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Die schwarze Tulpe

Alexandre Dumas (der Ältere): Die schwarze Tulpe - Kapitel 25
Quellenangabe
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie schwarze Tulpe
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorH. Meerholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160922
projectid373613d8
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24.
Worin die schwarze Tulpe ihren Herrn wechselt

Cornelius war an der Stelle geblieben, wo ihn Rosa verlassen hatte, und rang fast vergeblich nach Kraft, die doppelte Last seines Glückes zu tragen.

Eine halbe Stunde verstrich.

Schon begannen die ersten Strahlen des neuen Tages matt und dämmernd durch das Gitterfenster in van Baerles Gefängnis einzudringen, als er plötzlich bei dem Schall von Schritten, welche die Treppe hinaufstiegen, und bei dem Geschrei, welches sich ihm näherte, erbebte.

Fast sogleich war sein Gesicht Rosas blassem und verzerrtem Gesichte gegenüber.

Selbst vor Schrecken erblassend, taumelte er zurück.

»Cornelius, Cornelius!« rief sie keuchend.

»Um Gottes willen, was giebt es denn?« fragte der Gefangene.

»Cornelius, die Tulpe ...«

»Nun?«

»Wie soll ich es Ihnen sagen?«

»Reden Sie, reden Sie, Rosa.«

»Man hat sie uns genommen, man hat sie uns gestohlen.«

»Man hat sie uns genommen, man hat sie uns gestohlen!« rief Cornelius.

»Ja,« versetzte Rosa, indem sie sich, um nicht zu fallen, gegen die Thür stützte, »ja, genommen, gestohlen.«

Und trotz aller Anstrengung glitschte sie, da ihr die Füße den Dienst versagten, aus und sank auf die Knie.

»Aber wie ging das zu?« fragte Cornelius. »Erzählen Sie es mir, erklären Sie es mir.«

»O, es ist nicht meine Schuld, mein Freund.«

Arme Rosa, sie wagte nicht mehr zu sagen: »Mein innig geliebter Freund!«

»Sie haben sie allein gelassen!« sagte Cornelius mit traurigem Tone.

»Einen einzigen Augenblick, um unsern Boten, der kaum fünfzig Schritt von hier am Ufer der Waal wohnt, zu benachrichtigen.«

»Und trotz meinen Warnungen haben Sie, unglückseliges Kind, während dieser Zeit den Schlüssel in der Thür stecken lassen!«

»Nein, nein, nein, und das ist eben das Eigentümliche, der Schlüssel hat mich nicht verlassen, ich habe ihn fortwährend in meiner Hand behalten, und umfaßte ihn so fest, als hätte ich Furcht gehabt, er könnte mir entschlüpfen.«

»Aber wie in aller Welt ist es dann geschehen?«

»Weiß ich selbst es denn? Ich hatte meinem Boten den Brief gegeben; mein Bote war in meiner Gegenwart aufgebrochen. Ich kehre zurück, die Thür war geschlossen, jedes Ding befand sich in meinem Zimmer an seiner Stelle, nur die Tulpe war verschwunden. Es muß sich jemand einen Schlüssel zu meinem Zimmer verschafft oder einen falschen Schlüssel angefertigt haben.«

Sie erstickte, die Thränen ließen sie nicht weiter sprechen.

Regungslos und mit verzerrtem Gesichte hörte Cornelius fast ohne zu verstehen zu und murmelte nur:

»Gestohlen, gestohlen, gestohlen! Ich bin zu Grunde gerichtet!«

»O, Herr Cornelius,« rief Rosa, »Verzeihung, Verzeihung, sonst sterbe ich.«

Bei dieser Drohung Rosas packte Cornelius das Gitter des Schalters, schüttelte es wütend und rief:

»Rosa, man hat uns allerdings bestohlen, dürfen wir uns aber dadurch zu Boden schlagen lassen? Nein, das Unglück ist groß, läßt sich aber vielleicht wieder ersetzen, Rosa; wir kennen den Dieb.«

