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Gutenberg > Aischylos >

Die Schutzflehenden

Aischylos: Die Schutzflehenden - Kapitel 2
Quellenangabe
typetragedy
booktitleGriechische Tragiker Aischylos, Sophokles, Euripides
authorAischylos
translatorJ. G. Droysen (Berlin 1832)
year1961
publisherDeutscher Bücherbund
addressStuttgart, Hamburg
titleDie Schutzflehenden
pages75-109
senderahipler@mainz-online.de
noteAnruf v. Herrn Wilka: dieser Text ist nicht von Droysen. 0561-7894631,0171-2620197
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(Ufergegend zwischen der See und der Stadt Argos. Der Chor der flüchtigen Danaiden mit den Mägden zieht ein; unter ihnen der greise Danaos)

Chorführerin:
Zeus, Flüchtlingshort,
Schau gnädig herab auf unseren Zug,
Der zu Meer von des Nilstroms Mündungen her,
Von den feinsandigen,
Aufbrach; und verlassend die heilge
Heimat, die an Syria grenzt, flohn wir,
Um Blutschuld nicht ins Elend zu gehn,
Vom Gerichte des Volkes verurteilt;

Den verwandten, den bräutigamsflüchtigen Bund,
Mit Aigyptos' Söhnen die Hochzeit flohn
Voll Abscheu wir; und Danaos selbst,
Mein Vater und Rater und Führer zur Tat,
Er ersann, er gebot
Uns dies' glorwürdigste Trübsal:

Rastlos zu entfliehn durch die wogende See
Und zu landen am Argosstrande, woher
Ja unser Geschlecht von der schweifenden Kuh,
Vom Berühren, vom leis anwehenden Hauch
Des Kroniden sich rühmt zu entstammen.

Drum welch Land wohl, liebreicher denn dies,
Könnten betreten wir,
Dies bittende, wollenumwundne Gezweig
Schutzflehender fromm in den Händen?

O droben ihr Himmlischen, deren die Stadt
Und das Land und die leuchtenden Wasser, und ihr
Schwerstrafenden drunten im Hades,
Und Zeus, Heiland, der das Haus, das Geschlecht
Du der Frommen bewahrst,
Aufnehmet der Fraun schutzflehenden Zug;
Doch den männergedrängt frechtrotzenden Schwarm,
Des Aigyptos' Geschlecht,
Eh ihr Fuß dies sandige Ufer betritt,
So verschlagt sie in jagenden Barken hinaus
In die offene See,
Wo die wettergegeißelte Sturmnacht sie,
Wo sie Donner und Blitz,
Wo des regengepeitschten Orkanes Gewalt
In der brausenden See sie vernichte,
Eh das Bett, das Themis ja ihnen versagt,
Eh mit ringender Hand das erzwungene Bett
Der bewältigten Muhmen sie schänden.

Erste Strophe

Flehend gewendet zu dir,
Sohn des Zeus, du der jenseitigen Heimat Hort, von der blumenweidenden Kuh,
Unserer Ahnin, gezeuget von Zeus' Hauch –
Denn, der sie rührte, der Hauch, ihn erfüllte im Namen das ewge Verhängnis,
Als sie Epaphos' Kraft gebar, glorreich.

Erste Gegenstrophe

Flehend zu dir denn gewandt,
Will ich jetzt, in den grasreichen Aun der hehren Mutter einstige Qual
Feiernd, ein unwiderlegliches Zeugnis
Sagen, von welchem verschieden und nimmer erwartet sich alles an uns zeigt;
Doch begreift mit der Zeit man einst dies auch.

Zweite Strophe

Stünd in der Näh einer der Einheimischen jetzt
Zu Vogelfang und hörte diese Klage,
Würd er meinen, in wehklagendem Gram sei es der Tereïschen Gattinnen Gesang,
Der falkgejagten Nachtigall,

Zweite Gegenstrophe

Die von des Bachs Ufern, den Waldbüschen verscheucht,
Wehklagt im Gram verlorner Heimat,
Hinzusinget des Lieblinges Geschick, welchen sie selbst schlug mit der mordblutigen Hand,
Unmütterlichen Zorns verwirrt.

