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Gutenberg > Aischylos >

Die Schutzflehenden

Aischylos: Die Schutzflehenden - Kapitel 4
Quellenangabe
typedrama
authorAischylos
titleDie Schutzflehenden
publisherLangenscheidtsche Verlagsbuchhandlung
yearo.J.
translatorJ. J. C. Donner
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20160531
projectid2878759e
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Der Chor.

Zeus, Flüchtlingshort, sieh gnädig herab
Auf unsere Schar, die über das Meer
Von der Néilosflut feinsandigem Thor
Auszog! Wir entflohen der Heimat,
[Vers 5] Dem geheiligten Land, das an Sýria grenzt:
Doch nicht um Mord hat ein Bürgergericht
Mit verbannendem Stein uns verurteilt;
Uns trieb Abscheu vor dem sündigen Bund
Mit den Vettern, dem Bund mit Ägýptos' Geschlecht,
[Vers 10] In die Ferne hinaus. Und Dánaos selbst,
Mein Vater, in Rat uns lenkend und That,
Wog, sann und erkor
Dies rühmlichste Leid in dem Leide:
Ungesäumt zu entflieh'n durch die wogende See
[Vers 15] Und zu landen an Argos' Strande, woher
Sich unser Geschlecht von der rasenden Kuh,
Von Kroníons lind anwehendem Hauch,
Dem befruchtenden, rühmt zu entstammen.
Und in welches Gebiet auch könnten wir zieh'n,
[Vers 20] Das uns mehr Liebe gewährt' als dies,
Mit dem bittenden Kranz,
Mit den wollumwundenen Zweigen?
O Stadt, o Land, o silberne Flut,
Ihr Götter der Höh'n und Götter der Nacht,
[Vers 25] Ihr rächenden unter der Erde,
Und Erhalter Kronion, der das Geschlecht
Der Gerechten bewahrt, o empfanget der Frau'n
Schutzflehende Schar mit dem Hauche des Lands
Voll heiliger Scheu! Doch, naht trotzvoll
[Vers 30] Sich von Männern ein Schwarm aus Ägyptos' Geschlecht,
Treibt, eh' er den Fuß auf den sandigen Grund
Hier setzt, mit geflügelten Barken
In das Meer ihn hinaus, daß dort der Orkan,
Von Gewittern umstürmt, daß Donner und Blitz
[Vers 35] Und der Winde Gewalt in tosender See,
Vom Regen gepeitscht, ihn vernichte,
Eh' die Frechen, Gewalt an den Töchtern des Ohms
Ausübend, das Bett, das Thémis versagt,
Mit ringender Hand sich erobern.

Erster Halbchor.

Erste Strophe.

[Vers 40] Jetzt im Gebete zu dir
Ruf' ich, o Sprößling des Zeus,
Du mein Hort jenseit des Meeres,
Welchen die grasweidende Sterke gebar von Kronions
Rührendem Hauch, den im Namen bewährte die Zeit des vollendenden Schicksals,
[Vers 45] Da sich Épaphos ihrem Schoß entwand!

Zweiter Halbchor.

Erste Gegenstrophe.

Epaphos ruf' ich und will
Jetzt in der grasigen Flur
Feiern, was die greise Ahnin
Hier in den Au'n schweifend erlitt, und von unseren Stammherr'n
[Vers 50] Sichere Kunden verleih'n, Unverhofftes dem Ohr der Argeier enthüllen.
Wahr erscheint mit der Zeit dereinst mein Wort.

Erster Halbchor.

Zweite Strophe.

Stände mir nah', hörte der Angst ängstlichen Laut
Ein Vogelschauer aus dem Lande hier:
Téreus' jammerndes Weib, um den Verlust klagend des Sohns,
[Vers 55] Dünkt' es ihm wohl, höre sein Ohr,
Die falkenscheue Nachtigall,

Zweiter Halbchor.

Zweite Gegenstrophe.

Die von des Quells Borden, des Walds Schatten verscheucht,
Der alten Heimat denkt in neuem Schmerz
Und dann klagt um des Sohns Jammergeschick, welchen sie selbst
[Vers 60] Traf mit des Mords blutiger Hand,
Unmütterlichen Zornes voll.

Erster Halbchor.

Dritte Strophe.

Also, wie sie, mit der Klage vertraut in den Weisen der Ióner,
Reiß' ich die Wange mir wund, lieblich erblüht am Neilos,
Und mein des Grams unkundig Herz.
[Vers 65] Der Trauer Blumen pflück' ich mir,
Vor den Verwandten in Angst,
Ob mir die Flucht aus dem umnebelten Land
Ihrer einer noch gedenkt.

Zweiter Halbchor.

Dritte Gegenstrophe.

Götter des Stammes, vernehmt, ihr erfahrenen Hüter des Rechtes!
[Vers 70] Nicht doch wider Gebühr führt es an uns zu Ende,
Nein, hasset den Frevel treuen Sinns;
So wahrt ihr wohl des Gesetzes Macht!
Flüchtigen auch, von des Kampfs
Mühen erschöpft, beut der Altar vor Gewalt
[Vers 75] Schutz, der Götter fromme Scheu.

Erster Halbchor.

Vierte Strophe.

Lass' es ein Gott uns gedeihen in Wahrheit!
In Gedanken des Zeus dringt kein sterbliches Auge.
Dennoch strahlen sie rings,
Auch gehüllt in Nacht
[Vers 80] Schwarzen Geschicks, vor der Menschen Blicken.

Zweiter Halbchor.

Vierte Gegenstrophe.

Siegend und aufrecht wandelt die That hin,
In dem Haupte des Zeus einmal gereift zur Vollendung;
Denn dichtschattig und wirr
Ziehen seines Sinns
[Vers 85] Pfade, dem irdischen Aug' unmerkbar.

Erster Halbchor.

Fünfte Strophe.

In Staub stürzt aus dem Wahn
Turmhoher Hoffnung Zeus das verruchte Haupt;
Der mühlosen Götterallmacht,
Keiner vermag ihr zu entflieh'n.
[Vers 90] Droben ja wacht ein Auge stets,
Das von den heiligen Höh'n herab
Alles im Nu vernichtet.

Zweiter Halbchor.

Fünfte Gegenstrophe.

O Zeus, sieh her, wie frech,
Voll Übermutes, jugendlich trotzt der Stamm,
[Vers 95] Der aufsproßt, nach dieser Hand hier
Lüstern, in unbändigem Mut,
Und von dem Stachel wilder Wut
Ewig gepeitscht, zuletzt die Schuld,
Bitter getäuscht, bereu'n wird!

Erster Halbchor.

Sechste Strophe.

[Vers 100] Solch schmerzlich Weh beklag' ich, ach, aus banger Brust,
Das bitter gellend die Thräne weckt,
In Grabgesanges Trauerton;
Lebend sing' ich mein Grablied.
Zu dir fleh' ich, Hügelland Ápia's!
[Vers 105] (Du kennst ja die Fremdlingszunge, mein Land:)
Hastig zerreiß' ich oft
Die linnenen Gewande, sieh,
Und den Sidónerschleier.

Zweiter Halbchor.

Sechste Gegenstrophe.

Den Göttern weih' ich vollen Dank, wenn unser Wurf
[Vers 110] Gelungen, wenn ich dem Tod entrann.
O schwerentwirrbar dunkle Müh'n!
Wohin treibst du noch, Welle?
Zu dir fleh' ich, Hügelland Apia's!
(Du kennst ja die Fremdlingszunge, mein Land:)
[Vers 115] Hastig zerreiß' ich oft
Die linnenen Gewande, sieh,
Und den Sidonerschleier.

Erster Halbchor.

Siebente Strophe.

Das Ruder und des Kieles Haus,
Die linnene, wogenfeste Wehr,
[Vers 120] Trug ohne Sturm mit sanftem Hauch mich her:
Ich beklag' es nicht. O schaffe
Meinem Leid hinfort der Allherrscher
Zeus ein gnädig Ende,
Daß der hochheiligen Ahnin Töchter,
[Vers 125] Ach, ach, unvermählt,
Unbezwungen entflieh'n dem verhaßten Bund!

Zweiter Halbchor.

Siebente Gegenstrophe.

Zu mir, der Frohen, schaue froh
Zeus' heilige Tochter, wende stets
Ihr hehres Antlitz unverrückt auf mich!
[Vers 130] Wehre du, Jungfrau, mit aller
Macht die Verfolger ab von uns Jungfrau'n,
Retterin, erscheine,
Daß der hochheiligen Ahnin Töchter,
Ach, ach, unvermählt,
[Vers 135] Unbezwungen entflieh'n dem verhaßten Bund!

Erster Halbchor.

Achte Strophe.

