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Die schönsten Tiergeschichten

Ernest Thompson Seton: Die schönsten Tiergeschichten - Kapitel 1
Quellenangabe
authorErnest Thompson Seton
titleDie schönsten Tiergeschichten
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
year1960
translatorMax Pannwitz
illustratorErnest Thompson Seton
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170124
projectid25a821e3
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Schaum

Leben und Abenteuer eines Wildschweins

Die Mutter

Sie war ein ganz gewöhnliches Wildschwein in den Wäldern Südvirginias, langbeinig und langschnauzig, mit starken Schultern, festen und strammen Flanken und im Besitz scharfer, weißer Hauer, die, wenn auch kurz, doch immer noch lang genug waren, jedem Hund, der mit ihr anzubinden wagte, Schrecken einzuflößen. Den Sommer über strich sie in den Engtälern bei Pruntys Farm herum, und im Winter, wenn der Lebensunterhalt knapp war, wurde sie, der Not gehorchend, Kundin des Pruntyschen Scheunenhofes, der eine Art Kantine darstellte, wo sich die verschiedenartigsten Besucher fanden, um sich an den aufgespeicherten Vorräten oder am Abfall gütlich zu tun.

Jetzt war das Frühjahr vorüber, der helle Sommer hatte angefangen; das stellten Gimpel und Rotkehlchen mit ihren Weisen fest, so wie es ja auch der Weißdorn verkündete. Da wanderte Frau Wildschwein, mit ihren hell bewimperten Äuglein blinzelnd, aus ihrem Schlupfwinkel hervor. »Ganz Nase« schnüffelte sie den Boden ab und ließ merkwürdigerweise das unweit liegende Korn, das sie sicher gerochen hatte und am Tage vorher aufgenommen hätte, unberührt. Aber sie war voll Unruhe und schnüffelte weiter, bis sie den Bach fand, wo sie gierig trank. Dann ging sie langsam durch den Bach und wanderte in den Wald. Sie horchte gespannt und blickte mehrmals zurück, durchquerte das Wasser noch zweimal – ja, so machen sie's, um der Verfolgung zu entgehen – und wanderte vorwärts, bis sie weitab im Dickicht einen umgestürzten, entwurzelten Baum erreichte. Dort war sie schon früher gewesen, und eine Schicht von Gras und Blättern zeigte den Anfang eines Lagers. Nachdem sie es gründlich berochen hatte, sammelte sie aus der Umgebung noch mehr Gras dazu, hielt aber regelmäßig ganz starr inne, wenn ihr der Wind einen ungewohnten Laut zutrug. Mehrmals ging sie fort, kam jedoch immer bald zurück und legte sich unruhig auf das zurechtgemachte Nest.

O Mutter Natur, was für eine schwere Hand legst du auf die Mutterschaft in den Dörfern, wo die Hilfe so nahe ist! Und wie gütig bist du zu dem Tier der Wildnis, das die Prüfung ganz allein bestehen muß! Wie doppelt gesegnet ist es mit seiner Kraft und schnellen Befreiung! Als die Morgensonne aufging, warf sie einen Augenblick einen rosigen Schein unter das alte, verkrümmte Wurzeldach und sah da eine Brut von hingeschmiegten, rosaschnauzigen Frischlingen, deren Mutter sie wie ein lebendiger Schutzwall gegen die Außenwelt deckte.

Junges Leben ist immer schön, und wer das Schwein als eine Verkörperung gemeiner Sinnlichkeit, des Schmutzes und der Gier auffaßt, der würde mit Verwunderung die kindliche Schönheit dieser Brut und die Vollkommenheit der Mutterliebe bemerkt haben. Für die hübschen, runden Formen oder die weichen, reinen Farben hatte die Alte kein Auge, aber sie liebte die Jungen mit all ihrer bald völlig wiedergewonnenen Kraft. Und wenn die Kleinen mit wachsender Lebensstärke und bei steigendem Nahrungsbedürfnis schnüffelten und den Körper der Mutter mit dem Schnäuzchen nach ihrer Nahrungsquelle absuchten, dann gewährte die doppelte Reihe der Zitzen das doppelte Entzücken der Mutterfreude. Solange die Kinder ihr nicht folgen konnten, geizte sie mit den Augenblicken, wenn sie wegschlüpfen mußte, um den dringendsten Hunger und Durst zu stillen; stets blieb sie in Hörweite und des leisesten Rufs gewärtig.

Den ganzen Winter hatte sie unweit des Scheunenhofes zugebracht. Aber als die Kleinen laufen konnten, führte die Mutter sie tiefer in den Wald. Und die lustige, übermütige Jungmannschaft, die ihre Rüsselchen in alles bohrte, was nah und weich war, nahm schnell an Kraft zu und erwarb sich eine wunderbare Kenntnis der Waldgerüche. Da gab's im Maiwalde massenhaft eßbare Dinge. Jede kleine zeitigblühende Pflanze hat eine nahrhafte Wurzel oder Zwiebel. Jede der Blüte folgende Frucht ist eine Nahrung. Und sollte diese etwa giftig sein – und so etwas gibt es –, so hat Mutter Natur einen abstoßenden Geruch, einen eigenartigen Beigeschmack oder einen Stachel dazugetan, was den waldklugen Frischlingen als Warnung gilt und die Frucht für die rastlosen, fingerartigen, neugierigen Näschen der munter quiekenden Schar unangenehm macht. Das wußte die Mutter alles, das lernten die Jungen von ihr und vermöge ihres Geruchsinnes. Eines von ihnen, ein lebhaftes Kerlchen mit rötlichem Haar, hatte ein ganz besonderes Erlebnis. Noch konnten die Jungen nicht mitessen, aber die Mutter grub den ganzen Tag Wurzeln aus und verzehrte sie, und die Jungen eilten hin und berochen jeden neuen Platz, den sie aufgrub. Larven begrüßte sie als Wurzeln höherer Art, und die Kinder schnüffelten Beifall. Da ließ sich ein sonderbares, breites, summendes Fliegeding mit gelben Streifen auf einem Blatt neben Rotkopfs Rüsselchen nieder. Er betappte es mit seiner Nasenspitze. Und dann – dann tat es etwas, das er nicht verstand, aber ach, wie tat's ihm weh! Er stieß ein leises »Wauk« aus und trabte zur Mutter. Seine kurzen Borsten sträubten sich, und er schlug seine kleinen Kiefer zusammen, bis sie schäumten und die weißen Flocken an seinen Backen hingen. Eine Sonnenzeit und eine Nacht verging, ehe Klein Schaumkiefer darüber hinweggekommen war; aber ernstlichen Schaden tat es ihm nicht, und er behielt es im Gedächtnis.

Über eine Woche lebten sie schon im Walde, als ein Ereignis eintrat, aus dem sich ergab, wie ganz anders sich jetzt die Mutter ihrer Familie wegen verhielt. Es ließen sich nicht weit vor ihnen starke, dumpfe Geräusche hören, die näher kamen. Die Mutter kannte sie gut, es waren Männertritte. In den Scheunentagen hatte ein solches Geräusch immer eine baldige Freßgelegenheit verheißen, aber jetzt dachte sie an ihre Brut. Der könnte vielleicht Gefahr drohen. Sie wandte sich daher herum, stieß ein leises »Wuf« aus, das die Jungen ängstlich machte. Das hatten sie noch nie gehört! Und als die Mutter sich umdrehte und schnell davonging, drängten sich die Jungen in langer, stiller Reihe hinter ihr her, Schaumkiefer dicht am Schwanz der Mutter.

Dies war nur ein unbedeutendes Ereignis, und doch war es ein Wendepunkt, denn mit dem Scheunenhof und seinen Leuten hatte die Mutter samt ihren Kleinen ein für allemal gebrochen.

Lisette und der Bär

Lisette Prunty war jetzt ein großes Mädchen; sie zählte dreizehn Jahre und fürchtete sich nicht, allein in die Berge zu gehen. Der Juni mit seinen süßen Stachelbeeren lockte in den Wald, und Lisette ging hinaus. Wie kommt es, daß die Beeren gerade oben immer größer, reifer und zahlreicher sind als die in der Nähe? Lisette eilte aufwärts, weiter vom Hause weg als je zuvor. Da hämmerte ein Specht auf einen hohlen Stamm ein. Meine Güte, wie laut das klang! Lisette lauschte mit offenem Munde. Da drang ein anderer Ton an ihr Ohr, ein lautes »Sniff, Sniff«. Die Büsche bewegten sich, und heraus trat ein mächtiger, schwarzer Bär.

Auf ihr leises erschrecktes »Oh!« blieb der Bär stehen, richtete sich zu seiner vollen Größe auf, starrte das Mädchen an und ließ alle paar Sekunden ein lautes, weittönendes »Wuuf« hören. Die arme Lisette war wie gelähmt und konnte weder reden noch sich bewegen. Sie blieb eben stehen und starrte auch ihrerseits unverwandt den Bären an, so daß sie wie zwei Bildsäulen einander gegenüberstanden.

Jetzt wurde ein neues Geräusch laut: ein tiefes Grunzen und viele hohe, piepsige Grunztöne. Ein ganzes Rudel Bären! dachte die arme Lisette; aber davonzulaufen war sie außerstande. Sie starrte nur nach der Richtung, aus der das neue Geräusch kam, und das gleiche tat der Bär.

Als sich diesmal das Gebüsch teilte, wurde nicht ein Haufen Bären sichtbar, sondern das alte Wildschwein, das schon so lange im Hof vermißt wurde, und ihre zappelige, grunzende Brut.

Sehr selten tut ein Bär einem Kinde etwas zuleide, aber sehr selten läßt er sich Schweinefleisch entgehen. Das schwarze Ungetüm ließ sich auf alle viere nieder und ging auf die Mutter und ihre Familie los.

Das wilde, trotzige Grunzen der Mutter hätte wohl jedes andere Tier stutzig gemacht, denn die Wildsau hatte scharfe Hauer und mächtige Kiefer und stämmige Beine, und die Flanken waren wohl bepanzert mit doppelter Haut und borstiger Decke, und in ihr schlug – ein opferwilliges Mutterherz.

Sie stand fest auf dem Boden und sah dem Feind ins Auge, während die Kleinen Angstlaute ausstießen und sich an sie drängten oder hinter ihr versteckten; nur Schäumchen stand mit gerecktem Kopf da und beobachtete den furchtbaren Gegner.

Auch ein Bär muß sich vorsehen, wenn sich eine Wildschweinmutter für ihre Jungen zur Wehr setzt, und er ging um die Gruppe herum, während sie sich immer drehte und ihm die Stirn bot. Da sie sich in ein schützendes Gebüsch zurückgezogen hatte, war nur ein Angriff von vorn möglich. Und der Bär ging hierhin und dorthin, fand aber keine gute Gelegenheit, den Kampf aufzunehmen, denn die Mutter stand ihm immer gegenüber, und die drohenden, schwerbewaffneten Kiefer waren keine Kleinigkeit.

Dann ging der Bär auf sie los, machte aber bald halt. Die Mutter, die ihn keinen Augenblick aus den Augen ließ, sah ihn stocken und schritt nun selbst zum Angriff. Sie riß ihm einen Arm auf und biß die andere Tatze; aber jetzt war er an ihr, und im Nahkampfe war der Vorteil ganz auf der Seite des Bären. Mit einem Schlag betäubte er sie, zerschlitzte ihr die Seiten und zermalmte ein Bein. Er umfaßte sie mit solchem Nachdruck, daß ihr der Atem verging, während die Krallen seiner Hinterpranken sie zerfetzten. Als die beiden Tiere so auf Leben und Tod rangen, kam Lisette zur Besinnung, und da sie sich wieder als Herrin ihrer Glieder fühlte, wandte sie sich und floh heimwärts.

Der Findling

»O Vater, es war entsetzlich. Gerade bei Kogars Creek (zeitweise trockener Bach)! In einer halben Stunde kann ich dich hinführen.«

So kam der Vater mit Hund und Gewehr. Lisette führte, und bald waren sie in den Stachelbeerbüschen bei Kogars Creek. Raubvögel kreisten über dem Platz, als sie näher kamen. Sie fanden die Stelle leicht. Da lag die treue Mutter, zerrissen und halb verschlungen. Unter ihrem Körper und nahebei lagen die Jungen, die ein Tatzenschlag zerschmettert hatte.

Prunty murrte und schimpfte bei jeder neuen Entdeckung, und Lisette weinte. Der Hund aber hörte nicht auf, auf etwas loszubellen, das sich weiter weg unter dem Gebüsch befand. Und sieh, da setzte sich gegen ihn ein rotköpfiges Schweinchen tapfer zur Wehr, das mit seinen kleinen Kiefern klappte, bis der Schaum flockte, und das dem neuen Schrecken laut quiekend Trotz bot.

»Hallo, da ist ja eins entgangen!« rief der Vater. »Ist's nicht ein keckes Kerlchen?« Während nun Schäumchen heldenmütig dem Hunde die Zähne wies, langte der Vater von hinten durch das Gebüsch, faßte den Frischling am Hinterbein, hob ihn trotz allem Quieken, Strampeln und Beißen in die Höhe und ließ ihn in seiner Jagdtasche verschwinden.

»Armer kleiner Kerl, sieh nur, wie seine Nase zerkratzt ist! Er muß hungrig sein. Ich fürchte, er ist noch zu jung; man kann ihn nicht am Leben erhalten.«

»Oh, laß ihn mir, Vater; ich will ihn aufziehn!« und so wurde Lisettes moralischer Anspruch auf Schäumchen auf der Stelle anerkannt.

Prunty hatte eine große Bärenfalle herangeschleppt und stellte sie nun bei dem Körper des Opfers auf. Aber er fing nur einen unglücklichen Vogel. Der Schwarzbär war zu schlau, sich mit solchen Mitteln fangen zu lassen.