Dritte Strophe

Ebenso schmerzenbefreundet im Gram iaonischer Klagen,
Reiß ich wund mir die nilblühende, weiche Wange,
Mein tränenunkundig Herz wund,
Des Kummers Blume pflück ich mir,
Vor den Meinen in Angst, ob mir der Flucht aus dem umnebelten Land
Irgendwer noch denken mag.

Dritte Gegenstrophe

Höret, o Götter ihr unsres Geschlechtes, ihr kennt das Gerechte,
Nur nicht ganz wider Gebühr laßt es an uns zu End gehn;
Nur hasset treu allen Frevel,
So wahrt ihr wohl der Ehe Recht.
Kampfesermüdeten auch wird ein Altar, auch den Entflohnen der Schlacht
Rettend Heil der Götter Furcht.

Vierte Strophe

Möcht ein Gott es uns lassen gedeihn. Ja, der Gedanke des Zeus, schwer ist der zu erjagen;
Dennoch flammet er rings
Auch in Nacht dem Menschen her aus dunklem Gewölk des Unheils.

Vierte Gegenstrophe

Vorstürzt siegend und nicht in den Staub, wenn sie gereift in Zeus' Haupt, die Tat der Vollendung;
Denn hinzieht sich versteckt
Seines Willens Pfad, rings schattendicht, zu erschaun unmöglich.

Fünfte Strophe

Hinabstürzt hoch von hochgetürmten Hoffnungen er Menschenwahn.
Gewalt wappnet nimmer niemand
Ungestraft den Ewigen hoch
Droben; ein Gedanke schon, ein Blick
Dort von den heiligen Thronen kann alles zumal vernichten.

Fünfte Gegenstrophe

Herabsieh auf den Frevelmut, wie jetzt dieser Stamm dichtgezweigt
Ausschlägt meiner Ehe lüstern,
Frech in unheilratendem Mut,
Der, vom eignen listgewandten Wahn
Heftig gepeitscht, betrogen einst traurigstes Los bereun wird.

Sechste Strophe

Dies harte Los, wir sagen, wir klagen es laut.
Dies bittre, gellende, tränenentquellende Weh,
Ach weh uns, weh!
Im heißen Wehruf jammerlaut!
Lebend bejammr ich selbst mich!

Flehend zu dir, apischer Holm, ruf ich!
Barbarensprache, ja du kennst sie!
Und mit geschwinder Hand,
Sieh, zerfetz ich das Linnenkleid, sieh, das Sidonerstirntuch!

Sechste Gegenstrophe

Denn Göttern weiht sich der Glücklichen heiliger Dank,
Wenn fern dem Tod, der sie lauernd umdräut, entflohn sie.
Ach weh uns, weh!
O schwerenträtselt Wehgeschick!
Welle, wohin noch treibst du?

Flehend zu dir, apischer Holm, rufe ich!
Barbarensprache, ja du kennst sie!
Und mit geschwinder Hand,
Sieh, zerfetz ich das Linnenkleid, sieh, das Sidonerstirntuch!

Siebente Strophe

Das Ruder trug, des Kieles lein'gebundenes wellensichres Haus,
Mich trug es rettend her mit frischem Wind;
Nicht beklag ich's, doch den Ausgang wolle mir einst,
Allschaunder Allvater,
Gnadenreich gewähren.

Wollest der vielheiligen Ahnin Kinder
Der Ehe, wehe!
Unvermählt, unbezwungen lassen fliehn!

Siebente Gegenstrophe

So schaue froh dann auf mich Frohe wieder die reine Tochter des Zeus,
Der heilig pranget unsres Tempels Bau.
Mir vor aller Macht und Not nie Wankenden sei,
Jungfrau, mir Jungfrau sei
Retterin und hilfreich.

Wollest der vielheiligen Ahnin Kinder
Der Ehe, wehe!
Unvermählt, unbezwungen lassen fliehn!

Achte Strophe

Willst du nicht – wir dunkle,
Sonnenglutgewohnte Schar,
Wir kehren dann
Ein zum erdumnachteten,
Ein zum allaufnehmenden
Todes-Zeus mit flehendem Zweig,
Stumm in Schlingen sterbend,
Unerhört euch, ihr Götter droben!

