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Die schwarze Tulpe

Alexandre Dumas (der Ältere): Die schwarze Tulpe - Kapitel 23
Quellenangabe
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie schwarze Tulpe
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorH. Meerholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160922
projectid373613d8
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22.
Das Aufbrechen der Tulpe

Die Nacht verging sehr mild, aber für Cornelius zugleich sehr aufgeregt. In jedem Augenblick kam es ihm vor, als ob ihn Rosas freundliche Stimme riefe. Er sprang auf, ging nach der Thür und näherte sein Gesicht dem Schalter; der Schalter war einsam, der Gang war leer.

Sicherlich wachte auch Rosa ihrerseits; aber glücklicher als er wachte sie über die Tulpe, hatte sie die edle Blume, dieses nicht nur noch unbekannte, sondern auch für unmöglich geglaubte Wunder aller Wunder unter den Augen.

Was würde die Welt sagen, wenn sie erführe, daß die schwarze Tulpe gefunden, daß sie vorhanden wäre, und daß er, van Baerle, sie als Gefangener entdeckt hätte?

Wie würde Cornelius einen Mann, der ihm die Freiheit für seine Tulpe angeboten hätte, weit zurückgewiesen haben!

Der Tag brach an ohne Nachricht. Die Tulpe war noch nicht aufgeblüht.

Der Tag verstrich wie die Nacht.

Die Nacht kam und mit der Nacht kam die fröhliche Rosa, leicht wie ein Vogel.

»Nun?« fragte Cornelius.

»Nun, alles geht prächtig. Diese Nacht wird unsere Tulpe sicherlich aufblühen.«

»Und schwarz blühen?«

»Schwarz wie Gagat.«

»Ohne irgend einen anderen Farbenfleck?«

»Ohne einen einzigen Fleck.«

»Gütiger Himmel, Rosa! Die Nacht brachte ich unter lauter Träumen zu, zunächst von Ihnen ...«

Rosa machte ein kleines Zeichen von Unglauben.

»Dann von dem, was wir thun müssen.«

»Nun?«

»Hören Sie, was ich beschlossen habe. Ist nach Aufblühen der Tulpe festgestellt, daß sie schwarz und zwar vollkommen schwarz ist, so müssen sie einen Boten suchen.«

»Wenn weiter nichts ist, so habe ich einen Boten schon gefunden.«

»Einen sicheren Boten?«

»Einen Boten, für den ich bürge, einen meiner Anbeter.«

»Doch nicht etwa Jakob, will ich hoffen?«

»Nein, seien Sie unbesorgt. Es ist der Jollenführer zu Löwenstein, ein schnellfüßiger Bursche von fünfundzwanzig bis sechsundzwanzig Jahren.«

»Ei, der Teufel!«

»Beruhigen Sie sich,« sagte Rosa lachend, »er hat noch nicht das Alter, da Sie es selbst auf sechsundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren festgesetzt haben.«

»Kurz, Sie glauben sich auf diesen jungen Mann verlassen zu können.«

»Wie auf mich selbst, er würde sich, wenn ich es ihm beföhle, nach meiner Wahl aus seinem Schiffe in die Waal oder Maas stürzen.«

»Nun Rosa, in zehn Stunden kann dieser Bursche in Harlem sein; Sie werden mir einen Bleistift und Papier geben, eine Feder und Tinte wäre vielleicht noch besser, und ich, oder vielmehr Sie werden schreiben. Bei mir armem Gefangenen könnte man, wie Ihr Vater, eine Verschwörung darunter erblicken. Sie werden also an den Präsidenten der Gartengesellschaft schreiben, und ich bin überzeugt, der Präsident wird kommen.«

