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Die schwarze Tulpe

Alexandre Dumas (der Ältere): Die schwarze Tulpe - Kapitel 10
Quellenangabe
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie schwarze Tulpe
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorH. Meerholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160922
projectid373613d8
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9.
Das Familienzimmer

Es war ungefähr Mitternacht, als der arme van Baerle in das Gefängnis des Buytenhoffs abgeliefert wurde.

Was Rosa vorausgesehen hatte war eingetroffen. Als das Volk das Zimmer des Cornelius leer fand, war seine Wut groß gewesen, und wäre Vater Gryphus diesen Wütenden in die Hände gefallen, so hätte er für seinen Gefangenen büßen müssen.

Aber Dank der von Wilhelm getroffenen Vorsichtsmaßregel, indem er so klug gewesen war, die Stadtthore zu schließen, hatte sich dieser Zorn vollkommen an den beiden Brüdern gesättigt.

Es war also ein Augenblick eingetreten, wo das Gefängnis leer geworden war und auf das schreckliche Wutgebrüll, das über die Treppen fortschallte, Schweigen folgte.

Diesen Augenblick hatte Rosa benutzt, hatte ihren Versteck verlassen und auch ihrem Vater herausgeholfen.

Das Gefängnis war vollkommen menschenleer. Weshalb auch im Gefängnis bleiben, wenn man am Tol-Hek mordete?

Am ganzen Körper zitternd kam Gryphus hinter der mutigen Rosa zum Vorschein. Sie verschlossen die große Eingangsthür, so gut es ging, müssen wir wohl sagen, denn sie war halb zerbrochen. Man sah, daß die Flut eines mächtigen Zornes hindurchgebraust war.

Gegen vier Uhr hörte man wie der Lärm zurückkam; aber diesmal hatte dieser Lärm für Gryphus und seine Tochter nichts Beunruhigendes. Er rührte davon her, daß man die Leichen nach dem gewöhnlichen Hinrichtungsplatze schleppte.

Rosa versteckte sich zwar wieder, aber nur um dieses gräßliche Schauspiel nicht zu sehen.

Um Mitternacht klopfte man an die Thür des Buytenhoffes, oder vielmehr an die Barrikade, welche sie ersetzte.

Man brachte Cornelius van Baerle.

Als der Kerkermeister Gryphus den neuen Gast erhielt und auf dem Haftbefehle den vornehmen Stand des Gefangenen gelesen hatte, murmelte er mit seinem gewöhnlichen Lächeln, wie es nur einem Kerkermeister eigen ist:

»Aha, Pate des Cornelius von Witt! Ei, junger Mann, wir haben hier gerade das Familienzimmer bereit; wir wollen es dir geben.«

Und über den Witz, den er gemacht hatte, entzückt, nahm der wilde Orangist seine Laterne und die Schlüssel, um ihn in die Zelle zu führen, von wo aus Cornelius von Witt erst am Vormittag in jene Verbannung hinübergegangen war, im Hinblick auf welche große Moralisten in Revolutionszeiten den Grundsatz von hoher Politik auszusprechen pflegen:

»Nur die Toten kehren nicht zurück.«

Gryphus schickte sich also an, van Baerle in das Zimmer seines Paten zu führen.

Auf dem Wege, den er zurücklegen mußte, um zu diesem Zimmer zu gelangen, hörte der verzweifelte Blumenfreund nur das Bellen eines Hundes, sah er nur das Gesicht eines jungen Mädchens.

Der Hund kam an einer langen Kette aus einem Loche in der Mauer und beschnüffelte Cornelius, damit er ihn, sobald er den Befehl erhielte, ihn zu zerreißen, genau erkennen möchte.