O Zeus, Ios Gericht geißelt uns auch gottverhängt;
Das Unheil deines olympmächtgen Gemahls kenn ich; ein grauser Haß
Weht mir diesen Sturm zu.

Achte Gegenstrophe

Dann mit böser Rede
Wird man dein gedenken, Zeus,
Wenn du der Kuh
Knäbelein mißehretest,
Das du selbst dir einst gezeugt,
Wenn du von uns kehretest
Trotz unsres Flehns dein Antlitz!
Droben, Zeus! Hör in Gnaden unser Flehn!

(O Zeus, Ios Gericht geißelt uns auch gottverhängt!
Das Unheil deines olympmächtgen Gemahls kenn ich; ein grauser Haß
weht mir diesen Sturm zu.)

Danaos:
Verständig, Kinder! Denn mit mir verständigem
Kamt ihr, dem meerfahrtkundgen, treuen Vater her.
Jetzt auf dem Land auch Schutz zu finden, rat ich euch,
Seid voller Vorsicht, meiner Worte wohlgedenk.
Ich seh des Heers lautlosen Boten schon, den Staub;
Auch schweigt der Naben achsentreibend Eilen nicht;
Und eine lanzentragende, schildbewehrte Schar
Seh ich mit Roß und Wagen prunkvoll schon sich nahn.
Die Fürsten dieses Landes werden wohl, gelockt
Durch schnelle Botschaft, selbst sich nahn, um uns zu sehn.
Doch mag in Frieden oder voll der ganzen Wut
Grausamer Roheit jener Zug herniederziehn,
Doch ist's, o Mädchen, jedenfalls geratener,
An dieser Kampfgottheiten Herd zu sitzen. Mehr
Als Turm und Burgwall schützt des Altars feste Burg.
Auf, scharet schnell euch, faßt den weißumwundenen
Ölzweig, den ehrfurchtheilgen Schmuck des hehren Zeus,
In frommer Demut an mit ehrfurchtlautrer Hand;
Antwortet schamhaft, kummervoll das Nötige
Den Herrn in diesem Lande, wie's Fremdlingen ziemt;
Erzählt verständig eure blutschuldlose Flucht;
In eurer Stimme möge ja nichts Freches sein,
Vielmehr ein sittsam Wesen sonder Eitelkeit
Aus eurem anspruchslosen Aug sanftmütig schaun;
Auch weder vorlaut noch zu breit und schleppend sei
Im Reden. Solch ein Wesen ist gar sehr verhaßt.
Nachgeben müßt ihr, flüchtig, fremd, bedürftig hie,
Denn kecke Rede ziemt den Unglückselgen nie.

Chorführerin:
Verständig, Vater, sprachst du zu uns Verständigen;
So werd ich sorgsam deiner treu besorglichen
Weisung gedenken; Vater Zeus, du sieh darein!

Danaos:
Ja, gnadenreichen Auges mag er schaun zu euch;
O Zeus, erbarm dich, eh die Gefahr uns ganz erdrückt!

Chor:
Dir will ich nah mich setzen an des Altares Rand.

Danaos:
So säumet nicht mehr, möchte glücken dieser Gang.

Chor:
Wenn er geneigt ist, endet noch dies alles froh.

Danaos:
Zeus' lichtbeschwingten Adler rufet betend an.

Chor:
Anflehn wir, vielerrettend Sonnenauge, dich!

Danaos:
Des Himmels Flüchtling Phoibos auch, den lautren Gott.

Chor:
Des Loses kundig, fühlt er mit uns unsern Gram.

Danaos:
Mitfühlen, mit euch streiten mag er gnädiglich.

Chor:
Wen ruf ich weiter unter jenen Göttern an?

Danaos:
Ich seh den Dreizack, hehren Gottes Zeichen, dort.

Chor:
Hertrug's mich freundlich, freundlich nehm es hier mich auf!

Danaos:
Und da der fremde Hermes nach Hellenenbrauch!

Chor:
Wollst uns Befreiten Herold froher Kunde sein!

