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Die schwarze Tulpe

Alexandre Dumas (der Ältere): Die schwarze Tulpe - Kapitel 30
Quellenangabe
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie schwarze Tulpe
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorH. Meerholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160922
projectid373613d8
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29.
Worin van Baerle, bevor er Löwenstein verläßt, seine Rechnung mit Gryphus ins Reine bringt

Beide standen einen Augenblick, Gryphus in angreifender, van Baerle in verteidigender Stellung, einander gegenüber.

Damit sich diese Situation nicht noch weiter in die Länge zöge, suchte sich Cornelius über die fortwährende Zunahme des Zornes bei seinem Gegner klar zu werden und fragte ihn deshalb:

»Was wollen Sie noch weiter von mir?«

»Das sollst du von mir hören. Ich will, daß du mir meine Tochter Rosa zurückgiebst.«

»Ihre Tochter!« rief Cornelius.

»Ja, Rosa! Rosa, die du mir durch deine Teufelskunst geraubt hast. Willst du mir sagen, wo sie ist?«

Und Gryphus' Stellung wurde immer drohender.

»Rosa ist nicht in Löwenstein?« rief Cornelius.

»Du weißt es wohl. Noch einmal frage ich dich: willst du mir Rosa zurückgeben?«

»Du legst mir damit nur einen Fallstrick,« versetzte Cornelius.

»Zum letztenmale, willst du mir sagen, wo meine Tochter ist?«

»So errate es denn, Schuft, wenn du es nicht weißt.«

»Warte, warte,« brüllte Gryphus, blaß und mit von dem Wahnsinn, der ihn befiel, verzerrten Lippen. »Du willst mir also nichts sagen? Nun gut, ich werde dir die Zähne öffnen.«

Er machte einen Schritt auf Cornelius zu, zeigte ihm die Waffe, die in seinen Händen blitzte, und sagte:

»Siehst du dieses Messer? Mit ihm habe ich schon mehr als fünfzig schwarze Hähne getötet. Wie ich sie getötet habe, werde ich ihren teuflischen Herrn damit töten, warte, warte!«

»Willst du, Lump, mich denn wirklich töten?« fragte Cornelius.

»Ich will dir das Herz öffnen, um darin den Ort zu sehen, wo du meine Tochter verbirgst.«

Und während er diese Worte sprach, die wie fieberhafte Delirien klangen, stürzte sich Gryphus auf Cornelius, der nur Zeit hatte, hinter einen Tisch zu springen, um dem ersten Stoße auszuweichen.

Gryphus schwang sein Messer und stieß gräßliche Drohungen aus.

Wie Cornelius einsah, war er zwar nicht im Bereiche der Hand, wohl aber noch immer im Bereiche der Waffe; ein wohlgezielter Wurf mit ihr konnte den Raum durcheilen und ihm die Brust durchbohren. Er verlor deshalb keine Zeit und versetzte ihm mit dem Stocke, den er vorzüglich handhabte, einen kräftigen Hieb auf die Hand, die das Messer hielt.

Das Messer fiel auf die Erde, und Cornelius setzte seinen Fuß darauf.

Da Gryphus sich auf einen erbitterten Kampf einlassen zu wollen schien, den der Schmerz des Stockschlages und die Scham, schon zweimal entwaffnet worden zu sein, schonungslos gemacht hätte, faßte Cornelius jetzt einen großen Entschluß.

Er prügelte mit einer wahrhaft heldenmütigen Kaltblütigkeit auf seinen Gefängniswärter los und wählte stets sorgfältig die Stelle, auf welche der schreckliche Knüttel niederfallen sollte.

Gryphus flehte bald um Gnade.

Aber bevor er um Gnade flehte hatte er geschrien und laut geschrien. Sein Geschrei war gehört worden und hatte alle Beamte des Hauses in Bewegung gesetzt. Zwei Schließer, ein Aufseher und drei oder vier Wächter erschienen also plötzlich und überraschten Cornelius, wie er seinen Gegner mit dem Stocke in der Hand, das Messer unter dem Fuße, bearbeitete.

Bei dem Anblick all dieser Zeugen der Missethat, die er begangen hatte und deren mildernde Umstände, wie man heutzutage sagt, unbekannt waren, fühlte sich Cornelius rettungslos verloren.

