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Die schönsten Novellen über Lou Andreas-Salomé und andere Frauen

Frieda von Bülow: Die schönsten Novellen über Lou Andreas-Salomé und andere Frauen - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
authorFrieda von Bülow
titleDie schönsten Novellen über Lou Andreas-Salomé und andere Frauen
publisherUllstein
isbn3-548-30239-4
pages7-234
senderwww.gaga.net
created20050722
projectid3c827af1
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Laß mich nun vergessen!

Weiche, lieber Schatten, weiche
Störe nicht des Tages Leben!
Ist Dir doch der Traum ergeben
Daß Dein Bild mir nicht verbleiche.

Gehe, zu den Toten gehe,
Wo ich Dir den Platz gewiesen;
Will ich leben und genießen,
Kann ich's nicht, wenn ich Dich sehe.

Margarethe v. Bülow Margarethe v. Bülow (1860–1884), Schriftstellerin; Schwester Frieda v. Bülows; ertrank im Rummelsburger See (heute Ost-Berlin) bei der Rettung eines im Eis eingebrochenen Jungen.

Gunhild erwachte.

Ein breiter Sonnenstreifen kam durchs Fenster. Gedämpftes Wagenrasseln und das dumpfe Rauschen und Brausen war hörbar, das den Zusammenklang der tausendfältigen Großstadtgeräusche abgibt.

Sie hatte gut geschlafen. Auch geträumt. Was es für ein Traum gewesen war, darauf konnte sie sich nicht besinnen, sie fühlte nur, daß es etwas Schönes gewesen sein mußte.

Im Korridor draußen ging und sprach man. War das nicht Edmunds Stimme? Jawohl. So früh ging er schon fort! Dann mußte sie wirklich aufstehen.

Aber schade! In dieser wohligen Stimmung liegen und träumen, das war zu schön!

Über ihrer Seele lag der Schatten einer alten, sehr lieben Erinnerung.

Plötzlich wurde sie ganz nachdenklich.

Ihr war eingefallen, daß sie heute dreißig Jahre alt geworden war.

»Das Ende der Jugend!« sagte sie leise.

Das stimmte melancholisch.

Sie stand auf und trat im Nachthemd, das sie schneeig bis zu den rosigen Fußspitzen umwallte, vor den Spiegel.

Ja, sie fand sich schön, – immer noch.

Mit den schlafgeröteten Wangen, den grauen Augen unter fein und ausdrucksvoll gezeichneten Brauen, den roten, etwas vollen Lippen, dem runden Kinn, den kleinen Ohren und der Fülle welligen aschblonden Haares.

Sie hatte sich ihr Leben lang schonen und pflegen können. Darum war sie nicht vor der Zeit verwelkt, wie viele andere, sondern frisch und blühend.

Und ihr Wuchs war einfach tadellos. Jeder Bildhauer hätte sie zum Modell für eine Göttin brauchen können.

Sie selbst konnte nicht anders urteilen. Gleichwohl verhehlte sie sich nicht, daß Fremde sie mit minder liebevollen Augen betrachteten, und daß die alten Verehrer demnächst von ihrer Schönheit sagen würden: sie »war«. Es war einmal so im Gesetz der Natur, daß die Leibesschönheit der Jugend zukommen sollte und die Seelenschönheit dem Alter.

Wenn es aber dem weiblichen Teile der Menschheit hart ankam, von Jugend und Schönheit Abschied zu nehmen, so lag es an der verkehrten Auffassung, daß alles Frauenglück auf Mannesliebe basiere, und daß die Liebe des Mannes meist von Jugend und Schönheit des Weibes abhing.

Diese Gedanken zogen durch ihr Gemüt, ohne sie sonderlich aufzuregen. Es waren Gedanken, die in der Luft lagen, die das Gesprächsthema ihrer Freundinnen bildeten, die man alle Tage hörte, alle Tage las, die darum jeder halbwegs gebildeten Frau geläufig waren.

Gunhild stieg in ihre Kautschukwanne und übergoß sich unter Plantschen und Prusten reichlich mit kaltem Wasser.

Dann bearbeitete sie ihren Körper kräftig mit dem Frottierhandtuch und schlüpfte in die Normal-Unterkleidung.

Halb angekleidet öffnete sie das Fenster, um an der Luft turnerische Freiübungen zu machen, wie es ihr der Vetter Edmund, der Nervenarzt war, anempfohlen hatte.

Es war ein naßkalter Herbstmorgen.

Gunhild schaute zum Fenster hinaus und hinab auf das glänzend nasse Dach einer unten wartenden Droschke.

Der Gaul mit einer braunen wollenen Decke über dem Rücken spreizte die Beine und hing den Kopf. Ein Kutscher war nicht zu sehen. Der nahm wohl gerade in der Destille der nahen Ecke seinen Frühschoppen.

»Wäre ich ein Künstler«, dachte Gunhild, »ich würde die Geduld nicht als Engel, sondern als Droschkengaul darstellen.«

Gerade vor der Wohnung weitete sich der Kanal zur Bucht und bildete mit seinen Parkanlagen am Ufer und dem an einen griechischen Tempel erinnernden van Lennepschen Palast einen der landschaftlich schönsten Punkte Berlins.

In der Bucht schwamm langsam, kaum bewegt, eine Schar wilder Enten.

»Nicht, daß ich das Feenhafte der Liebe nicht zu schätzen wüßte«, sagte der Kommerzienrat von Solmonsky zu Gunhild, »im Gegenteil! Es liegt ein Reiz darin; dann aber kommt die Überlegenheit, und die Sache stellt sich anders.«

Zum großen Erstaunen des reichen Gönners versteckte Gunhild ihr Gesicht in das Batisttaschentüchlein und verfiel in krampfhaftes, ununterdrückbares Lachen.

Herr von Solmonsky war der Hausfreund der verwitweten Professorin, Gunhilds Tante, der er seit Jahr und Tag in allen Vermögensfragen beratend zur Seite stand. Denn Tante Albertine war eine lebhafte und kluge Frau, aber von geschäftlichen Dingen verstand sie so wenig wie ein kleines Kind.

Herr von Solmonsky schwärmte aber für eine gewisse glänzende Geistespolitur und im Besonderen für Weltdamen, die damit brillierten.

Darum hatte er sich als Hausfreund in dem Salon der Professorin eingebürgert.

Für Gunhild, die früh verwaiste, schöne Nichte, hatte er eine ganz väterliche Zuneigung, weshalb er sie gern mit seinem ältesten, mäßig begabten, aber vom Vater nicht minder geliebten Sohne verheiratet hätte.

Leider mußte er, sooft er auf die Heiratsfrage anspielte, bemerken, daß es Gunhild in beklagenswerter Weise an dem Sinn für das Nützliche fehlte.

Wenn er ihr klar zu machen suchte, daß es nunmehr Zeit für sie sei, an eine solide Verbindung zu denken, sagte sie, wie ein Backfischchen, das seine Lebensauffassung aus Familienblatt-Romanen schöpft, man müsse doch lieben, um heiraten zu können.

»Sie lachen, mein liebes Fräulein«, sagte der Kommerzienrat, als er sich von dem Schreck über ihre Aufnahme seiner schönen Tirade erholt hatte, »aber, erlauben Sie, die Sache ist gar nicht lachhaft. Wie lange wird Ihnen Ihr wohlkonserviertes Exterieur noch annehmbare Bewerber garantieren? Wir werden älter, das wollen wir uns doch nicht verhehlen. Noch zwei, drei Jährchen, dann hören die Eroberungen auf. Bei der Nähe des Ultimo pressiert die Sache. Also wird eine kluge junge Dame unter so bewandten Umständen von dem poetischen Hauch der Liebe naturgemäß Abstand nehmen.«

Gunhild sah den alten Herrn aus grauen Schelmenaugen, in denen noch die Lachtränen glitzerten, an, und suchte sich zu fassen. Dann nickte sie, als sei sie nun überzeugt, ernsthaft mit dem Kopfe.

»Eigentlich hat er nämlich recht«, dachte sie, »und was das ›Feenhafte der Liebe‹ anbetrifft, so hab' ich davon genug. Ich werde also naturgemäß davon Abstand nehmen.«

Herr von Solmonsky war heute gekommen, um Gunhild zum Geburtstage zu gratulieren.

Man saß im Salon der Professorin, einem schönen, mit modischem Komfort eingerichteten Erkerzimmer.

Auf dem Diwan saß die Professorin, eine sechzigjährige Frau voll jugendlicher Lebendigkeit mit schneeweißem vollem Haar, rosigem Gesicht und lustigen braunen Augen.

Neben ihrer fünfundachtzigjährigen Mutter hatte Tante Albertine vollkommen das Wesen einer noch jugendlichen Frau behalten und deshalb wurde sie auch von keinem ihrer Bekannten für alt angesehen.

Die Großmama, die nahe dem Ofen in einem Rollstuhle saß, war vor Jahren vom Schlage getroffen worden. Ihr Kopf hing auf die Brust herab und wackelte unablässig hin und her.

Die alte Dame konnte sich kaum bewegen und nur ganz undeutlich sprechen. Doch folgten ihre kleinen roten Augen aufmerksam dem, was um sie her vorging.

Sie wollte immer bei der Gesellschaft sein. Keiner in dem Zimmer liebte das Leben so und war so darauf erpicht, es bis zum letzten Tropfen zu genießen, wie die Greisin.

Um die Großmama war ihre Gesellschafterin, ein bescheidenes Fräulein, um das sich niemand kümmerte, weil es nicht verstand, irgendwelche Ansprüche zu machen.

Außer dem Kommerzienrat war ein dem Hause befreundeter Professor der Malkunst als Geburtstagsgratulant erschienen.

Dieser bestürmte Gunhild, ihm für eine Walküre zu sitzen; er arbeitete gerade an einem Wagnerzyklus.

Das Zimermädchen meldete: »Fräulein Doktor Korella.«

Ein Wesen trat ein, bei dem sich auf den ersten Blick nicht recht erkennen ließ, war es ein verkleidetes Weib oder ein Knabe.

Ein schlankes, feingliedriges Geschöpf, in russischen Kniehosen, Gamaschen und russischer Bluse, ungefähr wie der ›Prinz‹ in der ›Fledermaus‹ anzusehen. Auf dem dunklen, kurz geschnittenen Haar saß eine Art Wagnermütze. Ein schmales, fein geschnittenes Gesicht schaute unter der verwegenen Mütze vor mit großen, dunklen, leidenschaftlichen und schwermütigen Augen.

Diese Augen widersprachen eigentümlich genug der Knabenhaftigkeit der Gesamterscheinung.

In der Hand hielt Senta eine lange Reitgerte. Ein prachtvoller Leonberger folgte ihr auf dem Fuße.

»Hier hat Nero doch auch Eintritt?« sagte sie. »Ich habe in den Familien, die einen wohlerzogenen Hund nicht im Zimmer dulden, einfach meine Besuche eingestellt. Übrigens guten Tag. Wie geht's euch allen?«

Die Professorin und Gunhild begrüßten das seltsame Mädchen freudig.

Dagegen schauten der Kommerzienrat und der Malprofessor sehr kritisch drein.

Senta grüßte die Anwesenden in corpore, indem sie die Reitgerte zur Mütze führte.

Sodann erhielt Gunhild extra einen kräftigen Händedruck.

»Ich wünsch dir zum neuen Lebensjahr einen Überschuß an Nervenkraft«, sagte sie vertraulich; »darauf kommt doch schließlich alles hinaus, was man so Glück nennt.«

Ehe Gunhild antworten konnte, war Senta schon bei der Großmama, der sie ein freundliches Wort über ihr frisches Aussehen sagte, und dann tätschelte sie das lächelnd errötende Gesellschafts-Fräulein auf die Wange.

»Was machen wir denn, kleine Maus?«

Es war etwas vom Gewohnheits-Hofmacher und vom Lebemann in ihrer Art, mit Frauen zu verkehren.

Aber sie hielt sich nicht lange dabei auf, sondern setzte sich in einen Lehnstuhl, legte ein Bein über das andere und zog mit unbekümmerter Miene eine Zigarrentasche vor.

»Man darf doch rauchen, schöne kleine Professorin?«

»Wozu hast du eigentlich diese gräßliche Peitsche bei dir, Kind?« fragte die Professorin.

»Der Hunde wegen. Ich bin hergeradelt, um Zeit zu sparen, und wenn die Hunde sich vor Nero fürchten, rennen sie mir mit Vorliebe gerade ins Rad. Nero, komm her. So, hier leg dich.«

Sie war wie ein Wirbelwind. Von dem Augenblick ihres Eintretens an war sie der Mittelpunkt des Kreises. Man ahnte nie, was sie im nächsten Moment sagen oder tun werde, darum war die allgemeine Aufmerksamkeit ihr fortgesetzt zugewandt.

Senta Korella gehörte zur äußersten Linken der Frauenrechtlerinnen. Sie schreckte vor keiner Folgerung zurück, sondern war ihrer ganzen Natur nach radikal. Ihr Vater war ein neapolitanischer Revolutionär gewesen, die Mutter eine Deutsche von altem Adel. Vom Vater hatte Senta das Temperament und die Schönheit, von der Mutter die eiserne Kraft des Willens.

Sie hatte beide Eltern früh verloren und hatte sich dann aus eigenem Triebe zur Universität vorbereitet und in noch sehr jugendlichem Alter Jura studiert. Vor einigen Jahren hatte sie sich als Rechtsanwalt für Frauen in Berlin niedergelassen.

Sie übte auf Frauen einen eigentümlichen Zauber aus, und es fehlte ihr nie an Klientinnen. Neben ihren Amtsgeschäften fand die jetzt Achtundzwanzigjährige Zeit, alle Arten von Sport zu treiben und lief, wo es irgend anging, wie ein Junge herum.

»Ich glaube, Gunhild, du trägst schon wieder den verfluchten Panzer!« rief sie plötzlich in gewohnter Schroffheit und Unverfrorenheit durchs ganze Zimmer. »Ist es möglich, daß eine so kluge Person nicht begreift, daß sie damit die ganzen schönen Linien ihres Körpers verdirbt?! Wenn ich so gerade Flächen sehe, wird mir immer ganz schlecht. Als ob wir aus Platten und harten geradlinigen Kanten beständen!«

»Schaff uns eine andere Tracht«, sagte Gunhild. »Solang die heutigen Schnitte herrschen, trag ich den Panzer, auf den sie eingerichtet sind.«

Der Kommerzienrat und der Malprofessor entflohen. Männer hielten es gewöhnlich nicht lange in Senta Korellas Gesellschaft aus.

Senta schaute vergnügt nach der Tür, die sich hinter den Herren geschlossen hatte.

»Gott sei Dank! Jetzt ist man wieder unter sich«, sagte sie. »Das ist das einzige, was mir an euch nicht gefällt, daß ihr immer welche von diesen entsetzlich öden Mannsleuten um euch herum habt. Aber ich weiß, wie man sie fortgrault.«

»Und rühmst dich dessen!« lachte die Professorin. Sie selbst hatte sich ihr Leben lang des Gegenteils gerühmt; nämlich daß sie die Männer zu fesseln wußte.

»Ich an eurer Stelle«, fuhr Senta fort, »hätte mir diese Leute längst abgewöhnt.«

Sie blies mit Behagen kleine bläuliche Rauchringe in die Luft.

Aber die Freude war kurz. Draußen wurde mit dem Drücker die Wohnungstür geöffnet. Senta zog horchend die Brauen hoch.

Gleich trat auch schon der Störenfried ein. Es war der Sohn der Professorin, der Arzt, ein schlanker, blonder, recht hübscher Mensch mit klugem Gesicht, à la Sträfling geschorenem Haar und kurzem, nach der letzten Pariser Mode zugestutztem Vollbart.

Er verneigte sich ziemlich förmlich gegen Senta, die den Gruß mit einem herablassenden Kopfnicken erwiderte, und ging rasch auf Gunhild zu.

»Guten Morgen, verehrteste, allergnädigste Cousine! Ich hatte heute noch nicht den Vorzug, dich zu sehen. Du gestattest wohl, daß ich dir meine Glückwünsche zu Füßen lege.«

Damit reichte er ihr einen Strauß langstieliger blaßgelber Nelken.

Sie steckte die Nase in die Blumen und sagte in sehr herzlichem Tone: »Danke.«

Senta aber deklamierte spottend: »Das Schönste sucht er auf den Fluren.«

Edmund griff in die Brusttasche und entnahm ihr einen Pack Papier, aus welchen er einige Briefe hervorsuchte.

Senta beobachtete ihn dabei.

»Habt ihr schon bemerkt«, sagte sie, »daß alle Männer stets einen Haufen unnötiger Papiere in der Tasche herumtragen? Ganze Archive. Kein Mensch weiß, wozu.«

Der junge Mann blickte flüchtig nach der Spötterin.

»Wenn ich Zeit und Stimmung hätte«, bemerkte er obenhin, »wollt' ich ihnen schon heimzahlen.«

»Man muß einfach Zeit und Stimmung haben«, meinte Senta, »sonst ist das eben Pech.«

»Hier, diese Briefe sind nämlich für dich«, sagte Edmund zu Gunhild. »Ich nahm sie dem Postboten unterwegs ab.«

Gunhild nahm die Briefe, warf einen Blick auf die Handschriften und legte sie mit gleichgültiger Miene auf den Tisch.

Ihr Vetter beobachtete sie und gab ihr zuletzt noch einen Brief.

Gundhild sah die Adresse etwas länger an, als bei den vorigen, und legte ihn dann zu den übrigen.

Aber mit einer anderen Handbewegung, als vorher – langsam, wie zögernd.

Sie sah nicht mehr gleichgültig aus, sondern tief in Gedanken und dabei erregt.

Edmund zog fast unmerklich die Stirn in Falten und wandte sich Senta zu, mit der er boshafte Neckereien austauschte.

