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Gutenberg > Aischylos >

Die Schutzflehenden

Aischylos: Die Schutzflehenden - Kapitel 3
Quellenangabe
typetragedy
booktitleGriechische Tragiker Aischylos, Sophokles, Euripides
authorAischylos
translatorJ. G. Droysen (Berlin 1832)
year1961
publisherDeutscher Bücherbund
addressStuttgart, Hamburg
titleDie Schutzflehenden
pages75-109
senderahipler@mainz-online.de
noteAnruf v. Herrn Wilka: dieser Text ist nicht von Droysen. 0561-7894631,0171-2620197
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Erste Strophe

Chor:
Herr aller Herrn, Seligster du der Seligen,
Aller Gewalt Gewaltigster, Zeus in den Himmeln droben,
Hör uns, erhör uns gnädig!
Wend heilgen Zornes ihre Frechheit von uns!
Hinabstürz in die purpurne Meerflut
Dieser Verruchten Fluchschiff.

Erste Gegenstrophe

Und unserm Flehn gnädig, der Mädchen nah, erneu
Unserem altgefeierten Stamm von der teueren Ahnin
Den Ruhm der einstgen Gnade!
Ja, treugedenk sei mein, du Buhle Ios,
Von der unser Geschlecht sich entstammend
Heimisch in diesem Land nennt.

Zweite Strophe

Ich find hier alte, teure Spuren,
Finde die blumigen Aun der Mutter,
Das Wiesenbruch hier, von wannen Io,
Auf von der Bremse gescheucht,
Flüchtig in irrendem Wahn
Weit in die Lande der Menschen umher-
Schweifte, dem Schicksal gemäß
Zweimal zum jenseitigen Strand flüchtend die Fluttore der See benannte.

Zweite Gegenstrophe

Sie stürmt drauf durch die Asiswiese,
Phrygias lämmerbedecktes Feld durch,
Durcheilt der Stadt Teuthras mysisch Talland,
Über die lydischen Aun,
Durch Pamphylias Volk,
Durch die Kilikischen Alpen im Flug,
Weiter die Zwillingsströme hinab,
Weiter zum fruchtseligen Land, weiter zum kornüppigen Reich der Kypris.

Dritte Strophe

Sie fliegt, fortjagt mit wildem Stachel sie
Ihr geflügelter Treiber
Zum allnährenden Fruchtland;
Den schneegetränkten Fluren, über die herein
Vor Typhons Hauch
Die Flut des Nils, jeder Seuche rein, schwillt,
Naht sie in schmachgehäuftem Schmerz, rasend in geißelblutger Qual
Der haßtrunkenen Hera.

Dritte Gegenstrophe

Wer damals das erlebt in jenem Land,
Bleichen Grausens erfaßt ward
Sein Geist, ihre verstörte,
Grasweidende, grause Menschenmißgestalt zu schaun;
Ihr Leib, halb Kuh,
Halb Mädchen, anstaunten sie das Wunder.
Da, wer erbarmte sich der unseligen, irregetriebenen,
Wahnsinnschweifenden Io?

Vierte Strophe

Der endlos ewgen Zeiten Herrscher,
Zeus erlöste die Jungfrau;
Vor seiner schmerzlos selgen Kraft,
Seinem göttlichen Atem
Schmilzt ihr Gram, und die Träne wehmütiger Scham, sie entperlt ihr;
Ein Pfand des Gottes, das sie truglos trug im Schoß,
Zeugte den hehren Sohn sie:

Vierte Gegenstrophe

Der endlos ewgen Zeiten Heiland!
Rings drum jauchzten die Lande:
"Dies lebenspendende, selge Kind,
Wahrlich, des Gottes Sohn ist's."
Wer sonst hätte der Hera trugspinnenden Haß bewältigt?
Zeus war's! Es darf entstammt von dir, du Hauches Sohn,
Unser Geschlecht sich rühmen!

