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Die schönsten Novellen

Bjørnstjerne Bjørnson: Die schönsten Novellen - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
authorBjörnstjerne Björnson
titleDie schönsten Novellen
publisherAlbert Langen, München
printrun1. bis 15. Tausend
editorWalter von Molo
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060523
projectid267d14cd
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Ein froher Bursch

Erstes Kapitel

Öyvind hieß er, und weinte, als er geboren wurde. Aber schon als er aufrecht auf der Mutter Schoß sitzen konnte, lachte er, und wenn abends die Lampe angesteckt wurde, lachte er, daß es schallte, aber wenn er das Guckelicht nicht anfassen durfte, weinte er. »Aus dem Bübchen muß mal was Besonderes werden,« sagte die Mutter.

Da, wo er geboren wurde, hing der nackte Fels vornüber, aber es ging nicht hoch hinauf: Fichte und Birke guckten herunter, und der Faulbaum streute Blüten aufs Dach. Aber oben auf dem Dache weidete ein Ziegenböckchen, das Öyvind gehörte; das mußte sich da oben herumtreiben, um sich nicht zu verlaufen, und Öyvind brachte ihm Laub und Gras hinauf. Eines schönen Tages hüpfte aber das Böckchen hinüber und in die Berge hinein; es kletterte lustig drauflos und kam an Stellen, wo es sein Lebtag noch nicht gewesen war. Als Öyvind nach dem Vesperbrot hinauskam, und sein Böckchen nicht sah, war sein erster Gedanke der Fuchs. Ihm wurde heiß am ganzen Körper, er sah sich um und horchte »Mecke-mecke-mecke-mecke-Meckerzicklein«. – »Me–e–e–ah!« antwortete das Böckchen oben am Felsrand, machte ein schiefes Köpfchen und lugte herab.

Aber neben dem Böckchen hockte ein kleines Mädchen auf den Knieen. »Ist das dein Bock?« fragte es. Öyvind stand, Mund und Augen aufgesperrt, da und steckte beide Hände in die Hosentaschen. »Wie heißt denn du?« fragte er. – »Ich? ich bin doch die Marit, Muttern ihr Kleines, Vatern seine Fiedel, der Kobold im Hause, das Großkind von Ola Nordistnen auf den Heidehöfen, im Herbst werd' ich vier Jahr, zwei Tage nach den Frostnächten, ja–a!« – »Ach so, – die bist du!« sagte er und holte Atem, denn er hatte, solange Marit plauderte, nicht zu atmen gewagt.

»Ist das dein Bock?« fragte die Kleine wieder. »Freilich!« sagte er und sah hinauf. – »Ich habe solch schreckliche Lust auf den Bock, – magst ihn mir schenken, ja?« – »Nöö, das will ich nicht.«

Sie lag da, strampelte mit den Beinen und guckte auf ihn hinab, »Wenn ich dir aber 'n Butterkringel geb',« fragte sie darauf, »krieg ich ihn dann?« – Öyvind war armer Leute Kind; nur einmal in seinem Leben hatte er einen Butterkringel gegessen, das war, als der Großvater zu Besuch gekommen war, und so etwas Leckeres hatte er sein Lebtag nicht gegessen. Er blickte zu dem Mädel hinauf. »Ich möcht' den Kringel erst mal sehen!« sagte er. »Da!« sagte Marit und warf ihn, nicht faul, zu «Öyvind hinunter. »Au, nun ist er kaputt gegangen!« sagte der Junge und sammelte sorgfältig jedes Krümchen auf; das allerkleinste Bröckchen mußte er doch kosten, hei, das schmeckte, er mußte noch eins kosten, und ehe er sich's versah, hatte er den ganzen Kringel aufgegessen.

»Etsch, – jetzt gehört der Bock man mi–ir!« sagte Marit. Dem Knaben blieb der letzte Bissen im Munde stecken, das Mädel lachte; der Bock stand daneben mit weißer Brust und schwarzbrauner Mähne und guckte mit schiefem Kopfe hinunter.

»Kannste nicht lieber noch 'n bißchen warten?« bat der Knabe, sein Herz fing zu klopfen an. Da lachte die Kleine noch mehr und sprang schnell auf die Knie. »Nein, nein, der Bock ist mein,« sagte sie und schlang die Arme um den Hals des Tieres, machte eines ihrer Strumpfbänder los und band es ihm um. Öyvind sah es mit an. Nun stand sie auf und begann, an dem Bock zu ziehen; der wollte aber nicht mit und reckte den Hals nach Öyvind hinunter. »Mä–ä–ä!« schrie er. Sie aber packte ihn mit der einen Hand an der Mähne, zog mit der andern an dem Bande und sagte liebkosend: »Komm mit, Böckchen, darfst auch mit in die Stube und aus Mutters Schüsselchen und aus meiner Schürze essen« – und dann sang sie:

Komm Böckchen zum Bübchen,
komm Kälbchen zur Kuh,
komm Kätzchen, mein Liebchen
mit schneeweißem Schuh,
kommt Entlein, ihr kecken,
aus Winkeln und Ecken,
kommt Kückelein lieb
mit munterm Gepiep,
kommt Täubchen mit Kröpfchen
und schillernden Köpfchen,
im Gras hat's geweint
doch die Sonne, die scheint;
's ist früh, o so früh noch zur Sommerzeit,
ruf ja nicht den Herbst, sonst kommt er noch heut.


Ja, da stand nun das Büblein! Das Böckchen hatte er den ganzen Winter lang, seit es geboren war, gehegt und gepflegt, und nie hätte er gedacht, daß er es verlieren könnte; und nun war es in einem Nu geschehen, und nie sollte er es wiedersehen.

Die Mutter kam, ein Liedchen summend, vom Strande her mit ihren hölzernen Kübeln, die sie gescheuert hatte. Sie sah ihr Büblein mit gekreuzten Beinen im Grase hocken und weinen und ging zu ihm. »Na, was weinst denn?« – »Hu–u–u, mein Böckchen, mein Böckchen!« – »Was ist denn mit dem Bock?« fragte die Mutter und sah nach dem Dache hinauf. – »Er kommt n–n–nie wieder,« sagte das Büblein. – »Aber Kind, wie ist das denn passiert?« – Er wollte es nicht gleich gestehen. »Hat der Fuchs ihn geholt?« – »Ach, wenn's noch der Fuchs war!« – »Bist du nicht bei Trost?!« sagte die Mutter; »was ist mit dem Bock passiert?« – »Hu–u–u–u, ich hab' – – ich – ich hab' – ihn verkauft für 'nen – Butterkringel!« –

Als er das Wort aussprach, wurde ihm erst recht klar, was das heißen wollte, den Bock für einen Kringel zu verkaufen; bis dahin hatte er gar nicht so recht darüber nachgedacht. Die Mutter sagte: »Was meinst wohl, was das Böckchen jetzt von dir denken mag, daß du es für 'nen Kringel verkaufen konntest?«

Und das Büblein dachte selber daran, und es galt ihm als abgemacht, daß es auf dieser Welt nimmer wieder froh werden könnte; und nicht mal beim lieben Gott, dachte er später.

So tief war sein Kummer, daß er sich fest vornahm, nie wieder etwas Unrechtes zu tun, nie mehr den Faden am Spinnrocken abzuschneiden, oder die Schafe hinauszulassen, oder allein ans Wasser zu gehen. Er schlief ein, so wie er da lag, und träumte, der Bock wäre in den Himmel gekommen. Gottvater saß da mit einem langen Bart, wie im Katechismus, und der Bock knabberte Laub von einem leuchtenden Busch ab; aber Öyvind saß ganz verlassen auf dem Dache und konnte nicht hinauf.

Da schnupperte ihm mit einem Male etwas Feuchtes im Ohr herum, so daß er in die Höhe fuhr. »Mä–ä–ä–äh!« machte es, und wer war's? Sein Bock, der wiedergekommen war.

»Bist wieder da, mein Böckle?« Er sprang auf, nahm ihn bei beiden Vorderpfoten und tanzte mit ihm, als war er ein Brüderlein; er zupfte ihn am Barte und wollte gerade mit ihm zur Mutter hinein, als er etwas hinter sich hörte, und da sah er das Mädel dicht neben sich auf der Wiese sitzen. Nun wurde ihm alles klar; er ließ den Bock los. »Bist du mit ihm hergekommen?« fragte er. Die Kleine saß da, rupfte Gras mit den Händen aus und sagte: »Ich darf ihn nicht behalten; Großvater sitzt da oben und wartet.« Während der Knabe noch dastand und sie anschaute, hörte er eine scharfe Stimme oben vom Wege her rufen: »Na? wird's bald?« Da fiel ihr wieder ein, was sie tun sollte; sie stand auf, ging auf Öyvind zu, schob ihr erdiges Händchen in seins, guckte verlegen auf die Seite und sagte: »Will's nicht wieder tun!« Aber da war's auch mit ihrem Mut vorbei, sie warf sich über den Bock und fing zu weinen an.

»Behalt' ihn man,« sagte Öyvind und blickte fort.

»Mach schnell!« rief der Großvater oben auf der Höhe. Und Marit ging mit schleppenden Schritten den Berg hinauf. »Du hast ja dein Strumpfband vergessen,« rief Öyvind ihr nach. Da wandte sie sich um und sah erst das Band und dann ihn an. Endlich faßte sie einen großen Entschluß und sagte mit erstickter Stimme: »Das kannst du behalten!« Er lief ihr nach und gab ihr die Hand. »Dank auch schön,« sagte er. – »Ach, laß man,« erwiderte sie, stieß einen unendlich tiefen Seufzer aus und ging weiter.

Er setzte sich wieder ins Gras, der Bock weidete dicht neben ihm, aber er hatte ihn gar nicht mehr so lieb wie früher.

Zweites Kapitel

Der Bock wurde jetzt am Hause angebunden; aber Öyvinds Augen schweiften nach dem Berge hinauf. Die Mutter kam zu ihm hinaus und setzte sich neben ihn. Er wollte Märchen hören, von Dingen, die weit fort waren, denn jetzt war ihm der Bock nicht mehr genug. Da hörte er denn, daß es eine Zeit gab, wo alles noch eine Sprache hatte, der Berg redete mit dem Bach, und der Bach mit dem Flusse, und der Fluß mit dem Meer, und das Meer mit dem Himmel; aber ob denn der Himmel nicht auch mit jemandem sprechen konnte, fragte der Knabe; doch, der Himmel redete mit den Wolken, die Wolken mit den Bäumen, die Bäume mit dem Grase, das Gras mit den Fliegen, die Fliegen mit den Tieren, die Tiere mit den Kindern, die Kinder mit den Großen, und so ging es immer weiter, immer im Kreise herum, und niemand wußte mehr, wo es anfing. Öyvind sah den Berg, und die Bäume, und das Meer, und den Himmel an, er hatte sie eigentlich noch nie recht gesehen. In demselben Augenblicke kam die Katze aus dem Hause und legte sich auf die Steinfliesen in die Sonne. »Was sagt denn die Katze?« fragte Öyvind und zeigte auf sie. Die Mutter sang:

Leise säuselt der Abendwind,
Kätzlein liegt faul auf dem Stein und spinnt,
»Fing mir 'ne Maus,
schleckt's Rahmtöpfchen aus,
stahl mir vier Fisch'
unter 'nem Tisch,
bin jetzt bumssatt,
kugelrund und matt,«

sagt Kätzlein.

