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Die Schriften des Waldschulmeisters

Peter Rosegger: Die Schriften des Waldschulmeisters - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDie Schriften des Waldschulmeisters
publisherBuchgemeinschaft Donauland Wien, L.Staackmann-Verlag Bamberg
senderweb0815@gmx.at, c.faltin@kabsi.at
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Waldlilie im Schnee

Im Winter 1830

Uns ist ein Stein vom Herzen. Das Unwetter hat sich gelegt. Ein ganz leichter Wind ist gekommen, hat die Bäume sachte von ihren Lasten erlöst. Ein paar mildwarme Tage sind gewesen, da hat sich der Schnee gesetzt, und man kann mit Fußleitern gehen, wohin man will.

Es hat sich in dieser Zeit aber doch etwas zugetragen drüben in den Karwässern. Der Berthold, dessen Familie von Jahr zu Jahr wächst und von Jahr zu Jahr weniger zu essen hat, ist ein Wilderer geworden. Der Holdenschlager versteht es besser als unsereiner, der ein weichmütiger Spiegelfechter ist sein Lebtag lang. Arme Leute dürfen nicht heiraten, sagt der Holdenschlager. Nun, nach Sitte und Brauch haben sie nicht geheiratet, aber vor mir sind sie gekniet im Walde... und – jetzt hungern sie allmiteinander.

Meinetwegen? Nein, nein, mein Segen bedeutet ja nichts. O Herrgott, dein ist die Macht und mich lasse nicht noch einmal versinken in Schuld!

Ist also ein Wilderer geworden, der Berthold. Das Holzen wirft viel zuwenig ab für eine Stube voll von Kindern. Ich schicke ihm an Lebensmitteln, was ich vermag; aber das genügt nicht. Für das kranke Weib eine kräftige Suppe, für die Kinder ein Stück Fleisch will er haben und schießt die Rehe nieder, die ihm des Weges kommen. Dazu tut die Leidenschaft das Ihre, und so ist der Berthold, der vormaleinst als Hirt ein so guter, lustiger Bursch gewesen, durch Armut, Trotz und Liebe zu den Seinigen und durch Torheit anderer recht sauber zum Verbrecher herangewachsen.

Einmal schon bin ich bittend vor dem Förster gelegen, daß er es dem armen Familienvater um Gottes willen ein wenig, nur ein klein wenig nachsehen möge, er werde sich gewiß bessern, und ich wolle mich für ihn zum Pfande stellen. Bis zu diesen Tagen hat er sich nicht gebessert; aber das Geschehnis dieser wilden Wintertage hat ihn laut weinen gemacht, denn seine Waldlilie liebt er über alles.

Ein trüber Winterabend ist es gewesen. Die Fenster sind mit Moos vermauert; draußen fallen frische Flocken auf alten Schnee. Berthold wartet bei den Kindern und bei der kranken Aga nur noch, bis das älteste Mädchen, die Lili, mit der Milch heimkehrt, die sie bei einem nachbarlichen Klausner im Hinterkar erbetteln muß. Denn die Ziegen im Hause sind geschlachtet und verzehrt; und kommt die Lili nur erst zurück, so will der Berthold mit dem Stutzen in den Wald hinauf. Bei solchem Wetter sind die Rehe nicht weit zu suchen.

Aber es wird dunkel, und die Lili kehrt nicht zurück. Der Schneefall wird dichter und schwerer, die Nacht bricht herein, und Lili kommt nicht. Die Kinder schreien schon nach der Milch, den Vater verlangt schon nach dem Wild; die Mutter richtet sich auf in ihrem Bette. »Lili!« ruft sie, »Kind, wo trottest denn herum im stockfinsteren Wald? Geh heim!«

Wie kann die schwache Stimme der Kranken durch den wüsten Schneesturm das Ohr der Irrenden erreichen?

Je finsterer und stürmischer die Nacht wird, je tiefer sinkt in Berthold der Hang zum Wildern und desto höher steigt die Angst um seine Waldlilie. Es ist ein schwaches, zwölfjähriges Mädchen, es kennt zwar die Waldsteige und Abgründe, aber die Steige verdeckt der Schnee, den Abgrund die Finsternis.

Endlich verläßt der Mann das Haus, um sein Kind zu suchen. Stundenlang irrt und ruft er in der sturmbewegten Wildnis; der Wind bläst ihm Augen und Mund voll Schnee; seine ganze Kraft muß er anstrengen, um zurück zur Hütte gelangen zu können.