Fünfte Strophe

Drum wen mag, welches Gottes Beistand
Ich anflehn mit gerechtrer Bitte?
O teurer Sämann, treuer Gärtner, groß und mild,
Urweiser, Urgewaltiger,
Ahnherr! Du allautrer Born des Heils, Zeus!

Fünfte Gegenstrophe

Von niemand pflichtgebannt dem Niedern,
In Allmacht herrscht er alles Höchsten
Und schaut zu niemand dienend aufwärts über sich;
Da steht mit seinem Wort das Werk,
Was still im Geist kaum ihm keimt, vollbracht ist's!

(Danaos kommt mit seinen Begleitern aus der Stadt zurück)

Danaos:
O Kinder, freut euch! Glücklich steht es in der Stadt;
Vom Volk genehmigt sind die Beschlüsse allzumal.

Chor:
Heil, Vater, dir, du liebster Botschaft Bote mir!
Nun aber sag uns, wie beschieden hat der Schluß,
Für den der Hände dicht Gedräng das Volk erhob.

Danaos:
Es stimmten Argos' Bürger ungeteilten Sinns,
So daß mir jung und freudig schlug dies greise Herz,
Als alles Volkes tausendfacher Arm empor
Sich hob gen Himmel, Kraft zu geben diesem Spruch:
Wir sollen hier im Lande wohnen frank und frei,
Angriffgesichert, aller Welt in heilger Ruh;
Es soll hinweg kein Fremdling, kein Einheimischer
Uns reißen; würde je Gewalt an uns versucht,
So sollte, wer von den Bürgern nicht zu Hilfe eilt,
Ehrlos erklärt sein und verbannt durch Volksbeschluß.
Für diesen Vorschlag sprach zu unsern Gunsten drauf
Der Fürst Pelasgos; an des Schützlingshortes Zeus
Schwerdräunden Zorn gemahnt' er, den sich nie die Stadt
Erwecken möchte, warnte dann: dies Doppelgreul
Zugleich des Gastrechts und der Stadt am eignen Tor,
Es würd ein unerschöpfter Born des Jammers sein.
Nach diesen Worten, eh der Herold noch gebot,
Hob alles Volk die Hände schon: so sollt es sein! –
Wohl hörte seine Rede klug und vielgewandt
Das Volk; doch Zeus ist's, der es so zum Ziel gewandt! –

Chorführerin:
Auf! auf! laßt froh dem argivischen Volk
Uns Segen erflehn, wie wir Segen empfahn.
Du, der Fremdlinge Hort, von der Fremdlinge Wort
Laß Ehren und Wunsch, Zeus, gnädig gedeihn
Zum erfreulichen Ziel der Vollendung!

Erste Strophe

Chor:
Jetzt mich, wenn irgend je,
Höret, ihr Zeusgebornen! Hört dem Geschlecht mich Heil flehn!
Wecke der Flammen Brunst nie in Pelasgos' Stadt,
Ares, der taumelnd tobt in festschändender Wut,
Der sich der Männer Bluternte von fremder Flur mäht –
Weil sie mein sich erbarmet,
Mein Heil freundlich beschlossen,
Zeus' Schutzflehende gescheut in uns neidunwürdiger Herde.

Erste Gegenstrophe

Nicht zu der Männer Heil
Gaben sie jenen Spruch, mißachtend der Mädchen Klage;
Sondern sie schaun zu Zeus' rächendem Wächter, der Schuld
Unüberwindlichem Fluch, des blutschuldiges Spähn
Keiner auf seinem Dach wünscht, denn er lastet schwer dort.
Nein, uns, ihre Verwandten,
Zeus' Schutzflehende scheun sie,
Drum so wird sie die Gottheit stets gern am lautren Altar schaun.

Zweite Strophe

Drum von dem frommen, laubschattigen Mund empor
Flieg ein Gebet der Ehren,
Mögen dem teuren Volk nie
Seuchen die Stadt verheeren,
Nie der Empörung wilde Wut
Blutig ihr heimisch Gefild sä'n,
Ungebrochen der Jugend
Blüte blühn, Aphrodites
Menschenmordender Buhle nie, Ares, dieses Gefild mähn!