Jetzt kam auch der Hahn mit all seinen Hühnern. »Was sagt denn der Hahn?« fragte Öyvind und klatschte in die Hände. Die Mutter sang:

Hennenmama ihre Flügel senkt,
Hahn steht auf einem Bein und denkt:
»Du Watschel-Gans,
trägst hoch den Schwanz,
doch vom Hahnengeist
du gar nichts weißt,
hinein unter Dach, all ihr Hühnerleut',
wir geben der Sonne wohl Urlaub für heut,«

sagt der Hahn.

Und jetzt saßen wieder zwei kleine Vögel oben auf dem Dachfirst und sangen. »Was sagen die Vögel?« fragte Öyvind und lachte.

Lieber Gott, wie schön ist das leben,
braucht man nur nicht zu schuften und streben,

sagen die Vöglein.

Und nach und nach bekam er alles zu hören, was sie sagten, bis zur Ameise, die im Moos krabbelte, und zum Wurm, der hinter der Borke pickte.

In diesem Sommer fing die Mutter auch an, ihn lesen zu lehren. Die Bücher hatte er schon längst gehabt und viel darüber nachgedacht, wie das wohl würde, wenn auch die zu sprechen anfingen. Nun würden ihm die Buchstaben zu Tieren und zu Vögeln und zu allem, was da kreucht und fleucht. Aber bald fingen sie an, zusammen zu gehen, immer zwei und zwei; A machte halt und setzte sich unter einen Baum, der B hieß, und dann kam C und machte es ebenso. Aber als sie zu dreien und vieren beisammen waren, da war es, als würden sie wütend aufeinander; es wollte nicht recht gehen. Und je weiter er kam, desto mehr vergaß er, was sie waren; am längsten behielt er das A, das er am besten leiden konnte; das A war ein schwarzes Lämmchen und war gut Freund mit allen; aber bald vergaß er auch das A; das Buch hatte keine Märchen, nur Aufgaben.

Da kam eines Tages die Mutter ins Zimmer und sagte: »Morgen fängt die Schule wieder an, da gehst du mit mir nach dem Schulhause hinauf.« Öyvind hatte gehört, die Schule wäre ein Ort, wo viele Jungens spielten, und dagegen hatte er durchaus nichts. Er war sehr zufrieden damit; er war auch schon öfter an der Schule gewesen, freilich noch nie zur Schulzeit, und deshalb lief er schneller die Berge hinauf, als die Mutter, denn er sehnte sich nach der Schule. Sie kamen ans Altenteilhäuschen. Ein entsetzliches Gesumme, ähnlich wie aus der Mühle daheim, tönte ihnen entgegen, und er fragte die Mutter, was das wäre. »Das sind die Schulkinder, die lesen,« erwiderte sie, und er freute sich, denn gerade so hatte es auch bei ihm geklungen, ehe er die Buchstaben konnte. Als er ins Schulzimmer kam, sah er so viele Kinder um einen Tisch herumsitzen, daß sicher in der Kirche nicht mehr sein konnten; andere saßen auf ihren Frühstücktaschen an den Wänden entlang; wieder andere standen in kleinen Gruppen um eine Wandtafel herum. Der Schulmeister, ein alter grauhaariger Mann, saß auf einem Schemel am Ofen und stopfte sich seine Pfeife. Als Öyvind mit seiner Mutter eintrat, sahen alle auf, und das Mühlengesumme hörte mit einem Male auf, gerade wie wenn man die Rinne staut. Alle guckten die Eintretenden an; die Mutter begrüßte den Schulmeister und dieser sie.

»Hier bringe ich ein Bübchen, das gern lesen lernen möchte,« sagte die Mutter. – »Wie heißt das Kerlchen?« fragte der Schulmeister und griff tief in seinen Lederbeutel nach Tabak.

»Öyvind,« entgegnete die Mutter; »er kennt die Buchstaben schon und kann sie auch zusammensetzen.« – »Ei sieh mal an!« sagte der Schulmeister. »Komm mal her, du Flachskopf!« Öyvind ging zu ihm; der Schulmeister nahm ihn auf den Schoß und nahm ihm die Mütze ab. »Hübscher kleiner Bengel!« sagte er und strich ihm durchs Haar. Öyvind schaute ihm in die Augen und lachte. »Lachst du am Ende über mich?« fragte der Lehrer und runzelte die Stirn. »Ja, freilich,« entgegnete Öyvind und lachte herzhaft. Da lachte der Schulmeister auch, die Mutter lachte, die Kinder merkten, daß sie auch lachen dürften, und so lachten sie alle miteinander.

Somit war Öyvind in die Schule aufgenommen.

Als er sich hinsetzen sollte, wollten ihm alle Platz neben sich machen; er sah sich auch lange um; sie flüsterten und zeigten auf ihn; er drehte sich nach allen Seiten, die Mütze in der Hand und das Buch unterm Arm. »Na, was soll denn nun werden?« fragte der Schulmeister, der sich wieder mit seiner Pfeife zu schaffen machte. Wie er sich nach dem Schulmeister umdrehen will, sieht er dicht neben sich am Ofen Klein-Marit mit den vielen Namen auf einem rotbemalten Eßkörbchen sitzen; sie hatte ihr Gesicht in beide Hände versteckt und lugte verstohlen durch die Finger nach ihm. »Da will ich sitzen!« rief Öyvind schnell, schob sich einen Korb hin und setzte sich neben sie. Jetzt hob sie den einen Arm ein bißchen und sah ihn unter dem Ellbogen durch an. Sofort versteckte auch er sein Gesicht hinter beide Hände und sah sie auch unter dem Ellbogen durch an. So saßen sie beide da und »hatten« sich, bis sie zu lachen anfing, da lachte er auch, und die Kinder, die das mit angesehen hatten, lachten auch mit. Doch da fuhr eine fürchterlich donnernde Stimme dazwischen, die aber allmählich milder wurde. »Ruhe da, ihr Koboldspack, ihr Gewürm, ihr Taugenichtse! – Ruhe, und jetzt hübsch artig, meine Zuckerferkelchen!« – Es war der Schulmeister; er hatte es so an sich, plötzlich aufzubrausen, aber dann, noch ehe seine Rede zu Ende war, wieder gut zu werden. Augenblicklich wurde es in der Schule ruhig, bis sich die Pfeffermühlen wieder in Bewegung setzten; sie lasen laut, jeder aus seinem Buche; die feinsten Diskante spielten auf, die gröberen trommelten lauter und lauter, um das Übergewicht zu behalten, und bisweilen jodelte eine oder die andere dazwischen; solch einen Spaß hatte Öyvind sein Lebtag noch nicht gesehen.

»Ist es hier immer so?« flüsterte er Marit zu. – »Ei, freilich!« versetzte sie.

Nach einer Weile mußten sie zum Schulmeister vor und lesen; dann mußten sie unter der Aufsicht eines kleinen Burschen weiterlesen, und dann mußten sie aufhören und sich wieder auf ihre Plätze setzen und hübsch ruhig sein.

»Ich hab' jetzt auch 'nen Bock,« sagte sie. – »So?« – »Ja, aber so hübsch wie deiner ist er nicht.« – »Weshalb bist du denn nie mehr nach dem Berg gekommen?« – »Großvater ist bange, ich könnte hinunterfallen.« – »Ach, es ist ja gar nicht so hoch.« – »Ja, aber Großvater will's doch nicht.«

»Mutter kann so viele Lieder,« sagte er. – »O, Großvater kann ebenso viele, das darfst du glauben.« – »Ja, aber nicht solche wie Mutter.« – »Großvater kann sogar eins mit Tanzen, willst du das hören?« – »Ja gern!« – »Aber dann mußt du näher ranrücken, damit's der Schulmeister nicht merkt.« Er rückte näher, und nun sagte sie ein paar Verslein von einem Lied vier-, fünfmal auf, bis er's konnte, und das war das erste, was er in der Schule lernte.

»Tanz,« rief die Fiedel,
die Saiten sie johlen,
der Amtsbursch will holen
sein Mädel mit Macht. »
Kann's,« rief der Ola
und schmeißt auf's Bäuchlein
das nasweise Gäuchlein,
Die Mädchenschar lacht.

»Hopp,« sagt der Erik
und springt an den Giebel
mit wuchtigem Stiebel
und lautem Gekrach.
»Stopp,« sagt der Elling,
und nimmt ihn beim Wickel,
»Du elender Zwickel,
du bist mir zu schwach.«

»He,« sagt der Rasmus,
faßt Randi ums Leibchen,
»'nen Kuß her, mein Täubchen,
»ich laß dich nicht aus.«
»Nee,« sagt die Randi,
versetzt ihm 'ne Kopfnuß,
der lüsterne Tropf muß
sich schleichen nach Haus.

»Auf, Kinder!« rief der Schulmeister; »heut ist der erste Schultag, da will ich euch 'n bißchen früher laufen lassen, aber erst müssen wir noch beten und singen.« Da gab's aber Leben in der Bude, sie sprangen auf von den Bänken, liefen im Zimmer herum und schwatzten alle durcheinander. »Still, ihr Lumpengesindel, ihr Halunken, ihr wilde Bande, – still und hübsch leise auftreten, Kinderchen!« sagte der Schulmeister, und ruhig stellten sie sich auf, worauf der Schulmeister vor sie hintrat und ein kurzes Gebet sprach. Darauf sangen sie; der Schulmeister stimmte mit kräftigem Baß an, alle Kinder standen mit gefalteten Händen und sangen mit; Öyvind stand am weitesten weg neben Marit an der Tür; sie falteten ebenfalls die Hände, aber mitsingen konnten sie nicht. Das war der erste Schultag.