Danaos:
Begrüßt mit Andacht all der Hochgewaltigen
Alleinen Altar, setzt an heilge Stätte euch
Wie ein Taubenschwarm, vor gleichbeschwingten Falken bang,
Den blutverwandten Feinden, unsres Stammes Fluch!
Der Vogel, der vom Vogel fraß, wie wär er rein?
Und der ein sich sträubend Weib vom sträubenden Vater freit,
Der sollte rein sein? Nimmer, selbst im Totenreich
Nicht wird, der das tat, seiner Tat Gericht entfliehn.
Auch dort, so glaubt man, richtet über alle Schuld
Ein andrer Zeus der Toten einst ein Jüngst Gericht.-
So seid bedachtsam und verlaßt nicht diesen Ort,
Damit in Freuden eure Sache siegen mag. –

(Pelasgos, der König von Argos, tritt zu Wagen mit Gefolge auf)

Pelasgos:
Woher gebürtig soll ich den ungriechischen,
In fremder Kleidung und Verhüllung prangenden
Barbarenschwarm begrüßen? Nicht argolisch ist
Der Weiber Anzug, nicht hellenischem Brauch gemäß;
Und daß dem Land ihr sonder Herold, führerlos,
Niemandem gastbefreundet, hier dennoch zu nahn
Getrost gewagt habt, wunderbar erscheint es mir.
Zwar liegen nach der Schutzgewärtigen frommem Brauch
Ölzweige bei euch auf der Kampfgottheiten Herd;
Dies einzig kann entziffern ein hellenisch Aug;
Auf vieles sonst noch raten ließe Tracht und Art,
Wär uns zurechtzuweisen nicht dein Mund bereit,
Darum, so gib Antwort und sprich getrost zu mir.

Chor:
Von meiner Kleidung sagtest du kein irrig Wort;
Wie aber nenn ich dich denn? einen Bürgersmann,
Des Tempels hütenden Priester, Oberhaupt der Stadt?

Pelasgos:
Ich bin Palaichthons Sohn, des erdgeborenen,
Pelasgos heiß ich, dieses Landes Fürst und Herr;
Ein Volk, Pelasger nach mir selbst, dem Könige,
Ruhmvoll geheißen, pflügt die Fluren meines Reichs;
Und alle Lande, welche tränkt der Axios,
Der Strymon, nenn ich mein vom fernsten Westen her.
In meinen Marken liegen der Perrhaiber Gau'n,
Liegt Pindos' Abhang bis Paionias Feldern, liegt
Dodonas Bergland; Grenze setzt erst meinem Reich
Des Meeres Brandung. Dies zu jenem nenn ich mein.
Doch dieser Landschaft Boden wird seit alter Zeit
Zu seines Heilands Ehren Apia genannt;
Denn aus Naupaktia war es, daß Apollons Sohn,
Der Seherheiland Apis kam und unser Land
Von menschenmordenden Ungeheuern säuberte,
Die von alter Blutschuld grausenhaft der Erde Schoß
Befruchtet zeugte, eine fluchempörte Brut,
Ein drachenwimmelnd, allvernichtend Mordgenist.
Daß Apis truglos wider sie ausrottende
Und sühnende Mittel diesem Land anwendete,
Drum feiert dankbar sein Gedächtnis unser Dienst.
Nachdem du also weißest, was mich anbetrifft,
Nenn dein Geschlecht auch und erzähl das weitere;
Doch sind dem Volk weitschweifige Reden nicht beliebt.

Chor:
Hör's kurz und klar. Argiverinnen dürfen wir
Uns rühmen, Enkel jener hochbeglückten Kuh;
Das alles läßt dich wahr erfinden mein Bericht.

Pelasgos:
Unglaublich sagt ihr, unerhört, ihr Fremdlinge,
Daß dies Geschlecht von Argos euch sei stammverwandt;
Den Weibern Libyens seid ihr wahrlich ähnlicher,
Doch nun und nimmer unsren hier einheimischen;
Eh mag der Nilstrom nähren solche Blumenflur,
Der kyprische Zug in euer mädchenhaft Gesicht
Von dem Stempel eingepräget sein, der euch gezeugt;
Für Inder, die nomadisch auf der trabenden
Kamele Saumtierrücken fern das Heideland
Längs Aithiopias Marken scheu durchschweifen solln,
Für mannentwöhnte, menschenbluteslüsterne
Amazonen würd ich, wärt ihr Bogenschützen, ehr
Euch halten. Wissen möcht ich drum genau belehrt,
Wiefern nach Argos dein Geschlecht und Stamm gehört.