Willst du nicht, so flieh' ich
Dunkle sonnverbrannte Schar
Zum Schattengott,
Der die Toten allzumal
[Vers 140] Gastlich hegt im Erdenschoß,
Fliehe hin mit grünem Zweig,
Durch den Strang mich tötend,
Weil Olýmps Götter nicht mein Fleh'n erhört.
Zeus! Ío's Gericht, von Héra verhängt,
[Vers 145] Wohl geißelt's auch uns; ich erkenne den Fluch
Der gewaltigsten Macht im Olýmpos.
Von grimmem Hauch
Wehte der Sturm hernieder.

Zweiter Halbchor.

Achte Gegenstrophe.

Wahrlich, böse Rede
[Vers 150] Schändet deinen Namen, Zeus,
Entehrst du den
Sohn der Sterke, den du selbst
Einst erschufst aus deiner Kraft,
Kehrst du jetzt dein Angesicht
[Vers 155] Ab von unserm Flehen:
Droben denn höre gnädig unsern Ruf!
Zeus! Ío's Gericht, von Héra verhängt,
Wohl geißelt's auch uns; ich erkenne den Fluch
Der gewaltigsten Macht im Olýmpos.
[Vers 160] Von grimmem Hauch
Wehte der Sturm hernieder.

(Während des Gesanges hat Dánaos die Gegend durchspäht und kommt jetzt näher.)

Danaos.

Verständig, Kinder! Mit verständig treuem Geist
Hat euch zu Schiff der greise Vater hergeführt.
Auch jetzt am Festland mahn' ich euch mit weisem Sinn:
[Vers 165] Schreibt tief in eure Herzen und bewahrt mein Wort!
Ich sehe Staub, des Heeres stummen Boten, dort;
Die Rädernaben schweigen nicht im Achsenschwung,
Und eine schildbewehrte, lanzenschwingende
Heerschar mit runden Wagen und mit Rossen naht.
[Vers 170] Wohl kommen hier die Fürsten dieses Landes selbst,
Durch Boten unterrichtet, um nach uns zu späh'n.
Doch ob sie harmlos nahen oder aufgereizt
In wildem Unmut stürmend uns entgegenzieh'n:
Für alle Fälle, Mädchen, ist es dienlicher,
[Vers 175] Ihr lagert euch an dieser Kampfgottheiten Herd.
Altäre schirmen besser als Burgwall und Schild.
Geht ungesäumt denn, nehmt die wollumwundenen
Ölzweige, Zeus', des hochverehrten, Feierschmuck,
Und haltet sie mit frommen Händen fromm empor;
[Vers 180] Verschämt, in sanfter Klage sprecht das Nötige
Erwidernd an die Fremden, wie's dem Gaste ziemt,
Und meldet offen eure blutschuldreine Flucht!
In eurer Stimme künde sich nichts Freches an;
Aus stillem Antlitz mit bescheid'ner Stirne muß
[Vers 185] Das Auge ruhig leuchten sonder Eitelkeit.
Seid weder vorlaut im Gespräch noch allzubreit;
Denn solches Wesen tadelt man an Frauen gern.
Bedürftig, fremd und flüchtig, gebt stets willig nach;
Des Trotzes kecke Sprache ziemt dem Schwachen nicht.

Die Chorführerin.

[Vers 190] Verständig, Vater, sprichst du mit Verständigen.
Im Herzen will ich deine weisen Mahnungen
Getreu bewahren. Vater Zeus, du schau' herab!

Danaos.

Mit gnadereichem Auge mög' er niederschau'n!

Die Chorführerin.

Dir nahe nehm' ich meinen Sitz am Götterherd.

Danaos.

[Vers 195] So raste nicht mehr, ohne Säumen führ' es aus.

(Die Danaïden nähern sich dem Altare und lassen sich nicht weit von Dánaos nieder.)

Die Chorführerin.

O Zeus, Erbarmung, ehe wir in Not vergeh'n!

Danaos.

Wenn er geneigt ist, enden wir's mit gutem Glück.
Ruft auch Kroníons lichtbeschwingten Vogel nun!

Die Chorführerin.

Der Sonne segnend Auge ruf' ich betend an.

Danaos.

[Vers 200] Des Himmels Flüchtling Phöbos auch, den reinen Gott.

Die Chorführerin.

Wohlkundig gleichen Loses, fühlt der Gott mit uns.

Danaos.

Er fühle mit und leihe gnädig seinen Schutz!

Die Chorführerin.

Und wen von diesen Göttern ruf' ich weiter an?

Danaos.

Des Gottes Zeichen, einen Dreizack, seh' ich dort.

Die Chorführerin.

[Vers 205] Er führte freundlich, freundlich berg' er uns am Strand!

Danaos.

Ein andrer Gott hier, Hérmes, nach Hellenenart!

Die Chorführerin.

Des Heiles Herold werd' er uns Geretteten!

Danaos.

Begrüßt in Ehrfurcht aller Hochgewaltigen
Gesamtaltar hier; lagert euch auf heil'gem Grund,
[Vers 210] Ein Taubenschwarm, vor leichbeschwingten Falken bang,
Vor Feinden, die den blutsverwandten Stamm entweih'n!
Wie wäre rein der Vogel, der vom Vogel fraß?
Wie wäre rein der Freier, der vom Sträubenden
Ein sträubend Weib begehrte? Selbst im Hádes nicht
[Vers 215] Entrinnt dem Urteil schnöder Schuld, wer also that.
Auch dort ja spricht, so sagt man, über Missethat
Ein andrer Zeus der Toten seinen letzten Spruch.
Blickt auf, erwidert mit Bedacht nach meinem Rat,
Damit ihr siegend diese Not bewältiget!

(Die Jungfrauen haben sich indessen um die Thýmele geordnet. Von der Seite, die nach der Stadt führt, tritt Pelásgos, der König von Árgos, im Schmuck eines priesterlichen Herrschers auf, gefolgt von Lanzenträgern und Kriegsknechten.)

Der König.

[Vers 220] Als welches Landes Sprossen soll ich grüßen ihn,
Den Fremdlingsschwarm hier, welcher in barbarischen
Gewanden stolz sich brüstet? Nicht argolisch ja,
Noch sonst aus Héllas' Auen ist der Frauen Tracht.
Und daß ihr, nicht in eines Gastfreunds Hut und nicht
[Vers 225] Mit Führern und Herolden, diesem Land zu nah'n
Euch ohne Furcht erkühntet, dünkt mir wunderbar.
Wohl tragt ihr, nach der Schutzgenossen altem Brauch,
Ölzweig' in Händen bei der Kampfgottheiten Herd:
Dies eine mutmaßt Hellas' Volk mit Sicherheit.
[Vers 230] Auf vieles andre riet' ich noch mit gutem Grund,
Wär' eure Zunge nicht bereit mir's kundzuthun.

Die Chorführerin.

Von meiner Kleidung sagtest du nichts Irriges.
Wie aber dich anreden? Nenn' ich Bürger dich,
Den Hüterstab des Tempels oder Haupt der Stadt?

Der König.

[Vers 235] Erwidre denn und rede wohlgemut zu mir!
Ich bin Palächthons, jenes Erdgebornen, Sohn,
Pelásgos heiß' ich, Oberherr des Landes hier.
Ein Volk, nach mir dem König selbst Pelásgervolk
Ruhmvoll geheißen, erntet dieses Landes Frucht,
[Vers 240] Und alle Gau'n, die Strýmons heil'ger Strom durchwallt,
Beherrsch' ich da, wo niedertaucht der Sonne Strahl.
In meines Landes Marken liegt Perrhäbia,
Die Flur an Píndos' Hange bis Päónia
Zusamt Dodóna's Bergen; Ziel und Grenze setzt
[Vers 245] Des Meeres Wallung: überall gebiet' ich hier.
Doch dieser Landschaft Boden selbst heißt Ápia
Zu seines Retters Ehre seit uralter Zeit.
Denn aus Naupáktos' Lande kam der Seherarzt,
Ein Sohn Apóllons, Ápis, der die Fluren hier
[Vers 250] Von Ungetüm gesäubert, menschenmordendem,
Das, schwergetränkt von alter Blutschuld Greuel, einst
Der Erde Schoß aufsproßte, grimmgeschwollne Brut,
Lindwurmgewimmel, allverheerend Mordgezücht.
Daß Ápis wider solchen Fluch ausrottende
[Vers 255] Sühnmittel Argos' Lande schuf mit weiser Kunst,
Dafür empfängt er unsern Preis im Dankgebet.
Nachdem du sichre Kunde nun von mir gehört,
Sprich weiter und enthülle mir auch dein Geschlecht!
Doch langgedehnte Reden sind hier nicht beliebt.

Die Chorführerin.

