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Die schwarze Tulpe

Alexandre Dumas (der Ältere): Die schwarze Tulpe - Kapitel 2
Quellenangabe
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie schwarze Tulpe
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorH. Meerholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160922
projectid373613d8
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1.
Ein dankbares Volk

Den 20. August 1672 sah die Stadt Haag, so lebhaft, so weiß, so kokett, daß man alle Tage in ihr für Sonntage halten könnte, die Stadt Haag mit ihrem schattigen Park, ihren hohen, über ihre gotischen Häuser geneigten Bäumen, den breiten Wasserspiegeln ihrer Kanäle, in denen sich ihre Glockentürme mit fast orientalischen Kuppeln wiederspiegeln; – sah die Stadt Haag, die Hauptstadt der sieben vereinigten Provinzen, sich durch alle ihre Pulsadern eine schwarze und rote Flut von eiligen, keuchenden, unruhigen Bürgern wälzen, welche, das Messer im Gurt, die Muskete über der Schulter oder den Stock in der Hand, nach Buytenhoff, dem furchtbaren Gefängnisse, dessen vergitterte Fenster man noch heute zeigt, liefen, wo Cornelius von Witt, der Bruder des früheren holländischen Großpensionärs, schmachtete, seitdem ihn der Wundarzt Tyckelaer des Verrats angeklagt hatte.

Wäre die Geschichte dieser Zeit und namentlich dieses Jahres, in dessen Mitte wir unsere Erzählung beginnen, nicht in fast unlöslicher Weise mit den beiden Namen, die wir soeben angeführt haben, verbunden, so könnten die wenigen Zeilen, die wir zur Erklärung geben wollen, überflüssig erscheinen; aber wir machen den Leser, diesen alten Freund, dem wir stets auf der ersten Seite Vergnügen versprechen und dem wir auf den folgenden Seiten wohl oder übel Wort halten, wir machen, sagen wir, unsern Leser im voraus darauf aufmerksam, daß diese Erklärung zur Deutlichkeit unserer Geschichte ebenso notwendig ist wie zu dem Verständnisse des großen politischen Ereignisses, in dem sich diese Geschichte wie eingerahmt bewegt.

Cornelius von Witt, Ruart van Pulten, das heißt Deichhauptmann dieses Landes, Exbürgermeister von Dordrecht, seiner Vaterstadt, und Deputierter der Landstädte Hollands, war neunundvierzig Jahre alt, als das holländische Volk, das von der Republik, wie sie Johann von Witt, der Großpensionär Hollands, verstand, nichts mehr wissen wollte, eine heftige Liebe zu der Statthalterschaft faßte, welche durch das von Johann von Witt den Vereinigten Staaten auferlegte Edikt für immer in Holland abgeschafft worden war.

Da es selten ist, daß der öffentliche Geist nicht in seinen launenhaften Schwenkungen hinter einem Prinzipe einen Menschen erblickt, so sah das Volk hinter der Republik die beiden ernsten Gesichter der Gebrüder Witt, diese Römer Hollands, die es verschmähten dem Volksgeschmack zu schmeicheln und unbeugsame Freunde einer schrankenlosen Freiheit und eines überflüssigen Glückes waren, wie es hinter der Statthalterschaft die gebeugte, ernste und bedachtsame Stirn des jungen Wilhelm von Oranien sah, dem seine Zeitgenossen den von der Nachwelt angenommenen Namen »der Schweigsame« beilegten.

Die beiden Witt schonten Ludwig XIV., dessen moralischen Einfluß sie auf ganz Europa im Zunehmen begriffen sahen, und dessen materiellen Einfluß auf Holland sie aus jenem merkwürdigen Rheinfeldzuge erkannt hatten, der von jenem unter dem Namen eines Grafen von Guiche bekannten Romanhelden verherrlicht und von Boileau besungen ist, einem Feldzuge, der die Macht der Vereinigten Provinzen in drei Monaten niedergeschlagen hatte.