»Ach, wie kann ich ihn bestimmt nennen?«

»O, ich erkläre Ihnen fest, daß es der schändliche Jakob ist. Wollen wir ihn die Frucht unserer Arbeiten, die Frucht unserer Nachtwachen, das Kind unserer Liebe nach Harlem bringen lassen? Rosa, wir müssen ihn verfolgen, wir müssen ihn einholen.«

»Aber wie sollen wir das anfangen, mein Freund, ohne meinem Vater zu entdecken, daß wir im Einverständnis waren? Wie soll ich, ein so unfreies und so wenig geschicktes Frauenzimmer ein Ziel erreichen, das Ihnen selbst vielleicht unerreichbar wäre?«

»Rosa, Rosa, öffnen Sie mir diese Thür, und Sie werden sehen, ob ich es nicht erreiche. Sie werden sehen, ob ich den Dieb nicht entdecke, Sie werden sehen, ob ich ihn nicht zum Eingeständnis seines Verbrechens bringe; Sie werden sehen, ob ich ihn nicht dazu bringe, um Gnade zu bitten.«

»Ach,« rief Rosa und brach in Schluchzen aus, »kann ich Ihnen öffnen? Habe ich die Schlüssel in meiner Gewalt? Würden Sie, wenn ich sie hätte, nicht schon längst frei sein?«

»Ihr Vater hat sie, Ihr schändlicher Vater, der Henker, der mir die erste Brutzwiebel meiner Tulpe zertreten hat. O, der Elende, der Elende, er ist der Mitschuldige Jakobs.«

»Um Himmels willen leiser, leiser!«

»O, wenn Sie mir nicht öffnen, Rosa,« rief Cornelius im Paroxysmus der Wut, »so zertrümmere ich dieses Gitter und bringe alles um, was ich in dem Gefängnis finde.«

»Haben Sie Erbarmen, mein Freund!«

»Ich sage Ihnen, Rosa, daß ich dieses Gefängnis Stein um Stein einreißen will.«

Und mit seinen beiden Händen, deren Kräfte der Zorn verzehnfachte, schüttelte der Unglückliche die Thür mit furchtbarem Lärm, unbekümmert um den Klang seiner Stimme, die mächtig durch die klangvolle Spirallinie der Treppe hindurchhallte.

Erschreckt machte Rosa ganz vergebliche Versuche, diese stürmische Wut zu beruhigen.

»Ich sage Ihnen, ich werde diesen schändlichen Gryphus töten,« heulte van Baerle; »ich sage Ihnen, ich werde sein Blut vergießen, wie er das meiner schwarzen Tulpe vergossen hat.«

Der Unglückliche begann wahnsinnig zu werden.

»Ja, ja,« sagte Rosa mit pochendem Herzen, »ja, ja, beruhigen Sie sich nur, ja, ich werde ihm seine Schlüssel fortnehmen, ja, ich werde Ihnen öffnen, aber beruhigen Sie sich nur, mein Cornelius.«

Sie kam nicht zu Ende, ein vor ihr ausgestoßenes Geheul unterbrach ihren Satz.

»Mein Vater!« rief Rosa.

»Gryphus!« brüllte van Baerle, »ha, der Entsetzliche!«

Unter dem Lärm war der alte Gryphus hinaufgekommen, ohne daß man ihn hören konnte.

Nun packte er seine Tochter am Handgelenk.

»Ha, du willst mir meine Schlüssel nehmen,« sagte er mit vor Zorn erstickter Stimme. »Ha, dieser Schuft, dieser Elende, Dein Cornelius, ist ja ein Verschwörer, der aufgehängt zu werden verdient. Ha, man hat Einverständnis mit Staatsgefangenen! Schön, schön.«

Verzweifelt rang Rosa ihre beiden Hände.

