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Die schönsten Novellen über Lou Andreas-Salomé und andere Frauen

Frieda von Bülow: Die schönsten Novellen über Lou Andreas-Salomé und andere Frauen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorFrieda von Bülow
titleDie schönsten Novellen über Lou Andreas-Salomé und andere Frauen
publisherUllstein
isbn3-548-30239-4
pages7-234
senderwww.gaga.net
created20050722
projectid3c827af1
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Zwei Menschen

»Kannst du noch?«

»Wie? Ich?!«

»Weil du eben ausglittest.«

»Die Steine sind naß und glatt. Aber ich nicht mehr können! Sechs Stunden will ich so fortmarschieren.«

»Wir sind bald am Rasthaus.«

Die das einander zurufen, sind zwei, auf die Bergstöcke gestützt, rüstig ausschreitende Wanderer, ein Mann und eine Frau.

Beide sind in Wetterloden gekleidet. Er trägt Kniehosen, wollene Strümpfe und schwere Nagelschuhe. Bei ihr ist der Rock hoch geschürzt, daß er die zierlichen Füße bis über die Knöchel frei läßt.

Sie durchwandern, abwärtssteigend, eine Hochgebirgsschlucht von großartiger Wildheit. Bis zu schwindelnder Höhe türmen sich auf drei Seiten die Felsen mit ihren Schluchten und Rinnsalen.

Die Sonne leuchtet noch auf der fernen Hochebene, tief, tief unten, im hellen Schein des Augustnachmittags; hier, zwischen den ragenden Wänden, ist sie längst fort. Um die zackigen Spitzen lagern Wolken, die dort hängen zu bleiben scheinen.

Unten hat es geregnet, hier, in Höhe, ist es Schnee geworden.

In tausend Rinnsalen fließt und tropft nun der geschmolzene Schnee über das zerklüftete Gestein. Es ist kein Gehen hier – ein Hüpfen, Springen von Felsblock zu Felsblock! –

Die Frau ist dem Manne um zwanzig Schritte voraus. Von der leichten Luft beschwingt, entlastet von dem Tieflandsgefühl der Schwere, schwebt sie beinah. Das lockige Blondhaar umflattert windgelöst die freie Stirn, schwellende Lippen trinken gierig die Luft, der Blick der blauen Augen schweift trunken in die Ferne, die breite Brust hebt und senkt sich unter tiefen Atemzügen.

Der Mann folgt ruhiger und bedachtsamer.

»Schon wieder ausgerutscht, Helga!« ruft er ihr mahnend zu. »Wenn du so läufst, fällst du noch hin und brichst Arm und Bein.«

»Wer das Fallen scheut, lernt überhaupt nicht laufen«, entgegnet sie.

Der Wind trägt den Schall ihrer Stimme von ihm fort, so daß er sie nicht versteht.

Dort von dem braunen überhängenden Fels fällt das Wasser in schweren Tropfen nieder, immer, immer – den »ewigen Regen« nennt man die Stelle. Rasch gehen die Bergwanderer darunter fort, um wieder ins Trockene zu kommen.

Helga aber bleibt stehen und nimmt den Lodenhut vom Kopf.

Tropf! Tropf! fallen die schweren Wassertropfen auf das Blondhaar.

Sie lacht mit Mund und Augen, mit dem ganzen Gesicht voll Übermut und Schelmerei.

»Ein Duschbad! Eine Dusche! – Köstlich!«

»Aber Helga! Du bist kochheiß, und nun die kalte Traufe! Es ist ganz unerlaubt, so leichtsinnig zu sein. Was hast du davon, wenn du Zahnreißen bekommst oder rheumatische Kopfschmerzen!«

Er hat sie eingeholt.

Sie schüttelt den Kopf und lacht ihn an.

»Dafür bist du ja Arzt. Werd' ich krank, so kannst du mich kurieren, und darüber würde ich mich an deiner Stelle doch freuen!«

»Es ist freilich sehr bequem.«

»Gewiß ist es bequem. Meinst du, ich möchte einen anderen Reisebegleiter haben als einen bequemen?«

Er schweigt. –

Wie oft hat er sich schon gegen ihre Selbstsucht und Selbstherrlichkeit aufgelehnt – im Herzen und mit Worten. Mit guten und mit harten Worten hat er protestiert. Und gezürnt hat er und geschmollt – ach wie oft! ...

Und ach – wie nutzlos! – Sie lacht ihn aus. Oder sie schmeichelt ein wenig – ein klein wenig nur, aber wie ein Kätzchen weich und anmutig.

Immer fühlt er sich ohnmächtig. Am schlimmsten ist's aber, wenn sie einmal ernst macht. Dann heißt es: »Ja, wenn du meine Art nicht erträgst, dann wollen wir doch lieber auseinandergehen. Heute! Sofort! Dann hat doch unser Zusammensein keinen Sinn mehr.«

Mit wie angstvoller Hast er jedesmal eingelenkt hat!

Das ist das Verhängnis und gibt ihr alle Macht und läßt ihn ohnmächtig: Sie kann ihn gut entbehren – er sie nicht mehr.

»O Sonne, die meinen Tag erhellt!« –

Unten im Hochtal, jetzt zu Füßen der Wanderer, winkt das gastliche Rasthaus, nicht weit davon die alte Hunfalvy- Hütte, in der die Hirten übernachten.

Rings umher Gletscherschutt, eine schauerliche Wüstenei abgestürzter Felstrümmer. Wo sich eine dünne Humuslage darüber bilden konnte, beginnt das Knieholz.

Hier stürzt das Felker Wasser über eine steile Wand in den kleinen, durchsichtig grünen See.

Bei der Hunfalvy-Hütte fängt der Bergwaldteppich an: fußtiefes Moos und Heidekraut und Gruppen schöner Zirbelkiefern.

Jenseits des Rasthauses zieht sich der talwärts führende Pfad auf eine halbe Stunde Entfernung sichtbar zwischen den Moränen hin, bis er im Tannenwald verschwindet.

»Dort krabbeln ein paar Touristen!« sagt Helga.

»Wir werden vermutlich im Rasthause mit ihnen zusammentreffen.«

Und weiter geht's bergab, gleitend, springend, hüpfend! Die Eisenspitzen der baumrindenbedeckten glatten Karpatenstöcke wollen auf dem nassen Stein nicht festhalten.

Endlich Knieholz zur Seite! Auf dem dünnen, mit würzigen Alpenblümchen geschmückten Bergrasen grasen die beiden Milchkühe des Rasthauses. Aus guten, törichten, großen Augen schauen sie jetzt regungslos nach den Wanderern.

Vor der Hunfalvy-Hütte haben die Hirten ein Feuer angezündet. Ein Kesselchen hängt darüber. Trotz Kälte und Feuchtigkeit umlagern es die in ihre Schafpelze gehüllten Slowaken.

Der eine bläst auf der Schalmei – greuliche, schrille Töne, aber ihn und die Kumpane freut die Musik, und der prächtige weiße Berghund duldet sie.

So oft der Bläser pausiert, hört man von der steilen Felswand her ein Hämmern, dessen schwacher Schall von der gegenüberragenden Wand zurückhallt. Das sind die Hirtenbuben, die auf halsbrecherischen Kletterpfaden Granitsteine abklopfen. Für zwanzig Kreuzer riskieren sie dreimal ihr Leben. –

Eine Wegbiegung noch.

Über eine schmale Kluft führt ein aus Steinen aufgeworfener Damm zu der überdachten Veranda des Rasthauses, ein von Schlesiern errichtetes schmuckes Holzhaus im Karpatenstil.

Gerade langen auch die vom Clotildenweg heraufgekommenen Touristen, drei junge Männer, durchnäßt und durchfroren, an, den Bergstock in der Hand und den Rucksack auf dem Rücken.

»Deutsche!« entscheidet Helga nach flüchtigem Hinblicken

In dem schmucken, niederen Touristenzimmer brennt Feuer im Ofen, ein prasselndes Holzfeuer aus harzigen Latschen-Knüppeln.

Die Einkehrenden stellen die Bergstöcke in den Winkel, legen die Rucksäcke ab und setzen sich nahe dem Feuer um die sauberen Tische von rohem Tannenholz.

Helga dehnt sich im wohligen Behagen des Ausruhens nach scharfem Marsch.

»Ah! – wie das köstlich ist! Und nun ein Wein!«

»Nimm doch erst etwas Warmes. Eine Tasse Tee oder Kaffee.«

»Ich will Wein.«

»Eigensinn – wie immer.«

»Ich weiß am allerbesten, was meine Natur braucht.«

Beim Ton von Helgas Stimme haben sich die jungen Männer am Nachbartisch neugierig umgeschaut.

Sie spricht ein sehr reines Deutsch, aber ein Deutsch von nicht reiner Klangfarbe. Die Modulation der weichen Stimme ist voll von vibrierendem Leben, es ist eine von den Stimmen, welche man niemals überhört, wenn sie noch so leise sind, weil sie eine starke Innerlichkeit verraten.

Die hübsche Zipser Kellnerin stellt Wein auf den Tisch, leichten, offenen Ungarwein, Roggenbrot und Karpatenkäse.

Der junge Arzt sitzt seiner übermütigen Gefährtin still gegenüber und wendet kein Auge von ihr. Zuweilen spielt bei ihren heiteren Bemerkungen ein Lächeln um seine Lippen. Zuweilen macht er kurze, halblaute Entgegnungen, meistens aber spricht sie allein, in Worten, Augen, Lächeln eine überschäumende Daseinsfreude kundgebend.

Und mit welch innigem Behagen beißen die gesunden weißen Zähne in das Brot!

Bruder und Schwester? – Mann und Frau? – denken die Zuhörer. Beides will auf das schöne Paar nicht recht passen. Indessen sind sie wie in einem Bann: Sie reden kein Wort, sondern lauschen verstohlen und schauen, bis sie sich dieser allzu passiven Rolle bewußt werden. Zwei der Freunde wechseln einen Blick leichter Verlegenheit. Sogleich steht es bei ihnen fest, nun ihrerseits die Aufmerksamkeit der schönen Bergsteigerin zu erregen. Ohne Worte einverstanden, beginnen sie eine Unterhaltung, durch die sie sich interessant zu machen wünschen.

Helga horcht auch wirklich auf und verstummt. Das Kinn auf die Hand stützend, blickt sie zu den Sprechenden hinüber. Ihre blauen Augen werden dunkel, nehmen einen konzentrierten Blick an.

»Weißt du«, sagt der eine, der einen Kneifer trägt, »du kommst mir vor wie ein fotografischer Apparat! Man stellt dich irgendwo auf...«

»Wer stellt auf?« unterbricht der andere.

»Das Geschick. Es stellt dich irgendwo hin – da fängst du ein Bild deiner Umgebung auf. Nicht bewußt und gewollt – nein bewahre! Rein passiv, wie so ein Apparat. Aber die Platte, verstehst du, ist nicht neutral. Die hat bereits ein Weltbild von ganz individueller Prägung eingeätzt. Mit diesem fließt die Momentaufnahme zusammen und ergibt etwas, das weniger ist als eine Fotografie und mehr.«

»Und das den so Porträtierten gewöhnlich zu schwerem Ärger gereicht«, bemerkt der andere lächelnd. »Und dann heißt's:

›Nun muß ich wieder wandern:
Wie–der wandern! –‹«

Er hat die süße Schubertsche Melodie zu diesen Schlußworten halblaut gesungen, und das bißchen Singen verrät ihn als musikalisch.

Dann fährt er mit etwas gemachter Sentimentalität fort: »'s ist halt doch ein trauriges Handwerk, das Dichten in unseren Tagen! Man liebt seine Modelle erst mit heißem Verlangen, dann, wenn sie verarbeitet, mit Dankbarkeit, und sie erwidern es mit Haß, mit Abscheu!«

»Dank doch deinem Schöpfer, Max, daß die Liebe auf deiner Seite ist! Das wahre Unglück sind die zu scharfen Augen.«

»Warum?«

»Warum?! – Ha, ha! Der Mensch fragt noch warum! Der Herr erhalte dir dein kindliches Gemüt. Was weißt du von dem Elend dessen, der nicht mehr durch die Brille der Illusion sieht, nichts Dunkles, Geheimnisvolles und darum Fesselndes, des Menschen, der für alles sogleich die Formel findet, der mit Systemen operiert und Rubriken und Schlagworten? Das Lebendige erstarrt unter den Händen zur toten Form! Man flieht, von dem Geist der Nüchternheit gehetzt, von einem Ort zum anderen, und was man sieht, ist immer wieder Abgedroschenes – eine übelmachende, grauenhafte Leere! – Ein Königreich für eine Emotion!«

»Was willst du, Hugo?« bemerkt der schweigsame Dritte mit einem feinen Lächeln. »Du sprichst eigentlich erregt genug.«

Jener stürzt, ärgerlich und etwas beschämt über die eigene Heftigkeit, ein Wasserglas voll Wein hinunter. Dann nimmt er eine Zigarette aus dem Etui und summt, ohne sie anzuzünden, einen Gassenhauer vor sich hin:

Wir sind fin de siècle,
wird sind rechte Ekel,
Wer die Sonne will, der ist verrückt!

Der schweigsame Dritte hörte mit gesenktem Kopf die Auslassungen der Freunde an. Ihre lärmende Lebendigkeit, die er eigentlich liebt, und ihre Ungeniertheit, um die er sie oft beneidet, berühren ihn heute peinlich. Der stille Begleiter jener blonden Frau erscheint ihm als der Vornehmere, und das verletzt seine Eitelkeit.

»Es ist Anmaßung«, denkt er, »wildfremde Menschen, die der Zufall in einem Raum mit uns vereint, zum Anhören unserer Radotagen zu zwingen. Und Torheit ist's obendrein. Sind die unfreiwilligen Hörer untergeordnete Naturen, so kann uns der Anteil, den sie an unseren Gesprächen nehmen, nicht interessieren; sind sie dagegen eine feine Marke, so müssen wir uns durch solche Vorführungen in ihren Augen herabsetzen.«

Er blickte auf. Ein großer, eigentümlicher Augenaufschlag, die schweren, mit langen, seidigen Wimpern befranzten Lider heben sich langsam, wie unter einem Druck, und enthüllen tiefe, dunkle, kummervolle Augen, Augen, die verträumt und verschwiegen aussehen und rührend, Augen, die um Schonung zu bitten scheinen.

So blickt er einmal kurz und scheu nach Helga und ihrem Herrn hinüber.

Der Doktor steht an der holzverkleideten Wand und sieht sich die das Sims schmückenden bunten Teller und Krüge an. Helga sitzt noch lauschend, das Kinn in die Hand gestützt. Ihr Blick begegnet dem des Schweigsamen. Ihre Augen weiten sich, ihre Lippen öffnen sich ein wenig, über ihr Gesicht geht ein Ausdruck freudiger Betroffenheit und der Erwartung.

»Eugen!«

»Ja?«

»Gib mir das Fremdenbuch, das dort liegt.«

»Hier.«

»Nun auch Tinte und Feder.« –

Sie hat beobachtet, wie die jungen Deutschen gleich nach ihrem Eintritt in das Buch geschrieben haben. Neugierig blättert sie auf und liest als letzte der Eingetragenen:

Dr. Hugo Lengner, Literat, Wien.
Max Winowsky, Poet, Prag.
Dr. Siegfried Rosenfeld, Breslau.