Schon lange war Ludwig der XIV. der Feind der Holländer, die ihn, so gut sie konnten, beschimpften oder lächerlich machten, fast immer allerdings durch den Mund der nach Holland geflüchteten Franzosen. Der Nationalstolz machte aus ihm den Mithridates der Republik. Es herrschte also gegen die Witt die doppelte Erregung, die aus einem heftigen Widerstande, welcher die gegen die Neigung der Nation ankämpfende Macht begleitet, und aus der allen besiegten Völkern eigentümlichen Ermüdung hervorgeht, sobald sie hoffen, daß ein anderer Führer sie vor dem Untergange und der Schande retten kann.

Dieser andere Führer, ganz bereit aufzutreten, ganz bereit sich mit Ludwig XIV. zu messen, so riesenhaft seine zukünftige Macht auch erscheinen mußte, war Wilhelm, Prinz von Oranien, Sohn Wilhelms II. und, durch Henriette Stuart, Enkel des Königs Karls I. von England, dieses schweigsame Kind, dessen Schatten man, wie wir schon gesagt haben, hinter der Statthalterschaft auftauchen sah.

Dieser junge Mann war im Jahre 1672 zweiundzwanzig Jahre alt. Johann von Witt war sein Lehrer gewesen und hatte ihn in der Absicht erzogen, aus diesem Prinzen von antikem Geiste einen guten Bürger zu machen. In seiner Liebe zum Vaterlande, die in ihm die Liebe zu seinem Zöglinge überwand, hatte er ihm durch das ewige Edikt die Hoffnung auf die Statthalterschaft genommen. Aber Gott hatte diese Anmaßung der Menschen, welche die Herrschaften der Erde, ohne den König des Himmels um Rat zu fragen, einrichten und vernichten, verlacht; und durch den Unbestand der Holländer und die Angst, welche Ludwig XIV. einflößte, hatte er die Politik des Großpensionärs abgeändert und durch Aufhebung des ewigen Edikts für Wilhelm von Oranien, auf den er seine noch in der geheimnisvollen Tiefe der Zukunft verborgenen Absichten setzte, die Statthalterschaft wiederhergestellt.

Der Großpensionär beugte sich vor dem Willen seiner Mitbürger; aber Cornelius von Witt war widerspenstiger, und obgleich ihn der orangistische Plebs, der ihn in seinem Hause zu Dordrecht belagerte, mit dem Tode bedrohte, weigerte er sich die Urkunde, welche die Statthalterschaft wiederherstellte, zu unterzeichnen.

Auf die dringenden Bitten seiner weinenden Frau unterzeichnete er endlich, aber nur indem er seinem Namen die beiden Buchstaben V. C., vi coactus, das heißt durch Gewalt gezwungen, hinzufügte.

Durch ein wahres Wunder entging er an jenem Tage den Angriffen seiner Feinde.

Was Johann von Witt anlangt, so war ihm seine schnellere und nachgiebigere Zustimmung zu dem Willen seiner Mitbürger auch nicht viel vorteilhafter. Einige Tage später war er das Opfer eines Mordversuches. Von Messerstichen durchbohrt, erlag er aber seinen Wunden nicht.

Damit war den Orangisten jedoch nicht gedient. Das Leben der beiden Brüder war für die Orangisten ein ewiges Hindernis; sie wechselten deshalb auf einen Augenblick ihre Taktik, wenn auch in der Absicht, im gegebenen Augenblicke die frühere wieder aufzunehmen, und suchten mit Hilfe der Verleumdung das zu vollenden, was sie durch den Dolch nicht hatten ausführen können.

Es ist ziemlich selten, daß im gegebenen Augenblick unter Gottes Zulassung ein großer Mann zur Ausführung einer großen That vorhanden ist, und deshalb zeichnet die Geschichte, sobald aus Zufall eine solche providentielle Kombination stattfindet, in demselben Augenblicke den Namen dieses auserwählten Mannes auf und empfiehlt ihn der Bewunderung der Nachwelt.