In der That war der Anschein vollkommen gegen ihn.

Im Handumwenden war Cornelius entwaffnet, und umringt, aufgehoben und gestützt, konnte Gryphus, rot vor Zorn, die blauen Flecken zählen, die auf seinen Schultern und seinem Rückgrate hoch auftrieben, daß sie wie die Hügel auf einem Bergrücken hervortraten.

Sitzung wurde gehalten, Protokoll aufgenommen, Thätlichkeiten waren von dem Gefangenen gegen seinen Wächter verübt, und einem von Gryphus eingeblasenen Protokolle konnte man schwerlich eine zu große Sanftmut nachsagen. Es handelte sich um nichts weniger als um einen schon längst geplanten und gegen den Gefängniswärter ausgeführten Mordversuch, mit Vorbedacht folglich und in offenem Aufruhr.

Während man mit Cornelius verhandelte, hatten die beiden Schließer Gryphus, dessen Gegenwart seine bereits abgegebenen Aussagen unnötig machten, völlig zerschlagen und seufzend in seine Wohnung hinuntergeschafft.

Während dessen ließen sich die Wächter, die sich van Baerles bemächtigt hatten, angelegen sein, ihn in barmherziger Weise über die Gebräuche und Gewohnheiten in Löwenstein aufzuklären, die er übrigens ebenso gut wie sie kannte, da ihm die Gefängnisvorschriften bei seiner Aufnahme in das Gefängnis vorgelesen waren und sich gewisse Paragraphen seinem Gedächtnisse vollständig eingeprägt hatten.

Sie erzählten ihm außerdem, wie diese Gefängnisvorschriften auf einen Gefangenen, namens Matthias, angewandt worden waren, der sich im Jahre 1668, also erst vor fünf Jahren, einen weit unbedeutenderen Aufruhrsakt als Cornelius erlaubt hatte.

Er hatte seine Suppe zu heiß gefunden und sie dem obersten Schließer an den Kopf geworfen, der infolge dieser Abwaschung in die unangenehme Lage gekommen war, beim Abtrocknen des Gesichtes einen Teil seiner Haut mit abzureißen.

Zwölf Stunden später war Matthias aus seinem Zimmer geführt worden.

Dann, wie bei seiner Ankunft zu Löwenstein, in das Stockhaus gebracht.

Darauf nach der Esplanade geführt, von der man einen sehr schönen Anblick hat und mindestens elf Stunden weit ausschaut.

Dort hatte man ihm die Hände gebunden.

Darauf eine Binde um die Augen gelegt und drei Gebete gesprochen.

Endlich hatte man ihn aufgefordert niederzuknien, und die Wachmannschaften in Löwenstein, zwölf an der Zahl, hatten seinen Körper auf ein von dem Sergeanten gegebenes Zeichen sehr geschickt mit zwölf Gewehrkugeln durchbohrt.

Dadurch war Matthias' sofortiger Tod eingetreten.

Mit der größten Aufmerksamkeit hörte Cornelius diese unangenehme Erzählung an.

Nachdem er sie vernommen hatte, sagte er:

»Also nach zwölf Stunden meinen Sie?«

»Ja, und wie ich glaube, hatte die zwölfte Stunde noch nicht einmal geschlagen,« bemerkte der Erzähler.

»Besten Dank,« versetzte Cornelius.

Der Wächter hatte das verbindliche Lächeln, mit dem er seine Erzählung begleitete, noch nicht beendet, als ein lauter Schritt auf der Treppe hörbar wurde.

Sporen klirrten auf den abgenutzten Treppenstufen.

Die Wachmannschaften traten auf die Seite, um einen Offizier hindurch zu lassen.

Dieser trat in van Baerles Zimmer, als der Schreiber noch mit dem Protokoll beschäftigt war.

»Ist hier Nr. 11?« fragte er.

»Ja, Herr Hauptmann,« erwiderte ein Unteroffizier.

»Dann ist hier also das Zimmer des Gefangenen Cornelius van Baerle?«

»Ganz recht, Herr Hauptmann.«

»Wo ist der Gefangene?«

»Ich bin es, mein Herr,« entgegnete Cornelius und wurde trotz all seines Mutes doch ein wenig blaß.

