Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alexandre Dumas (der Ältere) >

Die schwarze Tulpe

Alexandre Dumas (der Ältere): Die schwarze Tulpe - Kapitel 19
Quellenangabe
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie schwarze Tulpe
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorH. Meerholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160922
projectid373613d8
Schließen

Navigation:

18.
Rosas Anbeter

Kaum hatte Rosa Cornelius diese Trostworte zugeflüstert, als man auf der Treppe eine Stimme vernahm, die Gryphus fragte, was vorgefallen wäre.

»Hören Sie, mein Vater?« sagte Rosa.

»Was giebt es denn?«

»Herr Jakob ruft Sie. Er ist besorgt.«

»Ja, ja, es hat Lärm gegeben,« erwiderte Gryphus. »Hätte man nicht glauben sollen, er wollte mich ermorden, dieser Gelehrte! Ach, wie viel Unannehmlichkeiten bereiten einem immer die Gelehrten!«

Darauf zeigte er mit dem Finger nach der Treppe und sagte zu Rosa:

»Voran nun, mein Fräulein!«

Und die Thüre schließend, rief er hinab:

»Ich komme schon, Freund Jakob.«

Und Gryphus ging hinaus, indem er Rosa mitnahm und den armen Cornelius in seiner Einsamkeit und in seinem bitteren Schmerze zurückließ.

»O,« stöhnte van Baerle, »du hast mich getötet, alter Henker. Das werde ich nicht überleben!«

Und wirklich wäre der arme Gefangene ohne das Gegengewicht, das die Vorsehung seinem Leben in Rosa gegeben hatte, gewiß schwer erkrankt.

Am Abend kam das junge Mädchen wieder.

Rosas erstes Wort war die Mitteilung, ihr Vater hätte von jetzt an nichts mehr dagegen, daß Cornelius Blumen zöge.

»Und woher wissen Sie das?« fragte der Gefangene das junge Mädchen mit schmerzlicher Miene.

»Ich weiß es, weil er es gesagt hat.«

»Etwa um mich zu hintergehen?«

»Nein, es thut ihm leid.«

»Ach, leider zu spät.«

»Diese Reue ist ihm nicht von selbst gekommen.«

»Und was hat sie in ihm geweckt?«

»Wenn Sie wüßten, wie sehr sein Freund ihn ausschilt!«

»Ach, der Herr Jakob! Er läuft Ihnen also überall nach, der Herr Jakob?«

»Wenigstens läuft er ihm nach, so viel er kann.«

Und sie lächelte in einer solchen Weise, daß die kleine Wolke von Eifersucht, die sich drohend auf seiner Stirn zusammengezogen hatte, verschwand.

»Wie ist das zugegangen?« fragte der Gefangene.

»Ei, von seinem Freunde gefragt, erzählte mein Vater beim Abendbrote die Geschichte mit der Tulpe oder vielmehr mit der Brutzwiebel und die schöne That, die er durch ihre Vernichtung begangen hätte.«

Cornelius stieß einen Seufzer aus, der als ein klagendes Zugeständnis gelten konnte.

»Hätten Sie in diesem Augenblicke Meister Jakob sehen können!« fuhr Rosa fort. »Wahrlich, ich glaubte, er würde das alte Schloß in Brand stecken, so glühten seine Augen. Seine Haare sträubten sich, einen Augenblick glaubte ich, er wollte meinen Vater erdrosseln. – ›Das haben Sie gethan?‹ rief er, ›Sie haben die Zwiebel zertreten‹? – ›Gewiß,‹ versetzte mein Vater. – ›Das ist schändlich,‹ fuhr er fort, ›das ist niederträchtig, Sie haben ein vollkommenes Verbrechen begangen!‹ heulte Jakob.«

»Mein Vater geriet in Erstaunen.«

»›Sind Sie denn auch verrückt geworden?‹ fragte er seinen Freund.«

»Ach, was für ein würdiger Mann ist dieser Jakob!« murmelte Cornelius; »ein redliches Herz, eine vortreffliche Seele.«

»Thatsache ist, daß er meinen Vater über alle Beschreibung grausam behandelt hat, er geriet in förmliche Verzweiflung; unaufhörlich wiederholte er: ›Zertreten, die Brutzwiebel zertreten! O, mein Gott, mein Gott, zertreten!‹«

»Darauf wandte er sich an mich und fragte:

›War das nicht die einzige, die er hatte?‹«

»Das fragte er?« versetzte Cornelius, die Ohren spitzend.