Sobald sich aber der Teufel in die menschlichen Angelegenheiten mischt, um eine Existenz zu Grunde zu richten oder ein Reich zu vernichten, so hat er fast immer sofort irgend ein elendes Wesen bei der Hand, dem er nur ein Wort ins Ohr zu flüstern braucht, damit sich dieses augenblicklich an die Arbeit macht.

Dieses elende Wesen, welches bei dieser Gelegenheit bereit war, dem bösen Geiste als Handlanger zu dienen, hieß, wie wir schon gesagt zu haben glauben, Tyckelaer, und war seinem Stande nach Wundarzt.

Er erklärte: voller Verzweiflung über die Aushebung des ewigen Edikts, wie er sie ja schon durch seine Randglosse zu erkennen gegeben hätte, und von Haß gegen Wilhelm von Oranien entflammt, hätte Cornelius von Witt einem Mörder den Auftrag gegeben, die Republik von dem neuen Statthalter zu befreien, und dieser Mörder wäre er, Tyckelaer, der, bei dem bloßen Gedanken an die von ihm verlangte That von Gewissensbissen gefoltert, das Verbrechen lieber eingestand als beging.

Nun stelle man sich den Ausbruch von Empörung vor, der sich bei der Nachricht von dieser Verschwörung unter den Orangisten erhob. Der Staatsanwalt ließ Cornelius den 16. August 1672 in seinem Hause verhaften. Der Deichhauptmann, der edle Bruder Johanns von Witt, erlitt in einem Zimmer zu Buytenhoff die ersten Grade der Folter, um ihm wie dem gemeinsten Verbrecher das Geständnis seines vermeintlichen Komplottes gegen Wilhelm zu entreißen.

Aber Cornelius war nicht allein ein großer Geist, sondern auch ein großes Herz. Er gehörte zu dieser Familie von Märtyrern, die, wie ihre Vorfahren den religiösen Glauben festgehalten hatten, auch den politischen Glauben festhalten und unter Qualen lächeln, und während der Folter sagte er mit fester Stimme und richtiger Betonung die erste Strophe der horazischen Ode » Justum et tenacem« her, gestand nichts und ermüdete nicht nur die Anstrengung, sondern auch den Fanatismus seiner Henker.

Trotzdem sprachen die Richter Tyckelaer von der Anklage frei und fällten gegen Cornelius ein Urteil, das ihn aller seiner Ämter und Würden entsetzte, während sie ihn zugleich zur Zahlung der Gerichtskosten und lebenslänglichen Verbannung aus dem Gebiete der Republik verurteilten.

Einigermaßen diente zur Befriedigung des Volkes, dessen Interessen sich Cornelius unaufhörlich gewidmet hatte, schon der Umstand, daß dieses Urteil nicht allein gegen einen Unschuldigen, sondern auch gegen einen großen Mitbürger gefällt war. Wie man jedoch sehen wird, reichte dies noch nicht aus.

Die Athener, die in Bezug auf Undankbarkeit einen ziemlich guten Ruf hinterlassen haben, standen in dieser Beziehung den Holländern nach. Sie begnügten sich damit Aristides zu verbannen.

Auf die erste Nachricht von der Anklage seines Bruders hatte Johann von Witt sein Amt als Großpensionär niedergelegt. Dieser erhielt einen ebenso würdigen Lohn für seine Aufopferung für das Land. Er nahm in sein Privatleben seinen Kummer und seine Wunden mit, den einzigen Nutzen, der redlichen Menschen, denen es zur Last fällt, in Selbstvergessenheit für ihr Vaterland gearbeitet zu haben, im allgemeinen zuteil wird.

Mittlerweile wartete Wilhelm von Oranien darauf, nicht ohne das Ereignis mit allen in seiner Macht stehenden Mitteln zu beschleunigen, daß ihm das Volk, dessen Abgott er war, aus dem Körper der beiden Brüder die beiden Stufen, deren er zur Besteigung des Statthaltersitzes bedurfte, errichtete.