Und nun vergehen zwei Tage; der Schneefall hält an, die Hütte des Berthold wird fast verschneit. Sie trösten sich überlaut, die Lili werde wohl bei dem Klausner sein. Diese Hoffnung wird zunichte am dritten Tag, als der Berthold nach einem stundenlangen Ringen im verschneiten Gelände die Klause vermag zu erreichen.

Lili sei vor drei Tagen wohl bei dem Klausner gewesen und habe sich dann beizeiten mit dem Milchtopf auf den Heimweg gemacht.

»So liegt meine Waldlilie im Schnee begraben«, sagt der Berthold. Dann geht er zu anderen Holzern und bittet, wie diesen Mann kein Mensch noch so hat bitten gesehen, daß man komme und ihm das tote Kind suchen helfe.

Am Abende desselben Tages haben sie die Waldlilie gefunden.

Abseits in einer Waldschlucht, im finsteren, wildverflochtenen Dickichte junger Fichten und Gezirme, durch das keine Schneeflocke zu dringen, und über dem die Schneelasten sich wölben und stauen, daß das junge Gestämme darunter ächzt, in diesem Dickichte, auf den dürren Fichtennadeln des Bodens, inmitten einer Rehfamilie von sechs Köpfen ist die liebliche, blasse Waldlilie gesessen.

Es ist ein sehr wunderbares Ereignis. Das Kind hat sich auf dem Rückweg in die Waldschlucht verirrt, und da es die Schneemassen nicht mehr hat überwinden können, sich zur Rast unter das trockene Dickicht verkrochen. Und da ist es nicht lange allein geblieben. Kaum ihm die Augen anheben zu sinken, kommt ein Rudel von Rehen an ihm zusammen, alte und junge; und sie schnuppern an dem Mädchen und sie blicken es mit milden Augen völlig verständig und mitleidig an, und sie fürchten sich gar nicht vor diesem Menschenwesen, und sie bleiben und lassen sich nieder und benagen die Bäumchen und belecken einander, und sind ganz zahm; das Dickicht ist ihr Winterdaheim.

Am anderen Tage hat der Schnee alles eingehüllt. Waldlilie sitzt in der Finsternis, die nur durch einen Dämmerschein gemildert ist, und labt sich an der Milch, die sie den Ihren hat bringen wollen, und sie schmiegt sich an die guten Tiere, auf daß sie im Froste nicht erstarre.

So vergehen die bösen Stunden des Verlorenseins. Und da sich die Waldlilie schon hingelegt zum Sterben und in ihrer Einfalt die Tiere hat gebeten, daß sie getreulich bei ihr bleiben möchten, bis es aus ist; da fangen die Rehe jählings ganz seltsam zu schnuppern an und heben ihre Köpfe und spitzen die Ohren, und in wilden Sätzen durchbrechen sie das Dickicht, und mit gellendem Pfeifen stieben sie davon.

Jetzt arbeiten sich die Männer durch Schnee und Gesträuche und sehen mit lautem Jubel das Mädchen.

Und der alte Rüpel, der ist auch dabei und ruft: »Hab' ich nicht gesagt, kommt mit herein zu sehen, vielleicht ist sie bei den Rehen!«

So hat es sich zugetragen; und wie der Berthold gehört, die Tiere des Waldes hätten sein Kind gerettet, daß es nicht erfroren, da schreit er wie närrisch: »Nimmermehr! Mein Lebtag nimmermehr!« Und seinen Kugelstutzen, mit dem er seit manchem Jahr Tiere des Waldes getötet, hat er an einem Stein zerschmettert.

Ich habe es selber gesehen, denn ich und der Pfarrer sind in den Karwässern gewesen.

Diese Waldlilie ist schier mild und weiß wie Schnee und hat die Augen des Rehes in ihrem Haupte.
 

Im Winter 1830   

Von dem Sohne unseres Herrn wollen die Gerüchte nicht schweigen. Wenn es auch nur zur Hälfte wahr ist, was von ihm gesagt wird, so ist das ein toller Mensch. So fährt kein Vernünftiger drein.

Ich will mir's doch anmerken und demnächst seinem Vater schreiben. Hermann möge einmal in unseren Wald hereinkommen und sehen, wie es allhier aussieht und wie arme Leute leben.

Solche Gebirgsreisen können auch von Nutzen sein.
 

Winterszeit   

Der Lazarus Schwarzhütter sieht des Grassteigers Töchterlein Juliana gern. Das Töchterlein mag auch den Burschen leiden; so gucken sie zusammen. Jetzt hat aber der Pfarrer das Zusammengucken so junger Leute verboten. Gut, er hat das Recht zu predigen; sie gucken zusammen und vermeinen dazu auch ein Recht zu haben, ein Recht, von dem der Lazarus erklärt hat, daß sie nimmer davon lassen wollen.