»O,« fuhr Gryphus fort, indem er von dem fieberhaften Tone des Zornes zu der kalten Ironie des Siegers überging, »Sie unschuldiger Herr Tulpenzüchter, Sie sanfter Herr Gelehrter, Sie wollen mich also ermorden, Sie wollen mein Blut trinken! Sehr gut! Weiter nichts? Und meine Tochter ist dabei mit im Bunde! Jesus! Aber bin ich denn in einer Räuberhöhle, bin ich denn in einem Diebesloche! Nun, der Herr Gouverneur soll heute morgen alles erfahren, und Seine Hoheit, der Statthalter, wird einen Tag später davon in Kenntnis gesetzt werden. Wir kennen ja das Gesetz über Aufruhr im Gefängnis, Paragraph sechs. Wir wollen Ihnen eine neue Auflage von Buytenhoff zum Besten geben, Herr Gelehrter, und die diesmalige Auflage soll die beste sein. Ja, ja, laufen Sie nur wütend auf und ab wie ein Bär im Käfig, und du, meine Schöne, verschlinge nur deinen Cornelius mit den Augen. Ich sage Euch vorher, meine Lämmchen, daß ihr nicht mehr dieses Glück haben werdet, gemeinschaftlich Verschwörungen zu stiften. Geh hinab, entartetes Mädchen. Und Ihnen, Herr Gelehrter, wünsche ich ein fröhliches Wiedersehen; seien Sie unbesorgt, wir sehen uns bald wieder!«

Vor Angst und Verzweiflung außer sich, warf Rosa ihrem Freunde noch eine Kußhand zu; dann stürzte sie, wahrscheinlich von einem plötzlichen Gedanken erleuchtet, auf die Treppe zu und sagte:

»Alles ist noch nicht verloren, rechne auf mich, mein Cornelius.«

Ihr Vater folgte ihr vor Wut brüllend.

Was den armen Tulpenzüchter anlangt, so ließ er nach und nach die Gitter los, die seine Finger krampfhaft umspannt hielten, sein Kopf sank schwer hinab, seine Augen schweiften irr umher, und unbeholfen fiel er auf den Fußboden seines Zimmers und stöhnte:

»Gestohlen, man hat sie mir gestohlen!«

Während dieser Zeit war Boxtel, der das alte Schloß durch die von Rosa selbst offen gelassene Thür verlassen hatte, die schwarze Tulpe von einem weiten Mantel überdeckt, in einen Wagen gestiegen, der bei Gorkum auf ihn wartete, und verschwand, ohne seinen Freund Gryphus, wie man denken kann, von seiner schnellen Abreise benachrichtigt zu haben.

Und jetzt, wo wir ihn in seinen Wagen steigen sahen, wollen wir ihn, wenn der Leser nichts dagegen hat, bis an das Ende seiner Reise begleiten.

Sie ging langsam vorwärts, man läßt eine schwarze Tulpe nicht ungestraft in der Post fahren.

Aber da er nicht früh genug anzukommen befürchtete, ließ er zu Delft einen Kasten, inwendig mit schönem frischem Moose an den Seiten versehen, zurechtmachen und packte seine Tulpe hinein. Die Blume war darin nach allen Seiten so weich geschützt, daß der Wagen, ohne sie zu schädigen, in Galopp davonfahren konnte.

Erschöpft, aber triumphirend, langte er am nächsten Morgen in Harlem an, setzte, um jede Spur des Diebstahls verschwinden zu lassen, die Tulpe in einen anderen Topf, zerbrach den Steinguttopf, dessen Scherben er in einen Kanal warf, schrieb an den Präsidenten der Gartengesellschaft einen Brief, in welchem er ihm anzeigte, daß er mit einer vollkommen schwarzen Tulpe in Harlem angekommen wäre, ließ sich mit seiner vollkommen unversehrten Tulpe in einem guten Gasthofe häuslich nieder, und wartete dort das Übrige ab.

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