Schwein, Ente und Lamm

Armes kleines Schäumchen! Er war so hungrig, so schutzlos und sein Rüssel von den Bärenkratzern gar schlimm zugerichtet. Er wußte nicht, daß Lisette seine Freundin war und schnappte trotzig mit seinen kleinen, zahnlosen Kiefern nach ihr, als sie ihn in die Kiste steckte, die nun sein Heim sein sollte. Sie wusch ihm die verletzte Nase, sie brachte ihm warme Milch in einer Untertasse; aber Schäumchen begriff nicht. Stunden vergingen, und noch immer lag er geduckt in regloser Verzweiflung. Dann kam Lisettes alte Amme mit einer Saugflasche. Schäumchen stieß, quiekte und schlug die Kiefer zusammen, aber starke Hände wickelten ihn in ein Tuch, und die Flasche wurde an sein offenes Mäulchen gehalten. Was herauskam war warm und süß. Er konnte nicht anders als saugen, wie es auch jedes andere Junge getan hätte. Und als die Flasche leer war, schlief er den langen, süßen Schlaf, den er so sehr nötig hatte.

Kann man jemandem helfen, so flößt einem das auch Liebe zu dem Schützling ein. So war Lisette liebreich gegen den kleinen Schaum; aber er kannte sie nur als ein großes, gefährliches Ding und haßte sie. Jedoch nicht lange. Er war ein kluges kleines Geschöpf, und noch ehe sein Schwänzchen sich zu ringeln anfing, wußte er, daß er Lisette herbeirufen konnte, wenn er quiekte; von da an entwickelte sich durch die tägliche Übung eine machtvolle Stimme.

In einer Woche hatte sich alle Scheu verloren. Jetzt wurde er in einen Stand im Stall verbracht. Nach einem Monat war er so zahm wie eine Katze, ließ sich gern den Rücken kratzen, und die Wunde an seinem Rüssel war geheilt, allerdings blieb eine häßliche Narbe zurück.

Dann traten zwei Gefährten in sein Leben, eine Ente und ein Lamm, sonderbare Geschöpfe, die Schaum aus seinen weißbewimperten Äuglein sehr scharf musterte – mit Abneigung und ein wenig Eifersucht. Aber sie erwiesen sich als angenehme Schlafgenossen; sie hielten ihn schön warm. Und bald lernte er auch, sie als Spielzeug zu gebrauchen; denn das Lammschwänzchen war lang und ließ sich ziehen, und das Entchen konnte man auf den Rücken legen.

Der Stand im Stall war jetzt zu klein, aber ein eingezäunter Hof bot viel Platz. Hier konnte Schaum in dem hohen Unkraut nach Herzenslust tollen oder seine Spielkameraden necken oder sich vor seiner Pflegemutter verstecken. Ja, oft genug erhielt sie keine Antwort, wenn sie rief, suchte sie dann sorglich und ängstlich, dann fand sie den kleinen Kerl hinter ein paar Pflanzen versteckt. Er wußte nun, daß er entdeckt war, sprang, bei jedem Satz fröhlich grunzend, hervor, rannte im Kreise herum wie ein junger Hund, wich aus, wenn sie ihn fassen wollte, und war er des Spielens satt, dann ließ er sich fangen, unter der stillschweigenden Bedingung, daß ihm der Rücken gekratzt würde.

Im Zirkus haben die Leute oft mit Erstaunen abgerichtete Schweine als Geschöpfe übertierischer Intelligenz gesehen, und doch heißt es von einem blöden Menschen, er sei »saudumm«. Daraus ist nur der Schluß zu ziehen, daß die Schweine sehr verschieden sind. Viele sind dumm, aber das Tier ist sehr entwicklungsfähig, und manche Vertreter des Schweinegeschlechts stehen in der vordersten Reihe tierischer Intelligenz. Auf der untersten Stufe finden wir das Fettschwein des Züchters, am höchsten ist das Wildschwein einzuschätzen, das auf seinen eigenen Witz angewiesen ist. Und bald stellte sich heraus, daß Schaum einen hohen Rang in seiner Sippe einnahm. Er war ein sehr gescheites Kerlchen. Dabei besaß er Sinn für Humor und zeigte eine aufrichtige Zuneigung zu Lisette.

Auf den schrillen Pfiff mit den Fingern zwischen den Zähnen, den ihr Vater sie gelehrt hatte, kam Schäumchen durch den Garten gelaufen, d. h., er kam, wenn er nicht gerade zu Spässen aufgelegt war und sich rein zum Vergnügen versteckte und das suchende Mädchen belauerte.

Eines Tages wichste Lisette ihre Schuhe mit einer wundervollen französischen Schmiere, die beim Eintrocknen ganz glänzend wurde. Das war wieder ein Tag, wo Schäumchen voll Übermut war. Er setzte das Lämmchen auf die Ente, rannte dreimal um Lisette herum, dann stellte er sich auf die Hinterfüße, setzte die Vorderfüße auf den Stuhl neben Lisettes Fuß und ließ dabei ein kurzes winselndes Grunzen hören, das bei ihm so viel hieß wie: »Bitte, gib mir was!« Dieser Bitte entsprach Lisette in unerwarteter Weise: Sie bestrich ihm die Vorderfüße mit der französischen Schwärze, die in einer Minute trocknete, und Schaums hellrosa Klauenhufe strahlten in glänzendem Schwarz. Das Verfahren war angenehm prickelnd, und Schäumchen blinzelte mit den Augen, rührte sich aber nicht, bis es vorüber war. Dann beroch er noch nachdrücklich sein rechtes Vorderbein, dann sein linkes und grunzte wieder. Die ganze Sache war ihm neu, und er wußte nicht recht, was er daraus machen sollte, ließ es aber dabei bewenden. Bei seinem aufreibenden, tatfrohen Leben war die französische Politur bald dahin, und als Lisette das nächstemal ihr Wichszeug hervorholte, war auch Schäumchen zur Stelle, beroch die komische Paste und reichte seine Hufe wieder zur Behandlung hin. Die Empfindung mußte ihm angenehm gewesen sein; denn er hielt sich gesetzt und still, bis die Operation vorüber war, und seitdem stellte er sich regelmäßig ein und ließ sich seine Füßchen jeden Morgen blankwichsen.

Schaum als Beschützer

Hat das Schwein ein Gewissen? Was heißt Gewissen? Bedeutet es das Bewußtsein, daß man ein Gesetz bricht und daß dies Strafe mit sich bringen und ein weiterer Bruch noch schwerere Strafe heraufbeschwören wird, dann haben Tiere ein ihrem Verständnis entsprechendes Gewissen. Und Schaum mit seiner guten geistigen Veranlagung hatte, wenn er sich etwas zuschulden kommen ließ, Ankläger und Richter in seinem eigenen Herzen.

Es war ihm verboten, das Lamm, ein harmloses, einfältiges Geschöpf, und die Ente, die nicht so harmlos war, zu zausen. Schelte und Prügel waren ihm sehr verständliche Dinge, und weil sie das letzte Ergebnis waren, wenn er seine Spielkameraden geplagt hatte, erkannte er, daß dieses ergötzliche Vergnügen zu den Verbrechen gehörte. Mehr als einmal ließ seine Herrin, wenn er Muff jagte oder Fluff in die Buttermilch stieß, nur einen kurzen Pfiff hören, was zur Folge hatte, daß Schäumchen sich mit schuldbewußten Blicken davonmachte und im Gebüsch versteckte. Sicher regte sich da in ihm das schlechte Gewissen.

Nun geschah es eines Morgens, daß Lisette von ihrem Fenster über den Garten schaute und Schäumchen ganz still stehen sah, mit seitwärts geneigtem Kopf und blinzelnden Augen; nur die äußerste Spitze seines Schwänzchens rollte sich ein: gerade die Haltung, die er einnahm, wenn er Unfug im Sinn hatte. Sie wollte pfeifen, wartete aber noch einen Augenblick, um sich zu vergewissern. Das Lamm lag unter einem kleinen Verschlage wie schlaftrunken da. Plötzlich machte die Ente »Quak« und rannte vom Gras weg zum Lamm, neben das sie sich hinduckte. Da stürzte auf einmal aus dem Gesträuch ein täppischer junger Hund hervor und fiel mit lautem Siegergekläff über die hilflose Ente her. Das war ein Spaß! Und auch das Lamm war so erschrocken, daß der tapfere Recke es furchtlos angriff.

»Jap, jap, jap!« Wie mutig so ein kleiner Hund sein kann, wenn sein Opfer davonläuft oder schutzlos ist! Die Ente quakte, das Lämmchen blökte jämmerlich, und der vom Erfolg berauschte, nach höchstem Hunderuhm lüsterne Köter stürzte auf das Entchen los, rupfte ihm ein Maulvoll Federn nach dem andern aus dem Rücken und hätte es in kurzer Frist in Stücke gerissen. Aber da ertönte ein anderer Laut, ein kurzes, heiseres »Gröff, gröff, gröff«, der Kriegsschrei eines mutigen Schweines. Grunzen nennen wir es beim Schwein, beim Leoparden würden wir die gleichen Töne »kurzes Gebrüll« nennen; und dies stieß Schäumchen aus, als er auf der Bildfläche erschien. Jede Borste auf seinem Rücken war gesträubt, und aus den Äuglein blitzte ein grünliches Licht. Seine jetzt mit kleinen, aber scharfen und schnell größer werdenden Hauern bewaffneten Kiefer flogen auf und zu mit dem unheimlichen »Tschapp, tschapp«, das den Schaum fliegen läßt, Kampfgier bekundet und dem Kenner sagt, daß die tief im Innern schlummernde Bestie geweckt ist. Nicht Liebe zur Ente, fürchte ich, sondern ein tiefwurzelnder Haß gegen den Wolf erfüllte ihn: »Ein Wolf brach in seine Hürde.« Der Geist einer tapferen, streitfrohen Rasse flammte aus den mutigen Augen, kochte in seinem Blut. Schäumchen griff den Hund an!

War das eine Überraschung für den aufgeblasenen Raufbold! Er hatte gerade den Entenflügel gepackt und wollte seinen Besitzer triumphierend fortschleppen, als das wütende rote Schweinchen wie eine Lawine über ihn kam und ihm so an die Rippen fuhr, daß er einen Purzelbaum schlug. Sein jappendes Siegesgeschrei verwandelte sich in das Jammergeheul des Unterliegenden. Aufs neue war Schäumchen an ihm. Der Köter wollte ihm entrinnen; hinkend und durch sein mit Federn gefülltes Maul heulend, rannte er um den Verschlag. Schäumchen hinterher, dann aus dem Tor und durch das Gesträuch. Nie hat ein Hund lauter geheult oder ist schneller gerannt, und wo und wie er durch den Zaun kam, ließ sich nicht sagen, so schnell ging es vor sich, und woher er kam und wo er blieb, ließ sich auch nicht sicher feststellen.

Lisette und ihr Vater waren Zeugen des Schauspiels. Ihr wortloses Erstaunen über die Heldenrolle ihres kleinen Hausgenossen wandelte sich in fröhliches Lachen, als sie den jungen Hund so in Bedrängnis und schimpflicher Flucht vor dem aufgebrachten und tapferen Schäumchen sahen.

Sie gingen in den Garten, und das Schweinchen kam auf sie zugelaufen. Zuerst hatte Lisette ein wenig Angst vor ihm, aber es war jetzt kein wütender Berserker mehr, sondern das alte, spaßige, übermütige Schweinchen, und als sie sich fragte, was es nun wohl zuerst machen würde, stemmte es beide Füße auf eine Bank, damit sie ihnen ihre gewöhnliche Morgenpolitur gebe, und steckte sein Rüsselchen so dicht dazwischen, daß sie auch ihm etwas von dem schwarzen Glanz abgab.

Wie Lisette behauptete, quälte Schäumchen von da an das Lamm und die Ente nicht mehr. Jedenfalls hörte er bald damit auf, denn die Ente war ausgewachsen und watschelte nun zu ihren Genossinnen auf dem Pfuhl, und von dem Lamm wurde er in unerwarteter Weise geschieden.

Ein böser, alter Bär

Ebenso wie es unter den Elefanten gefährliche Eigenbrötler gibt, schmarotzende Faulpelze unter den Bibern und Menschenfresser unter den Tigern, so kommen auch unter den Bären einzelne besonders böse Tiere vor, die ihre Kraft nur dazu anwenden, alles was ihnen in den Weg kommt, zu töten, zu zerstören und zu vernichten, bis sie einmal an einen Stärkeren geraten, der ihren Untaten ein Ende setzt. Zu diesen Verbrechernaturen gehörte auch der Bär von Kogars Creek. Soviel in der Gegend bekannt ist, hatte dieser Bär nie eine eigene Familie und machte den Wald wahrscheinlich nur darum unsicher, weil seine Artgenossen ihn aus dem eigentlichen Bärenlande im Gebirge vertrieben hatten. So verzog er sich ins Mayotal, wo es wenig Bären gibt, und machte sich dort so unnütz, wie er nur konnte, schlug Zäune oder kleine Schuppen zusammen und vernichtete aus reiner Zerstörungslust Feldfrüchte, die er nicht verzehren konnte. Die meisten Bären nähren sich hauptsächlich von Pflanzenkost, vorzüglich Beeren und Wurzeln; manche sind so ziemlich Allesfresser, aber der Kogarbär hatte einen so verderbten Geschmack, daß er nichts als Fleisch wollte. Kalbfleisch fraß er gern, aber es fiel dem Feigling auch nicht im Traume ein, einer Kuh, geschweige denn einem Stier Trotz zu bieten. Vogelnester plündern, das war sein Fall, denn das war ja gefahrlos, und halbe Tage verbrachte er an Löchern, in denen eine Familie von Flughörnchen hauste. Zuerst war ihm so ziemlich jedes Fleisch recht, und er hatte mehr als ein junges Bärlein auf dem Gewissen, das sich von seiner Mutter verirrt hatte. Aber das liebste war ihm Schweinefleisch. Kein Weg war ihm zu weit, wenn er zu einem fetten Wildschwein führte, und konnte er es erwischen, dann ließ er es möglichst lange am Leben, nur um sich an seinem Winseln zu ergötzen.