»›Sie glauben, daß dies nicht die einzige war?‹ sagte mein Vater. ›Gut, man wird die andern suchen.‹«

»›Sie wollen die andern suchen!‹ rief Jakob und packte meinen Vater am Kragen, aber sofort ließ er ihn wieder los.«

»Darauf drehte er sich zu mir um und fragte:

›Und was hat der arme junge Mann gesagt?‹«

»Ich wußte nicht, was ich sagen sollte; Sie hatten mir ausdrücklich anempfohlen, nie das Interesse, das Sie an dieser Brutzwiebel nähmen, ahnen zu lassen. Zum Glück zog mich mein Vater aus der Verlegenheit.«

»›Was er gesagt hat? ... Er schäumte vor Wut.‹«

»Ich unterbrach ihn.«

»Wie sollte er nicht wütend sein, sagte ich, da Sie so ungerecht und so roh waren.«

»›Bist du närrisch?‹ rief mein Vater seinerseits. ›Ein schönes Unglück, eine Tulpenknolle zu zertreten. Zu Gorkum kauft man auf dem Markte Hunderte für einen Gulden.‹«

»Aber vielleicht weniger kostbare als diese, erwiderte ich leider.«

»Und wie benahm er, Jakob, sich bei diesen Worten?« fragte Cornelius.

»Ich muß offen gestehen, bei diesen Worten schien sein Auge aufzublitzen.«

»Ei ja,« entgegnete Cornelius, »aber dies war doch noch nicht alles; sagte er nicht etwas?«

»›Also halten Sie diese Zwiebel für kostbar, schöne Rosa?‹ fragte er mit honigsüßer Stimme.«

»Ich sah ein, daß ich einen Fehler begangen hatte.«

»Was weiß ich? antwortete ich gleichgiltig; verstehe ich mich etwa auf Tulpen? Da wir dazu verurteilt sind, mit Gefangenen zusammen zu leben, so weiß ich nur, daß für den Gefangenen jeder Zeitvertreib seinen Wert hat. Dieser arme Herr van Baerle hatte seine Freude an diesem Knollen. Deshalb erkläre ich es für Grausamkeit, ihm diese Freude zu rauben.«

»›Aber zunächst,‹ sagte mein Vater, ›handelt es sich darum, wie er sich diesen Knollen verschafft hatte? Das müßte man, wie mir scheint, vor allen Dingen zu erfahren suchen.‹«

»Ich wandte die Augen ab, um den Blick meines Vaters zu vermeiden. Allein ich begegnete den Augen Jakobs.«

»Man hätte meinen sollen, daß er meinen Gedanken bis in die Tiefe meines Herzens folgen wollte.«

»Eine unmutige Bewegung macht oft eine Antwort überflüssig. Ich zuckte die Achseln, drehte ihm den Rücken zu und ging nach der Thür.«

»Aber ein Wort, das ich hörte, so leise es auch gesprochen wurde, hielt mich zurück.«

»Jakob sagte zu meinem Vater:

›Potztausend, davon kann man sich doch leicht überzeugen.‹«

»›Man muß ihn durchsuchen, und wenn er die anderen Brutzwiebeln hat, werden wir sie finden.«

»›Ja, gewöhnlich giebt es immer drei.‹«

»Es giebt immer drei!« rief Cornelius. »Er sagte, ich hätte drei Zwiebeln.«

»Wie Sie sich denken können, war mir das Wort ebenso auffallend wie Ihnen. Ich kehrte mich um.«

»Sie waren beide so beschäftigt, daß sie meine Bewegung nicht wahrnahmen.«

»›Aber,‹ sagte mein Vater, ›vielleicht hat er seine Knollen nicht bei sich.‹«

»›Lassen Sie ihn unter irgend einem Vorwande hinabkommen, während dieser Zeit werde ich sein Zimmer durchsuchen?‹«

»O, o!« sagte Cornelius. »Ihr Herr Jakob ist ein schlechter Mensch.«

»Ich befürchte es.«

»Sagen Sie mir, Rosa ...« fuhr Cornelius ganz nachdenkend fort.

»Was?«

»Erzählten Sie mir nicht, daß Ihnen dieser Mensch an dem Tage, wo Sie Ihre Rabatte bestellten, nachgegangen war?«

»Ja.«

»Daß er sich wie ein Schatten hinter die Holundersträucher geschlichen hätte?«

»Gewiß.«

»Daß er keinen Spatenstich aus den Augen gelassen hätte?«

»Nicht einen.«

»Rosa ...« rief Cornelius erblassend.

»Nun!«

»Nicht Ihnen war er nachgegangen.«

»Wem ging er dann nach?«

»Nicht in Sie ist er verliebt ...«

»In wen denn sonst?«

»Meiner Zwiebel ging er nach; in meine Tulpe ist er verliebt.«

»Sollte das möglich sein!« rief Rosa.

»Wollen Sie sich davon überzeugen?«

»Wie soll ich es anfangen?«

»O, das ist sehr leicht!«

»Reden Sie.«

»Gehen Sie morgen in den Garten; bemühen Sie sich, daß Jakob wie das erstemal erfährt, daß Sie hineingehen; bemühen Sie sich, daß er Ihnen wie das erstemal nachschleicht; stellen Sie sich, als ob Sie die Brutzwiebel einpflanzten; behalten Sie den Garten, wenn Sie ihn verlassen haben, durch die Thür im Auge, und Sie werden sehen, was er thut.«

»Was dann?«

»Dann machen wir es so wie er.«

»Ach,« sagte Rosa und stieß einen Seufzer aus, »wie sehr müssen Sie Ihre Knollen lieben!«

»So viel ist allerdings sicher,« versetzte der Gefangene seufzend, »seitdem Ihr Vater diese unglückselige Zwiebel zertreten hat, kommt mir ein Teil meines Lebens wie gelähmt vor.«

»Wollen Sie nicht noch einen anderen Versuch machen?« fragte Rosa.