»Aber wenn er lange ausbleibt?«

»Nehmen wir an, er bleibt einen Tag, sogar zwei aus; aber dies ist unmöglich, ein Tulpenfreund wie er säumt nicht eine Stunde, nicht eine Minute, nicht eine Sekunde, sich in Bewegung zu setzen, um das achte Wunder der Welt zu sehen. Aber säumte er, wie ich sagte, einen Tag, säumte er sogar zwei Tage, so wäre die Tulpe immer noch in ihrem ganzen Glanze. Die Tulpe wird vom Präsidenten betrachtet, das Protokoll wird von ihm aufgenommen, alles wird gesagt, Sie, Rosa, erhalten eine Abschrift des Protokolls und vertrauen ihm die Tulpe an. Ach, hätten wir selbst sie tragen können, Rosa, so wäre sie nur aus meinen Armen gekommen, um in die Ihrigen überzugehen. Allein dies ist nur ein Traum, an den man nicht denken darf,« fuhr Cornelius seufzend fort. »Andere Augen werden sie abblühen sehen. Lassen Sie sie, Rosa, vor allem niemanden sehen, ehe der Präsident sie sieht. Die schwarze Tulpe! Guter Gott, wenn irgend jemand die schwarze Tulpe sähe, würde man sie stehlen! ...«

»O!«

»Haben Sie mir nicht selbst gesagt, welche Befürchtung Sie hinsichtlich Ihres verliebten Jakobs hätten? Man stiehlt wohl einen Gulden, weshalb sollte man nicht hunderttausend stehlen?«

»Ich werde wachen, beruhigen Sie sich.«

»Wenn sie sich öffnete, während Sie hier sind?«

»Dazu wäre das launenhafte Wesen fähig,« meinte Rosa.

»Wenn Sie sie bei ihrer Rückkehr offen fänden?«

»Nun?«

»Ach, Rosa, seien Sie von dem Augenblick, wo sie geöffnet ist, dessen eingedenk, daß kein Augenblick verloren gehen darf, um den Präsidenten zu benachrichtigen.

»Und Sie zu benachrichtigen; ja, ja, ich verstehe.«

Rosa seufzte, aber ohne Bitterkeit und wie eine Frau, die eine Schwäche zu begreifen beginnt, wenn sie sich auch noch nicht an sie zu gewöhnen vermag.

»Ich kehre zu der Tulpe zurück, Herr van Baerle, und so bald sie geöffnet ist, werden Sie davon benachrichtigt, zugleich auch davon benachrichtigt, daß der Bote abgeht.«

»Rosa, Rosa, ich weiß nicht mehr, mit welchem Wunder des Himmels oder der Erde ich Sie vergleichen soll.«

»Vergleichen Sie mich mit der schwarzen Tulpe, Herr Cornelius, und ich schwöre Ihnen, ich werde mich dann sehr geschmeichelt fühlen. Wünschen wir uns also ein fröhliches Wiedersehen, Herr Cornelius.«

»O sagen Sie: auf Wiedersehen, mein Freund.«

»Auf Wiedersehen, mein Freund,« versetzte Rosa, ein wenig getröstet.

»Sagen Sie: Mein innig geliebter Freund.«

»O, mein Freund ...«

»Mein innig geliebter, Rosa, ich flehe Sie darum an, innig geliebter, innig geliebter, nicht wahr?«

»Innig geliebter, ja, innig geliebter Freund,« sagte Rosa mit klopfendem Herzen, trunken und selig vor Freude.

»Da Sie innig geliebter gesagt haben, so sagen Sie, Rosa, jetzt auch noch glücklicher Freund, sagen Sie glücklich wie ein Mensch unter dem Himmel glücklich und gesegnet war. Jetzt fehlt mir nur noch eins, Rosa.«

»Was?«

»Ihre frische Wange, Ihre rosige Wange, Ihre Sammetwange. Ach Rosa, freiwillig, nicht mehr aus Überraschung, nicht mehr aus Zufall, Rosa.«

Der Gefangene schloß seine Bitte mit einem Seufzer; er war den Lippen des jungen Mädchens nicht mehr aus Überraschung, nicht mehr aus Zufall begegnet, sondern wie Saint-Preux hundert Jahre später den Lippen Juliens begegnen sollte.