Am 20. August 1672 lief also, wie wir am Anfange dieses Kapitels gesagt haben, die ganze Stadt nach Buytenhoff, um der Entlassung des verbannten Cornelius von Witt aus dem Gefängnisse beizuwohnen und zu sehen, welche Spuren die Folter an dem edlen Körper dieses Mannes, der seinen Horaz so gut auswendig wußte, zurückgelassen hatte.

Beeilen wir uns noch hinzuzufügen, daß diese ganze Menge, die sich nach Buytenhoff begab, nicht bloß in der unschuldigen Absicht hineilte, Zeugen eines Schauspieles zu sein, sondern daß auch viele in ihren Reihen die Absicht hatten, eine Rolle dabei zu spielen oder vielmehr bei der Ausführung eines Amtes, das ihnen schlecht erfüllt schien, eine Stelle zu übernehmen.

Wir meinen das Henkeramt.

Freilich gab es auch Andere, die in weniger feindlicher Absicht hineilten. Bei ihnen handelte es sich lediglich um dieses für die Menge stets anziehende Schauspiel, das ihrem instinktmäßigen Stolze schmeichelt, um das Schauspiel, den im Staube zu sehen, der so lange aufrecht stand.

War dieser Cornelius von Witt, dieser furchtlose Mann, sagte man sich, nicht im Gefängnis, nicht von der Folter entkräftet? Sollte man ihn nicht blaß, blutig, voller Scham sehen? War es nicht ein schöner Triumph für diese bürgerliche Welt, die noch weit neidischer als das gewöhnliche Volk ist, und an der jeder Spießbürger in Haag teilnehmen sollte?

Und wird man nicht, sagten sich die geschickt unter diese ganze Menge gemischten orangistischen Hetzer, die sie wie ein zugleich scharfes und leicht zu handhabendes Werkzeug zu benutzen gedachten, wird man dann nicht auch von Buytenhoff bis zum Stadtthore eine kleine Gelegenheit finden, diesen Deichhauptmann, der nicht allein dem Prinzen von Oranien die Statthalterschaft nur vi coactus zugestand, sondern ihn auch noch ermorden lassen wollte, etwas mit Kot und sogar mit einigen Steinen zu bewerfen?

Handelte man übrigens richtig und wäre man in Haag vernünftig, fügten die grimmigen Feinde Frankreichs hinzu, so dürfte man Cornelius von Witt nicht in die Verbannung gehen lassen, denn, erst einmal draußen, wird er alle seine Intriguen mit Frankreich wieder anspinnen und mit seinem Bruder Johann, diesem großen Verbrecher, von dem Golde des Marquis von Louvois leben.

Unter solchen Umständen ist bei den Zuschauern schon nicht mehr von bloßem Gehen, sondern schon eher von Traben die Rede. Aus diesem Grunde liefen die Einwohner Haags so schnell nach Buytenhoff hin.

Unter denen, die am meisten eilten, lief mit Wut im Herzen und ohne bestimmten Plan im Geiste der ehrenwerte Tyckelaer, von den Orangisten wie ein Held an Redlichkeit, Nationalehre und christlicher Barmherzigkeit umschwärmt.

Dieser brave Schurke erzählte, indem er seine Worte mit allen Blüten seines Geistes und allen Hilfsmitteln seiner Einbildungskraft ausschmückte, die Versuche, die Cornelius von Witt auf seine Tugend gemacht hatte, die Summen, die er ihm versprochen, und den im voraus geplanten höllischen Anschlag, um ihm, Tyckelaer, alle Schwierigkeiten des Mordes aus dem Wege zu räumen.

Und jeder Satz seiner vom Pöbel gierig aufgefangenen Rede erregte Geschrei begeisterter Liebe zu dem Prinzen Wilhelm und Rufe wilder Wut gegen die Brüder Witt.

Der Pöbel verwünschte diese ungerechten Richter, deren Urteil einen so abscheulichen Missethäter wie diesen Verbrecher Cornelius frisch und gesund entschlüpfen ließ.