[Vers 260] Wir sind Argeierinnen, hör' es kurz und klar,
Der Sterke Sprossen, welche hoch ihr Sohn beglückt.
Daß lautre Wahrheit alles dies, erweis' ich dir.

Der König.

Unglaublich klingt es meinem Ohr, ihr fremden Frau'n,
Daß euer Stamm hier Argos' Blut entsprossen sei.
[Vers 265] Denn eher gleicht ihr Frauen, die in Líbya,
Nicht solchen, die in diesem Lande heimisch sind.
Die Flut des Néilos nährte wohl ein solch Geschlecht,
Und Kýpros' Züge wurden wohl durch Manneskraft
In treuem Bild dem Mädchenantlitz aufgeprägt.
[Vers 270] Auch gleicht ihr Inderfrauen, die auf trabender
Kamele Rücken, hört' ich einst, unstät das Land
Durchziehen längs den Marken Äthiópia's.
Doch, führtet ihr den Bogen, möcht' ich lieber euch
Mannlosen Amazónen, menschenschlachtenden,
[Vers 275] Vergleichen. Unterrichte mich genauer denn,
Wiefern aus Argos euer Blut und Same stammt!

Die Chorführerin.

Die Sage geht, der Héra Tempelschließerin
War Ío vormals im Argeierlande hier,
Und sie vor allen, also wird vielfach erzählt – –

Der König.

[Vers 280] Wie? Heißt es nicht auch, daß Kroníon sie umarmt?

Die Chorführerin.

Und nicht geheim blieb Héren dieser Liebesbund.

Der König.

Doch sage, welches Ende nahm der Götter Zwist?

Die Chorführerin.

Zur Sterke schuf sie zürnend Argos' Göttin um.

Der König.

So nahte Zeus der schöngehörnten Sterke wohl?

Die Chorführerin.

[Vers 285] Als Stier gestaltet einte sich der Gott mit ihr.

Der König.

Was that Kronions hochgewaltig Weib darauf?

Die Chorführerin.

Sie gab der Kuh den allesschau'nden Hüter bei.

Der König.

Wer war der allesschau'nde Hirt, von dem du sprichst?

Die Chorführerin.

Hermes erschlug ihn, Árgos war's, der Erde Sohn.

Der König.

[Vers 290] Schuf sie der armen Sterke nicht ein andres Leid?

Die Chorführerin.

Der Bremse Stich, den wilden, rastlostreibenden.

Der König.

Der sie vom Heimatlande trieb in weite Flucht?

Die Chorführerin.

Auch dieses sagst du völlig überein mit mir.

Der König.

Und nach Kanóbos kam sie, kam nach Mémphis auch?

Die Chorführerin.

[Vers 295] Da, sie berührend, weckte Zeus ihr einen Sohn.

Der König.

Wer rühmt sich nun den gottgebornen Sohn der Kuh?

Die Chorführerin.

Er heißt mit Recht von ihrer Rettung Épaphos.

Der König.

Und wessen Vater wurde der? Verkünde mir's!

Die Chorführerin.

Der Líbya, des großen Landes Königin.

Der König.

[Vers 300] Und wer entsproß dann, sage mir, aus ihrem Schoß?

Die Chorführerin.

Des Vaters Vater Bélos mit zwei Sprößlingen.

Der König.

Enthülle mir des Vaters weisen Namen nun!

Die Chorführerin.

Fürst Danaos, des Bruder fünfzig Söhne hat.

Der König.

Auch dessen Namen nenne mir in klarem Wort!

Die Chorführerin.

[Vers 305] Ägýptos. Nun denn kundig unsers alten Stamms,
Hilf uns, erheb' uns, die von Argos' Blute sind!

Der König.

Ihr scheint von alten Zeiten her an diesem Land
Anteil zu haben. Doch warum verließet ihr
Das Haus der Väter? Welcher Sturm kam über euch?

Die Chorführerin.

[Vers 310] Vielfach, Pelasgerkönig, ist der Erde Not,
Niemals mit gleichem Fluge schwebt das Leid heran.
Wer dachte, daß auf dieser unverhofften Flucht
Wir, alte Stammverwandte, vor dem Ehebund
In scheuer Angst, an Argos' Küste landeten?

Der König.

[Vers 315] Weswegen flehst du diese Kampfgottheiten an,
Den wollumwundnen frischen Zweig in deiner Hand?

Die Chorführerin.

Um nicht Ägyptos' Söhnen unterthan zu sein.

Der König.

Du hassest sie? Du fürchtest einen Frevel wohl?

Die Chorführerin.

Wer kaufte Blutsverwandte sich als Herrn ins Haus?

Der König.

[Vers 320] Mehrt doch in solchem Bunde sich der Menschen Macht.

Die Chorführerin.

Und vor Bedrängten schließen wir uns leichter ab.

Der König.

Wie denn beweis' ich gegen euch liebreichen Sinn?

Die Chorführerin.

Gib, wenn Ägyptos' Söhne nah'n, uns nicht heraus!

Der König.

In neuen Krieg mich stürzen, – traun, ein schweres Wort!

Die Chorführerin.

[Vers 325] Doch Díke kämpft für ihre Bundsgenossen selbst.

Der König.

Ja, wenn von Anfang euer Thun ihr wohlgefiel.

Die Chorführerin.

O scheue, Herr, den reichbekränzten Herd der Stadt!

Der König.

Mit Schaudern seh' ich diesen Sitz umschattet hier.

Die Chorführerin.

Doch Zeus', des Flüchtlingshortes, Zorn, er lastet schwer.

Erste Strophe.

Erster Halbchor.

[Vers 330] Palächthons teurer Sohn, höre mich
Mit huldreichem Sinn, hoher Pelasgerfürst!
Schaue mich flüchtige, schutzflehende, zitternde,
Gleich dem gescheuchten Lamm, das an der Felsenwand
Schwindelnden Höhen irrt! Hoffend auf Hilfe, blökt es,
[Vers 335] Und kündet sein Leid dem Hirten.

Der König.

Von frisch gepflückten Zweigen überschattet, winkt
Huldblickend, seh' ich, dort der Kampfgottheiten Chor.
O daß der Fremden Nähe doch uns keinen Harm
Bereite, daß nicht plötzlich, unvorherbedacht,
[Vers 340] Sich Kampf entspinne! Keines Kampfs bedarf die Stadt.

Erste Gegenstrophe.

Zweiter Halbchor.

Laß uns der Stadt kein Leid bringen, Kind
Des Loslenkers Zeus, Thémis, der Flücht'gen Hort!
Und von den jüngeren Frau'n hör' es, erfahrner Greis:
Wenn du den Flüchtling ehrst, mangelt dir's nimmerdar,
[Vers 345] Wird dir ein selig Los! Freudig empfangen Götter
Das Opfer von reinen Händen.

Der König.

Doch lagert ihr an meines Hauses Herde nicht.
Trifft denn gemeinsam diese Stadt der Fluch, so muß
Das Volk gemeinsam sorgen, daß der Fluch entweicht.
[Vers 350] Ich könnte nichts erfüllen, und verhieß ich's auch,
Bevor ich alles kundgethan vor allem Volk.

Zweite Strophe.

Erster Halbchor.

Du bist die Stadt, du das gesamte Volk;
Keinem Gerichte stehst
Du, lenkst machtvoll Altar und Landesherd;
[Vers 355] Alleinherr durch des Auges Herrscherwink,
Alleinherr, führst du, groß durch Thron und Stab,
Alles zum Ziel: fliehe vor der Blutschuld!

Der König.

Schuld falle nur auf meiner Widersacher Haupt!
Doch euch vermag ich ohne Fahr nicht beizusteh'n,
[Vers 360] Und wieder hart wär's, wies' ich euer Fleh'n zurück.
Ich schwanke, Furcht befällt mich, ob ich's wagen soll,
Ob nicht es wagend, wählen soll das Ungefähr.

Zweite Gegenstrophe.

Zweiter Halbchor.

O blick' auf ihn, der aus den Höhen blickt,
Ihn, der Bedrängten Schirm
[Vers 365] Und Hort, die flehend ihrem Nächsten nah'n
Und Recht nicht finden noch Gerechtigkeit!
Wohl straft Zeus' Grimm, des Flüchtlingshortes, einst,
Wen das Geschrei nicht erbarmt des Armen.

Der König.

Doch wenn Ägyptos' Söhne dich bewältigen
[Vers 370] Und als die nächsten Vettern auf die heimischen
Gesetze sich berufen: wer wehrt ihnen dann?
Ihr müßt erweisen nach des Vaterlandes Recht,
Daß ihrer keiner über euch Gewalt besitzt.

Dritte Strophe.

Erster Halbchor.