Siegfried Rosenfeld? – Sie wirft einen scharfen Blick auf die drei, besonders auf den Schweigsamen mit den seelenvollen Augen.

»Doch, ja. Er ist es schon. Er ist Jude – die anderen beiden wohl nicht.«

Dann schreibt sie mit großen klaren Buchstaben darunter:

»Helga v. S., Egoistin, Stockholm.
Eugen Hansen, Dr. med., Schleswig.«

Am Nachbartisch ist man verstummt. Alle schauen gespannt nach der Schreibenden.

Die Zipserin trägt drei Teller dampfender Suppe auf.

»Sieh mal, Suppe!« sagt Helga. »Die wollen wir uns auch geben lassen.«

»Verzeihen Sie«, sagt der mit der Lorgnette rasch, »Suppe gibt es nicht hier. Wir haben selbst Knorrsche Tafeln im Rucksack Mit dem größten Vergnügen werden wir uns erlauben ...«

So ist zu allseitiger Befriedigung Bekanntschaft gemacht.

Man erkundigt sich nach dem Woher und Wohin.

»Wir wollen noch auf die kleine Bisoka«, sagt der Poet, »und auf dem Heimweg hier nächtigen. Sie kommen wohl schon zurück?«

»Ja.«

»Gehen Sie noch bis Schmecks?«

»Nein, wir haben in Szeplak unser Hauptquartier.«

»Hinab kommen Sie in fünf Viertelstunden.«

»Ist der Blick vom polnischen Kamm eigentlich der Mühe wert?« erkundigt sich Lengner.

»Herrlich ist er!« ruft Helga. »Eine wahre Wildnis von Bergen und Seen und öden Schluchten liegt da auf der polnischen Seite unter einem. Tief, tief das Bialkatal und das andere ...«

»Poduplaski«, hilft Eugen ein.

»Ja; und südwärts sieht man über die ganze Zipser Ebene bis zur Niederen Tatra und den Beskiden hin. Der Kamm ist nur zwei Meter breit. Man schwebt wie ein Gott über die Tiefen!«

»Gnädige Frau sind eine ausgezeichnete Bergsteigerin«, sagt Lengner; »wir haben Sie vorhin bewundert, wie Sie von droben kamen. Wie auf Flügeln ging's.«

»Sie nahmen sich dafür aus wie mühsam krabbelnde Insekten«, lacht Helga.

»So schauen die Hinanklimmenden allemal aus für die, die den Gipfel schon erreicht haben«, entgegnet Lengner.

»Du, es wird aber Zeit für uns«, mahnt Winowsky.

Er und Lengner hängen die Rucksäcke um, setzen die Lodenhüte auf und greifen nach den Bergstöcken. Doch eh' sie gehen, werfen sie noch einen Blick ins Fremdenbuch, das Eugen auf seinen Platz zurückgetragen hat.

Helga achtet nicht darauf. Ein anderer Umstand beschäftigt sie. Sie hat bemerkt, daß der kleine Jude weder Rucksack noch Bergstock mit sich führt.

Also wird er nicht mit auf die Bisoka klettern! – Eine Gesellschaft Ungarn, junge, feurig aussehende Männer und bildhübsche Mädchen in feschen Touristenkostümen sind eben eingetreten und füllen den Raum mit lärmender Fröhlichkeit.

Die drei Deutschen ziehen die Hüte höflich gegen Helga und gehen hinaus.

»Wir könnten uns auch auf den Weg machen«, meint Eugen.

»Bist du ausgeruht?«

»Ich war überhaupt nicht müde.«

»Also gehen wir?«

Sie machte eine leicht wehrende Handbewegung.

Er sieht sie fragend an. »Nicht?«

»Ich will noch den Kleinen erwarten.«

»Wen?!«

»Den kleinen Juden. Er begleitet die anderen nur ein Stück Wegs.«

»Woher weißt du denn das?«

»Ich weiß es«, sagte sie nur, wie ein Kind.

»Und warum müssen wir auf den jungen Mann warten?« fragt er etwas spöttisch.

»Weil ich mehr von ihm sehen will. Er gefällt mir, und ich will ihn kennenlernen.«

Seine Stirn furcht sich, sein linker Mundwinkel zieht sich in mißvergnügte Falten. Mit dem Ausdruck erbitterter Geringschätzung sagt er: »Diesen Judenjungen! Wahrhaftig, ich hätte dir einen besseren Geschmack zugetraut.«

Sie fährt vom Stuhl auf und stellt sich mit blitzenden Augen vor ihn hin.

»Was für ein Tor bist du, Eugen! Wirklich, Eugen, deine Dummheit macht mich ungeduldig! Du verlangst und erwartest, daß ich deine Gesellschaft jeder anderen vorziehe, und dann sagst du Dinge, von denen du weißt, daß sie mir zuwider sind. Ist denn das gesunder Menschenverstand? Ich habe das gern an dir, daß du gut und lieb mit mir bist. Wenn du mehr willst, so mußt du doch vor allen Dingen dich so benehmen, wie mir's gefällt.«

Er sieht mit finsterem Gesicht zu Boden. In diesem Augenblick ist es ihm nicht möglich, seine Verstimmtheit zu bemeistern. Und er weiß dabei, daß er sich in ihren Augen schadet, daß sie gewiß die nächste Gelegenheit ergreift, um ihn loszuwerden ...

Es ist ja leider so, wie sie es sagt! Was sie an ihn fesselt, ist nur seine Sanftmut, sein Eingehen auf ihre Wünsche, seine stete Bereitheit. Bequem ist er ihr in seiner grenzenlosen Ergebenheit, bequem! – Sonst nichts. Sowie er aber anfinge, ihr unbequem zu werden ...

O Gott im Himmel, wie entwürdigend ist diese Sklaverei! Wie hassenswert erscheint ihm zuweilen ihre »Vampirnatur«, die anderen das Herzblut gierig aussaugt, um daraus Kraft zu überquellendem Frohsinn zu ziehen, ohne an dem Verbluten des Ausgesogenen zu leiden!

Er malt sie sich selbst in den schwärzesten Farben – und liebt sie doch.

»Du bist ein Ungeheuer«, sagt er mit aschfahlem Gesicht.

Sie sieht ihn an, und er dauert sie.

»Ja, ich bin ein Scheusal«, gibt sie sanftmütig zu, »aber sieh mal, ich kann doch nichts dafür. Und du brauchst mich ja auch nicht gern zu haben.«

Dabei sieht sie ihn an wie ein liebes Kind, betrübt und schmeichelnd.

Ein solcher Blick entwaffnet ihn immer.

Sie treten auf die über Moränenschutt gebaute Veranda hinaus. Ein schneekalter Wind weht die Schlucht herab. Die Sonne hat sich hinter den durchfurchten Steilhängen der Gerlsdorfer Spitze verkrochen, das Hochtal des Felker Sees liegt in kaltem Schatten. Klare, leichte, köstliche Höhenluft umfängt sie.

Helga achtet nicht mehr auf Luft und Landschaft. Sie schaut eifrig nach dem kleinen Juden aus, der sich, wie sie vorausgesehen, von den Gefährten getrennt hat, um allein nach dem Rasthaus zurückzuwandern.

Der Fußweg schlängelt sich, wenig erkennbar, durch die weite Wildnis von Moränenschutt. Zum Teil sind die Felsblöcke mit krüppeligem Knieholz überwachsen und verdeckt.

Der Weg umgeht die Felssteine hier in weitem Bogen und erreicht so das Rasthaus auf einem beträchtlichen Umweg.

Der junge Mann läßt sich durch das Grün der niederen Latschen verführen, den Weg abzuschneiden. Eh' er sich's versieht, steckt er zwischen knorrigem Knieholz und boshaft lauernden Spalten und Löchern – tastet, rutscht, klettert und kommt nicht vorwärts. Vom Rasthause aus sieht man seine mühseligen Versuche.

»Wenn er wenigstens einen Bergstock hätte!« meint Eugen teilnahmsvoll.

Helga lacht ihr kinderfrohes mutwilliges Lachen.

Eugen begreift nicht, wie man zugleich für einen Menschen sich interessieren kann und ihn auslachen, wenn er in die Klemme gerät. Er meint, weil sie ihn so fröhlich auslacht, könne ihre Teilnahme an ihm keine tiefere sein, eine Erwägung, die sein Herz wesentlich erleichtert.

Plötzlich jedoch springt sie die Holztreppe hinunter und klettert selbst in die Stein-Wirrnis hinein, dem Verstiegenen entgegen.

»Welcher Unsinn!« ruft Eugen ärgerlich hinter ihr her.

»Was nützest du dem Herrn damit, wenn du dir auch den Fuß verstauchst!«

Allein sie pflegt unbeirrt ihren Impulsen zu folgen.

Der Lodenhut ist ihr in den Nacken gerutscht. Schon glühen ihre Wangen von der Anstrengung, sich durch das Labyrinth von Ästen und Spalten einen Weg zu erzwingen.

Gleichzeitig mit ihr hat sich der Knecht aus dem Rasthause auf den Weg gemacht, um dem Verstiegenen zu helfen.

Ihm, der jeden Stein des Felker Tales kennt, ist es nicht schwer, sich durchzufinden.

Schon hat er Rosenfeld erreicht. Nun ruft er ihm zu: Hierhin treten! Jetzt den Fuß dahin! Mit starken Armen biegt er Knieholzäste auseinander, um eine Gasse zu schaffen.

Vertrauend folgt ihm der zarte Städter. Aber neben der Bewunderung für des Gebirgsbauern sichere Kraft erfaßt ihn Beschämung und Neid. Er neidet dem Knechte die ungebrochene Männlichkeit. »Wenn ich jene Frau wäre«, denkt er, »ich wüßte, wer mir jetzt gefiele. Und sie wird wohl unwillkürlich Vergleiche machen!«

Jetzt erreichten sie Helga. Auf den Felstrümmern turnend, beginnen sie sich zu unterhalten.

Siegfried Rosenfeld hält den Hut in der Hand und wischt sich mit seidenem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Seine Bewegungen sind unsicher und etwas schwerfällig. Das Gesicht mit der zarten Haut und den feinen, scharfen Zügen trägt den Ausdruck peinlicher Befangenheit. Er ist eitel und fast krankhaft empfindlich. Das Bewußtsein, vor dem schönen Frauenzimmer eine klägliche Figur zu machen, quält ihn. Sie vielleicht straucheln zu sehen, ohne sogleich imstande zu sein, sie zu stützen, zu halten, mit der spielenden Sicherheit jenes Knechtes zu geleiten – das ist ein kränkender, verhaßter Gedanke!

Einen Moment schließt er die Augen und träumt seinen Lieblingstraum: sieht sich als nordischen Recken in glücklicher Blindheit daherstürmend, absolut furchtlos und darum unüberwindlich!

Ach! Ein einziges Mal sich einen Helden fühlen und dann sterben! –

Aber das bleibt ewig nur ein Traum. Im Wachen ist er ein kleiner, hochschultriger, kränklicher Jude, ein Zeitungsschreiber und Zeitungsleser, der sich besser in Papier und Druckerschwärze zurechtfindet, als in der Natur, und in dem nur eine Fähigkeit ins Ungeheure entwickelt ist: die Fähigkeit, zu leiden!

Das geht ihm im Flug durch den Kopf.

Helga bemerkt das Zucken um seine Lippen, den Zug von Seelenpein um die Augen und auf der prächtig ausgebildeten Stirn. Das besticht sie. Das reizt sie.

Von der Felswand her aus beträchtlicher Höhe ertönt auf einmal ein gellendes Pfeifen.

Die Hirten vor der Hunfalvy-Hütte richten sich aus ihrer liegenden Stellung auf, um zur Höhe zu schauen. Der weiße Hund spitzt die Ohren.

»Was was das?« ruft Helga.

»Das Murmeltier«, sagt der Knecht. »Dort oben hat es seine Höhle. Dort! Schauen Sie!«

Helga und Siegfried blicken aufmerksam nach der Granatenwand.

»Sehen Sie etwas?«

»Höhlen, ja. Sonst nichts.«

»Ich auch nicht. Es ist zu hoch.«

Der Knecht sieht mit dem auf die Ferne geübten Blick, was den schwachen Städter-Augen längst nicht mehr erkennbar ist.

»Dort, dort sitzt es überall herum!« zeigt er eifrig, auf den Felstrümmern niederhockend, um besser in die Höhe schauen zu können. »Sehen Sie nicht? Es hat dort seine Jungen.«

Lachend setzen Helga und Siegfried ihren Weg fort. Sehr vergnügt langen sie endlich am Rasthause an.

Ein seltsames Paar: das Mädchen überragt den Mann fast um Kopfeslänge. Sie atmet Kraft und gesunde Fülle. Bei ihm ist alles schmal und zart bis auf den breiten, nicht geraden Rücken. Sie ist hoch und schlank wie eine Göttin, bei ihm steckt der Hals in den Schultern, und die Beine sind im Verhältnis zum Oberkörper zu kurz und zu schwach.

Eugen, der sie ankommen sieht, konstatiert dieses Mißverhältnis mit ingrimmiger Genugtuung.

Aber Helga scheint sich um diese Äußerlichkeit nicht im mindesten zu kümmern. Sie hat rasch Namensbekanntschaft mit dem kleinen Juden gemacht und stellt nun die Herren einander vor.

Dr. Rosenfeld geht auf ihren Vorschlag ein, gleich mit hinunter nach Szeplak zu kommen und den Freunden hier Nachricht zurückzulassen.

So wandern sie in belebtester Unterhaltung zu dreien talwärts.

Spätabends sitzt die ganze Gesellschaft in dem hell erleuchteten Restaurationssaal von Szeplak.

Die Bisokabesteiger sind soeben zurückgekommen, haben sich, wie sie gingen und standen, in Lodenjoppen, Kniehosen und Nagelschuhen zu Tisch gesetzt und die Bergstöcke an die Wand gestellt.

»Du hast also hier für uns Quartier gemacht, Siegfried?«

»Ja. Es ist ein prächtiger Platz hier und hübsche saubere Zimmer und die Preise mäßiger als in Schmecks.«

»Und die schöne Helga«, setzt Hugo Lengner in Gedanken hinzu.

Siegfried hat heute abend mit besonderer Sorgfalt Toilette gemacht, was die Freunde wohl bemerken, aber sie haben den Kleinen zu lieb, um ihn damit zu necken.

Siegfried Rosenfeld gehört zu den Menschen, die so leicht verwundbar sind, daß man sie unwillkürlich mit großer Schonung behandelt.

Helga trägt jetzt zu ihrem Touristenrock Ende des 19. Jahrhunderts für die Frau populär werdende Wanderkleidung: knapp wadenbedeckender Rock aus festem Wollstoff (Stadtmode: knöchellang) eine Bluse von großblumiger Liberty-Silk mit weiten, flatternden Ärmeln, welche die weißen, festen und schlanken Arme bis zum Ellbogen frei lassen. Die Handgelenke sind fein, die Hände schmal und geistig.

Helga hat nichts von der halb instinktmäßigen weiblichen Koketterie, die darauf gerichtet ist, durch Äußerlichkeiten Männer anzuziehen und zu fesseln und ihre Sinne zu verwirren. Sie ist zu sehr Nordländerin: ehrlich, einfach und vorwiegend mit Ideen beschäftigt.