Die kleinen scharfen Wortgefechte zwischen ihrem Sohn und Senta bereiteten der Professorin das lebhafteste Vergnügen. Wenn Edmund schneidig parierte, freute sie sich als Mutter, und wenn Senta gute Antworten gab, freute sie sich als Geschlechtsgenossin.

Sowie Gunhild die anderen hinlänglich miteinander beschäftigt wähnte, stand sie leise auf und ging mit ihren Briefen aus dem Zimmer.

In ihrem eigenen Zimmer angekommen, warf sie die Briefe auf den Tisch und behielt nur den einen in der Hand.

Wieder schaute sie gedankenversunken auf die festen Schriftzüge.

Sie suchte die eigene Empfindung zu begreifen.

Ein Brief von dieser Hand kam jedes Jahr zu ihrem Geburtstage. Es stand wenig darin: Worte. Sie dachte gar nicht oft an den Schreiber. Auch heute war ihr noch nicht eingefallen, daß das jährliche Lebenszeichen von ihm fällig war.

Und doch war jäh beim Erblicken dieser Handschrift ein Sehnen über sie gekommen, so heftig, daß es wie ein Zerren in der Brust zu fühlen gewesen war.

Und darüber staunte sie.

Was hatte denn das zu bedeuten?! Was ging da heimlich in ihr vor, ohne daß sie darum wußte? Sehnte sie sich etwa nach ihm? Noch heute?! – Unmöglich! – Sie zerriß mit einer heftigen, ärgerlichen Bewegung den Briefumschlag, entfaltete den eleganten dicken Bogen und las.

Gleichmütig las sie konventionelle Worte. Mit einem Achselzucken legte sie das Schreiben aus der Hand.

Nein, wie still das alles in ihr blieb! Nichts von dem einstmaligen Zittern und Jubeln. Das war alles lang abgetan. Nein, nach ihm sehnte sie sich nicht mehr. Plötzlich verstand sie.

Nicht ihm hatte jener Augenblick brennender Sehnsucht gegolten, sondern ihrem eigenen toten Liebesgefühl. Einmal wieder jenes stürmische Entzücken zu erleben, das sie damals, vor langer Zeit, durchschüttelt hatte, wenn sie einen seiner Briefe in die Hand bekommen! Das einmal wieder fühlen zu können! Es umschloß doch alle Seligkeiten!

Sie lächelte.

Wie sie damals diese Briefe an die Lippen gepreßt hatte! Wieder und wieder, ehe sie Besinnung gefunden, sie zu öffnen!

Und heute? –

Mit einer Art sich selbst belauschender Neugier führte sie das Kuvert, wie sie damals getan, an den Mund. Aber sie empfand nur, daß ihre Lippen Papier berührten. Papier, das Gott weiß, welche Postbeamtenfinger befaßt hatten.

Es war wie ein Kuß des nicht mehr Gläubigen auf eine Reliquie, nichts Echtes, Spontanes, Begeistertes, sondern nur etwas künstliche Pietät, deren sich das Herz in seiner Tiefe schämt.

»Nein, nein!« Nicht ihm galt jener tiefinnere Schrei der Sehnsucht. –

Sie ging erregt auf und nieder.

»Laß mich nun vergessen!« murmelte sie, »laß mich vergessen!

Erinnerung, laß mich endlich in Ruhe! Ich will Ruhe haben. Ich verlange sie als mein gutes Recht. Ich will den Tag genießen, weil er mein ist. Die Toten zu den Toten!

Ich will nicht mehr das freundlich stille Licht des Augenblicks verdunkelt sehen durch das Andenken an eine Sonne, die unterging.

Ich will leben!«

Ihr Gesicht trug einen Ausdruck trotziger Entschlossenheit.

Nach und nach wurde sie ruhiger.

Sie sank in den Schaukelstuhl, legte die Hände auf die Armlehnen und wiegte sich leise.

Ihre Gedanken nahmen eine Richtung ins Praktische.

Onkelchen Solmonsky hatte ganz recht. Sie wollte nun endlich heiraten, um ihrem Leben eine feste Form zu schaffen. Nicht den trottelhaften Siegfried Solmonsky, aber vielleicht den Vetter Edmund.

Der war sympathisch und begabt und machte gewiß eine schöne Karriere. Er war auch wohlhabend genug, um nicht bei seiner Frau auf Geld sehen zu müssen.

Edmund hatte sich ein wenig in sie verliebt. Sie durfte ihn nur ermuntern.

Sie lehnte den Kopf zurück und sah an die Decke, die freilich mit farbigem Stuck mehr als schön überladen war. Dennoch fand sie, daß es sich so am besten träumen lasse.

Seit acht Monaten lebte sie nun ganz bei der guten Tante Albertine und sah Edmund täglich.

Da sie auch früher in stetem Verkehr gestanden, waren sie fast wie Bruder und Schwester miteinander gewesen, und sie hatte an etwas anderes nicht gedacht.

Aber sein Wesen hatte sich seltsam geändert.

Er gab sich nicht mehr so frei und unbefangen, schien sie zuweilen sogar zu meiden. Sie bemerkte aber, daß er sie beobachtete, ja studierte. Äußerungen, die ihm entschlüpften, verrieten ihr das.

Da wußte sie, daß er im Begriff war, sich in sie zu verlieben.

»Mit meinen dreißig Jahren!« dachte sie geschmeichelt. »Und er hat unter so vielen jungen Mädchen die Wahl.«

Anfangs, als er noch unbefangen war, hatten sie auch über das Heiraten gesprochen.

Sie hatte ihm gesagt, daß sie unverheiratet geblieben sei, weil sie nicht über ihre erste Liebe habe fortkommen können. Er wußte auch, wer der Gegenstand ihrer Neigung gewesen war.

Und er hatte ihr geantwortet, so eine ausschließliche Passion tauge nichts. Dergleichen sei auch eigentlich nicht Liebe, sondern Hysterie.

Worauf sie, leuchtend von glücklicher Erinnerung, entgegnet hatte: »Dann ist Hysterie das Allerschönste auf der Welt.«

Er seinerseits hatte ihr anvertraut, daß er sich schon sechsmal verliebt habe, aber immer nur ziemlich flüchtig in niedliche kleine Dinger, die ihm immer bald langweilig geworden seien. Einmal werde er aber nun doch Ernst machen und sich eine Frau suchen. Sie müsse über zwanzig und unter fünfundzwanzig sein, das sei zum Heiraten das beste Alter. Seine Frau müsse blondes Haar haben und glatte Scheitel. Auch dürfe sie weder rauchen, noch Rad fahren, noch sonstige empanzipierte Moden mitmachen.

Tags darauf hatte sie sich aus purem Übermut ein Fahrrad gekauft und Zigaretten.

Sie lächelte bei der Erinnerung. Das war wirklich sehr lustig gewesen.

Leise öffnete sich die Tür, ohne daß ein Klopfen vorhergegangen war.

Senta sah herein.

»Stört man?«

»Nein.«

Nun trat sie ins Zimmer und der große Hund nach ihr.

»Ich wollte doch sehen, wo du bliebst, Ausreißerin! Ist das schön, mir so deine Gesellschaft vorzuenthalten? Nicht mal höflich kann ich es finden. Glaubst du vielleicht, es macht mir sonderliches Vergnügen, mich mit deinem aufgeblasenen Vetter herumzubeißen?«

»Jedenfalls freut es die Tante.«

Hierauf blieb Senta die Antwort schuldig.

Ihr scharfer Blick hatte neben den vielen noch ungeöffneten Geburtstagsbriefen den einen offenen erspäht, der unterzeichnet war: »Ihr in alter Verehrung ergebener –« Der Name war etwas unleserlich.

Senta kombinierte rasch.

Ihr Finger zeigte auf den Brief, ihre dunklen Augen loderten.

»Aha. Dies also.«

»Was?« fragte Gunhild ruhig; aber sie errötete.

»Du bist vorhin nur weggelaufen, um ohne Zeugen diesen Brief zu lesen. Und er hat dich so beschäftigt, daß du die anderen nicht einmal geöffnet hast. Der Brief von einem Mann!«

Jetzt lachte Gunhild.

»Wenn du nicht Hosen anhättest und eine Hundepeitsche in der Hand und nach Tabak röchst, würde man dich nach diesem Entrüstungsschrei für eine zimperliche alte Jungfer und würdigen Tugenddrachen halten.«

Senta hatte sich auf dem Fußboden niedergelassen neben dem gewaltigen Nero. Sie legte jetzt die Arme um des Hundes zottigen Hals und die Stirn gegen seinen Kopf.

Gunhild wartete auf eine scharfe Entgegnung. Nichts kam. Senta verharrte regungslos und stumm.

»Senta!«

Der dunkle Kopf mit der Wagnermütze hob sich. Ein vorwurfsvoller düsterer Blick aus feuchten Augen traf Gunhild.

Dies trotzige, traurige, verhaltene Leidenschaft verratende Gesicht war unstreitig sehr anziehend.

»Du bist wie alle!« sagte Senta im Tone eines schweren Vorwurfs.«

Gunhild entgegnete: »Warum soll ich denn anders sein, als alle? Du weißt, daß ich deine Liebhaberei für das Absonderliche nicht teile. Da ich eine Frau bin, will ich am liebsten eine recht normale Frau sein. Die Abnormitäten gehören in Spiritus.«

»Ja, wenn es nur normale Frauen gäbe!« rief Senta. »Dazu hat man uns aber niemals werden lassen. Um uns normal, das heißt unserer Natur gemäß entwickeln zu können, mußte man uns nicht in Fesseln legen und mit unzähligen Hemmnissen umgeben. Was wir heute sind, das sind vom Manne abgerichtete Last- und Luxus-Sklavinnen, die fast jede Ahnung verloren haben von dem, was sie hätten sein können. Alle starren sie auf einen und denselben Fleck, wie der indische Büßer auf seinen Bauch, bis sie völlig hypnotisiert sind.«

Gunhild wiegte sich langsam im Schaukelstuhl. Ein leises Lächeln umspielte ihren Mund.

Senta hatte das rechte Bein in die Höhe gezogen und die Hände um das Knie geschlungen. So saß sie auf dem Fußboden.

»Normale Frauen gibt es noch nicht«, wiederholte sie. »Das normale Weib gehört der Zukunft.«

»Das ist ein schöner Wahn.«

»Es ist kein Wahn. Unser ganzes Elend kommt daher, daß wir unfertige, haltlose halbe Menschen sind und ohne den Mann noch nicht bestehen können. Nur wenn wir lernen, den Schwerpunkt unseres Daseins in uns selbst zu suchen und zu finden, können wir von dem Fluch unserer heutigen Existenz erlöst werden.«

»Das Weib wird immer den Mann begehren und der Mann das Weib. Oder nicht?«

»Gewiß. Das schadet ja auch nichts, solang dieses bei uns Frauen nicht so ganz unverhältnismäßige Dimensionen annimmt. Bis jetzt sind wir aber geistig auf die Liebe gemästet worden, wie Straßburger Gänse auf die Leber.«

Gunhild lachte und mußte an Solmonsky denken, »nicht, daß ich das Feenhafte der Liebe nicht zu schätzen wüßte ... dann aber kommt die Überlegenheit, und die Sache stellt sich anders«. Hier hatte die Liebe im Leben allerdings nicht die ungeheuerlichen Dimensionen angenommen, von denen Senta sprach und die sie mit gemästeten Gänselebern verglich – nicht mit Unrecht. Denn wurde nicht durch sie jener unstillbare Durst hervorgerufen, jenes ruhelose Verlangen, das die wenigsten Frauen zu der inneren Stille kommen ließ, die doch für das Wachsen und Wirken des Geistes Bedingung ist? –

Sie selbst, hatte sie nicht zehn der besten Jahre ihres Lebens damit hingebracht, jene heilige, unheilvolle Flamme zu hüten?

Und hatte es sie nicht verhindert, irgend etwas anderem volle Teilnahme zu schenken?

So hatte sie ziel- und zwecklos hingelebt – für das Phantom!

Nun war es aber genug.

»Ich werde Senta eine Beichte ablegen«, beschloß sie; »ein ruhiges Aussprechen ist wie das reinliche Ausfegen der Aschenreste. Und es ist Zeit.«

Gunhild ging an die Ausführung ihres Entschlusses mit der Frage: »Sag mal, was hat dich eigentlich vorhin so stark erregt?«

Die großen schwarzen Augen blickten rasch auf.

»Das weißt du.«

»Der Brief eines alten Freundes?«

»Nein; aber der Umstand, daß du dich fortstiehlst, um allein den Brief des alten Freundes zu lesen. Du liebst diesen Menschen!«

»Ich habe ihn einst geliebt.«

Sentas scharf beobachtende Augen blickten ungläubig.

»Wenn es ganz vorbei wäre, hättest du den Brief erst später oder auch in unserer Gegenwart gelesen.«

»Dies wäre nicht höflich gewesen.«

»Nun, so zeremoniell stehst du doch nicht mit deinen Verwandten und mit mir. Faule Ausrede.«

»So war es Macht der Erinnerung«, gab Gunhild nach; »aber nichts weiter. Von der alten Leidenschaft ist auch kein Fünkchen mehr erwacht. Du kannst mir's glauben.«

»Er hat dich auch geliebt, wahrscheinlich?«

»Ja, – wie ein Mann liebt – neben manchem anderen, ihm noch wichtigeren.«

»Warum habt ihr euch nicht geheiratet?«

»Es fehlte am Geld, ganz einfach. Jetzt habe ich ja ein kleines Vermögen, wie es für meine Bedürfnisse ausreicht, geerbt. Aber damals, als die Eltern noch lebten, hatte ich gar nichts. Er ist Diplomat und ehrgeizig. Und ich war womöglich noch ehrgeiziger für ihn, als er selbst. Eine Heirat ohne Geld hätte seine ganze Karriere verdorben.«

Sentas Augen blitzten.

»Nun weiß man ja das Weitere«, sagte sie mit Hohn. »Er hat eine sogenannte Partie gemacht; und du hast ihm nachgetrauert und alle Anträge abgelehnt. So geht es ja immer.«

Gunhild sah träumerisch vor sich hin. »Ich habe an ihn gedacht und er an mich – natürlich. Ihn hat seine Frau dabei nicht gestört, mich hätte ein Mann gestört. Aber daß wir damals verzichteten, war mein Wille so gut wie der seine. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, ihm ein Hemmschuh zu sein. Nein, das wäre mir unerträglich gewesen! Darum sagte ich: Wir wollen es nicht tun. Er gab mir nach einigem Zögern recht, denn sein Ehrgeiz war doch noch stärker als seine Liebe, und das gefiel mir. Bei einer Frau würdest du es wahrscheinlich auch schön finden.«

»Allerdings. Weil es bei einer Frau ein Zeichen seltener Kraft wäre. Bei Männern ist es das Gewöhnliche und eher ein Zeichen von Schwäche.«

»O nein, schwach ist er nicht.«

»Nun, jedenfalls praktisch. Er hat doch bald darauf eine reiche Frau geheiratet!«

»Ja.«

»Siehst du!«

»Ich sehe nichts.«

»Dann bist du eben blind. Es tut mir leid. – O Gunhild! Hättest du doch den ersten besten Reichmeier genommen, um jenem zu beweisen, daß auch du dich trösten konntest.«

Gunhild lächelte. »Das sieht dir mal wieder ähnlich, du wilder Trotzkopf. Heiraten aus Liebe? Nein. Wie gewöhnlich! Tobst du nicht über jede deiner Getreuen, die sich verlobt? Aber aus depit? Gleich. Ist das vernünftig? Welchen Zweck hätte denn wohl ein solcher Beweis meiner Trostfähigkeit gehabt? Ich weiß es wahrhaftig nicht.«

»Er wird eitel darauf sein, daß du ihn nicht vergessen kannst«

»Und wenn er es wäre? (Aber so dumm ist er nicht.) Was würde es mir schaden? Der Tiefe und Dauer eines Gefühls braucht man sich wahrlich nicht zu schämen.«

Sie sprang auf und sagte in anderem Tone: »Übrigens bin ich jetzt fertig damit, ganz fertig. Ich fühle nichts, nichts, nichts mehr.«

»Hast du ein gutes Bild von ihm?«

»Ja.«

»Bitte, zeig mir's!«

Gunhild öffnete ein Schreibtischfach und suchte unter einem Haufen Fotografien eine hervor, die sie, ohne einen zweiten Blick darauf zu tun, der Freundin reichte. Senta, die gleichfalls aufgestanden war, betrachtete das Bild sehr aufmerksam. Endlich gab sie es stumm zurück.

»Ich möchte, daß du jetzt diesen Brief vor meinen Augen zerreißt!« sagte sie bittend.

»Wenn ich dir damit einen Gefallen tue, gern.« Gunhild riß den Brief lächelnd in kleine Fetzchen. Das Häufchen kleiner Papierfetzchen schaufelte sie in die Hand und überreichte es Senta.

»Auf dem Altar der Freundschaft geopfert.«

Sie lächelte die ganze Zeit etwas spöttisch, und doch war ihr nicht ganz wohl dabei. Irgendeine arme kleine Stimme am Grunde ihrer Seele rief: »Du begehst doch ein Sakrilegium!«

»Du scheinst in der Tat auf dem Wege der Heilung!« rief Senta befriedigt.

Dann sah sie nach der Uhr.

»Ich muß auf den Flügeln des Rades nach meinem Büro eilen. Arme Seelen warten im Fegefeuer. Adio, Carina! Ich habe dich sehr lieb!«

Ihre Stimme klang weich, die schönen Augen waren voll von warmer Zärtlichkeit.

Nachdem sie Gunhild mit einigem Ungestüm umarmt und geküßt hatte, nahm sie ihre Hundepeitsche wieder auf und eilte wie der Sturmwind davon.

Schwerfälliger folgte Nero.

Gunhild blieb in Gedanken versunken.

Ihr war, als schiebe sich weißes Nebelgewölk am Himmel ihres Lebens herauf und hülle alles in gleichmäßig graue Farblosigkeit. Der Sonnenglanz ist fort.

