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Die schwarze Tulpe

Alexandre Dumas (der Ältere): Die schwarze Tulpe - Kapitel 16
Quellenangabe
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie schwarze Tulpe
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorH. Meerholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160922
projectid373613d8
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15.
Der Schalter

Gryphus wurde von dem Bullenbeißer begleitet.

Er ließ ihn die Runde machen, damit er die Gefangenen bei gegebener Gelegenheit erkennen könnte.

»Das hier, mein Vater,« sagte Rosa, »ist das berüchtigte Zimmer, aus dem Herr Grotius entwichen ist; Sie kennen ja den Herrn Grotius?«

»Ja, ja, diesen schuftigen Grotius. Er war ein Freund dieses Verbrechers Barneveldt, den ich in meiner Jugend hinrichten sah. Grotius, ha, ha! Also aus diesem Zimmer ist er entwichen. Nun, ich bürge dafür, daß nach ihm niemand daraus entweichen soll.«

Und indem er die Thür öffnete, begann er im Dunkeln sein Gespräch mit dem Gefangenen.

Knurrend beschnüffelte der Hund die Waden des Gefangenen, als ob er ihn fragen wollte, mit welchem Rechte er noch nicht tot wäre, nachdem er ihn doch zwischen dem Gerichtsschreiber und dem Henker hätte hinausgehen sehen.

Aber die schöne Rosa rief ihn, und der Bullenbeißer kam zu ihr.

In dem Bestreben ein wenig Licht um sich zu verbreiten, erhob Gryphus seine Laterne und sagte: »Sie sehen Ihren neuen Kerkermeister in mir, mein Herr. Ich bin der Vorgesetzte aller Beschließer und habe die Zimmer unter meiner Aufsicht. Ich bin nicht schlecht, wohl aber in allen Stücken, welche die Disziplin betreffen, unbeugsam.«

»O, ich kenne Sie schon vollständig, mein lieber Herr Gryphus,« sagte der Gefangene, indem er in den Lichtkreis, welchen die Laterne um sich verbreitete, hineintrat.

»Ei der Tausend, Sie sind es, Herr van Baerle,« versetzte Gryphus; »sieh, sieh, wie man sich doch begegnet.«

»Ja, und zu meinem großen Vergnügen, mein lieber Herr Gryphus, sehe ich, daß sich Ihr Arm vortrefflich befindet, da Sie mit diesem Arme eine Laterne halten.«

Gryphus runzelte die Stirn.

»In der Politik macht man doch immer Fehler,« sagte er. »Seine Hoheit hat Ihnen das Leben gelassen, ich hätte es nicht gethan.«

»Ei, und weshalb denn?« fragte Cornelius.

»Weil Sie der Mann dazu sind, von neuem Verschwörungen anzustiften; Sie Gelehrte stehen mit dem Teufel im Bunde.«

»Potztausend, Meister Gryphus, sind Sie etwa über die Art, wie ich Ihnen Ihren Arm wiederhergestellt, oder über den Preis, den ich Ihnen dafür abgefordert habe, unzufrieden?« fragte Cornelius lachend.

»Nein, gerade im Gegenteile,« fluchte der Kerkermeister, »Sie haben mir den Arm zu gut wieder hergestellt; es kommt Zauberei dabei mit vor; nach sechs Wochen gebrauchte ich ihn schon wieder, als ob ihm gar nichts widerfahren wäre! Unter solchen Umständen wollte ihn mir der Arzt, unter dem der Buytenhoff steht und der sein Geschäft versteht, noch einmal brechen, um ihn mir regelrecht zu heilen, und versprach mir, diesmal sollte ich ihn drei Monate nicht gebrauchen können.«

»Und Sie haben es nicht angenommen?«

»Ich sagte nein. So lange ich das Kreuz mit dem andern Arme schlagen kann,« – Gryphus war Katholik, – »so lange werde ich es thun; ich mache mir aus dem Teufel nichts.«

»Aber wenn Sie sich aus dem Teufel nichts machen, Meister Gryphus, so brauchen Sie sich aus den Gelehrten erst recht nichts zu machen.«