Wohlan, denkt sich der Pfarrer, vor dem Altar gebe ich dem Lazarus, was ich selber nicht habe.
 

Weihnachten 1830   

In der heiligen Christnacht sind die Leute schon wieder von allen Seiten herbeigekommen. Die von den Spanlunten abgefallenen Glühkohlen sind lustig hingeglitten über die Schneekruste wie Sternschnuppen.

Viele Wäldler sind in ihrem Begehr nach der mitternächtigen Feier ein gut Stück zu früh dran. Da die Kirche noch nicht aufgesperrt und im Freien es kalt ist, so kommen sie zu mir in das Schulhaus. Ich schlage Licht, und da ist bald die ganze Schulstube voll Menschen. Die Weiber haben weiße, bandartig zusammengelegte Tücher um das Kinn und über die Ohren hinaufgebunden. Sie huschen recht um den Ofen herum und blasen in die Finger, um das Frostwehen zu verblasen.

Die Männer halten sich fest in ihren Lodengewändern verwahrt. Sie behalten ihre Hüte auf den Köpfen, sitzen auf den Tischbrettern der Schulbänke und besehen mit wichtigtuender Bedächtigkeit die Lehrgegenstände, welche die Jüngeren den Älteren erklären. Einige gehen auch über den Boden auf und ab und schlagen bei jedem Schritte die gefrorenen Schuhe aneinander, daß es klappert. Fast alle rauchen aus ihren Pfeifen. Der Urwald ist auszurotten, aber das Tabakrauchen nimmer.

Ich kleide mich rasch an; ich soll in der Kirche doch der erste sein.

Jählings klopft es sehr stark an der Tür. Die Waldleute klopfen nicht, wer ist es also? Eine weiße Schafwollenhaube guckt herein, und unter der Haube steckt ein alter Runzelkopf mit weißen Lockensträhnen. Alsogleich erkenne ich den Waldsänger. Heute trägt er einen gar langen Rock, der bis zu den Waden hinabgeht und mit Messinghäkelchen zugeknöpft ist. Darüber hängt ein Schnappsack und eine Seitenpfeife, und auf einen Hirtenstab stützt sich der Alte und seinen braunen, weltumfassenden Hut hält er in seinen Händen. Dieser Hut ist seine Hütte und sein Heim und seine ganze Welt. Ein guter Hut, denkt er, ist das Beste im Weltgetümmel, und der Erde Hut nennen sie den Himmel.

»Was hocket ihr denn da, ihr Bärenhäuter!« ruft der Rüpel laut und lustig, »draußen scheint schon lang' die Sonnen! – Gelobt sei der Herr, und ich bring' auch die wundersame Mär, die sich heut' zugetragen hat drunten in der Bethlehemstadt. Hört ihr keine Schalmei und kein Freudenschrei? So luget zum Fenster hinaus, taghell beleuchtet ist jedes Haus!«

Die Leute stecken ihre Köpfe richtig zu den Fenstern; aber da ist nichts als der finstere Wald und der Sternenhimmel. – Was sollten sie ansonsten denn noch sehen?

Der Alte guckt schmunzelnd nach links und nach rechts, wieviel er wohl Zuhörer habe. Sonach stellt er sich mitten in die Stube hin, pocht mit dem Stocke mehrmals auf den Fußboden und hebt so an zu reden:

»Da steh' ich allein draußen auf der Heid', und schau' schläfrig herum weit und breit, und treib' meine Schäflein zusamm'; hab' dabei gehabt ein wutzerlfeist's Lamm. Und wie ich das anschau eine Weil', da hör' ich ein G'hetz und ein G'schall, grad hoch in der Luft, es ist wahr, und sie musizieren sogar. Ich hab nit g'wußt, was das bedeutet, und wer denn da tobt voller Freud'. Die Lämmlein sein g'sprungen drauf eins nach dem ändern auf; das feiste hat so lieblich plärrt, wie es das Wunder hat g'hört. Drauf seh' ich – hab' g'meint, 's ist ein' Mär – kleine Bub'n fliegen in Lüften umher. – Ein Engel fliegt grad auf mich zua, den frag' ich: was gibt's denn heut, Bua? Da schreit er gleich lustig und froh: Gloria in excelsis Deo! – das kunnt' ich, mein Eid, nicht verstehn: Geh, Bübel, mußt deutsch mit mir red'n; ich bin ein armer Hirt in der G'mein, und die Lämmlein können auch nit Latein. – So mach' sich der Hirt nur g'schwind auf und geh' Er nach Bethlehem drauf, dort wird er finden ein neugebor'n Kindelein; ja gar ein wunderschön Kind liegt zwischen Esel und Rind. Nicht in einem Königssaal, nur in einem Ochsenstall liegt unser eing'fatschter Gott, der uns hilft aus aller Not.«

Das ist des alten Sängers »Botschaft«, die er während der Weihnachtszeit in allen Häusern verkündet.

