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Die schönsten Novellen über Lou Andreas-Salomé und andere Frauen

Frieda von Bülow: Die schönsten Novellen über Lou Andreas-Salomé und andere Frauen - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorFrieda von Bülow
titleDie schönsten Novellen über Lou Andreas-Salomé und andere Frauen
publisherUllstein
isbn3-548-30239-4
pages7-234
senderwww.gaga.net
created20050722
projectid3c827af1
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Dem Puck zu eigen!

 

 

Die stilisierte Frau

»Hier müßten Lilien blühen.«
(Frei nach J. P. Jakobsen.)

1.

In dem Rittersaal seines alten Tiroler Bergschlosses saß der Graf Joseph Gyrlani und unterhielt sich damit, Radierungen eines modernen Kunstgenies anzuschauen.

Die Mappe, die geöffnet vor ihm lag, enthielt Darstellungen aus dem Leben einer Dirne.

Es war ein ganzer Zyklus. Die Verführung erst; der Schmerz über das erste Verlassenwerden; dann die berufsmäßige Liebe, das Virtuosentum in der Gefallkunst, die Orgien, endlich das Sinken der früh Verlebten.

Besonders das letzte Bild fesselte den Beschauer durch seine Erbarmungslosigkeit.

Das elende Weib liegt schwer betrunken oder tot auf dem Straßenpflaster im Schmutz der Gosse, – Abscheu erregend, – zum Kehricht geworfen.

Gewiß, dies repräsentierte die denkbar tiefste Entwürdigung des Menschen.

»Aber das Weib ist kein eigentlicher Mensch« philosophierte der Graf, »es ist eine Heilige oder eine Null oder ein Gegenstand, den man braucht, abnutzt und wegwirft.

Und die Nullen und Heiligen zählen nicht. Die eigentlichen Weiber sind doch erst die, die man begehrt und verbraucht, für die man sich ruiniert und die man hinterher so grenzenlos verachtet.«

Ihm wurde plötzlich übel.

Mit einer nervösen Bewegung seiner langen Finger schob er das Kunstblatt fort und stand auf.

In einer Fensternische lag ein von der Sonne geborstener Pinienapfel. Gyrlani bog die symmetrisch vieleckigen kleinen Zapfen auseinander und steckte die Nase dazwischen. Der herbe Harzgeruch erquickte ihn.

2.

Joseph Gyrlani war ein kranker Mann.

Ein maßloses Genußleben hatte ihn vor der Zeit verbraucht.

Im besten Mannesalter stehend war er körperlich gebrochen.

Nun plagte ihn Überdruß und Ekel und ohnmächtiger Zorn. Des Lebens Neige schien zum Übelwerden schal!

Seine matte Seele lechzte nach neuen Emotionen, aber wo solche hernehmen?

Die Ärzte hatten ihm ein Asketenleben zur Pflicht gemacht. Nur die strengste Enthaltsamkeit in allen Dingen konnte ihn am Leben erhalten.

Er wurde gelb und grün vor Ärger, wenn er dachte, daß seine erzwungene Solidität jetzt den ehemaligen Genossen zum Gegenstand des Spottes werden sollte.

Ein Gegenstand ihres Witzes oder ihres Mitleids zu werden, das konnte seine Eitelkeit nicht ertragen.

Und darum setzte er sich vor, nicht zu müssen, sondern zu wollen.

Er wollte sein mönchisches Leben nicht als Niedergang angesehen haben, sondern als eine höhere Lebensstufe.

Er war eben fertig mit dem schalen Zeug, an dem die Weggenossen noch festklebten! Er war übersatt, er mochte nicht mehr! Ihm ekelte vor dieser losen Speise wie den Kindern Israels vor dem Manna. Es war nichts.

Jetzt galt es neue Genüsse schaffen und neue Ideale.

Nun er mit der groben Nahrung fertig war, sollte erst das Dessert auf der Tafel des Lebens serviert werden. Nun sollten Gerichte von köstlicherem Aroma und zarterer Feinheit an die Reihe kommen!

Ein Leben in strengster und edelster Form wollte er leben und die Seele in reiner Schönheit gesund baden. Dann durfte niemand lachen oder die Achseln zucken! Sie mußten ihn bewundern und beneiden.

3.

Doktor Sadrach, Gyrlanis ärztliche Autorität, hatte täglich zweimal einen ruhigen, einsamen Spaziergang verordnet.

Und Gyrlani befolgte Sadrachs Anordnungen pünktlich.

Vor der Pforte des bergigen Schloßgartens stand eine alte Linde mit einem Muttergottesbild.

Der Weg führte von hier nach vier Seiten.

Talwärts, immer neben dem murmelnden Bergwasser, führte die Straße zum Dorf – an einer alten Mühle vorüber.

Rechts und links von der Burg zog sich zwischen Hecken der Fahrweg an der Berglehne hin.

Bergan führte ein Fußweg sanft steigend durch die Weinberge nach der Wallfahrtskapelle.

Gebetstationen begleiteten diesen Kalvarienweg. Durch bemalte lebensgroße Holzfiguren in offenen, nur leicht umgitterten Kapellchen mit kulissenhaftem Hintergrund war der Leidensgang von Gethsemane nach Golgatha veranschaulicht.

Diesen Weg pflegte der Graf zu nehmen.

Er achtete aber nicht auf den ernsten Kontrast der Leidensstationen zu der üppigen Frühlingspracht rings herum und nicht auf die herrlichen in blauem Fernduft ragenden Bergriesen mit ihren Schneespitzen. Die Natur, der er so ganz entfremdet gewesen, wollte noch nicht zu ihm reden.

Sein Blick war stumpf, – nach innen gerichtet, und was an seinem inneren Auge vorüberzog, waren Szenen persönlichen Triumphes, befriedigter Eitelkeit, gesättigter Begierde.

Er war dabei ohne es zu beachten im Steigen etwas zu rasch gegangen.

Mit keuchendem Atem mußte er stillstehen.

Das Empfinden seiner engen Grenzen, des nicht mehr Ausreichens der Kräfte legte sich auf seine Seele als eine schwere Traurigkeit.

Er litt.

Es war niemand zur Stelle, der ihm weh getan, niemand, dem er hätte zürnen, an dem er seinen Unmut hätte auslassen können. So fehlte seinem Schmerz das Sicherheitsventil. Wehrlos und hilflos war er der Pein preisgegeben, die das Bewußtsein seines physischen Zusammenbruchs ihm schuf.

Er litt einfach.

Und mit dieser Tatsache veränderte sich für ihn das Gesicht des Lebens. Die Genußwelt, in der das Recht des Stärkeren galt und die er stolz bejaht hatte, verkehrte sich in ein Tränental. Leiden und Entbehren war die Losung und die Helden dieser Welt waren Heilige und Märtyrer.

Den Lodenhut hatte er vom Kopf genommen und hielt ihn in der linken Hand, mit der rechten stützte er sich fest auf die Elfenbeinkrücke seines Spazierstocks. Der Mund mit den blassen, feinen Lippen holte tief Luft.

Mit starren, vorwurfsvollen Augen blickte er auf die Hand nieder, die welk und alt aussah mit vortretendem Geäder.

Das war jetzt der schöne, der flotte, der unwiderstehliche Joseph Gyrlani!

Und kaum achtundvierzig Jahre alt!

Das Mitleid, das er mit dem eigenen, geliebten Ich empfand, war intensiv.

Als er nach geraumer Zeit sich erholt hatte, schickte er sich an, weiterzugehen. Da fiel sein Blick von ungefähr auf die Leidensstation, vor der er haltgemacht.

Es war die letzte vor der wundertätigen Kapelle. Der Weg führte hier an einer steilen Felswand hin.

Vor Zeiten hatte hier ein Bergrutsch stattgefunden; die Felstrümmer in der Tiefe waren jetzt mit Moos und Blumen freundlich überzogen, aber in den Höhlen, die sich zwischen dem Gestein gebildet hatten, schmolz das Eis niemals. Ein kalter Hauch kam von dort herauf. In der Gegend hieß der Fleck »die Eislöcher«.

Oben hing der Erlöser am Kreuz, das edle, blutüberströmte Antlitz unter der Gewalt eines übermenschlichen Schmerzes gebeugt.

Rechts vom Kreuz stand im traditionellen blauen Gewand die Maria, links der Johannes.

Beide blicken in Entzücken zum Himmel, die edel geschnitzten, schwärmerischen Gesichter in der Manier Guido Renis.

Verklärtes Leiden, von tiefer Gottergebenheit geadelt, allem Irdischem abgekehrt. –

Gyrlanis Blick blieb an der Maria hängen, als sei sie ihm eine Offenbarung.

Seine Augen saugten sich förmlich fest in das mit Ölfarbe bemalte Duldergesicht der heiligen Jungfrau.

So, ja, so mußte das Weib sein, dem er noch Geschmack abgewinnen konnte: alles Herbheit und Reinheit, strenger Stil, unsinnlich, unirdisch, nonnenhaft, das ganze Wesen ein sanftes Dulden und Ergebung in Gott!

Und über dem allen der Schmelz des Unberührten und Unbewußten.

Ja, vor diesem Weibe wollte er noch knien. –

4.

Eines Tages, als Gyrlani den Schloßgarten durchschritt, um seinen Spaziergang anzutreten, kam ein Knecht vom »Rößli«, dem Dorfgasthaus, und überreichte dem Grafen eine Karte.

Auf der Karte stand lithographiert: »Georg August Ernst Freiherr von und zu Stubben, Königl. Hannoverscher Kammerherr a. D.«

Darunter mit Bleistift geschrieben: »erlaubt sich anzufragen, ob man Sie in der Trotzburg aufsuchen darf. Bin mit Familie auf der Durchreise.«

Gyrlani, den die unvermutete Aussicht, mit einem Bekannten aus seiner Welt plaudern zu können im ersten Moment gefreut hatte, runzelte die Brauen über den Zusatz »mit Familie«.

Die Baronin Stubben galt für steif und langweilig, eine echte Hannoveranerin; die Töchter für wohlerzogen, aber gleich der Mama unnahbar und langweilig.

Man machte sich in der Gesellschaft nichts aus ihnen.

Einen Augenblick dachte er daran, sich krank zu melden. Aber die Verlockung, die mehr als klosterhafte Einsiedlerhaft für einmal durchbrechen zu können, gab doch den Ausschlag.

Er ließ den Kammerherrn sagen, er werde sich unendlich glücklich schätzen, die Herrschaften in seiner Einsiedlerklause begrüßen zu dürfen.

Aber er schärfte dem Knecht ein, auf einem Umwege zum Rößli zurückzukehren und zu sagen, er habe den Herrn Grafen vom Spaziergang holen müssen.

Dadurch gewann Gyrlani Zeit für seine umständliche Toilette.

Er klingelte seinem Kammerdiener, einem gewandten Polen, namens Rakosky und ließ sich adonisieren.

Als er nach beendeter Prozedur vor den großen venetianischen Spiegel trat, sah er um vieles weniger verfallen aus als vorher.

»Rakosky, du bist schon mein eigentlicher Wohltäter«, sagte er huldvoll lächelnd.

Der Freiherr Georg August Ernst von und zu Stubben gehörte zu den Welfen, die sich aus Preußenhaß in Österreich niedergelassen. Sein einziger Sohn diente in der österreichischen Armee.

Er fand es schwerer als er gedacht, seine Töchter in Österreich zu verheiraten, da er ihnen wenig mitgeben konnte und da sie streng altlutheranisch waren, während der ansässige Adel fast ausnahmslos zur römischen Kirche gehörte. Und bürgerliche Freier kamen nicht in Betracht.

Die beiden Mädchen trugen heute gleiche graue Lodenreiseanzüge mit Batistblusen; dazu nach der Mode steife weiße Leinenkragen und Manschetten. Gleich waren auch die Matrosenhütchen, die Handschuhe und Schuhe von gelbem Juchten und die hochstieligen Sonnenschirme mit Überzug von roher Seide.

»Sehr comme il faut, aber langweilig«, dachte Gyrlani.

Er geleitete die Gäste durch die altertümlichen, zum Teil wertvoll eingerichteten Räume seiner Burg, richtete das Wort aber fast ausschließlich an die Baronin Mutter, deren würdevolle Steifheit ihm in seiner jetzigen Stimmung gerade zusagte.

Einmal blieb das eine der beiden Fräulein vor den Erkerfenstern stehen, durch die das Dunkelgrün der Parkbäume, das Lichtgrün der Matten und das Duftblau der Berge leuchtete und rief: »Dies ist das Allerschönste von allem!«

Da wandte sich die Mutter und sagte mit eisig klingender Sanftmut: »Du äußerst deine Freude etwas lebhaft, meine gute Marie.«

Danach hörte man die Stimmen der Fräulein nicht mehr.

»So muß man Töchter erziehen«, dachte Gyrlani wohlgefällig.

Nachdem man das ganze Schloß durchwandert hatte, besah man es auch von außen.

Da war der uralte Mittelbau, ein plumper viereckiger Turm aus der Römerzeit, dem der übrige Teil der Burg mit seinen vier Ecktürmen später angebaut worden. Da war ein »tausendjähriger« Efeu mit Stämmen wie Bäume und runden Blättern, Kletterrosen, die einen Burggraben ganz übersponnen hatten, riesiger Tarus, Buchsbaum meterhoch und meterbreit, eine Wand von Lebensbäumen und eine schwarze Zypresse wie eine Pappel hoch.

Es roch ganz moderich, – kirchhofmäßig.

Gyrlani freute sich zum erstenmal an diesen Dingen, weil sie die Bewunderung seiner Gäste erregten.