Natürlich machte er sich nur an schutzlose Junge, und es war eine große Überraschung für ihn, als damals Schäumchens Mutter so verzweifelt kämpfte. Schweine von solcher Größe hatte er immer für leichte Beute gehalten. An den Kleinen ließ er seine Wut aus, und noch manchen Tag danach humpelte er zornbrummend daher. Von Wildschweinen hielt er sich von da an lieber fern und fahndete nach jungen Kaninchen in ihren Nestern und andern kleinen Geschöpfen, die sich nicht verteidigen konnten. Aber seine Wunden heilten, er vergaß die Lehre, die er damals empfangen hatte, und Schweinefleisch war wieder das Ziel seiner Sehnsucht.

Eine wunderbar scharfe Nase hatte der Kogarbär. Der Wind war ein drahtloser Neuigkeitenkünder für ihn, und es kostete ihn wenig Mühe, eine besondere Botschaft herauszulesen, ihr nachzugehen und den Lohn einzuheimsen.

Er befand sich nicht weit vom Pruntyschen Gehöft, als ihm der leise Windhauch durch den dämmernden Wald die lockende Schweinewitterung zutrug, und er folgte ihr, während er sie, den schwarzen Kopf hin und her schwingend, von andern auf der unsichtbaren Windfährte aussonderte.

Wunderbar lautlos geht ein Bär durch den Wald, der größte, gewaltigste bewegt sich wie ein Schatten, und schnell und geräuschlos erreichte der Kogarbär das Gehöft und kam schließlich zu einer kleinen Koppel, wo Schäumchen, die Quelle des leitenden Geruchs, in ungestörtem Schlafe lag, den Kopf quer über dem wolligen Rücken des Lamms.

Da der Bär keine Öffnung am Zaune entdecken konnte, begann er, daran hinaufzuklettern. Aber der war für solche Fleischmassen nicht berechnet, die Latten gaben nach und brachen zusammen, und der Bär war in der Koppel.

Wäre Schäumchen langsamer oder das Lämmchen rascher gewesen, so hätte die Sache einen ganz andern Verlauf genommen. So fuhr Schäumchen, als der Bär auf ihn losstürzte, beiseite, und das Lamm saß still, und ein gewichtiger Schlag der Bärentatze setzte es außerstande, sich je wieder zu bewegen, gerade als Schäumchen durch das Loch im Zaun davonlief und im Gestrüpp verschwand.

Wohl bewegte sich der Bär geräuschlos, aber das Zusammenkrachen des Zauns, das Blöken des Schäfchens, das Getöse des Angriffs und Schäumchens erschrecktes, aber trotziges Grunzen, als er davonrannte, waren laut genug, das ganze Haus auf die Beine zu bringen, denn es war auch gerade nahe an der Zeit, wo man aufzustehen pflegte. Als der Farmer hinausblickte, sah er einen großen schwarzen Bären mit dem Lamm im Maule sich durch den Zaun entfernen.

Nun entstand ein großer Lärm; man schrie nach den Hunden, rief die Leute herbei, und Prunty eilte mit der geladenen Büchse in der Hand dem Bären nach in den Wald.

Wie langsam und schwerfällig scheint sich ein Käfigbär zu bewegen, wie wenig läßt er uns die Schnelligkeit eines wilden, freien Bären auf unebenem Gelände ahnen! Die Brombeeren, Felsbrocken und Vorsprünge schienen nur dazusein, die Hunde zu hindern, aber den Bär hemmten sie in keiner Weise in seinem schnellen Lauf. Dann kam er an das breite Kogartal; er stürzte sich in den Fluß, und die starke Strömung schien ihn schnell abwärts zu tragen. Das war so angenehm, von der Flut sich tragen zu lassen und die Ufer rasch dahinschwinden zu sehen! Behaglich ließ er sich treiben, bis das laute Hundegekläff in der Ferne erstarb. Dann erst schwamm er zur andern Uferseite und kroch hinaus. Und als die Hunde zu der Stelle kamen, glaubten sie sich irregeführt, und soviel sie auch am andern Ufer spürten, es fiel kein Licht in das geheimnisvolle Dunkel.

Weit hinten auf der Fährte fanden sie das tote Lamm.

Der Sumpf

Für die Männer war das ein Sport, für die Hunde ein tolles Vergnügen. Nur Lisette fühlte erschrocken den Schaden. Vergebens durchsuchte sie die kleine Koppel. Dann pfiff sie, so laut sie konnte, aber nichts antwortete ihr.

Sie folgte eine lange Strecke der Spur der Jäger und machte erst am Rande eines dicht umwachsenen Sumpfes halt. Sie war ganz allein. Der Sumpf war zum Teil offenes Wasser, zum Teil schlammig; es schien Torheit, weiterzugehen; so wartete sie eine Minute und ließ dann ein paar scharfe Pfiffe ertönen. Vom Wasser her ließ sich ein Geräusch hören, ein Plätschern, so daß eine Gänsehaut sie überlief, denn es erinnerte sie an die frühere Begegnung mit dem Bären. Jetzt ein Grunzen. Ein schlammbedecktes Tier wurde sichtbar, an dem man keine besonderen Formen erkennen konnte; aber zweifellos waren an dem einen Ende zwei kleine, blinzelnde Augen, und irgendwo darunter erklang ein offenbar wohlmeinendes Grunzen. Ja, war das denn Schaum etwa? Ja – nein – ja, jetzt war sie sicher, denn der Wanderer hatte den Schlamm zum größten Teil abgeschüttelt, reckte sich empor und stellte seine Vorderfüße auf den daliegenden Stamm, um sich die Hufe putzen zu lassen, und das war nötiger denn je. Schaum aber gab sich nicht eher zufrieden, als bis Lisette einen Stock genommen und ihm, ihrem alten Übereinkommen gemäß, den schmutzigen Rücken gekratzt hatte.

Geruchsvermögen

Auch beim Menschen kann ein Geruch Erinnerungen und Vorstellungen der Freude, des Schmerzes und der Furcht wecken; wieviel mehr noch bei Tieren, deren Geruchssinn den unsrigen um ein Vielfaches übertrifft! Schaum hatte die Tage seiner Kindheit und den Tod seiner Mutter so gut wie vergessen, aber seine Nase hatte sie nicht vergessen, und der Bärengeruch hatte sie zurückgebracht und ihn in panischer Furcht flüchten lassen.

Darum hatte er auch den alten, vertrauten Pfiff wohl gehört, aber nicht beachtet.

Doch jetzt war die Furcht vorüber. Mut haben heißt nicht, ohne Furcht sein, sondern sie überwinden. Und Schaum raste umher, umkreiste blitzschnell seine Herrin durch das Gebüsch hindurch, hielt auf einmal mäuschenstill mitten auf dem Wege, mit gesenktem Kopf und blinzelnden Augen, bis Lisette mit einem Stock einen Schritt auf ihn zumachte. Dann rannte er hüpfend davon und stieß ein kurzes Freudengrunzen aus, das in der Schweinesprache bedeutet: »Ha, ha, ha!«

So näherte sie sich dem Hause, als auf einmal das lustige Schwein verschwunden war. Schaum stand an einem bestimmten Punkt starr wie ein Vorstehhund. Seine Borsten sträubten sich, seine Augen blitzten grün, und seine jetzt schon wohlbewehrten Kinnladen schnappten, bis sie schäumten. Lisette näherte sich ihm, als wollte sie ihn schlagen; er wich beiseite, noch immer schnappend, und nun sah und verstand sie: Sie hatten die frische Bärenfährte erreicht, und Schaum hatte die volle Witterung in die Nase bekommen.

Aber – was Lisette damals nicht bemerkte – sein Gebaren zeugte nicht mehr von Furcht; die hatte er überwunden. Seine Haltung, sein tiefes »Wuum«, seine drohenden Hauer, seine grünschimmernden Augen kündeten, obwohl er erst halb erwachsen war, den kampflustigen Keiler an. Sie ahnte wenig, was das noch für sie zu bedeuten haben würde. Ja, bevor zwei Monate verstrichen waren, sollte das Heil ihres Lebens auf dem tapferen, jungen Geschöpf beruhen, einzig beschützt von den zwei kleinen elfenbeinernen Messern, die es trug, und seinem Herzen, das keine Furcht kannte.

Die Klapperschlange

In Südvirginia ist der Oktober noch Sommerzeit, Sommer mit einem malerischen Hauch der Bunten-Blätter-Zeit, und Lisette war, romantischer Träume voll und wohl auch insgeheim mit der kühnen Hoffnung auf ein kleines Abenteuer, den Kogarfluß hinauf an einen einsamen Fleck gegangen, um in dem gemächlichen Bett der Flußschleife zu schwimmen. Vor jeder Überraschung sich sicher fühlend, zögerte sie nicht, sich zu entkleiden und hineinzuspringen. Sie labte sich am kühlenden Wasser, wie es nur die Jugend im Gefühl vollkommener Gesundheit zu tun vermag. Dann schwamm sie zur Sandbank in der Mitte und grub ihre Zehen in den Sand, während ihr die Sonne auf den Rücken brannte.

Schließlich hatte sie genug und tauchte wieder in den Fluß, um an die niedrige Stelle zu schwimmen, die den einzigen Landungsplatz bot und zugleich als Kleiderablage diente.

Sie war halbwegs hinüber, als sich ihr ein Anblick bot, der ihr Blut gefrieren ließ. Da lag auf ihren Kleidern, sie anstarrend und bedrohend, eine gestreifte Klapperschlange, der Schrecken der Berge, im Wald und am Wasser heimisch.

Mit sinkendem Herzen und zitternden Gliedern schwamm Lisette zurück zur Sandbank.

Was nun? Wäre sie ein Junge gewesen, so hätte sie versucht, das Reptil durch Steinwürfe zu vertreiben, aber erstens gab es dort keine Steine, und zweitens konnte Lisette nicht wie ein Junge werfen.

Um Hilfe zu rufen, wagte sie nicht, denn sie wußte nicht, wer kommen würde, und so saß sie in wachsendem Jammer angstvoll da. Langsam kroch eine Stunde dahin, und die Schlange wich nicht vom Fleck. Lisette fühlte sich von der Hitze wie geröstet, und die Qual des Sonnenbrandes setzte ein. Etwas mußte sie tun. Wenn nur ihr Vater käme! Vielleicht, daß er sie pfeifen hörte. Sie steckte die Finger zwischen die Zähne und ließ einen Pfiff erschallen, den schon manches weibliche Wesen im Süden hat lernen müssen. Zuerst kam er nur schwach heraus, aber dann ertönte er wieder und immer wieder und jedesmal lauter, bis der ferne Wald widerhallte und sie in Furcht und Hoffnung lauschte. Hörte es der Vater, so wußte er Bescheid und kam. Angestrengt horchte sie auf jeden Laut.

Das Reptil regte sich nicht. Eine weitere halbe Stunde verging, und die Sonnenstrahlen wurden noch stechender. Wieder ließ sie ihren weitreichenden Hilferuf erschallen, und diesmal hörte ihr ängstlich lauschendes Ohr, daß etwas ging, trampelte, näher kam. Da wurde ihr weh ums Herz. Jemand kam, aber wer? War's ihr Vater, so hätte er laut gerufen. Aber was hier nahte, war nur das Geräusch schneller Tritte. Wie, wenn es einer der halbwilden schwarzen Vagabunden wäre! Sie suchte sich beim Näherkommen der Schritte zu verbergen, indem sie sich in den Sand wühlte.

Das Reptil regte sich nicht. Das Gebüsch über der steilen Uferbank geriet in Bewegung. Ja, jetzt sah sie eine schwarze Gestalt auftauchen. Ihr erster Gedanke war: Ein Bär! Aber jetzt teilte sich das Strauchwerk, und heraus kam der kleine Schaum, wohl ziemlich herangewachsen, aber immer noch ein junges Tier. Lisette sank das Herz. »O Schaum, Schäumchen, wenn du mir nur helfen könntest!« Und sie gab einen schwachen Laut von sich, der eigentlich ihrem Vater galt, aber von dem jungen Wildschwein erwidert wurde.

Auf der Uferhöhe kam er schnell daher. Es gab nur einen Weg herunter, und der führte über die sandige Stelle, wo ihre Kleider lagen und ihr Todfeind harrte.

Über Hochstämme und niedriges Gestrüpp setzend, kam das gelenkige Schwein herunter. Jetzt stand es auf dem Sand und sah sich plötzlich dem rasselnden, zischenden, gestreiften Tode gegenüber.

Überrascht fuhren beide zurück und bereiteten sich zum Angriff vor.

Lisette preßte es das Herz zusammen, als sie ihren alten Spielkameraden seinem Schicksal ausgeliefert sah. Des kleinen Keilers Rückenhaare sträubten sich, das Kampflicht blitzte aus seinen Augen, und das drohende »Tschapp, tschapp« seiner Kiefer wurde laut; der uralte, tief eingewurzelte Haß gegen das Reptil erwachte in seiner kleinen Seele, und das kriegerische Feuer entzündete sich und rief den alles wagenden Mut auf.