Aber ihre klaren Augen bemerken alles, und sie genießt mit Bewußtsein alle die kleinen versteckten und oft ungewollten Huldigungen, die ihr von ihrer Macht über Männerherzen beredtes Zeugnis ablegen.

Dagegen würde sie jedem ins Gesicht lachen, der ihr mit gewöhnlichen Artigkeiten kommen wollte. »Sie ist wie das Meer«, schreibt Eugen Hansen in sein Tagebuch – als unglücklich Liebender führt er ein solches – »einfach und unbewußt grausam, still und stürmisch, durchsichtig und geheimnisvoll, launenhaft und doch sich selber treu – ein schönes, anbetungswürdiges Ungeheuer, das diejenigen verschlingt, die sich ihm in Liebe zu eigen geben«, so schreibt er in seiner Kammer; aber er hütet sich, solche Wissenschaft den anderen mitzuteilen. Mögen sie doch ihre Lektion für sich selber lernen! –

»Es ist so etwas Seltsames«, sagt Hugo Lenger an diesem Abende zu Helga, »mit Ihnen spricht man gar nicht wie mit Frauen, sondern ganz ungezwungen, wie unter Kameraden. Es würde doch keinem einfallen, Ihnen auf konventionelle Art den Hof zu machen.«

»Und ich bin doch so furchtbar weiblich«, sagt Helga mit ihrem heitersten Kinderlächeln, »so bis in die Fingerspitzen Weib!« Die jungen Leute schauen sie an, wie sie sich wohlig dehnt, einem zufriedenen Kätzchen gleich, die weißen Arme und Hände von sich abstreckend, den Kopf mit dem losen blonden Scheitelhaar etwas zurückgeworfen, alles gerundet, weich, lebensstrotzend und anmutig ...

Jawohl, ganz Weib! –

»Das ist ja eben das Rätsel«, ruft Hugo lebhaft aus. »Ich kann aus Ihnen nicht klug werden.«

Sie sieht ihn mit plötzlichem Ernst an.

»Es gibt nichts Einfachere. Unter sechs Brüdern bin ich die einzige Schwester, und wir wuchsen in weltabgeschiedener Landeinsamkeit auf. Mit Freunden der Brüder kam ich wohl in Verkehr, wie z. B. mit Eugen, aber nie mit Mädchen. Ich war gewöhnlich das einzige Mädchen unter vielen Männern, die mich verwöhnten. Aber ich trieb, was die Jungen trieben, und lernte, was sie lernten. Die Hauslehrer unterrichteten mich mit den Brüdern. Später nahm ich auch an den Universitätsstudien meines Lieblingsbruders teil. Darum fühlte ich Männer immer als meinesgleichen, das heißt: Ich kenne mich so gut aus mit ihnen. Frauen kenne ich fast gar nicht und bin im Verkehr mit ihnen schrecklich unsicher.«

»Können Sie auch unsicher sein?« fragt Siegfried.

»Wo ich nicht klar sehe, ja«, antwortet sie.

»Das kann ich mir schwer vorstellen.«

Ein paar Sekunden schauen sie einander in die Augen, er mit scheuer Bewunderung, sie mit einem Ausdruck verhaltenen Entzückens.

Er ist es, der zuerst den Blick senkt.

Sie lehnt sich in den Stuhl zurück, die Arme nach hinten um die Lehne schlingend, daß die Finger beider Hände einander berühren.

»Man ist immer unsicher, wo man sich nicht auskennt«, bemerkt sie in weichem Ton.

Eugens Brauen zucken. Diese gleichsam liebkosende Modulation ihrer Stimme mag er nicht hören, wenn sie einem anderen gilt.

Siegfried schaut wieder auf. »Es gibt Menschen, die sich nirgends und nie auskennen.«

»Die Fremdlinge auf Erden«, sagt sie mit derselben weichen Stimme.

»Die verträumten Schwärmer«, meint Hugo. »Aber solche Kauze gibt's ja heut gar nimmer. Kommt doch mal einer vor, so ist's halt ein Druckfehler.«

»Druckfehler soll man ausmerzen«, sagt Siegfried. »Sie haben keine Existenzberechtigung.«

»Aber so sei doch nur nicht gleich so roh!« ruft Hugo in seiner gemütlichen Wiener Tonart.

Als Siegfried am nächsten Morgen sein Fenster öffnet, sieht er Helga auf der Gartenterrasse unter dem Logierhaus wandeln.

Wie herrlich sie in die Umrahmung dieses klaren, kühlen Hochgebirgsmorgens paßt. Dunkle Tannen den Berghang hinauf und den Berghang hinab und zu beiden Seiten. Dort biegt die Fahrstraße in den Wald, die nach dem Modebad Schmecks führt. Auf der Lichtung stehen die hübschen kleinen Logierhäuser von Szeplak und das stattliche Restaurationshaus. Ein Bergwässerchen eilt glucksend und murmelnd dicht unter Siegfrieds Kammer über das Gestein, und ganz nahe plätschert ein fließender Brunnen. Das Land in der Tiefe liegt noch in weißen Morgennebeln, aus denen nur Bergspitzen der Niederen Tatra ragen. Helga trägt ein dunkelblaues Leinwandkleid mit russischer Stickerei und auf dem Kopfe einen groben, breitkrempigen Strohhut. Sie hat die Hand voll Waldhimbeeren, die sie ißt. Ihr schlendernder Gang, ihre unbekümmerten sonnigen Augen, alles drückt köstliches Behagen aus.

»Welch ein Maß von Genußfähigkeit!« denkt Siegfried neiderfüllt.

Sie blickt auf, sieht ihn und nickt ihm zu.

Er eilt die Stiege herunter und gesellt sich zu ihr. Sein Gesicht strahlt.

Ihr Kleidersaum ist naß vom Tau.

Sie hält ihm die Himbeeeren hin.

»Selbst gesammelt?«

Sie nickt. »Dort in der Schonung nach Hoch-Hagi zu. Tausende reifen dort. Auch Erdbeeren findet man noch, aber die muß man ein bißchen suchen. Schmecken Sie nur! Süßere Beeren aßen Sie nie! Das kommt, weil die Sonne den ganzen Tag auf diese Steilhänge prallt. Sie durchglüht alles!«

»Aber man gerät beim Verlassen des Weges so leicht in die Sümpfe dieser tausend unregulierten Quellen«, meint er, an ihr herabschauend.

Dabei bemerkt er, daß ihre wunderschönen schmalen Füße nackt sind, eine Entdeckung, die ihn überrascht und verwirrt.

Sie folgt seinem Blick und streckt lustig den rechten Fuß vor, den Rock etwas aufhebend.

»Ich bin im Bach gewatet.«

»Sind Sie Kneippianerin?«

»Soweit es mir paßt.«

»Sie tun wohl eigentlich alles, nur soweit es Ihnen paßt?«

»Ganz gewiß!«

»Ein wirkliches Freifräulein!« neckt er schüchtern.

»Das ist auch sehr wichtig«, sagt sie ernst; dann wieder in ihrem fröhlichen Kinderton: »Soll ich Ihnen sagen, was mein Vater mir gern vorsingt, wenn ich von Frauen-Emanzipation spreche? Er singt:

Dann fahre wohl, Landfriede!
Dann Ordnung, gute Nacht!
Dann ist's das freie Fräulein,
Das alle Welt verlacht.

Ich sage ihm dann: Wir müssen doch auch 'mal an die Reihe kommen.«

»Sie sind natürlich für radikale Emanzipation?«

»Soweit ich selbst in Frage komme, ja, das heißt praktisch. In der Theorie, nein. Wäre ich ein Mann, so würde ich eifrigst bestrebt sein, die Frauen in ihrer Abhängigkeit und Unwissenheit zu erhalten. Denn ich würde das Mannesglück des Verantwortlichseins und Herrschens und Bildens nicht hergeben wollen. Ich würde mir ein Weib-Kind aussuchen, ein junges, weiches, gläubiges, dem ich alles sein müßte: Vater, Lehrer, Herrscher und Geliebter. Und ich würde sie mir umschaffen nach meinem Sinne. Sie müßte mein Eigentum sein und mein Werk! Mein Geschöpf! Das denk' ich mir herrlich« –

»Auch für das Weib herrlich?« fragt er leise.

»Aber doch natürlich erst recht!«

Sie jauchzt es hinaus mit träumenden glücklichen Augen. Siegfried bückt den Kopf. Er ist ganz bleich geworden.

»Wie sie sich sehnt, einen Gewaltigeren über sich zu fühlen, diese Brunhild!« denkt er; »und ich – o Gott ja! – ich möchte sie zwingen können, als ihr Siegfried.«

Ein bitteres Lächeln der Selbstverhöhnung zuckt um seinen Mund.

»Daß meine Eltern mich Siegfried nennen mußten – das kann ich ihnen nimmermehr verzeihn!« –

»Der Anbeter ist immer glücklicher als der Angebetete«, fährt sie fort, »der Mensch, der Gläubige, ist glücklicher, als sein Gott. Sich vom Größeren geliebt wissen und ihm in unbegrenzter Verehrung ergeben sein, das ist das Allerschönste auf der Welt. Die Frauen besaßen dies Schönste, solang sie die Männer als wirklich Überlegene empfanden. Das wird immer seltener – wird vielleicht bald ganz unmöglich sein. Die Entwicklung der Frau als Mensch ist eine Notwendigkeit, aber ein Glück ist sie nicht.«

Da er nichts entgegnet, sieht sie ihn von der Seite an. Er geht gesenkten Hauptes mit etwas unsicherem Schritt und schlechter Haltung neben ihr her. Die Sonne bescheint sein lockiges, braunes Haar, daß es goldig erschimmert. Seine Stirn ist blendend weiß, die Nase hoch und von edlem Schnitt, der Mund überaus fein, Wangen und Kinn von mädchenhafter Zartheit. Helga meint, niemals ein schöneres Gesicht gesehen zu haben. Aber das Anziehende ist nicht die Regelmäßigkeit der Züge, sondern das stark Vergeistigte, das Verhaltene, Gequälte, Scheue, das über die Maßen Sensitive!–

Wenn man spricht, lauscht er mit jedem Nerv; wenn ihn etwas freut, hat er den großen, dankbaren Aufblick, und dann kommt etwas so Warmes, Dunkles aus der Tiefe seiner Augen. Häufiger freilich scheint ihn, was er hört, zu peinigen, und dann zuckt er wie eine von rauhem Griff berührte Mimose.

»Warte nur!« denkt Helga, während sie ihn verstohlen anschaut, »du sollst mich lieben, du Zarter, Feiner! Und wie vieles werde ich dich begreifen lehren.« Laut bemerkt sie, daß es auf den Bergen geschneit habe in der Nacht.

Er blickt auf.

Wo sie jetzt gehen, kommen über den Tannen die Bergkolosse zum Vorschein: die Schlagendorfer, die Gelsdorfer, die Eistaler Spitze.

Gestern starrten sie als schwarze Felsen, heut leuchten sie in blendend weißem Schneegewand. Die wundervolle weiße Reine hebt sich scharf ab vom tiefen Himmelsblau.

»Oh! – oh!« – stammelt Siegfried. Seine Hand streckt sich unwillkürlich nach den Gipfeln aus, er steht in stumme Bewunderung versunken.

Jetzt ist er der stärker Genießende.

Sie bemerkt seine Benommenheit mit Interesse.

»So sagen Sie doch etwas, Herr Doktor.«

Er schüttelt abwehrend den Kopf. »Es ist über jeden Ausdruck ... läßt sich eben nur fühlen ...«

»Unsere guten Riesen haben reine weiße Schlafmützen über die Ohren gezogen«, sagt sie. »Und sie sind so kleidsam, daß die wilden Gesellen sie auch am Tage nicht ablegen mögen. Sie protzen damit.«

Er schweigt. Was ihm bei dem majestätischen Anblick der schneeigen Felsenwipfel dunkel und mächtig die Seele bewegt, ist so weltenfern von ihrem kindlichen Einfall, daß er in diesem Moment keine Brücke findet von ihm zu ihr.

Über ihr Gesicht huschen Denkschatten.

»Statt daß die Ferne wie sonst verwischt«, sagt sie, »steht sie uns hier in so scharfen Linien und Farben vor Augen, daß man jedes Zäckchen am Grat erkennt, und daß die Kontraste überraschend wirken. Nichts Dunstiges, Verschwommenes, Abgetöntes! Die himmelhohe Ferne sieht aus wie nahe Nähe. Ich glaube in dieser täuschenden Nähe, diesem Leuchten des Fernen ist das Herzerfreuende des Anblicks begründet.«

Ihr verstandesmäßiges Zergliedern von etwas, das einfach genossen werden will, berührt ihn unangenehm. Ihr aber ist es Bedürfnis, dem was sich ahnungsvoll als Gefühl meldet, nachzuspüren, es in scharf umgrenztes Denken zu verdichten und sich seiner in Worten zu entäußern.

Er verschließt sich ihren Kommentaren und steht immer noch in sich versunken da. Seine Augen werden feucht, und leise murmelt er vor sich hin:

»O habe die Sonne nicht zu lieb und nicht die Sterne!«

Sie lächelt verwundert.

»Wie Sie das packt! Auch ich liebe die Natur und genieße sie mit Wonne; aber erschüttern kann sie mich nicht.«

Etwas verlegen wendet er sich ihr zu. »Sie sind eben stark, und ich bin schwach«, sagt er. »Lebhafte Eindrücke überwältigen mich leicht. Ein Zuviel an Entzücken kann ich schwer ertragen. So etwas erschüttert mich wie ein feierliches Erlebnis – ja, es ist ein Erlebnis.«

»Solange wir erleben, leben wir«, sagt Helga ernst und sanft, »aber dazu genügt mir die Natur doch nicht. Ich brauche Menschen.«

»Aber die Menschen sind etwas so Beklagenswertes und Fürchterliches«, entgegnet Siegfried; »wem erst einmal die Augen geöffnet wurden für den erbarmungslosen Kampf aller gegen alle, den muß Grauen erfassen, und er wird wünschen, lieber gar nichts mehr zu sehen.«

»Das sind kranke Nerven«, sagt Helga; »machen Sie es, wie ich, und laufen Sie recht viel barfuß, besonders im nassen Gras oder Wasser. Das schafft nicht nur der Fußsohle eine Hornhaut, sondern auch der Seele, und so eine Hornhaut tut uns sehr not.«

Sie sind an einem Wässerchen angelangt, das hier in gegrabenem Bette plätschert. Wo es bei einer Terrainsenkung einen kleinen Wassersturz macht, haben Kinder eine kleine Mühle angebracht, die, vom Wasser getrieben, lustig klappert.

Helga hebt den Saum ihres Gewandes hoch und stellt erst den einen, dann auch den anderen Fuß in das Wässerchen. Die schmalen Füße leuchten unter dem Wasser wie Silber.

»Köstlich!« ruft sie, tief aufatmend, und watet im Wasser weiter. Siegfried sieht sich unwillkürlich um. Ihre Ungeniertheit macht ihn verlegen. Sie fragt auch nicht einen Moment danach, wer sie etwa sieht, und was man dazu sagt! denkt er.

