitet, die sich einen Weg durch die Menge bahnten, suchte van Baerle in schräger Richtung nach der Tulpe durchzudringen, die er, je näher er kam, mit seinen Blicken verschlang.

Endlich sah er sie, die herrliche Blume, die unter unbekanntem Zusammentreffen von Wärme und Kälte, Schatten und Licht eines Tages erscheinen sollte, um dann für immer zu verschwinden. Er sah sie auf sechs Schritt vor sich. Er erfreute sich an ihren Vollkommenheiten und Schönheiten; er sah sie hinter den jungen Mädchen, die um diese Königin von Adel und Reinheit eine Ehrenwache bildeten. Und je mehr er sich mit seinen eigenen Augen von der Vollkommenheit der Blume überzeugte, desto mehr wurde dennoch sein Herz zerrissen. Er schaute alle um sich her prüfend an, um eine Frage an jemand zu richten, eine einzige Frage. Aber überall unbekannte Gesichter; überall die Aufmerksamkeit auf den Thron gerichtet, auf den sich der Statthalter niedergelassen hatte.

Wilhelm, der die allgemeine Aufmerksamkeit fesselte, erhob sich, ließ einen ruhigen Blick über die freudig erregte Menge schweifen, und sein durchdringendes Auge ruhte abwechselnd auf den drei äußersten Punkten eines Dreieckes, das ihm gegenüber von drei Personen gebildet wurde.

An der einen Ecke gewahrte man Boxtel, vor Ungeduld zitternd und mit gespanntester Aufmerksamkeit an dem Prinzen, den Gulden, der schwarzen Tulpe und der Versammlung hängend.

An der anderen Cornelius keuchend, stumm, dessen Blick, Leben, Herz, Liebe nur der schwarzen Tulpe, seiner Tochter, galt.

An der dritten endlich stand aus einer Estrade unter den Harlemer Jungfrauen eine schöne Friesin, in feine rote Wolle mit reicher Silberstickerei gekleidet und von Spitzen umhüllt, die von ihrer goldenen Haube herabwallten; kurz Rosa, die sich kraftlos und mit feuchtem Auge auf den Arm eines der Offiziere Wilhelms stützte.

Als Wilhelm nun sah, daß alle seine Zuhörer auf seinen Vortrag warteten, rollte er langsam das Pergament auseinander, und mit einer ruhigen, klaren, wenn auch schwachen Stimme, von der aber kein Ton bei dem ehrfurchtsvollen Schweigen, das sich plötzlich über die fünfzigtausend Zuschauer lagerte und ihren Atem auf ihren Lippen zurückhielt, verloren ging, sagte er:

»Sie wissen, zu welchem Zwecke wir hier vereint sind.«

»Ein Preis von hunderttausend Gulden ist dem, welcher die schwarze Tulpe entdecken würde, verheißen worden.«

»Die schwarze Tulpe! und dieses Wunder Hollands ist hier vor Ihren Augen ausgestellt; die schwarze Tulpe ist entdeckt und zwar unter allen von der Harlemer Gartengesellschaft in ihrer Bekanntmachung verlangten Bedingungen. Die Geschichte ihrer Entstehung und der Name dessen, der sie ins Leben gerufen hat, soll in das Ehrenbuch der Stadt eingetragen werden.«

»Der Eigentümer der schwarzen Tulpe möge vortreten!«

Als er diese Worte aussprach, ließ der Prinz, um die Wirkung, welche sie hervorbringen würden, zu beurteilen, seinen klaren Blick nach den drei äußersten Enden des Dreieckes hinüberschweifen.

Er sah Boxtel von seiner Estrade herabtreten.

Er sah, wie Cornelius eine unwillkürliche Bewegung machte.

Er sah endlich, wie der Offizier, der mit Rosas Überwachung beauftragt war, sie nach seinem Throne hinführte oder vielmehr hinschob.

Rechts und links vom Prinzen erschallte gleichzeitig ein doppelter Schrei.

Wie vom Blitze getroffen hatte Boxtel und ganz bestürzt Cornelius gerufen: »Rosa, Rosa!«

»Nicht wahr, diese Tulpe gehört Ihnen, junges Mädchen?« fragte der Prinz.

»Ja, gnädiger Herr!« stammelte Rosa, deren rührende Schönheit ein allgemeines Gemurmel begrüßt hatte.