Chor:
Es soll des Heratempels Schlüsselwalterin
In Argos' Landen Io einst gewesen sein,
Die, wie es gleichfalls aller Menschen Sage weiß –

Pelasgos:
Und weiter, heißt's nicht, daß sie Zeus umarmet hat?

Chor:
Ja, ihre Liebe ward vor Hera offenbar.

Pelasgos:
Und welches Ende nahm der Götter Zwist darauf?

Chor:
Es schuf zur Kuh sie Argos' Göttin zürnend um.

Pelasgos:
Nicht wahr, es ging nun Zeus zur schöngehörnten Kuh?

Chor:
So sagt man; ein kuhbrünstger Stier war's an Gestalt.

Pelasgos:
Was tat des Zeus Gemahlin drauf in ihrer Macht?

Chor:
Den allesschaunden Hüter sandte sie der Kuh.

Pelasgos:
Wie nennst du den einsam allerspähnden Hirten, sprich?

Chor:
Argos, den Sohn der Erde, den drauf Hermes schlug.

Pelasgos:
Und was verhing sie nun der unglückselgen Kuh?

Chor:
Den Stich der Bremse, den brennenden, rastlos jagenden –

Pelasgos:
Der aus der Heimat weit in weiter Flucht sie trieb.

Chor:
Jawohl; du sagest dies völlig überein mit mir.

Pelasgos:
Und gen Kanobos floh sie, floh gen Memphis' Stadt –

Chor:
Da berührt' sie Zeus Hand und erweckt' den Samen ihr.

Pelasgos:
Wer rühmt sich, Zeus' Knäblein zu heißen und der Kuh?

Chor:
Epaphos, in Wahrheit alles Heiles Hort genannt.

(Pelasgos:
Wer führte weiter sein Geschlecht? Sag's mir genau!)

Chor:
Er zeugte Libya, weiter Lande Königin.

Pelasgos:
Wie nennst du wieder ihres Schoßes jungen Sproß?

Chor:
Belos, den Vater unsres Vaters, unsres Ohms.

Pelasgos:
So nenn des Vaters allenthüllenden Namen mir.

Chor:
Danaos, der Bruder unsres fünfzigsohnigen Ohms.

Pelasgos:
Auch dessen Namen vorenthalt uns länger nicht.

Chor:
Aigyptos. – So nun kundig meines alten Stamms,
Gedenk emporzurichten uns Argiverschar.

Pelasgos:
Wohl scheinet ihr ursprünglich teil an diesem Land
Zu haben; aber was hat euch vermocht, das Haus
Zu fliehn der Väter? Welch Geschick kam über euch?

Chor:
O Fürst, des Grams Gestalten sind unzählige,
Und Leiden siehst du neu und neuen Fluges nahn.
So wer gedachte dieser unerhörten Flucht,
Zu landen einst in Argos' urverwandtem Land,
In tiefstem Abscheu beides fliehend, Eh und Bett?

Pelasgos:
Wie sagst du, warum flehst du um dieser Götter Schutz,
In der Hand den weißumwundnen frischgepflückten Zweig?

Chor:
Um Magd Aigyptos' Söhnen nimmermehr zu sein.

Pelasgos:
Weil du sie hassest? Oder schreckt ein Frevel dich?

Chor:
Wer kann Verwandte über sich als Herren sehn?

Pelasgos:
Dann wird den Mächtgen sehr erhöht die eigne Macht.

Chor:
Dann wird den Schwachen leicht, zu enden ihre Not! –

Pelasgos:
Wie kann ich euch barmherzig mich erzeigen, sprecht?

Chor:
Gib, wenn sie es fordern, nicht den Feinden gib uns preis.

Pelasgos:
Du forderst Schweres, daß ich beginne neuen Krieg!

Chor:
An deiner Schutzgenossen Seite kämpft das Recht!