Und einige Aufhetzer wiederholten mit leiser Stimme:

»Er wird abreisen! Er wird uns entgehen!«

Darauf antworteten andere:

»Ein Schiff erwartet ihn zu Scheveningen, ein französisches Schiff. Tyckelaer hat es gesehen.«

»Braver Tyckelaer, ehrlicher Tyckelaer!« rief das Volk im Chore.

»Und dazu kommt,« sagte eine Stimme, »daß sich während dieser Flucht des Cornelius auch der Johann, der kein weniger großer Verbrecher als sein Bruder ist, retten wird.«

»Und diese beiden Schufte werden in Frankreich unser Geld, das Geld für unsere an Ludwig XIV. verkauften Schiffe, Arsenäle und Werfte verzehren.«

»Hindern wir sie abzureisen!« rief die Stimme eines Patrioten, der den übrigen etwas voraus war.

»Nach dem Gefängnis, nach dem Gefängnis!« wiederholte der Chor.

Und nach diesem Geschrei liefen die Bürger noch schneller, luden die Musketen, schwenkten die Beile und blickten mit flammenden Augen um sich.

Gleichwohl wurde noch keine Gewaltthat begangen, und die Reihe der Reiter, welche die Zugänge zu Buytenhoff bewachte, blieb kalt, leidenschaftlos, schweigend und war durch ihre Kaltblütigkeit drohender als das ganze Bürgerpack durch sein Geschrei, seine Aufregung und seine ausgestoßenen Drohungen. Regungslos stand sie unter dem Blicke ihres Kommandeurs da, des obersten Befehlshabers der Reiterei zu Haag, der zwar sein Schwert gezogen, aber die Spitze nach dem Steigbügel hinab gesenkt hatte.

Diese Schar, der einzige Schutz, welcher das Gefängnis verteidigte, bändigte durch ihre Haltung nicht allein die zuchtlosen und lärmenden Volksmassen, sondern auch die Abteilung der Bürgergarde, die Buytenhoff gegenüber aufgestellt war, um in Gemeinschaft mit den Soldaten die Ordnung aufrecht zu erhalten. Unaufhörlich gab sie den Unruhstiftern das Beispiel zu aufrührerischem Geschrei, indem sie selbst rief:

»Es lebe Oranien! Nieder mit den Verrätern!«

Die Gegenwart Tillys und seiner Reiter war für alle diese Bürgersoldaten allerdings ein heilsamer Zügel; aber kurz darauf erhitzten sie sich durch ihr eigenes Geschrei, und da sie nicht begriffen, daß man ohne Mut zu haben schreien konnte, legten sie das Schweigen der Reiter als Feigheit aus und rückten näher an das Gefängnis heran, wobei sie den ganzen Volksschwarm hinter sich herzogen.

Nun aber ritt der Graf von Tilly allein auf sie zu, erhob nur seinen Degen mit gerunzelter Stirn und fragte:

»Weshalb rückt ihr vor, meine Herren Bürgergardisten, und was wünscht ihr?«

»Es lebe Oranien! Tod den Verrätern!«

»Es lebe Oranien! Mag es sein!« sagte Herr von Tilly, »obgleich mir heitere Gesichter lieber als unfreundliche sind. Tod den Verrätern meinetwegen, so lange ihr es nur durch euer Geschrei verlangt. Schreit, so lange es euch Spaß macht: Tod den Verrätern! Sobald ihr sie aber wirklich töten wollt, so bin ich hier, um es zu verhindern, und werde es verhindern.«

Darauf kehrte er sich zu seinen Soldaten um und kommandierte:

»Gewehr auf!«

Tillys Soldaten gehorchten mit einer ruhigen Sicherheit, während die erschrockenen Bürger und das Volk mit einer Bestürzung, welche dem Befehlshaber der Reiterei ein Lächeln entlockte, zurückwichen.