Wer je das kurz abgehackte Brüllen gehört hat, das sich der Brust eines streitlustigen Keilers entringt, der kann sich wohl denken, daß dieser Kriegsruf dem Feinde Schrecken einflößt, denn er weiß, daß Kraft und Tapferkeit der Ankündigung entsprechen. Ja, auch wenn das Kampfgeschrei aus der Kehle eines Halbausgewachsenen kommt, der nur Dornen statt der Hauer hat.

Dreimal ertönte das kurze, rauhe Grunzen, und der junge Keiler rückte näher. Seine goldene Mähne richtete sich auf, daß er doppelt so groß zu sein schien. Wie düstere Opale glommen seine blinzelnden Augen, während er den Feind maß. Die weißen Gewänder verblüfften ihn ein wenig; aber er rückte herum, um besser Fuß fassen zu können; so kam er zwischen das Reptil und den Fluß und nahm dem Feinde so, ohne es zu wissen, die Möglichkeit zur Flucht.

Keine Mutter, außer der Mutter Natur, hatte ihn gelehrt, wie er sich zu bewegen habe. Aber sie war vollkommen auch als Lehrerin. Dem Zustoß der Klapperschlange kann nichts entgehen; er verwirrt das Auge, der Blitz ist nicht schneller. Ihr Gift bringt, wenn es aufgenommen wird, jedem kleineren Geschöpf den Tod, und jedes Geschöpf hat überall am Körper aufsaugende Gefäße, nur das Schwein nicht, nicht an den Backen und Schultern. Diese Teile bot Schaum dem Gegner dar und rückte ihm auf den Leib. Der Schwanz der Schlange ging wie eine Spinnmaschine, und die tanzende Zunge schien stechen zu wollen. Zur Erwiderung schlug das Schwein seine elfenbeinernen Dolche aneinander und stieß ein kurzes, hustenartiges Grunzen aus; dabei kam es vorsichtig näher und suchte die Schlange an ihrem fernsten Ringe zu fassen. Beide schienen kundige Spieler, obwohl ihnen jede Übung fehlte. Die Schlange wußte, daß es sich für sie um Leben und Tod handelte. Sie zog ihren Knäuel noch enger zusammen, und ihre starren Augen maßen den Feind. Eine Finte und noch eine und eine Gegenfinte und dann – hui, der giftige Pfeil war ausgeschickt. Hatte er sein Ziel verfehlt? Nein, das gibt es bei der Klapperschlange nicht. Schaum fühlte den Stich in seiner Backe; der giftige, gelbe Schleim traf die Wunde, aber das verlangsamte kaum sein jähes Losfahren. Seine jungen Hauer saßen an der Kehle des Reptils und bohrten darauf los, wie sie es oft im Spiel mit dem Entchen getan hatten; und ehe das giftige Reptil sich aufrichten und wieder zusammenrollen konnte, war der Keiler stampfend und schnaubend auf ihm. Er schlitzte dem Wurm den Bauch auf, zerschmetterte ihm den Kopf, klappte dabei mit den Kiefern, daß ihm der Schaum das Gesicht bedeckte, und stieß sein Feldgeschrei aus und hörte nicht eher auf, sein Opfer zu bearbeiten, bis von ihm nichts mehr übrig war als in den bespritzten Sand getretene, stinkende Fetzen beschuppten Fleisches.

»O Schaum, o Schaum, Gott segne dich!« war alles, was Lisette sagen konnte. Die unerwartete plötzliche Rettung brachte sie einer Ohnmacht nahe. Aber nun war ihr Weg frei. Ein Dutzend Stöße, und sie war auf dem Sande neben dem Keiler.

Sie wußte kaum, was sie von ihrem Freunde denken sollte. Er sprang um sie herum auf dem Sand. Sie hatte erst gedacht, ihn siech und sterbend zu finden; dann fiel ihr voll Freude ein, was ihr der Vater von den Schrecken des Klapperschlangenbisses gesagt hatte, gegen die das ganze Schweinegeschlecht gefeit sei.

»Ich möchte nur wissen, wie ich dir das lohnen soll«, sagte sie mit einfacher Aufrichtigkeit. Schaum wußte es und ließ es sie auch bald wissen; alles, was er als Entgelt verlangte, war: »Kratz mir den Buckel!«

Waldheilkunde

Sind die Kinder der Wildnis niemals krank? Ist Siechtum unter ihnen etwas Unbekanntes? Ach, wir wissen nur zu gut, daß auch sie wie wir ziemlich viel geplagt werden. Sie besitzen einige wenige Heilmittel, die den Starken helfen können, aber die Schwachen müssen schnell zugrundegehen.

Und welches sind die Heilmittel, deren sie sich bedienen? Wie gut kennt sie jeder Wäldler! Das Sonnenbad, das Kaltwasserbad, das warme Schlammbad, das Fasten, die Wasserkur, das Erbrechen, das Abführen, Diät- und Ortsveränderung und die Liegekur nebst Zungenmassage des Körperteiles, wo sich die Geschwulst oder die offene Wunde befindet.

Und wer ist der Arzt, der ihnen Zeit und Maß verschreibt? Einzig und allein das Verlangen des Körpers. Nimm das Mittel und soviel davon, wie dir angenehm ist; wird es schmerzhaft oder auch nur lästig, so sagt damit der Körper, es sei genug.

So heilen sich die Tiere, und das sind ihre Mittel, die jeder Wäldler kennt und die in jeder Generation von einem Propheten unseres Geschlechts neu entdeckt werden. Nennt er sie mit ihren einfachen Namen, so erntet er Spott, gibt er ihnen aber lateinische Bezeichnungen, so ist er ein großer Gelehrter und verdient viel Geld.

Der Herbst kam ins Mayotal, und tausend kleine Feenboote segelten südwärts auf dem Kogarfluß hinab, und überall im Walde hörte man das »Pat, pat, pit« der fallenden Nüsse. Nüsse sind ein gutes und bekömmliches Nahrungsmittel, und Schaum war jeden Tag bemüht, sich damit vollzustopfen; dabei jagte er wohl hinter Schmetterlingen her, tat so, als wollte er einen großen Baum entwurzeln, kniete nieder, um den Kopf hin und her zu schwingen und den Grasboden mit den wachsenden Hauern aufzureißen, sprang dann wieder auf die Füße, um ein paar Meter mit übermütigen Sätzen zurückzulegen, und hielt im Augenblick still, zum Standbild erstarrt. Im Wohlgefühl seiner Kraft wurde er immer stärker, und die letzten Blätter, die der Wind vor sich her trieb, fanden ihn ausgewachsen an Leib und Gliedern, zwar noch schlank und leicht, aber in Bau und Gerüst als mächtigen Keiler. Durch das Trauerspiel, das mit dem Zusammenbruch der Zaunlatten begann, war ihm ein anderes Leben eröffnet worden. Jetzt war er nicht mehr ein Insasse jener Koppel, sondern ein Einwohner Virginias.

Dort unten in dem schwarzen Schlamm des Sumpfes hatte er die langen Ranken einer Erdnußart entdeckt, und wenn er sie entwurzelte, so sagte ihm seine Nase: »Die sind gut!« Ja, er erinnerte sich dunkel, daß seine Mutter etwas, das so roch, zu verzehren pflegte. Das gab eine angenehme Abwechslung, und er schmauste und setzte Fett an. Dann grub er eine von früher her bekannte Knolle aus, mit einem scharfen Geschmack; das wußte er, ohne sie zu verzehren, und er stieß sie mit andern ihrer Art beiseite; groß, saftig und von hübschem Aussehen war sie, aber Schaum hatte einen sicheren Führer.

Wenn er vollgestopft war, wanderte er zu einem sonnigen Abhang, ließ sich mit behaglichem Grunzen seitwärts auf die Blätter nieder und fühlte sich schweinewohl.

Ein Blauhäher flog über ihn weg und krächzte: »Du Wurzler, du Wurzler!« Ein Fliegenschnäpper fing sich gerade über seinem Ohr eine Mücke, ein Mäuschen kroch ihm über das halb vergrabene Bein, doch Schaum döste ruhig weiter.

Dann brach ein sonderbarer ferner Laut das Schweigen, ein tiefes, klagendes, winselndes »Wah–wah–wah, wau–u–u!« Jetzt fast laut hinausgeschrien, dann von Seufzen und Schnaufen unterbrochen, manchmal nachlassend und wie erstickt, dann hell und klar, das sonderbarste, tollste Potpourri und der Stärke nach offenbar die Stimme eines großen Waldtieres.

Im Nu war Schaum auf den Füßen und stand reglos. Dann, wie ein Spürhund witternd, die Ohren gespitzt und alle Sinne gespannt, kroch er vorwärts, als zöge es ihn mit unwiderstehlicher Gewalt an.

Nach hinten, zu dem üppigen Sumpfland, führten die Klagetöne, und als Schaum dann zwischen den Grashalmen hindurchspähte, erblickte er seinen alten Feind, wie er jene schrecklichen, brennenden Knollen, eine nach der andern, ausgrub, zerbiß und verschluckte, die stechenden weißen Zwiebeln, die einem geradezu die Kehle zerreißen, die Gedärme zerwühlen und die Backen schmerzhaft zusammenziehen.

Doch er grub und kaute, heulte und winselte weiter, grub eine neue aus und zerkaute sie, während ihm die Tränen aus den Augen rollten und der brennende Schmerz ihm den Rachen versengte. Und noch eine holte das große, schwarze Ungetüm heraus und verschlang sie und weinte und winselte dabei und wieder eine, und noch eine würgte er die seufzende Kehle hinunter.

War er von Sinnen? Ganz und gar nicht. Tat er es aus Hunger? Nicht doch; der Boden war voll von Nüssen. Warum dann diese furchtbare Selbstpeinigung? Welcher Gebieter legte ihm diese Strafe auf? Schaum machte sich keine Gedanken darüber. Auch der Bär hätte keine Auskunft geben können. Und doch folgte er der Stimme eines übermächtigen inneren Gebieters. Wenn wir in dieser Sache auch nicht ganz klar sehen, soviel ist gewiß: Bären, die sich ausschließlich von Fleisch nähren, werden von einer argen Krankheit heimgesucht, die hauptsächlich die Haut versehrt, und dies trifft doppelt zu für Schweinefleischesser. Das Leiden besteht in einem Hautbrand; der Körper wird von Zehntausenden von Feuerchen verzehrt. Und das glauben wir zu wissen: Die brennende Knolle gewährt Heilung – langsame, aber sichere Heilung.

Und Schaum, noch ein Jungtier, zog sich langsam von dem Schauplatz zurück. Was er sah, war ihm rätselhaft, und nur das eine begriff er: Sein Feind verschlang etwas und jammerte dabei und jammerte noch immer, als Schaum schon weit entfernt war.

Frühling

In diesem Jahr hatte es im Wald einen reichen Herbst gegeben, und als die Äste kahl waren, hatte das Eichhörnchen sieben hohle Bäume gestopft voll von Nüssen und Eckern und nicht weit davon ein schön gepolstertes Nest.

Die Bisamratte hatte im Sumpf mächtige Heuschober angelegt, die Murmeltiere waren erstaunlich fett, und jede Baummaus hatte Vorräte gesammelt, als gäbe es drei Jahre Hungersnot. Das waren deutliche Anzeichen: Es kam ein harter und weißer Winter.

Der Wald hatte dem jungen Schaum bisher sehr gut gefallen, aber jetzt war es darin langweilig und öde. Als es kälter wurde, wuchsen ihm die Borstenhaare länger und dichter; aber das genügte nicht, als eine schärfere Kälte einsetzte, und Schaum mußte schließlich das schützende Dach der Scheuer aufsuchen.

Da gab es noch andere Schweine, meist gemeine fette Mast- und Tafelschweine, aber ein paar waren edleren Geblüts von der echten Wildschweinsorte. Zuerst waren sie etwas widerwärtig und wollten ihn, für den nichts sprach als eine vornehme Abkunft, vor die Türe setzen, aber er hatte starke Beine und scharfe Hauer und war bereit, gegen alle Neider furchtlos in die Schranken zu treten. So verschaffte er sich bald Duldung in einer Gruppe, die in der Scheune übernachtete und täglich an einem gefüllten Trog schlemmte.

Der Winter ging vorüber, und der April mit seiner jungen Blätterflut rückte heran. In Berg und Wald spürte man den Geist der neuen Jahreszeit; auch unter der Scheuer wurde er mächtig und regte die Schweine zu neuem Leben an, jedes in seiner Weise. Die feisten Mastschweine watschelten langsam in die Sonne, grunzten vergnügt und zeigten ein wenig Anteilnahme an den Dingen, die in den Bereich ihres engen Gesichtskreises kamen.

Schaum sprang hinaus wie ein junges Füllen. Wie lang seine Beine geworden waren! Wie groß er war! Was für Schultern und was für ein muskelstarker Nacken! Über alle andern in der Scheuer ragte er hinaus, üppig wucherten seine goldroten Haare und bildeten auf Nacken und Rücken eine große Hyänenmähne. Schritt er aus, so lag Sprungkraft in seinen Füßen, Geschmeidigkeit in seinem Körper, und die klotzigen Masttiere schienen im Gegensatz zu ihm vom eigenen Gewicht niedergedrückt zu werden, wenn sie sich langsam beiseite schoben, um ihm Platz zu machen. Er sprühte vor Lebenslust und tänzelte wie ein bewegungsfroher Hengst. Dann ließ ihn ein ferner Ton sich umdrehen und davonjagen wie ein wildes Pferd. Es war Lisettes Pfiff. Sie waren sich in dem Winter sehr nahegekommen. Schaum nahm die niedrige Umzäunung wie ein Hirsch und stand an der Tür, wo er sein Lieblingsfutter schmauste, sich den Rücken kratzen und die Vorderhufe reiben lassen konnte, wenn sie auch nicht immer Wichse erhielten.