Als das Treppengeländer unter der schwerfälligen Hand des Gefangenen knarrte, öffnete das junge Mädchen halb die Thür eines Zimmers, das es unter dieser Treppe bewohnte. Und die Lampe in der rechten Hand, beleuchtete es zugleich sein reizendes, rosiges Gesichtchen, von prächtigen blonden Haaren in dichten Fechten eingerahmt, während es mit der linken sein weißes Nachtkleid über der Brust zusammenhielt, denn durch Cornelius' unerwartete Ankunft war es aus seinem ersten Schlummer erweckt worden.

Diese schwarze Wendeltreppe, von oben durch die rote Laterne des alten Gryphus mit seinem Kerkermeistergesicht beleuchtet, dazu das wehmütige Gesicht des Cornelius, der sich um sich umzusehen über das Geländer beugte; unter ihm in der hellen Thür Rosas liebliches Gesicht und ihre züchtige und vielleicht etwas schamhafte Bewegung, weil Cornelius von den Treppenstufen hoch über ihr ihre weißen und runden Schultern mit einem flüchtigen und traurigen Blicke teilnahmsvoll betrachtete: das alles war ein Bild zum Malen und in jeder Beziehung eines Meisters Rembrandt würdig.

Dann wieder unten völlig im Schatten, an jener Stelle der Treppe, wo die Dunkelheit alle Einzelheiten verschwinden ließ, funkelten die Augen des an seiner Kette zerrenden Hundes, welche in dem doppelten Lichte der Lampe Rosas und der Laterne des Kerkermeisters weithin schimmerte.

Nimmer aber hätte der erhabene Meister in seinem Bilde den schmerzlichen Ausdruck wiedergeben können, der auf Rosas Gesicht erschien, als sie diesen schönen blassen jungen Mann langsam die Treppe hinaufsteigen sah und aus dem Munde ihres Vaters die unheimlichen Worte vernahm:

»Sie sollen das Familienzimmer bekommen.«

Diese Erscheinung dauerte nur einen Augenblick, weit kürzere Zeit, als wir zur Beschreibung nötig hatten. Darauf setzte Gryphus seinen Weg fort, Cornelius mußte ihm folgen; und fünf Minuten später trat er in das Gefängnis, das wir nicht zu beschreiben brauchen, da der Leser es kennt.

Nachdem Gryphus dem Gefangenen mit dem Finger das Bett gezeigt, auf dem der Märtyrer, dessen Seele an diesem Tage vor Gott getreten war, so viel geduldet hatte, nahm er seine Laterne wieder und entfernte sich.

Allein geblieben, warf sich Cornelius auf dieses Bett, schlief aber nicht. Unaufhörlich starrte er das schmale Fenster mit dem Eisengitter, das nach dem Buytenhoff hinausführte, an. Auf diese Weise sah er, wie hinter den Bäumen der erste Lichtstrahl, den der Himmel wie einen weißen Mantel über die Erde fallen läßt, aufging.

Dann und wann waren in der Nähe einige Pferde schnell über den Buytenhoff galoppiert, schwere Patrouillenschritte hatten sich auf dem runden Steinpflaster vernehmen lassen, und die Lunten der Musketen, welche beim Westwinde in Brand gerieten, hatten hin und wieder blitzende Strahlen bis zum Fenster des Gefängnisses hinaufgeworfen.

Als aber der anbrechende Tag die Dächer der Häuser erhellte, trat Cornelius, ungeduldig zu erfahren, ob einiges Leben um ihn wäre, an das Fenster und ließ einen traurigen Blick in der Runde umher schweifen.

Am Ende des Platzes erhob sich eine schwärzliche, im Morgennebel dunkelblau gefärbte Masse, die ihr unregelmäßiges Schattenbild auf die blassen Häuser warf.

Cornelius erkannte den Galgen.

An diesem Galgen hingen zwei unförmliche Fetzen, die nur noch zwei blutige Gerippe waren.

Das biedere Haager Volk hatte das Fleisch seiner Schlachtopfer zerrissen, aber auch einen ungeheuer großen Anschlagszettel an den Galgen geheftet.