»Nun, nun!« sagte er mit jenem spöttischen Tone, der nur Soldaten eigen ist, »beruhigt euch, Bürger; meine Soldaten werden keinen Pistolenschuß thun, sobald ihr dem Gefängnis keinen Schritt näher rückt.«

»Wissen Sie wohl, Herr Offizier, daß wir Musketen haben?« sagte ganz wütend der Kommandant der Bürger.

»Ich sehe es wahrhaftig, daß ihr Musketen habt,« versetzte Tilly, »ihr laßt sie mir ja hell genug vor Augen blinken, bemerkt aber auch ihr eurerseits, daß wir Pistolen haben, daß die Pistole bis auf fünfzig Schritt bewunderungsvoll sicher trifft, und daß ihr nur fünfundzwanzig entfernt seid.«

»Tod den Verrätern!« schrie die Bürgercompagnie erbittert.

»Ei was, ihr sagt immer dasselbe,« brummte der Offizier, »das ist ermüdend!«

Er nahm seine Stelle wieder an der Spitze der Truppe ein, während das Gewühl um Buytenhoff immer mehr zunahm.

Und doch wußte das erhitzte Volk nicht, daß in demselben Augenblicke, wo es nach dem Blute eines seiner Schlachtopfer lechzte, das andere, als hätte es Eile, seinem Schicksale entgegenzugehen, hundert Schritte von dem Platze hinter den Volksmassen und den Reitern vorüberzog, um sich nach Buytenhoff zu begeben.

Wirklich war Johann von Witt soeben mit einem Diener aus einer Kutsche gestiegen und schritt ruhig zu Fuß durch den Vorhof, der vor dem Gefängnisse liegt.

Er hatte sich dem Gefängniswärter, der ihn übrigens kannte, genannt und sagte:

»Guten Tag, Gryphus; ich komme, um meinen Bruder Cornelius von Witt, der, wie du weißt, zur Verbannung verurteilt ist, abzuholen und aus der Stadt zu bringen.«

Und der Gefängniswärter, eine Art zum Öffnen und Verschließen der Gefängnisthür abgerichteter Bär, hatte ihn begrüßt und in das Gefängnis eintreten lassen, dessen Thüren sich darauf hinter ihm geschlossen hatten.

Zehn Schritte von dort war er einem hübschen jungen Mädchen von siebenzehn bis achtzehn Jahren in friesischer Tracht begegnet, das ihm eine reizende Verbeugung gemacht hatte. Liebkosend hatte er ihr die Hand unter das Kinn gelegt und gesagt:

»Guten Tag, meine liebe, hübsche Rosa; wie geht es meinem Bruder?«

»O, Herr Johann,« hatte das junge Mädchen geantwortet, »nicht um des Übels willen, das man ihm zugefügt hat, bin ich seinetwegen besorgt: das Übel, das man ihm zugefügt hat, ist vorbei.«

»Was fürchtest du denn, mein Töchterchen?«

»Ich fürchte das Übel, das man ihm zufügen will, Herr Johann.«

»Ach ja,« versetzte von Witt, »dieses Volk da draußen, nicht wahr?«

»Hören Sie es?«

»Es ist in der That sehr erregt; aber wenn es uns sieht, wird es sich vielleicht, da wir ihm immer nur Gutes gethan haben, beruhigen.«

»Leider hat es auch keinen Grund,« murmelte das junge Mädchen, während es sich entfernte, um einem gebieterischen Winke, den ihm sein Vater gegeben hatte, zu gehorchen.

»Nein, mein Kind, nein, du redest die Wahrheit.«

Darauf setzte er den Weg fort und murmelte:

»Das ist nun ein junges Mädchen, das wahrscheinlich nicht lesen kann und folglich nichts gelesen hat und soeben die ganze Weltgeschichte in einem einzigen Worte zusammenfaßte.«

Und immer noch gleich ruhig, aber schwermütiger als bei seinem Eintritt setzte der Exgroßpensionär seinen Weg nach dem Zimmer seines Bruders fort.

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