»O,« murmelte Cornelius, »sie log also, als sie sagte, man hätte ihr diese Blume gestohlen. O, deshalb hatte sie also Löwenstein verlassen! O, von ihr vergessen und verraten, von ihr, die ich für meine beste Freundin hielt!«

»O!« seufzte Boxtel seinerseits, »ich bin verloren.«

»Diese Tulpe,« fuhr der Prinz fort, »soll deshalb den Namen des Entdeckers führen und in dem Blumenverzeichnisse als Tulipa nigra Rosa Baerlensis aufgeführt werden; Baerlensis wegen des Namens van Baerle, der von nun an der Frauenname dieses jungen Mädchens sein wird.«

Und zugleich ergriff Wilhelm die Hand Rosas und legte sie in die Hand eines Mannes, der sich blaß, außer sich, vor Freude wie vernichtet, vor dem Throne niedergeworfen hatte, der bald seinen Prinzen und seine Verlobte grüßte, bald seinem Gott dankte, der vom blauen Himmel herab lächelnd das Schauspiel der beiden glücklichen Herzen betrachtete.

Gleichzeitig stürzte zu den Füßen des Präsidenten van Systens ein anderer Mann, von einer ganz verschiedenen Regung ergriffen, nieder.

Unter dem Untergange seiner Hoffnungen vernichtet, war Boxtel ohnmächtig geworden.

Man hob ihn auf, man untersuchte seinen Puls und sein Herz; er war tot.

Dieser Unfall störte das Fest weiter nicht, da sich weder der Präsident noch der Prinz darum zu kümmern schien.

Entsetzt wich Cornelius zurück: in seinem Diebe, in seinem falschen Jakob hatte er den wahren Isaak Boxtel, seinen Nachbar erkannt, dem er in der Reinheit seiner Seele keinen einzigen Augenblick eine so schlechte Handlung zugetraut hatte.

Für Boxtel war es übrigens ein wahres Glück, daß ihm Gott so plötzlich einen tödlichen Schlaganfall gesandt hatte, der es ihm unmöglich machte, noch länger für seinen Stolz und seine Habsucht so schmerzliche Dinge mit ansehen zu müssen.

Unter Trompetengeschmetter setzte sich die Prozession darauf wieder in Bewegung, ohne daß sich im Äußern etwas geändert hätte, außer daß Boxtel jetzt tot war und Cornelius mit Rosa Seite an Seite und Hand in Hand einherschritten.

Als man in das Stadthaus eingezogen war, zeigte der Prinz Cornelius mit dem Finger die Börse mit den hunderttausend Gulden und sagte:

»Es läßt sich nicht genau bestimmen, von wem dieses Geld eigentlich gewonnen ist, ob von Ihnen oder von Rosa; denn wenn Sie die schwarze Tulpe auch entdeckten, so wurde sie doch von ihr groß gezogen und zur Blüte gebracht; auch kann sie dieselbe nicht als Mitgift anbieten, das wäre ungerecht.«

»Außerdem gehört die Gabe der Stadt Harlem der Tulpe.«

Cornelius wartete, um zu erfahren, wo der Prinz hinauswollte. Dieser fuhr fort:

»Ich gebe Rosa hunderttausend Gulden, die sie wohl verdient hat und Ihnen mitbringen kann; sie sind der Preis ihrer Liebe, ihres Mutes und ihrer Rechtschaffenheit.«

»Was Sie anlangt mein Herr, so haben Sie wieder Rosa dafür zu danken, daß sie den Beweis Ihrer Unschuld herbeigebracht hat,« und während er diese Worte sagte, reichte der Prinz Cornelius das berühmte Bibelblatt, auf welchem der Brief des Cornelius von Witt geschrieben stand und das als Hülle der dritten Brutzwiebel gedient hatte. »Was Sie anlangt, so sind Sie um eines Verbrechens willen, das Sie nicht begangen hatten, in Haft gehalten worden.«

»Ich habe Ihnen nicht allein mitzuteilen, daß Sie frei sind, sondern auch, daß die Güter eines unschuldigen Menschen nicht konfisziert werden können.«

»Ihr Vermögen wird Ihnen also zurückgegeben werden.«

»Herr van Baerle, Sie sind der Pate des Herrn Cornelius von Witt und der Freund des Herrn Johann. Bleiben Sie des Namens, den Ihnen jener bei der Taufe beigelegt hat, so wie der Freundschaft würdig, die Ihnen dieser bewiesen hatte. Bewahren Sie beiden die Tradition ihrer Verdienste, denn diese in einem Augenblick des Volksirrtums falsch beurteilten und mit Unrecht bestraften Herren von Witt waren zwei große Bürger, auf die Holland noch heut stolz ist.«

Nach diesen wenigen Worten, die der Prinz gegen seine Gewohnheit mit erregter Stimme sprach, gab er den beiden Gatten, die rechts und links von ihm auf die Knie sanken, seine beiden Hände zum Kusse.