Zweite Gegenstrophe

Greisen vertraut zur Hut, flammend in froher Glut
Möge des Landes Herd sein,
Für der Gemeinde Wohlfahrt
Zeus, der Erhabene, geehrt sein,
Aber zumeist der Fremden Hort,
Der an ein ewig Gesetz ihr Los weist;
Mag der Führer Geschlecht stets
Führer wieder erzeugen,
Hilfreich Artemis nahn den Fraun, wenn ihr kreißender Schoß reißt.

Dritte Strophe

Nimmer ein menschenhinraffender Schwindel mag
Spaltend sich auf sie stürzen,
Tränenerzeugenden Kampf sonder Gesäng und Gepräng,
Ein aufruhrblutig Netz zu schürzen;
Der Schwarm frevler Begier laß
Fernab sich grausig nieder;
Gnädig sei der Lykeier Gott aller Jugend des Landes!

Dritte Gegenstrophe

Reifende Frucht im Feld, jedes zu seiner Zeit,
Zeitige Zeus zur Reife,
Mehr' in den Triften umher segnend der Herden Gedeihn;
Die Gottheit, euch gewähr sie alles!
Dreinjauchz hellen Gesanges
Der Götterchor der Musen,
Lautren Lippen entschweb ihr Lied leierbeschwingten Klanges.

Vierte Strophe

Entehrend hüte seiner Ehren
Das freie Volk, des Geheiß die Stadt lenkt
Behutsam willengleicher Lenkung;
Den Fremden gönnt wohlbedacht,
Bevor der Kampf wild erwacht,
Ihr gutes Recht sonder Schmach und Kränkung!

Vierte Gegenstrophe

Der Heimat Götter immer ehre,
Wer wohnt im Land, nach dem Brauch der Väter
Lorbeergeschmückt im Opferstiergeleite.
Der Älteren Furcht fort und fort,
Das ist der drei drittes Wort,
Die Dike vorschrieb, die hochgeweihte! –

Danaos:
So weise Wünsche, liebe Kinder, lob ich ganz.
Ihr aber müßt nicht bange werden, wenn ihr jetzt
Ein unerwartet neues Wort vom Vater hört.
Von dieser flüchtlingschützenden Warte seh ich dort
Ihr Schiff – denn nicht trügt's, leicht erkennbar, meinen Blick –,
Der Segel Flattern und das stolze Doppeldeck,
Die Stirn des Kiels, fernher den Blick auf uns gewandt,
Des Steuerruders allgewaltgem Machtgebot
Nur zu gehorsam, aber gar feindselig uns.
Schon ist die Mannschaft kenntlich, ihre schwärzlichen
Gestalten blicken unter weißen Hemden vor,
Schon auch die andern Schiffe dort, der Verbündeten
Geschwader; jetzt das Vorschiff unterm Ufer zieht
Das Segel ein, fährt schweren Ruderschlags ans Land.
Jetzt mögt bedachtsam, ungestörten Ernstes ihr,
Den Blick zum Ufer, unverwandt zu den Göttern flehn.
Ich aber will euch Hilf und Schutz zu holen gehn.

Chorführerin:
Doch könnt ein Herold oder Bote leicht sich nahn,
Der uns zurückheischt, mit sich uns als Sklavin reißt!

Danaos:
Nein, das geschieht nicht, Kinder, zittert nicht davor.

Chor:
Doch besser, aufzuschieben noch den Hilferuf,
Um deiner Hilfe, Vater, nicht entblößt zu sein.

Danaos:
Habt Mut; dereinst muß doch am Tag, der ihm gesetzt,
Den Frevel büßen, wer die Gottheit frech verletzt.

Chor:
Ich zittre, Vater! Ihre Schiffe schnellbeschwingt,
Sie nahn! Dahin fliegt schnell die allzu kurze Zeit!

Erste Strophe

Ja, und es hält mich bangzweifelnde Angst gebannt,
Ob mir ein Heil nicht fernbergende Flucht noch beut!
Und ich vergeh vor Angst, Vater, oh!