»Dein Schaum da, Lisette, der ist mehr Hund als Schwein«, pflegte Farmer Prunty zu sagen, wenn er den heranwachsenden Keiler seiner Tochter folgen oder mit ihr spielen sah. Dieser junge »Hund« wog allerdings in seinem zweiten Lebensfrühling 150 Pfund. Aber Schaum wollte nur nach der Weise seiner Vorfahren leben.

Grauchen geht sein Glück suchen

Von der Danflußbrücke nach Mayo führt eine lange, staubige Straße, aber doch trottete auf ihr, so lang sie war, ein schlankes, junges Wildschwein daher. Es war kaum ausgewachsen, glich an Rumpf und Gliedern einer Hirschkuh und trug ein enges Kleid glänzender grauer Haare, die bei gutem Wetter in der Sonne blitzten, jetzt aber dick mit dem rötlichen Staub der alten virginischen Landstraße bedeckt waren.

Das Wildschwein trabte daher, die empfindsame Nase schwingend, die Ohren nach diesem oder jenem Laut spitzend; jetzt legte es eine Strecke wie in eiligem Drange zurück, dann prüfte es wieder aufmerksam die Pfosten, an denen seine Fährte vorbeiführte oder andere Fährten abzweigten.

Eine Stunde und noch eine Stunde legte es in dem ausdauernden unermüdlichen Trott eines suchenden Wildschweins zurück, bereit, jedem Triebe seiner angespannten Sinne zu folgen.

Die Kilometer schwanden. Jetzt hatte es das Mayotal erreicht, lief aber immer weiter. Da fand es einen guten Reibepfahl. Er schien es zu befriedigen, denn es benutzte ihn ausgiebig, eilte dann aber waldwärts.

Was hatte es vor?

Wie oft können wir das Tun der Tiere erklären, wenn wir in die eigene Brust blicken! Im Leben jedes Mannes und jeder Frau kommt einmal die Zeit, da es sie hinaustreibt in die Welt, ihr Glück zu suchen. Und die Weisen sagen: »Laßt sie gehen!« Der gleiche Trieb überkommt die Tiere der Wildnis und läßt sie hinauswandern. Das war auch bei Grauchen der Fall; es ging sein Glück suchen.

An manchem Kreuzweg machte es halt und prüfte manche schwache Witterung im Windhauch, aber nichts hielt es lange auf, und der Abend traf es im Walde jenseits der unteren Brücke über den Kogarfluß.

Der Reibepfahl

Von allen Kratzpfosten auf Pruntys Farm ist weitaus der beste jener rauhe, alte Zedernstumpf gerade am äußersten Ende der Weide, unten am Moor. Ein rauher Stamm an rauher Stelle hatte er in seiner Unverwüstlichkeit noch die vielen kleinen Knorren von seiner Lebenszeit her bewahrt. Sie bildeten einen wahren Striegel in jeder gewünschten Höhe. Alle Schweine auf der Weide kannten ihn gut, und keines ging daran vorüber, ohne die günstige Gelegenheit wahrzunehmen.

Pruntys Schweine trieben langsam dem Pfosten zu. Die mächtige alte Muttersau schob ein anderes Tier zurück, um sich zu reiben. Da kam Schaum des Wegs. Seine Stärke und seine Hauer hatten ihm schon seit Wochen das Platzrecht verschafft. Wie er sich dem Pfosten näherte, da fühlte er sich von dem Holz unwiderstehlich angezogen, ja, ein lautes Lied tönte ihm entgegen in einer Sprache, die weder ich noch meine Leser verstehen können. Auch wenn unsere stumpferen Sinne sie vernommen hätten, was könnte für uns die Botschaft besagen:

»Klak–karra, klak–karra
Gorka–li–gorra–wauk.«

Aber Schaum war Feuer und Flamme. Er wartete nicht ab, bis die alte, ungefüge Schweinemadam sich wegbequemt hatte, sondern ließ sie mit einem geschickten Stoß, der dem geübtesten Ringer Ehre gemacht hätte, den Hang hinunterkollern.

Seine goldrote Rückenmähne sträubte sich, als er den Pfosten prüfte; dann rieb er seine Flanken dagegen, richtete sich auf und rieb sich wieder, rannte ein Stück vorwärts, die Fährte zu beriechen, kam zurück, um sich in neuer Aufregung zu reiben, dann lief er wie ein liebestoller Hirsch und kam noch einmal zurück, trieb andere vom Pfosten weg und verlor sich endlich im Walde.

Dort folgte er in größter Eile einer unsichtbaren Spur, bald hierhin, bald dorthin. Seiner Sache immer sicherer werdend, setzte er bald durch ein sumpfiges Walddickicht und dann auf eine sonnige Lichtung, und da sah er auch aus der Deckung eine verschwommene graue Gestalt auftauchen, ein Wildschwein von demselben edlen Blut wie er und mehr noch, seine Nase sagte ihm, daß das die eine sei, deren Botschaft er an dem Reibepfahl vernommen hatte.

Sie floh, er setzte nach. Ob sie über die Lichtung, wo Schaum ihr noch näher kam, mit ihrer größten Schnelligkeit eilte, hätte ein scharfsichtiger Zeuge vielleicht bezweifelt. Wer kann das entscheiden? Soviel ist sicher: Ehe der Waldrand erreicht war, holte er sie ein, und sie drehte sich um, schaute ihn an und ließ ein paar leichte Schnaufer hören, halb Ausdruck der Furcht, halb Bitte um Schonung, und so standen sie auf dem leicht geneigten Grunde einander gegenüber, der starke Schaum und Grauchen, die schlanke.

Auch Tiere empfinden, daß sie zueinander gehören. So ging es Schaum, als er sich dem Reibestumpf näherte, und Grauchen war ihrer Sache sicher, als sie fühlte, wie sich die elfenbeinernen Krummdolche an ihre Backe schmiegten als Zeichen seiner Kraft und Gesinnung.

Grauchen hatte nicht gewußt, was sie an jenem Tage suchen ging, aber jetzt wußte sie, daß sie das Richtige gefunden hatte.

Die Liebenden

Bei der Scheune ließ sich Schaum viele Tage nicht sehen; denn er wanderte im Frühlingswalde und pflegte die innigste Gemeinschaft mit seiner neugefundenen Gefährtin. Das Eichhörnchen auf dem Baumast kicherte und hustete von Zeit zu Zeit, wie um sie wissen zu lassen, daß es da sei, aber sie verzogen sich in den fernsten Winkel des Waldes und sahen so nur seine scheuesten Bewohner.

Als sie dann eines Tages miteinander wanderten, hörten sie vom Sumpf her ein sonderbares Geräusch. Schaum ging ihm nach, Grauchen trabte hinterher. Der Weg führte den Abhang hinab auf ein schwarzes Moor zu, und bald stießen sie auf den Gürtel hoher Farne. Schaum drängte sich durch und stand auf einmal seinem Feinde, dem großen, schwarzen Kogarbären, gegenüber.

Schaums Borstenmähne richtete sich auf, seine Augen schossen grüne Blitze, sein Maul schnappte auf und zu, und ein tiefer, unheilverkündender Ton entrang sich seiner Kehle. Der Bär stand auf und brummte. Eigentlich hätte er sich lächerlich vorkommen sollen, denn vom Hals bis zur Schwanzspitze steckte er in einer Schlammhülle, in schwarzem, zähem, übelriechendem Moor. Stundenlang mußte er sich darin gewälzt haben. Ja, das Eichhörnchen hätte verraten können, daß es viele Tage stundenlang geschehen war. Er gebrauchte eine Kur, wie sie bei den wilden Tieren üblich ist, und zwar war es der zweite Teil, der auf das Abführen folgt.

Aber daran dachte Schaum nicht. Hier war der eine, den er haßte und einmal gefürchtet hatte, jetzt aber immer weniger fürchtete. Doch war er nicht willens, einen Kampf zu wagen – noch nicht. Auch der Bär gedachte des Tages, der ihm eine verletzte Tatze und arge Wunden in der Flanke eingetragen hatte, und zwar von einem Feinde, der nicht so groß war wie dieser hier, und trotzig mit Gebrumm und Gegrunze zog sich jeder langsam zurück und ging seines Weges.

Die Wildkatze

Siehst du den Habicht dort oben? Dir scheint er nur ein kleiner Fleck zu sein, aber er hat Augen, er kann dich beobachten, während er seine Kreise zieht, er kann dein Gesicht und alles, was an dir ist, sehen, und er kann auch kilometerweit den Hirsch im Gebirge sehen.

Den Waldboden kann er nicht sehen, denn das Dach der Blätter verbirgt ihn. Aber dieses Dach hat Lücken, und sie lassen oft einen Blick auf das werfen, was unten vorgeht. So bot sich eines Tages dem Habicht ein Schauspiel, das kein Menschenauge hätte erblicken können.

Ein graubraunes, pelzbekleidetes Geschöpf mit kurzem, ruhelosem Schwanz kam im Walde einen kleinen Wildwechsel herunter, auf dem täglich viele Tiere zum nahen Flusse gingen; aber Graupelz rannte auf jedem Stamm entlang, der seinem Pfade nahe lag. Dann machte er an einem aufrechten Aststummel halt, der von dem großen Fichtenstamm abging, auf dem er gerade dahinschritt, verharrte in seiner schleichenden Haltung, richtete sich dann zur vollen Höhe seiner vier langen Beine auf, erhob den gestreiften Kopf, spreizte die weiche, samtene Kehle, deren schneeiges Weiß durch schwarze Flecken noch mehr hervorgehoben wurde, strich die Schnurrhaare an dem hohen Ast, rieb sich den Rücken, schaute zum blauen Himmel empor und zeigte dabei dem Habicht das tückische, schimmernde Gesicht einer Bergwildkatze.

In drei gewaltigen Kreisen schraubte sich der Raubvogel herab und betrachtete weiter durch das Guckloch des Walddachs das geschilderte Bild.

Die Wildkatze kratzte sich das Kinn, dann die linke Backe, dann die rechte und fing wieder von vorn an, als von weitem Stimmengewirr und viele Tritte laut wurden. Die Katze nahm sofort eine gespannte, lauschende Haltung ein, ein schönes Bild der Kraft, Zurückhaltung und wundervollen Anmut.

Auch der tiefer kreisende Habicht hörte das Geräusch.

Es kam näher; Graupelz sprang leichtfüßig von der gefallenen Fichte auf den Stumpf, der ihn einst getragen hatte. Dort verschmolz er ganz, wie das eben nur ein Raubtier fertig bringt, mit dem Stumpf: Er wurde zu einem Stück Rinde.

Noch lauter wurde das Geräusch. Jetzt sah man auf dem Wildwechsel ganz ungedeckt eine Schar von Tieren herunterkommen, und die Wildkatze starrte mit gierigen Augen darauf. Das niedere Gestrüpp bewegte sich, und heraus trat eine Bache mit einer Brut raschelnder, drängelnder, grunzender, spielerischer kleiner Frischlinge. Hierhin und dorthin trippelnd, dann der Mutter nacheilend, kamen sie wie eine Schar lustiger Gesellen daher; manchmal hielten sie sich auf dem Wechsel, manchmal strolchten sie weit weg im Walde, und der kurzschwänzige Wildkater starrte lautlos und gespannt, Zähne und Krallen bereit, denn hier winkte ein leckeres Mahl. Die Mutter schritt an dem Stumpf mit seinem unheimlichen Wächter vorüber und auch der erste und zweite der lärmenden Schar. Dann war eine Lücke in dem kleinen Zuge, und der Räuber machte sich zum Sprunge bereit, aber neue Tritte und neues Grunzen kündigten an, daß noch mehr kamen, die der Mutter nachliefen; wieder eine Lücke, und nun kam der letzte und kleinste von allen.

Der Wildkater schien das Spiel gewonnen zu haben. Er sprang und hatte den Frischling im Nu am Genick. Dessen Schmerzgeheul entsetzte die ganze kleine Schar. Die Mutter machte kehrt und stürzte auf den Räuber los. Aber der war klug; er hatte sich seinen Plan gemacht. Mit einem Gewaltsprung war er auf dem Stumpf in Sicherheit und hielt den kleinen wimmernden Frischling in den Pfoten und drückte ihn fest und erbarmungslos nieder, während die Mutter vergebens am Stumpf emporzuhüpfen versuchte.

Wenn sie sich aufs äußerste reckte, konnte sie kaum bis an den oberen Rand reichen, und der große Wildkater brachte dem sinnlos erregten Muttertier mit seinen Krallenpfoten manchen blutigen Schmiß im Gesicht bei. Für den Frischling gab es anscheinend keine Rettung, keine Hoffnung mehr, und doch war sie da, aber sie kam nicht, wie der Kater gefürchtet hatte, vom Anfang, sondern vom Ende des Zuges.

Der Habicht aber, der jetzt noch niedriger kreiste, sah und hörte nicht nur, sondern empfand sogar etwas von dem Schreck, der den Räuber durchzuckte, als das Gebüsch sich bewegte und teilte und ein mächtiger Keiler hervorbrach. Als sich das große Tier am Stumpf aufrichtete, konnte es mit seinem dolchbewehrten Rachen über die halbe Oberfläche wegfegen, und der grauröckige Wegelagerer mußte schnell ans andere Ende weichen und immer ein anderes sicheres Plätzchen aufsuchen, sooft der Keiler herumraste; aber das Kleine, dessen Schreie immer schwächer wurden, ließ er nicht los.