Sagen tut er nur: »Ist das Wasser nicht sehr kalt?«

»Je kälter, desto schöner!«

Ein Knie beugend, taucht er die Finger in den Wasserfall.

»Hu! Das ist ja wie Eis!«

Wie sie hart ist! Nein, diese Robustheit hat beinahe etwas Beleidigendes! Wie elend verweichlicht kommt er, der am Schreibtisch und in römischen Bädern existierende Großstädter, sich neben ihr vor!

Sie hat wirklich etwas Beleidigendes in ihrer lachenden Überlegenheit!

Aber dabei – welch einen Zauber! Ihre freie Selbstherrlichkeit berauscht ihn förmlich. –

Sie gehen über den Clotildenweg nach dem Restaurationsgebäude, in dem nach des Landes Brauch alle Mahlzeiten eingenommen werden, auch der Morgenkaffee.

Vom Badehaus her über die Wiese kommt Eugen.

»Guten Morgen!«

»Sie baden warm?«

»Knieholzbäder.«

»Dies heiße Zeug erschlafft«, sagt Helga.

»Nicht, wenn die kalte Dusche abschließt«, widerspricht der Arzt. »Übrigens habe auch ich schon einen Spaziergang gemacht.«

Er zeigt eine Hand voll junger Steinpilze.

»Jetzt noch Steinpilze?« ruft Helga entzückt. »Da mußt du heute noch mehr finden, damit wir ein Gericht zusammenbekommen.«

»Hilf du doch suchen!«

»Ich? Nein. Ich will heut' einmal ganz faul sein. Nur ausruhen.«

Siegfried wirft eine raschen Blick auf den ergeben neben Helga einherschreitenden Eugen.

»Hat der wohl noch ein Eigenleben?« geht's ihm durch den Kopf. »Nein! Er ist aufgesogen, völlig in ihr untergegangen. Nur davor behüte mich der Himmel! So das Fußgestell eines großen Weibes zu sein? Nein! Lieber sterben!«

Helga liegt unter den alten Tannen nahe am Logierhaus und schaut zwischen den Stämmen durch nach dem etwas tiefer den Wald durchschneidenden Clotildenweg.

In der Nähe hört man das Geläute einer einzelnen Kuhglocke.

»Die Scheckige!« sagt Helga vergnügt.

»Wie?« fragt Lengner, »Sie kennen schon die Kühe einzeln?«

»Ja, diese eine kenne ich«, antwortet sie mit dem treuherzigen Kinderausdruck, den sie annimmt, wenn sie sich recht behaglich fühlt.

»Am Klange der Glocke?«

»Nein, am Klange nicht; aber weil sie einsam klingt. Die Scheckige geht nämlich immer ihre eigenen Wege. Listig entfernt sie sich von der Herde, weil sie eine Passion für den zarten Rasen der Kuranlage hat. Oft läuft ihr der Hirt nach und treibt sie mit Geschrei und Peitschenknallen zur Herde zurück; aber sie kommt immer wieder. Das ist noch ein Charakter.«

Lengner lacht. »Sie sagen das gerade, als ob Sie uns diese naschhafte Kuh als Vorbild hinstellen wollten!«

»Nun? Könne sich nicht mancher freuen, wenn er sich so durchzusetzen verstände?«

Max Winowsky sitzt ein paar Schritte entfernt auf einer Baumwurzel und versucht, Helga zu zeichnen. Das in graue englische Leinwand gebundene Skizzenbuch liegt auf seinen Knien.

Jetzt aber durchstreicht er ärgerlich das begonnene Kunstwerk.

»Ich weiß nicht, – zu zeichnen sind Sie gar nicht!« ruft er aus. »Die Linien sind's nicht, was das Eigentümliche an Ihnen ausmacht. Formen und Farben und Linien sind's bei Ihnen gar nicht.«

»Was denn aber?« fragt sie.

Er betrachtet sie mit der intensiven, eindringenden Aufmerksamkeit des Künstlers.

»Ich glaube, es ist die Seele. Sie scheinen bis in die Fingerspitzen und Fußspitzen beseelt. Und alles aus einem Guß. Seele ist mit den Augen nicht festzuhalten. So was läßt sich nicht zeichnen. Ich kriege schon eine aufs Moos gelagerte junge Dame zusammen mit Ihrer Frisur und Ihrer Bluse und langem Rock, aber das sind hernach noch lange nicht Sie! – Elende Stümperei!«

»Ja, da kann ich aber wirklich nichts dazu!« meint sie lustig.

Sie liegt auf dem Rücken, die Hände unterm Kopf und schaut hinauf in die hohen, feierlichen Wipfel der Tannen. Neben ihr sitzt Hugo Lengner auf einer kleinen Bank, die Hände über die Knie gestreckt, den Oberkörper vorgeneigt.

Ein schwarzes Eichhörnchen huscht pfeilgeschwind und lautlos den nächsten Tannenstamm hinunter, macht in halber Höhe halt, schaut auf die Menschen hinab und stößt ein kleines Fauchen aus.

Als jedoch die drei Gestalten da unten sich nicht regen, wird es zutraulich, kommt vollends herab und huscht den Gang herunter quer über die Fahrstraße in den jenseitigen Waldbestand hinein.

Entzückt schaut Helga ihm nach.

»Ich beneide diese Burschen um ihre Flinkheit!« sagt Hugo in seiner beiläufigen Sprechweise.

Sie blickt mit lachenden Augen zu ihm auf.

»Denken Sie sich das so schön, so an den Bäumen hinauf- und hinunterzuturnen? Es würde Sie freilich allerliebst kleiden, Doktor Lengner.«

»Sie sehen mich wohl schon?«

»Ja, deutlich. Mit fliegenden Rockschößen – husch husch! Doktor! ruft man verzweifelt hinter Ihnen her – doch Sie sehen bereits durch Ihre Lorgnettengläser vom Dachfirst auf uns am Boden Klebende herab.«

»Und betrachte sie aus der Vogelschau.«

Sie gibt keine Antwort, kaut an einem Grashalm und sieht erwartungsvoll nach dem Clotildenweg.

Lengner legt ein Bein über das andere, langt das juchtene Zigaretten-Etui aus der Tasche und zündet sich eine Zigarette an.

Helga zieht die Nase kraus.

»Rauchen Sie?!« sagt sie entrüstet und erstaunt.

»Aber gewiß. Sie hatten doch im Zimmer nichts dawider?«

»Im Gastzimmer mit seiner schlechten Luft – nein. Hier aber? Welche Geschmacksverirrung! Hier dürfen Sie nicht Tabaksgeruch verbreiten.«

Er wirft die Zigarette fort.

Wie gleichgültig es ihr ist, ob ich es gern tue oder nicht, denkt er dabei. Sie dekretiert einfach: Sie dürfen und Sie dürfen nicht. Fragt den Kuckuck, mit welchem Recht. »Wir, Helga von Gottes Gnaden.« Sie ist eine Königin von Geblüt – ja, das ist sie.

Dann bemerkt er: »Sie wollten doch eigentlich jeden Tag eine Bergtour machen?«

Sie blinzelt ein wenig, verschleiert gleichsam ihre Augen, der Blick ist nicht ganz frei.

»Ja – ja«, macht sie gedehnt, »das wollte ich wohl. Aber nun gefällt es mir eben besser, mal recht zu faulenzen. Ich bin so wonnig müde. Wäre ich ein Kätzchen, so würde ich laut schnurren.«

»So wohl ist Ihnen?«, meint er geschmeichelt.

»So wohl ist mir.«

»Und doch sind Sie eine so aktive Natur, nicht?«

»Ich tue, was getan werden soll, und tue es rasch, ja. Aber dann, wenn mir danach ist, kann ich auch wieder wahre Orgien an Faulheit feiern.«

»Dann liegen Sie so auf dem Rücken und blinzeln in die Sonne?«

»Zu Hause lieg' ich auf dem Sofa, lese einen recht dummen spannenden Roman, so eine Marlittiade, und knabbere dazu Schokoladen-Bonbons. Das ist wie Weihnachtsfeiertag – köstlich! – Und Sie? Was tun Sie, wenn Sie mal so recht genußsüchtig sind?«

»Hm ... Mancherlei. Aber ich kann's nicht für mich allein schaffen. Ich brauche – Mitgenießende.«

»Mädchen?« fragt sie unbefangen.

»Die müssen dabei sein.«

»Und Sie Winowsky?«

»Apfelkuchen mit Obers«, sagt der Dichter, in seine neue Zeichnung vertieft.

Sie lacht belustigt. Dann blickt sie wieder nach dem Clotildenweg.

Lengner betrachtet eine Waldameise, die sich mühsam mit einem Tannenreislein schleppt, das fünfmal ihre Größe hat. »Da las ich neulich«, beginnt er... aber Helga kennt schon, was er von neuesten Forschungen über Ameisenstaaten erzählt, hört nur halb zu.

»Ja, das ist so«, sagt sie gleichgültig.

Er bemerkt, daß sie unruhig ist. Ihre Gedanken beschäftigen sich mit etwas nicht Gegenwärtigem.

»Wo bleibt denn nur Rosenfeld?!« entschlüpft es ihr endlich.

Winowsky sagt, ohne von seiner Zeichnung aufzusehen: »Der Siegfried ist mit Dr. Hansen auf die Steinpilzjagd gegangen.«

Helga erbleicht jäh.

»Wußte er nicht, daß wir hier zusammenkommen wollen?« fragt sie.

»O ja«, meint Max unbekümmert, »das hat er schon wissen können, der Lumpazivagabundus.«

Er hat eben mit breiten, flotten Bleistiftstrichen die halb liegende, halb sitzende Helga in einer gewagten Verkürzung aufs Papier gebracht, nur in Umrissen, dahinter aber den moosigen Waldboden und ein Stückchen Lengner schraffiert, in der Manier altdeutscher Griffelkunst. Der Effekt gefällt ihm, und er ist im Begriff, sich in seine Schöpfung zu verlieben. Nach menschlicher Art tut er sich am meisten auf das zugute, was ihm nicht eigentlich »liegt«, sondern was er sich abringt. Jedenfalls ist er so mit sich selbst beschäftigt, daß er auf Helga nicht achtet.

Aber Lengner desto mehr.

Dieser, die Hände in den Taschen seiner Joppe, kneift die Augen listig zusammen und pfeift ganz leise.

Helga sitzt, die Hände um das leicht emporgezogene rechte Knie geschlungen, und schaut ernsthaft und bekümmert vor sich hin.

Er betrachtet ihr weiches Profil mit dem welligen blonden Scheitel und dem leicht geschlungenen Haarknoten im Nacken, den feinen mädchenhaften Ansatz des Halses, die jugendlich idealen Linien, das Lässige, Träumerische der ganzen Haltung. In das Haar hat sich etwas Moos gehängt und Tannennadeln. Einige rebellische Löckchen haben sich gelöst und fallen in die sonst freie Stirn. Das ernste Profil trägt den Ausdruck trauernder Verwunderung.

»Ist es möglich?!« denkt er.

Sie aber sagt mitten aus einer Gedankenwanderung heraus träumerisch: »Die Liebe verarmt! Erst besitzen wir die ganze Welt! Alles! Alle! Auf einmal versinkt es alles in ein schwarzes Loch. Wir wollen nichts mehr, sehen nichts mehr, wissen nichts mehr, als einen Einzigen. Welche Verengung des Horizontes! Dumm, blind, arm sind wir auf einmal. Ungenießbar für die Umgebung. Unfähig, aufzunehmen, zu genießen! – Schwach, abhängig, zitternd, – Ja, ist es nicht so? Und doch ist es das einzige Lebenswerte! Aller Reichtum fließt da hinein und auch da heraus. Es ist das Einzige.«

»Nur muß man's können«, sagt Hugo. »Man muß eine Natur sein – illusionsfähig. Wir modernen Menschen werden nicht leicht von etwas ergriffen, – weil wir von vornherein zu viel sehen. Man muß an Ewigkeiten glauben, nicht an die enge Begrenztheit denken müssen.«

Sie macht eine verneinende Handbewegung.

»Augenblicke genügen. Alles Schönste ist momentan. Das Allerherrlichste würde ich ablehnen, wenn die Bedingung wäre, daß es ewig dauern sollte.«

Es ist Spätnachmittag.

Auf der Freitreppe des Restaurationshauses schäkert Max Winowsky mit der im Vorraum stationierten Posthalterin.

Er kann ein wenig Ungarisch und brüstet sich damit, und sie will sich totlachen über die Fehler, die er macht.

Daneben beobachtet er die Vorüberspazierenden: elegante Damen und Herren aus dem nahen Schmecks in gewählten Promenaden-Anzügen; die seidengefütterten, trichterförmigen Röcke rascheln, und welche Hutformen wagen sich da hervor, und welche Typen! Dann: zwischen der »angezogenen« Welt praktische Hochtouristen-Kostüme, Männlein und Weiblein mit den langen Karpatenstöcken bewaffnet, den Rucksack auf den Schultern. Sie gehen den rüstigen Dauerschritt. Oder ländlich einfache Logiergäste von Szeplak.

Max bricht mitten in einem schönen Satz ab – seine etwas indifferente Miene belebt sich. Auf der Waldstraße ist ein ungleiches Paar aufgetaucht: Helga und Rosenfeld.

»Sie sieht aus wie aus einer ganz anderen Welt«, denkt Max betroffen. »Warum nur? So einfach, beinahe nachlässig, wie sie angezogen ist, was macht sie vorspringen, wie ein beseeltes Wesen unter Marionetten? Und was macht ihre Gestalt, ihren Gang so göttinnenhaft?

Sie schnürt sich nicht. Die Formen gleichen noch der Venus von Milo, ohne Wespen-Einschnitt. Die Brust ist fast breiter als die Hüften. Dabei doch nichts Hartes; alles runde und weiche Linien. Der Siegfried nimmt sich nicht besonders aus neben ihr: schmächtig und klein und ohne Haltung. Und sie zieht ihn uns schönen Kerlen allen vor! Wenn er nur nicht so arg heimlich wäre! Es ist nicht herauszukriegen, wie er sich zu dieser Auszeichnung stellt, der Bandit!«

Siegfrieds Gang hat das Unsichere solcher, die das quälende Bewußtsein ihres Ich nicht loswerden können. Er trägt den Hut in der behandschuhten Hand, Kopf und Blick sind gesenkt, wie gewöhnlich. Zuweilen greift die unbehandschuhte Linke mit nervöser Bewegung zur Stirn und schiebt das wellige, weiche Haar zurück. Sein schwarzer Anzug sitzt tadellos, seine Stiefel sind von feinstem Schnitt und Leder, dennoch aber ist es ihm immer in grausamer Deutlichkeit bewußt, daß er neben Helga eine klägliche Figur macht. Wenn Helga noch zu übersehen wäre! Aber das ist sie nicht. Sie zieht alle Blicke an, was sie freilich nicht bemerkt – wohl aber er. Jeder sieht nach ihr, überrascht oder bewundernd oder mit Neid, und dann von ihr nach ihm. Er meint, ihr Lächeln zu fühlen! – Ja, er schämt sich seines Exterieurs und zürnt sich dabei schwer dieser lächerlichen Scham wegen.