Er sagte aber in seinem Herzen: »Ihrer selbst wegen sollten mich die Dinge freuen, nicht um ihres Eindrucks auf beliebige gleichgültige Personen willen. Unendliche Quellen des Genusses sollen mir fließen.«

Inzwischen war im Rittersaal eine Jause aufgetragen worden.

Der Graf geleitete die Damen nach einem Gastzimmer, wo sie Hüte und Schirme ablegten.

Die jungen Damen sahen mit dem glatt aus der Stirn gebürsteten Haar überaus unschuldig und fein aus.

Gyrlani wandte ihnen erst jetzt Aufmerksamkeit zu.

Die Augenbrauen der Freiin Marie, der, die den zu lebhaften Ausruf getan, berührten sich beinah über der Nasenwurzel; was dem Gesicht etwas Besonderes gab.

Die Freiin Ludwina sah noch etwas zarter, stiller und sanfter aus. Ihre feinen, wie mit dem Bleistift gezogenen Brauen endeten schon über den äußeren Augenwinkeln wie bei den Madonnen Raffaels.

Diese müßte meine Hausfrau sein! dachte plötzlich Gyrlani.

Sie war etwa drei- oder vierundzwanzig Jahre alt, nach seiner Schätzung, – und er kannte sich aus, – aber gewiß hatte sie nie ein Buch gelesen, das ihr die Mama nicht in die Hand gegeben, gewiß nie einen Gedanken gehabt, den die Mama nicht eingeflüstert hatte.

Diese reinen Lippen hatten nie geküßt außer in töchterlicher oder schwesterlicher Zärtlichkeit. Sie wußte kaum, daß es andere Küsse gab.

Sie war vertrauend, demütig, unwissend, unbewußt und gut.

Diese langsamen ruhigen Bewegungen, dieser stille Blick, diese weiche und klare Stimme, das Ungekünstelte, Schlichte ihres ganzen Wesens!

Sie dachte offenbar nicht eine Sekunde daran, Eindruck machen zu wollen.

Und das hatte man in seiner Welt fad genannt und unbeachtet am Wege stehen lassen!

Dies tadellose Material zu der Frau wie sie sein soll!

6.

Sowie die Gäste fortgefahren waren, schlug Gyrlani die Familie von und zu Stubben im Gothaer Freiherrnkalender nach.

Er las: »Georg August Ernst, (Geburtsdaten) vermählt (Datum) mit Albertine Wilhelmine Karoline Friederike von Rötterer aus dem Hause Buchloe. Sohn: Ernst August Georg Heinrich, (Geburtsdaten und Rang in der Armee) Töchter: Ludwina Albertine Friederike (Geburtsdatum) ...«

Mehr brauchte er nicht zu wissen. Die Stubben und die Rötterer waren von altem Adel und Ludwina, die ihm so sehr gefallen hatte, war bereits fünfundzwanzig Jahre alt. Das paßte vortrefflich.

Eine halbe Stunde lang ging er in der langen Suite seiner Zimmer nachdenklich auf und ab. Diese Ludwina lockte ihn, wie den von einer künstlerischen Idee erfüllten Bildhauer ein Block schneeweißen Marmors locken mag.

Aus dieser Mädchenknospe konnte sich das Weib entwickeln, was er erträumte. Es war fast nichts zu tun, als störende Einflüsse fernzuhalten.

Er sagte zu sich selbst: »Ich werde diese weiße Lilie in meinen Garten verpflanzen und ihr Gärtner sein.«

Diese Vorstellung übte einen großen Reiz auf ihn aus.

Nur ein Zweifel machte ihm noch zu schaffen: war das fünfundzwanzigjährige Mädchen wirklich noch vollkommen unwissend, was die Mysterien der Menschheit anbetraf?

Dessen mußte er sich zunächst versichern. Denn seine jungfräuliche Heilige durfte nicht wissen, daß ihre Ehe mit ihm etwas Unvollkommenes, etwas Halbes bleiben mußte.

Er dachte eine Weile nach. Dann schrieb er einen langen Brief an eine ehemalige Freundin, eine hochgeborene Ordensdame, von der er wußte, daß sie mit der Baronin Stubben verkehrte.

Drei Wochen später erhielt er die Antwort.

Die diplomatische Ordensdame schrieb:

»Es ist mir gar nicht leicht geworden, die steife Albertine zum Reden zu bringen, aber ich hab's so schlau angefangen, daß sie zuletzt doch alles von der Seelen 'runtergesprochen hat. So ungefähr hat sie gesagt: Sie hielte es nicht für richtig, daß Mädchen sich in Gedanken irgendwie mit sexuellen Dingen zu schaffen machten. Dies sei jedoch nicht mehr zu vermeiden, sobald sie erst etwas darüber wüßten.

Es sei darum allezeit ihr Augenmerk gewesen, ihre Töchter in gänzlicher Unwissenheit über diese Dinge zu erhalten, was ihr auch, sie dürfe es mit Dank gegen Gott sagen, gelungen sei.

Sie habe nie gestattet, daß ihre Töchter sich in ihre Abwesenheit mit Personen unterhielten, von deren Reinheit und Wohlerzogenheit sie nicht hinlänglich überzeugt gewesen sei. Auch habe sie vorlaute Fragen nach den Verborgenheiten des leiblichen Lebens stets als ungehörig zurückgewiesen. Daß die Lektüre aufs sorgfältigste überwacht worden sei, verstehe sich von selbst. Sie hoffe ihre Töchter blütenrein in die Hände ihrer zukünftigen Gatten zu geben.«

Die Ordensdame schrieb noch viel, was aber Gyrlani nicht mehr interessierte.

Sein Entschluß war gefaßt.

7.

Kurz darauf erhielten Herr und Frau von Stubben eine Nachricht, die sie sehr überraschte: Der reiche, verwöhnte Joseph Gyrlani hielt um die Hand der Freiin Ludwina an.

Es war eine glänzende Partie für Ludwina, die weder vermögend war noch durch geistige Gaben oder Schönheit hervorragte. Eine verlockende Aussicht. Und doch schüttelte die Baronin sorgenvoll den Kopf.

»Der Joseph Gyrlani soll ein ganz lockerer Zeisig gewesen sein«, meinte sie bedenklich.

»Gewesen« versicherte der Freiherr, »jetzt ist er die Solidität in Person.«

»Du wünschest also, daß Ludwina einwilligt?«

»Gewiß wünsche ich das! Ein besseres Sort kann sie niemals machen!«

»Er ist so viel älter als sie«, wandte die Mutter ein.

»So bedeutend ist der Unterschied gar nicht«, fand der Vater. »Ludwina ist schon fünfundzwanzig, na und der Gyrlani wird fünfundvierzig sein. Das paßt sehr gut.«

»Er sieht verfallen aus.«

»Weil er schwer krank gewesen ist. Das kann aber dem Jüngsten passieren. Fragen wir doch lieber die Ludwina selbst. Die soll ihn heiraten und nicht wir.«

Die Tochter wurde gerufen und befragt.

Sie hörte das Glück aus der Stimme des Vaters, wie sie es in seinem Gesicht sah.

Vor ihrer Phantasie tauchte der Rittersaal in dem romantischen alten Bergschloß auf und der uralte Efeubaum und die imponierende, vornehme Erscheinung des höflichen Schloßherrn, dessen blasses, etwas müdes Gesicht sie so interessant gefunden hatte.

Wie war es möglich, daß er der Vornehme, Reiche, von der Gesellschaft Verzogene gerade nach ihr verlangte?! Ihr schien es wie ein Märchen: der fremde Prinz, der ein Aschenbrödel zu seiner Königin erliest.

Und ihre Seele dachte nicht daran, eine solche Ehre auszuschlagen.

8.

Joseph Gyrlani spazierte, die Hände in den Hosentaschen in kurzer Joppe auf der Gartenterrasse, bemühte sich seine Schritte elastisch zu machen und freute sich an seinem Schatten, der eine elegante Silhouette bildete.

»Wenn man versteht, sich anzuziehen und Tournüre und Aplomb hat«, dachte der Graf, »und einen Kammerdiener wie diesen ausgezeichneten Rokosky, so bleibt man halt präsentabel. Ich glaube, ich ziehe heute noch die Blicke der Komtessen auf mich.«

Da rumpelte ein Mietwagen den Fahrweg daher und hielt am Gartentor der Trotzburg.

Gyrlani schaute mit einem hochmütigen unzufriedenen Gesicht zu, wie das Tor geöffnet wurde und einen unansehnlichen jüngeren Mann einließ. Dieser trug den runden Strohhut in der Hand und wischte sich mit einem großen Schnupftuch den Schweiß von der Stirn.

Der Graf erkannte seinen Wiener Arzt Dr. Sadrach. Erfreut ging er dem Besucher entgegen.

»Grüß Gott, Doktor! Das ist aber schön von Ihnen. Sie kommen gewiß, um zu gratulieren.«

Der Graf streckte dem Arzt die Hand hin; der aber konnte sie nicht fassen, weil er den Hut in der einen und das Schnupftuch in der anderen Hand hielt.

Gyrlani lachte gutlaunig. »Richtig! Immer zwei Hände zu wenig, Doktor. Nun sagen Sie, was halten Sie von meiner Verlobung?«

»Die Fräulein Braut soll fünfundzwanzig Jahr' sein und kerngesund?« meinte Sadrach mit etwas bedenklicher Miene.

»Ja.«

»Etwas exaltiert?«

»Aber nein, gar nicht. Warum?«

»Ich meine halt so. – Richtung ins Asketische vielleicht? Sehr kirchlich?«

Beinahe hätte Gyrlani geantwortet: »Noch nicht.« Aber er setzte nur eine würdige Miene auf, weil ihm seine eigene neue Richtung einfiel, und sagte: »Die ganze Familie meiner Braut ist streng religiös, wenn auch leider lutherisch. Doch die Konfession ficht mich weiter nicht an; wenn nur Frömmigkeit da ist, Frauen müssen fromm sein.«

»Damit wir desto behaglicher drauf los sündigen können«, knurrte der Doktor.

»Nein, mein Lieber, um ihrer Schönheit willen. Eine Frau ohne Religion sinkt und versumpft. Nichts rettet sie. Aber die wahrhaft in Gott lebende Frau ist ideal. Der gesunkenste Mann kann sich an ihr wieder aufrichten.«

»Wie steht es denn mit dem Befinden?« fragte der Doktor abspringend. – Die jäh erwachte Tugendliebe seines Patienten widerte ihn an. –

Das weihevolle Gesicht Gyrlanis fiel gleichsam zusammen bei dem Gedanken an die Bresthaftigkeit seines Leibes.

Er seufzte und begann einen minutiösen Krankenbericht.

Sadrach wiederholte seine Vorschriften.

»Ich habe kürzlich mit einem jungen Kollegen gesprochen«, sagte er, »der bereit ist, auf Ihren Vorschlag einzugehen, das heißt für das von Ihnen gebotene Honorar Ihr Hausgenosse zu werden. Ein Dr. Schneider.«

»Heiliger Joseph, wie kann man Schneider heißen!«

»Soll ich ihn fest engagieren oder nicht?«

»Schicken Sie ihn mal erst zur Ansicht. In meinem Hause vertrage ich nichts Störendes. Wenn der Mann in den Rahmen des Ganzen paßt, soll er bleiben.«

Man war über diesem Gespräch im Rittersaal angelangt und nahm auf den steifen, alttiroler Ledersesseln mit gemalten Wappenlehnen Platz.

Rakosky reichte Kaffee und Gebäck.

Sadrachs bebrillte Augen ruhten auf dem spitzbübischen Gesicht des Dieners.

Als dieser den Saal verlassen, bemerkte der Doktor:

»Der Lausbub hat die richtige Galgenphysiognomie.«

»Nichtsdestoweniger ist er ein Juwel«, sagte Gyrlani.

Sadrach wandte sich kurz und scharf dem Grafen zu.

»Sie haben natürlich der Freiin von Stubben über die Natur der Ehe, die Sie einzugehen beabsichtigen, unumwunden gesprochen?«

»Sind Sie närrisch?!« brauste Gyrlani auf.

»Den Eltern jedenfalls!«

Gyrlani war blaß geworden vor Ärger. Er wollte eine heftige Äußerung tun, mäßigte sich jedoch rasch und sagte nach kurzem Schweigen kalt: »Diese internen Angelegenheiten wünsche ich unerörtert. Sie gehen außer mich selbst und meine zukünftige Gemahlin keinen Menschen etwas an, auch Sie nichts, mein lieber Sadrach.«

Das grünlich blasse Aristokratengesicht sah giftig aus.

Sadrach zuckte mit den Achseln. Er dachte: »Zur Gewissenhaftigkeit und Ehrenhaftigkeit zwingen kann ich ihn nicht. Wenn aber der alte Baron Stubben sich an mich wendet, was er von Rechts wegen nicht unterlassen sollte, dann würde ich ihm reinen Wein einschenken«. –

Aber der Freiherr dachte nicht daran, Erkundigungen über seinen zukünftigen Schwiegersohn einzuziehen! Er war froh genug, daß er einen solchen hatte.

9.

Die Trauung war vorüber und endlich auch das Hochzeitsfrühstück.

Ludwina kam sich immer noch vor wie das Aschenbrödel im Märchen, das den Prinzen bekommt.

Noch nie war sie so wie heute der Mittelpunkt eines glänzenden Festes gewesen, noch nie so kostbar und feierlich geschmückt.

Und nun fuhr sie an der Seite ihres Gemahls in einem wunderhübschen Wagen, von prächtigen Pferden gezogen, davon. Das war wirklich zum schwindlig werden!

Es ging direkt nach Putschatsch, dem zur Trotzburg gehörenden Dorf, denn der Doktor Sadrach und der neue Hausarzt hatten von einer Reise abgeraten.

