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Die schwarze Tulpe

Alexandre Dumas (der Ältere): Die schwarze Tulpe - Kapitel 11
Quellenangabe
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie schwarze Tulpe
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorH. Meerholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160922
projectid373613d8
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10.
Die Tochter des Kerkermeisters

Als Gryphus am Abende desselben Tages dem Gefangenen das Essen brachte, glitschte er beim Öffnen der Gefängnisthür aus und fiel, trotzdem er sich aufrecht zu erhalten suchte, hin. Da er die Hand ungeschickt vorhielt, brach er sich den Arm dicht über dem Handgelenk.

Cornelius machte eine Bewegung auf ihn zu. Da aber Gryphus die Gefährlichkeit des Unfalles nicht vermutete, sagte er:

»Es hat nichts zu sagen; verhalten Sie sich still.«

Er wollte sich wieder in die Höhe richten; als er sich aber auf seinen Arm zu stützen versuchte, zersplitterte der Knochen; nun fühlte Gryphus den heftigsten Schmerz und schrie laut auf.

Er merkte, daß er den Arm gebrochen hatte, und dieser gegen Andere so harte Mann sank ohnmächtig auf die Thürschwelle nieder, wo er totenähnlich regungslos und kalt liegen blieb.

Während dieser Zeit war die Gefängnisthür offen geblieben, und Cornelius befand sich fast frei.

Allein der Gedanke, diesen Unfall zu benutzen, kam ihm nicht in den Sinn. Aus der Art der Zersplitterung des Armes, aus dem krachenden Tone, der dabei hörbar gewesen war, erkannte er, daß es sich um einen Bruch handelte, und daß große Schmerzen stattfinden mußten. Er dachte an nichts anderes als dem Verwundeten Hilfe zu bringen, so schlecht gesinnt der Verwundete auch seinerseits bei der einzigen Zusammenkunft, die derselbe mit ihm gehabt hatte, gegen ihn gewesen zu sein schien.

Bei dem Lärm, den Gryphus Fall verursacht hatte, bei dem Weheruf, der ihm unwillkürlich entfahren war, ließ sich ein schneller Schritt auf der Treppe hören, und bei der Erscheinung, die unmittelbar auf das Geräusch dieses Schrittes folgte, stieß Cornelius einen leisen Schrei aus, den der Schrei eines jungen Mädchens erwiderte.

Die schöne Friesin hatte den von Cornelius ausgestoßenen Schrei erwidert. Als sie ihren Vater ausgestreckt auf der Erde liegen und den Gefangenen über ihn gebeugt sah, hatte sie zuerst geglaubt, Gryphus, dessen Rohheit sie kannte, wäre infolge eines zwischen ihm und dem Gefangenen entstandenen Streites gefallen.

Kaum hatte sich der Verdacht in das Herz des jungen Mädchens geschlichen, so verstand Cornelius schon, was in demselben vorging.

Aber schon bei dem ersten Blick überzeugte sich Rosa, wie sich die Sache in Wahrheit verhielt. Voller Scham über die Gedanken, die sie hatte hegen können, erhob sie ihre schönen, feuchten Augen zu dem jungen Manne und sagte zu ihm:

»Verzeihung und Dank. Verzeihung für meine schlimmen Gedanken und Dank für das, was Sie thun.«

Cornelius errötete.

»Ich thue nur meine Christenpflicht, wenn ich meinem Mitmenschen beispringe,« versetzte er.

»Und dadurch daß Sie ihm heute Abend beispringen, beweisen Sie, daß Sie die Beleidigungen vergessen haben, die er Ihnen heute Morgen sagte. Das ist mehr als Menschlichkeit, mein Herr, das ist mehr als Christenpflicht.«

Ganz erstaunt, daß er aus dem Munde eines Mädchens aus dem Volke ein so edles und doch auch wieder so teilnehmendes Wort hervorgehen hörte, schlug er seine Augen zu dem schönen Kinde auf.