Nie denn, o nie hinfort seien wir unterthan
[Vers 375] Roher Gewalt des Manns! Heller Gestirne Bahn
Wies mir in weiter Flucht aus dem verhaßten Bund
Rettung. O richte denn, treu der Gerechtigkeit,
Deren Gewalt von Zeus ist!

Der König.

Ein schweres Richtamt: nicht zum Richter wähle mich!
[Vers 380] Ich sagte längst, nicht ohne meines Volkes Rat
Verfüg' ich etwas, hätt' ich auch die Macht dazu.
Nie soll das Volk mir sagen, wenn's nicht glücklich geht:
»Den Fremdling schützend, gabest du die Deinen preis!«

Dritte Gegenstrophe.

Zweiter Halbchor.

Auf uns beide schaut, beiden verwandt, mit gleich
[Vers 385] Schwebender Wage Zeus: gerecht teilt der Gott
Bösen den Fluch der Schuld, Segen dem Frommen zu.
Warum sträubst du dich, da doch die Schalen gleich
Schweben, gerecht zu richten?

Der König.

Wohl muß in tiefer Sorge Flut, der Retterin,
[Vers 390] Mein Auge, gleich dem Taucher, bis zum Grund hinab
Scharfspähend sich versenken, nicht umwölkt von Dunst,
Daß dieses alles ohne Harm für meine Stadt,
Sodann für uns auch enden mag in gutem Glück.
Kein Hader soll sie kränken, die sich uns vertraut,
[Vers 395] Noch will ich, die den Götterherden zugefloh'n,
Preisgeben, daß wir keinen allvernichtenden
Rachgeist im Hause wecken uns zu Schmach und Qual,
Der selbst in Hádes' Reiche nicht den Toten läßt.
Ist hier die Sorge nicht gerecht, die Retterin?

Wechselgesang des Chores.

Erste Strophe.

[Vers 400] Sorge du, sei, o Herr,
Allgerecht, frommgesinnt, unser Schutz!
Nicht dahin gib die Schar,
Die Gewalt ruchlos aus-
trieb in dies ferne Land!

Erste Gegenstrophe.

[Vers 405] Dulde nie, daß man uns
Raubt vom gottreichen Sitz, der du, Herr,
Alle Macht übst im Land!
Sieh' des Feinds Übermut,
Seinen Grimm halte fern!

Zweite Strophe.

[Vers 410] Dulde nie, daß man uns Flehende
Hier von der Götter Bild, o Schmach! wider Recht,
Dem Rosse gleich, am bunt
Schimmernden Band der Stirn, am Kleid schleppt hinweg

Zweite Gegenstrophe.

Glaube fest, deinem Stamm, deinem Haus,
[Vers 415] Was du auch wählen magst, steht ein Gericht bevor
Zugleich schwerem Kampf.
Denke denn: mächtig und gerecht waltet Zeus!

Der König.

Schon lange dacht' ich's; wogend trieb mich's diesem zu:
Mit Menschen oder Göttermacht den großen Kampf
[Vers 420] Zu wagen, treibt mich strenge Not, und wohlgefügt
Mit Nägeln, hoch auf Walzen, steht der Kahn bereit.
Kein Ende seh' ich ohne Leid aus solcher Not.
Wohl kann dem Hause, dessen Schatz der Feind geleert,
Ein andrer, neuer Segen durch Kronions Huld
[Vers 425] Erblühen, reicher als des Krieges Wut verschlang;
Und ward zur Unzeit ausgesandt der Zunge Pfeil,
Der bitterschmerzend ungestüm aufregt das Herz,
Mag Rede Rede wiederum besänftigen.
Doch daß der Blutsverwandten Blut nicht fließe, muß,
[Vers 430] Von frommen Händen dargebracht, manch Opfertier
Der Götter manchem fallen als Abwehr des Leids.
Nein, solcher Fehde weich' ich wohlbedächtig aus.
Des Leides will ich lieber unerfahren sein,
Als kundig. Mög' es wider Hoffen glücklich geh'n!

Der Chor.

[Vers 435] Vernimm der demutvollen langen Rede Schluß!

Der König.

Ich höre, sprich denn offen; nichts wird mir entgeh'».

Der Chor.

Ich trage Gurt und Bänder, um das Kleid geschnürt.

Der König.

Wohl paßt sich solcher Zubehör zur Frauentracht.

Der Chor.

Ein schönes Werkzeug, siehe, bieten diese mir –

Der König.

[Vers 440] Sprich aus in klarem Worte, wie verstehst du das?

Der Chor.

Wofern du sichre Hilfe nicht uns angelobst –

Der König.

Zu welchem Ende dienen dann die Bänder euch?

Der Chor.

Mit neuem Schmucke schmücken wir die Bilder hier.

Der König.

Ein Wort in dunklen Rätseln: sprich dich deutlich aus!

Der Chor.

[Vers 445] An diesen Göttern häng' ich unverweilt mich auf.

Der König.

Gleich scharfen Pfeilen bohrte mir dein Wort in's Herz.

Der Chor.

Verstandst du's? Augenscheinlich hab' ich's dargelegt.

Der König.

Ja, ringsumher stürmt unbezwingbar grause Noth;
Ein Heer von Übeln rauscht heran, dem Strome gleich;
[Vers 450] In Áte's grundlos wogend Meer auf schwerer Fahrt
Gelangt' ich, nirgend öffnet sich der Not ein Port.
Denn leih' ich eurem Wunsche nicht ein willig Ohr,
So drohst du Greuel, deren Höh'n kein Pfeil erreicht.
Und greif' ich eure Vettern aus Ägyptos' Stamm,
[Vers 455] In offnen Kampf ausziehend, vor den Mauern an:
Wie? Müßte solch ein Opfer mir nicht bitter sein,
Wenn Frau'n zuliebe Männerblut die Felder tränkt?
Doch muß ich Zeus', des Flüchtlingshortes, Rache scheu'n,
Dem sich der Menschen höchste Furcht im Staube beugt.

(Zu Danaos.)

[Vers 460] Auf nun, der Jungfrau'n Vater, hochbetagter Greis,
Nimm flugs die grünen Zweige hier in deinen Arm
Und trage sie nach andern Opferherden hin
Der Landesgötter, daß die Zeichen eurer Flucht
Die Bürger alle schauen und kein schmähend Wort
[Vers 465] Mich höhne; gerne tadelt ja das Volk die Herr'n.
Wohl möchte Mitleid, wenn es eure Not gewahrt,
Dem Trotze zürnen jener kühn Vermessenen,
Euch aber Argos' edles Volk gewogner sein;
Wohlwollen hegen alle für die Schwächeren.

Danaos.

[Vers 470] Mit hohem Danke preisen wir das hohe Glück,
Daß uns in dir solch ehrenwerter Hort erstand.
Gib aus dem Volke Führer, die des Weges uns
Geleiten, daß wir eurer Heimatgötter Herd
Im Tempelvorhof, ihre goldenstrahlenden
[Vers 475] Wohnsitze finden und die Stadt mit Sicherheit
Durchschreiten können; unsre Tracht und Art ist fremd.
Denn Ínachos und Néilos nährt kein gleiches Volk.
Verhüte, daß mein Hoffen keine Furcht gebiert;
Schon mancher gab unkundig einem Freund den Tod.

Der König.

(Zu einigen aus dem Gefolge.)

[Vers 480] Zieht hin, o Männer; weise sprach der fremde Mann.
Zeigt ihm die Stadtaltäre, zeigt den Göttersitz,
Und trefft ihr jemand, schwatzet nicht; euch folgt ein Mann,
Der, über Meer gekommen, Götterschutz erfleht.

( Danaos mit Begleitern ab nach der Seite von Argos.)

Der Chor.

Ihm gabst du Weisung, ungefährdet zieht er hin:
[Vers 485] Doch was beginn' ich? Wo gewinn' ich Schutz von dir?

Der König.

Die Zweige, Zeichen deiner Not, laß hier zurück!

Der Chor.

Ich lasse sie, gehorsam deinem Wink und Wort.

Der König.

Nun wende dich dem langgestreckten Haine zu!

Der Chor.

Wie böte dieser offne Hain mir Sicherheit?

Der König.

[Vers 490] Raubvögeln wahrlich geben wir dich nicht dahin.

Der Chor.

Doch Feinden, schlimmer als des Drachen grimme Brut!

Der König.

Erwidre milder; sprach doch ich ein mildes Wort.

Der Chor.

Kein Wunder, wenn ich bitter ward aus Herzensangst.

Der König.

Stets ist die Furcht unmäßig, wenn der Führer fehlt.

Der Chor.

[Vers 495] Erheitre du denn meinen Sinn durch Wort und That!

Der König.