Darauf stieß er einen Seufzer aus und sagte:

»Ach, Sie sind recht glücklich; während Sie vielleicht von dem wahren Ruhme Hollands und namentlich von seinem wahren Glücke träumen, suchen Sie ihm nur neue Tulpenfarben zu erwerben.«

Und mit einem Blicke in der Richtung nach Frankreich, als sähe er sich dort neue Wolken auftürmen, stieg er wieder in seine Kutsche und fuhr ab.

*

Auch Cornelius reiste noch denselben Tag mit seiner Rosa nach Dordrecht ab. Diese benachrichtigte ihren Vater durch die alte Zug, die man als Gesandtin zu ihm schickte, von allem Vorgefallenen.

Wer nach der von uns gegebenen Darstellung den Charakter des alten Gryphus kennt, wird einsehen, daß er sich mit seinem Schwiegersohn schwer versöhnte. Ihn drückten noch die erhaltenen Stockschläge; an seinen Quetschwunden hatte er sie gezählt; wie er behauptete, beliefen sie sich auf einundvierzig. Aber endlich ergab er sich, um, wie er sagte, nicht weniger edelmütig als Seine Hoheit der Statthalter zu sein.

Vom Menschenwächter zum Tulpenwächter emporgestiegen, wurde er der rohste Blumenwächter, den man noch je in Flandern angetroffen hatte. Auch mußte man sehen, wie er die gefährlichen Schmetterlinge überwachte, die Feldmäuse tötete und die allzu gierigen Bienen forttrieb.

Als er Boxtels Geschichte erfahren hatte, wurde er wütend, daß er sich hatte täuschen lassen und zerstörte nun selbst das Observatorium, welches der Neidhammel hinter der Platane errichtet hatte; denn Boxtels Garten, der öffentlich verkauft war, gab jetzt van Baerles Grundbesitz eine solche Ausdehnung, daß er allen Fernröhren Dordrechts Trotz bot.

Rosa wurde nicht nur immer schöner, sondern auch immer klüger, sie lernte so gut lesen und schreiben, daß sie allein die Erziehung der beiden hübschen Kinder übernehmen konnte, die ihr im Mai des Jahres 1674 und 1675 geschenkt waren und ihr weit weniger Schmerzen verursacht hatten, als die berühmte Blume, der sie sie überhaupt nur verdankte.

Da das eine ein Knabe und das andere ein Mädchen war, so ist es selbstverständlich, daß ersterer den Namen Cornelius und letzteres den Namen Rosa erhielt.

Van Baerle blieb seiner Rosa ebenso treu wie seinen Tulpen. Sein ganzes Leben lang beschäftigte er sich mit dem Glücke seiner Frau und der Zucht seiner Blumen, einer Zucht, infolge deren er eine große Anzahl Spielarten entdeckte, die in dem holländischen Verzeichnisse angegeben sind.

Die beiden Hauptzieraten seines Salons bestanden in den beiden Blättern aus der Bibel des Cornelius von Witt; wie man sich erinnert, hatte ihm sein Pate auf dem einen geschrieben, er sollte den Briefwechsel mit dem Marquis von Louvois verbrennen.

Auf dem anderen hatte er Rosa die Brutzwiebel zu der schwarzen Tulpe unter der Bedingung vermacht, daß sie mit ihrer Mitgift von hunderttausend Gulden einen hübschen Burschen von sechsundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren, der sie liebte und den sie liebte, heiraten sollte.

Diese Bedingung war gewissenhaft erfüllt worden, obgleich Cornelius nicht tot war, und vielleicht gerade weil er nicht tot war.

Um endlich die künftigen Neider zu bekämpfen, die ihm wie Mynheer Isaak Boxtel vom Halse zu schaffen die Vorsehung vielleicht nicht Muße hatte, schrieb er über seine Hausthür jene Worte, die Grotius vor seiner Flucht in die Wand seines Gefängnisses eingeschnitten hatte:

»Bisweilen hat man genug gelitten, um das Recht zu besitzen, nie zu sagen: Ich bin zu glücklich.«

 

Ende.

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