Danaos:
Weil Argos' Ausspruch fest und abgeschlossen, Kind,
Sei ruhig; für dich kämpfen sie, ich weiß es klar.

Chor:
Entsetzlich sind Aigyptos' Söhne, frevelkühn,
Kampfunersättlich, Vater, ach, du weißt es ja!

Erste Gegenstrophe

Und in den Schiffen, schwarzbordig und weitgebaucht,
Schifften sie her in kühn glückendem Frevelmut,
Ein ungezählt, ein schwarzwimmelnd Heer!

Danaos:
Und viele gleichfalls finden sie hier, die kampfgeübt
Im Schweiß des Mittags abgehärtet Brust und Arm.

Chor:
Nur laß allein mich, Vater, nicht; ich bitte dich!
Allein vermögen Mädchen nichts, uns fehlt der Mut.

Zweite Strophe

Niedrigen Sklavensinns, niedrigen Truges voll,
Werden sie Raben gleich im ruchlosen Geist
Nicht des Altares achten!

Danaos:
Gar schön, o Kinder, wird es uns zunutze sein,
Wenn euch und die Gottheit sie zugleich anfeindeten.

Chor:
Nicht diesen Dreizack, nicht der Götter Heiligtum
Scheun, Vater, die, nicht lassen sie von uns ihre Hand.

Zweite Gegenstrophe

Jene, zu stolz bewußt ihrer verruchten Macht,
In wahnsinniger Gier hündischen Blickes frech,
Scheuen die Götter nimmer!

Danaos:
Es heißt das Sprichwort: Wölfe seien mächtiger
Denn Hunde; Byblos' Schilf bezwingt die Ähre nicht.

Chor:
Es nährt ihr Sinn graunhafter, allentsetzlicher
Scheusale Wut; drum mußt du hüten ihre Macht.

Danaos:
Nein, so geschwind ist nicht der Schiffsgeschwader Fahrt
Und Landung, nicht der Taue sichrer Halt so schnell
Ans Land zu bringen, noch vertraun dem Ankergrund
Der Schiffe wohlbedächtge Hirten sich sogleich,
Zumal da hier sie hafenlosen Ufern nahn.
Die Nacht, zu der schon Helios niedersteigt, sie pflegt
Dem treuen Bootsmann Furcht zu bringen und Gefahr,
So wäre selbst, sich auszuschiffen, nicht dem Heer
Ratsam, eh gut geredet. Habe du nur acht,
In deiner Angst die Götter nicht zu lassen, bang
Nach Hilfe. Selbst der Stadt ein Bote, geh ich fort,
Obschon ein Greis, doch Jüngling noch an Geist und Wort. –
(Danaos kehrt mit Gefolge zur Stadt zurück)

Erste Strophe

Chor:
Du holmreich Land! Du teures Heiligtum!
Was werd ich dulden, ach, in Apia wohin
Entfliehn, wo dunkle Stätte finden, auszuruhn?
Ein schwarzer Rauch möcht ich fliehn,
Zeus' Wolken nah von hinnen ziehn,
Lautlos verschwinden,
Möcht ein leiser, leichter Staub,
Emporgeweht, flügellos verfliegen!

Erste Gegenstrophe

Nein, fluchtlos bliebe hier nicht meine Furcht!
Und dunkelwogend pocht das Herz in meiner Brust!
Des Vaters Wort, es traf mich, ich vergeh vor Angst! –
So werd der Tod eh mein Teil,
Hoch aufgeknüpft im bittren Seil,
Eh diesen Busen
Rührt der Gottverfluchten Hand,
Eh will ich tot, will ich des Todes Raub sein!

Zweite Strophe

Wo find ich einen Ort mir hoch in luftger Höh,
Um den die nebelfeuchte Wolke wird zu Schnee,
Ein stilles, jähes, gemseneinsames, abgrundschwindelndes,
Adlernistendes Felsgehäng,
Tiefen Sturzes Zeuge mir,
Eh dieser Brautnacht dunkelem Fluch mein brechend Herz anheimfällt?