Nicht lange läßt der Vater euch allein zurück.
Und ich berufe dieses Landes Rat sofort,
Und stimme meines Volkes Herz, euch hold zu sein.
Auch eurem Vater lehr' ich, was er reden soll.
[Vers 500] So bleibet hier denn, fleht die Landesgötter an
Und bittet, euch zu geben, was ihr wünschen mögt!
Ich eile nun von hinnen, euch hilfreich zu sein:
Mir folge Péitho, folge mir, vollendend Glück!

(Der König mit seinem Gefolge ab.)

Wechselgesang des Chores.

Erste Strophe.

Der Götter Gott, seligster du der Seligen,
[Vers 505] Aller Gewalt gewaltigster, ewiger Zeus, erhör' uns!
Wend' ab von deinen Kindern
Der Männer Frechheit in gerechtem Zorne!
Stürz' in die brandenden Wogen das Fluchschiff
Dieser verruchten Schwarzen!

Erste Gegenstrophe.

[Vers 510] Auf unser Fleh'n hörend, erneue du den Ruhm
Unserem alten Stamm, dem Geschlechte der teuren Ahnfrau,
Der Gnade Ruhm erneue!
Ja, denke mein huldvoll, Geliebter Ío's!
Ihrem Geschlechte ja sind wir entblüht, sind
[Vers 515] Heimisch in Árgos' Lande.

Zweite Strophe.

Ich fand hier alte Spuren wieder,
Au'n, wo die Mutter auf Blumen geweidet,
Die fette Grasflur, von wannen Io
Einst von der Bremse verfolgt
[Vers 520] Flüchtete, rasend im Geist;
Viele Geschlechter der Menschen hindurch
Schweifte sie; zwier kam sie zum jenseitigen Strand,
Nach des Geschicks Willen der See wogende Flut durchschneidend.

Zweite Gegenstrophe.

Sie rennt weithin durch Ásis' Auen,
[Vers 525] Phrýgia's lämmerbedeckte Gefilde;
Durch Téuthras' Stadt eilt sie, durch der Mýser
Thale, die lydischen Gau'n
Und der Kíliker Gebirg
Und der Pamphýler in stürmendem Schwung;
[Vers 530] Ströme, die nie rasten im Lauf, sah sie, das gold-*
prangende Land, kam in das fruchtwallende Reich der Kýpris.

Dritte Strophe.

Sie floh (rasch trieb sie fort der Flügelpfeil
Ihres Treibers) zum hehren,
Zum allnährenden Fruchthain,
[Vers 535] Der schneegetränkten Ébne, die des Týphos Hauch
Mit Macht durchweht,
Zu Néilos' Flut, wo die Seuchen fliehen;
Rasend von grauser Mühen Schmach,
Kam sie, vom Schmerz, den die Stacheln gebohrt
[Vers 540] Der zorntrunkenen Héra.

Dritte Gegenstrophe.

Das Volk, damals im Lande heimisch dort,
Bleiches Grausen erfaßt' es,
Da solch seltsamer Anblick
Sich bot, die grauenvolle Menschenmißgestalt,
[Vers 545] Zur Hälfte Kuh,
Zur Hälfte Weib; alles stand verwundert.
Wer, sich erbarmend, labte da
Io, die unglückselige, wild
Umgetriebne von Wahnsinn?

Vierte Strophe.

[Vers 550] Der Gott, endloser Zeiten Herrscher,
Zeus erlöste die Jungfrau.
Ihr Leid, die schmerzlos sel'ge Macht,
Des Zeus göttlichen Anhauch,
Fühlend, schmilzt, und die Thräne weh-*
[Vers 555] mütiger Scham entstürzt ihr.
Ein Pfand von Zeus, trugloser Sage nach, entwand
Ihr sich der Sohn vom Schoße,

Vierte Gegenstrophe.

Im Ruhm endlose Zeit beseligt;
Ringsum riefen die Lande:
[Vers 560] Der lebensreiche Sprößling hier,
Zeus' Sohn ist er in Wahrheit!
Denn wer hätte der Hera zorn-*
schnaubende Wut bewältigt?
Dies that Kronion; diese nennst du denn mit Recht
[Vers 565] Epaphos' echte Sprossen.

Fünfte Strophe.

Zu wem kann mein Gebet gerechter
Um Beistand fleh'n, zu welchem Gotte?
O Vater alles Lebens, Herr durch eigne Macht,
Des Stammes alter großer Ahn,
[Vers 570] Allwalter Zeus, alles Heiles Quelle!

Fünfte Gegenstrophe.

In Niemands Obhut scheu sich flüchtend,
Erkennt Zeus keinen andern Herrscher,
Und schaut zu Niemand über sich verehrend auf.
Er spricht, und fertig folgt die That,
[Vers 575] Und schafft, was kaum still im Herzen keimte.

(Danaos kommt mit seinen Begleitern aus der Stadt zurück.)

Danaos.

Getrost, o Kinder! Glücklich steht's in Argos' Stadt;
Die Schlüsse gingen alle durch im Rat des Volks.

Der Chor.

Heil, Alter, der so liebe Botschaft uns gebracht!
Wohlan, verkünd' uns, wie des Volkes Schluß beschied,
[Vers 580] Wo sich der Mehrheit Hände siegend hingeneigt.

Danaos.

Es stimmten Argos' Bürger all' in Einem Sinn,
Daß frisch in Jugend wieder schlug dies greise Herz.
Weit scholl der Äther, als des Volkes Hände rings
Empor sich hoben, diesen Spruch bestätigend:
[Vers 585] »Wir sollen frei in diesem Lande wohnen, frei
Vor jedem Anspruch, unverletzlich aller Welt,
Und Fremde weder dürfen uns, noch Heimische,
Von hinnen führen; wird Gewalt an uns geübt,
So soll der Bürger, welcher uns nicht Hülfe leiht,
[Vers 590] Ehrlos erklärt sein und verbannt durch Volkesschluß.«
Zu solchem Antrag stimmend, sprach der König selbst
Für uns, Pelasgos, an den schweren Zorn des Zeus,
Des Flüchtlingshortes, mahnend, daß ihn nie die Stadt
Aufwecken möge: solch ein Doppelgräul, zugleich
[Vers 595] Am Fremdling und am Bürger durch die Stadt verübt,
Würd' ihr ein unerschöpfter Born des Leides sein.
Das Volk von Argos hörte dies, erhob die Hand,
Bevor man aufrief, und gebot: »so soll es sein!«
Der Rede klugen vielgewandten Gang vernahm
[Vers 600] Das Volk Pelasgos'; aber Zeus entschied das Ziel.

Die Chorführerin.

Auf, laßt uns Argos' Volke das Heil
Anwünschen, wie Heil uns wurde von ihm!
Zeus, gastlicher Gott, o vernimm das Gebet
Aus gastlichem Mund, und geleit' es in Huld
[Vers 605] Zu dem herrlichsten Ziel der Vollendung!

Wechselgesang des Chores.

Erste Strophe.

Götter aus Zeus' Geschlecht,
Höret mich jetzt, wenn Einmal,
Segen erfleh'n für Argos!
Nicht in der Flamme Glut tilge Pelasgos' Stadt
[Vers 610] Ares, der üppig tobt mit graunvollem Ruf,
Der auf des Blutes Feld Saaten der Männer abmäht,
Weil sie mein sich erbarmte,
Und mild fällte mein Urteil,
Und Zeus' Schützlinge ehrt, der Frau'n
[Vers 615] Mitleidwürdige Herde.

Erste Gegenstrophe.

Nicht zu der Vettern Gunst
Fällte die Stadt den Spruch; sie
Ehrte der Frauen Klage,
Und zu dem Rächer Zeus blickte sie auf, dem all-*
[Vers 620] siegenden Wächter, dessen Fluch, traun! kein Haus
Über dem Dache sich wünscht; denn er lastet schwer dort.
Uns Verwandte, des heil'gen
Zeus Schutzflehende, scheut sie;
Darum lächeln die Götter ihr
[Vers 625] Stets an reinen Altären.

Zweite Strophe.

Darum empor von laubschattender Lippe fromm
Schwebe, Gebet der Ehren!
Möge die Seuche niemals
Ihnen die Stadt veröden,
[Vers 630] Nie mit gefall'ner Bürger Blut
Tränken den heimischen Grund der Aufruhr,
Ungebrochen der Jugend
Blume blüh'n, Aphrodíta's
Menschenmordender Buhle nie,
[Vers 635] Áres, mähen die Blüte!

Zweite Gegenstrophe.

Und in der Greise Hut flamme der Herde Glut,
Schwellend umhäuft von Gaben,
Daß die Gemeine blühe!
Ehre sie Zeus, den großen,
[Vers 640] Gastlichen Gott, vor allen, ihn,
Welcher mit grauem Gesetz das Recht wahrt!
Mag die Saat des Gefildes
Immer neu sich gebären!
Huldvoll bringe der Léto Kind
[Vers 645] Hilfe kreißenden Frauen!