»Sie sind Herr Cornelius van Baerle?« fragte er und wandte sich diesmal an den Gefangenen persönlich.

»Ja, mein Herr.«

»Folgen Sie mir dann.«

»O, o,« sagte Cornelius, dessen Herz unter der ersten Todesangst lebhaft zu schlagen begann, »wie schnell man in der Festung Löwenstein zu Werke geht, und der komische Kauz hatte mir etwas von zwölf Stunden vorgeredet.«

»Habe ich es Ihnen nicht gleich gesagt?« fragte der Bericht erstattende Wächter leise den armen Sünder.

»Verdammte Lüge.«

»Wie so?«

»Sie hatten mir noch zwölf Stunden in Aussicht gestellt.«

»Ei ja. Allein man schickt Ihnen einen Adjutanten Seiner Hoheit, sogar einen seiner größten Vertrauten, den Herrn van Deken. Eine solche Ehre hat man dem armen Matthias nicht angethan.«

»Vorwärts,« sagte Cornelius zu sich selbst, indem er eine so stolze Miene wie möglich annahm, »vorwärts, zeigen wir diesen Leuten, daß ein Bürger, ein Pate des Cornelius von Witt, ohne ein Zeichen von Furcht ebenso gut wie jener Matthias unter den Kugeln sterben kann.«

Und stolz schritt er an dem Schreiber vorüber, der, in seiner Arbeit unterbrochen, zu dem Offizier zu sagen wagte:

»Aber, Herr Hauptmann van Deken, das Protokoll ist noch nicht geschlossen.«

»Es lohnt auch nicht der Mühe, es zu Ende zu führen,« antwortete der Offizier.

»Gut,« versetzte der Schreiber und packte philosophisch seine Papiere und seine Feder in seine abgenutzte und schmutzige Mappe.

»Es stand geschrieben,« dachte der arme Cornelius, »daß ich meinen Namen in dieser Welt weder einem Kinde, noch einer Blume, noch einem Buche geben sollte; und doch, versichert man, verlangt Gott wenigstens eins davon von jedem einigermaßen richtig entwickelten Menschen, den er sich hienieden an dem Besitze einer Seele und dem Nießbrauchs eines Körpers erfreuen läßt.«

Und mit entschlossenem Herzen und hoch erhobenem Kopfe folgte er dem Offiziere.

Cornelius zählte die Stufen, die nach der Esplanade hinführten und bedauerte, daß er den Wächter nicht gefragt hatte, wie viel es wären; bei seiner dienstwilligen Höflichkeit hätte er es ihm sicherlich nicht zu sagen unterlassen.

Am meisten befürchtete er auf diesem Gange, den er bestimmt für seinen Todesweg hielt, Gryphus zu sehen und Rosa nicht zu sehen. Wahrlich, welche Befriedigung mußte auf dein Gesicht des Vaters strahlen! Welcher Schmerz auf dem Gesicht der Tochter!

Wie mußte Gryphus dieser Strafe zujauchzen, in der er eine verdiente Rache für die ihm widerfahrene Mißhandlung erblicken mußte! Und doch galt sie Cornelius nur für eine Gewissenspflicht, die er erfüllt hatte.

Aber wenn er das arme Mädchen, wenn er seine Rosa nicht sah, wenn er sterben mußte, ohne ihr den letzten Kuß gegeben oder wenigstens das letzte Lebewohl zugerufen zu haben!

Wenn er endlich sterben mußte, ohne von der berühmten schwarzen Tulpe etwas erfahren zu haben, und beim Erwachen oben nicht wußte, wohin er seine Augen wenden mußte, um sie wiederzusehen!

Um in einem solchen Augenblicke nicht in Thränen zu zerfließen, hatte der arme Tulpenzüchter mehr als das aes triplex um das Herz nötig, das Horaz dem Schiffer zuschreibt, der zum erstenmale die verrufenen akrokeraunischen Klippen besuchte.

Vergeblich blickte Cornelius rechts, vergeblich blickte er links: er langte auf der Esplanade an, ohne Gryphus, ohne Rosa gesehen zu haben.

Es glich sich das einigermaßen aus.

Auf der Esplanade angekommen, suchte Cornelius mit den Augen kühn die zu seiner Hinrichtung bestimmten Wachmannschaften, und wirklich gewahrte er ein Dutzend Soldaten, die bei einander standen und plauderten.