Ludwina sagte sich, daß sie sich des unverdienten Glückes einer solchen Heirat durch Pflichttreue und Hingebung nach und nach wert machen müsse.

Dabei sah sie von der Seite nach ihrem neuen Gebieter, vor dem sie noch große Schüchternheit empfand.

Er blickte, von ihr abgewandt, nach den Bergen. Die ungewohnten Strapazen der letzten Tage hatten ihn angegriffen. Er fühlte Magendrücken und nervöse Übelkeit und wußte, daß er gelb und elend aussah.

Das war ihm recht peinlich. Immer wieder und bei der unpassendsten Gelegenheit daran erinnert zu werden, daß man nichts vertragen kann!

Die unvermeidlichen Zeremonien hatten ja durchgemacht werden müssen!

Das zu Bedenkende war jetzt, die jungmädchenhaft überspannten Empfindungen der Braut nicht in zu brüsker Weise zu verletzen. Er mußte sie mit aller Zartheit, aber auch mit allem Ernst darauf hinweisen, daß er ein schonungsbedürftiger Kranker war.

Ludwina, die den Grafen bisher nur in Gegenwart ihrer Angehörigen gesehen hatte, wagte jetzt nicht, ihn anzureden. Sie fing an, sich sehr unbehaglich zu fühlen. Sie hatte bisher nicht gezweifelt, daß sie bald mit ihm vertraut werden würde. Zum erstenmal beschlich sie die Furcht, daß sie sich vielleicht schwer an ihn würde gewöhnen können.

Auf einmal fühlte sie Heimweh! Schreckliches Heimweh nach Vater, Mutter und Geschwistern, nach den lieben gewohnten Verhältnissen.

War eine Heirat wirklich immer ein Glück? –

Sie wünschte plötzlich, der Graf möchte nie an sie gedacht haben, sondern sie gelassen wo sie, – sie fühlte es, – hingehörte.

»Wenn ich doch jetzt aufwachte«, wünschte sie, »und alles wäre nur ein Traum gewesen!«

Gerade als sie dies dachte, wandte sich der Graf ihr zu.

»Entschuldige mein Schweigen«, sagte er gütig, »ich fühle mich etwas unwohl. Mein Herzleiden ...«

Sie wandte ihm den vollen Blick ihrer unschuldigen Augen zu, voll Besorgnis und Schreck, so daß er lächeln mußte.

»Beunruhige dich nicht! Diese Anfälle kommen und gehen vorüber. Sie sind immer eine Folge von Erregungen. Du wirst dich an ein sehr stilles Leben gewöhnen müssen, geliebte Ludwina.«

»Wie gerne!« antwortete sie sanft. »Die Hauptsache ist natürlich, daß ...«

Sie stockte errötend, denn sie hätte jetzt »Du« sagen müssen und daran konnte sie sich noch nicht gewöhnen.

Er beendete den angefangenen Satz anders als sie beabsichtigt hatte:

»Daß wir als wahre Edelleute ein Gott wohlgefälliges Leben führen in aller Demut und Ergebung, anderen zum leuchtenden Vorbild. Das wollte meine liebe Ludwina wohl sagen.«

Sie verstummte beschämt. Wieder dachte sie zaghaft: »Möge Gott mir helfen, dieses edlen Mannes würdig zu werden.«

10.

Das Glück war nun da: Ludwina war die beneidete Schloßfrau auf der schönen Trotzburg und die Gemahlin des vielbewunderten Gyrlani. Aber das Glücksgefühl stellte sich nicht ein.

Im Gegenteil. Es schien, als habe sie all ihre Unbefangenheit und Heiterkeit im Elternhaus zurückgelassen.

Nachts, wenn sie in ihrem schönen Himmelbett lag, so allein in dem großen Zimmer und leere Zimmer an allen Seiten, denn der Graf hatte seine Gemächer am anderen Ende des Schlosses, dann konnte sie vor unruhigen, unklaren Gedanken nicht recht schlafen und weinte oft bitterlich vor Heimweh.

Heimweh nannte sie alles, was so schwer und dunkel auf ihr lastete, denn was sonst sollte es sein, daß sie meist traurig war?

Sie hatte alles, was eine Frau zum Glück nötig hatte und mehr.

Das wiederholte sich Ludwina fort und fort, in dem eifrigen Bestreben sich selbst zu überzeugen.

Nur weil die Eltern so unendlich gütig gewesen waren, nur weil sie als Mädchen glücklicher gewesen war, als viele, ja vielleicht als die meisten anderen, darum litt sie jetzt so schwer unter der Trennung.

Die Mama hatte gesagt: »Nun tritt dein Mann an die Stelle deiner Eltern; ihm mußt du vertrauen und gehorsam sein in allen Dingen. Sein Wille ist von nun an bestimmend für dich.«

Ihr Mann hätte ihr nun Eltern und Geschwister und Heimat ersetzen müssen. Aber sie fühlte sich ihm gar zu fern, konnte zu keiner Vertraulichkeit kommen.

Er war so unnahbar, daß sie ebenso leicht daraufgekommen wäre mit dem von der Mama so hoch verehrten Herrn Superintendenten harmlos zu scherzen, wie mit Gyrlani.

Die erste Nacht hatte Ludwina in dem großen altertümlichen Zimmer, in dem sie ganz allein war, nicht schlafen können, weil sie so aufgeregt war und auf allerlei unheimliche Geräusche hören mußte.

Sie stand früh auf.

Man teilte ihr mit, daß der gnädige Herr Graf immer in seinem Schlafzimmer frühstücke und daß niemand dort Zutritt habe, außer dem Herrn Doktor und dem Kammerdiener seiner Gnaden.

Sie ließ sich also ihr Frühstück gleichfalls auf dem Zimmer servieren, dann band sie sich eine große Wirtschaftsschürze vor und begab sich an die Inspektion des Haushalts.

Es war ihr, als sehen sie die Leute sonderbar an, so, als ob irgend etwas Auffallendes, nicht ganz Richtiges an ihr wäre. Aber sie sagte sich, daß wohl nur ihre Schüchternheit und Fremdheit ihr dergleichen törichte Dinge vorspiegelte. Sie war eben diesen guten Leuten etwas Neues.

Als sie um elf Uhr mit geröteten Wangen, das Schlüsselkörbchen in der Hand und glücklich im Gefühl ihrer neuen Hausfrauenwürde, durch die Halle ging, traf sie Gyrlani.

Sie streckte ihm die Hand entgegen und um ihre frischen Lippen spielte ein Lächeln, das zu zärtlicher Neckerei aufzufordern schien.

Ihr Anblick überraschte ihn.

Mit Schrecken fiel ihm ein, daß er schon manches Mal gesehen hatte, wie aus einem stillen bescheidenen Mädchen im Handumdrehen eine lebenslustige, vergnügungssüchtige Frau geworden war.

Steckte dies in ihr, so mußte bei Zeiten »gestoppt« werden. Später würde es schwierig. Ein zielbewußter Mann bezeichnet von vornherein den Kurs, den er einzuhalten beabsichtigt.

So dachte Gyrlani. – Er küßte seiner Frau die Hand und erkundigte sich in seiner kavaliermäßigen Weise, wie sie zum erstenmal unter ihrem eigenen Dache geruht habe.

Sein Wesen war dabei, als stehe er einer Herzogin gegenüber und übersähe absichtlich ihre kleinen bürgerlichen Hausfrauenallüren, weil sie nicht ganz »comme il faut« seien.

Diese Art schüchterte sie sofort wieder ein. Verwirrt dankte sie ihm und frug nach seinem Befinden. –

»Um ein Uhr nehmen wir den Lunch ein«, bemerkte er mit einem etwas kritischen Blick auf ihr Hauskleidchen. »Mach dir nicht zu viel im Haus zu tun. Die Gräfin Gyrlani darf nur ganz von oben etwas dirigieren. Meine Leute denken sonst, ich hab' mir irgend ein kleines Bürgermädel geholt.«

Sie sah beschämt und betrübt auf ihren Schlüsselkorb nieder.

»Fehlt es dir vielleicht an eleganten Morgenkostümen?« fragte er, nachdem er sie nochmals musternd von oben bis unten angesehen hatte. »Du bist ja sehr herzig so; aber weder deiner Frauenwürde, noch deiner Stellung als Gräfin Gyrlani eigentlich angemessen. Ich möchte, daß deine Erscheinung imponiert.«

»Oh, ich habe andere Kleider!« versicherte sie sehr beschämt.

Er nickte ihr freundlich zu. »Wir sehen uns also im Speisezimmer wieder.«

Sie ging geduckt in ihr Ankleidezimmer, wo die Kammerjungfer noch im Begriff war, die Koffer auszupacken.

Zum Lunch erschien sie dann in einem langen nonnenhaften schwarzen Kaschmirkleid, das sie sehr schlank machte und ihr Gesicht blaß erscheinen ließ. Damit hatte sie den Geschmack ihres Eheherrn getroffen.

Als sie mit scheuem Ernst in den Zügen, das Haar so glatt aus der reinen weißen Stirn gestrichen, schlank und vornehm anzusehen, das Speisezimmer betrat, war Gyrlani entzückt.

Sie bemerkte wohl, daß sie ihm jetzt gefiel, – während sie ihm vorher in Hauskleid und Wirtschaftsschürze in ihrer arbeitslustigen Stimmung nicht gefallen hatte.

Den Eßsaal, der unter dem Rittersaal lag, erfüllte ein starker Lilienduft.

Lilienstengel standen in hohen Gläsern auf den Seitentischen, während die Tafel in Kelchgläsern von buntem venezianischem Glas wunderlich gestaltete Orchideen schmückten.

Ein Hauskaplan und der junge Leibarzt nahmen an dem Frühstück teil.

Der Arzt, jener von Doktor Sadrach empfohlene Dr. Schneider, war trotz seines deutschen Namens ein Russe und Gyrlani, dem der Name Schneider nicht behagte, nannte ihn nach russischer Art Sergei Iwanowitsch.

Sergei Iwanowitsch war jung und sah sehr slawisch aus: breite schöne Stirn, dicke Nase, tiefliegende kluge, aber etwas unklare Augen und aufgeworfene, ziemlich breite Lippen.

Der Kaplan hatte ein Bauerngesicht und dabei sah er ziemlich stumpfsinnig aus.

Beide jungen Männer sprachen eigentlich nur, wenn Gyrlani das Wort direkt an sie richtete.

Gyrlani aß nichts, ohne vorher einen fragenden Blick auf den Russen zu werfen, den der Mediziner mit fast unmerklicher Kopfbewegung zu beantworten pflegte.

Der Graf führte fast allein das Wort. Heute erging er sich über moderne Kunst. Er tat sich etwas zugute darauf, ein ästhetischer Feinschmecker zu sein und freute sich an dem dummen, immer dummer dreinschauenden Gesicht seines Kaplans, der nichts von dem, was der Graf in blasiertem Tone vortrug, verstand.

Schneider machte ab und zu eine kurze, gescheite Bemerkung, doch schien er nicht eigentlich bei der Sache zu sein.

Ludwina saß dabei, als gehöre sie gar nicht dazu. Ihre klaren Augen hatten immer denselben stillen staunenden Blick, den Blick eines Menschen, der in die Irre geraten ist, und sich gar nicht mehr zurechtfindet.

Der Kaplan dachte: »Sie ist wahrscheinlich dumm, – wie alle Weibsleute.«

Der Russe dachte: »Sie ist wahrscheinlich eine kalte, berechnende, ehrgeizige Seele, die sich verkauft hat. Aber sie wird am Ende den Kaufpreis zu hoch finden.« Joseph Gyrlani freute sich an dem feinen Oval, den sanften ruhigen Linien und dem etwas leeren Ausdruck ihres Gesichts.

Er dachte sich aus, wie sie, ihrem Stil entsprechend, gekleidet werden müsse.

»Sie soll immer mehr Seele werden«, träumte er, »so etwas wie Geist und Willen dagegen darf man nicht hochkommen lassen; sie kleiden im besten Fall Männer. Der edle Frauentypus sei ganz Seele: Barmherzige Liebe, Demut, Sanftmut, Geduld, Ergebenheit und stilles Dulden. Dieses macht seine einzige wahre, unvergängliche Schönheit aus.«

11.

Gleich nach dem Lunch zog sich der Graf wieder in seine Gemächer zurück und Ludwina tat dasselbe.

Der Kaffee wurde ihr auf ihrem Zimmer serviert.

Um fünf Uhr ließ ihr der Graf durch Rakosky sagen, der Wagen stehe bereit, ob sie etwa eine Spazierfahrt in die Berge beföhle.

Sie eilte, dem Wink gehorchend, rasch hinunter, in der Erwartung, endlich ungestört mit ihrem Mann plaudern zu können.

Noch immer war er ihr ja wie ein Fremder.

Der schöne Wagen mit den prächtigen Pferdchen und dem in gräflicher Livree steckenden stolzen Kutscher stand vor der Tür und die Rappen scharrten schon im Kies. Gyrlani fehlte.

»Ist der Herr Graf noch oben?« fragte sie den am Wagenschlag stehenden Sergei Iwanowitsch.

»Der Herr Graf ist auf seinem Spaziergang«, sagte der Russe.

Ein Gefühl bitterer Kränkung machte sie erblassen.

Sie wäre nun gern zu Hause geblieben, fürchtete aber, etwas Unpassendes zu tun. Wortlos stieg sie ein, während der Russe den Wagenschlag für sie öffnete und schloß.

Sergei Iwanowitsch hatte ihre Enttäuschung aber doch bemerkt.