Drittes Kapitel

Öyvind wuchs heran und wurde ein prächtiger Junge. In der Schule war er stets unter den Ersten und daheim war er anstellig bei jeder Arbeit. Das kam daher, weil er daheim die Mutter lieb hatte und in der Schule den Schulmeister. Vom Vater sah er wenig, der war entweder auf Fischfang oder in der Mühle, in der die halbe Bygde mahlen ließ. Was in diesen Jahren am meisten auf sein Gemüt eingewirkt hatte, war die Geschichte des Schulmeisters, die ihm seine Mutter eines Abends, als sie am Herd saßen, erzählt hatte. Sie wob sich in seine Bücher hinein, legte sich in jedes Wort, das der Schulmeister sagte, und schlich auf leisen Sohlen in der Schule umher, wenn es still war. Sie gab ihm Gehorsam und Ehrfurcht und gleichsam ein leichteres Verständnis für alles, was gelehrt wurde. Die Geschichte war aber so:

Baard hieß der Schulmeister; er hatte noch einen Bruder, und der hieß Anders. Die beiden hatten einander herzlich lieb, ließen sich zusammen anwerben, lebten zusammen in der Stadt, machten zusammen den Krieg mit, in dem sie beide Korporale wurden, und dienten bei derselben Kompagnie. Als sie nach dem Kriege heimkehrten, sagten alle, es seien zwei famose Kerle. Da starb ihr Vater; er hinterließ viel loses Hab und Gut, das schwer zu teilen war, und deshalb besprachen sie, daß sie auch darüber nicht uneinig werden, sondern alles versteigern lassen wollten, so daß jeder zurückkaufen könnte, was er wünschte, und den Erlös wollten sie brüderlich teilen. Gesagt, getan! Aber der Vater hatte auch eine große goldene Uhr gehabt, die weit und breit berühmt war, denn es war die einzige goldene Uhr, die man je in dieser Gegend gesehen hatte; und als die nun ausgerufen wurde, wollten viele reiche Männer sie haben, bis endlich auch die beiden Brüder zu bieten begannen, da ließen die andern davon ab. Nun erwartete aber Baard von Anders, daß er ihm die Uhr überließe, und dasselbe erwartete Anders von Baard; sie boten jeder einmal, um einander auf die Probe zu stellen, und blickten sich dabei an. Als man bis auf zwanzig Taler gekommen war, fand Baard, es sei nicht hübsch von seinem Bruder, und bot drauf los, bis auf dreißig Taler; da Anders noch immer nicht nachgab, fand Baard, Anders könne wirklich daran denken, wie gut er immer gegen ihn gewesen wäre, und noch dazu war er der älteste, und so überbot er ihn. Anders machte immer noch mit. Da bot Baard auf einmal vierzig Taler und sah den Bruder nicht mehr an; im Auktionszimmer war es ganz still geworden, nur der Vogt wiederholte ruhig den Preis. Anders stand da und dachte, hätte Baard vierzig Taler zu geben, so könnte er's auch, und gönnte ihm Baard die Uhr nicht, so müßte er sie sich eben nehmen; er überbot ihn also. Dies schien Baard die größte Schmach, die ihm je zugefügt war; er bot fünfzig Taler, und zwar ganz leise. Viele Leute standen drum herum, und Anders dachte, so dürfte er sich nicht vor aller Leute Ohren von dem Bruder verhöhnen lassen, und überbot ihn. Da lachte Baard: »Hundert Taler und meine Bruderliebe in Kauf,« sagte er, drehte sich um und ging hinaus. Eine Weile drauf kam jemand zu ihm heraus, während er dabei war, das Pferd zu satteln, das er kurz vorher gekauft hatte. »Die Uhr ist dein,« sagte der Mann, »Anders hat nachgegeben.« Sowie Baard das hörte, durchfuhr es ihn wie Reue; er dachte an den Bruder und nicht an die Uhr. Der Sattel war aufgelegt, aber er stand, die Hand auf den Rücken des Pferdes gelegt, zögernd, ob er reiten sollte. Da strömte die Menge heraus, in ihrer Mitte auch Anders, und als er den Bruder neben dem gesattelten Pferde stehen sah, wußte er nicht, welche Gedanken Baard in diesem Augenblicke bewegten, und er schrie deshalb zu ihm hinüber: »Schönen Dank für die Uhr, Baard! Du sollst sie nicht gehen sehen an dem Tage, da dein Bruder wieder deinen Weg kreuzt!« – »Auch nicht an dem Tage, da ich wieder nach deinem Hause reite!« erwiderte Baard mit bleichem Gesicht und schwang sich aufs Pferd. Keiner von ihnen betrat je mehr das Haus, wo sie mit ihrem Vater zusammen gewohnt hatten.

Kurze Zeit darauf verheiratete sich Anders mit einer Häuslerstochter, lud aber Baard nicht zur Hochzeit ein; Baard war nicht mal in der Kirche. Im ersten Jahre seiner Ehe fand man die einzige Kuh, die er besaß, tot an der Nordseite des Hauses, wo sie geweidet hatte, und niemand konnte begreifen, wie das gekommen war. Andre Unannehmlichkeiten kamen hinzu, und es ging rückwärts mit ihm; am schlimmsten aber wurde es, als plötzlich mitten im Winter seine Scheune mit allem, was darin war, abbrannte; keiner wußte, wie das Feuer ausgebrochen war. »Das hat einer getan, der mir übel will,« sagte Anders, und in jener Nacht weinte er. Er wurde ein armer Mann und verlor die Lust zur Arbeit.

Da stand am nächsten Abend Baard plötzlich in seiner Hütte. Anders lag auf dem Bett, als jener eintrat und sprang auf. »Was willst du hier?« fragte er, und blieb stehen, während er den Bruder unverwandt anblickte. Baard zögerte einen Augenblick, ehe er antwortete: »Ich möchte dir meine Hilfe anbieten, Anders, es geht dir nicht gut.« – »Mir geht's, wie du mir's gewünscht hast, Baard! Geh, oder ich weiß nicht, ob ich mich länger beherrschen kann.« – »Du irrst dich. Anders; ich bereue ja – –« – »Geh, Baard, oder Gott gnade dir und mir!« Baard trat einige Schritte zurück; mit zitternder Stimme sagte er: »willst du die Uhr, so sollst du sie haben!« – »Weg!« schrie der andere, und da mochte Baard nicht länger bleiben, sondern ging.

Mit Baard hatte es sich aber so zugetragen. Sowie er gehört hatte, der Bruder litte Not, taute die Eiskruste um sein Herz auf, aber sein Stolz hielt ihn noch zurück. Es drängte ihn, in die Kirche zu gehen, und dort faßte er gute Vorsätze, aber er vermochte sie nicht auszuführen. Oft kam er so weit, daß er des Bruders Haus sehen konnte, aber immer kam entweder jemand zur Türe heraus, oder ein Fremder war bei ihm, ein andermal wieder stand Anders vor der Tür und hackte Holz, es kam also immer etwas dazwischen. Aber eines Sonntags im Winter war er wieder in der Kirche, und auch Anders war da. Baard sah ihn; er war blaß und mager geworden, er trug noch immer dieselben Kleider wie früher, da sie noch Freunde waren, aber jetzt waren sie alt und geflickt. Während der Predigt sah er zum Pfarrer hinauf, und es däuchte Baard, der Bruder sähe gut und milde aus, er dachte an die Kindheit, und was für ein guter Junge er gewesen war. Baard selbst ging an diesem Tage zum Abendmahle und gelobte Gott feierlich, sich mit seinem Bruder zu versöhnen, möge kommen, was da wolle. Dieser Vorsatz erfüllte seine Seele, während er aus dem Kelche trank, und als er sich erhob, wollte er gleich zu ihm gehen und sich neben ihn setzen; aber es saß jemand dazwischen, und der Bruder blickte nicht auf. Nach der Predigt war wieder etwas im Wege; es waren so viele Leute da, und seine Frau ging neben ihm, und die kannte er gar nicht. So hielt er es für das beste, zu ihm in sein Haus zu gehen und ernstlich mit ihm zu reden. Als der Abend kam, tat er das. Er ging gerade auf die Stubentür zu und lauschte; da hörte er seinen Namen nennen; die Frau sprach von ihm. »Heute ist er zum heiligen Abendmahl gegangen,« sagte sie, »da hat er gewiß an dich gedacht.« – »Ach was, der wird an mich gedacht haben,« versetzte Anders, »den kenne ich, er denkt nur an sich selbst.«

Dann war es lange still drinnen; Baard überlief es heiß, wie er dastand, obgleich der Abend kalt war. Die Frau kramte drinnen mit einem Kochtopf, auf dem Herde knisterte und prasselte es, bisweilen weinte ein kleines Kind, und Anders wiegte es in Schlaf. Da sagte die Frau: »Ich glaube, ihr denkt beide aneinander, und wollt es nur nicht eingestehen!« – »Laß uns bitte von was anderm reden!« erwiderte Anders. Nach einer Weile erhob er sich und kam auf die Tür zu. Baard mußte sich schnell im Holzverschlag verstecken; gerade dahin kam auch Anders, um einen Armvoll Holz zu holen. Baard stand in der Ecke und sah ihn deutlich; der Bruder hatte seinen schäbigen Sonntagsrock ausgezogen und hatte die Uniform an, die er aus dem Kriege mit heimgebracht hatte, ebenso wie Baard, beide hatten einander versprochen, sie nie zu tragen, sondern sie als Erbe zu hinterlassen. Anders' Uniform war jetzt geflickt und schäbig, sein wohlgestalteter Körper steckte wie in einem Bündel Lumpen, und gleichzeitig hörte Baard die goldene Uhr in seiner eigenen Tasche picken. Anders ging dorthin, wo das Reisigholz aufgeschichtet lag; anstatt sich jedoch sogleich zu bücken und eine Tracht aufzuraffen, blieb er stehen, lehnte sich mit dem Rücken gegen eine Holzschicht und schaute zum klaren Himmel empor, der mit funkelnden Sternen übersät war. Da seufzte er tief auf und sagte: »Hachja–ja–ja; – ach Gott, ach Gott!«

All sein Lebtag hat Baard später diesen Seufzer gehört. Er wollte jetzt vor ihn hintreten, aber in demselben Augenblicke räusperte sich der Bruder, und das schien ihm Pein zu machen; das war genug, um ihn wieder davon abzuhalten. Anders nahm nun sein Holzbündel und streifte so dicht an Baard vorüber, daß ihm die Zweige das Gesicht peitschten.

Wohl zehn Minuten blieb er noch regungslos auf demselben Flecke stehen, und wer weiß, wann er gegangen wäre, wenn ihn nicht infolge der heftigen Erregung ein solcher Schüttelfrost befallen hätte, daß er am ganzen Körper bebte. Da ging er hinaus; er gestand sich offen ein, daß er zu feige war, hineinzugehen, und deshalb hatte er sich einen andern Plan ausgedacht. In der Ecke, die er eben verlassen hatte, stand ein Kasten mit Asche; aus diesem nahm er ein paar Kohlen, suchte einen Tannenholzspan, ging in die Scheune, schloß hinter sich zu und schlug Feuer. Als der Span brannte, leuchtete er damit nach dem Nagel, an den Anders seine Laterne zu hängen pflegte, wenn er des Morgens ganz früh zum Dreschen in die Scheune kam. An diesen Nagel hängte er die goldene Uhr, löschte den Span aus und ging, und nun fühlte er sich so erleichtert, daß er wie ein junger Bursch über den Schnee heimrannte.

Tags darauf hörte er, daß die Scheune in derselben Nacht abgebrannt sei. vermutlich waren die Funken von dem Span, mit dem er geleuchtet hatte, als er die Uhr anhängte, ins Stroh gefallen.