Pelasgos:
Wenn's nur von Anfang eures Tuns Geleiter war!

Chor:
Fürst, scheu den so umlaubten Altar deiner Stadt!

Pelasgos:
Mich entsetzt es, zweigumschattet diesen Sitz zu schaun.

Chor:
Der Zorn des Schützlingshortes Zeus ist streng und schwer.

Erste Strophe

Palaichthons teurer Sohn, höre du
Mich mit geneigtem Sinn, Pelasgerkönig;
Sieh mich, die Flehende, Bangfliehnde, die Zitternde, mich
Wie ein weißglänzendes Lamm, das um des Felsenhangs
Schwindelnden Scheitel irrt; harrend auf Hilfe blökt es,
Dem Hirten sein Leid zu sagen!

Pelasgos:
Mit frischgepflückten Zweigen schattig überlaubt
Seh ich der Kampfgottheiten neugeselligen Herd. –
Laßt uns gefahrlos dieser Flüchtigen Nähe sein,
Nicht unerwartet, unvorherbedacht die Stadt
In Fehde fallen, nicht verlangt darnach das Volk!

Erste Gegenstrophe

Chor:
Laß, Themis, frei von Schuld unsre Flucht,
Du fluchtschirmend Kind des Losschüttlers Zeus!
Und von den Jüngeren hör du es, erfahrner Greis:
Wenn du den Flehnden ehrst, wird es dir wohlergehn;
Opfer zu nehmen geneigt ist der Unsterblichen Gnade
Von jegliches Frommen Händen!

Pelasgos:
Doch sitzt ihr nicht am Herde meines eigenen
Palastes; trifft die Stadt gemeinsam jede Schuld,
So sorg gemeinsam auch das Volk für Sicherung;
Ich aber darf euch kein Versprechen geben, eh
Mit meinem Volk ich nicht zu Rat gegangen bin.

Zweite Strophe

Chor:
Du bist die Stadt, du das gesamte Volk,
Du unrichtbarer Herr;
Den Altar nennst du dein, des Landes Herd;
Alleinherr mit dem Auge, wenn du winkst,
Alleinherr mit dem Zepter, das du schwingst –
Dein ist alles; hüte dich vor Blutschuld! –

Pelasgos:
Mag solche Blutschuld treffen meiner Feinde Haupt!
Euch aber beistehn kann ich nicht ohn Ungemach;
Und wieder hart wär's, euch zu weigern euern Wunsch.
Ich schwanke; Furcht trübt meinen Blick; soll ich es tun?
Soll ich es nicht tun, erst des Zufalls Gunst erspähn? –

Zweite Gegenstrophe

Chor:
So scheue, Fürst, droben den Hüter mein,
Aller Bekümmerten Hort,
Die gramvoll ihren Nächsten flehend nahn,
Ihr Recht nicht, nicht des Unglücks Recht empfahn;
Doch einst straft der Zorn des Flüchtlingshortes Zeus,
Wen der Angstschrei nicht erbarmt des Armen.

Pelasgos:
Wenn Aigyptos' Söhne dein sich nun bemächtigen
Und nach der Heimat Sitten ihr Verwandtenrecht
Ansprechen, wer vermöchte wider sie zu sein?
Führ deinen Streit durch nach des Vaterlandes Brauch,
Daß keinen Rechtsgrund wider dich sie je gehabt.

Dritte Strophe

Chor:
Nimmer dann könnten wir, nein, von der Männer Macht
Nimmer bewältigt sein; der Sternkreise Bahn
Wies mir in schneller Flucht vor liebloser Eh
Mein Heil. Treu dem Recht richte nun über mich, über den Schutz der Gottheit!

Pelasgos:
Ein schweres Richtamt! Wollet mich zum Richter nicht!
Ich sagte sonst schon, ohne meiner Bürger Rat
Tät ich es niemals, dürft ich auch; es sage nie
Mein Volk zu mir, wenn's irgend minder glücklich geht:
Fremdlingen hilfreich gabst du preis die Vaterstadt!