Er sagte: »Der Herr Graf muß täglich um diese Zeit etwa eine Stunde gehen und zwar allein, weil er nicht dabei sprechen soll. Doktor Sadrach hat es streng anbefohlen.«

»Gewiß«, sagte Ludwina.

»Der Herr Graf meinte, Frau Gräfin möchten vielleicht den Rockelsburger Tauensteiner Weg fahren, wegen der interessanten Schlösser.«

»Gewiß, – sehr gerne.«

Mit einer leichten Verbeugung trat er vom Wagen zurück.

So fuhr sie allein durch die sonnenbeleuchtete Pracht dieser herrlichen Gebirgslandschaft, die mit ihren Weinlaubgängen, mauereingefaßten weißen Wegen und Zypressen schon italienischen Charakter hat.

Als sie von Luft und Landschaft erquickt zurückkehrte, stand Gyrlani zu ihrem Empfang bereit an der Haustür.

Er trug eine kleidsame Joppe und war gut aufgelegt. An seinem Arm durchwandelte sie den Schloßgarten und er erzählte ihr von schönen merkwürdigen Blumen.

»Es wird schon noch alles ganz gut werden«, dachte sie hoffnungsvoll.

»Also um sieben Uhr dinieren wir«, sagte er, als sie wieder dem Haus zu gingen.

»Kann ich in diesem Kleid bleiben?« fragte sie zutraulich.

»Nein, du mußt dich schön anziehn, lieber Schatz!« meinte er in fast bittendem Ton; »Schau, ich hab meine Freude daran, wenn du wie eine Edelfrau einhergehst. Es gehört nun jetzt mal zu dir.«

Sie erschien bei Tisch in einem hellrosa Batistkleid, dessen Zartheit so wundervoll mit ihren blonden Farben harmonierte, daß das Ganze wie eine Rosenknospe anmutete und bei dem Russen, ja sogar bei dem Kaplan lebhaften Beifall fand.

Nicht bei Gyrlani.

Nach dem Diner setzte man sich in den Rittersaal, wo zwei Lampen und einige Wachskerzen Licht verbreiteten. –

Der Kaplan und der Russe spielten im Erker Domino.

Gyrlani bat Ludwina, von der er wußte, daß sie musikalisch war, ihm auf dem Piano vorzuspielen: Sebastian Bach!

Er ließ aus dem Eßzimmer den größten Lilienstengel heraufbringen und stellte ihn auf ein Marmortischchen neben das Piano.

Dann hing er einen blauen Gazeschleier über die Lampe, die das Klavier beleuchtete, und ließ statt des einfachen Stuhls einen hochlehnigen Sessel, mit altrotem Damast überzogen, herausrücken.

So mußte sie vor ihm sitzen und spielen.

Er beschaute sie mit Künstlerenthusiasmus. Ihre Kopfform, das reine Profil, die Nackenlinie, die leicht abfallenden Schultern, – das alles war vollkommen.

Nur der modische Schnitt und die Farbe ihres Kleides störten ihn.

Sie mußte noch besser in Szene gesetzt werden. Ganz wie eins von den naiv geistigen alten Bildern sollte sie aussehn.

Sie mußte ein weißes schweres golddurchwirktes Damastkleid tragen mit weiten offenen Ärmeln. Und der Hals mußte frei sein.

Auch wollte er sich ein Instrument in Gestalt einer kleinen, altertümlichen Orgel konstruieren lassen.

Und so sollte sie ein großer Künstler malen.

Mit Behagen dachte er daran, wie die Schönheitskenner alle den Besitzer dieses entzückenden Modells beneiden würden. –

Punkt zehn Uhr mahnte der Arzt zum Schlafengehen.

Ludwina, die eben mit großer Präzision eine Fuge zu Ende gespielt hatte, hielt noch die schlanken Finger auf der Klaviatur, neuer Wünsche wartend.

Gyrlani hob diese Hände, die im bläulichen Schimmer des Lampenschirmes fahl erschienen, langsam auf und führte sie nacheinander an seine Lippen.

»Ich danke dir für den Genuß dieses Abends, mein Engel, und wünsche dir, wohl zu schlafen.«

Er führte sie am Arm bis an ihre Gemächer. Sein Kammerdiener Rakosky leuchtete mit einem goldenen Dreiarm.

Zuletzt hielt Rakosky mit der einen Hand die Tür auf, mit der anderen hob er den Leuchter hoch.

Sie wollte auch ihm noch ein freundliches gute Nacht sagen, begegnete aber, als sie ihm das Gesicht zuwandte, einem Blick, der ihr Schreck und Widerwillen einflößte.

Hastig zog sie die Tür hinter sich zu und eilte in ihr Schlafzimmer.

Sie entließ die Jungfer, die ihr beim Auskleiden helfen wollte, und saß noch lange, den Kopf in die Hände gestützt, am Mahagonitisch.

Sie versuchte sich über ihre Empfindungen klarzuwerden.

»Das war nun der erste Tag, – der erste Tag ... so sollte also die Ehe sein? Sich schön anziehn, kritisiert oder bewundert werden, sonst nichts?...«

Eine dunkle Unruhe quälte sie.

Sie fühlte, daß es doch nicht ganz das Richtige war, aber wer war daran schuld, oder was? Lag es an diesen besonderen Verhältnissen oder an ihr? Oder irrte sie sich und es mußte so sein?

Dann war es doch aber kein Glück! –

Die Mutter hatte freilich gesagt, sie dürfe sich nicht irre machen lassen, wenn ihr anfangs in der Ehe manches seltsam und nicht angenehm erschiene. Das hätten fast alle jungen Frauen durchzumachen; es gehöre einmal dazu und gäbe sich mit der Gewöhnung von selbst. Also mußte sie vertrauen.

12.

Die mit altrosa Seide bekleideten Wände ihres Schlafzimmers schmückten Gemälde alter Weiber: eine heilige Barbara, eine heilige Cäcilie, ein Augustinus mit seiner Mutter Monika und eine Pieta.

Wenn der frühe Sommertag durch die Fenster sah, und das Dunkel aus den Winkeln trieb, fielen Ludwinas Blicke auf diese Bilder.

Sie lernte sie in allen einzelnen Zügen kennen und gewann sie lieb.

Sie trank ihren Morgenkaffee stets allein. Der Graf wurde nie vor elf sichtbar und in seine Privatgemächer hatte sie noch keinen Fuß gesetzt. Sie wagte es nicht. Nur der Kammerdiener ging dort ein und aus.

Gegen diesen Rakosky hatte sie einen entschiedenen Widerwillen, dem eine ihr selbst unerklärliche Furcht beigemischt war.

Sie zürnte sich fast darüber, denn Rakosky hatte ihr nie das geringste zuleide getan und daß ihr sein Gesichtsausdruck zuwider war, dazu konnte er doch nichts.

Und doch: Er sah nicht brav, nicht ehrlich, nicht anständig aus.

Als sie ein einziges Mal etwas dieser Art gegen den Grafen erwähnte, sagte dieser lachend: »Aber ich bitt' dich! Der Rakosky ist ja ein bildhübscher Mensch. Alle Dirndln laufen hinter ihm her.«

»Hübsch mag er ja sein«, meinte sie, mochte aber nicht fortfahren.

Gyrlani war zufrieden mit ihm, also mußte sie es auch sein.

– Sie benutzte die Morgenstunden, die der Graf verschlief, – wie sie meinte, – um sich ihrem Haushalt zu widmen. Mit der ihr anerzogenen Gewissenhaftigkeit kümmerte sie sich um alles.

Da Gyrlanis Haushalt in viel größerem Stil eingerichtet war als der ihrer Eltern und der Hausherr keine Abänderung wünschte, mußte sich Ludwina anfangs auf Schritt und Tritt belehren lassen.

Das war, wie alles Neulernen, nicht bequem und nahm Aufmerksamkeit in Anspruch. Solange ihre Gedanken und ihre Tätigkeit dergestalt auf praktische Dinge gerichtet waren, befand sie sich wohl. Aber Ruhe und Sicherheit und Wohlbefinden schwanden, sowie Gyrlani sichtbar wurde.

Sie war ängstlich beflissen sich ihm nicht mehr im Hauskleid zu zeigen, weniger ihm zu Gefallen, sondern weil sie fürchtete, er möchte ihr das Herumwirtschaften, das ihre einzige Beschäftigung war, verbieten. Darum sah sie gegen elf ängstlich nach der Uhr und unterbrach sich oft in etwas, das sie brennend gern noch fortgesetzt hätte.

So gewann das Überwachen der Haushaltung, das sie stets als Pflicht der Frau angesehen hatte, in ihrem neuen Leben den Charakter einer heimlichen, halb verbrecherischen Liebhaberei.

Gyrlani hatte einen Wiener Schneider kommen lassen, der ihr nach seinen Ideen Kostüme komponieren mußte.

Es wurden sehr prächtige Kleider, aber sie kam sich darin vor wie auf der Maskerade.

Gyrlani dagegen war sehr erbaut. Sie mußte malerische Stellungen einnehmen, und er probierte allerhand Farben und Lichteffekte aus.

Einmal setzte er sie an ein altes Spinnrad, aber sie konnte nicht spinnen.

»Das ist schade«, sagte Gyrlani. »Es würde dir vorzüglich stehen. Wie patriarchalisch würde es sich ausnehmen, wenn du an den Winterabenden beim schnurrenden Rädchen säßest, während ich dir z. B. aus einem guten Buche vorläse.«

»Ich könnte ja dazu stricken oder nähen oder häkeln«, meinte sie.

Er verzog das Gesicht. »Ach geh!« sagte er mit einer fortscheuchenden Handbewegung. »Das alles sieht ja ekelhaft trivial aus.«

Sie wagte nichts einzuwenden aus Furcht, wieder jenen gepeinigten, nervösen Zug in seinem blutlosen Gesicht zu sehen.

Im stillen dachte sie darüber nach, wie sie es anfangen könnte, heimlich spinnen zu lernen.

Zeit hatte sie übergenug; aber kein Geld. Ludwina hatte noch nie eigenes Geld besessen, nicht einen Heller.

Gewiß war eine alte Frau aus dem Dorf bereit, ihr das Spinnen zu lehren; aber Zeit und Mühe mußten vergütet werden.

Nach langem Überlegen beschloß sie, die Eltern um ein paar Gulden zu bitten. Wenn sie schrieb, daß sie mit dem Geld eine kleine Überraschung für ihren Mann ins Werk setzen wollte, würden die Eltern ihre Bitte ganz natürlich finden.

Sie pflegte einmal in jeder Woche nach Hause zu schreiben.

Damit ging es ihr seltsam.

Wenn sie nachts nicht schlafen konnte, oder wenn sie stundenlang allein war, ohne etwas zu tun zu haben, dann klagte sie in Gedanken der Mutter ihr Leid mit vielen Worten.

Sowie sie aber, die Schreibfeder in der Hand, vor dem weißen Briefbogen saß, kamen nur die konventionellen schönen Redensarten in die Feder.

Sie schrieb etwa so:

»Meinem lieben Mann geht es leider noch immer nicht so gut, wie ich wünschte; aber er trägt sein Herzleiden und die damit verknüpften Entbehrungen mit christlicher Ergebung. Seine immer gleiche Güte, sein Ernst, seine Frömmigkeit können allen, die das Glück haben in seiner Nähe zu leben, ein Beispiel sein. Ich bete zu Gott, geliebte Mama, daß er mich immer mehr zu einer pflichttreuen guten Frau macht und meines vortrefflichen Mannes würdig.«

Wäre die Baronin Stubben nicht ihr Leben lang in schöne Worte gehüllt einhergegangen, so hätte sie vielleicht etwas in den Briefen ihrer Tochter vermißt.

Aber sie gehörte zu den Damen, die eine unbezwingliche Abneigung gegen alles Natürliche, Unverhüllte, Allzumenschliche haben und die sich fort und fort über das störend Menschliche durch verschönernde Phrasen wegzutäuschen bestrebt sind.

Da sie es nie anders gehalten hatte und auch von ihren Töchtern nichts anderes gelitten, fand sie die frömmelnden und sentimentalen Redensarten, die die Briefe Ludwinas füllten, ganz befriedigend.

Das Geld, das Ludwina zaghaft erbeten, wurde mit liebenswürdigen Begleitworten geschickt und Ludwina lernte bei der alten Mariandel spinnen.

Die Alte hatte im Anfang dieser Lehrstunden viel geschwatzt; Ludwina hörte freundlich zu, bis eine Bemerkung gefallen war, die, so fühlte die Gräfin, ein Gebiet berührte, das die Mama als unpassend und häßlich streng verpönt hatte.

Sie wußte, es gab in der Welt häßliche Dinge, an die ein anständiges Mädchen und eine anständige Frau nicht einmal rühren durfte.

Und nun fiel ihr ein, daß die Mama stets gewarnt hatte, müßigem Geschwätz zu lauschen. Wenn die Leute nicht etwas Bestimmtes zu einem bestimmten Zweck zu sagen hatten, sollte man auf ihr Geschwätz niemals eingehn.

»Über Menschen, denen wir nicht nützen können«, pflegte die Mama zu sagen, »und über Dinge, mit denen wir nichts zu tun haben, sollen wir weder reden, noch andere durch unser Zuhören zu Gerede ermuntern; denn Gott wird am jüngsten Tage für jedes unnütze Wort Rechenschaft fordern.«

Durch die ernste Zurückhaltung der jungen Gräfin belehrt, daß die Dorfchronik nicht beliebt werde, verschloß die Alte schweren Herzens den Schatz ihrer Erfahrungen.

Eines Abends nach dem Diner, als man sich gewohnter Weise in den Rittersaal begab, stand vor Ludwinas Stuhl ein Spinnrad mit kunstvoll gewickelten Rocken, buntem Rokkenband und wassergefülltem Erzbecher.