Alles schien so gleichgültig, so alltäglich, so wenig wert, daß man sich darum aufregte. Es ging eben seinen Lauf.

Es war ein Sonntag, und die Großmama wollte zur Kirche, denn sie fand, daß das einmal zum Sonntag gehöre.

Da die Gesellschafterin an diesem Tage auf Urlaub bei den ihrigen war und die Professorin eine Menge anderes vorhatte, begleitete sie Gunhild.

Der Diener Ferdinand fuhr den Rollstuhl, und Gunhild ging nebenher.

Sie tat es gern, denn auch sie hatte Verlangen nach einer feierlichen Stunde in der alten Kirche. Seit ihrem Geburtstage sehnte sie sich nach irgendeiner Gemütsbewegung, wie der in Windstille geratene Segelschiffer nach einem frischen Luftzug.

Denn diese Gleichgültigkeit war tödlich. Dem letzten leisen Nachzittern jener alten Sehnsucht und des alten Schmerzes hatte sie nun endgültig Ruhe geboten. Ruhe hatte sie haben wollen – die hatte sie nun. Nichts, wonach sie sich sehnte! Nichts, was sie lockte. Sie stand eben einfach am Wege und sah zu. Dabei lachte sie wohl, oder schüttelte den Kopf oder gab weisen, blasierten Rat, aber ihr Innerstes blieb unberührt. Sie erlebte täglich, daß man sie bewunderte. Klug und heiter und überlegen nannte man sie, die in Wahrheit doch nichts als ein halb gähnender, halb lachender Zuschauer der Lebenskomödie war.

Sie sagte sich: »Ich muß etwas Entscheidendes tun, meinem Dasein einen Inhalt, eine bestimmte Richtung geben. Entweder heiraten, oder mich über Hals und Ohren in eine Arbeit stürzen, wie die unverheirateten Freundinnen. Sie fühlen sich recht wohl, weil sie gar nicht zu sich selbst kommen.«

Wenn ihr nur nicht alles so unwichtig erschienen wäre! Hätte ihr eine Fee jetzt einen Wunsch freigegeben, sie hätte sich eben nur einen Wunsch gewünscht!

Warum nur die Menschen so viel Wesens von der Genügsamkeit machten! Wunschlosigkeit war doch einfach Stillstand und Versumpfung. –

In der Kirche war es dunkel. Gunhild konnte die Liederverse des Gesangbuches nicht lesen. Das störte sie etwas. Und die Großmama wackelte so sehr mit dem Kopfe, daß die Nachbarn sich ganz ängstlich nach ihr umschauten. Die Akustik war schlecht. Sie mußten wegen Großmamas Rollstuhl ganz hinten bleiben, wo die Stehplätze waren, und von hier aus konnte man den Prediger schlecht sehen und schlecht verstehen.

Ein einziges Mal wurde sie lebhafter berührt. Der Prediger appellierte an die Leidgeprüften und sagte: »Denn unter jeder Kanzel sitzen kummerbeladene Herzen!«

Nach diesem Ausspruche machte er eine Pause, und da hörte man einen Chor von leisen Seufzern, der etwas Geisterhaftes hatte.

»So viel traurige Menschen!« dachte Gunhild mitleidig.

»Und doch ist es vielleicht glücklicher, Schmerz zu fühlen, als gar nichts.«

Von der Kirche aus wollte die Großmama in den Kunstsalon. Es dauerte eine ganze Weile, bis Gunhild dies aus dem Stammeln der gelähmten alten Frau verstand.

Obwohl die Großmama neue Eindrücke kaum mehr aufnehmen konnte, war sie darauf erpicht, sich und anderen ihre jugendliche Rüstigkeit zu beweisen.

Also ging es in den Kunstsalon.

Dort hing ein köstlicher Böcklin, in dessen heiterer Pracht Gunhilds Augen schwelgten.

Ein hypermodernes Dämchen blieb auch vor dem Bilde stehen und musterte es kritisch durch ein langstieliges Lorgnon.

»Du«, bemerkte sie gegen eine ihr folgende Freundin, »der Böcklin schnappt nächstens über. Das garantiere ich dir.«

Gunhild lächelte ironisch und machte, daß sie weiter kam.

Als sie wieder im Freien war, sah alles aus wie Bilder. Die Potsdamer Straße mit ihren herbstlich entblätterten Pappeln und dem ameisenhaften Gewimmel von Wagen und Menschen, alles in grauen und braunen Tinten, mutete an, wie ein Gemälde in Sepia und Tusche. Darüber spannte sich ein blaßblauer Himmel.

Die Großmama war in ihrem Fahrstuhl eingenickt. Ihr Kopf hing haltlos auf die Brust herab und schaukelte mit der Bewegung des Fahrens hin und her.

Sie bot ein klägliches Bild von Altersschwäche und gänzlicher Erschöpfung.

Zwei junge Künstler, mit Reißbrettern unter den Armen, warfen ganz bestürzte Blicke auf die alte Frau. Gunhild hörte, wie der eine zu dem anderen sagte: »Da wird man ja ganz blöd, wenn man so was nur sieht!«

Es gab an diesem Sonntag zum Mittagessen Gänsebraten mit Borsdorfer Äpfeln gefüllt und Rotkraut. Das war Edmunds Leibgericht.

Wenn der graueste Herbsttag durch die goldgelben Butzenscheiben des Eßzimmers sah, nahm er Sonnenfarbe an. Dies Eßzimmer war überhaupt verlockend.

Tante Albertinens Tafeldamast glänzte wie Seide. In Glasschalen standen Chrysanthemen in den seltsamsten Färbungen. Roter und lichtgoldener Wein funkelte in Karaffen von Kristallglas.

Ein loderndes Feuer im Kaminofen erhöhte noch das Behagen.

Die Hausgenossen sahen sonntagsmäßig aus.

Der Diener Ferdinand servierte in würdiger Hauslivrée. Edmund, der vor Tisch Visiten ›abgefahren‹ hatte, war im langen schwarzen Gehrock – sehr fein.

Die Großmama steckte in so viel seidenen Schals und Spitzen, daß sie fast darin verschwand.

Tante Albertine glänzte in einer Robe von schwerer malvenfarbener Seide und präsidierte dem Tisch in der Haltung einer Fürstin.

Und Gunhild sah in ihrem schwarzen Kirchenkleide nicht minder imposant aus.

Die Professorin und Gunhild saßen zu beiden Seiten der Großmama, der sie abwechselnd den Löffel mit gut zerkleinerten Bissen an den Mund führten. Dies war in der Woche das Amt der Pflegerin.

Trotz dieses mühseligen Gefüttertwerdens führte die alte Dame das Wort. Es war sehr schwer, sie zu verstehen, und gelang es endlich, ihre Meinung zu erraten, so war es selten etwas, das des Hörens lohnte.

Die Jüngeren überboten einander indessen an freundlicher Geduld und Rücksichtnahme. Sie litten nicht wenig unter dem naiven Egoismus der Greisin, aber sie waren zu pietätvoll und zu wohlerzogen, um davon etwas laut werden zu lassen.

Recht wohltuend war es, daß die geschwätzige alte Frau beim Nachtisch plötzlich vom Schlafe überrascht wurde.

Edmund stand auf und schob den Rollstuhl behutsam in die Nähe des Kaminfeuers, denn die Großmama brauchte viel Wärme.

Jetzt erst konnten die anderen sich unterhalten.

»Ich war heute bei Wredes«, erzählte Edmund, »um meinen Verdauungskratzfuß zu machen. Das sind doch charmante Menschen. Aber alle immer geladen mit Unternehmungen. Raoul hat eine neue Komposition in Arbeit, Peter schreibt ein Drama, Else hat neulich einen Vortrag über wirtschaftliche Ausbildung der jungen Mädchen gehalten, und Mariella richtet eine Gärtnerinnenschule ein.«

»Die Wredes sind alle sehr tüchtig«, sagte die Professorin.

»Und haben das Talent, sich immer gleich für alles zu begeistern!« meinte Gunhild. »Es war äußerst nett, bis leider die schreckliche Korella hereinbrach.«

»Was hast du nur gegen die arme Senta?«

»Ich finde sie eben schrecklich – einfach schrecklich!«

»Aber, lieber Edmund, sie ist ja doch so entzückend hübsch!« protestierte die Professorin.

»Möglich, daß sie entzückt. Mich entzückt sie nicht. Bei Wredes verdarb sie jedenfalls sofort die Stimmung.«

»Deine Stimmung«, verbesserte Gunhild.

»Nein, die allgemeine. Sie lärmte und rauchte und setzte sich rittlings auf einen Stuhl und zuletzt machte sie uns noch Turnkunststücke vor. Da empfahl ich mich aber. Dieses fieberhafte Toben ist schon mehr Hysterie.«

Gunhild lachte. »Du nennst alles Hysterie, was du sonst nicht unterbringen kannst.«

»Willst du leugnen, daß das Wesen von Korella durch und durch hysterisch ist?«

»Du kannst es ja so nennen.«

»Scheint es dir vielleicht gesund und natürlich?«

»Gewiß, denn es ist der Ausdruck ihres Wesens. Im Grunde ist sie doch ein armes kleines Mädchen. So einsam.«

»Einsam?«

»Ja, glaube mir, sie ist es. Gerade weil sie ungewöhnlich ist und sich nicht anpassen kann.«

»Aber sie hat ja Dutzende sie umschwärmender Freundinnen.«

»Ja, sie ist mit allen gut und kaum mit einer wirklich vertraut. Sie ist von leidenschaftlichem Temperament und dabei stolz und trotzig und ohne häusliche Erziehung. Sie will sich selbst genug sein und kommt dabei zu kurz. Und ich sage dir, Edmund, in der Senta steckt viel, viel mehr, als du denkst. Das Tragische ist nur, daß sie mehr als viele andere gerade zum Lieben geschaffen ist und nicht liebt.«

»Wenn sie zum Lieben geschaffen wäre, liebe Gunhild, dann würde sie eben lieben.«

»Ach nein! Bei euch Männern ist das alles immer so erstaunlich einfach und klipp und klar. Senta gehört zu denen, die bezwungen werden müssen. Dazu habt ihr aber meistens keine Lust. Ihr mögt lieber, was euch in den Schoß fällt. Ihr seid im allgemeinen jetzt zermürbt und müde und drängt euch nicht mehr dazu, gläserne Berge hinaufzureiten, um eine spröde Dame zu gewinnen.«

Gunhild hatte die Ellbogen auf den jetzt abgeräumten Tisch gestützt und die Hände vor dem Kinn ineinandergelegt. So sprach sie mit ein wenig vorgestrecktem Hals, und in ihren Augen prägte sich der Wunsch aus zu überzeugen.

Edmund betrachtete sie sinnend und schwieg.

»Sieh mal, das wäre eigentlich eine Mission für dich!« fiel ihr plötzlich ein. »Du könntest vielleicht diese Seele von sich selbst erretten.«

Er lachte. »Du traust mir ja Erstaunliches zu!«

»Soll ich das nicht?« entgegnete sie ein wenig kokett.

Ferdinand reichte Kaffee herum. Edmund steckte sich eine Zigarre an und und präsentierte seiner Cousine ein niedliches Etui mit Zigaretten.

Sie nahm und rauchte ihre Zigarette an seiner Zigarre an, wobei sie wieder ein wenig kokett war.

Ihres Vetters Abneigung gegen zu freie Allüren der Damen fand sie pedantisch. Sie wollte ihm das allmählich abgewöhnen. Pedanterie, meinte sie, erträgt man wohl bei alten Leuten, denen sie sogar ganz wohl ansteht, bei der Jugend aber ist sie unerlaubt.

»Jetzt werde ich Tabaksringe machen«, erklärte sie und blies den Rauch stoßweise aus gespitzten Lippen.

Allein er regte sich nicht darüber auf. Was Gunhild tat, gefiel ihm – bei ihr.

Die Professorin goß sich einen Benedictinier ein. Den gönnte sie sich gern zum Kaffee. Es erhöhte das Behagen.

»Wenn doch heute nicht zu viel Besuch käme!« seufzte sie in ihrer Sofaecke. Sie fühlte sich etwas matt.

»Habt ihr zum Abend etwas vor?« fragte Edmund.

»Ja, ich habe Billetts fürs Opernhaus bekommen. Hänsel und Gretel. Es soll reizend sein. Und für morgen hab' ich Billetts für das Beethoven-Konzert. Hoffentlich kommst du mit, Edmund, denn Gunhild hat ihren Clubabend.«

»Ich kann leider nicht, Mama. Überhaupt hab' ich in der ganzen nächsten Woche keinen Abend mehr frei.«

»Meine Abende sind schon ziemlich auf vierzehn Tage besetzt«, übertrumpfte ihn die Mutter. »Man kommt wirklich nicht zu sich selbst. Ich fange auch schon an, nervös zu werden.«

»Mamachen, wenn du lieber nicht alles mitmachen wolltest und morgens etwas früher aufstehen!« bat der Sohn.

»Das ist einfach unmöglich, Edmund!« rief die Professorin ärgerlich. »Entweder nichts oder alles. Man kann nicht anfangen, Ausnahmen zu machen.«

Nun fing auch Gunhild an, aufzuzählen, was sie vorhatte.

»Montag: Clubabend, Dienstag wird eine frische Doktorin gefeiert, Mittwoch: Vortrag von Irene Schmidt, Donnerstag: Philippine Welsungs Premiere, Freitag: Vorstandssitzung des Müttervereins, Sonnabend: Dinner bei Solmonsky. Letzteres ist sehr langweilig, aber mein väterlicher Freund und Gönner würde es doch zu übel vermerken, wenn ich fortbliebe. Also: Sklavin der Pflichten.«

»Ihr geplagten Menschen!« lachte Edmund und trank rasch ein Gläschen Benedictiner aus.

Dann zog er die Uhr. »Ich muß mich leider von euch trennen.«

»Ach, Edmund! Jetzt?« rief die Mama bedauernd.

»Ja, es geht nicht anders. Ein auswärtiger Kollege hat mich zu Siechen bestellt.«

»Jetzt schon?«

»Ja, er muß wahrscheinlich mit der Bahn fort.«

Die Mama war betrübt.

»Der Sonntag ist der einzige Tag, an dem man dich ein bißchen für sich hat«, klagte sie, »und nun läufst du auch noch fort! Warum hast du deinen Kollegen nicht einfach hierher bestellt?«

»Weißt du, Mama, zu Haus, das ist immer gleich was ganz anderes. Man muß ihm was vorsetzen, und dann fühlt er sich verpflichtet, Visite zu machen usw. An einem neutralen Orte, wo jeder zahlt, was er verzehrt, ist das viel zwangloser.«

Gunhild dachte: »Ja, über dieser Sehnsucht nach Zwanglosigkeit, die wieder von der allgemeinen Übermüdung kommt, geht die häusliche Geselligkeit zu Grunde.«

Die Professorin aber klagte weiter: »Wenn du nur die enttäuschten Gesichter der Gukowschen Töchter nachher sähest! Die kommen immer gerade am Sonntag à cause de vos beaux yeux und die Kronbergs auch. Sicher kommen sie heute und müssen sich dann mit uns Frauenzimmern langweilen.«

»Mama, du denkst von der Anziehungskraft deiner eigenen Gesellschaft entschieden zu gering«, entgegnete der Sohn galant. »Es ist mir unmöglich, deine Gäste zu bemitleiden, selbst wenn deine für mich allzu schmeichelhafte Voraussetzung mehr sein sollte, als eine mütterliche Illusion. Auf Wiedersehen also!«

»Morgen mittag bei Tisch wahrscheinlich«, sagte Gunhild phlegmatisch.

Sie saß in einer Diwanecke, die Füße auf eine Fußbank gestreckt, die Zigarette zwischen den Fingern, ein Bild behaglicher Unbekümmertheit.

Es tat ihm leid, dies Behagen und besonders Gunhild verlassen zu müssen, und noch dazu war der durchreisende Kollege eine Finte. Er flüchtete eigentlich nur vor dem Schwall ihn langweilender Visiten, die am Sonntagnachmittag die Mama zu überfallen pflegten.

Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, legte Gunhild ein paar Scheite Holz auf das herabgebrannte Kaminfeuer und warf die eben angerauchte zweite Zigarette dazu.

Sie fand: Rauchen, ohne daß Edmund es sehen mußte, hatte wenig Sinn.

Es war dämmerig geworden und ganz still. Die große Stutzuhr tickte eilig, und die Großmama schnarchte ein wenig. Doch kam jetzt Ferdinand und stellte die große Lampe auf den Tisch.

»Ist im Salon schon Licht gemacht?«

»Jawohl, gnädige Frau.«

»Auch im Vorsaal?«

»Jawohl!«

»Bitte, Ferdinand, reichen Sie mir das kleine Juchtenfutteral, das rote – dort auf der Etagere. – Schön.«

Der Diener ging.

»Ich will versuchen, rasch noch eine Patience zu legen«, sagte die Tante und entnahm dem Futteral niedliche kleine Karten.

Die Professorin gehörte zu den Frauen, denen es fast unerträglich ist, einen Augenblick ohne Unterhaltung zu sein.

Konnte sie nicht plaudern oder sich vorplaudern lassen, so mußte sie nach einem Ersatz greifen.

Und mit Gunhild wußte sie wenig zu sprechen, besonders unter vier Augen.

Für Gunhilds Natur waren im Gegenteil die Stunden des Sichselbstüberlassenseins, des Träumens und beschaulichen Nachdenkens das Allerunentbehrlichste.

Jetzt schaute sie ins Feuer und dachte an Edmund und daß sie ihn vor kurzem hatte heiraten wollen. Gewiß, er war ihr lieb, und sie unterhielt sich lieber mit ihm, als mit den anderen Herren ihres Kreises. Aber heiraten? Dazu gehörte eben doch noch etwas ganz anderes. Und das fehlte. Ihr Gefühl für ihn war schwesterlich. –

Die Wohnungsklingel ertönte. Ferdinand meldete Besuch, und die Großmama erwachte.