Wir haben ihm einen kleinen Botenlohn gegeben, da sagt er noch ein paar heitere Sprüche und humpelt wieder zur Tür hinaus.

Die Leute sind ganz schweigsam und andächtig geworden; und erst als die Kirchenglocken zu läuten anheben, werden sie wieder lebendiger und verlassen, unbeholfen in Worten und Gebärden, die Stube.

Ich habe das Licht ausgelöscht, das Haus verlassen und bin in die Kirche gegangen. Das ist die Nacht, in welcher vom Orient bis zum Okzident die Glocken läuten. Ein Freudenruf schallt durch die Welt, und die Lichter strahlen wie ein Diamantgürtel um den Erdball. – Auch in unserer Kirche ist es licht wie am hellen Tage, nur zu den Fenstern schaut die schwarze Nacht herein. Jeder hat ein Stück Kerze oder gar einen ganzen Wachsstock mitgebracht, denn in der Christnacht muß er seinen Glauben und sein Licht haben. Die Leute drängen sich zum Kripplein, das heute an der Stelle des Beichtstuhles aufgerichtet worden ist. Ich habe vor mehreren Jahren aus Linden- und Eschenholz die vielen kleinen Figuren geschnitzt und sie zur Versinnlichung der Geburt Christi zusammengestellt. Es ist der Stall mit der Krippe, mit dem Kindlein mit Maria und Josef, mit Ochs und Esel, es sind die Hirten mit den Lämmlein, die heiligen Könige mit den Kamelen; es sind ferner spaßhafte Gestalten und Gruppen, wie sie Freude, Wohltun und Liebe zum Christkinde nach der Leute Auffassung ausdrücken sollen. In der Luft hängen die Engel und die Sterne, und im Hintergrunde ist die Stadt Bethlehem.

Was der Rüpel weiß zu sagen in Worten, das will ich durch diese Bilder erzählen. Und die Leute erbauen sich baß an dieser Darstellung. Aber sie halten sie, Gott sei Lob, eben nur wie ein Bild, von dem sie wissen, daß es nichts bedeuten und nichts wirken kann als die Erinnerung.

Mit einem Heiligenbilde auf dem Hochaltare wäre das anders; das hätten sie Jahr um Jahr und in allen Lebenslagen vor Augen, das täten sie wohl zum Herrgott selber machen.

Auf dem Chore ist in dieser Nacht Unheil gewesen. Der Pfarrer stimmt schon das ambrosianische Loblied an, ich sitze an der Orgel und ziehe zur hohen Festfreude alle sechs Stimmenzüge auf – da platzt jählings der Blasebalg, und die Orgel stöhnt und pfaucht und gibt keinen einzigen klingenden Ton. Meiner Tage bin ich nicht in solcher Verlegenheit gewesen wie in dieser Stunde. Ich bin der Schulmeister, der Choraufseher, ich muß Musik machen; und die Musik ist ja eigentlich das Fest, und ohne Musik gibt es in der Kirche gar keine Christnacht. Aller Leut' Herzen hüpfen, aller Leut' Ohren spitzen sich der Musik entgegen, da schürft mir der Teuxel jetzt den Blasbalg auf. Ich habe meinen Kopf in die Hände genommen, hätte ihn am liebsten zum Fenster hinausgeworfen. Vergebens hüpfen meine Finger alle zehn über die Tasten hin; taubstumm ist das ganze Zeug und wie maustot.

Der Paul Holzer, sein Weib und die Adelheid von der Schwarzhütte, die auf dem Chore neben mir sitzen, merken wohl meine Pein, aber sie rücken nur so her und hin und hüsteln und räuspern sich und heben an in hellen Stimmen zu singen: »Herrgott, dich loben wir all!«

Das ist mir wie Öl ins Herz gegangen.

Aber das Lied wird bald aus sein, und danach kommt das Hochamt, und da muß Musik, Chormusik sein um alle Welt.

