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Die schwarze Tulpe

Alexandre Dumas (der Ältere): Die schwarze Tulpe - Kapitel 33
Quellenangabe
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie schwarze Tulpe
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorH. Meerholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160922
projectid373613d8
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32.
Ein letztes Gebet

In diesem feierlichen Augenblicke und als das Beifallklatschen sich erhob, fuhr eine Kutsche die am Walde hinführende Straße entlang und verfolgte wegen der durch das Gewühl der Männer und Frauen aus dem Baumgange gedrängten Kinder ihren Weg nur langsam.

Diese Kutsche, bestaubt und auf ihren Achsen kreischend, schloß den unglücklichen van Baerle in sich, dem sich das Schauspiel, welches wir unsern Lesern, wenn gewiß auch unvollkommen, zu schildern versucht haben, durch den offenen Schlag zu zeigen begann.

Diese Volksmasse, dieser Lärm, dieser Schimmer allen Glanzes in der Menschenwelt wie in der Natur blendeten den Gefangenen wie ein Blitz, der in seinen Kerker gedrungen wäre.

Trotz der geringen Lust, die sein Gefährte bewiesen hatte, ihm zu antworten, als er ihn nach seinem Schicksale befragt hatte, wagte er ihn doch noch einmal nach all diesem Wogen und Treiben zu fragen, für das ihm zuerst alles Verständnis fehlte.

»Was hat das zu bedeuten, Herr Lieutenant?« fragte er den mit seiner Begleitung beauftragten Offizier.

»Wie Sie sehen können, mein Herr,« versetzte dieser, findet ein Fest statt.«

»Ach, ein Fest!« entgegnete Cornelius mit dem traurig gleichgiltigen Tone eines Menschen, der schon lange an keiner Freude dieser Welt mehr teilnimmt.

Nach einem kurzen Schweigen fragte er dann weiter:

»Wahrscheinlich das Namensfest des Schutzheiligen von Harlem, denn ich sehe so viele Blumen?«

»Es ist in der That ein Fest, bei dem die Blumen die Hauptrolle spielen.«

»O, der angenehme Duft! o, die schönen Farben!« rief Cornelius.

»Halt, damit der Herr sich umsehen kann,« sagte der Offizier in einer dieser Regungen sanften Mitleids, die man nur bei Soldaten findet, zu dem Soldaten, dem die Rolle des Postillons übertragen war.

»O, besten Dank für Ihre Gefälligkeit, mein Herr,« versetzte van Baerle schwermütig; »allein diese Freude ist mir ebenso schmerzlich wie jede andere: ersparen Sie mir dieselbe deshalb, wenn ich bitten darf.«

»Nach Ihrem Belieben; vorwärts also. Ich hatte halten lassen, weil Sie mich nach dem Feste gefragt hatten, und dann weil Sie für einen Blumenfreund gelten, und namentlich für einen Freund derjenigen Blumen, deren Fest man heute feiert.«

»Und welcher Blumen Fest feiert man heute?«

»Das Fest der Tulpen.«

»Das der Tulpen!« rief van Baerle; »heut ist das Tulpenfest?«

»Ja wohl, mein Herr; da Ihnen dieser Anblick jedoch unangenehm ist, wollen wir fahren.«

Und der Offizier schickte sich an, den Befehl zur Weiterfahrt zu geben.

Aber Cornelius hielt ihn auf, eine schmerzliche Befürchtung zog durch seine Seele.

»Sollte man heute etwa den Preis verteilen?« fragte er mit zitternder Stimme.

»Den Preis für die schwarze Tulpe? Ja.«

Van Baerles Wangen wurden purpurrot, ein Schauder überflog seinen ganzen Körper, der Schweiß perlte auf seiner Stirn.