Das erschütterte ihn so tief, daß er den Tag über wie ein Kranker dasaß, sein Gesangbuch hervorholte und sang, so daß die Leute im Hause glaubten, da müsse etwas nicht richtig sein. Aber am Abend ging er hinaus; es war heller Mondschein. Er ging nach dem Häuschen des Bruders, grub auf der Brandstätte im Schutt – und fand richtig ein zusammengeschmolzenes Klümpchen Gold, die Uhr.

Mit ihr in der Hand war er an jenem Abend zum Bruder gegangen, hatte um Frieden gebeten und alles aufklären wollen. Aber wie es ihm erging, haben wir schon erzählt.

Ein kleines Mädchen hatte ihn an der Brandstätte graben sehen; Burschen, die zum Tanze gingen, hatten ihn am vorhergehenden Sonntagabend nach dem Wächterhäuschen gehen sehen, seine eigenen Leute erzählten wieder, wie sonderbar er am Montag gewesen wäre, und da nun alle wußten, daß zwischen den Brüdern bittre Feindschaft bestand, wurde es gemeldet und ein Verhör aufgenommen.

Niemand konnte ihm etwas beweisen, aber der Verdacht blieb an ihm haften, und jetzt konnte er sich seinem Bruder schwerer denn je nähern.

Anders hatte, als die Scheune brannte, sofort an Baard gedacht, aber gegen niemand etwas geäußert. Als er ihn am nächsten Abend so blaß und seltsam in sein Zimmer treten sah, dachte er sogleich: aha, jetzt hat ihn Reue gepackt, aber für eine so entsetzliche Tat gegen den eigenen Bruder erhält er keine Vergebung. Später hörte er, daß ihn Leute an demselben Abend, wo das Feuer ausbrach, nach der Scheune hatten hinuntergehen sehen, und obgleich bei dem Verhör nichts herauskam, war er doch fest überzeugt, daß Baard der Täter wäre. Sie trafen sich beim Verhör, Baard in seinen guten Kleidern, Anders in seinen geflickten. Baard sah den Bruder an, als er hineinkam, und seine Augen baten, so daß es Anders tief zu Herzen ging. »Er bittet mich, nichts zu sagen,« dachte Anders, und als er gefragt wurde, ob er seinen Bruder die Tat zutraute, sagte er laut und bestimmt: »Nein!«

Doch von diesem Tage an ergab sich Anders dem Trunk und kam sehr bald ganz auf den Hund. Noch schlechter erging es jedoch Baard, obgleich er nicht trank. Er war nicht wieder zu erkennen.

Da kam eines Abends spät eine arme Frau zu Baard in die kleine Kammer, in der er zur Miete wohnte, und bat ihn, mit ihr zu gehen. Er erkannte sie, es war die Frau seines Bruders. Baard ahnte sofort, was sie zu ihm geführt hatte, wurde totenblaß, kleidete sich an und ging mit ihr, ohne ein Wort zu sprechen. Aus Anders' Fenster kam ein schwacher Lichtschein, blinkte und verschwand dann und wann, und diesem Lichtscheins gingen sie nach, denn durch den Schnee führte kein Weg nach der Hütte. Als Baard wieder im Flur stand, drang ihm ein eigentümlicher Geruch entgegen, so daß ihm ganz schlecht wurde. Sie traten ein. Ein kleines Kind hockte am Herde und aß Kohlen; das ganze Gesichtchen war schwarz, aber es sah auf und lachte mit weißen Zähnchen. Das war das Kind seines Bruders. Und dort im Bette, mit allerlei Lumpen zugedeckt, lag Anders, abgezehrt, mit hoher, verklärter Stirn und schaute den Bruder mit hohlen Augen an. Baard zitterten die Knie, er setzte sich ans Fußende des Bettes und brach in heftiges Weinen aus. Der Kranke sah ihn lange schweigend an. Endlich bat er die Frau, hinauszugehen, aber Baard winkte, sie solle nur dableiben, – und nun begannen die beiden Brüder, sich auszusprechen. Sie sprachen über alles von dem Tage an, wo sie auf die Uhr geboten hatten, bis zu ihrem heutigen Zusammentreffen. Baard zog zum Schluß den Goldklumpen, den er stets bei sich trug, hervor, und nun lag es den Brüdern klar vor Augen, daß sie sich in allen diesen Jahren nicht einen einzigen Tag glücklich gefühlt hatten.

Anders sagte nicht viel, denn dazu war er zu schwach; aber Baard blieb am Bette sitzen, so lange Anders krank war. »Jetzt bin ich wieder ganz gesund,« sagte Anders eines Morgens beim Erwachen, »jetzt wollen wir lange zusammen leben, alter Bruder, und wie in alten Tagen uns nie wieder trennen.« Aber noch an demselben Tage starb er.

Die Frau und das Kind nahm Baard zu sich, und von der Zeit an ging es ihnen gut. Aber was die Brüder am Bette miteinander gesprochen hatten, drang durch Wände und Nacht hindurch, verbreitete sich unter den Leuten, und Baard wurde der geachtetste Mann der Bygde. Alle grüßten ihn wie einen, der großes Leid getragen und dann wieder große Freude gefunden hatte, oder wie einen, der lange verreist gewesen wäre. Baards Seele erstarkte an dieser allgemeinen Freundlichkeit um ihn, er wurde gottesfürchtig, und da er sich nach Tätigkeit sehnte, machte sich der alte Korporal ans Schulmeistern, was er den Kindern als erstes und letztes einprägte, das war Liebe, und Liebe wollte er selbst haben, so daß die Kinder ihn wie einen Spielkameraden und zugleich wie einen Vater liebten.

Das war also die Geschichte vom alten Schulmeister, und die nahm in Öyvinds Herzen soviel Raum ein, daß sie ihm Religion und Erzieher wurde. Der Schulmeister erschien ihm fast wie ein überirdisches Wesen, obgleich er da so umgänglich saß und so gemütlich brummte. Auch nur die geringste Schularbeit für ihn versäumen war ihm unmöglich, und erwischte er ein Lächeln des Alten, wenn er seine Lektion hergesagt hatte, oder strich der ihm übers Haar, so war ihm den ganzen Tag lang froh und warm ums Herz.

Den tiefsten Eindruck machte es auf die Kinder immer, wenn ihnen der Schulmeister bisweilen vor dem Gesange eine kleine Rede hielt, oder wenn er jede Woche einmal oder auch öfter ein paar Verse vorlas, die von der Nächstenliebe handelten, wenn er die ersten dieser Verse las, bebte seine Stimme, obgleich er sie jetzt schon seit zwanzig oder dreißig Jahren gelesen hatte; sie lauteten:

Lieb deinen Nächsten, du Christenkind,
tritt nicht mit Eisenschuhn ihn blind,
lag er auch tief im Staube.

Alles was lebt, sich neu erschafft,
durch der Liebe gestaltende Kraft
wird nur erprobt ihr Glaube.

Aber wenn dann das ganze Gedicht hergesagt war und er eine Weile schweigend dagestanden hatte, dann sah er sie an und blinzelte mit den Augen. »Auf, kleines Koboldspack, geht heim und macht keinen Spektakel, – geht fein sittsam, damit ich nur Gutes von euch höre, ihr Würmchen!« Und während sie nun beim Zusammenpacken der Bücher und Eßkörbe einen fürchterlichen Spektakel machten, schrie er mitten durch den Wirrwarr hindurch: »Und morgen tretet ihr mir an, sobald es Tag wird, sonst mache ich euch Beine! – Kommt ja rechtzeitig, Mädelchen und Bübchen, dann wollen wir fleißig sein!«

Viertes Kapitel

Von Öyvinds weiterem Heranwachsen bis zur Konfirmation ist nicht viel zu berichten. Morgens lernte er, tagsüber machte er Schularbeiten, und abends spielte er.

Da er ein ungewöhnlich frohsinniges Gemüt hatte, dauerte es nicht lange, bis sich die Jugend aus der nächsten Nachbarschaft in den Freistunden am liebsten da einstellte, wo er war. Von seinem Hause führte ein Abhang bis zur Bucht hinunter, die, wie schon erwähnt, auf der einen Seite von der Bergwand und auf der anderen vom Walde begrenzt war, und hier wurde an jedem schönen Abend Und Sonntags Schlittenbahn gemacht. Öyvind war Meister im Schlittenfahren, er hatte zwei Kjaelken, den »Scharftraber« und das »Schabebiest«, letzteren verlieh er an größere Banden, ersteren lenkte er selbst, und dabei hatte er Marit auf dem Schoße.

Des Morgens, wenn er aufwachte, war sein erstes, nachzusehen, ob Tauwetter wäre, und sah er, daß es grau auf die Büsche jenseits der Bucht herunterhing, oder hörte er's vom Dach tropfen, dann ging es so langsam mit dem Anziehen, als ob mit dem Tage rein gar nichts anzufangen wäre. Aber erwachte er zu klirrendem Frost und klarem Wetter, und war es noch obendrein Sonntag: die besten Kleider und keine Schularbeiten, nur überhören und Kirchgang am Vormittag, und der ganze Nachmittag und Abend frei – juchhe, da war das Büblein mit einem Wuppdich aus dem Bette, zog sich an, als ob Großfeuer wäre, und konnte kaum essen. Sobald es Nachmittag war und der erste Junge auf seinen Ski am Wegrand entlang kam, den Stab über dem Kopf schwang und jodelte, daß es von den Berghalden rings um den Fjord widerhallte, und dann einer auf der Kjaelke den Weg heruntergesaust kam, und dann noch einer, und noch einer, dann stürmte Öyvind mit dem »Scharftraber« auf und davon, lief den ganzen Hügel hinauf und machte unter den zuletzt Angekommenen halt mit einem langen, schmetternden Jodeln, das die ganze Bucht entlang von einem Berge zum andern lachte und erst in weiter Ferne langsam dahinstarb.

Er schaute sich dann meist nach Marit um; war sie aber erst mal da, bekümmerte er sich weiter nicht um sie.

Aber so kam ein Weihnachten, wo die Jungens und Mädels ungefähr in ihrem siebzehnten Jahre standen und im nächsten Frühling konfirmiert werden sollten. Am vierten Weihnachtstage war ein großes Tanzfest auf dem oberen Heidehofe bei Marits Großeltern, bei denen sie aufgewachsen war; diese hatten ihr das Fest schon seit drei Jahren versprochen, und jetzt endlich mußten sie damit herausrücken. Hierzu wurde auch Öyvind eingeladen.