Holpert der alte Rüpel die Treppe herauf; »Schulmeister! Will schon heut' die Orgel schweigen, so nimm die Geigen!«

»O Gott, Rüpel, die ist zu Holdenschlag beim Leimen!«

»Und kunnt' ich auch die Geigen nicht zuwege bringen, so tät' ich bei' meiner Treu die Kirchenlieder auf der Zither singen!«

Für dieses Wort habe ich den Alten so stürmisch umarmt, daß er erschrocken ist. Ich eile und hole die Zither, und bei dem Hochamte klingt auf dem Chor ein Saitenspiel, wie es in dieser und etwan auch in einer andern Kirche niemalen so gehört worden ist. Die Leute horchen, der Pfarrer selber wendet sich ein wenig um und tut einen kurzen, raschen Blick gegen mich herauf.

Und so ist mitten in der langen Winternacht zu Winkelsteg das Christfest gefeiert worden. Leise zittern und wiegen die Saitentöne; sie singen dem neugeborenen Jesukindlein das Wiegenlied und den Menschen den Frieden. Und sie schrillen und wecken das schlafende Kind, ehe der falsche Herodes kommt; und sie trillern ein Wanderliedchen für die Flucht nach Ägypten.

Ich spiele den Meßgesang, spiele Lieder, wie sie meine Mutter gesungen, und mein Nährvater, der gute Schirmmacher, und im Hause des Freiherrn die Jungfrau ...

Und letztlich weiß ich selber nicht mehr, was ich kindischer Mann der Gemeinde und dem heiligen Kind hab' vorgespielt in dieser Christnacht.

Ich werde den Winkelstegern noch so verrückt wie der Reim-Rüpel.

Nach dem Mitternachtsgottesdienst hat der Pfarrer durch mich die Ärmsten der Gemeinde, die Alten, die Bresthaften, die Verlassenen, zu sich in den Pfarrhof rufen lassen.

Je! da ist es noch heller als in der Kirche! Da ist mitten in der Stube ein Baum auf gewachsen und der blüht in Flammenknospen an allen Ästen und Zweigen.

Da gucken die alten Männlein und Weiblein gottswunderlich drein und kichern und reiben sich die Augen über den närrischen Traum. Daß auf einem Baum des Waldes Lichter wachsen, das haben sie all ihrer Tage noch nicht gesehen.

– Jenes Wundervöglein von den tausend Jahren, sagt der Pfarrer, sei wieder durch den Wald geflogen, habe ein Samenkorn in den Boden gelegt und dem sei dieses Bäumchen mit den Flammenblüten entsprossen. Und das sei der dritte Baum des Lebens. Der erste sei gewesen der Baum der Erkenntnis im Paradiese; der zweite sei gewesen der Baum der Aufopferung auf Golgatha; und dieser dritte Baum sei der Baum der Menschenliebe, der uns das Golgatha der Erde wieder zum Paradiese gestalte. Im brennenden Dornbusch habe Gott vormaleinst verkündet, und in diesem brennenden Busche wiederhole er es heute: Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst!

Hierauf hat der Pfarrer die Kleidung und Nahrung verteilt, wie die Gaben bestimmt gewesen, und die Worte gesagt: »Nicht mir danket, das Christkind hat's gebracht!«

»Du mein, du mein!« rufen die Leute zueinander, »Jetzund steigt uns das Christkind schon gar in den Wald herein! Ja, weil wir halt eine Kirche haben und so viel einen guten Herrn Pfarrer!«

Der Rüpel, auch einer der Beschenkten, ist allein kindischer als die andern allmitzusammen. Er eilt um den Baum herum, als täte er das Christkind suchen im Gezweige. – »Aber mein!« schreit er endlich, »die Sonn' darf nicht bös auf mich werden, ich weiß kein Licht auf der Erden, weiß keins zu nennen, das so hell tät' brennen wie dieser Wipfel mit seinem Gipfel! Seid fein still und lauscht! Hört ihr, wie's in den Zweigen rauscht? Wie Spatzen fliegen die Engelein und bauen ein Nest fürs Christkind zum heiligen Fest. Der Weiße dort, der Kleine – Flügel hat er noch keine – der war' jetzt schier herabgefallen. Geh, laß dir ein paar Steigeisen teilen vom Schmied, ich will sie schon zahlen. Schau, ich hab' heut' ein warm Jöpplein 'kriegt, und in jedem Säckel ein Taler liegt. – Und kommet, ihr Engel, nur auch bald zu allen anderen Bäumen in unserem Wald, auf daß ihr tätet anzünden die Lichterkronen zu tausend Millionen!«

Keinen Löffel voll hat der alte Rüpel gegessen, als die andern beim Grassteiger warme Suppe genießen. Und als Stroh in die Stube getragen und ein Lager bereitet ist worden, daß die Leutchen nicht in der Nacht zu ihren fernen Hütten wandern müssen, da ist der Rüpel hinausgegangen unter den freien Himmel und hat die Sterne gezählt und jedem einen Namen gegeben. Und der aufgehende Morgenstern hat den Namen »Vater Paul« erhalten.
 