»Das Leben ist zusammengesetzt aus läppischen Nichtigkeiten und Äußerlichkeiten!« denkt er grollend, »und dies Mädchen glaubt es nicht, sieht es nicht – hält alles für Geist und zielbewußte Idee.«

Helgas strahlende Augen blicken mit souveräner Gleichgültigkeit über die Spaziergänger hin, als seien diese Blumen oder Käfer. Sie sieht, ohne zu wissen, was sie sieht, denn sie ist nur von Siegfried erfüllt. Sie trägt jetzt, da die Sonne tief steht, weder Hut noch Handschuhe und an den Füßen nur Sandalen. So harmonisch, in so weichen Falten umfließt das hellblaue Batistkleid die hohe Gestalt, als sei es mit ihr erschaffen worden.

Sie erzählt ihm von sich selbst.

»Mein oberstes Lebensbedürfnis ist die Freiheit«, sagt sie lebhaft. »Ich kann nicht das Leben hinnehmen, wie es zufällig kommt; mir selbst schaffen will ich es – gestalten nach meinem Bedarfe. Was ich dazu brauche, muß ich mir nehmen dürfen. So ist es herrlich! Meine Eltern wissen, daß ich nicht anders leben kann und mag, und sie lassen mich tun, was ich will. Opposition würde ihnen auch nichts helfen, denn ich bin so fest entschlossen, mich nicht einengen zu lassen, daß ich, wollte man Zwang anwenden, morden würde. – Ja, sicher. Meine Brüder seufzen freilich darüber, daß ich so oft der Konvenienz ins Gesicht schlage. Aber ich mische mich ja auch nicht in ihre Wege zum Glück! Es lebt doch jeder, wie er seiner Natur nach muß.«

»Sie reisen viel?«

»Ja. Besonders liebe ich die hohen Berge. Nur kann ich nicht ganz allein sein. Einen Menschen muß ich bei mir haben, der mich mit Liebe umsorgt, und gegen den ich mich ohne Rückhalt aussprechen kann. Wenn ich ganz allein bliebe, würde ich schreien und weinen, wie ein allein gelassenes Kind.«

»Und Ihre Eltern haben auch gegen den Begleiter nichts einzuwenden?«

»Gar nichts. Bei uns Skandinaviern ist das auch nichts Unerhörtes. Junge Mädchen und junge Männer reisen häufig zu zweien in den Bergen oder auf dem Meere, und kein Mensch denkt Arges dabei. Wir sind nicht so angreifbare Ware, weder Männer, noch Frauen. Man verkehrt rein kameradschaftlich.«

»Ich glaube, auch nordische Männer fühlen einem Mädchen wie Sie gegenüber nicht immer rein kameradschaftlich.«

»Nein; sie fangen bald an, mich zu lieben, ich meine, leidenschaftlich zu lieben.«

»Und Sie?«

»Ich genieße das. Der Mensch liebt ja viel intensiver, wärmer, freudiger, wenn er liebt, und es steckt mich anfangs immer etwas an.«

»Bei dem Lieben ist aber auch intensives Leiden!«

»Gewiß! Ohne Leiden kein Genuß. Das gehört ja ganz furchtbar notwendig dazu.«

»Haben Sie kein Mitleid mit Ihren Opfern?«

»Opfer?! Mitleid mit Menschen, weil sie lieben?! Aber im Gegenteil! Beneiden tu ich sie nur. Ich möchte nur einmal in meinem Leben so recht blind und tollköpfig lieben können! So mit allen Seufzern und Tränen und Angst. Das denk ich mir wunder-wunder-schön!«

»O, fordern Sie nicht das Schicksal heraus!«

»Wenn sich's nur fordern ließe! Aber ich Unglückliche kann zu dem schönen Wahnsinn niemals ganz gelangen. Es muß etwas bei meiner Erschaffung vergessen worden sein.«

»Das glaube ich nicht.«

»Woran liegt es denn?« fragt sie in ungeduldigem Tone.

»Daran, daß Sie in zu großen Maßen angelegt sind«, sagt Siegfried mit Überzeugung. »Die Männer, denen Sie begegnen, sind Ihnen nicht gewachsen. Sie können sich, wie die Brunhild, nur dem Stärkeren beugen, und dieser Stärkere ist noch nicht aufgetaucht.«

Sie schüttelt den Kopf. »Das mit den großen Maßen ist Unsinn. Zu den großen Maßen gehört vor allem ein großes Maß Liebesfähigkeit. Sie fehlt mir aber. Und darum bin ich eigentlich ein Krüppel.«

Er lacht.

»Sie sind jung und Nordländerin und gehören zu den Frauen mit einer langen, reichen Entwicklung und sehr späten Reife. Was sich da noch alles entfalten wird, können Sie vielleicht nicht einmal ahnen.«

Wieder schüttelt sie lebhaft den Kopf.

»Nein – nein. Ich bin nicht so furchtbar jung und ich kenne mich gut. Soll ich Ihnen sagen, wie es mir gewöhnlich geht? Einer gefällt mir, und ich bekomme riesigen Appetit auf ihn. Und dann gehe ich geradewegs auf ihn los und fasse ihn mit beiden Händen. Ich möchte dann mit ihm Zusammensein den ganzen Tag – jeden Tag! Jede Stunde ärgert mich, die ich ohne ihn verbringen muß. Sie ist nur mit Warten ausgefüllt... Nichts beschäftigt mich als dieser Mensch.«

»Und dann?«

»Dann freß ich ihn auf.«

»Das klingt ja ganz schauerlich!«

»Ich kann's auch zarter ausdrücken: ich nehme den ganzen Inhalt seines Wesens in mich auf.«

»Und er?«

»Er teilt sich mir ganz mit, ohne Rückhalt und Heuchelei, und geht ganz auf in mir und fühlt sich glücklich.«

»Und dann?«

»Das dauert eine Weile und ist wunderschön, für ihn noch mehr, als für mich, weil er noch mehr liebt.«

»Aber nach dieser Weile?«

»Dann kommt für mich der Zeitpunkt der Sattheit, und dann mag ich nicht mehr.«

»Und er?«

»Er kann das allemal zuerst nicht begreifen. Schließlich begreift er's aber doch, und dann fängt er an, mich zu hassen. Das ist schade, aber ich kann's nicht ändern.«

»Sie sind ja entsetzlich!« sagt er mit leichtem Schaudern.

»Nein, nur aufrichtig«, antwortet sie ruhig. »Ich schaue dem Auftauchen einer Empfindung ebenso gerade ins Gesicht, wie ihrem Verblassen. Derartiges hat doch ebenso sicher einen Anfang und ein Ende, wie alles andre. Alles Leben ist ja ein stetes Sich-Verändern, sowohl in uns, als außer uns. Ich lausche den Regungen in mir mit intensivem Interesse, aber sie entziehen sich gänzlich meiner Leitung. Allen anderen Menschen geht es übrigens ebenso, sie wollen's nur nicht wahrhaben. Man kann nichts tun, als konstatieren.«

»Natürlich haben Sie recht«, sagt er in etwas schwermütigem Tone, »der Verstand hat nichts dagegen einzuwenden. Ich aber möchte nicht ohne die Irrungen und Irrtümer des Herzens leben. Mich würde frieren. – Und ... ich möchte nicht in Ihre Hände fallen.«

Sie blickt ihn mit weit offenen, lebensstrahlenden Augen an.

»Nicht in meine Hände fallen? Aber was fürchten Sie denn? Was will ich denn von Ihnen?«

»Ich würde das Stadium fürchten, in dem mich noch der Hunger verzehrt, während der ihre bei dem raschen Tempo, mit dem Sie essen, schon gestillt ist. Ich könnte nicht sehen, wie Sie sich gelangweilt von mir abwenden, um sich nach einer neuen Mahlzeit umzusehen.«

Eine so starke Aufregung schüttelt ihn, daß sein Schritt jede Stetigkeit verliert. Er wankt beinahe. Und sie sagt keinen Ton. Ihr Schweigen lastet so peinvoll auf ihm, daß er es wagt, zu ihr aufzublicken.

Er sieht ihr Profil in seinen sanften, weiblichen Linien. Sie schaut gerade vor sich hin, das blaue Auge halb von den blonden Wimpern beschattet, um den Mund ein Lächeln.

Ihn faßt bei diesem Lächeln ein Grauen, als wandle da an seiner Seite nicht ein lebensfrohes Mädchen, sondern etwas Unentrinnbares, Schicksalsschweres – sein Verhängnis –.

»Nein! nein! Ich will nicht!« schreit er auf, mit dem halberstickten Angstschrei eines vom Alpdruck Gequälten, der in wahnsinnigem Entsetzen seine ganze Kraft zusammenreißt und die Traumstarre durchbricht.

Sie bleibt stehen. »Aber sind Sie denn toll?!«

Und dann bricht sie in ein so kinderfrohes Lachen aus, daß die Gespensterfurcht Siegfrieds weicht, wie Nebel vor der Sonne.

Und er lacht mit.

Die Tage vergehen unter gemeinschaftlichen Touren und Rasten. Das Rasten besonders gewinnt täglich an Reiz. Wer die Reisekameraden im Szeplaker Speisesaal um ihren Tisch sitzen sieht, die intelligent aussehenden jungen Männer und das schöne heitere Mädchen, wie sie angeregt plaudern und scherzen, der ahnt nicht, wie sehr die Atmosphäre in dem kleinen Kreise mit Elektrizität geladen ist.

Da ist Eugen Hansen, der zu seiner Qual beobachtet, wie Helgas Gedanken sich immer ausschließlicher mit Siegfried beschäftigen. Sobald Dr. Rosenfeld mit seiner leisen Stimme etwas sagt, unterbricht sie sich in jedem Gespräch oder hört auf, dem zuzuhören, der gerade zu ihr spricht, um ja keins der kargen Worte des Kleinen zu verlieren. Wenn sie auch mit den anderen lacht und scherzt – um wen es ihr ernst ist, fühlt man doch.

Und dann haßt Eugen sie und sich selbst und nimmt sich vor, ein Ende zu machen, und weiß doch, daß er morgen ebensowenig imstande dazu sein wird wie heute.

Da ist Siegfried, schweigsam, fast immer den Blick senkend. Fort und fort tönt ihm das weiche, volle Organ Helgas in den Ohren. Er hört sie, sieht sie, fühlt sie, als eine Gewalt, vor der er niedersinken möchte, und der er doch um keinen Preis verfallen will. Er weiß, daß sie um seine Seele wirbt, daß sie für ihn spricht, was sie spricht, und an ihn denkt, wenn sie schweigt. Ihm ist, als gingen Lebensfluten von ihr aus, die ihn überströmen und den Atem nähmen. Wenn er nur nicht so sicher wüßte, daß er in den Wogen dieses überkräftigen Elements versinken müßte – er, der Schwächling, untergehen!

Hugo, der anscheinend ganz in lebhafter Unterhaltung mit Helga aufgeht, beobachtet dabei heimlich mit Spannung seinen Herzensfreund Siegfried, aus dem er nicht klug wird.

»Er ist offenbar verwirrt und gepeinigt – gegen sie fast unartig. Liebt er sie? Oder was plagt ihn? Wenn er nur mit sich reden lassen wollte! Aber da ist ja kein Beikommen. Die feinsten Glacehandschuhe greifen noch zu rauh bei seiner verrückten Empfindlichkeit. Man muß ihn halt allein fertig werden lassen, das arme Hascherl.«

Auch Eugen beunruhigt ihn etwas.

»Kalkig blaß ist er seit einigen Tagen, der arme Kerl; dieses still zornige Lodern der blauen Augen, dieser gekniffene Mund – er rast inwendig vor Eifersucht!«

Auch Max Winowsky, der Liedchen trällert, sich in Zitaten ergeht und die im Saale um viele kleine Tische sitzenden Kurgäste mustert, beschäftigt sich innerlich mit Siegfried und Helga.

»'s ist, wie wenn ein Vulkan sich in einen stillen, dunklen Waldsee verlieben wollte«, denkt er, »eigentlich Unsinn. Aber so extremste Extreme berühren sich halt bisweilen, und dann prasselt's.«

Der Oberkellner trägt Paprikaschnitzel mit Rahmsauce auf; Helga hat es für alle bestellt – Mit einer Gebärde des Abscheus schiebt Siegfried seinen Teller fort.

Die Freunde sehen ihn an und lachen.

»Richtig, Kälbernes kann er ja nicht essen.«

Helga macht große Augen.

»Warum denn nicht? Sind Sie magenkrank?«

»Nein, stellen Sie sich bloß vor, Fräulein Helga, seit er neulich in Poprad zufällig mal gesehen hat, wie der Metzger ein Kälbchen zur Metzelbank geführt hat, rührt er kein Kälbernes mehr an.«

»Wirklich?« meint sie halb ungläubig.

»Mir würde jeder Bissen im Halse stecken bleiben, wirklich!« erklärt Siegfried mit ungewöhnlicher Lebendigkeit, »ich seh immer das schöne hilflose Tierchen vor mir. Wir Menschen von verfeinerten Empfindungen können eben nur noch so weit mit Behagen Fleisch essen, als uns das Bild der lebendigen Haustiere und ihres Abschlachtens fern bleibt. Das ist mir ganz klar geworden.«

»Dann müßten wir allmählich alle Vegetarier werden«, meint Eugen, »das halte ich aber für entschieden unzuträglich.«

»Damit war's auch noch nicht getan«, sagt Lengner, der mit Appetit in sein Schnitzel einbaut, »ein noch feineres Nerven- und Empfindungsleben, wie es sich ohne Zweifel entwickeln wird, erträgt dann auch nicht mehr die Vorstellung, Pflanzenleben zu morden.«

Auch Helga ißt mit Appetit und Behagen. Vergnügt blickt sie über Messer und Gabel fort zu Hugo hinüber. »So müssen eben die allzu fein Gearteten zugrunde gehen und die Erdkräftigeren, Roheren die leer gewordenen Stellen einnehmen, was ungeheuer praktisch ist. Wo man einmal glaubt, die alte Mutter Natur mache eine Dummheit – unter den Augen verwandelt sich's in das Allergescheiteste. Sie muß ja aufräumen und Raum schaffen.«

In diesem Augenblick erscheint sie Siegfried in ihrer Kraft, Schönheit und Rücksichtslosigkeit wie die grausame Natur selbst.

's ist Morgen. Einzelne Kurgäste wallen über die betaute Wiese nach dem Badehaus. Der Slowene im weißen Mantel treibt die Kühe zu Tal.

Auf der breiten überdachten Holzveranda des Restaurationshauses sitzt Eugen vor seinem Glase Milchkaffee, die Etagere mit Kipfeln und Brot und die gelbe Butter stehen gleichfalls vor ihm, doch er rührt nichts an. In Gedanken versunken starrt er vor sich hin. Heftiger als je plagt ihn die Sehnsucht nach Befreiung von dem unwürdigen Joch dieser hoffnungslosen Liebe. Wenn er sich aufraffen könnte! Es ist möglich, weiter zu leben ohne sie! Es muß möglich sein! Er will arbeiten, studieren, sich ganz seiner Wissenschaft in die Arme werfen.

»Wenn ich heute abreiste? Sie wird mich nicht halten.« – Ist das überhaupt noch Liebe, was er fühlt? Dies bittere, nagende Leiden? Dies kalt auflehnende Gefühl, das eher dem Haß gleicht?