Zweite Gegenstrophe

Dann auch der Hunde Beute, dann der nagenden
Raubvögel Mahl zu werden, ich erduld es gern!
Der Tod allein, er macht von wehklagebittrem Jammer frei!
Komme, Tod, denn! Komm herbei,
Vor der Brautnacht mach mich frei!
Wo kann ich einen Weg mir erspähn, wo dieser Banden Lösung?

Dritte Strophe

Oh, jammert laut zum Himmel empor
Den Ewigen flehenden Gesang,
Allendenden mir, zuwendenden mir,
Was mir fehlt; was mich quält, o Vater, du sieh's! –
Gewalt zu schaun, dein allgerecht
Auge begehrt es nicht; zu uns schaue; wir flehn
Zu dir, Zeus, Walter der Welt, Allmächtger! –

Dritte Gegenstrophe

Aigyptos' Söhne, frevelerfrecht,
Zu unerträglichem Gelüst
Nachstürmend in wilder Jagd, mich zu fahn,
Mich Scheue scheuchen sie wilden Geschreis,
Gewalt bereit mir anzutun.
Dein ist der Waage Zünglein; was könnte der Mensch,
Wenn du, Zeus, nicht es erfüllst, erfüllen? –

Da, die Räuber von den Schiffen am Gestad!
Räuber, eh versinket!
Neue landen!
Ich erhebe lauten Angstruf!
Sie rüsten, ich seh es genau, schon zu unserm Unheil Gewalt!
Weh uns! Weh uns! Komm und errett uns Flüchtge!
Fürchterlich wimmelt's und schwillt's, grausig vom Schiff zum Ufer!
Fürst! Fürst! Beschirm uns! –

(Der Chor flüchtet auf den Hügel an die Altäre; ein ägyptischer Herold kommt mit dem Heroldstab und zahlreichen Begleitern vom Strand her)

Herold:
Fort nun, fort, in die Barken geschwind! geschwind!
Ihr säumt? ihr säumt? fortreißt, fortschleift,
Peitscht sie fort, mit dem Blutbeil
Schneidet das blutende Haupt vom Rumpf! –

Erste Strophe

Fort denn, fort in das Verderben, Verderben, fort an Bord!
Wandert zum Ufer hinab,
Längs den Weg am Gestad,
Herrischen Hohnes verlacht,
Während des Wegs mit geknotetem Riem
Blutig gepeitscht, so kommt ihr an Bord,
Sklavinnen jetzt und allezeit;
Ich gebiet euch, der Macht zu weichen!
Es betrog euch Wunsch und Schicksal.

Chor:
Weh uns! Weh uns!

Herold:
Fort von den Sitzen, in die Barken fort!
Du der heimischen Weihen Entweiherin!

Erste Gegenstrophe

Chor:
Nie seh ich wieder den fruchtüppigen heimischen Strom,
Der ein verführerisch Blut
Liebesempfänglicher Lust entzündet!
Ich Ahnenerlauchte bin heilig
Am Altar, am Altar, o Greis!

Herold:
Zu den Barken, den Barken geschwind hinweg,
Ob du magst, ob versagst.
Mit Gewalt, mit Macht und Gewalt hinweg jetzt!
Und herabsteigt, eh zuvor ihr es büßt,
Eh bewältigt ihr sinkt! –

Zweite Strophe

Chor:
Wehe! Wehe!
Sinken mußtest du selbst unrettbar
In die peitschende Meerflut,
Zu den vielsandigen Untiefen Sarpedons hinaus,
Von den Stürmen der Nacht verschlagen.

Herold:
Wehklag und schrei und jammre nach der Götter Schutz,
Du entrinnst Aigyptos' Barken nun und nimmermehr!
Wehklag und schrei noch jammerlauter deinen Schmerz!

Zweite Gegenstrophe

Chor:
Wehe! Wehe!
Grausiges Unheil gähnt vom Strand her!
Der du sprachst, du erfreust dich
In Verruchtheit; daß, o Allfrechster, des Nil Flutengrab
Dich hinabschläng im Gericht des Frevels.