Da wurden der lautlose Habicht und das laut keckernde Eichhörnchen Zeugen einer merkwürdigen Tat. Der Stumpf war, wie gesagt, für den Keiler noch zu hoch, aber da lag der große Fichtenstamm am Boden, und drei Sätze weit führte ein Seitenast nach unten, der einen leichten Aufstieg gewährte. Hier kroch die Mutter hinauf, lief auf dem Stamm zurück, setzte mit leichtem Sprung auf den Stumpf und stand nun dem Raubtier gegenüber.

Es fuhr sie mit einem entsetzlichen Fauchen aus seinem wutverzerrten Gesicht an, um sie in Angst zu versetzen. Aber wie kann man eine Wildschweinmutter in Angst versetzen, deren Junges winselnd um Hilfe fleht! Wie rasend fuhr sie auf ihn los; ohne der tiefen Risse durch die scharfen Krallen zu achten, warf sie sich mit voller Wucht auf den Räuber, so daß er mit haßerfülltem Fauchen vom Stumpf herunterfiel. Er landete am Boden und wäre vielleicht entkommen, wenn ihn nicht der älteste der jungen Brut, dessen kriegerisches Blut durch den Kampf in Wallung geraten war, an der Pfote gepackt und einen Augenblick festgehalten hätte – gerade lange genug, denn schon war der Keiler zur Stelle.

Welch ein Schauspiel! Wie entsetzlich, auch wenn wir den gefallenen Feind hassen müssen! Der furchtbare Anprall des Keilers, das Klirren der Waffen, der scheußliche, flammende Haß, die tiefen, tierischen Laute, das Kratzen und Kieferschnappen, die dichte Haarwolke, das wirre Durcheinander der schnellen und verzweifelt kämpfenden Gegner, der Eintritt fast völliger Stille, dann das Zerren und Krachen zerreißenden Fells, zerbrechender Knochen und das Hin- und Herstoßen einer ungestalten Masse!

Der Keiler wurde ruhig, seine Kampfwut schwand, und die Jungen kamen eins nach dem andern, schnüffelten und schnauften und liefen fort. Ihrer Sammlung von Gerüchen hatten sie heute einen neuen hinzugefügt.

Und der kleinste Frischling lag tief im Gestrüpp auf der andern Seite des Stumpfes. Seine Mutter kam und beschnüffelte ihn, stieß ihn zärtlich an und ging fort, kehrte um und puffte ihn noch einmal leicht. Aber die Geschwister waren voll unruhigen Lebens und hatten Durst, sie mußte sich um sie kümmern. Nachdem sie noch einmal ihre Wut an dem Mörder ihres Kleinsten ausgelassen und eine Weile gezögert hatte, führte sie die andern zum Bach. Als sie zurückkamen, waren die Jungen wieder lustig und lärmend, die Mutter aber kam wieder zu der blutigen Gestalt, berührte und liebkoste sie, aber die Augen waren schon glasig geworden. Da stieß der Vater das leblose Stück Fleisch beiseite, und alle wanderten weiter.

Dies alles hatte der Habicht mitangesehen, und ich wünschte, ich hätte seine Augen gehabt; denn das war ein Abschnitt aus Schaums und Grauchens Lebensgeschichte, und davon erzählten nur stumme kleine Zeichen, die bloß ein Jägerauge sehen und lesen konnte.

Der Schweine vertilgende Bär

Warum artet das Schweinefleischessen so oft zur Sucht aus? Warum führt es in der Regel zu schwerem Siechtum? Von keiner andern Fleischart ist eine so schlimme Wirkung bekannt. Sicher wußten die Stifter der jüdischen Religion, was sie taten, als sie den Hebräern verboten, Schweinefleisch auch nur anzurühren.

Der Kogarbär nährte sich jetzt ausschließlich von Schweinefleisch. Sein Jagdbereich war das ganze Tal, soweit es Schweine gab, und sein Nachtmahl hielt er in irgendeiner Schweinekoppel, wo die fetten und zarten jungen Mastschweine leichte Beute waren, weit, weit besser im Geschmack und viel sicherer und müheloser zu holen als die borstigen Frischlinge der Wildschweine. Es war, als wüßte er genau, wann und wo er alle Schwierigkeiten vermeiden und Ferkel finden konnte. Natürlich wußte er das in Wahrheit nicht, aber jedesmal, wenn er eine Schweinekoppel geplündert hatte, veranlaßte ihn die erhöhte Wachsamkeit, die in nächster Zeit von Jägern und Hunden geübt wurde, andere Weideplätze aufzusuchen. Kam er solchen auf seinen Streifen nahe, so führte ihn seine Nase unfehlbar zu der Fettschweinkoppel. Wohl stellte man ihm Fallen, aber er vermied sie, weil er nie zweimal hintereinander zur selben Koppel ging. So machte seine Furchtsamkeit im Verein mit der Schärfe seines Witterungsvermögens den Eindruck großen Scharfsinns; aber zu spotten brauchen wir darüber nicht, denn die Ergebnisse schienen nicht nur, sondern waren auch in gewissem Sinne die gleichen.

Ist es nicht auffallend, daß die, welche sich der Sucht nach einer bestimmten Fleischart hingeben, in ihrer Lüsternheit es von schärferem Geschmack haben wollen, bis es ihnen schließlich in angegangenem und ganz verdorbenem Zustande willkommen ist? Und das kommt von der alten Gewohnheit der Tiere, die Nahrung zu vergraben, wenn sie mehr zur Verfügung haben, als sie auf einmal verbrauchen können.

So kam auch unser Schwarzbär, als er dunkel und lautlos durch die Wälder am Flusse strich, von seinem Lieblingsgeruch angelockt, zum toten Körper des kleinen Frischlings. Die Mutter war, von den andern in Anspruch genommen, nicht zur Stelle.

Der Habicht hatte nicht daran gerührt, weil der Kadaver unter Gestrüpp verborgen lag. Die orange und rot gestreiften sechsbeinigen »Totengräber« waren noch nicht da. So war es ein Glücksfall für den Bären.

Er steckte seine scheckige Nase ins Gestrüpp, zog die Beute hervor, trug sie ein Stückchen weit fort und scharrte dann ein Loch, in dem er sie tief vergrub, um sie dort zu einem künftigen Schmause heranreifen zu lassen.

Gewöhnlich behalten wilde Tiere ihren Versteckplatz gut im Gedächtnis, suchen ihn auf, wenn sie in die Nähe kommen und sehen nach, ob alles in Ordnung ist. So kam auch der Kogarbär am nächsten Tage wieder.

Verliert ein wildes Tier an einem bestimmten Platze nahestehende Angehörige, dann kommt es tagelang dorthin zurück, um, wie die Indianer sagen, zu »trauern«. Das heißt, wenn es in die Nähe kommt, wendet es sich dahin, schnüffelt an der Stelle herum und stößt tiefe Klagetöne aus oder kratzt die Erde auf oder reibt sich an den Bäumen und zieht dann weiter. Am lautesten äußert sich die Trauer erklärlicherweise in den ersten Tagen und hört beim ersten Regenschauer auf, der alle erinnerungserweckenden Gerüche hinwegschwemmt.

Erst ein Tag war seit dem Ende des Frischlings vergangen, und Grauchen, die auf dem Wechsel vorüberkam, suchte die Unglücksstätte auf, und so trafen Bär und Schwein wieder aufeinander.

Wenn ein Wildschwein in große Angst gerät, stößt es den seiner Sippe eigenen weittragenden Hilferuf aus. Fürchtet es sich nicht vor einer Gefahr, so läßt es das kurze Kriegsgeschrei ertönen und macht sich an den Feind; und da beging Grauchen einen bedauerlichen Fehler. Sie stieß das Kriegsgeschrei aus und wandte sich gegen den Bären. Dieser wich zurück und beiseite; so ging es mit Drohen und Wenden im Kreise herum. Gern hätte der Bär damit aufgehört, obwohl er weit größer und stärker war. Aber die Geruchserinnerungen dieser Stelle erhöhten Grauchens Mut und Kraft, und aus der Mutterliebe wuchs eine ungewöhnliche Stärke. Sie ließ nicht ab von ihm, und der Bär wich immer weiter zurück, bis sie dem offenen Platz nahekamen, der an der hohen abschüssigen Uferbank über dem Flusse lag. Hier hatte Grauchen auf der freien, ebenen Fläche besseres Spiel, und sie drang auf den Feind ein. Der Bär sprang beiseite und schlug mit seiner scharf beklauten Tatze zu. Der Hieb landete nicht auf den Rippen, sonst wäre es mit Grauchens Kraft zu Ende gewesen; der Bär traf nur die widerstandsfähigere Schultergegend seiner Feindin. Immerhin taumelte Grauchen zurück, und nun stieß sie den lauten, schrillen Hilferuf aus, den sie gleich am Anfang hätte von sich geben sollen und der das Blut jedes starken Wildschweins, das ihn hört, in Wallung bringt. Und aufs neue trat sie dem Bären entgegen. Langsam wandten sie sich hierhin und dorthin, Auge in Auge und nach einer guten Gelegenheit zum Angriff spähend. Grauchen machte eine Finte, der Feind schwang sich zurück, und nun ging sie auf ihn los. Der Bär fuhr etwas nach hinten, raffte sich zusammen, schwang sich ein wenig seitwärts und versetzte ihr, als sie vorbeischoß, einen mächtigen Schlag, der sie übel zugerichtet den Abhang hinunterfliegen und über die abschüssige Bank klatschend ins Flußwasser stürzen ließ.

Sie konnte gut schwimmen, tat es aber ungern. Beim Ausgreifen plätscherte sie, gab aber keinen Ton mehr von sich, denn der Schlag hatte ihr den Atem genommen. Dann trug der hilfreiche Fluß sie schnell hinab zu einem weitentlegenen, leicht ersteigbaren Landungsplatz.

Eine Bewegung im Gebüsch, ein gewaltiges Schnaufen, und auf der Uferbank tauchte ein mächtiger, rötlichschwarzer Körper auf: Schaum! Jetzt krabbelte Grauchen heraus, und mit kurzen, leisen Erkennungslauten fanden sie einander. Aber Schaum war etwas zu spät gekommen. Der Bär war fort, erfüllt von dem ungewohnten Triumphgefühl des Sieges über ein ausgewachsenes Wildschwein.

Hill Billy Bogue

Jack Prunty war wütend. Er besichtigte an diesem Morgen seinen neuen Garten und bediente sich dabei einer Sprache, die man heute nur noch in Hafenspelunken hört. Hier waren ganze Reihen Salat weg und dort ganze Rüben- und Melonenbeete. Das Spargelbeet, wenn auch zur Zeit nicht im Betrieb, war zertrampelt und eine Kohlpflanzung vernichtet.

Der schwarze Gartenarbeiter wies geflissentlich immer wieder darauf hin, daß das Unheil nur von Schweinen angerichtet sein könne, um zu verhüten, daß etwa ein falsches Licht auf einen Unschuldigen fiel. Aber das war ausnahmsweise diesmal nicht nötig. Der zerbrochene Zaun, die zahllosen Klauenspuren und Fraßzeichen an Kraut und Rüben waren Beweis genug; den Neger und seine Sippe konnte kein Tadel treffen.

Der Nachbarfarmer Jack Henty war ebenfalls wütend. Er besichtigte an dem Morgen seine weitläufigen Wirtschaftshöfe und bediente sich mehr als saftiger Kraftworte, als ihm sein getreuer schwarzer Verwalter, um falschen Deutungen vorzubeugen, zeigte, der Bär sei hier und da gewesen und habe das edelste importierte Berkshire-Schwein, die Perle und Hoffnung seiner Rasse, geholt; und das war nicht das erste Stück, das sie verloren hatten, denn Henty und seine Freunde waren reich an Vieh und hatten durch Raubtiere schon manchen Verlust erlitten. Aber das war der Gipfel. Gerade diese Sau, die Trägerin seiner schönsten Hoffnungen, hatte sich der Bär zum Opfer erkoren!

So kam es, daß Hill Billy Bogue an einem Tage zwei Einladungen erhielt, mit seinen Jagdhunden zu erscheinen und als Schützer von Garten und Hürde unsterblichen Ruhm zu gewinnen.

Die Waage senkte sich zugunsten Pruntys. Henty war nicht beliebt; er war zu reich und knauserig, er hatte sich Bogue gegenüber einer herausfordernden Sprache bedient und mit Gesetzesparagraphen für Verbrechen gedroht, die sicher von einem seiner Nachbarn begangen worden seien.

Daher stellte sich Berg-Billy bei Prunty ein mit fünf riesigen Doggen und einem neuen Gefühl gesellschaftlicher Rangerhöhung. So ähnlich wie der Leichenbestatter bei Todesfällen die erste Rolle im Haushalt spielt, so trat Berg-Billy von vornherein mit der Miene und Würde eines Oberbefehlshabers und Sachverständigen auf.