Dritte Gegenstrophe

Chor:
Uns beiden verwandt, mit gleichschwebender Waage schaut
Sorgend uns beide Zeus; gerecht wirft er hier
Frommes zu Frommen, dort Schuld zu der andern Schuld,
Und du säumst, da gleichschwebend die Waage schwankt, säumst mit gerechter Tat noch? –

Pelasgos:
Wohl muß in tiefe, vielbewegte Sorge jetzt,
Gleich einem Taucher fluthinab, versenken sich
Der offenspähnde, schwindelunverwirrte Blick,
Wie dies gefahrlos alles meiner Stadt zunächst,
Sodann für euch auch froh und glücklich enden kann,
Und weder Kampf so heilges Unterpfand entziehn,
Noch wir, die, so dem Götterherde sich vertraut,
Preisgebend, selbst uns einen allvernichtenden,
Den Gott des Zorns uns wecken mögen zu Schmach und Qual,
Der selbst im Hades nimmer frei den Schatten gibt! –
Scheint tiefe Sorge so dir nicht gerecht zu sein?

Vierte Strophe

Chor:
Sorge du! Sei du uns
Allgerecht, fromm und treu, unser Hort!
Nicht verrat mich Flüchtige,
Mich Verstoßne, die ich zu dir
Floh vor gottloser Schmach!

Vierte Gegenstrophe

Diesen Kampfgöttern nah,
Diesem Herd nah mich zu fahn, duld es nie!
Allgewaltger du im Reich,
Sieh der Männer Frevelmut,
Hüte dich vor ihrer Wut!

Fünfte Strophe

Duld es nie, mich, die um Schutz Flehende, frech,
Mich von den Bildern fort,
Mich wie ein Roß mit Schmach
Beim stirnumflochtenen,
Lockigen Schmuck, beim Kleid fort mitgeschleppt zu sehn!

Fünfte Gegenstrophe

Wiß es wohl, deinen Kindern, deinem Haus,
Was du auch wählen wirst,
Bleibet ein gleich Gericht
In gleichem Kampf verhängt!
Drum so gedenk an Gottes ewig gerechte Macht! –

Pelasgos:
Ich hab's erwogen; dahin treibt es mich; der Kampf
Mit diesen oder jenen, ein gewaltger Kampf,
Ist unvermeidlich. Mein Entschluß steht fest und stark
In meiner Brust Schiffswerften da mit Kiel und Mast;
Jetzt keine Rückkehr weiter ohne Schmach und Gram. –
Wer aus des Glückes Trümmern ärmlich Hab und Gut
Auf seines Schicksals schwankend Schiff sich trug und barg,
Dem läßt vielleicht Zeus' Gnade neu sein Heil erblühn;
Wem nicht, was nottut, seiner Lippe Pfeil erzielt,
Dem kann ein Wort des Wortes Zorn besänftigen;
Denn was den Zorn aufflammen ließ, ist bittrer Schmerz.
Daß aber Blutschuld nun und nimmer Stätte find,
Drum soll man opfern, soll den Göttern allzumal
Hekatomben weihen, alles Unheils Sühn und Wehr. –
Ja, dieser Fehde weich ich allen Ernstes aus;
Unkundig lieber denn gewitzigt will ich sein
Des Leides. Mag's denn wider Hoffnung glücklich gehn! –

Chor:
So höre meiner schamverhohlnen Worte Schluß!

Pelasgos:
Ich höre; sag mir's offen; nichts soll mir entgehn.

Chor:
Ich trage Gurt und Gürtel um mein Kleid geschnürt –

Pelasgos:
Dem Los der Mädchen ziemt und schickt sich diese Tracht.

Chor:
So beut sich, wiß es, mir ein Werkzeug gut und schön –

Pelasgos:
Sag, welch ein Werk soll offenbaren dieses Wort?

Chor:
Wenn du ein Pfand uns deiner Treue nicht gewährst –

Pelasgos:
Beut welch ein Werkzeug dir sich in deinem Gürtel, sprich?

Chor:
Den Götterbildern niegeschauten Schmuck zu weihn!

Pelasgos:
Dein Wort, es birgt ein Rätsel; sag mir, was du meinst!

Chor:
An jenen Göttern aufgeknüpft schnell tot zu sein!

Pelasgos:
Ein grauses, herzdurchbohrendes Wort, das du gesagt!