Aber er hatte nicht Zeit, ihm seine Überraschung auszudrücken. Aus seiner Ohnmacht erwachend, öffnete Gryphus die Augen, und seine gewöhnliche Rohheit kehrte mit dem Leben zurück.

»Ei,« sagte er, »man bringt dem Gefangenen schnell das Abendbrot, man fällt in der Eile, man bricht sich beim Fallen den Arm, und man läßt ihn ruhig' auf dem Steinpflaster liegen.«

»Still, Vater,« sagte Rosa, »du bist gegen diesen jungen Mann ungerecht; ich fand ihn damit beschäftigt, dir Beistand zu leisten.«

»Ihn?« fragte Gryphus mit einer Miene des Zweifels.

»Und ich bin noch immer bereit, Ihnen auch ferner Beistand zu leisten.«

»Sie?« sagte Gryphus; »sind Sie denn Arzt?«

»Das ist mein ursprünglicher Stand,« versetzte der Gefangene.

»So daß Sie mir den Arm wieder einrenken könnten?«

»Vollkommen.«

»Und was haben Sie dazu nötig?«

»Zwei hölzerne Schienen und leinene Binden.«

»Du hörst, Rosa,« sagte Gryphus, »der Gefangene wird mir den Arm einrenken; das ist eine Ersparnis. Hilf mir jetzt aufstehen; ich fühle mich schwer wie Blei.«

Rosa hielt dem Verwundeten ihre Schulter hin. Der Verwundete schlang seinen unversehrten Arm um den Hals des jungen Mädchens und richtete sich mit vieler Anstrengung auf seine Beine, während ihm Cornelius, um ihm den Weg zu ersparen, einen Stuhl hinschob.

Gryphus setzte sich in den Stuhl, wandte sich dann an seine Tochter und sagte zu ihr:

»Nun, hast du nicht gehört? Hole, was man von dir verlangt.«

Rosa ging hinab und kehrte bald mit zwei Tonnenreifen und einer langen leinenen Binde zurück.

Diese Zeit hatte Cornelius benutzt, um dem Kerkermeister das Wams auszuziehen und ihm die Rockärmel in die Höhe zu schlagen.

»Können Sie das gebrauchen, mein Herr?« fragte Rosa.

»Ja, Fräulein,« erwiderte Cornelius, indem er die Gegenstände ansah; »alles ist gut. Schieben Sie jetzt diesen Tisch heran, während ich den Arm Ihres Vaters in die Höhe hebe.«

Rosa schob den Tisch heran. Cornelius legte den gebrochenen Arm darauf, damit er gerade läge, und mit vollendeter Geschicklichkeit richtete er den Arm wieder ein, brachte die Schienen in die richtige Lage und nahm den Verband vor.

Bei der letzten Nadel wurde der Kerkermeister wieder ohnmächtig.

»Holen Sie Essig, Fräulein,« sagte Cornelius, »wir wollen ihm die Schläfe damit reiben, und er wird wieder zu sich kommen.«

Aber anstatt den ihr gegebenen Befehl auszuführen, trat Rosa, nachdem sie sich erst überzeugt hatte, daß ihr Vater völlig besinnungslos war, an Cornelius heran und sagte:

»Dienst gegen Dienst, mein Herr.«

»Was soll das heißen, schönes Kind?« fragte Cornelius.

»Das soll heißen: der Richter, der Sie morgen verhören soll, erkundigte sich heute nach dem Zimmer, welches Sie einnehmen. Man sagte ihm, Sie befänden sich in dem Zimmer des Herrn Cornelius von Witt, und das unheimliche Lachen, das bei dieser Antwort sein Gesicht überzog, läßt mich befürchten, daß Ihrer nichts Gutes wartet.«

»Aber was kann man mir thun?« fragte Cornelius.

»Sehen Sie sich von hier den Galgen an.«

»Aber ich bin nicht schuldig,« versetzte Cornelius.

»Waren sie es, die dort drüben verstümmelt und zerrissen hängen?«

»Das ist allerdings wahr,« entgegnete Cornelius mit düstrer Stirn.