Fein, kühl, geräuschlos sank nebeliger Regen nieder.

Gunhild ging unter den kahlen Linden am Ufer hin.

Es war gegen acht Uhr abends.

Nahe der schönen roten Sandsteinbrücke streckte ihr ein seltsam gekleidetes weibliches Wesen ein Zeitungsblatt entgegen und sagte dabei: »Schwester, erwache!«

Gunhild nahm das Blatt und sah neugierig und teilnehmend die Straßenmissionarin an.

»Sie gehören zur Heilsarmee?«

»Ja. Ich diene im streitbaren Heere des Herrn.«

»Welche Charge bekleiden Sie, wenn ich fragen darf?«

»Nach dem letzten Manöver bin ich zur Sergeantin avanciert. Wenn Sie Freudigkeit zum Kriegsdienste haben, Schwester in Jesu, so besuchen Sie morgen unsere Versammlung. Alte Wegstraße 113.«

»Danke«, sagte Gunhild und ging weiter.

Wie schlangenklug die Gründer dieser Heilsarmee menschliche Schwächen und Eitelkeiten in ihren Dienst genommen haben, dachte sie. Und wie sie sich auf die große Krankheit der Kulturmenschen verstanden haben: die Langeweile mit ihrem Hunger nach Fantasiereizen und Emotionen! Nur im Heilmittel vergriffen sie sich. Ihr Armee-Apparat ist ein Papiermaché-Aufbau mit aufgeklebten Etiketten und Füttern. Die Wirkung kann nie greifen, wo Jahrmarktsplunder und Scharlatan-Geschrei geboten wird. Nur organisch Gewachsenes, langsam, mit innerer Notwendigkeit Gewordenes ergreift als Ernst.

Bei der nächsten Straßenlaterne warf sie einen Blick auf das Blatt.

Es war betitelt ›Der Kriegsruf‹ und begann mit einem Verzeichnis der Avancements.

Sie wandte das Blatt um. Auf der letzten Seite standen Personalnachrichten. Ihr Blick fiel auf eine Todesanzeige, die diesen Wortlaut hatte:

›Die Gefreite Amalie Bauke hat am 18. des Monats den Halleluja-Hut mit der ewigen Krone vertauscht.‹

Gunhild lächelte, steckte den ›Kriegsruf‹ in die Regenmanteltasche und ging weiter.

Dann vergaß sie Halleluja-Hut, Sergeantin und ›Kriegsruf‹ über dem reizvollen Nachtbilde der Stadt.

Der Kanal schien Tinte statt Wasser zu enthalten. Am jenseitigen Ufer, wo eine Straßenperspektive sich auftat, blinkten lange Reihen von Lichtern, unzählige Lichter! Gelbe Lichter, rötliche Lichter, blauweiße, mondfarbene Lichter!

Jedes Lichtchen warf einen langen, strahlenförmigen Schein, und das alles, Lichter und Strahlenscheine, spiegelte sich in der glänzenden Feuchtigkeit des Erdbodens.

Gunhild blieb einen Augenblick bewundernd stehen.

Sogleich schloß sich ihr ein Abenteuer suchendes männliches Wesen an.

Rasch ging sie weiter.

Das Wesen blieb ihr dicht zur Seite.

»Mein Fräulein«, sagte es, »warum so allein? Zu zweien geht es sich ja viel besser. Erlauben Sie, daß ich Sie begleite?« Diese Art Begegnungen waren Gunhild, die eine schöne Erscheinung war und auch abends allein ausging, nichts Neues. Gewöhnlich ignorierte sie die Zudringlichen bis diese ermüdeten.

Heute aber folgte sie einem schelmischen Einfall. »Gewiß«, antwortete sie, »es ist mir sogar sehr recht.«

Das Wesen wurde sofort ganz sicher und nahm einen vertraulich nachlässigen Ton an. »Auf der Straße plaudert sich's nicht gut«, meinte es, »man ist nicht ungestört; wollen wir doch in ein gemütliches Lokal gehen und zusammen soupieren.«

»Bedaure, ich bin Abstinenzlerin«, bemerkte Gunhild, »und zwar radikal. Heute nehme ich nichts mehr zu mir, als einen Apfel und ein Glas Wasser.«

»Ich werde Sie schon rumkriegen«, sagte das Wesen unentmutigt. »Lassen Sie mich nur machen.«

»Im Gegenteil. Ich hoffe, Sie zu bekehren. Unser ewiges Teil steht sich so sehr viel besser bei der Enthaltsamkeit, und ich empfehle Ihnen mein Hungersystem angelegentlichst zur Nachahmung. Nur der absolute Vegetarier führt ein menschenwürdiges Dasein?«

»Aber mein Fräulein, wenn das Ihr Ernst ist?...«

»Zweifeln Sie?!«

»Das sind ja schauderöse Prinzipien!«

»Im Gegenteil«, sagte wieder Gunhild mit größter Ruhe, »nur denen, die noch in der Finsternis wandeln, erscheint unser Treiben eine Torheit. Ich fürchte, Sie stecken noch tief im Sumpfe der Irrtümer. Antworten Sie mir: Sind Sie schon erweckt oder nicht?«

Das Verhör wurde dem Wesen ungemütlich.

»Ja oder nein?« drängte Gunhild.

»Aber bestes Fräulein! ... Gehören Sie etwa zur Stadtmission?«

»Nein: aber zur Armee.«

»Zur Armee? ... ich verstehe nicht...«

»Ich bin Obristin – der Heilsarmee. Verlangt Ihnen nach dem ewigen Heil, mein Herr?«

»Nein, gnädige Frau!« stöhnte das unglückliche Wesen.

Gunhild hatte Mühe, ernst zu bleiben.

»Nein?« rief sie, »unselig Blinder! Dem Verderben Zutaumelnder! Welche Fügung schickte Sie in meinen Weg! Kommen Sie jedenfalls morgen in unsere Versammlung, Alte Wegstraße 113. Hier der Kriegsruf!« (Sie händigte dem verschüchterten Wesen das Blatt ein.) »Wenn Sie bis morgen gründlich fasten und bereuen, so können Sie vielleicht zum Rekruten genommen werden. Einstweilen werde ich Sie, meiner Soldatenpflicht folgend, mit den wesentlichsten Heilswahrheiten bekannt machen. Sie haben hoffentlich ein Stündchen Zeit?«

»Nein, ich bedaure«, sagte das Wesen ganz ängstlich. »Ich habe eine feste Verabredung. Empfehle mich, gnädige Frau.«

Den Hut ziehend, schwenkte es ab, so rasch seine Füße es trugen.

Gunhilds Augen lachten schelmisch. »Das war dem mal gesund!«

Ein Bierpalast zog ihre Blicke auf sich. Er hatte so wenig feste Wand und so viel große, elektrisch erhellte Fenster, daß er wie ein riesiges Transparent anzusehen war.

Man konnte von außen in einen ungeheuren Biersaal sehen, der fast bis zum letzten Stuhle besetzt war.

Tisch drängte sich an Tisch, und über den Häuptern der Zechenden lagerte ein dichtes Gewölk von Tabaksrauch.

»Hier verbringen unsere Männer ihren Feierabend, wenn sie können«, dachte Gunhild. »Und tags nimmt sie der Beruf in Anspruch. Darum kommen wir Frauen so wenig mit ihnen zusammen, daß man zuweilen meint, das Männergeschlecht sei am Aussterben. Hier freilich kann sich die finsterste Zweiflerin vom Gegenteil überzeugen.«

Der ›Club‹, dem Gunhild zugehörte, war eine Gründung Senta Korellas.

Man hatte zwei Hinterzimmer eines großen Restaurants gemietet.

Diese Zimmer waren hübsch und mit künstlerischem Geschmack eingerichtet.

An den Wänden hingen gute Bilder, und den Boden bedeckten orientalische Teppiche.

Ein sogenannter Diplomatenschreibtisch war mit allem zum Schreiben Dienlichen ausgestattet und sah sehr würdig aus. Auf einem langen, mit grünem Fries bezogenen Tische lagen Zeitungen und illustrierte Blätter.

Sonst bestand die Einrichtung des Hauptzimmers aus etlichen hübschen Sitzplätzen, runden Tischen, von bequemen Sesseln umgeben, und kleinen Eckdiwans.

Im Nebenzimmer stand ein Billard.

Der Club bestand aus zwölf zahlenden Mitgliedern und einigen Ehrenmitgliedern, sämtlich natürlich weiblichen Geschlechts.

Der jährliche Beitrag war ein so hoher, daß schon dieser Umstand eine rasche Vergrößerung unmöglich machte.

Als Gunhild eintrat, spielten zwei Damen Billard, und drei andere verzehrten an einem Ecktisch ihr Abendbrot, aus Bier und belegten Brötchen bestehend.

Niemand ließ sich stören.

Gunhild hängte Hut und Mantel an den Ständer, der nahe der Tür stand, und fuhr sich vor dem Spiegel mit dem Taschenbürstchen über die lockigen blonden Scheitel.

»Ist Senta noch nicht hier gewesen?« fragte sie.

»Nein«, antwortete man.

Gunhild sah eine Weile dem Billardspiel zu. Dabei hörte sie auf die Unterhaltung der Soupierenden.

Die waren alle drei leidenschaftliche Radlerinnen und redeten über ihre Maschinen, zurückgelegte Touren, kleine Unfälle, Verbesserungen usw.

Gunhild hatte sich gerade in die letzte Nummer der ›Jugend‹ Humoristisch-satirische Wochenschrift für Kunst, Literatur, Leben und Politik; erschien 1896-1940 in München; Organ des Jugendstils vertieft, als die Dramatikerin Frau Philippine Weisung eintrat.

Gunhild ließ die ›Jugend‹ liegen und ging der Schriftstellerin entgegen.

Diese war ein kleines schmächtiges Frauchen, etwas sonderbar, aber elegant in wallende Gewänder gekleidet. Sie war eine verzogene kleine Person. Erst hatten die Eltern Philippinchens Genialität angebetet und nun tat es der Gatte. Nie hatte man ihr zugemutet, etwas Nüchterneres zu tun, als ihrem ›Genius‹ zu leben, das heißt jedem ihrer launischen Einfalle Folge zu leisten, und so war sie in allen praktischen Dingen jämmerlich ungeschickt geblieben. Mit Ausnahme der Toilette! Denn Philippinchen war nicht auf ihren Genius allein eitel.

Selbst an- und auskleiden konnte sie sich aber nicht. Sie nestelte nervös, mit zappeligen kleinen Händen an ihrem Hutschleier, bis Gunhild ihr half.

Philippine hatte sehr glänzende braune Augen, die durch die tiefen Schatten der Umgebung übernächtigt aussahen, aber auch überlebendig.

Mit diesen Augen sah sie kindlich hilflos zu der ruhigen Gunhild auf.

Das kindlich Hilflose kleidete ihr, wie sie wußte, darum kultivierte sie es.

Aber heute sah sie wirklich krank aus. Noch blasser, als sonst, bis auf ein Fleckchen hektischer Röte auf jedem Backenknochen.

Gunhild fühlte diesem unpraktischen, zappeligen, mageren Geschöpfchen gegenüber eine etwas herablassende Großmut.

Philippinchen preßte die Hände gegen die Brust.

»Ich fürchte mich so entsetzlich vor Donnerstag!« gestand sie vertraulich.

»Lampenfieber ?«

»Ja. Ich werde sterben, wenn es schlecht geht.«

»Verreise.«

»Nein. Wenn es schwanken sollte, könnte die Abwesenheit des Autors alles verderben. Weißt du, wenn sie nur ein bißchen applaudieren, komm' ich vor. Und wenn ich dann recht lieb aussehe, können sie es doch nicht ganz durchfallen lassen! Meinst du nicht? Wenn aber nicht applaudiert wird, geh' ich in die Spree.«

»Sagst du das auch deinem Manne?«

»Natürlich. Fritz bekommt doch aus erster Hand alles zu hören, was mir durch den Kopf geht! Und ich bin ein toller Querkopf.«

»Was sagt er denn zu deinem Vorhaben, in die Spree zu gehen?«

»Fritz? Gar nichts. Er glaubt's nämlich nicht.«

Gunhild lachte.

»Ja, lach nur! Ihr werdet's glauben, wenn ihr's erlebt. Aber Fritz findet mein Stück so reizend, daß er einen Mißerfolg für absolut undenkbar hält. Ist das nicht süß von Fritz?«

»Sehr süß. Aber ich wäre dafür, daß wir jetzt erst mal 'ne Stärkung zu uns nehmen. Du siehst mir ganz so aus, als ob du es nötig hättest.«

»Ja, nämlich ich kann schon seit acht Tagen nicht essen und nicht schlafen«, berichtete Philippine wichtig. »Ich existiere tatsächlich von Geist und schwarzem Tee.«

»Na, wenn ich das Edmund erzähle!«

(Edmund war Philippinens Arzt.)

»Auf deinen Vetter bin ich nun mal ganz böse«, sagte Philippine schmollend.

»Der Arme! Was hat er denn verbrochen?«

»Der entsetzliche Mensch hat die Passion, mir alles zu verbieten, was mir zum Leben notwendig ist. Ich soll keinen Tee und keinen Kaffee trinken! Und das sind gerade meine Zaubermittel, die mich zum Schaffen anregen. Und ich soll früh zu Bett gehen und früh aufstehn. Kann man das denn in Berlin? Außerdem ist meine beste Schaffenszeit zwischen Mitternacht und vier Uhr morgens.«

Die Peitsche in der Hand, in schneidigem Sportskostüm, grüne Bluse, dunkle Samthosen, rehbraune Gamaschen und eine spanische Mütze auf dem Kopf, trat Senta ein. Hinter ihr der Hund Nero.

»Piccolo, nehmen Sie mal meinem Hunde den Maulkorb ab!« kommandierte sie.

Dann grüßte sie die Anwesenden nach ihrer Manier, die Gerte zur Mütze hebend, hing darauf die Mütze an den Ständer und fuhr sich mit den Fingern durch das kurzgeschorene braune Haar.

»Bist du denn zu Rad gekommen?« riefen die Radsport-Enthusiastinnen.

»Ja.«

»Bei diesem Wetter? Das würde ich meiner Maschine nicht antun.«

»Ich habe keine Zeit, meine Maschine zu schonen«, sagte Senta in etwas müdem Tone; »der Diener hat eben morgen etwas länger zu putzen.«

»Sentachen, du überarbeitest dich!«

»Redet kein dummes Zeug, Kinder.«

Nichts konnte Senta mehr irritieren, als daran erinnert zu werden, daß sie eben doch auch nur ein Weib mit begrenzten weiblichen Kräften sei.

Sie setzte sich rittlings auf einen Stuhl und machte den Sportsfreundinnen in ihrer Pagenrolle etwas den Hof.

Senta liebte die Frauen und feindete die Männer an. Dabei wünschte sie leidenschaftlich selbst ein Mann zu sein. Von diesem Wunsche erfüllt, hatte sie sich so lebhaft in ihre Hosenrolle hineingedacht, daß sie sich anderen Frauen gegenüber als junger Mann fühlte und sich entsprechend benahm. Sie hofierte und schmeichelte oder beleidigte durch launenhafte Nichtachtung, je nachdem ihr gerade der Sinn stand.

Der große Widerspruch dabei wurde ihr nicht klar: daß sie einerseits die Frauen so emanzipiert wie möglich haben wollte, doch aber selbst in einer Art mit ihnen verkehrte, die alle jene weiblichen Schwächen voraussetzte, die sie überwunden wissen wollte.

Sie rief den Clubdiener.

»Bringen Sie mir die Speisekarte, Stephan.«

»Jawohl, Fräulein Doktor.«

»Und die Weinkarte. Schön. Lassen Sie sehen. Die Mischung gestern war gut. Machen wir wieder. Also Burgunder, eine Flasche von dieser Marke und eine halbe Mumm. Aber gut gekühlt, bitte.«

Sie bestellte in kurzem, sehr bestimmtem Tone und wußte stets gleich, was sie haben wollte. Die Kellner hatten darum eine besondere Hochachtung vor ihr. Auch daß sie meist vom Besten nahm und ihre entsprechenden Rechnungen, ohne mit der Wimper zu zucken, bezahlte, imponierte den Befrackten.

Von den Sportgenossinen wandte sich Senta zu den Billardspielerinnen, die eben eine neue Partie in Angriff genommen hatten.

An die Wand gelehnt, folgte sie mit aufmerksamen Blicken den Bällen.

Dann fing sie an, der schwächeren Spielerin Dessins zu geben, und ihre Ratschläge waren gut.

»Nein, das ist unfair, Senta!« rief die andere Spielerin, eins der von Edmund gepriesenen Fräulein von Wrede.

»Gegen so einen starken Verbündeten komme ich nicht an.« »Als ob du nicht immer auf deine Rechnung kämest, Mariella!«

Philippine schaute sich unablässig nach Senta um.

»Aber wahrhaftig, der kleine Teufel will uns schneiden!« sagte sie entrüstet zu Gunhild. »Weißt du, das finde ich stark!«

Gunhild kannte ihre Senta besser.

»Warte nur.«

In dem Moment, wo der Kellner mit den bestellten Getränken erschien, machte Senta eine kurze Schwenkung und setzte sich an den Tisch, den Gunhild und Philippine innehatten.

»Dich heb' ich immer pour la bonne bouche auf!« raunte sie Gunhild zu. Darauf wandte sie sich an Philippine. »Also am Donnerstag, Philippinchen, werden wir dich kolossal feiern. Iß recht viel Beefsteaks bis dahin, denn das Gefeiertwerden ist strapaziös.«

»Das weißt du wohl aus Erfahrung?« meinte Gunhild neckend.