Es war ein etwas bedeckter, milder Abend, kein Stern war sichtbar, morgen schien es regnen zu wollen. Ein etwas schläfriger Wind fuhr über den Schnee, der hier und da auf der weißen Heidefläche weggeweht war, während er sich an anderen Stellen zu Schneewehen aufgetürmt hatte. Der ganze Weg war, wo nicht gerade Schnee lag, mit holprigem Eis bedeckt, und dies schimmerte bläulichschwarz zwischen dem Schnee und dem nackten Felde und blinkte stückweise, soweit man sehen konnte. An den Berghängen herunter waren Lawinen gegangen; es war dunkel und leer in ihrem Bett, aber die beiden Ränder leuchteten hell und schneebedeckt, nur nicht da, wo sich der Birkenwald zusammendrängte und es schwarz machte. Wasser war nicht zu sehen, nur halbnackte Sandflächen und Sümpfe, schwer und zerrissen, lagen am Fuße der Bergwände. Die Gebäude des Heidehofes lagen in dichten Gruppen mitten auf der Fläche; in der Dunkelheit des Winterabends sahen sie wie schwarze Klumpen aus, aus denen, bald aus dem einen, bald aus dem andern Fenster, greller Lichtschein über die Felder blendete; man sah den Lichtern an, daß es drinnen geschäftig herging. Die Jugend, die erwachsene wie die halberwachsene, scharte sich von verschiedenen Seiten zusammen. Die wenigsten gingen den Weg entlang, alle aber verließen ihn, sobald sie sich dem Gehöft näherten, und schlichen sich dann hervor, einer hinter dem Stall, andre unter dem Stabbur, andre jagten um die Scheune herum und schrien wie Füchse, andere antworteten in weiter Ferne wie Katzen, einer stand hinter dem Backofen und bellte wie ein alter, bissiger Hund, der Stimmbruch hat, bis allgemein Jagd auf ihn gemacht wurde. Die Mädchen kamen in großen Schwärmen gezogen; sie hatten ein paar Knaben, am liebsten halbwüchsige, bei sich, die sich, um recht erwachsen zu tun, unterwegs um sie her balgten. Wenn ein solcher Mädchenschwarm auf dem Hof anlangte und einer oder der andere der erwachsenen Burschen seiner ansichtig wurde, stoben sie schleunigst auseinander, flüchteten sich in den Hausflur oder in den Garten und mußten eins nach dem andern hervor- und ins Zimmer hineingezerrt werden. Manche waren so schüchtern, daß man erst Marit herbeiholen mußte, und die nötigte sie dann aus Leibeskräften herein. Dann und wann erschien auch eine, die eigentlich gar nicht eingeladen war und auch beileibe nicht hinein wollte, nur ein bißchen zugucken, bis es sich dann so machte, daß sie sich wenigstens zu einem einzigen Tanze überreden ließ. Wen Marit gut leiden konnte, bat sie zu den beiden Alten hinein, in eine kleine Stube, wo der Großvater saß und rauchte, während Großmutter geschäftig hin und her ging; da wurden sie dann bewirtet und freundlich zum Zugreifen genötigt. Öyvind aber war nicht unter diesen, und das befremdete ihn.

Der beste Spielmann der Bygde konnte erst später kommen, so daß sie sich bis dahin mit dem alten, einem armen Häusler, den sie den Grauknut nannten, behelfen mußten. Er konnte nur vier Tänze, nämlich zwei Springer, einen Halling und einen alten Walzer, den sogenannten Napoleonswalzer; allein im Laufe der Zeit hatte er den Halling durch Veränderung des Rhythmus zu einem Schottisch umwandeln müssen, und der eine der Springtänze mußte sich in gleicher Weise zur Polka Mazurka umkneten lassen. Er spielte nun auf, und der Tanz begann. Öyvind wagte sich nicht gleich unter die Tänzer, denn es waren doch gar zu viele Erwachsene da; aber die Halbwüchsigen taten sich bald zusammen, pufften sich gegenseitig vor, tranken starkes Bier zur Ermutigung, und nun tat Öyvind auch mit. Heiß wurde es in der Stube, der Jubel und das Bier stieg ihnen zu Kopfe. Marit tanzte an diesem Abend am meisten, wahrscheinlich weil ihre Großeltern das Fest gaben, und deshalb sah sich auch Öyvind oft nach ihr um; aber immer tanzte sie mit einem andern. Er wollte gern auch mal mit ihr tanzen; deshalb saß er einen ganzen Tanz über, um, sowie der zu Ende war, zu ihr hinüberlaufen zu können; und das tat er, aber ein großer, dunkelhäutiger Mann mit dichtem Haar kam ihm zuvor. »Weg, Bengel!« rief er und gab Öyvind einen Puff, daß er fast rücklings über Marit gefallen wäre. So was war ihm noch nie passiert, nie war jemand anders als freundlich zu ihm gewesen, nie hatte man ihn »Bengel« genannt, wenn er mittun wollte. Er wurde feuerrot, sagte aber nichts, sondern zog sich zurück, dahin, wo eben der neue Spielmann angekommen war und seine Geige stimmte. Unter den Gästen war es still geworden; man war gespannt auf die ersten kräftigen Töne von »dem Rechten«. Er stimmte und stimmte immer wieder; es dauerte lange, aber endlich legte er los mit einem Springtanz, die Burschen jubelten und schossen Kobolz, und Paar auf Paar schwenkte in den Kreis hinein. Öyvind sah zu Marit hinüber, wie sie mit dem braunhaarigen Mann dahintanzte; sie lachte über seine Schulter hinweg, so daß sich ihre weißen Zähne zeigten, und zum ersten Male in seinem Leben fühlte Öyvind einen eigentümlich stechenden Schmerz in seiner Brust.

Immer länger und länger sah er sie an, und je mehr er sie so betrachtete, desto mehr kam es ihm vor, als wäre Marit schon vollkommen erwachsen; das kann doch nicht sein, dachte er, sie ist doch immer noch mit beim Kjaelkefahren! Erwachsen war sie aber doch, und der braunhaarige Mann zog sie nach beendetem Tanze auf seinen Schoß; sie riß sich los, blieb aber doch neben ihm sitzen.

Öyvind sah sich den Mann an; er hatte einen feinen, blauen Tuchanzug an, ein blaugewürfeltes Hemd und ein seidenes Halstuch, ein kleines Gesicht hatte er, blaue, feurige Augen, einen lächelnden trotzigen Mund, er war hübsch. Öyvind sah mehr und mehr, sah endlich auch sich selbst an. Er hatte zu Weihnachten neue Hosen bekommen, die ihm so gut gefallen hatten, aber jetzt sah er, daß sie nur aus grauem Fries waren. Sein Wams war vom gleichen Stoffe, aber alt und schäbig, seine Weste von gewürfelter Halbwolle, ebenfalls alt und mit zwei blanken Knöpfen und einem schwarzen. Er sah sich um, und es kam ihm vor, als wären nur wenige so ärmlich gekleidet wie er. Marit hatte ein schwarzes Kleid von feinem Stoff, eine silberne Brosche im Halstuche und ein zusammengelegtes seidenes Taschentuch in der Hand. Auf dem Hinterkopfe hatte sie ein kleines schwarzseidenes Häubchen, das mit breiten, gestreiften Atlasbändern unter dem Kinn zusammengebunden war. Sie war rosig und weiß und lachte, und der Mann plauderte mit ihr und lachte auch. Die Geige erklang von neuem, und der Tanz ging wieder an. Ein Kamerad kam und setzte sich neben Öyvind. »Warum tanzt du denn nicht, Öyvind?« fragte er freundlich. – »Ach nein,« entgegnete Öyvind, »ich sehe nicht danach aus.« – »Siehst nicht danach aus?« fragte der Kamerad; aber ehe er noch etwas hinzufügen konnte, fragte Öyvind: »Der mit dem blauen Tuchanzug, der mit Marit tanzt, wer ist das?« – »Das ist doch der Jon Hatlen, der so lange auf der Ackerbauschule gewesen ist und jetzt den Hof übernehmen soll.« – In diesem Augenblick setzten Marit und Jon sich, »was ist das für ein Junge mit dem blonden Haar da drüben neben dem Spielmann, der mich immerzu anglotzt?« fragte Jon. Da lachte Marit und sagte: »Das ist der Häuslerjunge von Pladsen.«

Öyvind hatte ja immer gewußt, daß er nur ein Häuslerjunge war, aber früher war es ihm nie so zum Bewußtsein gekommen wie jetzt. Er fühlte sich mit einem Male so klein an Gestalt, kleiner als alle anderen; um sich aufrecht zu erhalten, versuchte er an alles zu denken, was ihn bisher so froh und stolz gemacht hatte, von der Schlittenbahn an bis zu jedem einzelnen Worte. Als er aber dabei auch an Mutter und Vater dachte, die jetzt zu Hause saßen und dachten, er sei glücklich, war es ihm beinahe nicht möglich, die Tränen zurückzuhalten. Rings um ihn her lachte und scherzte alles, die Geige gellte ihm direkt in die Ohren, einen Augenblick lang stieg gleichsam etwas Schwarzes in ihm auf, aber da fiel ihm die Schule mit allen Kameraden und der Schulmeister ein, der ihm auf die Backe klopfte; und der Herr Pfarrer, der ihm bei der letzten Prüfung ein Buch geschenkt und dabei gesagt hatte, er wäre ein braver Junge; der Vater hatte es selbst mit angehört und zu ihm hinübergelächelt. »Na, sei man lieb, mein Jungchen,« glaubte er den Schulmeister sagen zu hören, indem er ihn auf den Schoß nahm wie in der Kinderzeit. »Lieber Gott, das hat alles so wenig zu sagen, und im Grunde sind alle Menschen gut; es sieht nur so aus, als wären sie es nicht. Aus uns Zweien soll schon was Ordentliches werden, Öyvind, ebensoviel wie aus Jon Hatlen; werden schon noch seine Kleider kriegen und mit der Marit tanzen, eine große, helle Stube, hunderte von Leuten, und wir lächeln und plaudern; Brautpaar, Pfarrer, ich im Chore lache dir zu, Mutter zu Hause und einen großen Hof, zwanzig Kühe, drei Pferde und Marit, gut und lieb wie in der Schule – –«

Der Tanz hörte auf. Öyvind sah Marit vor sich auf der Bank und Jons Gesicht dicht neben dem ihren. Da war wieder der heftige stechende Schmerz in der Brust, und es war, als sagte er zu sich selbst: »Ach richtig, mir geht's ja so schlecht.«

In demselben Augenblick stand Marit auf und kam gerade auf ihn los. Sie neigte sich zu ihm hinab: »Du mußt mich nicht immerzu so anstarren,« sagte sie; »du kannst dir doch denken, daß die Leute das merken; hol dir doch lieber ein Mädchen und tanz.«

Er antwortete nicht, sah sie nur an, und – er konnte nichts dafür, aber seine Augen füllten sich. Sie wollte sich eben von ihm abwenden, als sie das bemerkte und einen Augenblick stockte; sie wurde plötzlich dunkelrot, wandte sich ab und ging an ihren Platz, aber da machte sie plötzlich Kehrt und setzte sich wo anders hin. Jon ging gleich hinterher.