Rosa entfloh.

Die Seele an seinen Lippen hangend, blieb Cornelius, das Gesicht an den Schalter gedrückt, stehen.

Cornelius erstickte vor Freude und Glück. Er öffnete das Fenster und blickte lange, mit vor Freude geschwelltem Herzen, das wolkenfreie Blau des Himmels und den Mond an, der die beiden Flüsse, welche jenseits der Hügel rauschten, mit seinem silberhellen Scheine übergoß. Er atmete die edle, reine Luft ein und erfüllte seinen Geist mit freundlichen Vorstellungen, wie seine Seele mit Dankbarkeit und religiöser Bewunderung.

»Du bist also noch immer da oben, mein Gott!« rief er halb niedergeworfen und die Augen glühend nach den Sternen gerichtet; »verzeih mir, daß ich in diesen letzten Tagen fast an dir gezweifelt habe; du verbargest dich hinter deinen Wolken, und einen Augenblick lang sah ich dich, du guter, du ewiger, du erbarmungsreicher Gott nicht mehr. Aber heute, aber diesen Abend, aber diese Nacht sehe ich dich deutlich in dem Spiegel deiner Himmel und vor allem in dem Spiegel meines Herzens.«

Er war geheilt, der arme Kranke; er war frei, der arme Gefangene!

Während eines Teiles der Nacht blieb Cornelius an die Gitter seines Fensters gelehnt, das Ohr auf der Lauer. Alle seine Sinne hatte er in einen einzigen, oder vielmehr in zwei zusammengezogen, er sah und hörte nur.

Er blickte den Himmel an, er belauschte die Erde.

Von Zeit zu Zeit wandte er das Auge nach dem Gang und sagte:

»Dort unten ist Rosa, Rosa, die gleich mir wacht, gleich mir von einer Minute zur andern wartet. Dort unten ist unter Rosas Augen die geheimnisvolle Blume, die lebt, die aufbricht, die sich öffnet; vielleicht hält Rosa in diesem Augenblicke den Stengel der Tulpe zwischen ihren reizenden warmen Fingern. Rühre ihn leise an, Rosa, diesen Stengel. Vielleicht berührt sie ihren halb geöffneten Kelch mit ihren Lippen; berühre ihn vorsichtig Rosa, Rosa, deine Lippen sind brennend heiß; vielleicht liebkosen sich in diesem Augenblicke die beiden Gegenstände meiner Liebe unter dem Blicke Gottes.«

In diesem Augenblick blitzte im Süden eine Sternschnuppe auf, durchkreuzte den ganzen Raum, der den Horizont von der Festung trennt und verschwand hinter Löwenstein.

Cornelius erbebte.

»Ach,« sagte er, »Gott sendet meiner Blume eine Seele.«

Und als ob er recht geraten hätte, vernahm in diesem Augenblicke der Gefangene auf dem Gange leichte, sylphidenartige Schritte, das Rauschen eines Gewandes, das Flügelschlägen glich, und eine bekannte Stimme, die sagte:

»Cornelius, mein Freund, mein inniggeliebter und sehr glücklicher Freund, kommen Sie, kommen Sie schnell.«

Vom Fenster bis zum Schalter machte Cornelius nur einen Satz. Diesmal begegneten seine Lippen wieder Rosas murmelnden Lippen, die in einem Kusse zu ihm sagte:

»Sie ist aufgeblüht, sie ist schwarz, da ist sie.«

»Wie, da ist sie!« rief Cornelius und ließ mit seinen Lippen von den Lippen des jungen Mädchens ab.