Von der Überzeugung durchdrungen, daß das Fest bei seinem und seiner Tulpe Fernbleiben jedenfalls scheitern würde, da es an einem Manne und einer Blume zum Krönen fehlte, sagte er dann:

»Ach, alle diese braven Menschen werden ebenso unglücklich wie ich sein, denn sie werden dieses festliche Schauspiel, zu dem sie geladen sind, alle nicht sehen oder es wenigstens nur unvollständig sehen.«

»Was wollen Sie damit sagen, mein Herr?«

»Ich will damit sagen,« erklärte Cornelius, indem er sich in den Wagen zurücklehnte, »daß die schwarze Tulpe nur durch jemanden, den ich kenne, entdeckt werden kann.«

»Dann, mein Herr,« erwiderte der Offizier, »hat dieser jemand, den Sie kennen, sie entdeckt, denn in diesem Augenblick betrachtet ganz Harlem diese Blume, die Sie für unentdeckbar halten.«

»Die schwarze Tulpe!« rief van Baerle und lehnte sich mit dem halben Leibe zum Kutschenschlage hinaus. »Wo denn? wo?«

»Dort drüben, unter dem Baldachine, sehen Sie?«

»Ja, ich sehe sie.«

»Jetzt aber wollen wir weiter fahren,« sagte der Offizier.

»O, haben Sie Mitleid, erbarmen Sie sich, mein Herr,« erwiderte van Baerle, »führen Sie mich noch nicht weiter! Lassen Sie mich noch hinsehen! Wie, was ich dort drüben sehe, ist die schwarze Tulpe, vollkommen schwarz ... ist es möglich? O, mein Herr, haben Sie sie gesehen? Sie muß Flecken haben, sie muß unvollkommen sein, vielleicht ist sie sogar nur schwarz gefärbt. O, wenn ich da wäre! ich, mein Herr, würde es sofort herausbekommen; lassen Sie mich aussteigen, lassen Sie sie mich in der Nähe ansehen, ich bitte Sie.«

»Sind Sie närrisch, mein Herr? Steht es denn in meiner Macht?«

»Ich flehe Sie darum an.«

»Aber vergessen Sie, daß Sie ein Gefangener sind?«

»Ich bin allerdings ein Gefangener, aber ich bin ein Ehrenmann, und auf meine Ehre versichere ich Sie, daß ich keinen Fluchtversuch machen werde; lassen Sie mich nur die Blume betrachten!«

»Aber meine Befehle, mein Herr?«

Und der Offizier machte eine neue Bewegung, als ob er dem Soldaten den Befehl zur Weiterfahrt geben wollte.

Noch einmal hielt ihn Cornelius zurück.

»O, haben Sie Geduld, seien Sie edelmütig, mein ganzes Leben beruht auf einer Regung Ihres Mitleids. Ach, mein Herr, mein Leben wird jetzt wahrscheinlich nicht mehr lange währen. O, Sie wissen nicht, mein Herr, was ich leide; Sie wissen nicht, was sich alles in meinem Kopfe und in meinem Herzen bekämpft; denn denken Sie sich nur,« fuhr Cornelius voller Verzweiflung fort, »wenn es meine Tulpe, wenn es die Tulpe wäre, die man Rosa gestohlen hat! Können Sie sich wohl vorstellen, mein Herr, was es heißt, die schwarze Tulpe entdeckt, sie einen Augenblick gesehen und erkannt zu haben, daß sie vollkommen, daß sie zugleich ein Meisterwerk der Kunst und der Natur war, und sie dann zu verlieren, aus immer zu verlieren! O, ich muß aussteigen, mein Herr, ich muß hingehen und sie mir ansehen, mein Herr; nachher können Sie mich töten, wenn Sie wollen, aber ich muß sie sehen, ich muß sie sehen.«

»Schweigen Sie, Unglücklicher, und steigen Sie schnell wieder in die Kutsche, denn dort kommt uns die Begleitung seiner Hoheit des Statthalters entgegen, und wenn der Prinz einen ärgerlichen Auftritt bemerkte, wenn er Lärm hörte, so wäre es um Sie wie um mich geschehen.«

Um seines Gefährten willen noch besorgter als um seinetwillen, warf er sich schnell in die Kutsche zurück, aber er vermochte sich nur eine halbe Minute darin still zu verhalten, und kaum waren die ersten zwanzig Reiter vorbeigezogen, als er sich wieder zum Kutschenschlage hinausbeugte, heftig gestikulierte und den Statthalter gerade in dem Augenblicke, wo er vorüberfuhr, anflehte.