»O, die unseligen Gelehrten!« rief Gryphus, ohne auf die Unterbrechung zu antworten; »lieber möchte ich zehn Soldaten als einen einzigen Gelehrten zu bewachen haben. Die Soldaten rauchen, trinken, betrinken sich; giebt man ihnen Branntwein oder Maaswein, so sind sie sanft wie Lämmer. Aber ein Gelehrter sollte rauchen, trinken und sich betrinken! Der ist nüchtern, giebt nichts aus und hält seinen Kopf zum Verschwören frei. Aber ich mache Sie von vornherein darauf aufmerksam, daß Ihnen Verschwörungen nicht leicht fallen sollen. Zunächst giebt es keine Bücher, kein Papier, kein Zauberbuch. Mit Hilfe der Bücher ist Herr Grotius entwischt.«

»Ich versichere Sie, Meister Gryphus: hatte ich je einen Augenblick die Idee zu entfliehen, so habe ich sie jetzt sicherlich völlig aufgegeben.«

»Gut, gut!« entgegnete Gryphus, »wachen Sie über sich, ich werde es gleichfalls thun. Mag es sein, wie es will, Seine Hoheit hat einen schweren Fehler begangen.«

»Dadurch daß er mir den Kopf nicht abschlagen ließ? ... Besten Dank, Meister Gryphus.«

»So ist es. Sehen Sie, die Herren von Witt verhalten sich jetzt ganz ruhig.«

»Was Sie da sagen, ist gräßlich, Herr Gryphus,« sagte van Baerle und wandte sich ab, um seinen Abscheu zu verbergen. »Sie vergessen, daß der eine dieser Unglücklichen mein Freund und der andere mein zweiter Vater ist.«

»Ja, aber ich bin dessen eingedenk, daß beide Verschwörer sind. Und dann spreche ich aus Menschenliebe so.«

»Ei, wahrhaftig, erklären Sie mir das doch ein wenig, lieber Herr Gryphus, ich verstehe Sie nicht.«

»Gern. Wären Sie auf dem Block des Meisters Harbrock geblieben ...«

»Nun?«

»Nun, so litten Sie nicht mehr; während ich Ihnen nicht verberge, daß ich Ihnen hier das Leben sehr hart machen werde.«

»Dank für das Versprechen, Meister Gryphus.«

Und während der Gefangene dem alten Kerkermeister fröhlich zulächelte, antwortete ihm Rosa hinter der Thür mit einem Lächeln voll engelgleichen Trostes.

Gryphus ging auf das Fenster zu.

Es war noch hell genug, daß man den ungeheuer weiten Horizont, der sich in einen grauen Nebel verlor, wahrnahm, ohne ihn unterscheiden zu können.

»Was für eine Aussicht hat man von hier?« fragte der Kerkermeister.

»O, eine sehr schöne,« versetzte Cornelius, indem er Rosa betrachtete.

»Ja, ja, zu viel Aussicht, zu viel Aussicht.«

Durch den Anblick und namentlich durch die Stimme dieses Unbekannten aufgescheucht, flogen die beiden Tauben in diesem Augenblicke aus ihrem Neste und verschwanden ganz erschreckt im Nebel.

»O, o, was hat das zu bedeuten?« fragte der Kerkermeister.

»Das waren meine Tauben,« versetzte Cornelius.

»Meine Tauben!« rief der Kerkermeister, »meine Tauben! Hat etwa ein Gefangener Eigentum?«

»Dann,« sagte Cornelius, »die Tauben, die mir der liebe Gott geliehen hat.«

»Das wäre schon eine Übertretung,« entgegnete Gryphus. »Tauben! Ach junger Mann, junger Mann, lassen Sie es sich gesagt sein, schon morgen sollen diese Vögel in meinem Fleischtopfe kochen.«

»Erst müßten Sie sie wenigstens haben, Meister Gryphus,« erwiderte van Baerle. »Sie wollen nicht, daß es meine Tauben sind. Gut, aber ich schwöre Ihnen, daß es noch weit weniger die Ihrigen sind.«