»Ja, ja, um eine große Freude zu bereiten, muß man sich wohl einer kleinen Gefahr aussetzen, da ist sie, nehmen Sie sie.«

Und mit der einen Hand hob sie zu dem Schalter eine kleine Laterne, die sie möglichst hell gemacht hatte, empor und mit der anderen hob sie die Wundertulpe ebenso hoch.

Cornelius stieß einen Schrei aus und glaubte in Ohnmacht fallen zu müssen.

»O, mein Gott, mein Gott,« murmelte er, »du belohnst mich für meine Unschuld und Gefangenschaft, da du mir diese beiden Blumen vor dem Schalter meines Gefängnisses aufschießen ließest.«

»Küssen Sie sie,« sagte Rosa, »wie ich sie soeben geküßt habe.«

Cornelius hielt den Atem zurück und berührte die Spitze der Blume mit dem Rande seiner Lippen, und nie ergriff ein den Lippen einer Frau gegebener Kuß, und wären es auch die Lippen Rosas, sein Herz so tief.

Die Tulpe war schön, herrlich, prächtig, ihr Stengel war länger als achtzehn Zoll, sie schoß zwischen vier grünen glatten Blättern, gerade wie eiserne Lanzen, stolz in die Höhe, und ihre Blume war vollkommen schwarz und glänzend wie Gagat.

»Rosa,« sagte Cornelius ganz keuchend, »Rosa, kein Augenblick ist mehr zu verlieren, Sie müssen den Brief schreiben.«

»Er ist geschrieben, mein innig geliebter Cornelius,« versetzte Rosa.

»Wirklich?«

»Während die Tulpe aufbrach, schrieb ich, denn ich wollte nicht, daß ein einziger Augenblick verloren würde. Lesen Sie den Brief und sagen Sie mir, ob Sie ihn gut finden.«

Cornelius nahm den Brief und las ihn in einer Schrift, die seit dem kleinen Billet, das er von Rosa erhalten, schon wieder bedeutende Fortschritte gemacht hatte.

»Herr Präsident,

Die schwarze Tulpe wird vielleicht schon in zehn Minuten aufbrechen. Sobald Sie ganz offen ist, schicke ich Ihnen einen Boten, um Sie zu bitten, daß Sie in Person dieselbe aus der Festung Löwenstein abholen. Ich bin die Tochter des Gefängniswärters Gryphus, fast ebenso sehr wie die Gefangenen meines Vaters unter Verschluß. Ich kann Ihnen also dieses Kleinod nicht bringen. Deshalb bitte ich Sie, es selbst zu holen.

Mein Wunsch ist, daß die Tulpe den Namen Rosa Baerlensis erhält.

Sie ist im Aufbrechen; sie ist vollkommen schwarz. Kommen Sie, Herr Präsident, kommen Sie!

Ihre ganz ergebene Dienerin
Rosa Gryphus.«

»Sehr gut, sehr gut, liebe Rosa. Dieser Brief ist ausgezeichnet. Ich hätte ihn nicht mit solcher Einfachheit schreiben können. In der wissenschaftlichen Versammlung werden Sie jede Auskunft erteilen, um die Sie gefragt werden. Man wird erfahren, wie sie entstanden ist, wie viel Sorgen, Nachtwachen, Mühen sie bereitet hat. Aber jetzt, Rosa, ist kein Augenblick zu verlieren; der Bote, der Bote!«

»Wie heißt der Präsident?«

»Geben Sie den Brief her, damit ich selbst die Adresse aufschreibe. O, er ist sehr bekannt. Es ist Mynheer van Herysen, der Bürgermeister von Harlem. Reichen Sie den Brief her, Rosa.«

Und mit zitternder Hand schrieb Cornelius auf den Brief:

»An

Mynheer Peters van Herysen, Bürgermeister und Präsident der Gartengesellschaft zu Harlem.«

»Und jetzt gehen Sie, Rosa, gehen Sie,« sagte Cornelius, »und stellen wir uns unter Gottes Schutz, der uns bisher so treu behütet hat.«

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