Errötend vor Aufregung zog sie das Mädchen heran, setzte den Fuß auf das Tretbrettchen und fing an zu spinnen.

Gyrlani, der am Bücherschrank stand, war verstimmt und fühlte Langeweile. Beim Surren des Rädchens sah er sich verwundert um.

»Was, du spinnst! Ich dachte, du könntest nicht spinnen!« sagte er.

Sie blickte mit einem triumphierenden Lächeln auf: »Ich hab es für dich gelernt.«

Gyrlani wandte sich mit ostentativer Gleichgültigkeit ab. Daß sie da Parade saß, um ihm Eindruck zu machen, störte ihn. Alles an ihr sollte »wie von selbst« sein, wie organisch ihrem Seelenleben entwachsend.

Dabei ahnte er nicht, wie er mit diesem Verlangen seinem eigenen Tun und Treiben widersprach.

Sie ließ den Kopf hängen, spann aber schweigend weiter. Dabei ging etwas Schreckliches in ihr vor.

Sie fühlte mit einem Mal Haß gegen Gyrlani. Sie hätte aus dem Zimmer laufen mögen und aus dem Haus! Fort, nur fort! Ihn nie wieder sehen mit seiner Burg, zu derem alten Stil sie passen sollte, wie ein Stück Einrichtung.

Nein, das war schlimmer als tot sein.

Bittere Tränen tropften auf ihre Finger. Plötzlich stand jemand vor ihr. Sie sah ein wenig auf, ohne den Kopf zu heben: Sergei Iwanowitsch!

Er sah ihr zu, wollte gerne etwas sagen und fand nichts. Die viel schweigen, verlernen bald jede Wortgewandtheit.

»Es ist gewiß nicht leicht?« bemerkte er endlich.

Sie fühlte, daß er freundlich sein wollte, weil er sie bemitleidete, und obwohl sie nur leicht den Kopf bewegte in Verneinung seiner Frage, war sie ihm innig dankbar.

13.

Aber die Freude über den Anblick der Frau am Spinnrad kam bei Gyrlani nach.

Sie pflegte jetzt häufig in der frühen Herbstdämmerung im Erker des Rittersaales zu sitzen und zu spinnen.

Dabei traf sie eines Nachmittags Gyrlani.

Durch die Erkerfenster mit ihren romanischen Mittelsäulen sah das Abendrot.

Er sah Frau und Spinnrad als schwarze Silhouette vor dem flammenden Himmel und seine Augen folgten den reizvollen Konturen mit Entzücken.

Sie beugte sich über die Spule, denn bei seinem Eintritt war ihr der Faden zerrissen und hatte sich im Garn der Spule verloren.

Sie mußte ihn mit dem silbernen Haken, der an einer Kette hing, suchen und herausziehen.

Er blieb in ihren Anblick versunken stehen.

Sie fand ihren Faden und spann weiter, ohne Notiz von ihm zu nehmen.

Ihm gingen ein paar Zeilen aus einer Ballade der Annette von Droste durch den Sinn:

»Sie saß so still und spann,
da war kein Blatt geknickt.«

Gewiß, diese stillen spinnenden Frauen, sie waren die Silberfäden, die sich zart und schimmernd und dem Auge wohltuend, durch das große Gewebe der Menschengeschichte zogen!

In diesem Augenblick fühlte Gyrlani schwärmerische, zarte Neigung für Ludwina.

Er setzte sich auf einen niedrigen Schemel zu ihr und sah ihr mit vorgeneigtem Oberkörper zu.

Wie weiß ihre Hände schimmerten und wie seltsam unbewegt ihr Gesicht war!

Sie sah nicht einmal auf.

Man konnte darüber träumen, was für Geheimnisse hinter diesen stummen reinen Lippen in den dunklen Tiefen dieser ungeweckten, unentweihten Frauenseele schlummern mochten.

Eben in dem Verschlossenen lag der Reiz. Er liebte das Rätsel, weil es ein Rätsel war, und gewiß wollte er nie versuchen, es zu lösen.

Er war überzeugt, daß von dem Moment an, wo er sich ganz klar über sie sein würde, seine Freude an ihr das Ende erreicht haben würde.

»Sie saß so still und spann,
da war kein Blatt geknickt.«

rezitierte er in weichem Unterton.

Und während er über ihre schöne, kirchenhafte Ruhe meditierte, tobte hinter dieser Stirn ein Chaos beunruhigender, unverständlicher Gedanken, und Gefühle machten ihr zu schaffen, die ihr hassenswürdig und unnatürlich erschienen.

Ihr armer kleiner Verstand wußte nicht aus noch ein. Niemals war sie zum Nachdenken angehalten worden, im Gegenteil: Wo sich eine Regung selbständigen Denkens gezeigt hatte, war sie unterdrückt worden.

»Über Dinge, die Gott in seiner Weisheit unseren Augen verborgen hat, sollen wir nicht grübeln«, predigte die Mama. »Wir sollen auch nicht vorwitzig fragen, denn das Wissenwollen hat schon die ersten Menschen zu Fall gebracht und uns das Paradies verschlossen.«

Diesen Maximen hatte Ludwina und ihre Schwester gehorsam nachgelebt und hatten sich wohl dabei befunden.

In jeder Ungewißheit wußte ja die Mama das befreiende Wort.

Hier aber, in der Trotzburg, gab es keine Seele, der sie sich aussprechen und der sie vertrauen konnte.

Sie verstand auf einmal sich selbst nicht mehr. Warum konnte sie nicht ganz ruhig und zufrieden sein? Warum konnte sie nicht ihren Mann, der nichts von ihr verlangte als sich nach seinem Geschmack anzuziehen und der sie so reich beschenkte, – warum konnte sie ihn nicht lieb gewinnen?

Nie hatte er ihr ein hartes Wort gesagt, nie sie böse angesehen und doch wurde er ihr fremder statt vertrauter!

Woher kam dies dumpfe Angstgefühl in seiner Gegenwart, das sie wortscheu machte und ihre Lebensgeister niederdrückte?

Und diese plötzlich aufwallende Empörung?! Als sei er nicht ihr natürlicher Freund und Beschützer, sondern ein unheimlicher Feind?

War sie im Begriff, irrsinnig zu werden? –

Still und monoton verflossen die Sommermonate, ein Tag wie der andere.

Ludwina besorgte ihren Haushalt, dann machte sie mit großer Sorgfalt Toilette und kam, zurechtgemacht wie ein Bild, zum Lunch. Nachmittags fuhr oder ging sie allein spazieren, wenn das Wetter es erlaubte, und regnete es, so saß sie mit einer Handarbeit in ihrem Zimmer oder las im Thomas a Kempis, dessen »Nachfolge Christi« ihr der Graf geschenkt hatte.

Ihre Hausgenossen sah sie nur bei den Mahlzeiten und die Abende.

Aber alle vier schienen immer mehr das Sprechen zu verlernen. Gyrlani schwieg, Ludwina schwieg, der Arzt schwieg und der Kaplan schwieg.

Abends las Gyrlani jetzt, wenn er frisch genug war, seiner Frau vor.

Dazu hatte er »récit d'une soeur« gewählt, jenes überschwenglich fromme, von der Akademie gekrönte Memoirenwerk der Madame Augustus Craven, née de la Ferronay.

Gyrlani, der alle schlüpfrigsten und gepfeffertsten Erzeugnisse alter und moderner Literatur kannte und dem die raffiniertesten Pariser Hautgout-Erfindungen schon fad geworden waren, fand neuerdings Geschmack an der religiösen Ekstase und dem Gefühlsrausch dieser heiligen Schwärmerseelen.

Daneben erquickte sein Ohr das mustergültige Französisch und nicht minder der Klang seiner Stimme und seine eigene elegante Aussprache.

Wenn er die schwungvollen Auslassungen dieser hochgemuten Herzensaristokraten so schön las, hatte er ganz die Empfindung als seien es seine eigenen Regungen.

Und über der ganzen Situation lag für ihn eine Vornehmheit und edle Schönheit, die ihn turmhoch über das Niveau seiner ehemaligen Lebensgenossen hob. Er fühlte sich wie es seiner Gewohnheit und seinen innersten Bedürfnissen entsprach, als der Überlegene, Bewunderte, Respektierte, als unter allen Umständen Herr der Situation.

Aber sein Befinden erlaubte ihm nicht immer sich auf dieser Höhe zu fühlen und nach dem jeweiligen Gesundheitszustand richteten sich die Spaziergänge, die Bäder, das Menü, kurz das Programm des Tages. Auch hing es davon ab, ob er bei Tisch unterhaltend war oder nicht.

Wenn es ihm schlecht ging, litt er an einer fürchterlichen Angst vor dem Abnehmen seiner Genußfähigkeit. Denn leben hieß bei Gyrlani: genießen!

Er wünschte das Leben bis auf den letzten Tropfen herunterzuschlürfen wie eine Delikatesse.

Eine Barbarei war es, den Genuß der Sinne immer nur im Allergrößten zu suchen. Aus tausend Quellen konnte die Lust Nahrung schöpfen.

Wie roh und plump war es zu meinen, man müsse um Lust zu genießen, immer eines Weibes Körper umfassen; die ganze unendlich reiche, ewig wechselnde, voll intimer Reize steckende Natur konnte ja die Sinne bis zur Ekstase reizen und erregen, wenn man sich auf sie verstand!

Man mußte nur sehen, hören, riechen lernen!

Er umgab sich mit schönen Pflanzen, wohlriechenden Blumen, prachtvollen Stoffen und stilvollen Gegenständen.

Er studierte aufs genaueste deren Wirkung auf das Auge, auf den Geist, auf die Stimmung.

Wie er die Gegenstände umstellte, gruppierte, beleuchtete, drapierte, so machte er es auch mit Ludwina.

Manchmal fiel es ihm ein, ihr das aufgesteckte Haar zu lösen und dann spielten seine überschlanken weißen Hände in der seidigen, dunkelblonden Haarfülle und seine Nase tauchte hinein.

»Der Duft deines Haares ist exquisit!« sagte er.

Wenn er sie so mit zarten Fingern berührte, wie etwas, das man nur eben mit den Fingerspitzen anfassen darf, um nicht den Blütenstaub abzustreifen, dann empfand sie eine seltsame Aufregung, die in dem heißen Wunsch gipfelte, er möchte sie einmal recht fest in die Arme schließen und küssen.

»Das würde gut tun!« dachte sie.

Einmal, als er besonders lieb mit ihr gewesen war, wagte sie es, ihrem Drang nachzugehen und schmiegte sich ihm an.

Er regte sich nicht und sie auch nicht.

Aber er fühlte, wie sie unter seiner Berührung in Lust erbebte und begriff mit Entsetzen, daß sich ihr junger Körper nach dem seinen sehnte!

Fast heftig schob er sie von sich fort und ging aus dem Zimmer.

14.

Der totenstille Winter nahm endlich Abschied und der Frühling kam. Die Landschaft begann wieder prachtvoll zu duften und zu glühen, aber Ludwina wurde nur immer trauriger.

Aller Lebensmut war ihr abhanden gekommen, sie konnte nur immer weinen.

Ja, sooft sie allein war, mußte sie weinen. Ihre Augen bekamen rote Ränder und wurden trübe, aber das gefiel Gyrlani. Er fand, es sah seelenvoll aus. Allerdings wußte er nicht, daß diese interessanten Tizianschen Tinten von durchsichtigem Weiß und fieberigem Rot eine Folge zahlloser Tränen waren.

Sie empfand immer schärfer, daß sie für ihn kaum etwas anderes war, als ein Zierat, der so oder so wirken mußte nach seinem jeweiligem Gelüste.

Als ein unter leblose Dinge rubrizierter, als Gegenstand aufgefaßter Mensch fühlte sie sich. Nicht einmal wenn er krank war, durfte sie in sein Schlafzimmer kommen. Gerade dann, wenn sie es als Frauenrecht und Frauenpflicht fühlte, ihn zu umsorgen, bekam sie ihn oft tagelang nicht zu sehen.

Eines Nachmittags stand sie im Rittersaal am Erkerfenster und sah in den Regen hinaus. Der Himmel war weißgrau. Die beiden Pappeln am Tor bewegten ganz leise ihre Blätter.

Ein Vogel zwitscherte.

In der Burg war es totenstill. Der Graf ließ sich in seinem Zimmer von Sergei Iwanowitsch massieren, der Kaplan war ausgegangen, das Gesinde weilte in den dickummauerten Räumen des Erdgeschosses, aus denen kein Laut heraufdrang.

Nur den Kutscher hörte sie mit seiner im Pferdestall wohnenden Kaninchenfamilie sprechen.

Sie konnte über die Parkmauer weg in die zu Tal führende Dorfstraße sehen, mit ihrem rosenumrankten alten Gemäuer, dem murmelnden Bächlein und der wassergedunkelten Mühle.

Auf einmal hörte sie eine süße, helle Kinderstimme. Die kleine Resi aus der Mühle saß auf dem Prellstein im Torweg und sang stillvergnügt ein Lied, das sie bei den Nonnen in der Kinderschule gelernt hatte.

Ludwina konnte die Kleine kaum erkennen, aber die rührende, frische Kinderstimme drang ihr ins Herz wie eine süße Schmeichelei.

Und da auf einmal nahm die Sehnsucht, die sie fast verzehrte, eine deutliche Gestalt an: »Kinder! Lieber Gott, gib mir ein Kind!«

Es war wie eine jähe Erleuchtung: Das fehlte ihr, hatte ihr die ganze Zeit gefehlt! Natürlich nur das. Wenn Gott ihr ein Kindchen schenkte, dann war alles, alles gut.