Der Pfarrer hat sich mehrmals an den Waldherrn gewendet, auf daß den Kleinbauern hier – die sich den schlechten Boden mit vieler Mühe nutzbar gemacht haben – dieser Boden gegen Entgelt zu eigen überlassen werden möge. Es ist aber kein Bescheid zurückgekommen. Es heißt, der alte Herr sei auf Reisen und der junge in der Hauptstadt, und die Welt sei zu weit und die Hauptstadt zu laut, als daß so ein Wort aus dem Walde gehört werden könne.

Wir Winkelsteger bleiben denn Lehensleute.
 

Am 14. des Eismonats 1831   

Heute habe ich die Nachricht von dem Tode meiner Base, der Muhme-Lies, erhalten. Sie hat mich zu ihrem Erben eingesetzt. Alle Jugendbekannte, die sich seit zwanzig Jahren nicht mehr um mich gekümmert haben, beglückwünschen mich zur Erbschaft. Ich weiß aber noch nichts Näheres. Wieviel kann die alte Frau denn besessen haben? Wohl war sie reich gewesen, hat aber alles in Glücksspielen versetzt.

Und wenn nur ein Groschen ist, und wenn gar nichts ist – bei meiner Seel', so freut es mich doch, daß sie meiner gedacht hat. Sie hat mir es stets wohlgemeint. Jetzt hab ich gar keinen Verwandten mehr auf dieser Welt.
 

Ostern 1831   

In den Winkelwäldern müssen die kirchlichen Feste und Darstellungen das ersetzen, was sie draußen in der Welt die Kunst nennen.

So wie ich nach meinem armen Können für die Weihnachtszeit ein Kripplein aufgestellt, so hat nun der Ehrenwald mit seinen Söhnen ein Grab Christi geschaffen.

Da stehen im Seitenschiffe der Kirche vier hohe, mit Bildern aus der Leidensgeschichte gezierte Bretterbogen wie Eingangspforten, die von der vordersten bis zu der hintersten immer enger und dunkler werden. Und im dämmerigen Hintergrunde ist in einer Nische die Grabesruh Jesu, und darüber der Tisch für das Heiligste, umgeben von einem Kranze bunter Lampen. An beiden Seiten des Grabes stehen zwei römische Kriegsknechte zur Wacht. Bei der Feier der Auferstehung verschwindet der Leichnam, und in dem Lampenkranze erhebt sich das Bild des auferstandenen Heilandes mit den Wundmalen und mit der Fahne.

Ein tiefer Sinn liegt in der ganzen Begehung. – Die Fastenzeit schreitet vor, wird ernster und ernster; die Musik verstummt wochenlang, die Bildnisse verhüllen sich. Es naht die Karwoche, der würdevolle Palmsonntag, der geheimnisvolle Gründonnerstag, der düstere, tiefbetrübte Karfreitag, der stille Samstag. In der Ruhe liegt ein Ahnen und Sehnen, und leise mahnt des Propheten Wort: Sein Grab wird herrlich sein! – Noch einmal verdüstert sich das Gotteshaus wie Golgatha in der Finsternis; aber die roten und grünen Lampen glühen, die Festkerzen strahlen – da erschallt hell und freudevoll der Ruf: »Er ist auferstanden!« – Jetzt klingen die Glocken, klingt die Musik, knallen die Böller; und die Fahnen, rot wie brennendes Feuer, wehen, und die Menschenschar zieht in das Freie, und ihre Lichter flammen in Abenddämmerung hin durch den Wald.