Als sie jetzt eintritt mit ihrem weichen Schritt und den weichen Bewegungen, blickt er ihr kalt entgegen. Es ist ein beinahe feindlicher Blick; aber Helga übersieht ihn.

Sie, der kein Schatten im Ton oder Ausdruck Siegfrieds entgeht, hat für die Seelenregungen Eugens kein Interesse mehr und beachtet sie nicht. Der Kreislauf seines Empfindens, die begleitenden Gedanken und wie sie sich äußern, alles das ist ihr bekannt. Sie widmet ihm also keine Aufmerksamkeit mehr. Zudem ist sie gerade stark mit sich selbst beschäftigt.

Sie setzt sich ihm gegenüber an den Tisch und schaut sich um. Die große Veranda mit den gedeckten Frühstückstischen ist noch leer. Auch der Kellner, der faule Josef, steht draußen und unterhält sich mit einem Kutscher, der mit seinem Gebirgswagen auf eine Herrschaft wartet.

»Soll ich dir Frühstück bestellen, oder hast du schon?« fragt Eugen.

Sie zieht die Nase kraus. »Nein – laß! Ich will warten.«

Durch den klagenden Ton ihrer Stimme betroffen, sieht er sie genauer an. Ihr Gesicht hat einen bekümmerten Ausdruck, ein hilfloses, rührendes Kindergesicht scheint es dann.

Das schmilzt seinen Zorn augenblicklich.

»Fehlt dir etwas?« fragt er liebevoll.

»Ich bin ja verliebt!« ruft sie kläglich. Sie dehnt das Wort ›verliebt‹ und sieht dabei aus, als wolle sie zugleich weinen und lachen.

Es ist unmöglich, dies kindisch vorgebrachte Geständnis allzu ernst zu nehmen. Selbst Eugen bringt es nicht fertig.

Er lächelt. »Verliebt? Du?« meint er ungläubig.

»Ja!« fährt sie in ihrem Kinderton fort, wie in staunendem Mitleid mit sich selbst, »ich bin verliebt in Rosenfeld, und er will nichts von mir wissen. Ist das nicht sehr seltsam?! Ich weiß gar nicht mehr ein und aus«, berichtet sie zutraulich; »sooft ich glaube, ihn zu fassen, entgleitet er mir. Er weicht mir absichtlich aus und ist manchmal sogar bis zur Ungezogenheit ablehnend. Gestern hatten wir doch bestimmt abgemacht, daß er mit uns ins Kohlbachtal ginge und die anderen beiden die Eistaler Spitze allein besteigen ließe. Da gibt mir eben die Posthalterin diese Karte!«

Sie reicht ihm eine kleine Visitenkarte Rosenfelds, auf der mit Bleistift gekritzelt ist, er bäte um Vergebung, daß er sich im letzten Moment doch noch zu der Bergbesteigung entschlossen hätte.

»Und weiter als bis zu den fünf Seen kommt er ja gar nicht«, fährt sie schmollend fort. »Er, der so schwindlig ist – an die Strapaze beim steinernen Roß darf er ja gar nicht denken! Das weiß er ganz genau. Es ist nur, daß er ein langes Zusammensein mit mir, ohne die anderen, vermeiden will. Aber warum will er das?«

»Vielleicht fürchtet er sich vor dir«, meint Eugen. »Ich kann ihm das eigentlich gar nicht verdenken.«

»So–o!« fährt sie ihn mit einer Schelmenmiene an. Aber die Bekümmertheit kehrt schnell zurück. »Ich bin nicht zurückhaltend – seh' nicht ein, warum. Rasch zupacken, wo das Leben etwas Schönes bietet! Du weißt, wer mir gefällt, auf den geh' ich sogleich zu und streck' beide Hände nach ihm aus. Dem öffne ich mein Herz und erwarte, daß er mir auch seines öffne. Ich bin Rosenfeld gegenüber direkt zudringlich gewesen. Du weißt, von Stolz habe ich keine Spur! Sage mir, warum will er nichts von mir wissen?!«

Sie hat die Arme vor sich auf den Tisch gelegt und blickt zu ihm auf aus rührenden blauen Augen, als sei er im Besitz alles Wissens.

So kommt sie zu ihm, wenn sie sich einmal ohnmächtig fühlt. Es ist ihrer starken Natur so stark Bedürfnis, alles, was sie angeht, nach ihrem Willen zu lenken, sich ihr Leben bis ins Kleinste nach den eigenen Entwürfen auszugestalten, daß eine Durchkreuzung ihres Willens von außen ihr schweres Leiden schafft. Eine solche Hemmung ihres despotischen Lebensdranges empfindet sie als einen ganz unerträglichen Zustand, dann sucht sie instinktiv eine weiche Hand und weiche, mitleidsvolle Güte, die das verwundete Seelchen streichelt.

»Sag mir, warum er mich nicht mag!« wiederholt sie. Er zuckt die Achsel.

»Bin ich gar nicht hübsch?«

»Du bist hübsch genug.«

»Aber vielleicht nicht sein Geschmack? – Wahrscheinlich nicht sein Geschmack! – Er mag die hübschen kleinen, eleganten und zierlichen Frauenzimmerchen, die von der Puppenart, solche Puppenseelchen mit leichtem, graziösem, nichtssagendem Geplauder, bei dem er sich amüsiert und überlegen fühlt.«

Eugen lächelt. »Ja, wenn's ihn glücklich macht, sich überlegen zu fühlen, dann muß er sich freilich andere aussuchen als dich.«

»Aber ich will ihm gar nicht überlegen sein!«

»Wenn das am Willen läge!« seufzt er.

»Sage mir, was ich tun soll!«

»Ihn sich selbst überlassen.«

»Nein, das will ich nicht! Ich muß seinen Widerstand überwinden! Ich brauch' ihn!«

»Wenn er's darauf abgesehen hätte, dich zu erobern«, sagt Eugen mit leisem Hohn, »könnt' er's nicht klüger anfangen, als sich dir scheinbar zu versagen. Das macht dich rabiat, du Trotzkopf. Was du leicht erhältst, hat keinen Wert für dich; was du erkämpfen mußt, reizt dich!«

»So geht's jedem«, entgegnet sie ruhig. »Es ist schrecklich, daß man das weiß und doch nichts dagegen machen kann. Ich sah kommen, daß er mich mit dieser Art und Weise verrückt macht – ganz verrückt! – Er benimmt sich wie eine kokette Frau. Warum quält er mich denn? Zu was?«

»Selbsterhaltungstrieb.«

»Dummes Zeug!«

»Vielleicht bist du ihm auch tatsächlich antipathisch. Wunderbar war's zwar; immerhin könnte sich auch so etwas einmal ereignen.«

»Es könnte sich ereignen«, wiederholt sie nachdenklich.

»Wenn er nichts mit dir zu tun haben will«, rät Eugen nochmals, »laß ihn laufen. Wir können ja heute abreisen. Es ist gewiß das Allerbeste.«

»Ich kann nicht fort!« ruft sie außer sich. »Gott im Himmel, jetzt abreisen?! Ohne ihn? Nein, nein, nein! Lieber mich quälen lassen, wie's ihm die Laune vorschreibt. Ich hab' ihn doch lieb

Erblassend legt Eugen das Brötchen, von dem er eben abbrechen wollte, wieder auf den Teller.

»Wenn es so mit dir steht, dann werde ich allein abreisen.«

Sie streckt die Arme nach ihm aus.

»Eugen! Jetzt willst du mich allein lassen?«

»Ich mag dies nicht mit ansehen.«

»Laß mich jetzt nicht allein!« bittet sie. »Jetzt gerade nicht. Wenn ich jetzt noch zu all dem Kummer und aller Unruhe allein bleiben müßte, würde ich mich zu Tode weinen. Nur einige Tage noch bleibe bei mir. Ich bitte dich innigst!«

Er stützt den Kopf in die Hand und seufzt. Wie oft hat er sich vor dem Augenblick gefürchtet, da sie ihn fortgehen heißen würde. Nun ist es anders gekommen. Er will gehen und sie drängt ihn, zu bleiben; nicht, weil sie ihn lieber hätte, freilich – sondern weil sie ihn braucht. O welche Fülle des Egoismus! – Sein Herz zieht sich zusammen in bitterem Groll. Er sagt sich nicht zu ihrer Entschuldigung, daß sie ihn doch nie als etwas anderes als einen Freund genommen hat, und daß sie hundertmal mit seiner verliebten Empfindlichkeit Nachsicht gehabt. Er fühlt sich nur gedemütigt und gequält.

»Sage, daß du bei mir bleibst, mein Liebling!« schmeichelt sie mit der süßesten Stimme.

»Ich will sehen, ob ich's aushalte.«

»Danke! Danke!« jubelt sie auf, überglücklich wie ein Kind, dem man den Willen getan hat.

Aber gleich darauf fängt sie an, die alten Fragen von neuem zu fragen. Schon sind die Gedanken wieder bei Rosenfeld, Eugen ist nur der zur Hand seiende Ableiter der sie quälenden Unruhe, nichts mehr.

»Glaubst du, daß ich ihm zuwider bin?«

»Ja«, sagt er aus Ärger. »Seinem Benehmen nach muß man es wohl annehmen. Und darum rat ich dir noch einmal, ihn laufen zu lassen. Wozu führt es, dich und ihn zu plagen?«

»Ich plage ihn nicht«, sagt sie sanft.

»Und wenn es dir gelingt, seinen Widerstand zu brechen?«

»Dann ist ja alles gut.«

»Dann hast du deinen Willen gehabt und bist zufrieden. Er kann nachher sehen, wie er seine Zerrissenheit wieder zusammenflickt.«

»Was er machen wird, weiß ich nicht, das ist seine Sache. Ich habe jedenfalls das gehabt, was ich brauche.«

»Frauen deiner Art sollten totgeschlagen werden.«

»Vielleicht wär's ganz gut. Schlag mich doch tot.«

»Was ihr braucht, ist persönlicher Triumph!« zürnt er weiter. »Triumph um jeden Preis! Ihr mästet eure gefräßigen Seelen an unseren Niederlagen.«

Sie lächelt amüsiert. »Du wirst ja ordentlich geistreich! Doch ich will dir sagen: du irrst dich. Ich bin nicht eitel, und mich verlangt nicht nach Siegen, sondern nach Niederlagen. In der Liebe ist Niederlage und Unterwerfung tausendmal schöner, als der Sieg. Und weil ich davon so innig durchdrungen bin, kann ich mir auch niemals ein Gewissen daraus machen, wenn ich anderen zu der Niederlage verhelfe, nach der ich selbst mich sehne.«

Helga geht in ihrem Zimmer auf und nieder.

Es ist Nachmittag.

Vor nicht langer Zeit hat sie die Freunde mit dem Führer von der zweitägigen Bergtour zurückkommen sehen – von ihrem Fenster aus.

Aber sie hat nur verstohlen die Heimkehr belauscht – sich weder hören noch sehen lassen.

Denn jetzt soll Siegfried einmal entgegenkommen! Sie will, daß er sich etwas über ihr Nichterscheinen beunruhigt.

Er soll warten – fragen ... und dann wird er erfahren, daß sie ruhig in ihrem Zimmer ist.

Ob er kommen wird?

Sie ist so gespannt darauf.

Er muß doch kommen, denn er hat ihr etwas abzubitten. Er muß sich im Unrecht fühlen. Menschen seiner Art fühlen sich ja immer im Unrecht und tragen daran so schwer!

Sie hat ihr Zimmer mit einiger Koketterie geordnet. Die Bilder ihrer stattlich schönen Brüder prangen in Stehrahmen auf der Kommode, ebenso Porträts der Eltern. Auf dem Mitteltisch liegt die goldene Schreibmappe aus Juchtenleder mit dem goldenen Monogramm und ein juchtenes Tintenfaß. Daneben eine Feder mit Malachitgriff. Eine italienische seidene Reisedecke in leuchtenden Farben verhängt das Ledersofa, und wo nur Platz ist, stehen Gläser mit Heideblumen. Auch eine der milchig grünen Schmeckser Glasschalen, mit Waldhimbeeren gefüllt, deren sanftes Aroma die Luft würzt, und ein Glaskrug mit Milch.

Es ist still, die Stille des heißen Sommernachmittags, nur die Quellchen murmeln und glucksen geräuschvoll, und von den Stallungen herüber tönt das Gackern einer Henne. Helga kann nichts tun, nichts denken. Sie ist ganz und gar zitternde, ungeduldige Erwartung.

Kracht nicht die Holztreppe draußen unter einem leichten Schritt?

Wirklich – jetzt schreitet's durch den Vorraum, nähert sich ihrer Tür – steht still.

Atemlos lauscht sie – nichts rührt sich. Da reißt sie die Tür auf.

»Doktor Rosenfeld! Ja, aber warum kommen Sie denn nicht herein?!«

Ihre Augen begrüßen ihn in heller Freude.

Auch er sieht beglückt aus. Ihre fröhliche Frische, die einfache Selbstverständlichkeit, mit der sie seinen Besuch aufnimmt, tun ihm unsäglich wohl. Die Blödigkeit, die ihn noch eben gepeinigt hat, so daß er nicht anzuklopfen gewagt, fällt von ihm ab. Ihre einfache Natürlichkeit teilt sich ihm bis zu einem gewissen Grade mit, und dafür ist er ihr tief dankbar.

»Es ist gut, daß Sie wieder da sind«, sagt sie herzlich.

Er entgegnet: »Im Geiste bin ich immer hier gewesen.«

Sie nickt beistimmend. »Ich weiß. Sie hätten auch die äußere Trennung nicht herbeiführen sollen. Es nutzt Ihnen nichts.«

»Nein, es nutzt nichts«, bestätigt er leise.

»Daß sich unsere Wege kreuzten«, fährt sie fort, »ist Schicksal. Es mußte gerade so sein. Ehe wir uns wieder trennen, müssen wir ein Stückchen Leben gemeinsam leben.«

Er ist am Mitteltisch stehen geblieben, hält den Hut in der Hand und schaut auf seine Füße.

Sie geht mit ihrem schwebenden Schritt im Zimmer auf und ab und spricht in jenem halben, ganz intimen Ton, welchen man nur anschlägt, wenn man fühlt, daß der andere mit ganzer Seele lauscht, daß er die Gedanken von den Lippen liest und auch das noch hört, was unausgesprochen bleibt. Als sie schweigt, blickt er nur auf. Seine Augen sagen: »Hab' die Gnade, mich den Wohllaut deiner Stimme weiter hören zu lassen.«

»Es ist so herrlich, einen Menschen zu wissen, dessen bloße Gegenwart allein schon Genuß ist«, fährt sie fort. »Einen solchen in Erreichweite zu haben und nicht mit beiden Händen nach ihm zu fassen, ist einfach Wahnsinn. Es gibt nichts im Himmel und auf Erden, was einen so nutzlosen Verzicht rechtfertigen könnte.«

Er steht regungslos.

»Nun setzen Sie sich aber endlich! Soll ich Ihnen ein Glas Milch eingießen? Nein? – Essen Sie Himbeeren?«

Er lächelt, wehrt ab, atmet tief auf und rafft sich endlich zum Sprechen auf.