Aber sie standen bei einander und plauderten ohne Gewehre, standen bei einander und plauderten, ohne in Reihe und Glied zu stehen.

Man konnte es sogar kaum plaudern nennen, es war schon eher ein bloßes Geflüster, ein Benehmen, das Cornelius des Ernstes, der bei solchen Ereignissen gewöhnlich herrscht, unwürdig zu sein schien.

Plötzlich kam Gryphus hinkend, schwankend, auf eine Krücke gestützt, vor seiner Wohnung zum Vorschein. Das ganze Feuer seiner alten Katzenaugen funkelte in einem letzten Blicke des Hasses. Darauf begann er eine solche Flut gräßlicher Verwünschungen gegen Cornelius hervorströmen zu lassen, daß sich dieser an den Offizier wandte und sagte:

»Mein Herr, ich halte es nicht für schicklich, daß man mich auf solche Weise und noch dazu in einem solchen Augenblicke beschimpfen läßt.«

»Hören Sie es ruhig an,« sagte der Offizier lachend, »es ist höchst natürlich, daß dieser brave Mann auf Sie nicht gut zu sprechen ist, Sie scheinen ihn gründlich durchgewalkt zu haben.«

»Aber, mein Herr, es geschah zu meiner Verteidigung.«

»Ei was,« entgegnete der Hauptmann, und zuckte außerordentlich philosophisch mit den Achseln; »ei was, lassen Sie ihn schimpfen. Was hat das jetzt noch zu sagen?«

Ein kalter Schweiß perlte auf van Baerles Stirn bei dieser Antwort, die er namentlich von einem Offizier, welcher der Person des Prinzen nahe stehen sollte, als eine etwas rohe Ironie betrachtete.

Der Unglückliche sah ein, daß er keine Rettungsmittel, keine Freunde mehr hatte und fügte sich ruhig.

»Meinetwegen,« murmelte er und ließ den Kopf sinken, »man hat Christus noch ganz anderes zugefügt, und so unschuldig ich auch bin, so kann ich mich mit ihm doch nicht vergleichen. Christus hätte sich von seinem Gefängniswärter schlagen lassen und hätte nicht wieder geschlagen.«

Darauf wandte er sich an den Offizier, der seine Betrachtungen artig abzuwarten schien und fragte:

»Wohin soll ich gehen, mein Herr?«

Der Offizier zeigte ihm eine mit vier Pferden bespannte Kutsche, die ihn lebhaft an die Kutsche erinnerte, die schon bei einer ähnlichen Veranlassung seine Blicke auf dem Buytenhoff auf sich gezogen hatte.

»Steigen Sie ein,« sagte er.

»Ha,« murmelte Cornelius, »mir scheint man die Ehre der Esplanade nicht erweisen zu wollen!«

Er sprach diese Worte laut genug aus, daß sie der Berichterstatter, der sich stets an seine Person drängte, vernahm.

Jedenfalls hielt er es für seine Pflicht, Cornelius neue Aufschlüsse geben zu müssen, denn er trat an den Wagenschlag, und während der Offizier mit einem Fuß schon auf dem Tritte, noch einige Befehle gab, sagte er ganz leise:

»Es ist vorgekommen, daß man zum Tode Verurteilte nach ihrer eigenen Stadt brachte und sie, um das Beispiel noch wirksamer zu machen, vor der Thür ihres eigenen Hauses hinrichtete. Das hängt von Umständen ab.«

Cornelius gab ihm durch einen Wink seinen Dank zu verstehen.

Darauf sagte er zu sich selbst:

»Der Bursche läßt es doch nie an einem Troste fehlen, wenn sich die Gelegenheit dazu darbietet. Ich bin dir wahrhaftig verbunden, mein Freund. Lebe wohl.«

Der Wagen fuhr ab.

»Ha, der Schurke! ha, der Räuber!« heulte Gryphus und streckte drohend die geballte Faust hinter seinem Schlachtopfer, das ihm entrann, aus. »Und sagen zu müssen, daß er fortgeht, ohne mir meine Tochter wiederzugeben.«

»Wenn man mich nach Dordrecht bringt, werde ich beim Vorüberfahren an meinem Hause sehen, ob meine armen Rabatten sehr verwüstet sind.«

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