Herold:
Fort! fort! gebiet ich! fort zum Schiff, schon steht's gewandt
Fort! fort! beeilt euch! säume länger keine hier!
An den Haaren fortgerissen, zwingt man sonst sie leicht.

Dritte Strophe

Chor:
Weh, Vater! Fluch war mir der Schutz des Altars!
Langschreitend, spinnegleich,
Gespenst, Gespenst, so schwarz! –
Gâ! Gâ! Gnad uns!
Wend ab dieses entsetzliche Graun!
O Zân, Gâs Sohn, hilf!

Herold:
Ich fürchte nicht die Götter dieses fremden Volks,
Die nicht mich nährten, nicht mich schützend altern sahn!

Dritte Gegenstrophe

Chor:
Zweifüßige Schlange, schleicht es, züngelt's
Wutzischend, viperngleich,
Gift beißt es, beißt es ein!
Gâ! Gâ! Gnad uns!
Wend ab dieses entsetzliche Graun!
O Zân, Gâs Sohn, hilf! –

Herold (den Stab schwingend:)
Und gehst du nicht zum Schiffe, so erprobst du den!
Kein Fetzen soll uns dauern an deinem Prunkgewand!

Chor:
Ihr Herrn in der Stadt! Ihr Fürsten! Helft! Helft! Gewalt!

Herold:
So reiß ich endlich euch denn bei den Haaren fort,
Da ihr von selbst nicht folgen mochtet meinem Wort!

Chor:
Wir sind verloren! Herr! Herr! Gewalt dulden wir!

Herold:
Ja, viele Herren, Aigyptos' Söhne, habt ihr gleich!
Fort! Nicht um Herrenlosigkeit beklagt ihr euch.

(Pelasgos mit Gefolge tritt auf)

Pelasgos:
Holla! Was machst du! Welche Frechheit kommt dir bei,
Daß du pelasgischer Männer Land also entweihst?
Was! Dachtest du in einer Weiberstadt zu sein?
Barbar du, vor Hellenen trotzest du so frech?
Trotz aller Frechheit richtet doch nichts aus dein Witz!

Herold:
Was nennst du Frechheit? Was ich beging ich sonder Recht?

Pelasgos:
Als Fremder selbst nur dich zu nahn verstehst du nicht.

Herold:
Wie das? Da ich Verlornes aufzusuchen her –

Pelasgos:
Auf welchen Schutzherrn hier im Land berufst du dich?

Herold:
Der größte Schutzherr, Hermes Allerforscher ist's.

Pelasgos:
Du sprichst von Göttern, die du ja selbst nicht scheuen willst.

Herold:
Die Götter an des Niles Ufern ehren wir.

Pelasgos:
Doch nicht die unsern, eben hört ich's selbst von dir.

Herold:
Ich will sie achten, falls mir niemand diese raubt.

Pelasgos:
Du sollst's beweinen, wenn du sie anrührst, und das gleich.

Herold:
Das heiß ich kein gastfreundlich Wort, das du mir sagst.

Pelasgos:
Auch bin ich Gastfreund Heiligtumesschändern nicht.

Herold:
So komm und tu das selbst Aigyptos' Söhnen kund.

Pelasgos:
Dafür zu sorgen wäre meines Amtes nicht.

Herold:
Damit ich dessen kundig besser sagen kann –
Denn freilich Pflicht ist's, daß der Herold alles klar
Berichte –, wie, von wem beraubt denn nenn ich uns
Der verwandten Mädchen, wenn ich an Bord zurückgekehrt?
Glaub nicht, mit Zeugen oder Spruch wird Ares hier
Entscheiden, nicht pflegt solchen Streit Vertrag und Gold
In Frieden enden; nein, es muß entschieden sein
Durch manches Tapfern Ende, manches Lebens Tod.