In den Städten haben sie einen noch viel größeren, einen schweren Prunk. Aber wo nehmen sie die Stimmung und wo nehmen sie die wahre, hoffende Freude an der Auferstehung, die in der gläubigen Armut liegt! Inneren Frieden suchend, schleichen sie abseits an der Kirchhofsmauer hin und murmeln mit dem unseligen Doktor: »Die Botschaft hör' ich wohl...«
 

Lenzmonat 1831   

Ich hebe bereits an, aus der Erbschaft Bauten aufzuführen. Ich baue mir in Winkelsteg ein großes, schönes Haus, größer als der Pfarrhof. Den Plan dazu hab' ich schon fertig. Aber ich selber will darin nicht wohnen, solang ich die Schulmeisterei mag betreiben. Einmal dem siechen Reutmann im Karwasserschlag gebe ich im Hause ein Stübchen; und die alte, kinderlose Brunnhütterin aus den Karwässern führe ich hinein und die kranke Aga; dann führe ich den Markus Jäger herbei, der erblindet ist, und den Josef Ehrenwald, den ein fallender Baum geschädigt hat. Und andere und andere, und so wird das große Haus nach und nach voll werden. Es torkeln viele mühselige Leute herum in den Winkelwäldern.

Einen Arzt und frische Arzneien stelle ich ihnen auch her, das heißt, wenn das Geld auslangt. Dann nehme ich possierliche Leute auf, die viel Musik machen und ansonsten allerhand unterhaltlich Spiel treiben. Ein Armenhaus muß man nicht auch noch mit Einsamkeit und Trübsal umgeben; die lustige Welt soll ihm zu allen Fenstern hereinlugen und sagen: Ihr seid auch noch mein, und ich lass' euch nicht fahren!

Den Baugrund für dieses Haus brauche ich heute noch nicht zu zahlen, denn ich baue einstweilen mein Schloß nur so in die Luft hinein. Die Erbschaft ist noch nicht da. Aber es heißt, meine Base hätte im Glücksspiel große Summen gewonnen.
 

Dem alten Rüpel werde ich in meinem Armenhause das freundlichste Kämmerlein weisen. Der arme Mann ist schier ganz verlassen. Seine Sprüche lohnen die Leute kaum mehr mit einem Stück Brot. Sie haben vergessen, wie sie vormaleinst zu festlichen Stunden so oft von den heiterfrommen Liedern erbaut worden sind, wie sie gelacht und geschluchzt haben dabei, und wie sie so oft zueinander gesagt haben: »'s ist, wie wenn der Heilige Geist aus ihm tät' reden.«

Freilich wohl ist bei dem Alten heute nicht mehr viel zu holen, und er wird schon recht kindisch. Jetzund hat er sich aus Baumästen einen Reifen gebogen und in demselben eitel Strohhalme wie Saiten aufgezogen. Das ist seine Harfe, er lehnt sie an seine Brust, legt die Finger auf die Halme und murmelt seine Gesänge,

Es ist doch ein rührender Mensch, wenn er so dasitzt auf einem Stein im Waldesdunkel, gehüllt in seinen fahlfarbigen, weiten Mantel, umwuchert von seinem langen, schneeweißen Bart, von seinen schimmernden Lockensträhnen, die voll und wild über die Achsel wallen. Sein starres, tautrübes Auge richtet er zu den Wipfeln empor und singt den Vöglein, von denen er es gelernt.

Die Tiere des Waldes fürchten sich nicht vor ihm; zuweilen hüpft ein Eichhörnchen nieder vom Geäste auf seine Achseln und macht ein Männchen und sagt ihm was ins Ohr.

Seine Worte werden immer unverständlicher, so wie seine Lieder. Er paßt seine Gesänge auch nicht mehr den Menschen und ihren Gelegenheiten an. Er singt tolle Liebes- und Kindeslieder, als träume er seine Jugend. Wenn der Weißbart zur Sommerszeit unbeweglich auf einer Bergeshöhe sitzt, so meint man von weitem ein Sträußchen Edelweiß zu sehen.

Dann laufen Käfer und Ameisen an seinem Rock und krabbeln an seinem Bart empor; und Hummeln umkreisen sein Haupt, als ob wilder Honig drin wäre.
 

Der Pfarrer hat mir eine Besorgnis mitgeteilt.

Er sagt, es sei möglich, daß ich ein reicher Mann würde. Und als reicher Mann zöge ich fort in die Welt, um all die Wünsche mir zu erfüllen, die ich in der Einsamkeit ausgeheckt und großgepflegt hätte.

Diese Äußerung hat mir eine ruhelose Nacht gekostet.

Ich habe mein Herz erforscht und wahrhaftig einen Wunsch in demselben gefunden, der weit über die Winkelwälder hinausgeht.

Aber mit Gut und Geld ist er nicht zu erfüllen. Sie ist vermählt...

Was lästerst du, Andreas? Dein Wunsch ist ja erfüllt. Sie ist glücklich.
 