Öyvind stand von der Bank auf, ging durch die Menschenmenge auf den Hof hinaus, setzte sich in eine der Außengalerien, und wußte nicht, was er eigentlich da wollte, stand auf, setzte sich aber wieder, denn er konnte ja ebensogut hier wie anderswo sitzen. Nach Hause zu gehen hatte er auch keine Lust, und wieder hineinzugehen ebensowenig, es war ihm alles einerlei. Er war unfähig, sich etwas von dem Vorgefallenen klar vorzustellen; er wollte gar nicht daran denken; auch vorwärts denken wollte er nicht, denn da war nichts, wonach er sich hätte sehnen können.

»Aber was fällt mir denn eigentlich ein?« fragte er sich halblaut, und als er seine eigene Stimme gehört hatte, dachte er: »Reden kannst du also noch; kannst du denn nach lachen?« Und er machte einen Versuch; ei ja, lachen konnte er nach, und er lachte laut, noch lauter, und da kam es ihm plötzlich so urkomisch vor, daß er da mutterseelenallein saß und lachte, und darüber lachte er noch mehr. Aber sein Kamerad Hans, der neben ihm gesessen hatte, kam zu ihm hinaus. »Nanu, um Gottes willen, was lachst du denn nur ?« fragte er und blieb vor ihm stehen. Da horte Öyvind auf.

Hans blieb stehen, als warte er, was nun geschehen würde. Öyvind stand auf, sah sich vorsichtig um und sagte dann leise: »Jetzt will ich dir sagen, Hans, weshalb ich früher immer so froh war: weil ich bisher niemand so recht lieb gehabt habe; aber von dem Tage an, wo man jemanden lieb hat, kann man nicht mehr froh sein, und bei diesen Worten brach er in Tränen aus.

»Öyvind!« flüsterte es draußen auf dem Hofe, »Öyvind!« Er hielt inne und lauschte. »Öyvind!« klang es noch einmal etwas lauter. Das konnte nur sie sein, die eine, an die er dachte. »Ja?« antwortete er, ebenfalls flüsternd, trocknete schnell die Tränen und kam hervor. Nun kam über den Hof eine Mädchengestalt. – »Bist du's?« fragte sie. – »Ja,« erwiderte er und blieb stehen. – »Wer ist denn noch da?« – »Hans.« – Hans wollte gehen; »nein, bleib doch,« bat Öyvind. Sie kam nun ganz langsam dicht an die beiden heran; es war Marit. »Du bist ja ganz plötzlich verschwunden,« sagte sie zu Öyvind. Er wußte nicht, was er darauf antworten sollte. Dadurch wurde auch sie verlegen; alle drei verstummten, Hans schlich sich indessen leise und unbemerkt fort. Die beiden blieben zurück, sahen einander nicht an und regten sich auch nicht. Da sagte sie flüsternd: »Ich hab' schon den ganzen Abend ein ›Gutserle‹ von Weihnachten her für dich in der Tasche gehabt, Öyvind, aber ich bin nicht dazu gekommen, dir's zu geben.« Dabei holte sie ein paar Äpfel, ein Stück Kuchen und ein Fläschchen aus der Tasche, steckte es ihm zu und sagte, er möchte es behalten.

Öyvind nahm es an. »Danke,« sagte er und reichte ihr die Hand. Ihre war warm; er ließ sie rasch los, als hätte er sich verbrannt. – »Du hast heute abend viel getanzt.« – »Ja, das hab' ich,« versetzte sie; »aber du nicht,« fügte sie hinzu. – »Nein, ich nicht,« entgegnete er. – »Warum denn nicht?« – »Ach – –«

»Öyvind!« – »Ja?« – »Weshalb hast du mich nur immerzu angeguckt?« – »Ach – –«

»Marit!« – »Ja?« – »Weshalb mochtest du nicht, daß ich dich anguckte?« – »Es waren doch so viele Leute da.«

»Du hast ja so viel mit Jon Hatlen getanzt.« – »O ja.« – »Der tanzt gut, nicht?« – »Findest du?« – »Findest du nicht?« – »O – doch.«

»Ich weiß nicht, wie es kommt, aber heute abend ist es mir ganz gräßlich, daß du mit dem tanzt, Marit;« – er wandte sich ab, es war ihm schwer genug gefallen, das zu sagen. – »Ich begreif' dich nicht, Öyvind.« – »Ich begreif' es selber nicht; es ist die reine Dummheit von mir. Leb wohl, Marit, ich will jetzt heim,« Er ging einen Schritt, ohne sich umzublicken. Da rief sie ihm nach: »Das ist ja ganz falsch, was du gesehen hast, Öyvind.« – Er blieb stehen. »Daß du ein erwachsenes Mädchen bist, ist doch nicht falsch.« – Er sagte nicht das, was sie erwartet hatte, deshalb schwieg sie; aber mit einem Male sah sie eine brennende Pfeife gerade vor sich; es war ihr Großvater, der eben um die Ecke bog und vorüberkam. Er blieb stehen. »Bist du's, Marit?« – »Ja.« – »Mit wem red'st du denn?« – »Mit Öyvind.« – »Mit – wem, sagst du?« – »Mit Öyvind Pladsen.« – »Ach so, mit dem Häuslerjungen; gleich kommst du mit mir hinein!«

Fünftes Kapitel

Als Öyvind am andern Morgen die Augen aufschlug, erwachte er aus einem langen, erquickenden Schlafe und glücklichen Träumen. Marit hatte oben auf dem Berge gelegen und ihn mit Laub geworfen; er hatte es aufgefangen und ihr wieder zugeworfen; in tausend Farben und Figuren war es auf und nieder geflogen. Die Sonne schien, und der ganze Berg leuchtete vom Gipfel bis zum Fuße. Als er erwachte, schaute er sich um, um alles wieder zu finden; da entsann er sich des gestrigen Abends, und gleich war wieder das Stechende, Wehe in der Brust da. Das werde ich wohl nie mehr loswerden, dachte er und fühlte eine Schlaffheit, als entglitte ihn die ganze Zukunft.

»Na, das nennt man aber einen Langschläfer,« sagte die Mutter, die am Bette saß und spann. »Jetzt auf, mein Junge, und iß; Vater ist schon lange im Walde und haut Holz.« – Diese Stimme schien ihm wieder zu helfen; er stand etwas mutiger auf. Die Mutter entsann sich noch recht gut ihrer eignen Tanzzeit, denn sie saß am Spinnrad und trällerte Tanzmelodien, während er sich anzog und aß; deshalb mußte er vom Tische aufstehen und ans Fenster treten; wieder befiel ihn diese Schwere und Unlust; er mußte sich zusammennehmen und an die Arbeit denken. Das Wetter hatte umgeschlagen, die Luft war etwas kälter geworden, so daß statt des Regens, der gestern drohte, heute ein nasser Schnee fiel. Er zog Schneeschuhe an, stülpte seine Pelzmütze über, suchte seine Seemannsjacke und die Fausthandschuhe hervor, sagte adieu und ging mit der Axt über der Schulter los.

Langsam fiel der Schnee in großen, nassen Flocken; mühsam stieg Öyvind den Schlittenberg hinan, um nach links in den Wald hineinzubiegen; nie, weder Winter noch Sommer, war er sonst diesen Weg hinaufgegangen, ohne an etwas zu denken, was ihn froh stimmte oder wonach er sich sehnte. Heut war ihm der Weg tot und schwer, er rutschte in dem glitschrigen Schnee aus, seine Knie waren steif, entweder von dem gestrigen Tage oder von der Unlust; jetzt fühlte er auch, daß es mit dem Schlittenfahren für dieses Jahr, und damit für immer, vorbei war. Er sehnte sich nach etwas anderm, als er zwischen den Baumstämmen, wo der Schnee so lautlos fiel, dahinschritt; ein aufgeschrecktes Schneehuhn schrie und flatterte eine kurze Strecke weiter, sonst stand alles da, als warte es auf ein Wort, das nie gesprochen wurde. Was das aber sein mochte, wonach ihn verlangte, war ihm nicht ganz klar, nur nicht nach Hause und auch nicht in die Ferne, auch nicht zur Fröhlichkeit und auch nicht zur Arbeit; es war etwas Hohes, Auffliegendes wie ein Lied. Allmählich nahm es die Gestalt eines bestimmten Wunsches an, und der war, zum Frühling eingesegnet und dabei Nummer Eins zu werden. Das Herz klopfte ihm, wie er daran dachte, und ehe er noch die Axtschläge des Vaters in den zitternden Stämmen hören konnte, versetzte dieser Wunsch sein Inneres in stärkere Erregung als irgend etwas in seinem bisherigen Leben.

Der Vater redete wie gewöhnlich nicht viel; sie hackten beide Holz und setzten es in Stapel auf. Ab und zu stießen sie dabei zusammen, und bei einem solchen Zusammentreffen ließ Öyvind schwermütig die Worte fallen: »Ein Häusler muß sich doch arg placken.« – »Wie alle anderen,« versetzte der Vater, spuckte in die Hand und griff nach der Axt. Als der Baum gefällt war und der Vater den umgewälzten Stamm wegschleppte, sagte Öyvind: »Wärst du Hofbauer, brauchtest du dich nicht so abzuschleppen.« – »Ei nun,« erwiderte er und packte fest mit beiden Händen zu, »dann würden mich halt andere Dinge bedrücken.« – Die Mutter kam mit dem Mittagsbrot hinauf in den Wald; sie setzten sich. Die Mutter war lustig, sie saß da und trällerte und schlug die Füße im Takt aneinander. »Du, Öyvind, was willst du denn anfangen, wenn du groß bist?« fragte sie plötzlich. – Für 'nen Häuslerbuben ist nicht viel zu machen,« erwiderte er. – »Der Schulmeister meint, du müßtest aufs Seminar,« sagte sie. – »Kann man da umsonst hin?« fragte Öyvind. – »Die Schulkasse bezahlt's,« sagte der Vater und aß. – »Hast du Lust dazu?« fragte die Mutter. – »Lust, was zu lernen, hab' ich schon, aber Schulmeister will ich nicht werden.« – Eine Weile schwiegen sie alle drei; sie trällerte wieder und blickte vor sich hin. Aber Öyvind ging und setzte sich abseits.