Leidenschaftslos und still wie gewöhnlich, begab sich Wilhelm auf den Platz hinaus zur Erfüllung seiner Präsidentenpflicht. In der Hand hielt er seine Pergamentrolle, die ihm an diesem Festtage zum Kommandostabe geworden war.

Als er diesen Mann sah, der heftig gestikulierte und flehte, und vielleicht auch den Offizier, der diesen Mann begleitete, erkannte, befahl der Prinz-Statthalter zu halten.

Sofort machten seine Pferde sechs Schritte vor dem in seiner Kutsche eingesperrten van Baerle Halt.

»Was ist das für ein Mensch?« fragte der Prinz den Offizier, der bei dem ersten Befehl des Statthalters aus dem Wagen gesprungen war und ehrfurchtsvoll auf ihn zuschritt.

»Gnädiger Herr, es ist der Staatsgefangene, den ich auf Ihren Befehl aus Löwenstein geholt habe und wie Ew. Hoheit befohlen haben, soeben nach Harlem bringe.«

»Was begehrt er?«

»Er verlangt hartnäckig, daß man ihm hier einen Augenblick Halt zu machen gestattet.«

»Um die schwarze Tulpe zu sehen, gnädiger Herr,« rief van Baerle, die Hände faltend, »und sobald ich sie gesehen habe, will ich gern sterben, wenn es nötig ist, aber noch sterbend will ich Ew. barmherzige Hoheit, den Vermittler zwischen mir und der Gottheit segnen, Ew. Hoheit, die meinem Werke zu seiner Verherrlichung geholfen hat.«

In der That gewährten die beiden Männer, jeder am Schlage seiner Kutsche, jeder von seinen Wachmannschaften umringt, ein merkwürdiges Schauspiel; dieser allmächtig, jener im tiefsten Elend; dieser im Begriff seinen Thron zu besteigen, jener im Wahne das Schafott zu besteigen.

Wilhelm hatte Cornelius kalt angeblickt und seine leidenschaftliche Bitte mit angehört.

Dann wandte er sich an den Offizier und fragte:

»Ist dieser Mann jener aufrührerische Gefangene, der seinen Gefängniswärter zu Löwenstein töten wollte?«

Cornelius stieß einen Seufzer aus und ließ den Kopf sinken. Sein freundliches und redliches Gesicht errötete und erblaßte dann wieder. Diese Worte des allmächtigen und allwissenden Prinzen, diese göttliche Unfehlbarkeit, die durch irgend einen geheimen und den übrigen Menschen unsichtbaren Boten schon sein Verbrechen wußte, sagten ihm nicht nur eine um so gewissere Strafe, sondern auch noch einen ablehnenden Bescheid voraus.

Er versuchte nicht dagegen anzukämpfen, versuchte nicht sich zu verteidigen; er bot dem Prinzen dieses rührende Schauspiel einer naiven Verzweiflung dar, die für ein so großes Herz und einen so großen Geist wohlverständlich ist und bei ihm tiefe Teilnahme erregt.

»Gestatten Sie dem Gefangenen auszusteigen und sich die schwarze Tulpe anzusehen,« sagte der Statthalter; »sie verdient wohl wenigstens einmal gesehen zu werden.«

»O,« rief Cornelius, der vor Freude fast ohnmächtig geworden wäre, und erschien schwankend auf dem Kutschentritte, »o, gnädiger Herr!«

Er erstickte fast; und ohne den Arm des Offiziers, der ihn unterstützte, hätte der arme Cornelius Seiner Hoheit auf den Knien und mit der Stirn im Staube gedankt.

Nachdem diese Erlaubnis gegeben war, setzte der Prinz seinen Weg unter den begeistertsten Beifallsrufen fort.

Bald langte der Prinz auf seiner Estrade an und weithin hallte der Kanonendonner.

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