Pelasgos:
Wozu dir meinen Namen? Wenn du einst ihn hörst,
Wirst du ihn kennen und die mit dir hergeschifft. –
Mit ihres Herzens Wunsch und Willen magst du die
Heimführen, falls dein ehrerbietig Wort es kann.
Vom ganzen Volk einstimmig ward auf vollem Markt
Beschlossen, niemals auszuliefern keiner Macht
Die Mädchen; fest und unverrückt an festem Stift
Wahrt dieses Volksbeschlusses Täflein jede Brust,
Der nicht in ehernen Tafeln eingeschrieben steht,
In Pergamentes Falten nicht versiegelt schweigt,
Nein, klar von meines Mundes unverhohlnem Wort
Hast du's gehört. Jetzt schnell aus meinen Augen fort!

Herold:
Dies eine hör noch: du entflammst dir selbst den Krieg;
Zu uns, den Männern, wird sich wenden Ruhm und Sieg!
(Herold ab)

Pelasgos:
Als rechte Männer sollt ihr dieses meines Reichs
Bewohner sehn, nicht ärmlich, gerstenmostberauscht. –
(Zu den Danaoskindern)
Ihr aber alle nebst den treuen Mägden geht
Getrosten Mutes nach der wallumschirmten Stadt,
Die sicher zuschließt ihrer Türme fester Bau.
Und manch Gebäude findet ihr des Volkes dort,
So wie ich selbst auch nicht mit karger Hand gebaut.
Es ist so heimlich, eine Wohnung dicht und still
Zu haben mit den andern; doch gefällt's euch mehr,
So stehn zerstreute Häuschen auch für euch bereit.
Von alledem das Beste und Behaglichste
Steht euch zu Diensten. Wählet! Euer Schirm bin ich
Und alle Bürger, welche jenen Schluß gefaßt.
Erwartet nun ihr beßre Freunde noch denn uns?
(Pelasgos ab)

Chorführerin:
Was an uns du getan, dir lohn es sich reich,
Du Pelasgierfürst!
So send huldreich uns unseren treu
Versorgenden Vater zurück, des Rat
Und Gebot uns führt; der muß es zuvor
Noch bedenken, wo uns es zu wohnen sich paßt.
Denn an jeglichem Ort, wie er gastlich auch sei,
Sind Fremdlinge bald
Zum Gespött; doch es ende zum Besten! –

Erste Halbchorführerin:
Mit der Feier des Ruhms, mit dem Gruß des Gesangs
Für des Volks Heil wollen wir einziehn.

Zweite Halbchorführerin:
Schart, teuere Mägde, zu uns euch so,
Wie Danaos einst euch jeder von uns
Als Dienerin schenkte zur Mitgift.

(Danaos kommt mit Geleit aus der Stadt zurück)

Danaos:
O Kinder, Argos' Bürgern müßt ihr weihn Gebet
Und Dank und Opfer und wie Göttern im Olymp
Gelübde; wahrlich eure Retter nennt ihr sie.
Was uns von unsrer übermütigen Vettern Stolz
Geschehn, sie hörten's mit gerechtem Zorn von mir;
Mein greises Haupt zu ehren, gaben sie sodann
Mir diese Lanzenknechte und Geleiter mit,
Daß unerwartet nicht ein feindlicher Speer den Tod
Mir brächte, Blutschuld nicht ihr Land besudelte.
Wenn's so begann, wird euer Antlitz doppelt gern,
Der schöne Spiegel eurer Seele, dort begrüßt.
Drum schreibet dies euch ins Gedächtnis sorglich ein
Zu eures Vaters andern Sprüchen und bedenkt,
Daß neue Freundschaft erst die Zeit bewähren muß.
Denn Schutzbedürftigen wird behend ein jeder Mund
Leumund, Gerücht macht leicht berüchtigt und verhaßt.
Euch drum ermahn ich, nicht zur Schande werdet mir,
Erblüht zum Alter, das der Männer Blicke lockt;
Nicht leicht zu hüten ist der reifen Frucht Genuß;
Gar gern verletzt und kostet sie Getier und Mensch,
Und was die Luft durchflieget, was am Boden schleicht.
Kypris ist Herold, wie die Traube saftig reift,
So hüte du dich fein vor jedem Traubendieb;
Denn nach der Jungfraun liebesüßem Blumenflor
Pflegt jeder Wandrer jenen zaubermächtgen Pfeil
Des Blicks zu senden, von Verlangen süß berauscht.
Drum duldet jetzt nicht, dem zu entgehn soviel Gefahr,
So weiten Meeres ferne Bahn ihr duldetet;
Laßt uns Beschimpfung, unsrer Feinde Lust und Spott,
Vermeiden. Wohnung ist ja zwiefach uns bereit,
Die uns Pelasgos, die die Stadt uns geben will,
Von Last und Pflicht frei. Wohl zustatten kommt es uns.
Was treu der Vater jetzt dir riet, bewahr es treu,
Daß Scheu und Scham dir teurer als das Leben sei. –