»Wir brauchten ja nicht gerade aus der Schulkasse zu leihen,« sagte sie, als der Junge gegangen war. Der Mann sah sie an: »Arme Schlucker wie wir?« – »Ich mag gar nicht, daß du dich immer für arm ausgibst, wenn du's doch nicht bist.« – Beide lugten verstohlen nach dem Jungen hin, ob er sie auch nicht hören könnte. Darauf sagte der Vater barsch zu seiner Frau: »Du schnackst, wie du Grips dazu hast.« Sie lachte; »das ist, als wären wir dem lieben Gott nicht dankbar, daß es uns wohl ergangen ist,« sagte sie und wurde ernst. – »Kann man ihm vielleicht nicht danken ohne silberne Knöpfe,« meinte der Vater. – »Ja, aber den Jungen so schäbig wie gestern zum Tanze gehen lassen, darin liegt auch kein Dank.« – »Öyvind ist ein Häuslerbub'.« – »Deshalb können wir ihn doch anständig anziehen, wenn wir die Mittel dazu haben.« – »Schrei doch recht, damit er's hört.« – »Er kann's nicht hören, übrigens hätte ich nicht übel Lust dazu,« versetzte sie und blickte tapfer ihren Mann an, der ein mürrisches Gesicht machte und den Löffel fortlegte, um seine Pfeife zu nehmen. »Solch elenden Platz, wie wir haben,« sagte er. – »Da muß ich dich doch auslachen, daß du immer nur vom Platz redest; weshalb red'st du denn nie von der Mühle?« – »Ach du mit deiner ewigen Mühle! Du scheinst sie nicht gern klappern zu hören.« – »Und ob! Gott sei Lob und Dank; ich wollt', sie klapperte Tag und Nacht.« – »Jetzt steht sie schon seit vor Weihnachten.« – »In den Weihnachtstagen mahlen die Leute doch nicht.« – »Sie mahlen, wenn Wasser da ist; aber seit sie da bei Nyström die neue Mühle gekriegt haben, geht's mit unsrer jämmerlich.«

»Der Schulmeister sagte heut ganz was anderes.« – »Ich muß wohl unser Geld lieber von 'nem weniger schwatzhaften Kerl verwalten lassen, scheint mir.« – »Freilich, er soll am Ende nicht mal mit deiner eigenen Frau darüber sprechen.« – Darauf erwiderte Tore nichts, er hatte jetzt die Pfeife in Zug gekriegt und lehnte sich gegen ein Reisigbündel; seine Augen wichen dem Blick seiner Frau und später dem seines Sohnes aus und blieben endlich an einem alten Krähennest, das halb zerfetzt an einem Fichtenast hing.

Öyvind saß einsam, und die Zukunft lag vor ihm wie eine lange, blanke Eisfläche, über die er zum ersten Male von einem Ufer zum andern hinüberglitt. Daß ihn Armut nach allen Richtungen hin einengte, fühlte er, deshalb gingen auch alle seine Gedanken darauf aus, sie zu überholen. Von Marit hatte sie ihn freilich für immer getrennt; die betrachtete er schon als halb versprochen mit Jon Hatlen, aber desto entschlossener war er, mit ihm und ihr sein Leben lang wettzulaufen. Sich nicht wieder wie gestern beiseite puffen zu lassen, sich fürs erste fernzuhalten, bis er etwas wäre, und dann mit dem Beistand des Allmächtigen etwas zu werden, darauf ging all sein Sinnen, und nicht der Schatten eines Zweifels fiel in seine Seele, daß es ihm gelingen würde. Er hatte ein dunkeles Gefühl, daß es durch eifriges Lernen am besten gehen müßte; zu welchem Ziele es ihm den Weg bahnen sollte, darüber mußte er später nachdenken.

Gegen Abend war wieder prächtiges Schlittenwetter, die Kinder kamen nach dem Hügel, aber Öyvind kam nicht. Er saß am Herde und lernte und hatte keine Minute zu verlieren. Die Kinder warteten lange, endlich wurde eins und das andere ungeduldig, kam herauf, drückte das Gesicht an die Fensterscheibe und rief hinein; aber er tat, als hörte er nicht. Mehrere kamen, und Abend nach Abend; in höchster Verwunderung liefen sie draußen auf dem Hofe auf und ab, aber er drehte ihnen den Rücken zu und las, indem er sich getreulich bemühte, den Sinn aufzufassen. Später hörte er, Marit käme auch nicht mehr. Er lernte mit einem Fleiße, von dem selbst der Vater sagen mußte, er gehe zu weit. Er wurde ernst, sein Gesicht, das früher so rund und weich gewesen war, wurde magerer, schärfer, die Augen härter; er sang selten und spielte nie, es war, als reichte die Zeit nicht dazu. Wenn ihn die Versuchung beschlich, dann war es, als ob ihm jemand zuraunte: »Später! Später!« und immer »Später!«

Die Kinder rannten, lärmten und lachten noch eine Zeitlang wie früher, aber da sie ihn weder durch ihre jubelnd sausende Lustigkeit, noch durch ihr Rufen mit dem Gesicht an der Fensterscheibe herauslocken konnten, blieben sie nach und nach fort, suchten sich andere Spielplätze, und bald stand der Berg leer.

Aber der Schulmeister merkte bald, daß es nicht mehr der alte Oyvind war, der nur lernte, weil es so sein mußte, und spielte, weil es notwendig war. Er sprach oft mit ihm, forschte und lockte, allein es wollte ihm nicht gelingen, das Herz des Knaben zu finden, wie in alten Tagen. Er sprach auch mit den Eitern, und in Übereinstimmung mit ihnen sagte er an einem Sonntagabend im Winter, nachdem er eine Weile bei ihnen gesessen hatte: »Komm, Oyvind, wir gehen ein bißchen aus, ich möchte mit dir reden.« – Oyvind zog sich an und folgte ihm. Sie gingen in der Richtung nach den Heidehöfen hinauf, und das Gespräch ging lebhaft, handelte aber von nichts Wichtigem. Als sie in die Nähe der Gehöfte gekommen waren, bog der Schulmeister ab nach dem Hofe, der in der Mitte lag, und als sie näher herankamen, tönte ihnen munteres Geschrei und Lustigkeit entgegen, »Was ist denn hier los?« fragte Oyvind. – »Hier wird heut getanzt,« erwiderte der Schulmeister; »wollen wir nicht hineingehen?« – »Nein.« – »Aber Junge, du sagst nein, wo es tanzen heißt?« – »Ich mag noch nicht.« – »Noch nicht? Wann sonst?« – Oyvind antwortete nicht. – »Was meinst du mit diesem: noch?« – Da der Junge nichts erwiderte, sagte der Schulmeister: »Komm, mach keinen Schnickschnack!« – »Nein, ich gehe nicht mit!« Er sprach sehr bestimmt und schien erregt. – »Daß dich dein eigener Lehrer bitten muß, zum Tanze zu gehen!« – Ein langes Schweigen trat ein. »Ist jemand da drinnen, vor dem du bange bist?« – »Wie kann ich denn wissen, wer da ist.« – »Könnte jemand da sein?« – Oyvind schwieg. Da trat der Schulmeister gerade vor ihn hin, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: »Fürchtest du dich etwa, die Marit zu sehen?« Oyvind schlug die Augen nieder; sein Atem ging schwer und kurz. »Mir kannst du's doch sagen, Oyvind.« – Oyvind schwieg. – »Du genierst dich vielleicht, es einzugestehen, weil du ja noch nicht mal konfirmiert bist; aber sag's mir trotzdem, mein Junge, es soll dich nicht gereuen.« – Oyvind blickte auf, vermochte aber kein Wort hervorzubringen, und das Auge glitt wieder zur Seite. – »Du bist auch in der letzten Zeit gar nicht mehr recht fröhlich gewesen; macht sie sich etwa mehr aus andern, als aus dir?« Öyvind schwieg noch immer. Der Schulmeister fühlte sich ein wenig verletzt und wandte sich von ihm ab; darauf gingen sie zurück.

Als sie eine lange Strecke gegangen waren, wartete der Schulmeister, bis ihm Öyvind dicht zur Seite war. »Du sehnst dich wohl danach, konfirmiert zu werden?« sagte er. – »Ja!« – »Was willst du denn nachher anfangen?« – »Ich möchte gern aufs Seminar.« – »Und Schulmeister werden?« – »Nein.« – »Das ist dir wohl nicht fein genug, was?« – Öyvind schwieg. Sie gingen wieder ein ganzes Stück. – »Und wenn du mit dem Seminar fertig bist, was willst du dann?« – »Das habe ich mir noch nicht so recht überlegt.« – »Wenn du Geld hättest, möchtest du dir wohl am liebsten einen Hof kaufen?« – »Ja, aber die Mühle möchte ich behalten.« – »Dann wäre es am besten, du gingst auf die Ackerbauschule.« – »Lernt man da ebensoviel wie auf dem Seminar?« – »Kaum, aber die Schüler lernen eben das, was sie im späteren Leben brauchen.« – »Kriegt man da auch Nummern?« – »Weshalb willst du das wissen?« – »Ich möchte gern recht tüchtig werden.« – »Das kannst du doch auch ohne Nummern.« – Wieder gingen sie schweigend weiter, bis sie Pladsen erblickten; aus der Stube drang greller Lichtschein, der Berg hing schwer vornüber im Winterabend, drunten lag der Fjord mit blankem, schimmerndem Eis, der Wald lag um die stille Bucht herum, ganz ohne Schnee, der Mond segelte darüberhin und spiegelte den Wald im Eise ab. »'s ist schön hier auf Pladsen,« sagte der Schulmeister. Öyvind konnte bisweilen die Gegend noch mit denselben Augen betrachten wie damals, als ihm die Mutter Märchen erzählt hatte, oder in der Stimmung, in der er war, wenn er den Hügel hinaufrannte; das tat er jetzt: alles lag klar und erhaben da. – »Ja, 's ist schön!« sagte er, aber er seufzte dabei. – »Dein Vater hat sich mit dem Platz hier begnügt, das könntest du am Ende auch.« – Das heitere Gesicht der Gegend war mit einem Male fort. Der Schulmeister blieb stehen, als ob er eine Antwort erwarte; als er keine bekam, schüttelte er den Kopf und ging mit hinein. Er blieb noch eine Weile da, war aber mehr schweigsam als beredt, weshalb auch die anderen still wurden. Als er adieu sagte, begleiteten ihn Mann und Frau bis vor die Tür. Es war, als warteten sie beide darauf, daß er etwas sagte. Sie blieben indessen stehen und blickten zum Abendhimmel empor. »Bei uns ist's jetzt gar still geworden,« sagte endlich die Mutter, »seit die Kinder hier nicht mehr spielen.« – »Ihr habt auch kein Kind mehr im Hause,« entgegnete der Schulmeister. Die Mutter verstand, was er meinte. »Öyvind ist in der letzten Zeit gar nicht mehr recht froh gewesen,« sagte sie. – »O nein, wer ehrgeizig ist, der ist nie froh.« Er blickte mit der Ruhe des Greises zu Gottes stillem Himmel hinauf.