»Wenn ich nur nicht all dieses Interesse so deutlich als ein Mißverständnis empfände!« sagt er. »Sie phantasieren etwas in mich hinein! Sie überschätzen mich seltsam und würden bei näherem Hinblick eine starke Enttäuschung erleben. Dieser möchte ich vorbeugen. Ich ertrüge es nicht, die unausbleibliche Ernüchterung Moment für Moment sich vollziehen zu sehen.«

»Wie kommen Sie nur dazu, so lächerlich gering von sich zu denken, Sie, die Sie der erklärte Liebling Ihres Kreises, eines geistig hochstehenden Kreises sind? Das verstehe ich gar nicht.«

Er lächelt melancholisch. »Meine Freunde lieben mich, wie Erwachsene ein Kind lieben, seiner Hilflosigkeit wegen – halb aus Mitleid.«

»Unsinn! – Sie haben mich stark angezogen, das sehen Sie, das fühlen Sie. Mancher würde Sie darum beneiden. Man nennt das Erfolg.«

Er macht eine Bewegung mit den Schultern.

»Fürstinnen haben zuweilen wunderliche Grillen. › Car tel est leur plaisir.‹ Begreifen kann man's oft nicht. Was ist an mir, das einer Frau gefallen könnte? Und gar Ihnen? «

»Das ist eine sehr überflüssige Frage. Sie gefallen – das genügt.«

Er blickt sie groß an, und seine sanften Augen zürnen.

»Wenn ich mit Frauen zu tun habe, will ich nicht nur als Intellekt gefallen oder dergleichen, sondern als Mann. Ich muß mich der Frau gegenüber, die ich liebe, als Mann fühlen, nicht als Spielzeug. Sonst viel lieber gar nichts.«

»Aber, lieber Doktor«, sagt sie mit heiterer Ruhe, »ich tue Ihnen ja gar keinen Zwang an. Fühlen Sie sich doch, als was Sie wollen! Ich wünsche mir nichts Besseres, als untergeduckt zu werden. Sie glauben gar nicht, wie wir Frauen uns gerade danach sehnen!«

»Ich weiß es. Aber wir sehnen uns eben beide nach etwas, was wir einander nie und nimmer schaffen können.«

»Eben sieht er aus, als ob er mich erschlagen möchte!«

denkt sie froh. »Wenn er mich doch schlüge! Ich glaube, ich würde ihm vor Dankbarkeit zu Füßen fallen.«

Laut sagt sie etwas anderes: »Was wir einander zu geben haben, können Sie heute noch so wenig wissen wie ich. Lassen Sie es auf den Versuch ankommen! Wer den Mut hat, Experimente zu wagen, der entdeckt Welten. Wir müssen uns ein paar Tage schaffen, in denen es nichts für uns gibt, als uns zwei und die herrliche Gebirgsnatur. Wir rücken einfach eines Morgens aus, sagen den Freunden nichts von unserem Ziel und mieten uns in der Majlathhütte am Popper See ein. Und am Südrand ragen die Zirbelkiefern so schwarz in das Sonnengold des Himmels hinein, wie auf einem Böcklinschen Bilde. Es ist göttlich schön dort! – Wir sitzen dann zusammen auf der Veranda überm See und schwatzen uns ungestört alles von der Seele. Beim ersten Mißton trennen wir uns.«

Er hat ihren Vorschlag staunend und errötend angehört.

»Ist dies Ernst oder Scherz?« stottert er.

Sie lacht ein helles, frohes Lachen.

»Das befremdet den verdorbenen Großstädter, der hinter dem geringsten Abweichen von den in seiner Gesellschaft waltenden Bräuchen gleich etwas Anstößiges wittert! Ich sagte Ihnen schon, daß wir Skandinavierinnen freier sind. Bei uns sieht niemand etwas Ungehöriges darin, wenn ein junges Mädchen mit einem jungen Manne reist. Es kommen auch keine Ungehörigkeiten vor; aber man lernt einander kennen und verstehen – ganz anders, als es bei eurer Polizeiüberwachung und Absperrung jemals möglich ist. Sie sind allerdings kein Nordländer, sondern ein Jude, aber ich traue Ihnen, wie ich je einem Landsmann getraut habe.«

»Und das Gerede?«

»Wer redet?«

»Die skandalsüchtige Welt.«

»Nun ja, die muß doch auch ihr Vergnügen haben.«

»Ist Ihnen das tatsächlich gleichgültig?«

»Ganz gleichgültig. Ich frage nichts, aber auch gar nichts nach dem Urteil von Menschen, die ich nicht lieb habe.«

»Aber es ist entsetzlich für den Mann, ein Weib in eine Situation zu bringen, in der er sie nicht nach jeder Seite hin decken und schützen kann!«

Wieder lacht sie. »Sie bringen mich ja in keine Situation! Ich bin es, die Sie verlockt und drängt. Also, Ihr zartes Gewissen kann sich wirklich zufrieden geben. Wollen Sie das Experiment wagen oder nicht?«

Sie sieht ihn so lieblich an, daß ein heißes Begehren nach ihr in ihm aufwallt.

»Ich bin nicht so stark und kühl wie Ihre Landsleute«, bekennt er, »es könnte sein, daß ich einmal die Herrschaft über mich verlöre.«

»Sie werden sie nicht verlieren.«

»Wenn aber doch?...«

Einige Augenblicke blicken sie einander fest in die Augen.

Gewitterschwüle!

Mit einer Willensanstrengung rafft sie sich zusammen.

»Es gibt Dinge, die sich nur erleben, nicht berechnen lassen. Mag doch der Augenblick über den Augenblick entscheiden. Was jetzt für mich feststeht, ist, daß wir ein Weilchen ungestört einander genießen müssen. Es wird schön sein, wie ein Märchen!«

Ihre Augen strahlen.

»Woher nimmt sie diese Zuversicht?« denkt Siegfried staunend. Zaghaftigkeit überkriecht sein Herz aufs neue. »Wie kann sie nur glauben, in vollkommener Einsamkeit mit mir allein Glück zu genießen! Wäre sie noch sinnlich verliebt, wie andere Weiber, dann, ja dann ließe sich's allenfalls erklären, obwohl sie sich dann einen anderen ausgesucht hätte, als mich. Aber keine Spur davon. Sie erhofft Emotionen, neue psychische Erlebnisse, denen sie nachspürt und die sie dann in das Buch ihres Wissens einregistriert. Dies lebensvolle junge Mädchen ist eine absolut wissenschaftliche Natur und auf einer ständigen begeisterten Forschungsreise nach dem Wesen des Menschen. Das will sie entdecken und verstehen, und wir sind die Versuchskaninchen.«

Stumm nachdenklich blickt er vor sich hin.

Sie sieht ihm deutlich an, daß er bereits wieder im Begriff ist, sich innerlich von ihr abzuwenden. Ungeduldig seufzt sie auf.

»Herrgott, was sind Sie eigensinnig!« ruft sie aus.

Er lächelt. »Sehen Sie, Sie fangen bereits an dahinterzukommen, was für ein langweiliger, untraitabler Mensch ich bin. Sie würden' s ja keine drei Tage aushalten im Tête-à-tête mit mir.«

»Das herauszufinden, überlassen Sie doch mir und benehmen Sie sich nicht wie eine eigensinnige Frau, die auf alle Argumente immer wieder mit ihrem ersten Wort kommt.«

Er lacht. »Nun zanken wir uns schon.«

»Dr. Lengner würde sagen, wir raufen«, meint sie gleichfalls lachend. »Aber das ist ja gerade sehr kurzweilig.«

Wieder begegnen sich die vier Augen in einem langen, tiefen, warmen Blick.

Plötzlich überläuft ihn ein Zittern. Er steht rasch auf.

»Ich tue, was Sie wollen.«

»Wann ziehen wir also los?«

»Morgen, wenn Sie mögen.«

Sie strahlt. »Gut; – morgen.«

Dann streckt sie ihm die Hand hin. Er ergreift die schlanken Finger, beugt sich darauf nieder und küßt sie, zart wie ein Hauch.

Unmittelbar nach diesem kühnen Unterfangen stürzt er hastig und verwirrt hinaus.

Helga bleibt in starker Gemütsbewegung auf der Stelle stehen. Langsam – vor sich selbst scheu, führt sie die Hand da, wo er sie geküßt hat, an die Lippen und läßt sie ein Weilchen da. Sie staunt und erschrickt über diese Regung; aber es ist ein mit Entzücken gepaartes Staunen. Und nun sieht sie plötzlich das Alleinsein mit Siegfried in einem ganz neuen Licht. Sie fühlt, daß Momente, wie der eben durchlebte, sich wiederholen werden, daß die Spannung zwischen ihm und ihr sich bis zur Unmöglichkeit steigern wird. Sie sieht ihn im Geiste schon vor sich, sieht die Erregung auf dem zarten, nervösen Gesicht, das Zürnen seiner Augen, das jähe Erblassen und dann, in Momenten des Selbstvergessens, das Hervorbrechen dieser scheuen und doch glutvollen Zärtlichkeit! ...

Einmal kommt sicher der Augenblick, da er sich nicht mehr beherrscht! Und dann wird er sie fassen und küssen...

Sie streckt die Arme in die Luft und atmet schnell. Das Gesicht ist plötzlich glutübergossen.

Und dann??...

Wird sie ihn empört von sich stoßen?

» Ihn?! – O nein, ganz gewiß nicht.« –

Sie setzt sich auf den Schemel, mit einem Mal sehr ernst nachdenkend.

Dies ist nicht so, wie es sonst war. Diesmal könnte das kleine Sommererlebnis große, ungeahnte Folgen haben! –

»So weit, wie ich ihm entgegengekommen bin, so, wie ich ihn fast mit Gewalt an mich gerissen habe, kann ich ihn, wenn er nun seinerseits Ansprüche macht, nicht fortschicken, ohne zu handeln wie eine gewissenlose Kokotte. Ich hab' mich in eigener Schlinge gefangen. Wenn er mich nun ganz haben will, muß ich ihn ja heiraten. Ja – wenn er will, muß ich es. Ich, Helga von S., diesen kleinen Breslauer Juden!«

Das Lächerliche dieser Verbindung, das ganz äußerlich Lächerliche, tritt ihr vor Augen. Sie versucht, sich vorzustellen, wie sie mit diesem bescheidenen Journalisten in Breslau einen schlicht bürgerlichen Haushalt machen werde als Frau Dr. Rosenfeld und ... und ... Heiß errötend versteckt sie das Gesicht in den Händen.

Es fällt ihr ein, daß die äußere Unterwerfung, ja Erniedrigung, wie das Sicheinfügen in ihr fremde, wenig zusagende Verhältnisse, das Annehmen eines fremden Namens u.s.w., welches alles ihrem selbstherrlichen Sinn widernatürlich und ungeheuerlich erscheint, als Symbol jener inneren Unterwerfung angesehen werden kann, die ihr als höchste, irdische Glückseligkeit vorschwebt.

»Wenn es nicht das Eigentliche ist«, sagt sie sich, »dann ist's wenigstens feine Verbildlichung. Ach, wäre er doch recht hart – zwänge er mich doch!« –

Am Abend dieses Tages ist Helga so ausgelassen fröhlich, wie die Freunde sie noch nicht gesehen haben. Hugo und Max sind wie berauscht von ihr, selbst Eugen läßt sich von ihrer prachtvollen Laune anstecken.

Nur Siegfried scheint zu leiden. Er allein bleibt stumm und bleich.

»Der arme Kleine!« denkt Max Winowsky teilnehmend, »sie hat ihn doch arg mitgenommen, diese nordische Jungfrau mit den blauen Sonnenaugen und dem Gletscherherzen.

Wieder ist es Nachmittag geworden.

Helga hat einige Briefe geschrieben und ihr Handköfferchen gepackt.

Auf ihren Wink haben Hugo und Max Eugen nach der Postredna begleitet zum Angeln. Dort sind sie für Stunden aufgehoben.

Eben hat sie ein erklärendes Briefchen für Eugen beendet und zusammengefaltet.

Sie steht am Fenster, knöpft die hundsledernen Touristen-Handschuhe zu und nimmt in Gedanken Abschied von dem geliebten Szeplak.

Die Scheckige grast einsam am Wegrande und läutet leise, wenn sie den breiten Kopf bewegt. Die Quellbäche murmeln, und der kleine Brunnen plätschert. Ein leichter Bergwind wiegt die Tannenwipfel. Die Zipser Ebene in der Ferne liegt in flimmerndem Duft.

In einer halben Stunde soll der Wagen vorfahren, der sie nach dem Czorber See führt. Von dort wollen sie zu Fuß wandern.

Es ist nicht zu beschreiben, wie sie sich auf das vor ihr Liegende freut!

Sie kann nicht mehr warten. Das juchtene Geldtäschchen umgehängt, den langstieligen Schirm in der Hand, schlendert sie nach dem Kurhaus hinüber, wo sie mit ihm zusamentreffen soll.

Die hübsche Postverwalterin sitzt vor der Tür und plaudert mit einem guten Bekannten aus Schlagendorf.

»Ist Doktor Rosenfeld schon hier gewesen?« fragt Helga.

»Der Herr Doktor ist schon abgereist«, entgegnet ruhig das Mädchen.

»Ich meine nicht Doktor Hansen, sondern Doktor Rosenfeld«, sagt Helga mit Betonung der Namen.

»Ja, schon recht«, bestätigt die Posthalterin, »der kleine Herr mit den dunklen Locken. Er ist vor ein paar Stunden abgereist und hat einen Brief für das gnädige Fräulein hier gelassen.«

Sie tritt in den Flur, wo der Posttisch steht, kramt etwas in den darauf liegenden Briefschaften und reicht dann Helga ein mit ihrer Adresse versehenes elegantes Kuvert.

»Abgereist?!« stammelt Helga fassungslos; »Allein?! Wann denn?! –«

»Vor zwei Stunden etwa.«

»Wohin?«

»Nach Poprad hinuntergefahren ist er, zum Zuge.«

»Ist der Zug schon fort?«

»Jawohl. Vor 'ner kleinen Stunde muß er von Poprad abgefahren sein.«

Helga wendet sich und geht. Es ist ein langsames, mühsames Gehen, ein Vorwärtsschieben der Füße, und die Knie zittern ihr. Wer sie jetzt sieht, muß sie für eine Kranke halten.

Ihr ist entsetzlich zu Mute: als sei auf einmal alles ausgestorben, jegliches Lebensgefühl erloschen und sie von Gott und der Welt verlassen, allein zurückgeblieben in grauenhafter Öde.

Sie fühlt den Schmerz dieser grausamen Enttäuschung als ein physisches Zerren und Wühlen in der Brust; die Kehle schnürt er ihr zu! Sie möchte laut, ganz laut schreien vor ohnmächtiger Verzweiflung und kann doch nicht.

Todblaß, mit wankendem Schritt schleppt sie sich die Treppe ihres Logierhauses hinauf.

Im Zimmer wirft sie Schirm, Hut und Geldtäschchen zur Erde und sinkt auf das Bett.

Jetzt bricht sie in heißes, jammerndes, lang anhaltendes Weinen aus.

Aber der Verzweiflungsorkan tobt sich aus.

Sie setzt sich im Bett aufrecht, stützt die Ellbogen auf die Knie und die Stirn auf die geballten Hände und fängt an nachzudenken.

Ihre Nase ist rot, die Augenränder geschwollen, das Haar hängt aufgelöst und wirr über die Schultern. So sitzt sie und ordnet ihre Gedanken.

