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Die schwarze Tulpe

Alexandre Dumas (der Ältere): Die schwarze Tulpe - Kapitel 31
Quellenangabe
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie schwarze Tulpe
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorH. Meerholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160922
projectid373613d8
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30.
Worin man zu ahnen anfängt, welche Strafe Cornelius van Baerle vorbehalten war

Der Wagen fuhr den ganzen Tag. Er ließ Dordrecht links, rollte durch Rotterdam, erreichte Delft. Nachmittags fünf Uhr hatte man schon mindestens zwanzig Stunden zurückgelegt.

Cornelius richtete einige Fragen an den Offizier, der ihm zugleich als Wächter wie als Begleiter diente; aber so vorsichtig seine Fragen auch waren, so mußte er zu seinem Bedauern doch sehen, daß sie unbeantwortet blieben.

Es that Cornelius leid, daß er nicht jenen mitteilsamen Soldaten an seiner Seite hatte, der darauf lossprach, ohne sich erst bitten zu lassen.

Sicherlich hätte er ihm über das Seltsame, das ihm bei seinem dritten Abenteuer zustieß, ebenso erfreuliche Einzelheiten und ebenso genaue Erklärungen wie über die beiden ersten gegeben.

Man brachte die Nacht im Wagen zu. Bei Anbruch des nächsten Tages befand sich Cornelius jenseits Leyden und hatte die Nordsee zu seiner Linken und das Harlemer, Meer zu seiner Rechten.

Drei Stunden später hielt er seinen Einzug in Harlem.

Cornelius wußte nicht, was in Harlem vorgefallen war, und bis er durch die Ereignisse aus dieser Unwissenheit gerissen wird, wollen wir ihn auch darin lassen.

Aber bei dem Leser darf dies nicht der Fall sein; er hat das Recht von allem Kenntnis zu erhalten, sogar noch vor dem Helden.

Wie wir gesehen haben, waren Rosa und die Tulpe wie zwei Schwestern und wie zwei Waisen von dem Prinzen Wilhelm von Oranien bei dem Präsidenten van Systens zurückgelassen worden.

Erst am Abende des Tages, wo Rosa dem Statthalter gegenüber gestanden hatte, erhielt sie von ihm wieder Nachricht.

Gegen Abend fand sich ein Offizier bei van Systens ein und forderte Rosa im Namen Seiner Hoheit auf, sich nach dem Stadthause zu begeben.

Dort fand sie in dem großen Rathaussaale, in den sie hineingeführt wurde, den Prinzen, der mit Schreiben beschäftigt war.

Er war allein und hatte einen großen friesischen Windhund vor seinen Füßen. Das treue Tier schaute ihn unverwandt an, als ob es das zu thun versuchen wollte, was keinem Menschen gelang, – die Gedanken seinem Herrn aus den Augen abzulesen.

Wilhelm fuhr noch einen Augenblick zu schreiben fort. Dann schlug er die Augen auf, sah, daß Rosa neben der Thür stand und sagte, ohne sich vom Schreibtische zu erheben:

»Treten Sie näher, Fräulein.«

Rosa machte einige Schritte nach dem Tische zu.

»Gnädiger Herr,« begann sie und blieb stehen.

»Setzen Sie sich,« befahl der Prinz.

Rosa gehorchte, denn der Prinz blickte sie an. Aber kaum hatte der Prinz die Augen wieder dem Papier zugewandt, so schlich sie sich ganz verschämt wieder zurück.

Der Prinz beendete seinen Brief.

Während dieser Zeit war der Windhund zu Rosa hingegangen, hatte sie berochen und schön mit ihr gethan.

»Ei,« sagte Wilhelm zu seinem Hunde, »du siehst wohl, daß es eine Landsmännin ist; du erkennst sie?«

Dann wandte er sich an Rosa, ließ seinen forschenden und zugleich verschleierten Blick auf ihr ruhen und sagte:

»Da sind Sie ja, meine Tochter.«

Der Prinz war dreiundzwanzig Jahre alt, Rosa achtzehn oder zwanzig. Richtiger wäre es gewesen, wenn er sie seine Schwester genannt hätte.