»Aufgeschoben ist nicht aufgehoben,« fluchte der Kerkermeister, »und spätestens morgen drehe ich ihnen den Hals um.«

Und während er Cornelius dieses schändliche Versprechen ablegte, beugte sich Gryphus nach draußen hinaus, um die Bauart des Nestes zu untersuchen. Das gewährte van Baerle die Zeit, nach der Thür zu eilen und Rosa die Hand zu drücken. Sie flüsterte ihm zu:

»Heute Abend um neun Uhr.«

Ganz von dem Verlangen beseelt, die Tauben, wie er versprochen hatte, am nächsten Tage zu fangen, sah und hörte Gryphus nichts, und als er das Fenster zugemacht hatte, ergriff er seine Tochter am Arme, ging hinaus, schloß doppelt zu, schob die Riegel vor und ging, um einem anderen Gefangenen gleiche Versprechen zu machen.

Kaum war er verschwunden, so näherte sich Cornelius der Thür, um auf das Geräusch der sich entfernenden Schritte zu lauschen; dann eilte er, als es verhallt war, auf das Fenster zu und zerstörte das Taubennest von Grund aus.

Lieber wollte er seine Tauben für immer von sich scheuchen, als diese niedlichen Boten, denen er das Glück, Rosa wieder gesehen zu haben, verdankte, der Todesgefahr aussetzen.

Dieser Besuch des Kerkermeisters, seine schändlichen Drohungen, die düstere Aussicht auf seine Bewachung, deren vielfache Übertretungen er kannte, nichts von dem allen konnte Cornelius von den frohen Gedanken und namentlich von der frohen Hoffnung, die Rosas Erscheinen in ihm erweckt hatte, abziehen.

Ungeduldig wartete er, daß die Uhr auf Löwensteins Turme neun schlagen sollte.

Rosa hatte gesagt: »Erwarten Sie mich um neun Uhr.«

Der letzte eiserne Schlag tönte noch in der Luft, als Cornelius schon auf der Treppe den leichten Schritt und das Rauschen des faltigen Gewandes der schönen Friesin vernahm, und bald erhellte sich das Gitter der Thür, auf das Cornelius seine Blicke sehnsuchtsvoll gerichtet hatte.

Der Schalter öffnete sich nach außen.

»Da bin ich,« rief Rosa noch ganz atemlos vom Treppensteigen, »da bin ich!«

»O, gute Rosa!«

»Sie freuen sich also, mich zu sehen?«

»Sie fragen noch! Aber wie haben Sie es angestellt, um zu kommen. Erzählen Sie.«

»Hören Sie: mein Vater schläft jeden Abend fast unmittelbar nach dem Abendessen ein; dann lege ich ihn, vom Wachholderbranntwein etwas angetrunken, zu Bett; sagen Sie niemandem etwas davon, denn Dank diesem Schlafe, werde ich jeden Abend eine Stunde mit Ihnen plaudern können.«

»O, ich danke Ihnen, Rosa, liebe Rosa.«

Und während er diese Worte sagte, drückte Cornelius sein Gesicht so nahe an den Schalter, daß Rosa das ihrige zurückzog.

»Ich habe Ihnen Ihre Tulpenzwiebeln mitgebracht,« sagte sie.

Cornelius Herz hüpfte vor Freude. Noch hatte er nicht gewagt, Rosa zu fragen, was sie mit dem köstlichen Schatze, den er ihr anvertraut, angefangen hatte.

»Ach, Sie haben sie also aufbewahrt?«

»Hatten Sie sie mir denn nicht als ein Gut gegeben, das Ihnen teuer war?«

»Ja, aber sie scheinen mir nur Ihr Eigentum zu sein, da ich sie Ihnen geschenkt hatte.«