»Hoho! Was is' da los! Seht mal die Spuren – eine ganze Familie. Zum Donner! Was für 'n altes Kerlchen! Ich wett', der Keiler wiegt seine vierhundert!«

»O Väterchen«, rief Lisette, »das wird doch nicht Schaum sein?«

»Kümmert mich nicht«, sagte Prunty. »Solche Zerstörungen können wir uns nicht gefallen lassen; damit muß Schluß gemacht werden.«

Der Jäger sah sich die Fährten genauer an. Er war ein ruheloser alter Landstreicher, für stetige Arbeit nicht zu gebrauchen und ein Freund der Flasche, aber sein Geschäft als Spürer verstand er. Und er kam zu dem Schluß: »'ne richtige, alte Wildschweinfamilie, 'ne langbeinige Bache, 'n Haufen Frischlinge und 'n Keiler wie 'n Hühnerhaus.«

Eigentlich war der winzige Zaun weniger ein Schutz als eine Warnung. Gewissenhafte Kühe und unerfahrene Enten konnten sich vielleicht durch ihn abhalten lassen, aber für ein Wildschwein war er tatsächlich eine Einladung, den Versuch zu machen und es sich wohl schmecken zu lassen. So etwas dachte auch Lisette, als sie sagte: »Väterchen, warum können wir nicht einen richtigen Zaun machen, einen starken, durch den kein Schwein brechen kann? Um die drei Äcker wäre das doch nicht so schwer.«

»Und wer zahlt's?« sagte Prunty. »Und wozu sind überhaupt die Wildschweine da? Sie sind zu nichts gut.«

»Nu«, sagte der große Mann, der jetzt in einer Person Napoleon, Nimrod und Sherlock Holmes war, »haben Se nich von de drei kleinen Kitzchen in Coas Schule gehört, die 'ne Klapperschlange gebissen hat, und die Woche sind se alle verreckt, alle drei? Schlangen sind heutzutage haufenweise da, und de Leute sagen, das kommt dervon, daß se de Wildschweine ausrotten, und ich denke, se han recht!«

Dann machte sich Napoleon – Nimrod – Holmes – Bogue an die Verfolgung der Fährte im Walde. Hier hatte sich die Rotte nicht mehr zerstreut, sondern alle waren dem Führer gefolgt; so war es leicht, der Fährte einen halben Kilometer nachzugehen. Berg-Billy folgte ihr, dann kehrte er um, kettete seine fünf mächtigen Jagdhunde los, huldigte noch einmal ausgiebig seinem Flaschengötzen, langte nach der Büchse und griff nun aus mit langem, freiem Wäldlerschritt.

Prunty sollte sofort den Kogarberg aufsuchen und dann, von den Leuten im Tale unten geleitet, der Stelle zueilen, wo die Hunde die gestellten Wildschweine verbellen würden.

Lisette sollte mit dem Vater gehen.

Der kriegerische Keiler und die Hunde

Zunächst verhielten sich die Hunde gleichgültig, denn die Spur war kalt; aber Berg-Billy hielt sie ein paar Kilometer fest, bis sie zu einer Stelle kamen, wo viele Zeichen verrieten, daß erst vor kurzem eine Anzahl Schweine hier gewesen waren. Dann konnte sich Billy die Arbeit des Fährtensuchens sparen, denn nun war der Geruch frisch, und die Hunde wurden scharf.

Laut und lustig hallte ihr Gebell durch den Wald, als sie der Fährte nachjagten und ihr Jagdlied bliesen. Von fernher hörte man andere Geräusche: raschelndes Gras und Gebüsch, kurzes Gequiek und tiefere Kehllaute und dazwischen immer das Hundegebell.

Die Jagd entfernte sich, und Billy hatte große Mühe zu folgen. Dann sammelten sich die Laute alle an einer Stelle, und Billy wußte, daß der Höhepunkt erreicht war, der vom Weidmann ersehnte Augenblick, da das gejagte Wild zum letzten Verzweiflungskampf bereit ist.

Während er eilig näher kam, hatte sich das Hundegebell verändert; es klang ein wenig Furcht daraus, und dann kam ein nicht mißzuverstehender Schmerzensschrei, zugleich aber immer wieder das Trutzgebell, das besagen will: Wir haben ein Wild gestellt, und es soll uns nicht mehr entkommen!

Mit Gewalt drängte sich Billy durch das dichte Buschwerk vorwärts bis auf zwanzig Meter vom Schauplatz des Lärms, konnte aber immer noch nichts sehen.

»Jap, jap, jap, jip, jip, jau, jau« klangen die verschiedenen Hundestimmen. Dann ertönte das drohende »Gruff, gruff« eines großen Tieres und ein dünner feiner Ton »Klick, klick«. – Oh, wie schwach das klang, aber wie bedeutungsvoll es war, dieses Klicken der Wildschweinshauer, diese Drohnote des kampfbereiten Keilers! Der Lärm wogte hin und her, dann schwankte das Gebüsch, man hörte ein Rauschen, Schmerz und Furcht verratendes Hundegeheul und ein Kläffen, das sich nach links hin entfernte, und wieder ein starkes Rauschen, begleitet von einem tiefen »Haurrr« – und nichts, nichts zu sehen! Es war zum Tollwerden: Seine Hunde wurden umgebracht, und er konnte nichts dagegen tun!

Verzweifelt brach sich Bogue nach vorn Bahn, und nun war er Zeuge eines aufregenden Schauspiels. Er sah den mächtigen, borstigen Kämpen angreifen, er sah das Blitzen der goldig weißen Krummdolche, er sah nur zwei seiner Hunde – dann nur einen, den geringsten der ganzen Meute, und nun fuhr der Keiler beim Anblick seines tödlichsten Feindes am Hunde vorbei auf den Jäger los. Die Flinte flog an die Backe, aber zum Zielen war keine Zeit, und die Kugel schlug harmlos in den Schlamm.

Jetzt sprang Billy beiseite, aber der Keiler war nah, war schneller und stärker und weniger vom Gestrüpp behindert. Des Jägers letzte Stunde hätte wohl geschlagen gehabt ohne den letzten Hund, der das Wildschwein an der Hachse packte und festhielt, als gälte es sein eigenes teures Leben.

Sofort nahm Berg-Billy seinen Vorteil wahr; aus dem gefährlichen Dickicht stürzte er zu dem nächsten Baum und hatte sich auf einen sicheren Platz gerettet, als der Keiler diesen Kehricht der Meute erledigt hatte und nun mit gesträubter Mähne wutschnaubend gegen den schützenden Baum anrannte und seinem Haß in rauhen, tiefen und kratzenden Lauten Ausdruck gab.

Lisette und ein alter Freund

Welch ein Vergnügen, von einer hochgelegenen Stelle aus auf das große Laubmeer da unten hinabzublicken! Welch ein Hochgefühl, auf der Jagd den erregenden Jagdruf zu hören, wenn man weiß: Dort ist ein großes Wild, mit dem man, wenn man Lust hat, seine Kräfte messen kann! Lockende Bilder aus der Jugendzeit stiegen vor Prunty auf, als er mit Lisette eifrig lauschend der Jagd folgte. Wie hell und klar das klang, und als sich das Gebell auf einen Fleck verdichtete, da fühlte sich der alte Prunty wie ein Jüngling: Er sprang auf, stürzte vorwärts, stolperte, glitt aus, fiel hin und verletzte sich bei dem Fall seines schweren Körpers den Knöchel, so daß er sich auf einen Stamm setzen mußte und nun in nicht eben gewählten Ausdrücken über sein Mißgeschick schimpfte.

Das Gebell der Hunde hörte nicht auf. Da versuchte er zu gehen, sah sich aber außerstande dazu und rief: »Hier, Lisette, mach schnell, daß du zu Bogue kommst, und sag ihm, er soll die Geschichte so lange wie möglich hinausziehen, daß ich auch noch 'was davon habe. Ich komme langsam nach. Nimm du lieber die Flinte!«

So machte sich Lisette allein auf, nur von dem Hundegebell geleitet. Zwanzig Minuten lang war es auch ein guter Führer; dann schien es zu verklingen. Darauf kamen noch ein paar abgebrochene Töne und nun völliges Schweigen. Doch sie ging weiter, und da sie nichts hörte, rief sie laut, was Bogue hoch oben auf dem Baum nicht hörte. Sie versuchte ein anderes Mittel, ihren Pfiff, und da Bogue dachte, der andere komme ihm zu Hilfe, rief er verschiedenes herunter, was sie nicht verstehen konnte.

Dann ging sie in der Richtung seiner Stimme weiter und pfiff zu wiederholten Malen, damit ihr der Vater folgen könne. Beide hörten sie auch, aber außerdem noch ein dritter. Der große Keiler richtete seinen Kopf auf, er hörte auf, zu stampfen und zu knurren, und ließ ein fragendes Grunzen hören. Da kam wieder ein aufmunterndes Pfeifen.

Von seinem hohen Jammersitz sah Bogue Lisette plötzlich allein, aber mit einer Flinte bewaffnet, erscheinen und auf einen Stamm steigen, um weiter sehen zu können. Er schrie:

»Obacht! Er geht auf Se zu. Gehn Se, so hoch Se kennen, un' zielen Se scharf!«

Es kam ihm alles so einfach vor, er begriff nicht, daß sie in Zweifel sein könnte. Aber sie gab noch einen lauten Pfiff von sich. Eine große, rotmähnige Gestalt kam eilig durchs Gebüsch und ließ ein sehr vertrautes, gemütliches Grunzen hören. Zuerst war sie bestürzt, dann aber war alles klar.

»Schaum, Schaum, altes Schäumchen!« rief sie, und als das Ungetüme Tier auf sie zutrabte, glättete sich seine gesträubte Mähne. Es richtete sich am Stamm auf, es flüsterte auf seine Art weiche Worte aus seiner rauhen Brust; es rieb seine Backe an ihrem Fuß, drückte mit der Schulter schwer gegen den Stamm und hielt dann seine mächtigen Hufe zu dem sanften Streicheln hin, das seinerzeit »französische Politur« bedeutet hatte. Schaum war nicht zufrieden, bis ihr alter Vertrag erfüllt wurde und Lisette seinen breiten, schwarzen Rücken kratzte. Auf dem Stamme neben ihm sitzend, erwies sie ihm diesen Liebesdienst, während Bogue vom Baum ängstlich herunterschrie: »Schießen Se'n tot, oder er macht Se tot!«

»Du Esel!« dachte sie. »Schieß doch! Ebensogut könnte ich auf meinen großen Bruder schießen; und Schaum würde mir nicht mehr wehe tun als seiner kleinen Schwester.«

So wurde das wilde Tier durch den alten Zauber gebändigt, und nun ging der Keiler befriedigt und grunzend in seinen Wald zurück und ließ sich an diesem Tage nicht mehr sehen.

Der Bär fordert ein neues Opfer

Ja, der Bär kam an einem späteren Tage zu seinem Versteck am Fluß zu dem Schauplatz seines Sieges zurück; er betrog die Geier um ihre Beute und hielt sein ekles Mahl. Er trieb sich lange in der Nähe herum, und da hatte er wieder Glück. Als das nächstemal die Wildschweinfamilie, Wurzeln und Beeren suchend, durch den Wald zog, die Mutter vorn und der Vater zu weit hinten, um gefährlich zu sein, da kam sie auch zu der Furt durch den Fluß. Die Kleinen liebten diese Stelle nicht und blieben zurück, aber die Mutter schritt voran ins Wasser und mußte in der Mitte fast schwimmen. Die Sprößlinge zögerten noch ängstlich grunzend an der Uferbank. Eines nach dem andern sammelte Mut für den Wassersturz, bis ein einziges übrig war. Als es sich ganz allein sah, begann es kläglich zu winseln.

Das war Musik für andere Ohren, denn der alte Kogarbär kannte den Schrei eines verzweifelten Frischlings; und dabei war das Stimmchen so dünn, daß sein eigener Mut mächtig schwoll.

Schleunigst folgte er dem Schrei. Die Mutter, die ihrem Jüngsten unbedingt Gehorsam beibringen wollte, achtete des Schreies nicht, sondern ging weiter.

Während das Verlassene noch lauter quiekte, bröckelte unter einem schweren Tritt etwas vom Uferrand über dem Kleinen ab, ein mächtiger Hieb sauste hernieder, und der Frischling war auf immer stumm. Dann langte der Bär mit langem Hals und vorgestrecktem Kopf nach unten, faßte die Beute und kroch schnell die Uferbank wieder hinauf, benutzte einen angelehnten Baum, der zu der Höhe führte, und kam so über den Hügel.

Auf der andern Seite war er sicherer, als er selbst wußte, und schmauste nach Herzenslust.

Berg-Billys Niederlage

Als Berg-Billy an einem Abend heimkam, fand er drei seiner Hunde, die auf ihn warteten, einen davon übel zugerichtet und die andern höchst niedergeschlagen; zur Wildschweinjagd waren sie überhaupt kaum noch zu gebrauchen. Als er sie dazu zwang, war es ein trauriges Schauspiel, wie sie früher oder später eine abzweigende oder kreuzende Spur aufnahmen, die etwa an einem Baum endete, auf dem ein Waschbär saß, oder zu einem fernen Felsenloch führte, wo ein Opossum seine Zufluchtstätte hatte.

Berg-Billy hätte ja zur Hütte eines andern Jägers gehen und sich dort brauchbare Hunde leihen können, aber darin hätte das Zugeständnis gelegen, daß seine Meute feig sei und nichts tauge, und das ließ sein Stolz nicht zu. Er hatte ein echtes Jägerherz, das sich nicht leicht beugte; auch war er stark und wohl imstande, selbst eine Fährte aufzunehmen, wenn es ihm der Mühe wert schien. Als Prunty ihn wieder einmal wissen ließ, sein Garten sei aufs neue verwüstet worden, und der Jäger könne ein gut Stück Geld verdienen, wenn er ihn endgültig von der Plage befreie, antwortete Billy: »Warten Se, bis 'n guter Regen kommt, dann werd' ich selber die Spur aufnehmen. Da wer'n Se was sehen.«

So geschah es, daß am Morgen nach dem ersten heftigen Regen jene denkwürdige, stille Jagd stattfand, an der nur Prunty und Bogue teilnahmen. Die Jäger wollten keinen lärmenden Troß, und so wurde es in der Tat eine stille Jagd. Lisettes Bitten, doch Frieden zu halten und einen festen Zaun aufzurichten, fanden keine Beachtung. »Du sollst seine Hauer als Armband tragen, ich laß dir einen goldenen Reifen dazu machen.« Damit suchte er das Gewissen der Tochter und kaum weniger sein eigenes zu beruhigen.