»Ja.«

»Aber mich werdet ihr wahrscheinlich nur bei meinem Begräbnis feiern«, klagte Philippine. »Ich sterbe vor Angst.«

»Angst?! Du Hasenfuß! Lächerlich. Wovor ängstigst du dich denn, Philippinchen ? Du hast ein gutes Stück geschrieben – das Weitere geht dich eigentlich gar nichts an.«

»Aber, Senta, denke doch nur, wenn man es nicht gut fände, und ich würde ausgepfiffen?!«

Senta entgegnete unbekümmert: »Nun, was wäre denn dabei? Dann pfeift man halt. Der Frieden Europas wird dadurch nicht erschüttert werden.«

»Aber meiner; – und das ist mir viel wichtiger!«

»Philippinchen, du bist ein Schäfchen. Dein Mann findet das Stück brillant, deine Freunde finden es gut – also. ›Wer nicht die Welt in seinen Freunden sieht, verdient nicht, daß die Welt von ihm erfahre‹ – sagt Goethe, Philippinchen. Gib mir lieber mal dein Glas – nein, das Wasserglas – so, nun stoßen wir an auf einen Bombenerfolg.«

Eine große blonde Frau von reinstem nordgermanischen Typus trat ein: Irene Schmidt.

Sie hatte bereits die ominöse Vierzig überschritten, sah aber mit ihrem göttinnenhaften Wuchs, ihrer prächtigen stolzen Haltung und dem feinen, von Geist und Willen gezeichneten Gesicht imposant und anziehend aus.

Irene Schmidt war eine Führerin der ›gemäßigten Rechten‹; sie hatte bereits ein reiches Wirken hinter sich und sah auf die extreme weibliche Fortschrittsjugend mit einer gewissen olympischen Ruhe herab.

Sie war mit allen gegen eine Stimme zum Ehrenmitgliede des Clubs gewählt worden.

Die eine Stimme war die von Senta Korella gewesen.

Jetzt, bei Irenes Erscheinen, sprangen alle Anwesenden außer Senta auf, um die verehrte Meisterin zu begrüßen.

Es sah aus wie im Offizierskasino, wenn der Oberst kommt.

»Guten Abend, Kinder!« sagte Irene in jovialem Tone.

»Nein, wie lieb, daß Sie kommen, Fräulein Schmidt! Legen Sie bitte ab!«

»Nein, Kinder, ich habe keine Zeit. Meine Mutter hat den ganzen Tag nichts von mir gesehen und wartet mit dem Abendessen. Ich hab' auch kein Geld, wißt ihr, um so wie ihr zu kneipen.«

»Aber Sie sind selbstverständlich immer unser Gast!«

Irene machte eine abwehrende Handbewegung. »Nein, ich kam nur 'mal 'ran, weil ich euch hier beisammen wußte. Das spart mir Wege und Porto. Sie wollten noch Karten für den Vortrag morgen, Aline. Wieviel?«

»Zwanzig, bitte.«

»Schön, hier. Sie wissen, daß es zum Besten des Mädchen-Asyls ist. Der Wohltätigkeit keine Schranken.«

»Jawohl. Vielleicht darf ich übermorgen mit Ihnen abrechnen?«

»Ja, in meiner Sprechstunde, Kindel. Kommen Sie eine Viertelstunde vorher. Und Sie, Hedwig, vergessen Sie doch ja nicht, in der Freitagssitzung das Protokoll vom letzten Mal mitzubringen. Sie haben es doch bei sich?«

»Ja.«

»Ich hoffe, Gunhild, Sie lassen uns diesmal nicht im Stich am Freitag. Sie sind mir immer ein bissel zu lau, Kind. Gerade unser Mütterverein liegt mir jetzt sehr am Herzen. Wenn wir nicht durchgreifen, hätten wir nicht erst anfangen sollen.«

Philippine fragte mit ihrem kindlichsten Augenaufschlag: »Um was handelt es sich eigentlich bei Ihrem Mütterverein?«

»Von Rechts wegen müßte er Vizemütter-Verein heißen«, meinte Gunhild.

Irene erklärte mit Propaganda-Eifer: »Es handelt sich um Beaufsichtigung und Pflege von Kindern, deren Mütter tagsüber außerhalb des Hauses auf Arbeit gehen. Wir stellen dazu zuverlässige Frauen und Mädchen an, die in den verlassenen Haushaltungen bis zum Abend die Mütter vertreten. Und wir wählen die Persönlichkeiten möglichst so, daß sie in die häuslichen Verhältnissen, in denen sie walten sollen, passen.«

»Man muß da als Vereinsmitglied selbst in die gräßlichen Armleute-Wohnungen gehen?« fragte Philippine.

»Ja natürlich; wie will man sonst urteilen? Sie sollten ruhig mal in die gräßlichen Wohnungen gehen, Frau Weisung. Das könnte Ihren literarischen Arbeiten gar nichts schaden. Die atmen mir zu ausschließlich Salonluft.«

Philippine zog ein Mäulchen und dachte: »Davon versteht sie nun gar nichts.«

»Fräulein von Wrede«, sagte Irene. »Sie können mir einen Gefallen tun. Nehmen Sie doch die kleine Rosa Tielen in Ihren Gärtnerinnen-Kursus auf.«

Mariella Wrede, die mit ihrem Billardqueue in der Hand dastand, antwortete bedauernd: »Ich habe leider schon keinen Platz mehr.«

»Schaffen Sie noch einen, Kind! Das muß ja gehen. Das Mädchen ist musterhaft fleißig, aber die Seminararbeit hält sie nicht aus, schon der Augen wegen.«

Mariella überlegte ernstlich und sagte dann: »Ich werde sehen, daß ich es einrichten kann.«

»Gut. Ich schick' Ihnen die Rosel morgen früh zwischen acht und neun. Ist Fräulein Dr. Korella nicht hier?« Senta hatte die ganze Zeit in herausfordernd burschikoser Weise, ein Bein über das andere gelegt, an ihrem Tischchen im Hintergrunde gesessen und geraucht.

Sie und Irene Schmidt waren Gegenpole. Senta, im Vormarsch der Radikalen die Fahne absoluter Gleichberechtigung und Freiheit hochhaltend, sah in der einflußreichen, aber gemäßigten und fast konservativ zu nennenden Irene eine ärgerlichere Gegnerin, als in den offenen Bekämpfern der Frauenemanzipation; denn diese erschienen ihr als Reaktionäre und Dunkelmänner unbedenklich.

Aber der Umstand, daß Irene ihre leitende Hand in den meisten fortschrittlich gesinnten Frauenvereinigungen hatte, und daß Senta ein vielgesuchter Frauenanwalt war, brachte die Antagonistinnen doch vielfach miteinander in Berührung.

Als jetzt der suchende Blick der klaren tiefblauen Augen Irenes sie traf, erhob sich Senta und trat, die Zigarre zwischen den Fingern, zu den anderen. »Sie fragten nach mir, Fräulein Schmidt?« sagte sie mit etwas steifer Höflichkeit in Ton und Miene.

Aus Klugheit unterdrückte Irene ihre Entrüstung über den extravaganten Aufzug der schönen jungen Anwältin. Aber sie dachte ärgerlich: »Warum kann sie sich nicht wenigstens anständig anziehn! So muß sie ja doch Kritik und Spott herausfordern. Was sie der Frauensache durch ihre Tüchtigkeit nützt, verdirbt sie zehnmal wieder durch diesen Unfug.«

Laut sagte sie indessen sehr höflich: »Fräulein Doktor, ich möchte wissen, was Sie mit der unglücklichen Frau angegeben haben, die ich Ihnen heute schickte. Glauben Sie, daß Sie sie von dem Trunkenbold loskriegen?«

»Ohne Zweifel«, antwortete Senta ruhig. »Die Sache liegt so ...«

Sie legte kurz den Fall juristisch klar und deutete an, welchen Weg sie einzuschlagen gedenke, um den Buchstaben des Gesetzes zugunsten der bedrängten Frau auszulegen.

»Nämlich Auslegung und geschickte Anwendung ist dabei alles.«

Sie sprach in gleichgültigem, etwas müdem Tone.

»Als ob sie sich, wenn sie nicht den Jungen spielt, sofort leidend fühlte!« dachte Gunhild. »Arme Senta!«

Irene war von der Auskunft so erbaut, daß sie sogar den Ärger über die grünen Samthosen vergaß. Sie dankte, verabschiedete sich huldvoll und ging.

Senta eilte an ihren Tisch, stürzte mit Hast ein Glas Burgundersekt hinunter und schüttelte sich.

»Brrr! – Kinder, jetzt wird mir wieder etwas besser.«

Als Gunhild gegen Mitternacht in einer offenen Droschke nach Hause fuhr, plagte sie wieder das öde Gefühl der Gleichgültigkeit gegen alles und alle – dieser berühmte Zustand ›allgemeiner Wurstigkeit‹, den Männer häufig als Lebensweisheit empfehlen, den aber eine Frau nicht erträgt.

Alles hätte für Gunhild in solchen Momenten ebensogut nicht sein können. Was getan wurde, konnte ebensogut unterbleiben. Ihre Freunde mochten leben oder sterben, ihre Unternehmungen gedeihen oder nicht – was lag im Grunde daran?!

Das Leben lag da, ruhig und fein, aber nicht aufrüttelnd. Wie in Sepia und Tusche gemalt.

»Ja, das ist so«, dachte sie; »nicht allen wird ein Lebensinhalt auf dem Präsentierteller geboten: Not oder ein großer Schmerz oder eine große Liebe oder eine große Arbeit.

Wem das nicht von selber kommt, der muß sich einen Inhalt schaffen. Das ist wichtiger, als essen und trinken. Der Seele fehlt der Sauerstoff, sie kann nicht mehr tief atmen, wenn sie nicht etwas hat, was sie in den Tiefen bewegt.

Das ist es, was alle diese Frauen so rastlos macht. Sie entbehren einen vollen Lebensinhalt, sie müssen ihn haben, um nicht zu versinken, und sie schaffen ihn sich.

Und wenn das, was sie sich schaffen können, sie dennoch nicht ausfüllt, wie die arme Senta, dann übertäuben sie das unheimliche Gefühl von Leere mit Allotria. Ja, so ist es.

Aber ich bin »lau«, wie Irene Schmidt sagte; eine klägliche Nichtwollerin. So grau und lila getönt. Ziemlich fein, aber charakterlos. Ich könnte ebensogut nicht sein. Wo wäre eine Lücke? Zu denken, daß ein Wesen wie ich Ewigkeitsdauer haben sollte! – Und heiraten kann ich auch nicht mehr, wirklich nicht, trotz meines vortrefflichen Gönners Solmonsky. Mit dieser Kälte im Herzen heiraten? Wer das möglich macht, muß ganz anders geartet sein, als ich. Ja damals – ihn –«

Sie machte eine ungeduldige Kopfbewegung. Nein, daran wollte sie nun wirklich nicht mehr denken.

Nur der heutige Tag und die kommenden sollten für sie Geltung haben, und mit denen hatte ›er‹ nichts mehr zu schaffen.

Philippine Weisung hatte wirklich Gelegenheit, am Donnerstagabend mehrmals auf der Bühne zu erscheinen, von einem »reizenden« Schauspieler rechts und einer »entzückenden« Schauspielerin links an der Hand gehalten, wie zum Ringelreigen.

Das war ein Augenblick, gelebt im Paradiese! Das Stück fesselte und rührte. Einige Damen unter den Zuschauern weinten. Es versprach, ein Repertoirestück zu werden.

»Sah ich gut aus auf der Bühne?« fragte Philippinchen nachher.

Ihr Mann, der in sie verliebt war, sagte: »Zum Aufessen!«

»Es ist, wißt ihr, so eine Sache! Erstens der Kontrast gegen die Schauspieler, die doch stark geschminkt sind. Und dann das Bühnenlicht überhaupt. Man sieht zwischen den Schauspielern immer etwas nach ausgegrabener Leiche aus, finde ich.«

»Du sahst herzig aus! Eine Provinzlerin hinter mir hielt dich deshalb für eine Person aus dem Stück. Ich hörte sie sagen: Gott, das is ja eine, die ist noch gar nicht vorgekommen! Nee, so was aber!«

Man lachte.

»Wie nahm sich denn meine Toilette aus?«

»Tadellos!«

Mariella Wrede meinte bei Seite zu Gunhild: »Unbegreiflich, wie ihr in einem solchen Augenblick ihr Aussehen von solcher Wichtigkeit sein kann!«

Gunhild entgegnete in ihrem gleichmütigen Tone: »Sie hat ganz recht.«

Worüber die sachliche und tüchtige Mariella sehr entsetzt war.

»Wie kannst du so reden, Gunhild! Ich hoffe, es ist wenigstens nicht dein Ernst.«

An diesem Abend wurde Philippine gefeiert, wie selbst ein Dichter nur gefeiert wird, wenn er zufällig eine kokette und niedliche junge Frau ist.

Dann aber kam die böse Kritik in den Zeitungen. Ein paar galante Berichte zwar verweilten bei dem unzweifelhaften Bühnenerfolg; die meisten aber machten aus ihres Herzens Meinung kein Hehl. Sie nannten das Stück Gartenlaubenfabrikat ›Die Gartenlaube‹ eine 1853-1943 in Berlin erscheinende sehr beliebte Familienzeitschrift und ein Gebräu nach bewährtem Marlittschen E. Marlitt, Pseudonym der Schriftstellerin Eugenie John (1825–1887); schrieb Unterhaltungsromane, die zuerst in der ›Gartenlaube‹ erschienen. Rezept – die Welt, in der die Handlung sich abspiele, Wolkenkuckucksheim und die Charaktere zuckerwässerige und sentimentale Roman-Schablonen.

Einige dieser schauderhaften Kritiker waren sogar in ihren Auslassungen ganz niederträchtig boshaft! – Wenn nun auch Philippinern empörter Gatte sich bereit erklärte, die hassenswürdigsten dieser »Giftspritzer« auf Pistolen zu fordern (wogegen Philippine laut weinend protestierte), und wenn Senta auch immer wieder versicherte, diese Ausfälle seien purer Neid, weil die mit Vorliebe ungenießbares Zeug schreibenden Männer einer Frau einmal keinen Bühnenerfolg gönnten, so wurde Philippinchen doch vor Ärger und Aufregung krank.

»Jetzt haben wir ja den Salat!« sagte Edmund, der Philippinern Arzt war, ärgerlich zu Gunhild. »Sie ist eine wahre Musterkarte von Hysterie. Alle Tage sitzt das Leiden woanders.«

»Jedenfalls ist das Leiden an sich Tatsache«, meinte Gunhild.

»Ja, sie hat aber auch auf ihre Nerven losgewirtschaftet! Heil'ger Brahma! Der ihr Mann sollt' ich gewesen sein! Wie hat sie denn gelebt? Bis mittags geschlafen, dann Geselligkeit, Theater, Konzerte und wieder Geselligkeit bis Mitternacht und dann bis in den Morgen hinein bei starkem Tee oder Kaffee geschrieben. So was soll nachher unsereiner wieder in Ordnung bringen!«

Philippine lag in ihrem Boudoir, das in japanischem Geschmack ganz reizend eingerichtet war, und trug ein › morning-gown‹ von zitronengelber chinesischer Seide, wie es die Duse unlängst als Magda in der ›Heimat‹ getragen.

Sie hatte die Vorstellung, ungefähr ebenso auszusehen, wie die himmlische Düse in jener himmlischen Rolle, und teilte diese Ansicht der sie treu besuchenden Senta mit. »Seh' ich nicht ganz so aus?«

»Wie ein großer Mann mit Schlapphut, weißen Brauen und Schnauzbart ganz so aussieht wie Bismarck«, sagte die grausame Senta.

Edmund, der Entsetzliche, über den sich Philippine ohne Ende beklagen mußte, hatte ihr jeglichen Besuch verboten.

Zum Glück fand Senta, daß man sich nach den Marotten so eines wichtig tuenden Doktors nicht zu richten brauche, und durchbrach die Quarantäne.

Die echte Wärme ihrer Freundschaft verriet sich immer, wenn eine der Freundinnen krank oder in Not war.

Philippinens jüngstes Leiden war eine Drüsenanschwellung am Schultergelenk, die geschnitten werden mußte.

Und vor dem Schneiden hatte die nervenschwache kleine Frau natürlich schreckliche Angst.

Als Edmund, mit seinen Mordinstrumenten bewaffnet, eintrat, fand er Senta bei seiner ängstlich abgesperrten Patientin.

Das war auch gerade die Rechte!

Sie stand mit dem Rücken gegen Philippinens luxuriösen Schreibtisch gelehnt und sah ihm aus ihren geheimnisvollen dunklen Augen wie in verhaltener Drohung entgegen.

»Gerade so sieht manchmal eine Katze den Hund an«, dachte Edmund. Aber sie fiel ihm als schön auf, weil sie nicht ihr schreckliches Pagenkostüm trug, sondern Frauenkleider.

»Einzigster Doktor!« begrüßte ihn Philippine, »sagen Sie nichts gegen meine Senta! Wenn Sie nicht erlauben, daß Sie hier bleibt, lass' ich Sie nicht schneiden. Nur wenn Senta bei mir ist, kann ich so etwas Schauderhaftes aushalten.«

»So?«

»Ja. Ich schwöre Ihnen, wenn Sie Senta fortschicken, schrei ich so laut, daß das ganze Haus zusammenläuft.«

»Dann wollen wir lieber Fräulein Korella assistieren lassen.«

Sentas Gesicht verwandelte sich. Sie sah mit einem Male ganz sanft und verständig aus.

Diese Metamorphose überraschte Edmund. Die Senta, die er diesen Augenblick vor sich sah, hatte mit der Senta, die er kannte, kaum noch Ähnlichkeit.