»Nach Ihrem Tode gehörten Sie mir, und jetzt sind Sie glücklicherweise noch am Leben. Ach, wie habe ich Seine Hoheit gepriesen! Wenn Gott dem Prinzen Wilhelm all das Glück gewährte, das ich ihm gewünscht habe, so wird der König Wilhelm sicherlich nicht allein der glücklichste Mensch seines Königreiches, sondern auch der ganzen Erde werden. Sie waren am Leben, sage ich, und wie ich die Bibel Ihres Paten Cornelius aufbewahrte, war ich auch entschlossen, Ihnen Ihre Zwiebeln zurückzubringen; nur wußte ich nicht, wie ich es anfangen sollte. Ich hatte schon den Entschluß gefaßt, den Statthalter um die Gorkumer Kerkermeisterstelle für meinen Vater zu bitten, als mir Ihre Amme Ihren Brief brachte. Ach, ich kann Sie versichern, wir haben da beide bitterlich zusammen geweint. Aber Ihr Brief bestärkte mich nur in meinem Entschlusse. Ich reiste nun nach Leyden und das übrige wissen Sie.«

»Wie, liebe Rosa,« versetzte Cornelius, »Sie dachten schon vor Empfang meines Briefes daran, unsere Wiedervereinigung herbeizuführen?«

»Ob ich daran dachte!« erwiderte Rosa, bei der die Liebe ihre Scham überwand; »o, ich dachte nur daran!«

Als sie diese Worte sprach, wurde Rosa so schön, daß Cornelius zum zweitenmale schnell seine Stirn und seine Lippen gegen das Gitter drückte, und zwar sicherlich, um dem schönen jungen Mädchen zu danken.

Wie das erstemal trat Rosa zurück.

»Wirklich,« sagte sie mit jener Koketterie, die sich in dem Herzen jedes jungen Mädchens regt, »wirklich habe ich oft bedauert, daß ich nicht lesen kann; aber nie so sehr und in der Weise wie damals, als mir Ihre Amme Ihren Brief brachte; da hielt ich in meiner Hand diesen Brief, der für andere beredt und für mich armes unwissendes Mädchen stumm war.«

»Sie haben oft bedauert, daß Sie nicht lesen können?« fragte Cornelius, »und bei welcher Gelegenheit?«

»Potztausend,« sagte das junge Mädchen lachend, »um alle Briefe zu lesen, die man an mich schrieb.«

»Sie erhielten Briefe, Rosa?«

»Zu Hunderten.«

»Aber wer schrieb denn an Sie?«

»Wer an mich schrieb? Da kamen zuerst alle Studenten, die über den Buytenhoff gingen, alle Offiziere, die auf dem Waffenplatze zu thun hatten, alle Buchhalter und selbst die Kaufleute, die mich an meinem kleinen Fenster sahen.«

»Und was machten Sie mit all diesen Briefen, liebe Rosa?«

»Früher ließ ich sie mir von irgend einer Freundin vorlesen,« versetzte sie, »und das machte mir viel Spaß; aber was soll ich seit einer gewissen Zeit mich noch erst mit Anhören aller dieser Dummheiten befassen? Seit einer gewissen Zeit verbrenne ich sie.«

»Seit einer gewissen Zeit!« rief Cornelius mit einem von Liebe und zugleich von Freude verwirrten Blicke.

Errötend schlug Rosa die Augen nieder.

So sah sie nicht, wie sich Cornelius' Lippen abermals näherten, aber auch diesmal nur das Gitter trafen. Trotz dieses Hindernisses sandten sie jedoch den glühenden Hauch des zärtlichsten Kusses bis zu den Lippen des jungen Mädchens.

Bei dieser Glut, die ihre Lippe verbrannte, wurde Rosa ebenso blaß, ja vielleicht noch blässer als auf dem Buytenhoff am Tage der Hinrichtung. Sie stieß einen klagenden Seufzer aus, schloß ihre schönen Augen und entfloh mit pochendem Herzen, wobei sie vergeblich versuchte, das ungestüme Pochen ihres Herzens mit ihrer Hand zu bändigen. Allein geblieben, mußte Cornelius noch immer den süßen Duft der Haare Rosas einatmen, der wie gefangen zwischen dem Gitter zurückgeblieben war.

Rosa war so schnell entflohen, daß sie vergessen hatte, Cornelius die drei Brutzwiebeln zu der schwarzen Tulpe zu übergeben.

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