Am 24. des Lenzmonats 1831   

Heute haben sie in den Lautergräben den Sturmhans von der Wolfsgrubenhöhe tot gefunden. Es ist an der Leiche der Bart versengt. Die Leute sagen, eine blaue Flamme, die aus dem Mund hervorgestiegen, habe ihn getötet. Sie erklären es sich so: der Sturmhans habe sehr viel Wacholderbranntwein getrunken, habe sich dann etwan eine Pfeife anzünden wollen, und anstatt des Tabaks habe der Atem Feuer gefangen und dem Manne die Seele herausgebrannt.

Gut zur Hälfte wird das wohl richtig sein.
 

Am l. April 1831   

Heute ist mir meine Erbschaft behördlich zugewiesen worden.

Sie besteht aus drei Groschen und einem Brief von der Muhme-Lies.

Der Brief liegt bei:

»Lieber Andreas!

Ich bin alt und krank und hilflos. Du bist, Gott weiß wo, im Gebirge. In meiner Krankheit denke ich über alles nach. Ich habe Dir wohl Unrecht getan und bitte Dich um Verzeihung. Dieses Geld drückt mich am meisten, es ist Dein Patengeschenk; Du hast es seiner Tage für Deinen Vater in den Himmel schicken wollen. Ich habe es Dir damals genommen. Nimm das Andenken zurück, Andreas, und verzeihe mir. Ich will ja ruhig sterben. Gott segne Dich, und eines muß ich Dir noch sagen: Wenn Du im Gebirge bist, so gehe nicht mehr zurück. Alles ist eitel. In guten Tagen sind mir meine Freunde getreu gewesen; jetzt lassen sie mich in der Armut sterben.

Ich küsse Dich viel tausendmal, mein lieber, einziger Blutsverwandter. Wenn mich Gott in den Himmel nimmt, so will ich Deine Eltern grüßen.

Deine bis in den Tod liebende Muhme Elise.«
 

Fronleichnam 1831   

Seit drei Jahren schon sammeln wir Geld für einen Traghimmel. Aber wir Winkelsteger können uns den Himmel nicht kaufen. Wir müssen uns selber einen machen.

Der alte Schwammelfuchs hat aus grünenden Birkensträußchen ein tragbares Zelt gebaut, auf daß wir zu diesem Feste das Hochwürdigste nach gebührender Weise aus der Kirche in das Freie tragen können.

Das ist ein feierlicher Umgang gewesen im Sonnenschein. Und die Leute, von dem harten Winter endlich befreit, haben hellen Lobgesang gesungen. Im Walde haben wir geruht, und der Pfarrer hat mit dem Heiligsten den Segen gegeben nach allen vier Gegenden des Himmels hin.

Es ist noch nicht erhört worden, daß mitten im Gottesdienst ein weltlicher Mensch so seine Stimme hätt' erhoben. Der alte Rüpel hat's getan, voll Seele, wie in seinen besten Zeiten, und das ist sein Fronleichnamsspruch gewesen:

»Klinget alle Glöckelein, singet alle Vögelein; der große Gott kommt aus himmlischen Türen, geht im grünen Wald spazieren. Er rastet süß auf dem grünen Rasen, wo die Hirschlein und Rehlein grasen. Er sagt sein erstes, mächtiges Wort, da steigen alle Blümlein aus der Erden hervor. Er spricht sein zweites mit hellem Schall, das weckt jeglich Samenkorn im Tal. Und ruft er sein drittes Wort, da müssen die Donner schweigen und die Blitze sich neigen, und vor seinem Hauch sind die bösen Schloßen in Wasser zerflossen. Oh, dir sei Preis und Ehr, du großmächtiger Herr! Und wirst du einstmals dein letztes Wort sprechen, so werden die Berge beben und die Felsen brechen; werden die Himmel krachen, werden die Toten erwachen; wird das Feuer die Welt vernichten. Zu dieser lieblichen Stund' im grünen Wald sei gebeten, o Gott in Brotesgestalt: tu uns gnädiglich richten!«

Der alte Mann weiß immer noch ans Herz zu stoßen mit seinen Worten. Erschüttert und gehoben sind wir, besonders der Pfarrer und ich, wieder zurückgekehrt zur Kirche. Und das grüne Birkengezelt mit den weißen Tragsäulen wird über dem Altare stehen, bis seine tausend Blätterherzen werden verwelkt sein.
 

Endlich ist die Antwort wegen der Grundablösung in unserem Pfarrhofe eingelangt.

Der Gutsherr gibt dem Pfarrer zu verstehen, er möge sich als gewissenhafter Seelsorger, der er sei, nicht auch noch weltliche Sorgen aufbürden.

Des weiteren steht nichts zu lesen.

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