Dritte Strophe.

Nie zu der Männer Tod stürme Verderben her,
Welches, die Stadt zerfleischend,
Cither und Reigen haßt, thränengebärenden Krieg
Und Volksaufruhr zum Kampfe waffnet!
[Vers 650] Fern vom Haupte der Bürger
Lag're feindlicher Seuchen
Schwarm; mild schütze des Phöbos Hand
Alle die Jugend des Landes!

Dritte Gegenstrophe.

Schaffe Kroníon, daß, reifender Früchte voll,
[Vers 655] Wuch're die Flur das Jahr durch;
Weidender Herden Zucht mehre sich stets im Gefild';
Gewährt Heil sonder Ende, Götter!
Hehr an hohen Altären
Schalle heiliger Sänger
[Vers 660] Lied; von lauterer Lippen Rand
Schweb' es, beschwingt von der Laute!

Vierte Strophe.

Behutsam wahre seiner Ehren
Das freie Volk, dessen Wort die Stadt lenkt,
Mit weisem Geist sinnend auf Gemeinwohl.
[Vers 665] Versöhnlich stets, mög' es gern
Dem Fremdling, eh' wild der Kampf
Erwacht, sein Recht ohne Leid gewähren!

Vierte Gegenstrophe.

Der Heimat Götter ehret allzeit,
Den Vätern gleich, all ihr Árgossöhne,
[Vers 670] Im Lorbeerschmuck Opferstiere weihend!
Der Eltern Furcht ist von drei
Gesetzen, die Díke's Hand
In eh'rne Denktafeln grub, das dritte.

Danaos.

O Kinder, um so weise Wünsche lob' ich euch.
[Vers 675] Doch zittert nicht, wenn aus des Vaters Munde nun
Ein unerwartet neues Wort das Ohr vernimmt!
Von dieses Schutzgestades Höh'n gewahr' ich dort
Das Schiff, (es ist wohlkenntlich, daß es meinen Blick
Nicht irrt,) die Segeltücher und das Doppeldeck,
[Vers 680] Die Stirne, vorwärts ihren Blick hierher gewandt.
Dem Steuerruder, welches herrscht am Spiegelrand,
Nur allzufolgsam, aber uns nicht holdgesinnt.
Die Schiffer auch erkenn' ich, – ihre dunkelen
Gestalten schimmern aus den weißen Hemden vor, –
[Vers 685] Dort auch die andern Bote samt des Hilfsgefolgs
Mannschaft; das Hauptschiff rudert selbst mit Macht heran.
Es zog, dem Ufer nahe, schon die Segel ein.
Nun schaut mit ungestörtem Ernst in stiller Ruh
Zum Strand und fleht hier unverwandt die Götter an:
[Vers 690] Ich will nach Rechtsbeiständen, will nach Helfern geh'n.
Denn wohl ein Herold oder auch ein Bote kommt,
Der euch von hinnen führen will als Eigentum.
Nichts soll gescheh'n von diesem; seid ganz unbesorgt!
Doch ist es wohl gerat'ner, wenn die Hilfe säumt,
[Vers 695] Der Götterhut hier immer eingedenk zu sein.
Getrost! Dereinst am festgesetzten Tage muß
Ein Frevler büßen, der die Götter frech entehrt.

Erste Strophe.

Führerin des ersten Halbchores.

Ich zitt're, Vater; denn die Schiffe, raschbeschwingt,
Sie nah'n: indessen ohne Rast entflieht die Zeit.

Erster Halbchor.

[Vers 700] Schauer der Angst umfängt bebend die Seele mir,
Ob auch die weite Flucht einen Gewinn mir bot.
Mein Vater, ach, die Angst tötet mich!

Danaos.

Fest steht der Argossöhne Spruch; so sei getrost,
Mein Kind; sie kämpfen, zweifle nicht, den Kampf für euch.

Erste Gegenstrophe.

Führerin des zweiten Halbchores.

[Vers 705] Voll Ungestüm, wahnwitzig, unersättlich sind
Im Kampf Ägýptos' Söhne: selber weißt du das.

Zweiter Halbchor.

Und an gewölbter, blauschimmernder Kiele Bord
Schifften sie her (mit Glück zeigte der Zorn die Bahn)
Samt dunkler Männer zahlreichem Zug.

Danaos.

[Vers 710] Sie werden viele treffen, die im glühenden
Mittage wacker abgehärtet Brust und Arm.

Zweite Strophe.

Führerin des ersten Halbchores.

Das eine bitt' ich, Vater: laß mich nicht allein!
Allein vermögen Frauen nichts, uns fehlt der Mut.

Erster Halbchor.

Tückischen Sinnes, ha! tückischer Ränke voll
[Vers 715] In unheil'ger Brust, werden sie, Raben gleich,
Keines Altares achten.

Danaos.

Ein großer Vorteil wäre das für uns, o Kind,
Wenn ihr vereint mit Göttern sie befeindetet.

Zweite Gegenstrophe.

Führerin des zweiten Halbchores.

Nicht diesen Dreizack fürchten sie noch Göttermacht,
[Vers 720] Nie zieh'n sie, Vater, ihren Arm von uns zurück.

Zweiter Halbchor.

Maßlos im Trotze kühnfrevelnden Übermuts,
In wahntrunk'ner Gier hündischer Dreistigkeit,
Achten sie nicht der Götter.

Danaos.

Doch lehrt das Sprichwort, Wölfe seien mächtiger
[Vers 725] Als Hunde; Býblos' Staude zwingt die Ähre nicht.

Der Chor.

Sie hegen schnöder, grauser Ungetüme Wut
Im Busen; darum hüte dich vor ihrer Macht!

Danaos.

Die Fahrt der Schiffsgeschwader ist wohl nicht so rasch,
Kein Port so nahe, noch der Taue sichrer Halt
[Vers 730] So schnell ans Land zu fördern, noch vertrauen sich
Der Schiffe Lenker alsobald dem Ankergrund,
Zumal sie hier ein hafenloses Land empfängt.
Die Nacht, zu der die Sonne niedertaucht, gebiert
Dem klugen Steuermanne Not und Herzeleid.
[Vers 735] So wäre denn dem Heere selbst das Landen nicht
Ratsam, bevor die Schiffe sichern Stand gefaßt.
Vergesset ihr nur angsterfüllt die Götter nicht,
Und ruft um Hilfe! Mich erhört die Stadt gewiß,
Den greisen Boten, jung an wohlberedtem Geist.

( Danaos geht mit seinen Begleitern zur Stadt zurück.)

Wechselgesang des Chores.

Erste Strophe.

[Vers 740] O du holmreiche Flur, mit Recht verehrt!
Was wird mit uns? In welchen Winkel Ápia's
Entflieh'n wir, der uns schirmend hüllt in düstre Nacht?
Ein dunkler Rauch möcht' ich flieh'n,
Zeus' Wolkenheeren nahe zieh'n,
[Vers 745] Entschwinden spurlos, Hauchen gleich emporgeweht,
Wie leiser Staub, unbeschwingt zerrinnen!

Erste Gegenstrophe.

Nicht unruhvoll mehr sänne dann mein Geist.
Jetzt schlägt in dunkeln Wogen mir das Herz empor:
Des Vaters Botschaft tötet, Angst entseelte mich.
[Vers 750] Des Todes Arm möge denn
In Stranges Fesseln mich umfah'n,
Bevor der Gottverfluchte diesen Leib berührt!
Zuvor erblaßt, berge mich Grabesdunkel!

Zweite Strophe.

Wo wird in Äthers Höhe mir ein stolzer Thron,
[Vers 755] Um den der Wolke Nebelbild zu Schnee erstarrt,
Ein glatter, unwirtsamer Fels,
Öde, steil, der Adler Haus,
Der, zum Abgrund schwindelnd, mir
Tiefen Sturzes Zeuge sei,
[Vers 760] Eh' Gewalt, mein Herz zerreißend,
Mich an diese Männer kettet?

Zweite Gegenstrophe.

Wohl auch der Hunde Beute, wohl auch heimischer
Raubvögel Mahl zu werden, ich verweigr' es nicht:
Der Tod allein ja nimmt von uns
[Vers 765] All das jammerschwere Leid.
Komme denn sein Tag, bevor
Mich das Brautgemach empfängt!
Was vermag mich sonst zu retten,
Was zu lösen diese Bande?

Dritte Strophe.

[Vers 770] Um Hilfe jamm're himmelan,
Den Göttern flehe mein Gesang,
Der diese Leiden ende, der
Mich löse! Vater, sieh den Kampf!
Dein gerechtes Auge lieb' es nicht,
[Vers 775] Freche Gewalt zu schau'n!
Deinen Schützlingen hilf, o Zeus,
Weltlenkender Gott der Allmacht!