»Meine Tochter,« sagte er mit diesem eigentümlich ergreifenden Tone, bei dem es alle, die ihm nahten, kalt überlief, »wir sind beide allein; wir wollen uns gegen einander aussprechen.«

»Gnädiger Herr,« stammelte sie.

»Sie haben einen Vater in Löwenstein?«

»Ja, gnädiger Herr.«

»Sie lieben ihn nicht?«

»Wenigstens liebe ich ihn nicht so, gnädiger Herr, wie eine Tochter lieben sollte.«

»Es ist unrecht mein Kind, seinen Vater nicht zu lieben, aber gut, seinen Fürsten nicht zu belügen.«

Rosa schlug die Augen nieder.

»Und weshalb lieben Sie Ihren Vater nicht?«

»Mein Vater ist schlecht.«

»Auf welche Weise zeigt sich seine Schlechtigkeit?«

»Mein Vater mißhandelt die Gefangenen.«

»Alle?«

»Alle.«

»Aber werfen Sie ihm nicht vor, daß er irgend jemand besonders mißhandelt?«

»Besonders mißhandelt mein Vater Herrn van Baerle, der ...«

»Der Ihr Geliebter ist.«

Rosa that einen Schritt rückwärts.

»Den ich liebe, gnädiger Herr,« erwiderte sie mit Stolz.

»Schon lange?« fragte der Prinz.

»Seit dem Tage, wo ich ihn gesehen habe.«

»Und wann sahen Sie ihn?«

»Den Tag nach der schrecklichen Ermordung des Herrn Großpensionärs Johannes und seines Bruders Cornelius.«

Die Lippen des Prinzen preßten sich zusammen, seine Stirn furchte sich und seine Augenlider schlossen einen Augenblick seine Augen. Nach kurzem Schweigen begann er von neuem:

»Was nützt es Ihnen aber, einen Mann zu lieben, der dazu bestimmt ist im Gefängnis zu leben und zu sterben?«

»Wenn er im Gefängnis lebt und stirbt, nun, gnädiger Herr, dann soll es mir nützen, ihm leben und sterben zu helfen.«

»Und Sie würden damit zufrieden sein, die Frau eines Gefangenen zu werden?«

»Als Frau des Herrn van Baerle würde ich das stolzeste und glücklichste aller menschlichen Geschöpfe sein; aber ...«

»Aber was?«

»Ich wage es nicht zu sagen, gnädiger Herr.«

»In Ihrem Tone spricht sich ein Gefühl von Hoffnung aus; was hoffen Sie?«

Sie schlug ihre Augen zu Wilhelm auf, ihre feuchten und von einem so scharfen Verstände leuchtenden Augen, daß sie die in der Tiefe dieses düstern Herzens schlummernde, fast totenähnlich schlummernde Gnade wecken zu wollen schien.

»Ha, ich verstehe.«

Rosa lächelte und faltete die Hände.

»Sie hoffen auf mich,« sagte der Prinz.

»Ja, gnädiger Herr.«

»Hm.«

Der Prinz siegelte den Brief, den er eben geschrieben hatte, zu und rief einen seiner Offiziere herein.

»Herr van Deken,« sagte er, »bringen Sie diese Botschaft hier nach Löwenstein; lesen Sie die Befehle, die ich dem Gouverneur gebe, durch, und führen Sie die, welche sich auf Sie beziehen, aus.«

Der Offizier grüßte, und man hörte unter dem schallenden Gewölbe des Hauses den Galopp eines fortsprengenden Pferdes.

»Meine Tochter,« fuhr der Prinz fort, »am Sonntag findet das Tulpenfest statt, und zwar am Sonntagnachmittag. Putzen Sie sich recht mit den fünfhundert Gulden hier, denn ich wünsche, daß dieser Tag auch für Sie ein großes Hauptfest werde.«

»Wie wünschen Ew. Hoheit, daß ich mich kleiden soll?« murmelte Rosa.

»Wählen Sie die Tracht der friesischen Ehefrauen,« sagte Wilhelm, »sie wird Ihnen sehr gut stehen.«

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