Von dieser Stunde an drehten sich all ihre Gedanken nur um den einen Punkt: die Sehnsucht, Mutter zu werden.

Vielleicht, dachte sie, hat Gott mir bis jetzt dieses Glück versagt, weil ich rebellischen sündhaften Gedanken nachgehangen habe und nicht die Kraft fand, meinen Mann von Herzen zu lieben.

Sie betete reumütig um ein liebevolles, demütiges Herz. Solange Gyrlani nicht bei ihr war, gelang es ihr auch, eine liebevolle Gesinnung für ihn zu hegen; kaum aber hörte sie seine verhaltene Stimme oder sah sie sein blasses, nervöses Gesicht, so stieg die alte Bitterkeit in ihr auf, sie mochte dagegen ankämpfen, wie sie wollte.

Dabei befestigte sich in ihr der Gedanke, daß sie die wahre Liebe für ihren Mann finden müsse, wenn sie Erhörung ihres Flehens solle erhoffen dürfen.

Allein diese Überzeugung geriet ins Wanken.

Der Sommer brachte vereinzelte Gäste nach der Trotzburg, Verwandte Gyrlanis.

Sie weilten niemals lange, weil die Nerven des Grafen die Unruhe und unterschiedlichen Rücksichten, die er sich als Mann von Lebensart Hausgästen gegenüber auflegte, nicht lange aushielten.

Immerhin war es endlich eine Berührung mit Menschen aus der Gesellschaft, die für Ludwina neue Eindrücke brachte.

Unter den Gästen war eine Kusine Gyrlanis, die seit vielen Jahren von ihrem Gatten getrennt lebte. Sie war als ganz junges Mädchen von der Familie verheiratet worden und hatte ihren Mann, von dem Gyrlani mit äußerster Geringschätzung sprach, nie geliebt. Nichtsdestoweniger war sie Mutter mehrerer Kinder.

Allerhand Zweifel kamen ihr. Wenn sie nur einen Menschen gewußt hätte, den sie danach hätte fragen können! Aber wen? Gyrlani? Eine Ahnung sagte ihr, daß sie von ihm keinen Aufschluß erhalten würde, auch wenn sie den Mut zu einer solchen Frage fände.

Die Mama? Sie schrak davor zurück, die Mutter, die ihre Tochter gut und glücklich glaubte, einen Einblick in die Verwüstung ihres Innern tun zu lassen.

Fremde Besucher? Das war ganz unmöglich.

Endlich verfiel sie auf den verschwiegenen, überaus diskreten Sergei Iwanowitsch.

Tagelang lauerte sie mit heimlicher Spannung auf ein ungestörtes Zusammensein mit dem jungen Mann.

Eines Tages begegnete er ihr im Flur, als sie eben im Begriff war, in den Garten zu gehen.

Sie sprach ihn an.

»Haben Sie schon die neu aufgeblühte Orchidee gesehn?«

»Nein, Frau Gräfin.«

»Kommen Sie, ich will sie Ihnen zeigen.«

Er verbeugte sich zustimmend und schloß sich ihr an. Ihr Herz klopfte stürmisch, denn jetzt mußte sie sprechen, die Gelegenheit fand sich vielleicht nicht wieder.

Sie war so gewöhnt, alles was ihr auf dem Herzen lag, bei sich zu behalten, daß es sie die größte Willensanstrengung kostete, die lang vorbereitete Frage über die Lippen zu bringen.

Schweigend kamen sie zu der interessanten Blume.

»Hier! Sehen Sie! Ist sie nicht seltsam?«

»Mehr seltsam als schön«, meinte Iwanowitsch, »aber der Graf nennt meinen Geschmack einen Anachronismus.«

Er lächelte gutherzig.

»Jetzt muß es sein!« dachte sie und zeichnete in ihrer nervösen Erregung mit der Spitze des Sonnenschirms Buchstaben in den Sand.

»Sergei Iwanowitsch!«

»Frau Gräfin?« Er sah sie aus der Tiefe seiner klugen grauen Augen erwartungsvoll an.

»Gibt es viele unglückliche Ehen?«

»Leider ja.«

»Sagen Sie: kommt es manchmal vor, daß eine Frau ihren Mann nicht liebt, obwohl er vortrefflich ist?«

Er sah sie scharf an, sie aber hielt den Blick fort und fort auf die Spitze ihres Sonnenschirmes gerichtet.

»Ja, das kommt vor.«

»Hat eine Frau, die so etwas tut, trotzdem auch Kinder?«

Er sah sie konsterniert an. »Ich verstehe Sie nicht, Frau Gräfin,« sagte er unsicher

Was wollte sie denn? –

»Ich meine ...« sie sah errötend auf, mit dem unschuldigsten ehrlichsten Gesicht, »ob schlechte Frauen trotz ihrer Sünde von Gott mit Kindern gesegnet werden?«

»Herrgott im Himmel!« dachte er erschrocken, »ist sie denn ein kleines unwissendes Baby?!«

Laut sagte er: »Kinder sind unter Umständen kein Segen, sondern eine Strafe. Wünschen Sie sich keine Kinder, Frau Gräfin!«

Zu seinem Entsetzen brach sie in Tränen aus.

Er tat, als ob er es nicht bemerkte und erzählte ihr von einem Bergrutsch, der kürzlich bei einem Gewitterregen oberhalb von Putschatsch die Straße gesperrt hatte.

»Alle Männer von Putschatsch sind bei den Forträumungsarbeiten beschäftigt.«

Während er sprach, gingen sie ins Haus zurück. Er sah, daß sie wieder und wieder das Taschentuch an die Augen führte.

Als sie sich jedoch im Flur von ihm trennte, hatte sie sich gefaßt und verabschiedete ihn mit einem kühlen Lächeln.

15.

Als es zum zweitenmal nach Gyrlanis und Ludwinas Heirat Weihnachten wurde, lud der Graf seine Schwiegereltern sowie Schwägerin und Schwager zum Fest auf die Trotzburg ein.

Spätabends bei Laternenschein kamen die beiden zur Bahnstation entsandten Wagen mit den Gästen und deren Gepäck durch die Torfahrt gerasselt.

Ludwina, die die Ihrigen nur im Frühsommer flüchtig wiedergesehen hatte, war hinabgeeilt, als sie die Wagen hörte, und stand im Portal.

Sie trug eine schleppende Damastrobe von altem Rosa und darüber eine resedafarbene lose Jacke mit Silberfuchs verbrämt. Statt des glatt zurückgestrichenen Haars von früher trug sie ganz lose, tief über die Ohren fallende Scheitel, und das Haar im Nacken so lose geschlungen, als wolle es eben ganz herabfallen.

Die Baronin Stubben sah sie höchlichst erstaunt an.

Im Maskenanzug empfängt Ludwina Gäste?! dachte sie.

Dann lag die Tochter in ihren Armen und stammelte zärtliche Worte unter hysterischem Schluchzen.

Die Mutter erschrak tief.

Diese aufgeregte, theatralisch kostümierte Frau, die so jede Haltung verlor, war das wirklich ihre einfache, wohlerzogene Tochter Ludwina?!

»Aber Ludi! Ludi!« mahnte sie.

»Es ist nur die Freude!« stammelte Ludwina.

Indessen war auch Gyrlani, der nicht so rasch wie seine Frau die steile alte Schloßtreppe hinunterkam, erschienen und begrüßte die Gäste in seiner kavaliermäßigen Art.

Aber auch ihn überraschte die Fassungslosigkeit der Gräfin aufs peinlichste.

Eine halbe Stunde später vereinigte man sich zum Abendimbiß im Speisesaal.

Ludwina weinte nicht mehr, sondern präsidierte der Tafel mit ruhiger Frauenwürde, wie es sich gehörte. Aber wie hatte sie sich in den anderthalb Jahren ihrer Ehe verändert!

Ihr Gesicht war ganz schmal geworden, ihre Augen lagen tiefer und hatten einen scheuen stieren Blick, wenn sie nicht gerade sprach oder lächelte, und um ihren Mund lag ein festgewordener Zug des Leidens.

Der Mutter wurde schlecht zumute.

Wie frisch sah Marie dagegen aus, wie heiter und natürlich, obwohl sie einen Herzenskummer hatte, weil sie den armen bürgerlichen Oberleutnant, den sie liebte, nicht heiraten konnte.

Wirklich, Ludwina sah zehn Jahre älter aus, als die fast gleichaltrige Schwester!

Was konnte ihr denn fehlen?

Alles, was Frau von Stubben bis jetzt in der Trotzburg gesehen, gefiel ihr. Überall herrschte vornehmer Geschmack und gute Ordnung. Die Dienerschaft machte den besten Eindruck. Die jungen Hausgenossen des Ehepaars, der Arzt und der Kaplan ließen an bescheidener Zurückhaltung nichts zu wünschen übrig.

Der Schwiegersohn war trotz seiner Kränklichkeit die Liebenswürdigkeit selbst und wenn er sich an Ludwina wandte, sprach er mit Ehrerbietung, ganz wie es einem vornehmen Mann in Gegenwart von Gästen ziemte.

Die Baronin Stubben war eine prinzipielle Gegnerin von sogenannten Aussprachen oder, wie sie sagte, »Szenen«, wie von allem, was die fein polierte Außenseite der Konvenienz durchbrach und etwas von dem zum Vorschein bringen konnte, was sie fürchtete wie den losgelassenen Pöbel, weil es ihr ebenso toll in seinem bestialischen Naturtrieb erschien: den Menschen ohne Verkleidung.

Nur gebändigt fand sie den mit der Erbsünde belasteten Menschen genießbar.

Religion, Anstand, strenge Sitte allein befähigten die sündigen und verkehrten Menschen in gottwohlgefälliger Gemeinschaft zu leben.

So fühlte sie und darum widerstrebte es ihr, eine vertrauliche Aussprache mit Ludwina herbeizuführen, obwohl sie sehnlichst wünschte, die Ursache des Kummers ihrer Tochter zu wissen.

Aber wenn Ludwina nicht selbst sprach, wollte sie nicht fragen.

Die Weihnachtstage mit ihren heiteren Feiern, den Bescherungen der Familie, der Dienerschaft, der Dorfkinder, brachten Geschäftigkeit und frohe Eindrücke und damit auch Farbe und Heiterkeit in Ludwinas Gesicht.

»Es ist am Ende doch nur eine vorübergehende Indisposition gewesen«, tröstete sich die Mutter.

Am Tage vor der Abreise der Stubbens saß die Baronin einmal mit Ludwina allein in deren Zimmer.

»Du hast keine Vorhänge im Erker«, bemerkte sie, »da wird die Sonne bald die schöne Farbe dieser Plüschdecke ausziehen.«

»Davon wird ja die Farbe erst schön«, meinte Ludwina.

»Wie? Ein verschossenes Rot soll schöner sein als ein neues?«

»Joseph schwärmt für verschossene Stoffe. Er findet das Frische aufdringlich und vulgär. Es muß alles welk, fatigiert und abgeblaßt sein, um ihm zu gefallen.«

»Das ist ein recht origineller Geschmack«, lächelte die Mama.

Aber das lächeln war sehr äußerlich. Ein erschreckend häßlicher Gedanke durchzuckte ihr Hirn: »Ob er auch bei Ludwina die Frische vulgär gefunden hat? Jetzt ist sie jedenfalls fatigiert und abgeblaßt!«

In einer bei ihrer kalten, reservierten Natur sehr seltenen Anwandlung von Zärtlichkeit, nahm sie den Kopf der jungen Frau zwischen ihre Hände und sah ihr gütig in die Augen.

»Mein liebes Kind, denkst du auch immer daran, daß Gott dich reich beschenkt hat? Du hast viel Ursache, dankbar zu sein.«

»Ach, liebe Mama!« rief Ludwina, »wenn ich nur ein Kindchen bekäme!«

»Nun, nun, wer wird so ungestüm sein. Gottes Wille geschieht so oder so. Betest du auch treu?«

»Unablässig, Mama!«

Wieder erschrak die Mama über die Leidenschaft im Ton der Tochter.

»Vor allem mein Kind, mäßige dein Verlangen. Ein zu ungestümes Begehren straft sich immer.«

»Mama!«

»Was willst du sagen?«

»Mama, kann man denn gar nichts dazu tun?!«

Es klang wie ein Schrei nach Hilfe.

»Zu was?«

»Um ein Kind zu bekommen?«

»Gedulde dich; weiter weiß ich dir keinen Rat. Du bist erst anderthalb Jahre verheiratet, da können noch viele Kinder kommen, wenn es Gott gefällt.«

Die Mutter glaubte die Tochter jetzt wissend, und die Tochter war an Unerfahrenheit das Kind von ehedem geblieben.

Darum sprachen sie um einander herum und an einander vorbei.

16.

Ludwina hatte ihre Angehörigen fortfahren sehen und schlich sich bitterlich weinend auf ihr Zimmer.

Nicht nur die Abreise der Lieben schmerzte sie, – weher noch tat es ihr zu fühlen, daß zwischen ihr und jenen eine Fremdheit entstanden war.

Besonders wollte der alte Glaube an die Unfehlbarkeit der Mama nicht mehr vorhalten.

Die Mutter hatte ihr keinen Trost und keinen Aufschluß gegeben!

Als sie ihr Zimmer betrat, fiel ihr Blick auf das Weihnachtsgeschenk der Mama: eine Prachtbibel.

Noch nie bis dahin hatte Ludwina eine Bibel in Besitz gehabt.

Ihr kam der Einfall, die ganze Bibel vom ersten Kapitel des ersten Buches Moses an durchzulesen. Das, meinte sie, mußte doch Segen bringen.

In frommer Andacht begann sie zu lesen.

Bald jedoch wich die Andacht einem brennenden Interesse. Sie las und las, bis ihre Wangen glühten.