Dritte Gegenstrophe.

Denn sieh, Ägyptos' Söhne, frech,
Mit unerträglich wildem Trotz
[Vers 780] In hastigem Laufe stürmen sie
Der Flüchtigen nach; mit wildem Ruf
Trachten sie gewaltsam mich zu fah'n.
Dein ist die Wage, du
Wäge! Schaffst du nicht das Gedeih'n,
[Vers 785] Was könnte der Mensch vollenden?

(Geschrei der ankerwerfenden Ägypter. Die Führerin zeigt nach dem Strande hinaus; voll Entsetzen drängen sich die Jungfrauen zu einer jammernden Masse zusammen.)

Schlußgesang.

Erste Jungfrau des Chores.

Ha, der Räuber dort im Schiff kam zum Strand!

Zweite.

Eher versinke, Räuber!

Dritte.

Neue landen!

Vierte.

Ich Arme, wehe!
Laut erheb' ich bangen Angstruf.

Fünfte.

[Vers 790] Ich sehe schon
Die Vorspiele dort, sehe schon Gewaltthat mir droh'n.

Sechste.

Eile geschwind, o rette –

Siebente.

Wie sie voll Trotz sich bläh'n! Grausen im Schiff, am Ufer!

Achte.

O Fürst, beschirm' uns!

(Vom Strande her kommt ein ägyptischer Herold, gefolgt von Sklaven, die mit Stangen, Beilen und Peitschen bewaffnet sind.)

Der Herold.

[Vers 795] Fort ihr, fort in die Barke! Geschwind, geschwind!

Erster Halbchor.

So wird man uns denn
Fortzerren am Haar, brandmarken, des Beils
Mordender Schlag trennt uns blutend das Haupt vom Rumpf!

Der Herold.

Fort ihr, fort, ihr Verruchten, an Bord, an Bord!
[Vers 800] Oder auf salziger See
Weithinwogender Flut
Setz' ich in herrischem Trotz
Dich mit vernietetem Speer
Blutiggepeitscht in das Schiff!
[Vers 805] Und widerstrebst du länger,
Schärf' ich des Zwanges Gewalt, dir endlich
Auszutreiben den Wahnsinn!

Zweiter Halbchor.

O Grau'n, o Grau'n!
Verlaß den Sitz! Zurück ins Schiff,
Du, der ungestraft Árgos' Altar entweiht!

Erster Halbchor.

[Vers 810] Möcht' ich ihn nie mehr seh'n,
Neilos' umweideten Strom, welcher des Sterblichen Blut
Stärkend durchwallt mit dem Quell des Lebens!
Mich schützt der Altar, der Altar hier,
Mich Tochter uralten Bluts!

Der Herold.

[Vers 815] Du mußt ungesäumt ins Schiff, fort ins Schiff,
Ob gern, ob ungern!

Zweiter Halbchor.

Gewalt, Gewalt!
Hebe dich weit hinweg von mir!
Schwer büßest du, Frevler, was du versuchst.

Erste Strophe.

Erster Halbchor.

Weh uns, weh uns!
[Vers 820] Daß du versänkest ohne Rettung
In dem wogenden Meerhain,
In des Sturms Nacht an den vielsandigen Untiefen Sarpédons
Treibend auf dunkler Irrfahrt!

Der Herold.

Wehklaget nur und jammert, ruft die Götter an!
[Vers 825] Ägyptos' Barken überspringt ihr nimmerdar,
Und ob ihr bittrer jammert noch im Ton der Angst!

Erste Gegenstrophe.

Zweiter Halbchor.

Ach, ach, ach, ach!
Schmähe du, belle hier am Ufer,
Ha, blähe dich trotzvoll!
Daß der Nilgott, o du Frechster,
[Vers 830] Von der Frechheit dich zurück doch
Schreckte, mich mächtig schützte!

Der Herold.

Fort ihr, gebiet' ich, ungesäumt zur Barke, die
Sich schon zur Abfahrt wandte! Keines zög're mehr!
Denn diese Hand scheut wahrlich eure Locken nicht.

Zweite Strophe.

Erster Halbchor.

[Vers 835] Weh, Vater, weh! Des Herdes Schutz mein Fluch!
Zum Meere schleppt er mich,
Langschreitend, Spinnen gleich,
Ein Nachtungetüm!
O Ge, Ge, Mutter, hilf,
[Vers 840] Wende das Grau'n von uns!
O Zeus, Ge's Sohn, hilf!

Der Herold.

Ich fürchte, traun! die Götter dieses Landes nicht,
Die nicht als Kind mich pflegten, nicht mich altern sah'n.

Zweite Gegenstrophe.

Zweiter Halbchor.

In meiner Nähe zischt zweifüßig hier
[Vers 845] Die Schlang' heran und wird
Zur gift'gen Natter, bohrt
Ins Herz tief sich ein.
O Ge, Ge, Mutter, hilf,
Wende das Grau'n von uns!
[Vers 850] O Zeus, Ge's Sohn, hilf!

Der Herold.

Wofern du nicht, uns folgsam, gleich zum Schiffe gehst,
Reiß' ich zu Fetzen ohne Scheu dein Prunkgewand.

Dritte Strophe.

Erster Halbchor.

Ihr Landeshäupter, helft! Gewalt duld' ich hier!

Der Herold.

Fortschleppen, scheint es, muß ich euch am Lockenhaar,
[Vers 855] Da nicht sofort ihr hören wollt auf mein Gebot.

Dritte Gegenstrophe.

Zweiter Halbchor.

Wir sind verloren, Herr! O grau'nvolles Leid!

Der Herold.

Ja viele Herr'n, Ägyptos' Söhne, seht ihr gleich!
Getrost: ihr klagt nicht über Herrenlosigkeit!

(Während der letzten Worte tritt der König von Argos mit Gefolge ein.)

Der König.

He, was beginnst du? Welcher Wahn bethörte dich,
[Vers 860] Daß du Pelásgis' Bürger und ihr Land beschimpfst?
Du wähntest wohl in einer Frauenstadt zu sein?
Ein Fremdling, höhnst du Héllas' Volk in frechem Trotz,
Und vieles frevelnd, schaffst du nichts mit klugem Sinn.

Der Herold.

Wo lenkt' ich ab vom Rechte, was verbrach ich hier?

Der König.

[Vers 865] Erst, was dem Fremdling zieme, blieb dir unbekannt.

Der Herold.

Wie das? Ich ging Verlor'nes aufzufinden aus –

Der König.

Und welche Schutzherr'n sprachst du hier in Argos an?

Der Herold.

Den größten Schutzherrn Hérmes, der allspähend wacht.

Der König.

Anrufend Götter, scheust du nicht der Götter Macht!

Der Herold.

[Vers 870] Die Götter ehr' ich, welche Neilos' Volk verehrt.

Der König.

Und Argos' Götter gelten dir, so hör' ich, nichts!

Der Herold.

Sie will ich achten, wenn mir niemand diese raubt.

Der König.

Du sollst es büßen, wenn du sie berührst, und gleich!

Der Herold.

Gastfreundlich lautet nimmermehr ein solches Wort.

Der König.

[Vers 875] Ich nehme Götterschänder nicht gastfreundlich auf.

Der Herold.

Geh' hin, Ägyptos' Söhnen selbst dies kundzuthun!

Der König.

Um solches mich zu kümmern, bin ich nicht gemeint.

Der Herold.

Damit du klarer sehest, red' ich deutlicher.
Ziemt doch dem Herold, alles deutlich kundzuthun.
[Vers 880] Wer, soll ich sagen, kehr' ich auf das Schiff zurück,
Hat mir der Frauen blutsverwandte Schar geraubt?

Der König.

Wozu den Namen sagen? Kommt die Zeit dereinst,
Erfährst du selbst und deine Fahrtgenossen ihn.
Die führe frei mit ihres Herzens Wunsch davon,
[Vers 885] Wenn du mit frommer Rede sie gewinnen kannst.
Einstimmig ward von Argos' Bürgern allzumal
Der Schluß genehmigt, keiner Macht jemals die Schar
Der Frauen auszuliefern: hell glänzt dieser Spruch,
Fest eingenietet, und besteht unwandelbar.
[Vers 890] In eh'rne Tafeln gruben wir sein Wort nicht ein,
Noch ruht es stumm in Pergamentes Falten; nein,
Vernehmlich hörst du's, ungefälscht, aus freiem Mund.
Und jetzt hinweg aus meinen Augen, – ungesäumt!

Der Herold.