»Überdies,« fuhr sie fort, »hält man Sie allgemein für schuldig. Aber ob schuldig oder nicht, so wird morgen Ihr Prozeß beginnen; übermorgen werden Sie verurteilt werden, die Zeit eilt, und deshalb geht alles schnell!«

»Was schließen Sie aus dem allem, Fräulein?«

»Ich schließe daraus, daß ich allein und schwach bin, daß mein Vater ohnmächtig und der Hund angebunden ist, und Sie folglich nichts hindert, sich zu retten. Retten Sie sich also, das ist der Schluß, den ich daraus ziehe.«

»Was sagen Sie?«

»Ich sage, daß ich leider Herrn Cornelius und Herrn Johann von Witt nicht retten konnte, und Sie gern retten möchte. Machen Sie nur schnell; mein Vater beginnt schon wieder zu atmen, in einer Minute schlägt er die Augen vielleicht schon wieder auf, und dann ist es zu spät. Zögern Sie?«

Wirklich blieb Cornelius regungslos stehen und blickte Rosa an, als ob er sie wohl sähe, aber kein Wort von ihr hörte.

»Verstehen Sie denn nicht?« fragte das junge Mädchen ungeduldig.

»Ja, ich verstehe,« versetzte Cornelius; »aber ...«

»Aber?«

»Ich weigere mich. Man würde Sie anklagen!«

»Was thut das?« erwiderte Rosa errötend.

»Ich danke, mein Kind,« erklärte Cornelius, »aber ich bleibe.«

»Sie bleiben! Mein Gott, mein Gott, haben Sie denn nicht verstanden, Sie werden verurteilt, zum Tode verurteilt, auf einem Schaffot hingerichtet und vielleicht ermordet, in Stücke zerrissen werden, wie man Herrn Johann und Herrn Cornelius in Stücke zerrissen hat! Im Namen des Himmels, bekümmern Sie sich nicht um mich und fliehen Sie dieses Zimmer, das Ihnen angewiesen ist. Seien Sie auf Ihrer Hut, es bringt der Familie Witt Unglück.«

»Ha!« rief der Kerkermeister, der plötzlich wieder erwachte. »Wer redet von diesen Schuften, diesen elenden Kreaturen, diesen verbrecherischen Witt!«

»Geraten Sie nicht in Hitze, mein braver Mann,« sagte Cornelius mit seinem freundlichen Lächeln, »für Knochenbrüche giebt es nichts Gefährlicheres als heißes Blut.«

Ganz leise sagte er darauf zu Rosa:

»Mein Kind, ich bin unschuldig; mit der Seelenruhe eines Unschuldigen werde ich meine Richter erwarten.«

»Still!« flüsterte Rosa.

»Still, und weshalb?«

»Mein Vater darf nicht argwöhnen, daß wir zusammen gesprochen haben.«

»Was könnte das schaden?«

»Was das schaden könnte? Er würde mich verhindern, je wieder hierher zu kommen,« sagte das junge Mädchen.

Cornelius nahm dieses naive Geständnis mit Lächeln auf. Es kam ihm vor, als ob ein Glücksschimmer auf sein Unglück hinableuchtete.

»Nun, was murmelt ihr denn alle beide?« rief Gryphus, indem er sich erhob und seinen rechten Arm mit dem linken hielt.

»Nichts,« erwiderte Rosa, »der Herr teilt mir nur mit, wie du dich zu verhalten hast.«

»Wie ich mich zu verhalten habe! wie ich mich zu verhalten habe! Denke nur daran, meine Schöne, wie du dich zu verhalten hast.«

»Und wie wäre das, mein Vater?«

»Nicht in das Zimmer der Gefangenen zu kommen, oder wenn du hineinkommst, es so schnell wie möglich wieder zu verlassen; geh jetzt vor mir hinaus, und hurtig!«

Rosa und Cornelius tauschten einen Blick aus.

Rosas Blick wollte sagen:

»Jetzt sehen Sie selbst!«

Cornelius Blick bedeutete:

»Alles, was geschieht, ist Gottes Wille!«

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