Flüchtig glitt sie über die Kapitel, die sie halb auswendig konnte; dazwischen aber fand sie Stellen, die man ihr vorenthalten hatte und die sie in leidenschaftliche Spannung versetzten.

Dabei war es ihr, als begehe sie einen Frevel.

Wenn in der Nähe eine Tür ging, fuhr sie zusammen und sah horchend auf, bereit die Bibel zuzuklappen beim ersten Schritt, der sich näherte.

Und sie tat doch nichts Verbotenes! Sie las doch nur in der Bibel! In der Bibel, die sie aus den Händen ihrer Mutter empfangen hatte! Gyrlani hatte sich in der Zeit des Hausbesuches zu viel zugemutet. Jetzt litt er an Nervenschmerzen und mußte das Bett hüten.

Mehrere Tage bekam ihn Ludwina nicht zu sehen. Sie saß auf ihrem Zimmer und fieberte und las und kombinierte.

Bei den Mahlzeiten war es ihr mehrmals, als betrachte sie Sergei Iwanowitsch verstohlen.

Und begegnete sie zufällig seinem forschenden Blick, so wandte sie sich verwirrt ab.

Sie betrachtete plötzlich alle Menschen unter einem neuen Gesichtswinkel. Weiß er? Weiß sie? Hat er Erfahrung? Hat sie? Wie mögen sie darüber denken? »Geht es bei den Menschen zu wie bei den Tieren?« dachte sie weiter. Und warum nicht? Die Tiere essen, trinken, schlafen und sterben wie wir, warum nicht auch das andere?

Sie ging in die Stallungen und fragte die Knechte vorsichtig tastend nach dem und jenem und jede Antwort war ihrem lauschenden Geist eine Bestätigung leiser Ahnungen oder ein neues Licht.

Sie fing an, die Mägde und alten Bäuerinnen auszuhorchen.

Alles andere hatte jegliches Interesse für sie verloren. Eigensinnig richtete sich ihr ganzes Wesen auf das eine, es wurde zur Monomanie.

Sie ging versonnen umher, wie ein Mensch, der einer heimlichen Leidenschaft frönt. Sie wagte niemandem recht in die Augen zu sehen. Wenn man sie ansprach, störte man sie. Eine unbekannte Welt war im Begriff, sich ihr zu enthüllen und sie durfte keinem davon etwas sagen!

Wer ihr Antwort hätte geben können auf die tausend Fragen, die alle in der einen ausmündeten: Warum hat man mir das nicht erklärt?! Warum verheimlicht mir mein Mann das Wichtigste? Warum will er nichts von mir wissen?!

Gyrlani lag indessen in seinem Zimmer und trieb Schönheitskultus.

Durch eine komplizierte Vorrichtung von verschiedenartigen Zuggardinen, die das Tageslicht bald voll bald gedämpft, bald von oben bald von unten einfallen ließen, erzielte Gyrlani eigenartige Beleuchtungen, die an den Drapierungen von kostbaren Stoffen und seltsamen Farbentönen die reizvollsten Lichteffekte schufen.

Oft war die plötzlich durch dunkles Gewölk brechende Wintersonne oder ein »himbeerfarbener« Sonnenuntergang aufs wirkungsvollste mit seinem Licht- und Farbenkultus im Bunde.

Dann konnte er aus seiner bequemen Lage plötzlich aufspringen, um seine Augen mit leidenschaftlichem Entzücken weiden zu lassen.

Solche Momente nannte er seine »Erlebnisse«.

In diesen Zeiten körperlichen Siechtums und geistiger Wachheit war ihm nur wohl, solange er auf dem Rücken lag. Sein breites niedriges Ruhebett war erfinderisch raffiniert eingerichtet. Er lag auf seidenen Decken und mit Seide überzogene Roßhaarpolsterchen lagen für den Nacken, die Hand- und Fußgelenke und die Höhlung des Rückens bereit. Der ganze Körper mußte sich ruhend fühlen.

Wo die Blicke auch schweiften, mußte ihnen etwas begegnen, das ihm angenehme Empfindungen schuf.

An der in edler, sehr ruhiger Holzarbeit gehaltenen Zimmerdecke entlang lief ein Fries, dessen phantastische Zeichnung ein genialer Münchner Künstler entworfen hatte. Diese kühnen, freien, einander anmutig fliehenden und wieder suchenden Linien waren formgewordene Liebesempfindungen.

Wer sie ansah, mußte etwas von den Urgesetzen des Lebens fühlen.

Die Wände verhingen ausgesucht schöne Gewebe, deren satte Farben mit jeder kleinen Neustellung des Lichtverhängungsapparats variierten.

Jeder Gegenstand in dem Zimmer hatte einen strengen und edlen Stil.

Zuweilen freilich litt Gyrlani an schwerem nervösen Unbehagen und dann kam es wohl, daß ihn das Raffinement seiner Umgebung anwiderte.

Und dann schwärmte er plötzlich für die leere Zelle, den Strohsack und das Kruzifix eines Asketen; aber die Liebe zum Asketentum blieb so platonisch wie die zu seiner lilienreinen Frau.

17.

Rakosky, der Kammerdiener Gyrlanis, dessen Blicke anfangs die Gräfin abgestoßen und beunruhigt hatten, war ihr schon lange nicht mehr damit lästig gefallen.

Da sie die Abneigung gegen den Vertrauten ihres Gemahls weder hatte erklären noch überwinden können, hatte sie jede Berührung mit dem Polen vermieden.

Rakosky hatte dies Ignoriertwerden schweigend hingenommen und erwidert.

In der letzten Zeit aber hatte sich zum zweitenmal sein Benehmen Ludwina gegenüber geändert.

Er zeigte sich beflissen, wo es anging, der Gräfin kleine persönliche Dienste zu leisten, ihr den Stuhl zurechtzurücken, die Türen zu öffnen, die Galoschen anzuziehen usw.

Alles dies tat er in einer schmeichelnden, sich bemerklich machenden Art.

Wenn sie ausgehen wollte, stand er sicher im Vorsaal, den Pelzmantel bereit haltend. Und wenn er ihr den Mantel umlegte, ruhten seine Hände länger als notwendig auf ihren Schultern. Besonders aber schien er zu lieben, ihr die weiten Kleiderärmel mit weicher, fast zärtlicher Hand unter die Mantelärmel zu streichen.

Er hatte das sofort den vornehmen Herren abgesehen, die ihren modisch gekleideten, mit Ballonärmeln geschmückten Damen diesen anmutigen Dienst leisten durften.

Wenn Ludwina ihn dabei zufällig einmal ansah, so wandte sie sich tief erschrocken ab.

Denn in seinen schwarzen lebhaften Augen flammte ihr etwas Leidenschaftliches, Begehrendes entgegen. Und sie dachte: Weiß er? Gewiß weiß er. Und dann weiß er auch, daß mein Mann mich verschmäht. Dieser gräßliche Mensch!

Ihr Schamgefühl litt qualvoll. Es war ihr, als stehe ihr Schmach an der Stirn geschrieben.

Nachdem Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis die verbotene Frucht genascht hatten, schämten sie sich plötzlich ihrer Nacktheit.

Ludwina wußte, daß sie unaufhörlich über Dinge nachsann, die ihr hatten verborgen bleiben sollen und daß ihre Phantasie in unreinen Vorstellungen sich erging.

Sie steckte also knietief in Sünde!

Und, was das Verwerflichste war, sie konnte und wollte den eingeschlagenen Weg nicht mehr verlassen. Lieber mit halbgeschlossenen Augen weiter taumeln!

Sergei Iwanowitsch sagte unvermutet eines Tages zu Gyrlani: »Es ist nicht gut für die Gräfin, so viel allein zu sein.«

Der Graf, der in einem Liegestuhl ruhte, sah etwas verwundert auf.

»Sieht die Gräfin leidend aus?«

»Ja«, antwortete Sergei Iwanowitsch kurz.

»Sie ist einsam! Sie leidet sanft und stumm!« sagte sinnend Gyrlani. »Wie rührend und verehrungswürdig ist doch so eine Frau!«

»Aber lieber Gott!« rief der junge Arzt ungeduldig, »man kann doch für etwas Zerstreuung sorgen, zum Beispiel eine unterhaltende Gesellschafterin engagieren.«

»Eine geschwätzige Gans? Ich danke.«

»Das ist nicht nötig. Es gibt immer noch liebenswürdige und taktvolle Mädchen genug.«

Gyrlani verzog den Mund zu einem boshaften Lächeln.

»So ein recht liebes herziges junges Ding, nicht wahr? Und hübsch auch noch. Das könnte Ihnen wohl passen, mein lieber Sergei Iwanowitsch? Nein, nein, Doktor. Für Romane ist dies Haus nicht der Ort. Wenn Sie sich langweilen, fahren Sie doch in Gottes Namen sooft Sie Lust haben nach Meran. Meine Kasse steht Ihnen ganz zur Verfügung. Aber hier nicht.«

Das Ende war in vertraulich wohlwollendem Ton gesprochen.

Aber der junge russische Gelehrte fühlte sich so angewidert, daß er nicht einmal antwortete.

Die Verhältnisse in der Trotzburg fingen an, ihn stark zu bedrücken. Das Schicksal der Gräfin ging ihm zu nahe. Er beschäftigte sich bereits zu lebhaft mit ihr, in Gedanken freilich nur. Und konnte nichts für sie tun.

Es war ihm ganz recht, daß sein Kontrakt bald ablief, trotz der fürstlichen Honorierung.

18.

Es war eine laue Märznacht.

Durch die offenen Fenster kamen warme Wellen von südlichen Frühlingsdüften.

Die Hausgenossen saßen im Rittersaal.

Ludwina spielte Klavier. Sie hatte die Empfindung, als sei in ihrem Körper ein beständiges wogendes Wallen. Spannung und Erregung durchzitterten sie bis in die Fingerspitzen.

Gyrlani horchte entzückt. So ausdrucksvoll war ihr Spiel sonst nicht gewesen. »Sie wird immer seelischer«, dachte er sehr erbaut.

Wenn sie pausierte, hörte man das Flöten einer Nachtigall, die vor dem Fenster in einem Baumwipfel saß.

Im Erker saßen der Kaplan und der Arzt beim Domino. Der Kaplan spielte bedächtig, Iwanowitsch unaufmerksam.

Sergei Iwanowitsch saß jetzt immer so, daß er die Gräfin im Auge behielt.

Ludwina spielte so schön sie konnte, sehnsuchtsvoll schwermütige Volkslieder, denen sie den Ausdruck der Leidenschaft gab. Sie flehte und lockte in Tönen, wie die Nachtigall.

Sergei Iwanowitsch mahnte zum Auseinandergehn.

Er versäumte diese Pflicht nie.

Gyrlani küßte seiner Frau beide Hände.

»Schlaf wohl, meine süße, weiße Nachtigall«, flüsterte er ihr zärtlich zu, »und Engel des Himmels mögen dich behüten!«

»Joseph!«

Es war ein zitternder, halb erstickter Aufschrei.

Er sah sie bestürzt an. »Was fehlt dir?«

»Was mir fehlt? Du! Du liebst mich ja nicht.«

»Bist du von Sinnen?«

»Joseph ... ich ... erbarme dich, ... hilf mir ... ich möchte so furchtbar gern ein Kindchen haben!«

Sie hatte sich mit fiebernden Händen an die Aufschläge seines Rocks festgeklammert und das erglühende Gesicht an seine Brust gedrückt.

Noch nie hatte sie sich etwas Ähnliches erlaubt nach jenem ersten schüchternen und ganz mißglückten Versuch eines zagen Anschmiegens.

Gyrlani war aufs peinlichste überrascht. Obwohl es seiner Eitelkeit schmeichelte, daß sie sich in ihn verliebt hatte, wußte er doch, daß es etwas Gefährlicheres für ihn selbst und für sie nicht gab.

Diese Möglichkeit hatte er gar nicht ins Auge gefaßt. Sie war so rein, so ahnungslos und er hatte sie in einer so klösterlichen Abgeschlossenheit gehalten. Nie war in ihrer Gegenwart ein Wort gefallen, das ihre Sinne hätte wecken können. Er, der Lebemann von ehedem, hatte gelebt und geredet wie ein Heiliger.

War wirklich der gemeine Trieb unausrottbar in den Weibern?

Sie war ihm plötzlich zuwider. Er grollte ihr. So hätte sie nicht sein dürfen. Es war unedel, unweiblich, schamlos.

Sanft, aber fest machte er sich von ihr los.

»Kindersegen steht allein in Gottes Hand«, sagte er mit strengem Ernst. »Ist es in seinem Ratschluß anders beschlossen, so haben wir entsagen zu lernen.«

Damit wandte er ihr den Rücken und ging aus dem Zimmer.

Sergei Iwanowitsch, der nichts von dem kurzen Zwiegespräch gehört hatte, folgte dem Grafen, wie immer, da er ihn noch elektrisch massieren mußte.

»Empfehl mich zu Gnaden«, sagte die hölzerne Stimme des Kaplans. Auch er verließ den Rittersaal.

Ludwina stand wie erstarrt.

Die Demütigung ihrer Bitte und die Abweisung, die sie erfahren, hatte vernichtend getroffen.

Sie meinte, den Kopf nie wieder aufrecht tragen zu können.

Plötzlich fühlte sie einen heißen Atem auf ihrem Nacken und Rakoskys Stimme raunte ihr ins Ohr: »Schönste, reizendste Frau! Laß mir nur einmal deine Kammer offen! Nur eine einzige Nacht. Soll dieser herrliche Leib ungenossen verblühen? Sag ja! Darf ich? Darf ich?«

Sie lauschte wie gebannt, unfähig sich zu rühren.