»Was für einen?«

»Wollen Sie nicht den Vorschlag meines Vaters annehmen?«

»Welchen Vorschlag?«

»Er hat Ihnen Tulpenzwiebeln hundertweise angeboten.«

»Das ist richtig.«

»Nehmen Sie also zwei oder drei an, und unter diesen zwei oder drei Knollen können Sie dann die dritte Brutzwiebel großziehen.«

»Das ginge an,« erwiderte Cornelius mit gerunzelter Stirn, »wenn Ihr Vater allein wäre; allein dieser Andere, dieser Jakob, der uns ausspioniert ...«

»Ach Sie haben Recht; überlegen Sie indessen! Sie berauben sich dadurch, wie mir scheint, einer großen Zerstreuung.«

Und sie sprach diese Worte mit einem Lächeln aus, das von Ironie nicht völlig frei war.

Wirklich überlegte Cornelius einen Augenblick; man konnte leicht sehen, daß er gegen eine große Sehnsucht kämpfte.

»Nein,« rief er endlich mit einer wahrhaft großartigen Standhaftigkeit, »es wäre eine Schwäche, es wäre eine Tollheit, es wäre eine Feigheit, wenn ich auf solche Weise das letzte Hilfsmittel, das uns noch bleibt, allen möglichen Wechselfällen des Neides und der Mißgunst aussetzen wollte; ich verdiente wahrlich keine Verzeihung. Nein, Rosa, nein, morgen wollen wir in Bezug auf Ihre Tulpe einen Entschluß fassen; Sie müssen sie nach meinen Anweisungen ziehen. Und was die dritte Brutzwiebel anlangt,« – Cornelius seufzte tief auf – »was die dritte anlangt, so bewahren Sie sie in Ihrem Schranke; bewahren Sie sie, wie der Geizige sein erstes oder sein letztes Goldstück, wie die Mutter ihren Sohn, wie der Verwundete seinen letzten Blutstropfen in seinen Adern bewahrt. Bewahren Sie sie; etwas sagt mir, daß unser Heil, unser Reichtum darauf beruht. Schwören Sie mir, Rosa, daß Sie, sollte Feuer vom Himmel auf Löwenstein herabfallen, statt Ihrer Ringe, statt Ihrer Kostbarkeiten, statt Ihrer goldenen Haube, die Ihr reizendes Gesichtchen so hübsch umgiebt, schwören Sie mir, Rosa, daß Sie diese letzte Zwiebel, die meine schwarze Tulpe in sich birgt, mit hinausnehmen.«

»Seien sie unbesorgt, Herr Cornelius,« sagte Rosa mit einer eigentümlichen Mischung von Traurigkeit und Förmlichkeit; »seien Sie unbesorgt, Ihre Wünsche sind für mich Befehle.«

»Und sollten Sie gewahren,« fuhr der junge Mann fort, indem er in immer größere Hitze geriet, »daß Sie verfolgt und Ihre Schritte belauscht werden, daß Ihre Unterredungen den Verdacht Ihres Vaters oder dieses abscheulichen Jakobs, den ich verabscheue, erwecken, so opfern Sie mich sofort, Rosa, mich, der ich nur noch für Sie lebe, der ich Sie allein in der Welt habe, opfern Sie mich, besuchen Sie mich nicht mehr.«

Rosa fühlte, wie sich ihr Herz in ihrer Brust zusammenschnürte; Thränen traten ihr in die Augen.

»Ach!« seufzte sie.

»Was giebt es denn?« fragte Cornelius.

»Ich sehe etwas.«

»Was sehen Sie denn?«

»Ich sehe,« sagte das junge Mädchen und brach in Schluchzen aus, »ich sehe, daß Sie die Tulpen so sehr lieben, daß für eine andere Liebe kein Raum mehr in Ihrem Herzen ist.«

Und sie entfloh.

Nach der Entfernung des jungen Mädchens verlebte Cornelius eine der schlimmsten Nächte, die er je zugebracht hatte.

Rosa war ärgerlich auf ihn, und sie hatte Recht. Vielleicht sollte sie den Gefangenen nicht mehr aufsuchen, und dann konnte er weder von ihr, noch von seinen Tulpen etwas erfahren.

Wie sollen wir jetzt diesen seltsamen Charakter der echten Tulpenzüchter, wie sie noch heute in der Welt vorkommen, erklären!

Zur Schande unseres Helden und der Gartenkunst gestehen wir, daß sich Cornelius am meisten geneigt fühlte, unter seiner doppelten Liebe die zu Rosa am meisten zu beklagen; und als er vor Müdigkeit erschöpft, von Furcht geplagt, von Gewissensbissen gequält, gegen drei Uhr morgens einschlief, trat die berühmte schwarze Tulpe in seinen Träumen den freundlichen blauen Augen der blonden Friesin den ersten Rang ab.

 << Kapitel 18  Kapitel 20 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.