Plötzlich erinnert sie sich an den von Siegfried zurückgelassenen Brief.

Sie sucht danach, sieht ihn mit Schirm und Tasche am Boden liegen und nimmt ihn auf. Ehe sie ihn jedoch öffnet, steckt sie ihr Haar auf, wäscht sich die Augen und vernichtet den für Eugen bestimmt gewesenen Abschiedsbrief.

Ihr verweintes Gesicht trägt einen harten, entschlossenen Ausdruck. Ruhig öffnet sie Siegfrieds Briefumschlag und entfaltet den eng beschriebenen Bogen.

Ihre ernsten Augen nehmen einen konzentrierten Blick an. Sie liest:

»Teures, verehrtes Fräulein!

Ich weiß, daß Sie mir zürnen, wenn Ihre stolzen Augen auf diesen Zeilen ruhen, aber ich fühle mich Ihres Zornes so unwert wie Ihrer Gunst.

Ich bin nicht groß genug für ein Glück, wie Sie es für mich ersonnen hatten – nicht stark genug.

Ich bin Ihnen nicht ebenbürtig. Zu meiner Qual bin ich mir dessen in Ihrer Nähe stets bewußt. Sie wären zu rasch an die Grenzen meiner Kraft gestoßen, und das hätte ich nicht ertragen. Lieber sterben! Ich hätte Ihnen nie als Herr gegenüberstehen können, und der Sklave einer Frau will ich nicht sein, selbst Ihrer nicht.

Bedenken Sie, daß ich ein deutscher Jude bin, und daß mir dazu die Natur keine genügsame Seele, sondern brennenden Ehrgeiz, Stolz und Empfindlichkeit gab! So konnte mein Dasein nichts anderes werden als eine Tragödie.

Alles, was meine überempfindlichen Nerven berührt, wird für mich zum Leiden! An den starken Dingen leide ich, weil sie mich neidisch machen, und an den schwachen leide ich aus Mitleid, wühlendem, zehrendem Mitleid! – So bin ich nicht recht lebensfähig – ich sehe es klar – und doch fehlt mir der Mut, mich zu töten. Ich bin feige, wie alle Menschen mit krankhaft empfindlichen Nerven – mir graut namenlos vor aller Gewaltsamkeit.

Und dann: das Leben, das mich lachend verhöhnt, ich liebe es! Ich liebe, was mich tritt.

Marc Aurel, das Moral-Genie, sagt einmal: Es ist ein dem Menschen eigentümlicher Zug, auch diejenigen zu lieben, die ihm wehe tun. Doch er hätte sagen sollen: den schwächlichen Seelen, den durch städtische Überkultur Verweichlichten, den Dekadenten. Der kraftvolle Mensch, der Tüchtige haßt das ihn Befeindende mit dem urwüchsig gesunden Trieb des Tieres.

Ich kann nicht anders als das lieben, was meiner eigenen Art entgegengesetzt ist: das Starke, Gesunde, naiv Brutale, das Naturwüchsige, blind Sichere – o wie ich das alles bewundere! Noch da liebe ich es, wo es mich schmäht und tritt – aber mich selbst verabscheue ich um solcher sündischen Liebe willen!

Diese Regungen verberge ich selbst vor meinen intimsten Freunden; wenn sie mich ganz durchschauten, sie müßten ja vor mir ausspucken. Ich ertrage aber keine Mißachtung! Meine Seele verschmachtet nach Anerkennung, nach Ehre vor den Menschen – vor mir selbst! – Und nun will ich Ihnen sagen, warum ich Ihnen diese traurige Beichte ablege.

Ich denke zuweilen, wenn mich in den Bergen das wahnsinnige Grauen des Schwindels überfällt: noch ein wenig länger, und ich stürze mich kopfüber in den Abgrund, um diesem unerträglichen Angstgefühl ein Ende zu machen.

Hörten Sie noch nicht von denen, die zum Selbstmord griffen, weil sie die Furcht vor dem Tode nicht mehr ertragen konnten?

Mir graute vor Ihrem in die Tiefen der Seele dringenden Blick. Mir wurde ganz elend bei der Vorstellung, wie der freundliche Nebel der Illusion, den Ihre Fantasie um mich gewoben, dem Sonnenblick naher Wirklichkeit weichen würde. Sie hätten Ihre Enttäuschung nicht verbergen können, vielleicht nicht einmal wollen.

Vor der Qual dieses Gedankens rette ich mich, indem ich einer Entdeckung Ihrerseits zuvorkomme und Ihnen mein Ich in seiner dürftigen Blöße selbst vor Augen lege. Ein von Eitelkeit und Ehrgeiz zerfressener Schwächling! – Kann man das lieben? – –

Ihnen begegnet zu sein, ist das Ereignis meines Lebens! Ihr Interesse, Ihre Sympathie wachgerufen zu haben, ist der einzige Erfolg, auf den ich stolz sein darf. Um nicht auch dies Schönste in einem kläglichen Fiasko enden sehen zu müssen, breche ich ab. Den schönen Augenblicken unseres letzten Zusammenseins zu zweien sollen keine minder schönen folgen. Den Schatz dieser Erinnerung werde ich hüten als ein Geiziger.

Darum verbanne ich mich lieber, so lang es noch Zeit ist, selbst und kehre, um die beglückendste Erinnerung reicher, in meine Dunkelheit zurück.

Verzeihen Sie dem Schwachen den Egoismus der Schwäche, wenn Sie können!

Leben Sie wohl!

Ihr dankbarer Siegfried Rosenfeld.«

Es ist Spätherbst geworden. Der Wind spielt seine wilden Harfen-Melodien, und der Regen weint leise die Begleitung.

Ein Zimmer im Monopol-Hotel, Berlin: elegant, in dunklen Farben gehalten, voll von Polstern, Vorhängen, Teppichen.

Auf dem eckigen Tisch vor dem Diwan steht eine Korbschale mit dunkelroten Äpfeln, und daneben duften rote Nelken in einem hohen Kelchglas. Purpurfarben ist auch die Plüschdecke auf dem Tische. All dies freudige Rot leuchtet im Lichte der kleinen, tulpenförmigen Gasglühlampen, die als Kronleuchter von der Decke hängen.

Mit auf dem dicken Brüsseler Teppich unhörbaren Schritten geht Helga hin und her.

Sie trägt über dem marineblauen Reisekleid, » tailormade«, einen kurzen ungarischen Schafpelz mit bunter Bauernstickerei.

Alles an ihr drückt Spannung und unruhige – nicht freudige – aber erregende Erwartung aus. Ihr Blick gleitet über die Gegenstände, ohne sie mit den inneren Augen zu sehen.

Sie stellt das Glas mit den Nelken auf einen anderen Platz; dann öffnet sie einen gelb gehefteten französischen Romanband, liest ein paar Zeilen, ohne den Sinn zu erfassen, und legt das Buch fort.

Sie zieht die kleine Uhr heraus, die sie an langer, doppelter Kette von venezianischem Dukatengold trägt, wirft einen Blick auf das Zifferblatt und nimmt eine auf dem Salonschreibtisch liegende Visitenkarte auf. Zum dritten Male liest sie:

»Dr. Hugo Lengner,
Wien«

darunter geschrieben: »wird sich die Ehre geben, zwischen fünf und sechs vorzusprechen.«

»Fünf Minuten nach fünf. Jetzt kann er kommen!«

Es klopft.

»Herein!«

Er ist es. Den nassen Regenmantel hat er draußen gelassen. Wie er jetzt vor ihr steht im schwarzen Gehrock, den Zylinder in der Hand, die weiten, schneeweißen Manschetten halb über die rot behandschuhten Hände fallend, sieht er so elegant aus, daß er ihr fremd erscheint – im ersten Augenblick.

Ihm fehlt auch der blasierte, etwas spöttische Ausdruck, den sie an ihm kennt. Sein Gesicht ist ernst und blaß.

»Als wenn er in der Kirche wäre«, denkt sie.

Sie gehen rasch auf einander zu und drücken sich warm die Hand.

»Gestern im Theater, im Foyer«, sagt sie, »konnte ich nicht. Es ist unmöglich, in diesem Gedränge über Intimes zu sprechen. Aber welch ein Glücksfall, Sie gerade zu treffen!«

»Sie sind also auf der Durchreise?«

»Ja, mit meinem jüngsten Bruder. Auf dem Wege nach Paris. Wir wollen lernen.«

»Wo ist Dr. Hansen?«

»Augenblicklich an einem Hospital in Kiel beschäftigt. Aber er kommt nach, sowie er sich freimachen kann. Was macht Ihr Freund Winowsky?«

»Oh, dem Max geht's gut. Sie haben in Prag eben sein neues Stück aufgeführt, und es ist ein ganz schöner Erfolg gewesen.«

»Ist er dort?«

»Ja.«

Ihre Lippen zittern plötzlich, und sie wird sehr blaß. Jetzt muß es kommen, fühlt sie.

Sie läßt sich auf den nächsten Sessel sinken und lädt ihn mit einer Handbewegung ein, sich gleichfalls zu setzen.

»Und nun« – ihre Nasenflügel zucken nervös, sie hebt das Kinn und sieht ihm leidenschaftlich erwartungsvoll in die Augen. »Erzählen Sie von Rosenfeld.«

Auch er wird um eine Schattierung bleicher, senkt den Blick und spielt mit den Quasten der roten Tischdecke.

»Sie wußten es?« fragt er leise.

»Aus der Zeitung!! Aus der Zeitung, denken Sie!«

»Ein schöner Tod!«

»Waren Sie dabei?«

»Nein; das heißt in Breslau war ich, als es geschah; den Abend vorher noch mit ihm zusammen. In Breslau hat man in jenen Tagen von nichts anderem geredet.«

»Erzählen Sie alles, was Sie wissen!«

Er spricht mit halber Stimme, die Stirn gesenkt.

»Also irgendein Bub, der Turnübungen am Brückenrand gemacht hat, hat das Gleichgewicht verloren und ist in die Oder gestürzt. Der Siegfried ist – auf dem Wege zu mir – gerade über die Brücke gegangen. Ohne sich nur zu besinnen, ist er dem Buben nachgesprungen.«

»Besonnen wird er sich schon haben«, meint sie nachdenklich leise; »das macht man manchmal sehr rasch. Und weiter?«

Er spricht erregt. »Es gelingt ihm, das Kind zu fassen und über Wasser zu halten, bis das vom Ufer abgeschickte Boot ihn erreicht. In dem Moment, wo man vom Boote aus den halb ohnmächtigen Buben packt, ist der Siegfried ohne einen Laut untergesunken.«

»Hat man ihn denn nicht herausgezogen?!« ruft sie.

»Ja, aber er war schon tot. Wahrscheinlich ist es ein Herzschlag gewesen.«

»War er ein sicherer Schwimmer?«

»Ziemlich.«

Sie seufzt und schlingt die Finger fest ineinander. Ihre Augen sind weit geöffnet, der Blick von einem Ernst, der fast streng aussieht.

Hugo fährt fort: »In seiner Tasche hat man einen Brief von mir gefunden, und da brachten sie ihn in meine Wohnung.«

»Sie waren zu Hause?« ruft sie erregt.

»Ja! Ich hab' ihn ja erwartet den Morgen! – das war furchtbar.«

»Wie sah er aus?«

»Schön. Ruhig. Weiß Gott, ich hab' ihn beneidet, den lieben Kerl.«

Sie ist aufgesprungen und geht mit raschen Schritten auf und nieder. Ihre blauen Augen leuchten seltsam.

»Lieber Gott, wie muß er das genossen haben!« ruft sie aus. »Diesen Augenblick des Sieges, des Heldentums! Davon hat er immer geträumt wie von etwas Unerreichbarem. Brennend hat er sich das ersehnt!«

»Ja«, sagt Hugo, »sein Leben ist durch den unglückseligen Zweifel am eigenen Wert vergiftet worden. Er war der liebenswürdigste, anständigste Mensch. Im Stillen hat er fort und fort wohlgetan. Wir alle liebten ihn. Und dabei hat er sich selbst nicht recht ertragen können.«

»Denken Sie, wie ihm vor jeder Gewaltsamkeit graute!« fährt sie in ihrem leidenschaftdurchzitterten Tone fort; »und wie er das hilflose Kind im Wasser sieht, vergißt er plötzlich alles! Und der ganze zentnerschwere Ballast von Angst und Zweifel und Grauen fällt von ihm ab wie morsche Lumpen, und er wirft sich mit einer Lust, die niemand ausdenken kann, dem Tode in die Arme! Von sich selbst erlöst durch sich selbst! – Mein Gott, was hab' ich ihn lieb!«

Hugo blickt mit lebhaftem Erstaunen auf.

»Und doch ließen Sie ihn gehen?!«

»Er ließ mich gehen. Er wollte ja nichts von mir wissen. Wollte nicht.«

»Aber auch Sie ließen los.«

Sie schweigt eine Weile, in Nachdenken versunken. Dann bleibt sie vor ihm stehen.

»Es war nicht möglich«, sagt sie; »wir konnten nicht zusammenkommen. Weil wir zu einer Zeit leben, in der die alte Ordnung sich verschoben hat. Alles Liebesverlangen rückt das nicht zurecht. Wir sind andere, als unsere Eltern waren: andere Männer und andere Weiber, – und doch verlangen wir noch von einander die Ergänzung nach der alten Weise. Es ist etwas Unmögliches, was wir vom anderen Geschlecht wünschen, und daran kranken wir Geschöpfe einer Übergangszeit. Wie die Unterschiede, die sonst zwischen Mann und Weib waren, sich zweifellos verwischen, so muß das alte Ideal des gegenseitigen Verhältnisses schwinden.

Und es schwindet – langsam, aber sicher. Was nutzt es, ihm nachzujammern? Das Naturgesetz der Weiterentwicklung stoßen wir nicht um.«

Ihre blauen Augen haben einen visionären Blick.

»Ja«, meint Hugo, »wir Männer sind halt Spätlinge einer überlebten Kultur, während Ihr Weiber erst anfangt, Euch freier zu bewegen und Eure unverbrauchten Kräfte zu erproben. An Euch ist alles jetzt Drängen und Werden. Aber wo soll's hinaus? Entbehren können wir einander ja doch nicht.«

Sie sieht ihn lieb und ein wenig traurig an.

»Nein, wir können und wollen einander ganz gewiß nicht entbehren. Aber wir Frauen müssen verlernen, uns als Eure Kinder fühlen zu wollen, weil Ihr uns kein Vater mehr sein könnt. Es kommt eben jetzt die Zeit unserer Mündigkeit. An Stelle des herrlichen Kindschaftsverhältnisses wird das geschwisterliche, das freundschaftliche treten.«

»Wird das schöner sein?« meint er zweifelnd.

»Danach fragen Sie nicht mich! Fragen Sie die Geschichte, die so viel Wunderschönes begräbt, um Neues zu bringen! Fragen Sie die rastlos ummodelnde, rastlos weiterschreitende Natur, nicht mich! Ich kann Ihnen nur sagen, daß es kommt.«

Vom Wintergarten, wo die Hotelgäste dinieren, tönt Musik herauf: klagende, jauchzende, schmeichelnde Walzer. Und die Töne wiegen den wachen Verstand in Schlaf und lösen das Denken auf in wehmütig süßes Träumen.

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