Chor:
Du hast's gehört, aufschlug den Blick mein blödes Wort.

Pelasgos:
Von allen Seiten unbezwingbar dräuende Not!
Der Leiden Unzahl schwillt, ein Strom, auf mich herein;
In Ates abgrundtiefes, unfahrbares Meer
Bin ich, zum Hafen nicht gelangt des Mißgeschicks.
Denn wenn ich euch nicht euren Wunsch gewährt', so droht
Ihr Greuel, das keines Rates höchster Pfeil erreicht;
Und zieh ich wieder gegen eure Vettern aus,
Den Streit zu enden nah der Stadt in offnem Kampf,
Wie müßte mir nicht solch ein Opfer bitter sein,
Wenn Männerblut für Weiber unsre Felder tränkt.
Und doch, ein Zwang ist's, Zeus', des Flüchtlingshortes, Zorn,
Dem aller Menschen höchste Furcht sich beugt, zu scheun! –
Du, greiser Vater dieser Jungfraun, sammle denn
In deinen Armen schleunig ihre Zweige auf;
Den Landesgöttern leg sie auf die anderen
Altäre, daß die Zeichen eurer Flucht zu uns
Fremd keinem Bürger bleiben noch kundwerden mag
Mein Wort; denn gern häuft Schuld das Volk auf seinen Herrn.
Auch möchte Mitleid bei dem Anblick eurer Not
Den Trotz verabscheun jener frechen Jünglinge,
Euch aber desto wohlgesinnter sein das Volk;
Denn jeder hegt Zuneigung für die Schwächeren.

Danaos:
Mit höchstem Danke soll's von uns gepriesen sein,
Daß wir zum Schutzherrn fanden solchen edlen Mann.
So gib Geleit und Führer mir, die mich des Wegs
Geleiten, wie ich der stadtbeschützenden Götter Herd
Im Tempelvorhof, wie der stadtbeschirmenden
Allheilige Zellen finden, sicher durch die Stadt
Hinschreiten könne; fremd ist meine Tracht und Art;
Der Nil und Inachos nähren nicht ein gleich Geschlecht.
Du sorge, daß sich mein Vertraun nicht kehrt in Furcht;
Auch seinen Freund schlug mancher aus Unkunde tot.

Pelasgos:
So geht denn, Männer; weise sprach der edle Gast;
Zeigt ihm der Stadt Altäre, unsrer Götter Sitz,
Und haltet nicht Neugierige vieler Worte wert,
Da ihr den Schutzbefohlnen führt zum Götterherd.

(Danaos mit Begleitern ab)

Chorführerin:
Dem gibst du Weisung; mög er ungefährdet ziehn!
Was soll denn ich tun? Schutz und Trost, wo find ich ihn?

Pelasgos:
Dort liegen laß die Zweige, Zeugen deiner Not!

Chor:
Ich lasse sie auf deinen Wink, auf dein Gebot.

Pelasgos:
Und komm herab jetzt auf die freie Reigenflur!

Chor:
Wie soll mich schützen dort der offne Raum der Flur?

Pelasgos:
Glaub, Kind, ich setz dich nicht den Geiern aus zum Raub!

Chor:
Doch Feinden, grausiger als der Drachen wilde Brut!

Pelasgos:
Mit heitrem Wort gebeten, sprich du heiter auch!

Chor:
Kein Wunder, wenn es in meiner Herzensangst mich bangt!

Pelasgos:
Stets schützt die Ehrfurcht vor dem Fürsten jeglichen.

Chor:
Aufheitre meines Herzens Gram mit Wort und Tat.

Pelasgos:
Nicht lange läßt euch euer Vater mehr allein;
Denn ich berufe meines Reiches Völker jetzt,
Die Volksversammlung euch zu stimmen treu und mild;
Auch eurem Vater sag ich, was er sprechen soll.
Darum so bleibt, und zu den Landesgöttern fleht
Demütig, euch zu geben, was ihr wünschen mögt.
Ich aber geh von hinnen, nützlich euch zu sein;
Sei Peitho mit mir und das Glück, das alles schafft! –
(Der König mit Gefolge ab)

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