Da stahl sich des Polen Arm um ihre Hüfte.

Sie schrie plötzlich laut auf, wie jemand der in Todesschreck aus beängstigenden Träumen fährt.

Rakosky schlüpfte blitzschnell durch die nächste Tür.

Sergei Iwanowitsch kam herbeigeeilt. Er hatte ihre Schreie gehört.

Jetzt fand er sie an allen Gliedern zitternd mitten im Rittersaal stehen mit großen verstörten Augen, als habe sie eben ein Gespenst gesehen.

Sergei umfaßte sie und trug sie halb nach dem nächsten Sessel.

Dann holte er ihr ein Glas Wasser.

Sie trank ein wenig, da er ihr das Glas an die Lippen hielt.

Dann lehnte sie den Kopf zurück, schloß die Augen, seufzte tief auf und fuhr wieder wie in Fieberschauern zusammen.

»Versuchen Sie ruhig zu werden, Frau Gräfin«, sagte Sergei Iwanowitsch eindringlich. »Was hat Sie erschreckt?«

Sie hauchte: »Ich fürchte mich.«

»Wovor?«

Sie griff nach seiner Hand. »Lassen Sie mich nicht allein!«

Er umfaßte ihr Handgelenk und fühlte nach dem Puls.

»Gehen Sie zu Bett, Frau Gräfin. Ich schicke Ihnen einen Schlaftrunk«, sagte er in herzlichem Ton.

Sie meinte, er wolle gehen und faßte ihn beim Arm.

»Lassen Sie mich nicht allein, Sergei Iwanowitsch!« sagte sie ängstlich.

»Vertrauen Sie mir doch! Hat Sie jemand oder etwas erschreckt?« Aber sie blieb stumm, nur ein Frösteln und Zittern überlief von neuem ihre Glieder.

Er führte sie am Arm bis in ihr Zimmer, wo er sie der Jungfer überließ.

»Sorgen Sie, daß die Frau Gräfin in einer Viertelstunde zu Bett liegt, Jeanette«, sagte er zu der Jungfer. »Ich sehe noch einmal nach.«

Genau in einer Viertelstunde kam er wieder, gab der Gräfin etwas zu trinken und setzte sich neben ihr Bett.

»Sie sind so gut ...« murmelte Ludwina.

Es war solch ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, sobald der Russe sich ihrer annahm.

Ihre Gedanken verirrten sich.

Durch halb gesenkte Lider sah sie immer seine Schulter und ein Teil seines dunklen Beinkleids.

»Er ist da, er ist noch da«, dachte sie ganz glücklich, »ich habe ihn lieb; ja nur ihn. Er ist gut zu mir.«

Dann schlief sie ein.

Als der Arzt hörte, daß sie ruhig schlief, verließ er sie.

»Ich werde schon erfahren, was da vorgegangen ist«, dachte er und machte ein finsteres, entschlossenes Gesicht. »Ich werde meine Augen aufmachen.«

19.

Joseph Gyrlani stand am offenen Fenster.

Frühlingsluft kam herein. Auf dem äußersten Zweiglein eines knospenden Platanenbaumes sang ein kleiner Vogel, daß das Zweiglein unter ihm vibrierte.

Unten auf dem Gartenweg wandelte die Gräfin. Sie trug ein weißes wallendes Wollenkleid nach der letzten Caprice des Grafen, welches mit einem blauen Seidenband unter der Brust zusammengefaßt war.

Sie ging langsam, beinah schleppend, mit gebücktem Kopf. In der Hand hielt sie ein paar langstielige weiße Nelken.

»Wie ein Gedicht!« dachte Gyrlani. »Es müßte Goldgrund dahinter sein.«

Er war ihretwegen ganz beruhigt. Seit jener bedrohlichen Aufwallung hatte er auch nicht mehr das geringste Zeichen von Temperament bei ihr bemerkt.

Sie sah bleichsüchtig blaß aus, sprach fast gar nicht und sah mit geistesabwesenden Augen ins Leere.

»Einen visionären Blick« nannte er das.

Und ihre Bewegungen hatten etwas eigentümlich Mechanisches, wie bei einer Schlafwandlerin.

Gyrlani sagte: »Etwas Pflanzenhaftes.«

Er fand sie, gerade so, sehr anziehend.

In seinen angenehmen Betrachtungen störte ihn der Doktor.

»Was steht zu Diensten, Sergei Iwanowitsch?« fragte der Graf gutgelaunt.

Aber das Gesicht des jungen Mannes sah nicht Gutes versprechend aus.

Er sagte: »Ich halte es für notwendig, Herr Graf, Ihnen mitzuteilen, daß Rakosky die Gräfin in ganz frecher Weise belästigt.«

Gyrlani erblaßte. »Warum sagt die Gräfin kein Wort?« entgegnete er unwillig.

Iwanowitsch furchte die Stirn tief. »Fragen Sie das mich, Herr Graf, oder sich selbst?«

Gyrlani kniff die Augen zusammen. Er überlegte. Natürlich sagte Sergei Iwanowitsch so etwas nicht ohne hinlängliche Begründung. Auch war dem schönen Halunken Rakosky das Schielen nach seines kranken Herrn junger Frau recht wohl zuzutrauen. Die Weiber spukten dem Schlingel noch sehr in den Gliedern. Freilich, die Frechheit war unerhört. Leider konnte er Rakosky nicht entbehren. Von allen Menschen gerade nur diesen nicht.

Er nahm eine gelassene, kühle Miene an.

»Es ist gut, Doktor. Ich werde dem Unverschämten eine Lektion geben. Ich danke Ihnen.«

»Der Mensch muß vor allen Dingen entfernt werden«, sagte der Russe mit großer Entschiedenheit.

Gyrlani antwortete kalt: »Erlauben Sie, dies ist ausschließlich meine Sache, Herr Doktor.«

»Dann muß ich Sie aber als Arzt darauf aufmerksam machen, Herr Graf, daß der Nervenzustand der Frau Gräfin in hohem Grade besorgniserregend ist. Sie können leicht erleben, daß sie irrsinnig wird oder sich dem nächsten besten in die Arme wirft und wenn's Rakosky ist. Meiner Ansicht nach haben Sie, Herr Graf, die Pflicht, Ihre Gemahlin über Ihren Gesundheitszustand und dessen Folgen möglichst aufzuklären.«

Gyrlani hätte den kecken Einmischling am liebsten beim Kragen genommen und zur Tür hinausgeworfen.

Das tat er nicht; aber er setzte sein hochnäsigstes Gesicht auf und sagte mit eisiger Ruhe: »Die Einsamkeit bei uns bekommt Ihnen nicht mehr. Ich bitte Sie, packen Sie Ihre Koffer und reisen Sie nach Wien oder Petersburg zurück.«

Sergei Iwanowitsch verbeugte sich zustimmend und verließ mit hochgetragenem Kopf des Grafen Zimmer.

Beim Diner erwähnte Gyrlani ganz ruhig, es sei schade, daß Sergei Iwanowitsch so rasch abreisen müsse und nicht die acht Wochen, auf die seine Anwesenheit noch zu erhoffen gewesen sei, bleiben könne, doch sei unter den obwaltenden Umständen ja nichts dagegen zu sagen.

Welcher Art die obwaltenden Umstände waren, verriet er nicht und weder der Kaplan noch Ludwina getrauten sich zu fragen.

Aber Ludwina hatte Gabel und Messer sinken lassen. Ihr tief erschrockener Blick suchte den des Russen. Sergei Iwanowitsch sah undurchdringlich aus.

Die Gräfin aß nichts mehr. Den ganzen Abend war sie wie abwesend.

Am anderen Morgen ließ sie den Doktor an ihr Bett rufen. Sie fühle sich unwohl.

Er war schon im Reiseanzug, kam aber natürlich sogleich.

Sie lag im Bett, hatte sich, auf den Ellbogen gestützt, etwas aufgerichtet und sah ihm mit aufgeregten Augen und etwas vorgestrecktem Kinn entgegen.

»Schließen Sie hinter sich zu«, sagte sie, »ich fürchte mich.«

»Wenn ich bei Ihnen bin?!« protestierte er.

Sie wiederholte. »Schließen Sie zu. Ich muß wissen, daß ich ungestört bleibe.«

Er lächelte. »Ein gewisser Rakosky wird in diesen Tagen keinen Schritt unnötig tun«, bemerkte er wie beiläufig. »Der Mensch erlaubte sich impertinent zu sein und ich nahm die Gelegenheit wahr, ihn mit meiner Reitpeitsche bekannt zu machen.«

»Er wird Sie verklagen!«

»Nein.«

Er stand vor ihr, fühlte ihren Puls und stellte ein paar Fragen, die sie so kurz als möglich beantwortete.

»Sergei Iwanowitsch«, sagte sie plötzlich erregt, »warum lassen Sie mich allein?«

Er sah sie verträumt an.

Ihr blondes Haar fiel lose um das schmale Gesicht und die mädchenhaften von zartem weißen Linnen umhüllten Schultern. Sie sah rührend und reizend aus.

Er fand keine Worte, setzte sich neben sie und behielt ihr dünnes weißes Händchen in der seinen.

Beide verstummten in jenem überhitzten, gleichsam mit Elektrizität überladenen Schweigen.

Plötzlich, mit einer jähen Bewegung warf sie die Arme um seinen Hals. Er fühlte ihre brennenden Lippen auf den seinen, er fühlte das wilde Klopfen ihres Herzens an seiner Brust, der Taumel erfaßte ihn und zog ihn hinab.

Als man sich zum Lunch vereinigte, erkundigte sich Gyrlani mit Beflissenheit nach dem Befinden der Gräfin.

Sergei Iwanowitsch antwortete sehr einsilbig und vermied es, den Grafen anzusehen.

Der Russe sah grimmig und häßlich aus, skrofulös, fand Gyrlani. Sooft er nach dem verbissenen Gesicht mit der starken Nase, den breiten Backenknochen und aufgeworfenen Lippen des jungen Mannes hinüberschielte, dachte er: »Unsereiner sieht doch besser aus als so ein Sklave.« Und dann kam ihm der Gedanke, daß der brave Sergei Iwanowitsch den Weibern wohl kaum gefährlich werden könne.

Darüber mußte er lächeln.

Er fand die Verschnupftheit des jungen Mannes natürlich, denn er war sich bewußt, sehr unangenehm zu sein, wenn er einmal unangenehm wurde.

Ihm selbst tat es leid, daß er sich im Zorn hatte gehen lassen.

Er konnte den Russen fast so wenig entbehren wie den Kammerdiener.

Wer sollte ihn elektrisieren? Wer sollte ihn kneten? Und wer kannte so genau seine Konstitution?

Jedenfalls wollte er noch einen Versuch machen, den Starrkopf herumzukriegen. Das Einmischen in Dinge, die ihn nichts angingen, würde er ihm schon abgewöhnen.

Vorläufig freilich schien seine liebenswürdige Unterhaltung verlorene Liebesmüh.

Am Nachmittag ging Gyrlani um seine gewohnte Spaziergehstunde langsam schlendernd, zwischen dem Gartentor und der Mühle auf und nieder.

Der Himmel war tief blau.

Über das alte Gemäuer am Weg quollen Massen blühender Kletterrosen.

Das Ockergelb der Mauer, die hellrosa Rosen und das blanke Dunkelgrün des zierlichen Blättergerankes stand scharf in Zeichnung und Farbe vor dem Duftblau der Berge.

Und die alte, windzerfetzte Zypresse dort, wie ein kohlschwarzer, ausdrucksvoller Strich in dem Sonnengeflimmer!

Plötzlich sah er Sergei Iwanowitsch, der vom Dorfe heraufkam, wo er einen Kranken hatte.

»Das einzige wirklich Hübsche an dem Menschen ist sein Gang«, dachte Gyrlani.

Dann fiel ihm die ärgerliche Ursache des Zerwürfnisses ein. Was er von der Ludwina gesagt hatte! Mochte sie leiden, wenn es einmal so war. Viele Menschen müssen klaglos leiden. Die Besten. Leiden verfeinert und veredelt.

Als der Russe mit kurzem Gruß an ihm vorüber wollte, hielt Gyrlani ihn an.

»Einen Moment, mein Lieber«, sagte er in seinem jovialsten Ton. »Nur drei Worte entre nous.«

Sergei Iwanowitsch blieb mit der Miene höflichen Erwartens stehen.

Gyrlani schlug ihn leicht auf die Schulter.

»Jetzt bitte ich Sie, Doktor, machen Sie mir nicht länger ein Gesicht hin und wägen Sie nicht ein paar rasche Worte auf der Goldwaage! Sehen Sie, jetzt, wo auch meine Frau etwas kränkelt, war es mir schon recht lieb, Sie blieben ruhig bei uns. Ich werde Sie natürlich pekuniär so stellen, daß Sie nicht zu kurz kommen.«

Der Russe machte eine ungeduldige Bewegung.

Gyrlani sah verstohlen nach ihm hin.

Machte der Kerl ein Gesicht! – Plötzlich war der Graf wieder hochfahrend.

»Über eins müßten wir uns allerdings sofort verständigen«, fuhr er in seiner Rede fort. »Ich spreche keinem, aber auch keinem Menschen, das Recht zu, mir in meinen privatesten Privatangelegenheiten Rat zu erteilen. Verstehen Sie?«

»O ja.«

»Nun? Sind wir einig, Doktor?«

Sergei Iwanowitsch warf einen kurzen Blick nach den Fenstern der Trotzburg, hinter denen er die Gräfin wußte.

Dann sagte er höflich und kalt:

»Ich werde Ihre Wünsche berücksichtigen, Herr Graf, und bleiben.«

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