Der Tag des Gerichts

Starker Regen wäscht alle früheren Spuren fort und macht die neuen tief und stark; dann gibt es auch keine raschelnden Blätter und krachenden Zweige mehr, und ein guter Jäger kommt ohne Hund aus. Berg-Billy und Prunty machten sich auf, jeder mit einer Büchse bewaffnet. Zwar waren sie ungefähr gleich alt, trotzdem hatte Prunty große Mühe, mit dem schlanken, geschmeidigen Jäger Schritt zu halten, der kräftig ausgriff und dabei sorgfältig jeden Meter Boden nach Merkmalen absuchte.

Unten im Sumpf fanden sich alte Zeichen, jetzt vom Regen verwaschen. Sie kündeten alle, aber sehr schwach: »Ja, aber vor ein paar Tagen.«

So strichen die Jäger am Sumpfrand entlang und am Zufluß hin, dann über die niedrigen Hügel hinauf zum Kogartal, wo Prunty atemlos haltmachte. Berg-Billy ging weiter und fand nach etwa anderthalb Kilometern, was er so sehnlichst gesucht hatte: die Fährte einer Rotte Wildschweine. Er folgte ihr nur noch ein Stückchen weiter; da fand er auch die Zehnzentimeterspur ihres Anführers, der gegenüber die andern ganz unbedeutend erschienen.

»Juhu!« rief er rückwärts gewandt Prunty zu: »Ich hab'n! Vorwärts!« und Billy ging weiter, nur die Fährte im Sinn.

Prunty strampelte hinterher, aber das Gehen machte ihm warm, und Berg-Billys Ermunterungsrufe wurden immer schwächer. So setzte sich Prunty müde und ärgerlich auf einen Stamm und wartete.

Eine Viertelstunde verging. Er war wieder bei Atem und fühlte sich jetzt wohler, aber kein Ton verriet ihm mehr, wo der Jäger weilte. Es verging noch eine Stunde, und Prunty verließ seinen Sitz und strebte dem Kogarhügel zu, um von dort Ausschau zu halten. Nach langsamem Aufstieg gelangte er hin und setzte sich nieder und wartete.

Im ganzen war fast eine Stunde vorüber, als er in dem Moorbruch neben dem Zufluß, der den Kogarfluß speist, Geräusche hörte von einem Etwas, das sich im Unterholz bewegte. Prunty ging darauf zu.

Nach kurzer Zeit blieb er stehen und horchte, hörte aber nur das »Dschäh, dschäh« des Hähers. Dann wurde die Stille jäh durch den schrillen Hilferuf eines Frischlings unterbrochen. So rasch wie er laut geworden, so plötzlich brach er wieder ab.

Prunty strebte so schnell und so geräuschlos, wie er konnte, vorwärts und kam dem offenen Gehölz am Kogarflusse näher.

Jetzt wurden Geräusche hörbar, Laute, die mehr von Bewegungen als von Stimmen ausgingen, manchmal kamen auch Stimmen, Tierstimmen, die von vielen und verschiedenartigen Wesen stammten.

Prunty bot alle Wäldlerkunst seiner Jugend auf. Er schlich, wie der Panther schleicht, hob einen Fuß und setzte ihn erst wieder nieder, wenn er sicher war, daß er geräuschlos den Boden berührte. Er netzte seine Finger, um die Richtung des Windes zu erkunden, oder warf Gras in die Höhe, um sich von der Stärke des Luftzugs zu überzeugen, und veränderte seinen Standpunkt, um sich unbemerkt nähern zu können. An offenen Stellen schritt er kräftig aus und kam endlich, die Büchse schußbereit, zu einem letzten Dickicht, wo ein riesiger Stamm am Boden einen hohen und bequemen Auslug bot. Er stieg darauf, und es war, als ginge vor ihm der Vorhang in die Höhe und enthüllte ein hinreißendes Schauspiel: Kraft wider Kraft, wie in der Ritterzeit standen sich die Gegner Auge in Auge gegenüber, des Zeichens zum Angriff gewärtig.

Da stand, schwarz und wild, ein Bär, ein großer Bär, halb aus dem Gebüsch ragend, und ihm gegenüber, etwa zwölf Schritte entfernt, ein Wildschwein, ein Keiler, ebenfalls von ungewöhnlicher Größe, aber kleiner als der Bär und mit einer langen Narbe im Gesicht. Hinter und neben dem gewaltigen Wildschwein befand sich ein kleineres mit der feineren Schnauze und den kürzeren Hauern der Bache. Im nahen Erlendickicht verborgen waren Frischlinge. Zuerst dachte Prunty, es seien zwei oder drei, dann waren mehr zu sehen, manche davon sehr klein, bis es ein ganzer Haufen zu sein schien.

Dann schwang sich der Bär im Kreise nach der andern Seite des Gebüsches, aber der Keiler warf sich dazwischen, und die Frischlinge, vor dem großen Tier zurückweichend, quiekten lebhaft und suchten davonzulaufen. Sie bewegten sich schnell bis auf einen, der sich wie verkrüppelt fortschleppte und an der Seite rote Streifen und im Nacken einen dunklen Fleck hatte.

So standen sich die beiden gegenüber, bewegungslos und still. Nur ein leichtes Beben war an der scheckigen Nase des großen Bären – unserem alten Bekannten aus dem Kogartal – wahrzunehmen, und manchmal grollte es tief in der Brust. Der Keiler, der sich auf seinen weitgespreizten Beinen hoch emporreckte, machte sich durch die gesträubte Mähne seiner Rückenborsten noch größer. Die Schnauze gesenkt, mit blinzelnden Augen stand der mächtige Bursche da. Die großen Hauer glänzten; und »tschapp, tschapp« schnappte das Maul, bis der Schaum, dem er seinen Jugendnamen verdankte, ihm die Backen befleckte.

Die Frischlinge quiekten angstvoll, aber der Große bot Trotz, ohne einen Ton von sich zu geben, außer dem »Tschapp« oder »Klick« seiner Wehr.

Eine Minute lang geschah so gut wie nichts, während die beiden kampfbereit einander anstarrten.

Wer kann das Gewicht der sie bewegenden Gefühle ermessen? Den Bären treibt nur Rache und Freßgier, und manche kleinen Siege stärken ihm den Sinn. Der Keiler folgt dem Hilferuf, der jeden seiner kampfesfrohen Art erregt, wie die Alarmglocke das Pferd in der Feuerwehrhalle. Mit der Selbstvergessenheit einer hochgemuten Natur will er dem bedrängten Artgenossen helfen, findet nun aber, daß es einem seiner eigenen Brut gilt, daß eines von seiner Familie bedroht ist. So kam es zum Zusammenstoß. Hier Kraft, gewaltige Kraft, Sinnenkitzel, verderbte Sucht und zweifelhafter Mut – dort weniger Kraft bei unvergleichlichem Mut und kampfgestählte Lungen und Glieder: der Kogarbär und Schaum.

Der große Bär bewegte sich langsam nach einer Seite und schwang sich dann im Kreise herum, sei es, um einen Flankengriff auf den Keiler zu machen, sei es, um den Jungen eins auszuwischen; jedenfalls schlug sich der große Keiler immer dazwischen, entschlossen, den Kopf gesenkt, ohne unnötigen Kraftaufwand, stumm, aber hartnäckig und unverzagt.

Der Bär bewegte sich nach der andern Seite, stieg auf einen Stamm, brummte, schien angreifen zu wollen, setzte eine Tatze diesseits des Stammes nieder, und Schaum fuhr auf ihn los. Der Bär wich zurück, Schaum folgte ihm nicht. Ein zweiter Schwung, eine Finte, und der Bär fiel über ihn her. O Bär, sieh dich vor, das ist kein zarter Frischling, mit dem du anbindest!

»Sod, sod, sod« sausten die gewaltigen Pranken nieder, und der breite, borstenstarrende Keilerrücken fing sie auf. Sie ließen Schaum taumeln, brachten ihn aber nicht zu Fall, und seine weißen Messer blitzten aufwärts, dorthin gerichtet, wo die Lebensorgane am wenigsten geschützt sind. Die Kämpen ließen voneinander. Der Keiler war zerschunden, aber der Bär zeigte ein halbes Dutzend blutige Rippen. Schweres Seufzen, Stöhnen und heftiges Schnaufen wurden laut; und von dem Haufen dahinten stieg geradezu ein Chorgesang gemischter Furcht- und Wutschreie empor.

Das war der erste blutige Gang. Nun standen sie sich wieder gegenüber und schwangen hierhin und dorthin. Jeder kannte das Spiel des andern oder schien es doch zu kennen. Der Keiler mußte auf den Füßen bleiben, sonst war er verloren, der Bär mußte den Keiler werfen und mit seinen Tatzen tödlich packen, ehe er ihn mit den Hinterpranken zerreißen konnte. Beide hatte tolle Kampfwut ergriffen.

Im Kreise ging der Schwarze, nach einem günstigen Angriffspunkt spähend, um den Borstenträger herum. Der ließ ihn nicht aus den Augen. Wieder waren sie aneinander, und der Bär, der sich mit voller Wucht auf Schaum warf, hätte ihn durch sein Gewicht gefällt, aber das stämmige Wildschwein schlitzte so arg an dem triefenden Bauch, daß der Bär, zuckend vor Schmerz zurückfuhr. Immer wieder maßen sie sich mit den Augen, um eine gute Gelegenheit abzupassen. Der Bär fühlte sich sicherer auf dem Stamm. Da stand er und machte Ausfälle und Finten, bis Schaum vorwärtsstürzte. Der Stamm lag ihm im Weg; er setzte darüber, aber das war ein Fehler von ihm. Waren die Stämme für den Bären ein Gewinn, für Schaum waren sie ein Nachteil. Wieder waren sie aneinander, der Bär sprang ihm auf den Rücken und wuchtete mit aller Kraft nach unten. Wohl arbeiteten die scharfen, langen, beinernen Klingen, daß das Blut am Bären niederströmte, aber Schaum sank zu Boden. Da griff in das lautlose, tödliche Ringen der beiden Kämpfer ein dritter ein und fiel den Bären an: Grauchen kam über ihn mit all ihrer frischen Kraft, schnell und schneidig gingen ihre Messer, und der Bär taumelte zurück. Sie packte ihn an einer Hinterpranke und biß und quetschte sie; Schaum schüttelte sich das Untier vom Rücken, wandte sich und schlitzte und riß. Der Bär brach zusammen. O ihr Rachegeister des Waldes! Was für ein Gemetzel! Die klickenden, mörderischen Messer, das schauerliche, tiefe Stöhnen und halberstickte Brüllen, der schwächer werdende Widerstand, das strömende Blut, das letzte Aufraffen zu verzweifelter Flucht, das hoffnungslose Heulen! Und wieder sank der Bär zu Boden mit den beiden an sich, die wie Dämonen wüteten. Im Fallen umklammerte er als letzten Rettungsanker einen Stumpf. Aber sie zogen ihn ganz herunter. Sie schlitzten seine zottigen Flanken auf, bis das letzte Ächzen verstummte, jede Regung erstarb.

Und Prunty starrte hin wie einer, der von Zeit und Ort nichts weiß und sich nur des einen bewußt ist, daß er selbst dort mitkämpfte. Er sah das starke, kriegerische Wildschwein den Sieg davontragen und glaubte, selber Sieger zu sein. Er liebte es, ja er liebte es, wie ein Mann einen tapferen, festen Streiter lieben muß. Er sah, wie das mächtige, mutige Tier rasch wieder zu sich kam, wie die kleinen Frischlinge ängstlich herbeitrippelten und an dem gefallenen Feinde rupften und zerrten und bei einem eingebildeten Lebenszeichen davonstoben. Er sah auch, wie zärtlich die beiden Alten zueinander waren und wie hundert Kleinigkeiten von der Innigkeit der Familienbande zeugten. Es war tierische, körperliche Liebe, wenn man so will, aber die Liebe, die erduldet und kämpft und weiter dauert. Und der Mann blickte auf den Gegenstand, den seine Hände umklammert hielten, das lange, schimmernde, tödliche Ding, zum Mord gerichtet und im Augenblick zur Tat bereit. Ein Gefühl wie Scham überkam ihn und wurde immer stärker. »Er hat meinem Kind das Leben gerettet, und nun vergelt' ich's ihm.« Und dann kam wieder das überwältigende Gefühl, das er damals hatte, als Lisette, das Einzige auf Erden, das er lieben konnte, heimkam und ihm vom Kampf mit der Klapperschlange erzählte – mit Macht kam dieses Gefühl, und er war tief bewegt, wie damals. Jetzt bekamen ihre Worte auf einmal Wert. Ja, sie hatte ganz recht: Die Gartenbeete konnte er auf andere Weise schützen.

Stark stieg in ihm eine mannhafte Freude an Kraft und Kampf auf, und er polterte los: »Himmel, was für'n Stückchen! So hat mir noch kein Kampf gefallen, Herr, was für'n Reißen und Schmeißen! Ihn totschießen? Zum Donnerwetter, meinetwegen kann er sich's im Sumpfe wohl sein lassen, bis er vor Alter nicht mehr leben kann.«

 

Jetzt wandte sich Frau Schaum und führte ihre Sprößlinge fort. Sie sprangen lustig davon, an letzter Stelle das verwundete; die Allerletzte war sie selbst, mit manchem Schlitz und Riß, aber mit ungebrochener Kraft, und während sie dahinzog, machte sie plötzlich halt und schaute auf den besiegten Feind zurück, aber der war still, ganz still; sie zog weiter. Die Farnkrautwedel verhüllten den Wechsel, der Vorhang ging nieder. Und die Aasvögel zogen ihre Kreise, denn da war ja ein Schlachtfeld, und ein Schlachtfeld bedeutet einen Festschmaus.

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