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Die Schöpfung und andere Kabarettstücke

Fritz Grünbaum: Die Schöpfung und andere Kabarettstücke - Kapitel 27
Quellenangabe
typesatire
booktitleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
authorFritz Grünbaum
year1984
publisherLöcker Verlag
addressWien / München
isbn3-85409-071-4
titleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
pages209
created20110905
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Publikum

            Wenn ich so abends im Cabaret
Schmonzes plaudernd auf dem Podium steh',
Da grübel ich oft so in mich hinein:
Wie reizend könnt' mein Beruf doch sein,
Und wie wär' mir beim Cabaret alles doch recht –
Wenn's nur kein Publikum geben möcht'!

Selbstverständlich, meine Damen und Herrn,
Liegt mir jede Beleidigung fern.
Denn erstens bin ich der Mensch nicht, der rauft,
Zweitens hab'n Sie doch Karten gekauft,
Und ich werd' mich doch feindlich nicht zeigen den Leuten,
Die indirekt meine Gage bestreiten!
Und drittens: im Publikum sind doch mitunter
Ganz sympathische Menschen darunter!
Kaufleute, Ärzte, Soldaten, Juristen ...
Man liebt sie, teils weil sie brave Christen,
Und teils, weil sie's nicht sind, was auch keine Schand' ist,
Weil man mit ihnen stammesverwandt ist!
So wär' also gegen das Publikum,
Mag man die Sache auch rundherum
Betrachten nach allen Ecken und Enden,
Prinzipielles nicht einzuwenden!
Die Leute sind da, sie woll'n etwas seh'n,
Sie haben bezahlt, also gut! No schön!

Es ist aber leider gar nicht so schön.
Und warum es nicht schön ist, das soll'n Sie gleich seh'n!
Es klingt zwar befremdend und fast schon empörend,
Aber eigentlich wirkt doch das Publikum störend!
Schau'n Sie, der Mann, der auf dem Podium steht,
Soll sich versenken wie in ein Gebet
In seine Lieder und seine Gedichte.
Das ist aber eine schwere Geschichte,
Sobald er von oben, vom Podium
Hinunterschauend ins Publikum,
Einen Herrn in der ersten Reihe erblickt,
Der verstohl'n seine Dame in den Oberarm zwickt.
Gott, schließlich geht das den Künstler nichts an,
Vielleicht ist die Dame die Frau von dem Mann;
Aber ob er nun Gutes, ob Schlechtes sich denkt,
Jedenfalls ist er abgelenkt!
Er schaut in den Zuschauerraum beleidigt,
Indem er seinen Standpunkt verteidigt:
Das Publikum ist, der Gedanke liegt nah,
Doch zum Zuschau'n und nicht zum Zwicken da!
Hier aber seh' ich den Fall ganz verrückt:
Der Künstler muß zuschau'n, wie der Zuschauer zwickt!
Wie soll ich behalten im Kopf die Gedichte
Mit dem verliebten Gezwick vorm Gesichte?
Ich rezitier', und der Zuschauer packt,
Er kommt in Feuer, – und ich aus dem Takt!
So bring' ich die besten Gedichte mir um,
Und wer ist dran schuld? Das Publikum!

Notwendig hatt' ich's, zum Cabaret rennen!
Hätt' ich zuhause nicht auch dichten können?!
Hält man's schon ohne das Dichten nicht aus,
So ist es am besten, man macht das zuhaus!
Man schwingt auf den Pegasus kühn sich empor
Und trägt dann das Gedicht der Familie vor!
Die Mama ist erschüttert, die Schwester gerührt,
Und mein Schwager, der Kornitzer, enthusiasmiert!
Und das Schönste: die Sache geschieht ohne Müh'n,
Ich brauch' mir dazu keinen Frack anzuzieh'n!
Vorm Publikum aber muß ich das ja.
Gespornt und gestiefelt muß stehen ich da
Am Abend im Glanze der Podiumlichter.
O wär' ich doch lieber Familiendichter!
Da hätt' ich ein kleines Gedichtel gemacht,
Und der Rudi, mein Bruder, hätt' drüber gelacht,
Und hätte er nicht gelacht, herzlich und laut,
Dann hätt' ich ihm eine heruntergehaut!
No, unberufen, was mir könnt' passier'n,
Wollt' ich beim Publikum so was probier'n!

Das macht ja den Jammer so fürchterlich toll:
Das Publikum ist doch so anspruchsvoll!
Daß Einer ein Dichter, genügt nicht allein,
Es soll'n die Gedichte auch gut noch sein!
Was das Publikum alles verlangt!
Statt daß es Gott für den Dichter dankt!
Das Publikum ist wie ein fetter Kapaun:
Es ist entzückend, aber schwer zu verdau'n!
Und dennoch: ich komme darum nicht herum,
Ich habe ein Faible fürs Publikum!
Mein Wort, ich schaue mit Wohlwoll'n hinunter.
Vielleicht weil so reizende Damen darunter.
Haben Sie eine Idee, wie das ist,
Wenn der Anblick so lieblicher Frauen mich grüßt,
Und ich schau' sie mir an, jede lächelnde Kleine,
Und denk' mir dabei: »Gott sei Dank, 's ist nicht meine!«
Ich sehe Brillanten im Ohre ihr strahl'n
Und seufze erleichtert: »Ich brauch's nicht bezahl'n!«
Ich seh' sie graziös ihr Champagnerglas schwingen,
Und der Kellner kann mir die Rechnung nicht bringen!
Sie lächelt, und dann applaudiert sie mir heiter,
Und die Karten dafür bezahlt ihr Begleiter,
Ich sehe bewundernd die zierliche Fee,
Ich hab's Plaisir, und er zahlt's Entree!

So bin ich umgeben von reizenden Frau'n,
Die ich Abend für Abend beseligt darf schau'n,
Und da wird mir so warm, und da komm' ich in Rage,
Und es kostet mich nichts, und ich krieg' noch die Gage,
Ein ausgiebiges Existenzminimum – – – –
Ich liebe dich, reizendes Publikum!

 


 

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