»Es ist unglaublich, daß sie so aussehen kann und es vorzieht, als ungezogener Gamin herumzulaufen!« dachte er. Während er rasch und unauffällig sein Handwerkszeug zurechtlegte, sagte er, mit einer Kopfwendung nach dem Fenster: »Da draußen ziehen sie eben einen aus dem Wasser.«

»O wie gräßlich!« rief Philippine. »Ist er denn hineingefallen oder hineingesprungen?«

»Wie er hineingekommen ist, kann ich nicht sagen. Fräulein Korella, würden Sie die Liebenswürdigkeit haben, eben mal den Finger auf die Öffnung dieses Fläschchens zu halten, und wenn ich sage ›jetzt‹, ein paar Tropfen auf die Stelle zu gießen, die ich zeige.«

Senta tat ihm schweigend und pünktlich eine Reihe kleiner Handreichungen, die er, da sie einmal da war, von ihr erbat.

Während Philippine sich noch das Schicksal des vermutlichen Selbstmörders ausmalte, war auf einmal alles geschehen.

»Nun, soll denn nicht wenigstens ein klein wenig geschrien werden?« fragte Edmund.

Aber Philippine krallte sich nur mit ihren nervösen kleinen Händen in den Arm Sentas fest und biß die Zähne zusammen. Sie schien von Sentas willensfestem Blick hypnotisiert.

Edmund sah ein paar Mal flüchtig zu Senta hinüber und dachte: »Diese Macht sollte lieber ich haben.«

Beim Verbinden der Schnittwunde half Senta wieder mit tadelloser Geschicklichkeit. Dabei überhäufte sie Philippinchen mit liebkosenden Worten, die freilich immer das von der Höhe niederträufende Wohlwollen des Überlegenen an sich hatten.

Während Edmund seine sieben Sachen zusammenpackte und Verhaltensmaßregeln gab, zog Senta Hut und Handschuhe an.

»Aber du gehst doch nicht schon?!« jammerte Philippine.

»Ja, was denkst du wohl, Philippinchen? Um dir mein Versprechen halten zu können, hab' ich mich wie ein Dieb in der Nacht aus der Wohnung stehlen müssen. Die Hintertreppe hinunter und durch die Buchhandlung unten, statt durch den Flur. Meine Bürostunden haben ja schon angefangen, und arme Seelen drücken die Wände des Fegefeuers.«

Sie nannte ihr eigenes Arbeitszimmer ›Paradies‹ und das Wartezimmer ›Fegefeuer‹.

»Kannst du dich nicht mal 'n bißchen vertreten lassen?«

»Nein. Adieu, Schatz. Sei recht brav. Morgen komm ich wieder. Adieu, Herr Doktor.«

»Ich gehe mit, gnädiges Fräulein.«

Sie überhörte dies und lief wie der Wind die zwei Treppen hinunter und die halbe vom Hochparterre.

Er aber, mehrere Stufen auf einmal nehmend, holte sie an der Haustür ein.

»Sie dachten wohl, ich käme nicht nach?« lachte er.

Sie sah ihn an. Der Gegensatz zwischen dem heiteren Übermut jetzt und dem ruhigen, Achtung gebietenden Ernst, den sie oben an ihm beobachtet hatte, gefiel ihr. Auch der Blick, mit dem er sie eben ansah, war recht angenehm.

»Man soll nicht über einen Menschen urteilen, ehe man ihn nicht bei seiner Arbeit gesehen hat«, dachte sie. »Nicht irgendeine beliebige Arbeit, sondern die Berufsarbeit.« Es war kurz nach neun Uhr morgens. Die arme Philippine hatte sich sehr zeitig schönmachen müssen.

Am Ufer draußen stritt sich noch der Herbstnebel mit der Sonne. Die hohen Zinshäuser am jenseitigen Ufer schimmerten lila, wo sie noch im Schatten lagen, und rötlich-gelb, wo die Sonne sie beleuchtete. Die Äste und Zweige alle sahen schwarz aus von Feuchtigkeit und auf dem Rasenrande des Kanals lag Reif.

Das alles war schön und morgenfrisch, und die beiden vor der Haustür genossen es ein paar Sekunden freudig atmend. Dann fragte Senta: »Das mit dem aus dem Wasser Gezogenen sagten Sie vorhin wohl nur, um Philippine zu zerstreuen? «

»Nein; gerade als ich kam, war dort an der roten Brücke ein gewaltiger Menschenzusammenlauf. Sie fischten mit Stangen von einem Äpfelkahn aus und warfen von der Brücke aus die Leine mit dem Rettungsgürtel. Jetzt, nach zwanzig Minuten, ist schon nichts mehr zu sehen und zu hören. Das hat hier doch alles ein unheimliches Tempo!«

»Ja, und man muß miteilen, wenn man nicht den Anschluß versäumen will«, bemerkte Senta. »Adieu. Grüßen Sie Gunhild.«

»Ich danke auch schön für die liebenswürdige Hilfe«, sagte er artig.

Sie lachte kurz auf und entgegnete schnippisch: »Um Ihren Dank tat ich's nicht.«

Dann steckte sie die Hände in die Taschen ihres Pelzjäckchens und schritt, einen neuen Gassenhauer pfeifend, rasch über den Straßendamm.

Er schaute ihr lächelnd nach.

Das war wieder die ihm bekannte, ungezogene Senta. Vorhin aber, oben, mit der sanften, verständigen Miene und den schnellen, ruhigen Bewegungen war sie wirklich sehr anziehend gewesen! Viel mehr, als er's bei ihr für möglich gehalten hatte.

Die Professorin gab eins ihrer hübschen kleinen Diners, zu denen sie aber doch die Einladungen acht Tage vorher auf lithographierten Kärtchen herumschickte.

Gunhild, die sich aus Liebhaberei zur Kochkünstlerin entwickelt hatte, pflegte bei diesen Gelegenheiten ziemlich den ganzen Tag in der Küche zu stehen.

»Ich mache das wirklich viel besser als irgendein Hofkoch«, erklärte sie.

Die Familie bekannte auch unumwunden, daß Gunhilds Puddings, Saucen und Ragouts einfach unerreicht daständen.

»Etwas muß der Mensch können«, pflegte Gunhild zu sagen, wenn man ihre Kochkunst rühmte, »ich meine, zu möglichster Vollendung gebracht haben. Und das, was ich kann, ist eben kochen.«

»Sonst nichts?«

»Nichts wenigstens, was viele andere nicht besser machen können. Wenn wir die große Revolution bekommen und jeder sein Brot erarbeiten muß, werde ich Köchin.«

Die Zimmer sahen aus, als gähnten sie. Alle Verbindungstüren standen auf, und alle die kleinen täglichen Gebrauchsgegenstände, als Schüsselkörbchen, Nähständer, Patiencekarten usw., die für gewöhnlich den Räumen das Gepräge von Bewohntheit und Traulichkeit gaben, waren entfernt worden.

Man hatte die Großmama aufs Würdigste in Spitzen und Seidenschals drapiert und ihren Stuhl in den Salon an ein warmes Ofenplätzchen geschoben.

Mit begierig funkelnden Äuglein sah die alte Frau den Gästen entgegen. Sie war ihr Leben lang Gesellschaftstrubel gewöhnt und liebte ihn jetzt mehr als je.

Sie klammerte sich an das, was ihr davon mitzumachen möglich war, mit der intensiven Genußfreude derer, die wissen, daß ihnen die Feststunden des lieben Lebens nur noch knapp bemessen sein können.

»Das ist die durch Wehmut gewürzte Luft, mit der wir in die sinkende Sonne schauen«, dachte Gunhild; »bald kommt die Nacht.«

Die heutigen Gäste gehörten der Finanzwelt an: der reiche Solmonsky und sein Sohn, der noch viel reichere Bankier van Lenepp und seine Frau und andere jener Kreise. Die Professorin lud ihre Bekannten gruppenweise ein, wie sie zusammen gehörten: einmal die Geldaristokraten, einmal die Professoren und Mediziner, einmal ihre und Gunhilds »arbeitende« Freundinnen und endlich Jugendbekannte und Sippschaft sowie den kleinen Rest derer, die sich sonst nicht unterbringen ließen.

Gunhild hatte die Bemerkung gemacht, daß eigentlich jeder dieser Kreise einer kleinen Welt angehörte, die von den anderen kleinen Welten so gut wie gar nichts wußte.

Die Anschauungen und Lebensauffassungen dieser diversen Kreise waren erstaunlich voneinander abweichend. Jeder einzelne Kreis aber meinte mit unerschütterlicher Überzeugtheit die Welt der Vernünftigen zu repräsentieren.

Wenn Gunhild der schönen reichen jungen Frau van Lennep einmal von der sozialen Not der Frauen sprach, entgegnete Frau van Lennep mit ehrlichem Erstaunen: »Aber was fehlt denn den Frauen? Jede Frau kann es doch so gut haben; wenn sie will.«

Und sprach sie dagegen zu Irene Schmidt von der erdrückenden Last gesellschaftlicher Pflichten einer ihrer nicht zu Atem kommenden Millionärsfrauen, so meinte diese unüberzeugt: »Niemand ist gezwungen, sich zum Sklaven gesellschaftlicher Torheit zu machen.«

Der junge Solmonsky, den sie heute aus lauter Langeweile von Irene Schmidts großartiger Wirksamkeit unterhielt, sah sie an, als ob sie ihm Märchen erzählte.

»Aber erlauben Sie, mein gnädiges Fräulein«, sagte der junge Lebemann, »warum macht sich denn diese Dame das Leben so unbequem? Kommt denn dabei etwas heraus?«

Sie blieb eine Antwort schuldig.

Die Finger ihrer rechten Hand spielten mit dem blumenstielartigen Fuß eines Kelchglases, und ihre graublauen Augen, die so gut zu sehen verstanden, wenn sie wollten, blinzelten beinah schläfrig unter den langen Wimpern vor.

Sie war müde von dem Stehen in der Küche, und keiner der Gäste interessierte sie genug, um sie wieder munter zu machen.

Siegfried Solmonsky war ihr Partner bei Tafel; dem alten Herrn zu Liebe mußte sie es so einrichten lassen.

Gegenüber saß der Papa Kommerzienrat mit seinem jovialen faltigen Gesicht und dem weißen, zu beiden Seiten des fetten Kinns herabhängenden Backenbart.

Das Gesicht wäre nicht unangenehm gewesen ohne den stechenden, etwas lauernden Blick der kleinen Augen.

Der Kommerzienrat sah, während er seine Nachbarinnen in seiner Weise schwungvoll unterhielt, doch immer lauernd auf das Paar gegenüber, um im Notfall seinem nicht eben durch Geist hervorragenden Sohn beizuspringen.

»Wie finden Sie das Muschelragout?« fragte jetzt Gunhild mit mehr Ernst und Eifer als bisher.

»Ausgezeichnet – selbstverständlich.«

Gunhild dachte, es ist auffallend, daß gerade die Menschen, die die beschränkteste Verständnisfähigkeit haben, mit solcher Vorliebe die Ausdrücke ›selbstverständlich‹ und ›selbstredend‹ brauchen.

Laut sagte sie: »Ich bin sehr stolz darauf, denn die Zubereitung ist meine eigene Erfindung.«

»Gnädiges Fräulein belieben doch wohl zu scherzen?«

»Nein.«

Ihm fiel zum Glück – wie er meinte – ein, daß junge Frauen und heiratslustige Damen gern vor den Männern mit ihren Kochkenntnissen groß tun. Diese Weisheit schöpfte er aus den Witzblättern, die seine Hauptlektüre bildeten.

»Nun, mein gnädiges Fräulein, dann beneide ich den Glücklichen, der ein solches Juwel von Häuslichkeit zur Frau bekommt.«

»Wie mich?«

»Selbstredend.«

»Ich bin kein Juwel von Häuslichkeit; aber ich bilde mir etwas darauf ein, kochen zu können.«

»Das ist ja auch die Hauptsache.«

»Von was?«

Er fand ihre Art, zu fragen, unbequem. Man sagt etwas so obenhin, ohne sich viel dabei zu denken, weil doch Konversation gemacht werden muß. Aber seine Äußerungen immer gleich begründen zu sollen, das ist ein bißchen viel verlangt.

»Von allem«, antwortete er abschließend. Nun, fand er, war es Zeit, diesen Gegenstand fallen zu lassen.

Gunhild nickte verständnisinnig und wiederholte: »von allem«.

»O weh!« dachte der Papa Solmonsky, der Gunhilds Gesicht sah, »jetzt hat mein Siegfried anscheinend eine Dummheit gesagt.«

Sowie er konnte, richtete er über den Tisch herüber das Wort an sie: »Glauben Sie mir, mein liebes und hochverehrtes Fräulein, eine kluge und schöne Frau ist eine Macht. Sie kann aber, auf das richtige, solide Piedestal gestellt, zu einer Großmacht werden. Immerhin wird ein geistig ganz ebenbürtiger Gatte sie nicht zu der Alleinherrschaft, die sie führen kann und darf, gelangen lassen. Darum gebe ich meinen geistreichen jungen Freundinnen immer den Rat, sich zum Gemahl einen gut situierten, aber geistig minder hervorragenden Mann auszuwählen. Seine materiellen Güter müssen ihr das Reich schaffen, in dem sie einer Königin gleich herrschen und sich huldigen lassen kann. Habe ich recht?«

»Vollkommen. Ich sehe das alles ein und werde mich nach einem reichen Trottel umsehen.«

Der Kommerzienrat wollte milde gegen den ›Trottel‹ protestieren, leider aber wendete sich seine brillantenbesäte Nachbarin ihm wieder zu, und er mußte sich ihr widmen.

Edmund, der bei den Diners seiner Mama für die Getränke zu sorgen pflegte, sparte dabei nicht.

In Folge der schweren und guten Weine war die Gesellschaft, als die Tafel aufgehoben wurde, sehr belebt.

Die Großmama hatte mit ihrer Gesellschafterin in ihrem eigenen Zimmer gegessen; jetzt aber erschien der Fahrstuhl wieder im Salon, und die gut aufgelegten Gäste machten der lebenslustigen Greisin der Reihe nach den Hof.

Die Großmama nahm das als etwas ihr Gebührendes mit Würde und Behagen entgegen. Sie verwechselt die Menschen und die Generationen und besann sich nie auf einen Namen der jetzt Lebenden; wenn man aber auf die Großväter und Großmütter zu sprechen kam, wußte sie vortrefflich Bescheid, was wiederum die pietätvollen Enkel jener Ahnen innig rührte.

Gunhild saß jetzt neben ihrer Jugendfreundin, der schönen Frau van Lennep.

Diese Frau, die einst mit Gunhild in der Schweizer Pension gewesen war, um den letzten Schliff einer vornehmen Mädchenerziehung zu erhalten, hatte später einen märchenhaft reichen Millionär holländischer Abstammung geheiratet. Sie wohnte jetzt in dem Palast, der einem griechischen Tempel ähnlich sah, und machte ein großes Haus.

Frau van Lennep trug stets die neuesten Pariser Toiletten und sah kühl, hübsch und distinguiert aus.

Gunhild und Marion hatten in der Pension Freundschaft geschlossen und waren einander treu geblieben, aber mehr aus Prinzip, als aus innerem Drange. Obwohl ihre Wege später sehr auseinandergegangen waren, hatten sie die Beziehungen nie ganz abgebrochen.

In Marion van Lenneps Haus war es gewesen, wo Gunhild einst »ihn« kennengelernt hatte. Und nachher hatte sie ihn dort am häufigsten gesehen.

Heute abend waren Frau van Lennep und Gunhild die gefeierten Schönheiten der Gesellschaft. Ein Kreis älterer und jüngerer Herren stand Mokka trinkend und Zigaretten rauchend um sie herum.

Auch die Damen rauchten.

Siegfried, der eben eine kleine Privatvorlesung von seinem Vater bekommen hatte, trat auf die Gruppe zu.

Er hatte Ordre, auf alle Fälle vorzugehen.

»Gnädiges Fräulein«, begann er schneidig, »mein Papa schwärmt von einem kleinen Leistikow in Ihrem Boudoir. Dürfte ich den mal in Augenschein nehmen?«

Dieser kleine Leistikow, der einen Waldteich kurz nach Sonnenuntergang vorstellte, war eine Errungenschaft Gunhilds, auf die sie, wie der alte Herr wußte, gerade sehr stolz war.

Sie stand wirklich ebenso bereitwillig wie arglos auf und führte den Schaulustigen nach dem Bilde, das in ihrem, heute mit als Salon drapierten Zimmer hing.

Siegfried Solmonsky fand das Bild mit seinen scharf umrissenen runden und kahlen Bäumen lächerlich und abscheulich.

Er starrte lange schweigend durch sein Monokel. Endlich äußerte er: »In der Tat schneidig gemacht. Von der letzten Mode, was?«

Gunhild sah verträumt in das Bild und fand es nicht nötig, etwas zu sagen.

Plötzlich begann Siegfried sein Sprüchlein, wie aus der Pistole geschossen.

»Mein gnädiges Fräulein, wie wäre es, wenn wir für dieses Leben in Partnerschaft träten? Papa meint, Ihr Esprit und mein Vermögen ...«

Sie unterbrach ihn erschrocken.

»Ein andermal. Dies Kapitel können wir jetzt und hier nicht besprechen – morgen. Ich muß zu der Gesellschaft zurück. «

Siegfried empfand, daß er etwas Wesentliches noch aussprechen mußte.

»Nur eins erlauben Sie mir hinzuzufügen: – selbstredend liebe ich Sie, gnädiges Fräulein.«

Sie wandte ihm den Rücken und rauschte aus dem Zimmer.

Er bewunderte ihre Haltung und ihre Schlepprobe von altrosa Seide.

»Papa hat eigentlich einen famosen Blick«, dachte er ganz vergnüglich.

Gunhild aber ärgerte sich. So ein Antrag war doch eine unerhörte Impertinenz, wie sie eben nur die heilige Dummheit fertig bekommt. Ganz allein aus Rücksicht für die gute Tante Albertine hatte sie diesen Idioten nicht gleich, wie es ihm zukam, abgefertigt.