Chor:
In allem sonst sei mein der ewgen Götter Schutz,
Um meine Jugend, Vater, sei du unbesorgt.
Denn hat mir andres nicht verhängt der Götter Rat,
Ich lasse niemals meines Sinnes alten Pfad.

Erste Strophe

Nun wohlan! Preiset die hochseligen Schutzgötter, der Stadt Hüter, der Burg Wächter und alljeden, des Wohnung
Erasinos' alter Strom netzt.
Mit Gesang folget, Gefährtinnen, und hoch preiset die Heimat des Pelasgos, doch der Nilschwellen gedenkt
In des Festgesanges Preis nicht;

Erste Gegenstrophe

Nur der Quellströme, die dies Land mit der kühllabenden Flut tränken, die keimweckend in allnährender Windung
Durch die Aun hin lachend strömen.
Mag herab Artemis mitleidig, die Allkeusche, zu uns schaun, Aphrodite in das Brautbett mich nicht zwingen.
Mir ein Greul ist ihr nächtlich Kampfspiel.

Zweite Strophe

Nicht den herzwilligen Bund Kyprias haß ich,
Denn mit Hera, denn mit Zeus thront sie, die Höchste,
Und in ehrwürdiger Pflicht waltet die vielsorgliche Göttin.
Doch zugleich naht mit der holdlächelnden Mutter
Sich die Sehnsucht, sich die allzaubernde Siegrin Überredung,
Und der Hingebung gepaart, folgt Aphroditen
Des Verlangens flüsternd Zögern.

Zweite Gegenstrophe

Der Begier Jagen nach uns Flüchtgen, der Schmach Dräun,
Der in Mord triefende Blutkampf, mich entsetzt er;
Ach, warum glückte die Meerfahrt der zu schnell nahenden Verfolgung?
Es gescheh denn, was verhängt uns vom Geschick ward;
Unumgehbar ist des Zeus ewiger, nie wankender Ratschluß;
Doch in alljeglicher Eh zeige sich dies End,
Daß des Weibes sei die Herrschaft!

Dritte Strophe

Ja, hinweg wende von uns Zeus
Der Aigyptos-Söhne Hochzeit!
Am erfreulichsten geschäh's so;
Doch wer rührt den nie Gerührten?
Dir verhüllt naht sich die Zukunft!

Dritte Gegenstrophe

Wie vermöcht ich es, des Zeus Rat,
Wie den Abgrund zu ergründen?
So erheb mäßig Gebet jetzt! –
So belehr mich, was ich flehn soll! –
Wie es Gott gebe, zu schweigen.

Vierte Strophe

Wende du, Zeus, dieser Eh bräutigamverhaßten Bund,
Wie du in Io ehemals
Allen Kummer lind gestillt, rührend sie mit der Hand, die alles heilt,
Herzend sie in süßer Kraft.

Vierte Gegenstrophe

Macht gewähr den Fraun; ergeht's besser dann mir nur denn schlecht,
Nur erträglich mir, gern lob ich's.
Daß mir Recht um Recht gescheh, das erfüll mein Gebet um freies Los,
Das der Götter heilger Rat! –

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