Mit seinen achtundzwanzigjährigen Augen gelang es Cornelius auf diesem Anschlagszettel folgende von dem kräftigen Pinsel irgend eines Schildermalers hingesudelten Zeilen zu lesen:

»Hier hängen der große Verbrecher Johann von Witt und der kleine Schelm Cornelius von Witt, sein Bruder, zwei Feinde des Volkes, aber große Freunde des Königs von Frankreich.«

Cornelius stieß einen Angstschrei aus und schlug in einem Ausbruche von Entsetzen mit Füßen und Händen so heftig und so übereilt gegen die Thür, daß Gryphus mit seinem großen Schlüsselbunde in der Hand herbeieilte.

Er öffnete die Thür und stieß schreckliche Verwünschungen gegen den Gefangenen aus, der ihn außerhalb der Stunden störte, in welchen er sich stören zu lassen pflegte.

»Sieh einmal,« rief er, »das Herrlein ist rasend geworden, ist ein zweiter Witt! Diese Wittsche Gesellschaft muß wahrhaftig den Teufel im Leibe haben!«

»Mein Herr, mein Herr,« sagte Cornelius, indem er den Kerkermeister am Arme packte und nach dem Fenster hinzog, »mein Herr, was habe ich da drüben lesen müssen?«

»Wo, da drüben?«

»Ja, auf diesem Anschlagszettel.«

Und zitternd, bleich und keuchend zeigte er ihm im Hintergrunde des Platzes den Galgen mit der cynischen Inschrift darüber.

Gryphus begann zu lachen.

»Ha, ha, ha!« versetzte er. »Ja so, Sie haben also gelesen ... Nun gut, mein lieber Herr, dann sehen Sie, wohin man kömmt, wenn man Einverständnis mit den Feinden des Herrn Prinzen von Oranien hat.«

»Die Herren von Witt sind gemordet!« murmelte Cornelius, mit Schweiß auf der Stirn und sank mit herabhängenden Armen und geschlossenen Augen auf sein Bett.

»An den Herren von Witt ist Volksjustiz geübt worden, nennen Sie das, sie sind gemordet worden? Ich sage, sie sind hingerichtet.«

Und als er sah, daß der Gefangene nicht nur still, sondern auch ohnmächtig geworden war, verließ er das Zimmer; schlug die Thür heftig zu und schob die Riegel klirrend vor.

Als Cornelius wieder zu sich kam, fand er sich allein, erkannte das Zimmer, worin er sich befand, das Familienzimmer, wie es Gryphus genannt hatte, wieder und sah ein, daß es für ihn nur der Durchgang zu einem traurigen Tode werden mußte.

Und da er ein Philosoph und vor allem ein Christ war, so betete er zuerst für die Seele seines Paten, dann für die Seele des Großpensionärs und ergab sich darauf gefaßt in alle Leiden, die es Gott gefiele, ihm zu senden.

Und nachdem er nun vom Himmel wieder auf die Erde hinabgestiegen, von der Erde in sein Gefängnis zurückgekehrt war und sich vollkommen überzeugt hatte, daß er in diesem Gefängnis allein war, zog er die drei Brutzwiebeln zu der schwarzen Tulpe aus seiner Brusttasche und verbarg sie hinter einem Sandsteine, auf den man den traditionellen Wasserkrug zu stellen pflegte, in dem dunkelsten Winkel des Gefängnisses.

Vergebliche Mühe so vieler Jahre! Vernichtung so lieblicher Hoffnungen! Seine Entdeckung sollte also in der Vernichtung enden, wie er im Tode! – Kein Hälmchen Gras, kein Stäubchen Erde, kein Sonnenstrahl in diesem Gefängnis!

Bei diesem Gedanken versank Cornelius in eine tiefe Verzweiflung, aus der ihn nur ein seltsamer Umstand riß.

Was war dies für ein Umstand?

Wir bewahren uns die Angabe desselben für das nächste Kapitel auf.

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