»Gute Nacht, liebes Kind«, sagte die Professorin, ein Gähnen nur halb unterdrückend, »geh' nur jetzt rasch schlafen. Du siehst müde aus. Dies stundenlange Stehen in der Küche ist ein rechter Unsinn, wenn man sich danach nicht ausruhen kann.«

»Hat's nicht geschmeckt, Tantchen?«

»Aber natürlich! Herrlich wie immer, wenn du selbst Hand anlegst. Aber ein feine Kochfrau tut's doch auch!«

»Für euch wohl, aber nicht für mich. Mich packt von Zeit zu Zeit das Verlangen, in meiner Kunst zu schwelgen. Das ist mal so.«

»Du bist ein wunderliches Wesen. Aber ausgesehen hast du wieder superb in dem alten Rosa. Das Kleid macht sich wirklich bezahlt. Gute Nacht, Kind. Schlaf dich aus.«

Noch ein liebevoller Kuß, dann rauschte die kleine Frau fort.

Edmund, der eben dem letzten Gaste selbst die Haustür aufgeschlossen hatte, trat, die Uhr in der Hand, mit etwas ärgerlicher Miene ein.

»Halb zwei ist's. Macht, daß ihr in die Koje kommt, liebe Leute. Ach, du bist nur noch da, Gunhild. Die guten Menschen konnten mal wieder nicht den Weg nach Hause finden.«

»Halb zwei ist doch gar nicht spät«, meinte Gunhild.

»Nicht spät? Du hast auch schon Begriffe! Dies wüste In-die-Nacht-hinein-leben muß auf die Länge den stärksten Mann umwerfen.«

»Ich finde dich gar nicht sehr gastlich, Edmund.«

»So?« – Er gähnte. »Pardon. Wir müssen die Lampen auslöschen. Ich habe die Leute zu Bett geschickt. Geh du auch, Gunhild. Schlaf gut!«

Sie saß auf einem Sesselchen und blickte in die verglimmenden Kohlen des Kamins.

»Ich muß dir noch was erzählen.«

Sein eben noch schläfriges Gesicht nahm sofort einen aufmerksam erwartungsvollen Ausdruck an. Er blieb vor ihr stehen. Sie sah ihn an und dachte, daß der Frack ihn kleidete, und daß er gescheit und männlich aussähe.

Er gefiel ihr immer besonders gut, wenn sie eben mit anderen jungen Männern zusammengewesen war.

Mit etwas zusammengezogenen Brauen sagte sie: »Denke dir nur, Siegfried Solmonsky ist so geschmackvoll gewesen, mir heute abend einen Heiratsantrag zu machen.«

»Nun?«

»Eben dies. Ist dir's nicht genug?«

»Gott, ich find' es gerade nicht aufregend.«

»Du machst dir offenbar die Situation nicht klar, Edmund.«

Er sah sie mit plötzlicher Unsicherheit an.

»Du denkst... ich weiß nicht...«

»Edmund! Du meinst doch nicht etwa ... ich könnte ... diesen ... Idioten ...«

Sie sprach langsam, wie gelähmt vor Staunen, und ihre Augen öffneten sich so weit, daß die blaugraue Iris in ihrem ganzen Rund zum Vorschein kam.

Er ließ sie nicht weiter kommen, machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand und sagte halb ärgerlich, halb lachend: »Um Himmelswillen, verwandle mich nicht in Stein, Gunhild! Ich habe keinen Schild. Du solltest mir doch etwas mehr Menschenkenntnis zutrauen. Wenn Siegfried Solmonsky sich durchaus seinen Korb holen will, laß ihn doch.«

»Das sagst du wohl. Die Sache liegt aber doch nicht so einfach. Ich habe ihm deshalb noch keine Antwort gegeben.«

»Ich verstehe nicht...«

»Begreifst du nicht, daß es den alten Solmonsky fürchterlich kränken wird? Und daß deine Mama ihn und seinen Rat schwer vermissen wird, wenn er sich nun von uns zurückzieht? Ich bin wütend auf diesen blödsinnigen Siegfried. Nie hab' ich ihm die geringste Veranlassung gegeben, zu glauben, daß ich ihn gern hätte.«

Edmunds Gesicht drückte einen leichten Zweifel aus.

»Ihr Frauen wißt das manchmal gar nicht, wenn ihr so 'nem armen Teufel was in den Kopf setzt.«

Sie lachte spöttisch. »In Siegfried Solmonskys Kopf läßt sich wohl nicht so leicht etwas setzen. Weißt du, wie er sich ausdrückte? Er sagte: ›Papa meint, daß mein Geld und Ihr Geist gut zusammenpassen, und selbstredend liebe ich Sie auch‹.«

Edmund lachte laut auf.

»Ich war ganz wütend – innerlich«, fuhr Gunhild fort.

»Das ganze Essen über hat er mich gelangweilt, und ich hab' ihn zum besten gehabt. Und nachher das!«

»Siehst du, Gunhild, mit deiner heimlichen Schelmerei, die so wenig nach außen kommt, machst du eben Leute von mäßigem Scharfblick irre. Mit dummen Leuten muß man deutlich sein, wenn man verstanden werden will.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich kann dir versichern«, fuhr er fort, »daß ich selbst ganz nah daran gewesen bin, dieselbe Eselei zu machen, wie der arme Solmonsky.«

Er sah, während er dies sagte, angelegentlich auf seine Füße.

Gunhild wurde glühend rot.

»Willst du sagen, daß ich geflirtet hätte – mit dir?«

»Ich will nur sagen, daß ich eine Zeitlang sehr entschieden den Eindruck hatte, daß dir ein Antrag meinerseits weder unerwartet noch unwillkommen sein sein würde.«

»Und warum, wenn man fragen darf, hast du ihn dann nicht gemacht?« fragte sie scharf.

»Weil ich mich vergewissern wollte, ob jener Eindruck nicht doch eine Täuschung war. Und es war Täuschung.«

Beide hoben jetzt den Blick und sahen sich groß an. Er ernst und ruhig, seiner Sache sicher; sie fast weinend vor Beschämung.

Endlich begann sie sich zu rechtfertigen. »Es war kein Spiel, wie du vielleicht denkst. Wir vertragen uns und mögen uns, und da dachte ich –«

»Am Ende könnte ich ihn nehmen«, half er mit etwas ironischem Lächeln ein.

»Ja«, sagte sie einfach.

»Na, und dann?«

»Dann wurde ich mir klar darüber, daß dies beinah schwesterliche Gefühl doch nicht zum Heiraten genüge. Es fehlt das Zwingende.«

Sie hatte dies mit sanfter, ein wenig trauriger Stimme gesagt.

Er schwieg.

Es war so still in der tiefen Nacht, daß sie einander atmen hörten. Eine ganze Weile blieben sie stumm.

Endlich sagte er: »Es ist vielleicht das Bessere. Heiraten unter Geschwisterkindern taugen ja im allgemeinen nicht viel.«

Da er die Sache so philosophisch nahm, wurde sie ganz vergnügt.

»Du willst ja auch keine Frau, die über fünfundzwanzig ist oder Zigaretten raucht und Rad fährt und dergleichen emanzipierte Gewohnheiten an sich hat.«

Er lachte.

»Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Das ist ja eine alte Sache. Aber um auf unseren Hammel zurückzukommen, so denke ich, daß sich Mama schon eine Zeitlang ohne ihren geheimen Finanzrat wird behelfen können. Schließlich kommt der alte Herr schon wieder. Er entbehrt ja Mamas Unterhaltung und ihr gemütliches Haus noch viel mehr als sie ihn.«

»Meinst du?«

»Wozu habt ihr denn eure geliebte Senta? Ihr behauptet doch einstimmig, Fräulein Korella sei ein Finanzgenie und verwalte die Gelder ihrer gesamten Freundschaft ausgezeichnet.«

»Das ist wahr!« rief Gunhild ganz glücklich.

»Nun also. Werden wir jetzt ruhig schlafen?«

Sie sah nach der Uhr. »Wahrhaftig halb drei geworden! Edmund!« Sie stand auf und nahm seine Hände in die ihren. »Bist du mir aber auch noch gut?«

»Ja.«

»Sieh mal, ich habe keinen Bruder, keine Geschwister! Du mußt mein Bruder sein. Du mußt mich ein bißchen lieb behalten, auch wenn du eine Frau nimmst. Ich habe es nötig. Versprichst du es mir?«

»Ja, meine liebe Gunhild«, sagte er ernst.

»Danke!« rief sie.

»Du bist ein seltsames Mädchen«, sagte er, in ihre Augen schauend, »so warm und so kalt. Frisch und heiter von außen gesehen und innerlich matt – wie abgestorben. Es ist mir oft, als ob du nur halb beteiligt wärest bei allem, was du treibst. Als ob du nur bis zu einer gewissen, nicht sehr tiefen Tiefe fühltest und dann: aus – einfach aus.«

»Ja, es ist so«, gab sie zu. »Ich will dir auch sagen, warum. Ich habe das heilige Feuer in mir erstickt, weil es mich verbrennen wollte. Und nun bin ich nur noch halb lebendig. Wie in einer ewigen Dämmerung taste ich herum. Das Licht ging aus.«

Sie hatte ganz träumerisch gesprochen. Plötzlich ging sie in einen frischen Ton über: »Und es ist ja gut; es ist ganz gut und richtig so. Gute Nacht, Edmund!«

An einem Dezembernachmittag ging Gunhild mit Paketen beladen die Leipziger Straße entlang.

Alle Welt machte jetzt Weihnachtseinkäufe.

Und so früh man auch von Hause wegging, immer überraschte die Geschäftigen die Dämmerung.

Es war ein klarer Tag gewesen.

Noch ragten die Erker, Zacken und Türmchen und die altertümlichen Dachformen der stolzen Häuserreihen, in ein uniformierendes Steingrau getaucht, in das fahle Blau des abendlichen Himmels hinein, und das scheidende Tageslicht küßte Abschied nehmend ihre Stirnen.

Aber unten auf der Straße war es schon grau, und plötzlich sprangen aus dem unsicheren Dämmer die mondscheinfarbenen Lichter. Augenblicks sank alles um sie her in Nacht.

Ein schlanker Herr in pelzverbrämtem Mantel wollte eilig an Gunhild vorüber.

Sie rief ihn an.

»Wohin so stürmisch, Edmund?«

Er trat rasch einen Schritt zurück.

»Du, Gunhild! Ich hatte dich nicht gesehen.«

»Das merkte ich.«

»Denke dir, ich komme eben von Senta Korella. Ihr ist ein Unfall zugestoßen.«

»Was?!« rief Gunhild erschrocken.

»Das brave Mädchen hat einen alten Mann vorm Überfahrenwerden gerettet, dadurch, daß sie ihn dicht vor den Pferden gepackt und zur Seite gerissen hat – vom Rad aus. Natürlich ist sie selbst dabei gestürzt.«

»Schlimm?«

»Nicht gefährlich, aber langweilig und schmerzhaft. Ein gebrochener Arm und ein paar Quetschungen.«

»Na, das heilt ihr Ärzte ja jetzt zum Glück sehr rasch. Aber wie kamst du gerade dazu?«

»Es ist nicht weit von unserer Wohnung passiert, auf der Potsdamer Brücke. Da hat sie nach mir geschickt.«

»Nach dir geschickt?! Senta?!«

»Ja.«

»Es geschehen noch Wunder! – Senta, die tausendmal versichert hat, wenn ihr je etwas Ernstes zustoßen sollte, nur einen weiblichen Arzt zu befragen! Konsequenz, dein Name ist Frauenzimmer!«

Er lächelte. »Das sagtest du. Übrigens ist sie das tapferste Frauenzimmer, das mir vorgekommen ist. Sie hat, wie die Augenzeugen einstimmig bekunden, den tauben Alten mit eigener Gefahr gerettet und mit erstaunlicher Geistesgegenwart. Und dann, bei dem schmerzhaften Einrenken des Armes – die Sache war schon stark angeschwollen, als ich kam – hat sie nicht eine Miene verzogen, nicht einmal beim Sprechen die Stimme verändert. Die reine Spartanerin.«

»Und das gefällt dir?«

»Es imponiert mir.«

»Findest du es denn nicht unweiblich?«

»Ich habe niemals Schwächlichkeit und Zimperlichkeit unter die weiblichen Tugenden gerechnet.«

»Ich dachte.«

»Dann hast du einmal unrichtig gedacht.«

»Aber wie geht es ihr? Darf ich heute noch zu ihr?«

»Lieber morgen vormittag erst. Gegen Abend wird es wohl etwas Fieber geben.«

»Ist sie in ihrer Wohnung in der Friedrichstraße?«

»Ja, sie wollte durchaus dorthin. Ich hätte sie viel lieber in das so nahe Elisabeth-Krankenhaus gebracht.«

»Wirst du sie weiter behandeln?«

Er zuckte mit den Achseln. »Ich weiß nicht, ob sie sich mein Regiment gefallen läßt.«

»Wenn sie dich aushält, Edmund, dann mache sie in dich verliebt! Eine solche herrliche Gelegenheit, die Wildkatze zu zähmen, kommt ja niemals wieder! Es wäre zu schade, wenn sie ungenutzt bliebe!«

»Wie macht man das, jemanden in sich verliebt zu machen? Unterrichte mich mal darüber.«

»Tu nicht so neugeboren, lieber Edmund. Das weißt du wahrscheinlich besser als ich.«

»In der Tat, nein.«

»Nun, dann kann ich dir nicht helfen.«

»Dein Rat scheint mir auch nicht gerade sehr freundschaftlich gegen Senta.«

»Er ist aber freundschaftlich.«

»Und wenn man ihn nun befolgen könnte und wollte, was dann?«

»Das ist Nebensache. Für Senta wichtig ist nur, daß sie ein einziges Mal das Gefühl kennenlernt, daß ... hm, wir wollen diesen Gegenstand lieber nicht weiter erörtern. Er eignet sich dazu nicht.«

Dicht fiel der Schnee nun schon viele Stunden lang.

Scharen blau bekittelter Straßenreiniger gossen und schaufelten und fegten.

Das Scharren und metallne Klingen ihrer Schaufeln gegen die Pflastersteine übertönte zeitweilig den durch den Schnee gedämpften Lärm der Wagen.

Die armen Gäule vor den schweren Pferdebahnwagen rutschten und stürzten.

Gunhild trat, warm in Pelz gehüllt, in den Winternachmittag hinaus.

Beinah etwas Feierliches hatte die Straße in diesem schwebenden Schleier von Schneeflocken.

Man sah nur halb, man hörte nur halb, und die eingewickelten Menschen eilten schweigend, wie verschüchtert, aneinander vorüber.

Als ob die Stadt den Atem anhielte.

Gunhild stapfte zum nächsten Briefkasten und warf zwei Briefchen in den Spalt.

Sie enthielten beide eine Entschuldigung.

Es paßte ihr gar nicht recht, dieser Fünfuhrtee bei den van Lenneps, denn sie hatte zu Senta gehen wollen und nachher in einer Mütterverein-Angelegenheit zu Irene Schmidt.

Als der van Lennepsche Diener heute mittag das Billettchen brachte, das sie hinüberzukommen bat, hatte sie eigentlich antworten lassen wollen, sie sei verhindert.

Aber die Aufforderung Marions war eigentümlich dringend gewesen.

»Wenn du irgend kannst, tu mir den Gefallen und komm!« hatte sie geschrieben.

Dieselben Worte hätten ihr bei der stürmischen und zärtlichen Senta keinen Eindruck gemacht; aber bei der kühlen, zeremoniellen Marion van Lennep war es etwas Außergewöhnliches.

Gunhild hatte sich deshalb doch nicht entschließen können, die Jugendfreundin im Stich zu lassen. Die Zuverlässigkeit war ja eigentlich das Wesentliche in ihrem sonst recht losen Freundschaftsverhältnis.

Der weiche Schnee ballte sich unter den Galoschen. Es war ein schlechtes Gehen.

Über der Bucht lag eine schwache Eisdecke, die unter dem feinen Schnee wie die mit Puderzucker bestreute glasierte Decke einer Torte aussah.

Die Wildenten watschelten mühsam darauf herum, nach den Brotkrumen fahndend, die ihnen unter Scherzen und Lachen die hier postierten Droschkenkutscher zuwarfen.

Gunhild war ganz froh, als die eisenbeschlagene Pforte des Lennepschen Palastes hinter ihr ins Schloß fiel und die behagliche Wärme des wohldurchheizten Treppenhauses sie umfing.

Im Vorzimmer legte sie, ohne zu eilen, Galoschen, Pelzmantel und Mütze ab und ordnete vor dem großen Spiegel ihr Haar.

Sie mußte lachen über das rotgefrorene Gesicht mit der blanken Nase und den glitzernden Augen, das ihr aus dem Spiegel entgegensah.

Und wie die Ohren jetzt brannten!

Dann, während der Diener sie meldete, erfaßte sie, wie jetzt so oft, das Gefühl einer lähmenden Gleichgültigkeit, ja des Überdrusses.

Was sollten ihr diese zwei Stunden bei Marion? Sie hatten einander nichts zu sagen – gar nichts.

»Die gnädige Frau läßt bitten!«

Sie folgte dem vorangehenden, steifen Livreediener kühl bis ans Herz hinan durch eine Reihe pompöser Zimmer und kam endlich in den Salon, in dem Marion ihren Tee einzunehmen pflegte.

Plötzlich stand sie starr still, ein jähes Erschrecken durchzuckte sie vom Wirbel zur Zehe, und ein Zittern durchlief ihre Glieder.

Neben Marion stand jemand – er! –

»Ich brauche nicht vorzustellen«, sagte Frau van Lennep in ihrem kühlen klaren Tone, »ihr seid ja alte Bekannte.«

Gunhild hatte sich bereits gefaßt. Sie lachte sich selbst aus. Wie kann man bloß so erschrecken!

Ihr Blick überflog forschend seine Gestalt, sein Gesicht. Sie wollte kritisch sein. Es ging nicht.