Wofern du neuen Kriegesbrand entflammen willst,
[Vers 895] Nun, auch Ägýptos' Söhne sind zu Kampf bereit.
Wohl schlichtet Áres solchen Streit durch kein Verhör
Von Zeugen, nicht durch Silber mag er solchen Zwist
In Frieden enden; nein, zuvor auf blut'gem Feld
Sinkt manches tapfre Leben noch im Tode hin.
[Vers 900] Doch uns, den Männern, wende dann der Sieg sich zu!

(Der Herold mit den Begleitern ab.)

Der König.

Als Männer sollt ihr dieses Reichs Bewohner, traun!
Erfinden, nicht als Trinker schlechten Gerstenweins! –

(Zu den Jungfrauen)

Ihr alle samt den treuen Dienerinnen geht
Gefaßten Mutes nach der wallumhegten Stadt,
[Vers 905] Die stolzer Mauern sichre Wehr ringsher umschließt!
Ihr trefft der Häuser viele dort, vom Volk erbaut,
Und andre baut' ich selber, nicht mit karger Hand.
Behaglich ist's, in einem wohlbestellten Haus
Mit vielen andern wohnen; doch, gefällt es mehr,
[Vers 910] Steht auch in eignen Häusern euch zu wohnen frei.
Von alle dem das Beste, Wohlgefälligste
Ist euch zu Dienste: wählet! Euer Schutz bin ich
Und alle Bürger, welche den Beschluß gefaßt.
Was harrst du stärk'rer Freunde noch, denn diese sind?

Die Chorführerin.

[Vers 915] Reich lohne für Heil euch Fülle des Heils,
O pelasgischer Held!
Nun sende voll Huld uns den Dánaos her,
Der die Töchter mit Rat umsichtig bedenkt,
Ein getreu vorsorgender Vater.
[Vers 920] Er möge zuvor auswählen ein Haus
Und ein freundliches Dach, wo zu wohnen uns ziemt.
Man tadelt so gern, was Fremdlinge thun:
O wende sich alles zum besten!

Der König.

Mit feierndem Ruhm, nicht grollend begrüßt
[Vers 925] Von dem heimischen Volk, zieht, Freundinnen, ein!
Schart ihr euch an, ihr Mägde, wie dort
Euch Danaos einst, nach dem Lose verteilt,
An die Herrinnen schenkte zur Mitgift!

(Er geht ab. Zu den Halbchören der Danaostöchter ordnen sich die Dienerinnen in zwei Halbchören, um feierlich in Argos einzuziehen. Während dessen kehrt Danaos mit Geleit aus der Stadt zurück.)

Danaos.

Euch ziemt, o Kinder, Árgos' Söhne durch Gebet
[Vers 930] Und Opferduft und Spenden, gleich Olýmpiern,
Zu feiern; denn sie waren eure Retter, traun!
Was naher Vettern Übermut mit dreister That
An uns gefrevelt, hörten sie voll bittern Zorns
Und gaben, diesem greisen Haupt zur Ehre, dann
[Vers 935] Mir als Geleiter diese Lanzenknechte mit,
Daß nicht ein Speerstoß ungeahnt von Meuchlerarm
Mir bringe Tod, ein ewig Blutmal ihrem Land.
Da solches mir geworden, wahrt ihr euren Schmuck,
Der Seele Reinheit, – noch zu höh'rer Ehre mir!
[Vers 940] Und schreibt zu vielem andern, was der Vater euch
Ans Herz gesprochen, dieses auch in euer Herz:
Den neuen Umgang richtet und bewährt die Zeit!
Denn frech erhebt sich wider Eingewanderte
Die Lästerzunge, leicht beschmutzt ein böser Mund.
[Vers 945] Euch mahn' ich denn, bereitet keine Schande mir,
Nun ihr erblüht zum Alter, das die Männer lockt!
Nicht leicht zu hüten, wahrlich, ist die zarte Frucht;
Verfolgend bringen Männer ihr den Untergang.
Was hoch in Lüften flattert, was am Boden schleicht,
[Vers 950] Was tief in Wassern wimmelt, hascht die Früchte gern,
Die, kaum entfaltet, Aphrodíte's Stimme preist
Und rohgesinnter Lüsternheit den Raub verwehrt.
Auch nach der Jungfrau'n zarten Huldgestalten wirft
Der liebetrunk'nen Blicke zaubermächtiges
[Vers 955] Geschoß in süßem Sehnen, wer vorübergeht.
Drum duldet niemals, was zu flieh'n, so viele Not,
So weiten Meeres lange Bahn ihr durchgekämpft,
Und wehrt von uns die Schande, wehrt dem Feind die Lust!
Ein Haus zur Wohnung bietet sich zwiefach sogar;
[Vers 960] Denn eins gewährt Pelásgos, eins gewährt die Stadt,
Von allen Zinsen ledig: schon ein großes Glück!
Nur dieses treue Vaterwort, bewahrt es treu,
Und ehrt die Tugend höher als das Leben selbst!

Die Chorführerin.

Daß nur der Götter Gnade sonst uns nicht verläßt:
[Vers 965] Um meine Blüte, Vater, sei ganz unbesorgt!
Wenn Götterrat nicht andres über mich verhängt,
So weich' ich nie von meines Sinnes altem Pfad.

Gesang der hinausziehenden Chöre.

Erste Strophe.

Erster Halbchor.

So erhebt denn im Triumphton
Des Olýmps Götter, die Burgherr'n
[Vers 970] Und der Stadt Hüter und die schon in der Urzeit
Erasínos' Flut umwohnten!

Zweiter Halbchor.

In das Lied stimmt mit Gesang ein,
O Gefährtinnen! Der Gesang gel-
te der Heimat des Pelásgos, und der Nilstrom
[Vers 975] Werd' im Lied nicht mehr gefeiert!

Erste Gegenstrophe.

Erster Halbchor.

Nur die Quellströme besing' ich,
Die das Land tränken mit Labsal,
Und in allnährenden Windungen sich ergießend,
Durch die Gau'n fruchtspendend hinzieh'n.

Zweiter Halbchor.

[Vers 980] O beschirm' unsere Schar, Ár-
temis, voll Gnaden! O mög' uns
In ihr Joch nicht mit Gewalt zwängen Kythére!
Wir verabscheu'n solchen Kampfpreis.

Zweite Strophe.

Erster Halbchor.

Doch vergißt auch Aphrodíta's der Gesang nicht;
[Vers 985] An des Zeus Seite vereint herrscht sie mit Héra,
Und in ehrwürdiger That waltet die tiefsinnige Göttin.

Zweiter Halbchor.

Und gesellt naht mit der huldlächelnden Mutter
Sich die Sehnsucht und die allsiegende, holdzaubernde Péitho,
Und die Hingebung umschwärmt kosend die Göttin
[Vers 990] Und der Liebesgötter Flüstern.

Zweite Gegenstrophe.

Erster Halbchor.

O wie graut uns, den Entflohenen, vor dem Unheil,
Das heranstürmt, vor des Kriegs blutigem Scheusal!
O warum glückte die Seefahrt zu der windschnellen Verfolgung?

Zweiter Halbchor.

Was verhängt ward vom Geschick, mag sich's erfüllen!
[Vers 995] Es umgeht keiner des Zeus ewigen, niewankenden Ratschluß.
Wie der Frau'n viele der Eh'bund in der Urzeit,
So beglück' er uns dereinst auch!

Dritte Strophe.

Erster Halbchor.

Doch hinweg wende Kroníon
Mir den Eh'bund mit den Vettern!

Zweiter Halbchor.

[Vers 1000] Und gewiß wär' es das beste.

Erster Halbchor.

Doch den Unbeugsamen beugt nichts.

Zweiter Halbchor.

Dir verhüllt birgt sich die Zukunft.

Dritte Gegenstrophe.

Erster Halbchor.

Wie vermag ich es, des Zeus Sinn
Zu durchschau'n, Rätsel des Abgrunds?

Zweiter Halbchor.

[Vers 1005] Ein Gebet sprich, doch genügsam!

Erster Halbchor.

So belehr' uns: was geziemt hier?

Zweiter Halbchor.

In Geduld trage, was Zeus schickt!

Vierte Strophe.

Erster Halbchor.

Wehre du von uns, o Zeus,
Den verhaßten, feindlichen
[Vers 1010] Bund mit den schnöden Männern,
Du, der Ío's Kummer einst
Durch der Hand linden Druck bewältigend,
Heil erschuf mit süßer Kraft!

Vierte Gegenstrophe.

Zweiter Halbchor.

Du verleihe Sieg den Frau'n!
[Vers 1015] Wenn ein doppelt Leid mir droht,
Wähl' ich das klein're lieber.
Daß dem Recht des Rechtes Sieg
Folge, fügt Gottes Rat auf mein Gebet,
Der aus Leid mein Leben löst.

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