Er sah eben aus, wie er aussah, und kein anderer ähnlich.

Sie gaben sich die Hand zum Gruß, wie in alter Zeit, und sagten ein paar ruhige, konventionelle Worte.

Dabei fühlte sie: »Diese Hand ist anders, als jede andere Hand. Man möchte sie gar nicht loslassen.«

Man setzte sich, trank Tee und unterhielt sich zu dreien, wie man sich eben im Salon einer Weltdame beim Tee unterhält.

Er war auf der Durchreise, nur zwei Tage in Berlin. Gunhild selbst aufzusuchen, hatte er nicht gewagt, aber er hatte sie sehen wollen und sich zu diesem Zwecke hinter Frau van Lennep gesteckt.

Das wurde nicht ausgesprochen, ließ sich aber nach dem, was gesagt wurde, erraten.

Gunhild erkundigte sich nach seiner Familie.

Er erzählte ein paar hübsche Züge von den Kindern. Von seiner Frau sagte er nur, daß sie nervös sei von den weiten Reisen und Umzugsplackereien.

Jedes seiner unbedeutendsten Worte prägte sich in Gunhilds Gedächtnis ein.

Die Zeit jagte, und sie blieb zum sogenannten Mittagessen, das im Lennepschen Hause um sieben Uhr abends eingenommen zu werden pflegte.

Als er hörte, daß sie bleiben wollte, blieb auch er. Ausnahmsweise – aus Rücksicht auf den seltenen Besucher – waren Lenneps einmal unter sich. Nur der dicke Herr van Lennep vermehrte den kleinen Kreis.

Die Zeit jagte weiter. Unglaublich, wie die Stunden verschwanden! Unglaublich, wie heute der Zeiger um das Zifferblatt lief! –

Er sprach von der Türkei. Sogleich fühlte Gunhild ein lebhaftes Interesse für alles, was mit jenem Staate zusammenhing.

Er hielt einen kleinen Vortrag über die griechische Finanzlage.

Gunhild folgte auf dem ihr ganz fremden Gebiete mit Spannung. Sie strengte ihren Kopf an, seine von Sachkenntnis und Einsicht zeugende Auseinandersetzung zu begreifen, und nahm sich vor, sich ernsthaft mit diesen Dingen zu beschäftigen.

Er erwähnte einen englischen Schriftsteller, der ihm besonders sympathisch war.

Augenblicklich fühlte sie, daß sie mit brennendem Interesse die sämtlichen Werke dieses Autors lesen werde von Anfang bis zu Ende.

Was er berührte, hörte für sie auf gleichgültig zu sein und wurde ihr wertvoll und wichtig.

So rückte er die Dinge aus dem Dämmergrau der Gleichgültigkeit in die helle, lebenweckende Sonne der Liebe.

Ungewußt und ungewollt, – für sie allein.

Er begleitete sie den kurzen Weg zu ihrem Hause.

Sie berührten auch jetzt, da sie in der stillen Schneenacht miteinander allein waren, nichts Intimes.

Beide fühlten nur immerfort die Kürze der Gnadenfrist und das nahe unabwendbare Ende.

Darum wurden sie wortkarg. Nur daß die wenigen nichtssagenden Worte so schwer wogen von verhaltener Empfindung!

»Hier bin ich zu Hause«, sagte sie und blieb stehen.

Er nahm ihr den Hausschlüssel ab und schloß auf.

»Bitte, nehmen Sie meine Wachsstreichhölzchen mit«, sagte er mit seiner lieben Stimme.

Sie wollte ablehnen, denn sie kannte den Treppenaufgang genau und fand sich gut im Dunkeln zurecht.

Aber das Pappschächtelchen mit den plumpen Bildchen, das er ihr hinhielt, erschien ihr auf einmal sehr kostbar und begehrenswert, so daß sie verlangend danach griff.

»Danke!«

Er ließ sie eintreten und hielt die Tür in der Hand. »Auf Wiedersehen«, sagte er gepreßt.

Sie konnte die Lippen nicht öffnen – nickte nur ein wenig.

Dann fiel die schwere Tür mit dem Patent-Selbstschließer geräuschvoll ins Schloß.

In dieser Nacht kam kein Schlaf für Gunhild.

Eine Traurigkeit und eine Sehnsucht quälte sie, so schwer und finster, daß sie nicht einmal weinen konnte.

Sie wußte jetzt, daß sie erst wahrhaft lebte – und zehnfach lebte – bei ihm. Er war der Meister, der alles wachrief, was in ihre Seele schlafend lag, so daß sie sich unter seinen Augen beglückt entfaltete wie die Blüte vor dem Frühlingssonnenstrahl.

Das wußte sie, und mußte doch ihr Leben fern von ihm in Dunkelheit und Kälte verdämmern!

»Seine Liebe hätte größer sein sollen!« dachte sie. »Er hätte mich festhalten sollen trotz allem! – Aber wir hatten beide nicht den Mut der großen Leidenschaft und nun müssen wir leiden.«

Sie schloß sich einen ganzen Tag lang in ihrem Zimmer ein und ließ weder die Tante noch Edmund herein. Sie habe starke Migräne, ließ sie durch das Stubenmädchen sagen, und müsse allein sein.

»Liegt das gnädige Fräulein?« erkundigte sich Edmund.

Das Mädchen berichtete, das gnädige Fräulein gehe unausgesetzt im Zimmer auf und nieder.

Edmund schlich sich einmal an ihre Tür und horchte. Er hörte ihre raschen Schritte – den Schritt eines aufgeregten Menschen.

Aber da sie seinen Beistand ablehnte, mußte er sie sich selbst überlassen.

Endlich, abends, meldete das Mädchen, sie habe, als sie den Tee hineingetragen, das gnädige Fräulein fest eingeschlafen gefunden.

Am anderen Morgen wachte Gunhild auf und staunte.

Sie hatte von ihm geträumt und wunderbare Ruhe und Freude gefühlt.

Jetzt wußte sie, daß es ein Traum war, und erinnerte sich ihres jüngsten Erlebnisses mit all seiner Süße und Bitterkeit.

Und doch blieb das tiefe Wohlgefühl. Ein großes, frohes Erwachen war es!

»O Gott, ich danke dir!« sagte sie laut.

Daß sie ihn heute noch so sehr lieben konnte, daß sie so um ihn leiden, sich nach ihm sehnen konnte – das war ja ein Geschenk!

Es war Leben! –

Senta Korella lag mit verbundenem Arm auf der Couchette in ihrem Wohnzimmer und diktierte ihrer Sekretärin.

Sie sah blaß und spitz aus. Ihre dunklen Augen waren noch größer und leuchtender als gewöhnlich.

Edmund hatte manches von ihr erreicht; aber nicht, daß sie sich schonte.

»Je mehr man sich nachgibt, desto hinfälliger wird man«, behauptete sie.

Und das ließ sie sich nicht ausreden.

Edmund hatte im Anfang zu ihr gesagt: »Wenn Sie nicht tun, was ich von Ihnen verlangen muß, dann, bitte, suchen Sie sich einen anderen Arzt.«

Sie hatte geantwortet: »Ich gehorche Ihnen, soweit ich Ihnen glaube, darüber hinaus nicht.«

Er war aber doch wieder gekommen.

»Zu gehorchen, wenn man glaubt, ist gar kein Kunststück«, sagte er einmal; »ich möchte Sie folgsam sehen gegen Ihren eigenen Glauben.«

Da hatte sie lange gelacht.

In Sentas Zimmer sah es aus, wie in dem Zimmer eines eleganten jungen Mannes.

Überall standen und hingen Fotografien anziehender Frauen, die Wände schmückten Tierfelle, Gehörn und Waffen.

Auf einem großen Bärenfell am Ofen lag sehr dekorativ der mächtige Nero.

Zu Füßen ihres Ruhebettes stand ein luxuriöses Rauchtischchen mit allem Zubehör, und der Duft feiner Havannas füllte den Raum.

Zur Zeit standen zahlreiche Blumenspenden teilnehmender Bewunderer und Freundinnen auf allen Möbeln.

Senta Korella war seit ihrem Unfall eine gefeierte Persönlichkeit, um welches Glück Philippine Weisung sie ehrlich beneidete.

»Ein bißchen krank sein«, meinte diese ehrgeizige kleine Person, »ist gar nicht schlimm, wenn alle Leute Blumen schicken und schrecklich nett sind. Ich möchte auch jemand retten.« –

Während also Senta ihrer Schreiberin diktierte, wurde leise die Tür geöffnet.

»Guten Morgen!«

Frisch wie der Wintertag trat Gunhild herein.

Sentas Augen sandten einen warmen Blick, sie sagte aber: »Du mußt dich fünf Minuten für dich unterhalten. Bitte, mach dir's bequem.«

Und diktierte ihren Brief ruhig zu Ende.

Dann gab sie der Sekretärin noch einige geschäftliche Weisungen, musterhaft klar wie immer.

»Dies also muß alles noch heute erledigt werden, Fräulein Müller. Sie stehen mir dafür.«

»Jawohl, Fräulein Doktor.«

»Ich danke Ihnen. Jetzt vertreten Sie mich also im Büro.«

Die junge Dame packte ihre Akten zusammen und empfahl sich.

Jetzt erst erlaubte sich Senta, Notiz von der Freundin zu nehmen.

»Du bist ja ein wahres Ungeheuer! Weißt du nicht, daß man Kranke besucht? Vier ganze Tage hast du dich nicht sehen lassen! Und dabei siehst du aus, wie die Sonne selbst! Was hast du denn gemacht, sag mal!«

Gunhild hatte abgelegt und stand in ihrem dunkelblauen Tuchkleide schlank und groß vor Sentas Schreibtisch, auf dem eine Serie neuer, sehr koketter Fotografien von Philippinchen lag.

Auf diesen Bildern weilten Gunhilds Blicke, aber nicht mehr ihre Gedanken.

»Was ich getan habe?« wiederholte sie Sentas Frage, »ich habe eine ›Erweckung‹ gehabt. Du glaubst wahrscheinlich nicht an Erweckungen. Ich habe selbst nicht daran geglaubt, bis ich's erlebte. Nun weiß ich's. Ich habe plötzlich allerlei begriffen. Zum Beispiel, daß Sturm besser ist als Windstille, und daß die wahrhaft armen, bedauernswerten Menschen die sind, von denen es heißt: es ist nichts, wonach sie sich sehnen.«

Senta hatte sie immer verwunderter angesehen. »Mein liebes Kind«, sagte sie, als Gunhild geendet, »du sprichst in Hieroglyphen. Ich jedenfalls bin nicht scharfsinnig genug, um dich zu verstehen. Möchtest du dich nicht meinen durch längeres Krankenlager geschwächten Fähigkeiten etwas anpassen? «

»Ja, wie geht es dir denn?«

»Nein, bleiben wir doch bei der Stange«, sagte Senta mit der ihr eigenen Bestimmtheit.

Gunhild zog den Schaukelstuhl herbei, welcher ihr Lieblingssitz war, und setzte sich zu Senta. Sie sah gedankenvoll und ernst aus, aber glücklich.

»Was ist vorgegangen?« fragte Senta.

»Ich habe ihn wiedergesehen.«

»Wen?«

»Ihn.«

»Ist seine Frau gestorben, und sollst du nun für treues Warten belohnt werden?«

»Seine Frau lebt und geht mich nichts an. Aber was mich angeht, ist, daß ich erfahren habe, daß ich ihn noch liebe. Alles, was wie tot in mir schlief, ist aufgewacht, als ich mit ihm zusammen war. Ich lebe wieder. Ich fühle wieder Sehnsucht und Schmerz und Freude mit voller Kraft. Das macht mich unbeschreiblich glücklich!«

»Wie bist du seltsam«, meinte Senta kopfschüttelnd, und nach einer dem Nachdenken gewidmeten Pause fügte sie hinzu: »Was sagt dein Vetter Edmund zu dieser sogenannten Erweckung?«

»Nichts; denn er weiß nichts davon. Es würde ihn auch kaum interessieren. Männer haben für unsere Seelenerlebnisse kein Verständnis.«

»Oho!«

»Bist du anderer Ansicht?!«

»Was deinen Vetter anbetrifft, ja. Der ist ein Psychologe. Übrigens muß er gleich kommen.«

Gunhild verschwieg, daß sie absichtlich Edmunds Visitenstunde zu ihrem Besuche gewählt hatte.

Nicht lange dauerte es, da meldete das Mädchen den Herrn Doktor, und Edmund trat ein.

»Guten Morgen, Fräulein Senta, sind Sie recht artig gewesen? – Ah, Gunhild! Guten Morgen.«

»Darf ich bleiben!« fragte Gunhild.

»Natürlich bleibst du«, dekretierte Senta.

»Natürlich bleibst du«, wiederholte Edmund.

Er setzte sich an das Kopfende von Sentas Lager auf einen Stuhl und fing an über allerhand Neues vom Tage zu plaudern.

Senta machte ihre schnippischen Bemerkungen, aber in Momenten des Selbstvergessens sah sie verträumt zu dem Doktor auf.

Die trauernden Augen in dem schmalen, geistigen Gesicht hatten zuweilen einen ergreifenden Ausdruck. Als ob sie sagten: »Ich leide an mir selbst, und niemand kann mir helfen. Behaltet mich doch nur ein bißchen lieb. Ich will euch auch lieben, denn das kann ich gut.« –

Sentas kurzgeschorenes Haar war etwas gewachsen und fiel in weichen, dunklen Ringen über die Stirn. Das gelbweiße Wollenkleid, welches sie trug, hob den Elfenbeinton der Haut sehr schön.

Während des Plauderns faßte Edmund ihre kleine schmale, aber feste Hand am Gelenk und zählte die Pulsschläge.

»Lassen Sie es heute nicht wieder zum Fieber kommen«, sagte er ernst. »Sie können es vermeiden, wenn Sie wollen, und Sie müssen wollen.«

»Und was geschieht, wenn ich nun nicht will?« fragte sie herausfordernd.

»Dann werden Sie alle Tage schwächer.«

»Und dann?«

»Dann werden Sie mit einem Male begreifen, daß Sie sich Mühe geben müssen. Nur daß Sie dann massenhafte Zeit verloren haben. Aber wie Sie wollen.«

Sie schwieg ein Weilchen. Dann sagte sie, wie ein artiges kleines Mädchen: »Ich werde sehr vernünftig sein, Herr Doktor.«

An diesem Tage sahen sich Edmund und Gunhild erst beim Mittagessen wieder.

Während der Mahlzeit nahm, wie gewöhnlich, die Großmama die allgemeine Aufmerksamkeit in Anspruch. Aber dann schlief sie.

Die Gesellschafterin zog sich, der freien Stunde froh, zurück, und die Professorin mußte eilig zu einem Wohltätigkeitsbazar fahren, zu dessen Komitee sie gehörte.

So blieben Gunhild und Edmund in dem dämmerigen Eßzimmer bei Kaffee und Zigaretten allein.

Das war die Stunde des Tages, in der sich's am besten plauderte.

»Ich muß dir doch gestehen«, begann Edmund, sowie die Mama die Tür hinter sich geschlossen hatte, »daß ich über Senta Korella in manchen Punkten jetzt ganz anders denke, als früher.«

»Das schien mir so.«

»Es steckt wirklich viel Gutes in ihr; so viel Tüchtigkeit und so viel tatbereite Liebesfähigkeit. Es ist eigentlich unmöglich, sie nicht zu bewundern, wenn man sie erst kennt.«

Gunhild unterdrückte weise jedes »hab' ich dir's nicht gesagt?«, sie empfand, daß solche ›Wandlungen‹ zart und vorsichtig behandelt werden wollen, wie ganz kleine Kinder. Sie sagte darum mit scheinbarer Neutralität: »Aber ein Querkopf ist sie; eigensinnig ins Ungemessene.«

»Bei so klugen Menschen weicht immer am Ende der Eigensinn der Einsicht«, meinte er; »man muß nur überzeugen.«

»Hältst du das für leicht?«

»Nein; aber für möglich.«

»Und glaubst du, daß sie je von ihrer Exzentrik lassen würde?«

»So wie ich sie jetzt zu kennen meine, glaube ich, daß sie alles lassen könnte für einen Menschen, den sie sehr lieb hat.«

Gunhild betrachtete aufmerksam das lange Aschenende ihrer Zigarette und schwieg.

Edmund ging auf und nieder.

»Was die Exzentrik betrifft«, fuhr er fort, »das Auffällige in Kleidung und Wesen, so bin ich auch darüber etwas anderer Meinung geworden. Natürlich ist es lächerlich und albern, wo es nur Pose ist. Bei manchen aber ist es der Ausdruck oder besser: das ungeschickte Ringen nach Ausdruck einer sehr ausgeprägten Eigenart. Glaubst du nicht, daß die Uniformierung des sogenannten Brauchs darum so allgemeine Billigung findet, weil sie so bequem den Unterschied verwischt zwischen Nullen und Persönlichkeiten! In unserem Widerwillen gegen das Ungebräuchliche steckt doch ein mächtiges Stück Philistertum.«

»Ja«, sagte Gunhild einfach.

Sie fühlte, daß Senta und Edmund angefangen hatten, feinhörig und hellsehend für einander zu werden.

Plötzlich blieb Edmund vor ihr stehen und sah sie, die von den Flammen des Holzfeuers im Kamin beleuchtet war, nachdenklich an.

»Du siehst ganz anders aus wie sonst, Gunhild! Soll ich dir sagen, wie du gerade aussiehst? Wie eine Frau, die liebt – und zwar glücklich.«

Sie lächelte sanft.

Im Herzen aber dachte sie: Ja, freilich liebe ich glücklich. Denn lieben und glücklich sein, ist eigentlich dasselbe. Und das Leben, das erst so farblos schien, hat wieder seinen Sonnenglanz, und Menschen und Dinge nehmen sich darin aus, wie mit feinem Goldrand umzogen. Wenn ich jetzt bete, soll es heißen: Laß mich nicht vergessen!

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