Sechstes Kapitel

Ein halbes Jahr später, im Herbste (die Einsegnung war nämlich verschoben worden), saßen die Konfirmanden der Hauptgemeinde in der Leutestube des Pfarrhauses, um ihre Nummern zu bekommen; unter ihnen auch Öyvind Pladsen und Marit Haidehöfen. Marit war eben vom Herrn Pfarrer heruntergekommen, wo sie ein schönes Buch und viel Lob erhalten hatte; sie lachte und plauderte mit ihren Freundinnen nach allen Seiten hin und sah sich auch unter den Knaben um. Sie war jetzt voll erwachsen, leicht und frei in ihrem ganzen Wesen, und die Knaben sowohl wie die Mädchen wußten, daß der stattlichste Bursch der Bygde, Jon Hatlen, um sie freite; wie sie so dasaß, hatte sie wohl allen Grund, vergnügt zu sein. Unten an der Tür standen ein paar Mädchen und Buben, die bei der Prüfung durchgefallen waren; sie weinten, während Marit und ihre Freundinnen lachten; unter ihnen war ein kleines Kerlchen, das hatte Vaters Stiefel an und Mutters bestes Kirchentuch um. »Ach Gott, ach Gott!« schluchzte er, »ich mag gar nicht nach Hause!« Und das ergriff alle, die noch nicht zur Prüfung oben gewesen waren, mit der Macht des Zusammengehörigkeitsgefühles; es wurde allgemein still. Die Angst saß ihnen in Hals und Augen, sie konnten nicht ordentlich sehen und nicht schlucken, wozu sie doch ein unaufhörliches Bedürfnis empfanden. Einer saß da und rechnete nach, was er könnte, und trotzdem er noch vor wenigen Stunden entdeckt hatte, daß er alles könnte, so kam er jetzt zu dem sicheren Resultat, daß er gar nichts könnte, nicht mal aus dem Buch ablesen. Ein anderer rechnete sein Sündenregister zusammen von der Zeit, seit er zu denken angefangen hatte, bis heute, zu diesem Momente, wo er hier saß, und konnte es durchaus nicht sonderbar finden, wenn ihn der liebe Gott zurückwiese. Ein dritter saß da und merkte sich alle möglichen äußerlichen Zeichen: wenn die Glocke, die gerade schlagen wollte, nicht eher anfinge, als er bis zwanzig gezählt hätte, so käme er durch; wenn der, den er draußen auf dem Gange hörte, Lars, der Hofknecht, wäre, dann käme er durch; wenn der große Regentropfen, der sich da langsam an der Fensterscheibe hinunterarbeitete, bis zur Holzleiste käme, so käme er durch. Die letzte und entscheidende Probe sollte sein, ob er den rechten Fuß um den linken winkeln könnte, und das war ihm ganz unmöglich. Ein Vierter wußte ganz sicher, daß er, wenn er nur nach Joseph in der biblischen Geschichte, oder nach der Taufe im Katechismus, oder nach Saul, oder nach Jesus, oder nach der Haustafel, oder nach den Zehn Geboten, oder – – er saß noch da und berechnete, als er vorgerufen wurde. Ein Fünfter hatte sich mit besonderer Vorliebe auf die Bergpredigt verlegt; er hatte nämlich von der Bergpredigt geträumt und war ganz sicher, daß er über die Bergpredigt befragt werden würde, und er leierte die Bergpredigt in einemfort vor sich hin; er mußte draußen vors Haus gehen, um noch einmal die Bergpredigt herzuleiern, – da wurde er hinaufgerufen, um in den großen und kleinen Propheten geprüft zu werden. Ein Sechster dachte an den Pfarrer, der ein so seelenguter Mann war und seinen Vater so gut kannte, dachte auch an den Schulmeister, der so ein liebes Gesicht hatte, und an Gott, der so herzensgut war und schon so vielen geholfen hatte, wie z.B. Jakob und Joseph, und dann dachte er daran, wie jetzt seine Mutter und seine Geschwister daheim säßen und für ihn beteten, und das würde gewiß helfen. Der Siebente saß da und verzichtete auf alles, was er hier in der Welt hatte werden wollen. Einmal hatte er sich vorgenommen, es bis zum König zu bringen, ein andermal bis zum General oder Pfarrer; die Zeit war lange vorbei. Aber bis zu diesem Augenblick hatte er doch wenigstens noch vorgehabt, zur See zu gehen und Schiffskapitän zu werden, vielleicht auch Seeräuber, und sich ungeheure Reichtümer zu erwerben; jetzt verzichtete er zuerst auf die Reichtümer, dann auf den Seeräuber, dann auf den Schiffskapitän, dann auf den Steuermann, beim Matrosen blieb er stehen, oder höchstens Bootsmann, ja es war möglich, daß er überhaupt nicht zur See ginge, sondern eine Stelle auf dem Hofe seines Vaters annähme. Der Achte war seiner Sache etwas sicherer, wenn auch nicht ganz, denn selbst der Tüchtigste war nicht sicher. Er dachte an den Anzug, in dem er konfirmiert werden sollte, und wozu der gebraucht werden sollte, wenn er durchfiele. Aber wenn er durchkäme, dann durfte er in die Stadt und sich Tuchkleider kaufen, und dann wollte er heimkommen und zu Weihnachten tanzen, zu aller Burschen Neid und aller Mädel Staunen. Der Neunte rechnete anders: er stellte ein kleines Kontobuch für den lieben Gott auf; auf der einen Seite stand als »Debet«: er soll mich durchkommen lassen; und auf der anderen Seite als Kredit: dann will ich nie mehr lügen, nie mehr petzen, immer in die Kirche gehen, die Mädchen in Frieden lassen und mir das Fluchen abgewöhnen. Aber der Zehnte dachte, wenn der Ole Hansen voriges Jahr durchgekommen sei, dann wär's doch eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, ihn dieses Jahr nicht durchzulassen, wo er doch immer besser in der Schule gewesen war und außerdem von viel besseren Eltern war. Neben ihm saß der Elfte, der die furchtbarsten Rachepläne brütete, falls er durchfiele: entweder die Schule in Brand zu stecken oder durchzubrennen und später als donnernder Richter des Pfarrers und der ganzen Schulverwaltung zurückzukehren, dann aber edelmütig Gnade für Recht ergehen zu lassen. Vorläufig wollte er bei dem Nachbarpfarrer in Dienst treten und dort im nächsten Jahre Nummer eins werden und solche Antworten geben, daß die Kirche sich wundern sollte. Der Zwölfte aber saß ganz für sich allein unter der Glocke, beide Hände in den Taschen, und blickte wehmütig über die Versammlung hin. Keiner von denen hier wußte, welche Bürde ihn drückte, welche Verantwortung auf ihm ruhte. Aber zu Hause war eine, die es wußte, denn er war verlobt. Eine große langbeinige Spinne kroch über den Fußboden und näherte sich seinem Fuße; sonst pflegte er das Eklige direkt zu zertreten, aber heute hob er liebevoll den Fuß, daß es in Frieden gehen konnte, wohin es wollte. Seine Stimme war sanft wie eine Kollekte, seine Augen sagten unaufhörlich, daß alle Menschen gut wären, seine Hand machte eine demütige Bewegung aus der Tasche in seine Haare hinauf, um sie glatter zu streichen. Könnte er sich nur leidlich durch dieses gefährliche Nadelöhr hindurchwinden, dann wollte er auf der andern Seite schon wieder herauswachsen und Tabak kauen und seine Verlobung öffentlich machen. Auf einem niedrigen Schemel aber saß mit untergeschlagenen Beinen unruhig der Dreizehnte; seine kleinen funkelnden Augen durchliefen dreimal in der Sekunde das ganze Zimmer, und unter dem dichten, struppigen Haar wälzten sich die Gedanken aller jener Zwölf in bunter Unordnung, von der zuversichtlichsten Hoffnung bis zum zerschmetterndsten Zweifel, von den demütigsten Vorsätzen bis zu den vernichtendsten Racheplänen gegen die Bygde, und währenddessen hatte er alles überflüssige Fleisch von seinem Daumen abgeknabbert und machte sich jetzt an die Nägel, die er in großen Stücken über den Boden hinspuckte.

Öyvind saß am Fenster; er war oben gewesen und hatte alle Fragen, die ihm vorgelegt waren, beantworten können; aber weder der Pfarrer noch der Schulmeister hatte irgend etwas gesagt; über ein halbes Jahr hatte er sich damit beschäftigt, was sie wohl sagen würden, wenn sie erführen, wie er gearbeitet hatte, und er fühlte sich jetzt in seinen Hoffnungen sehr getäuscht und zugleich gekränkt. Dort saß Marit, die für ungleich weniger Anstrengung und Kenntnisse sowohl ermunternde Worte als eine Belohnung erhalten hatte. Gerade um in ihren Augen groß dazustehen, hatte er gearbeitet, und nun erreichte sie spielend, was er sich mit soviel Entsagung erarbeitet hatte. Ihr Lachen und Scherzen schnitt ihm in die Seele; die Ungezwungenheit, mit der sie sich bewegte, tat ihm weh. Seit jenem Abend hatte er's sorgfältig vermieden, mit ihr zu reden, Jahre sollten erst vergehen, dachte er; aber ihr Anblick, wie sie da so fröhlich und überlegen saß, drückte ihn zu Boden, und alle seine stolzen Vorsätze hingen abwärts wie nasses Laub.

Er versuchte jedoch nach und nach, diese Niedergeschlagenheit abzuschütteln. Die Hauptsache war doch, daß er heute Nummer eins würde, und darauf wartete er. Der Schulmeister pflegte immer ein Weilchen beim Pfarrer zurückzubleiben, um die Rangordnung mit ihm zusammen festzustellen, und dann herunterzukommen und den Kindern das Ergebnis mitzuteilen; das war zwar nicht die endgültige Entscheidung, aber doch der Schluß, zu dem der Pfarrer und er vorläufig gekommen waren. Das Gespräch unten in der Stube wurde lebhafter, je mehr oben gewesen waren und die Prüfung bestanden hatten; aber jetzt fingen die Ehrgeizigen an, sich von den Fröhlichen mehr und mehr abzusondern; diese gingen, sobald sie Gesellschaft fanden, um ihren Eltern ihr Glück zu verkünden, oder sie warteten auch auf andre, die noch nicht fertig waren; jene dagegen wurden stiller und stiller und blickten voll gespannter Erwartung nach der Tür.

Endlich war die Prüfung zu Ende, die letzten waren heruntergekommen, jetzt besprach also der Schulmeister sich mit dem Pfarrer. Öyvind sah Marit an; sie war ganz gleichmütig, blieb aber doch sitzen, ob in ihrem eigenen Interesse oder um andrer willen, wußte er nicht. Wie hübsch Marit geworden war! Blendend weiß und fein war die Haut wie bei keiner andern; ihr Näschen war ein bißchen aufgeworfen, der Mund lächelte. Die Augen waren halb geschlossen, wenn sie nicht gerade jemand ansah, aber dafür kam auch ihr Blick, wenn er kam, mit ungeahnter Gewalt, – und als ob sie selbst hinzufügen wollte, daß sie sich wirklich gar nichts dabei dächte, lächelte sie gleichzeitig ein wenig. Ihr Haar war eher dunkel als hell, aber es war kraus und hing auf beiden Seiten tief ins Gesicht hinein, so daß es ihr zusammen mit den halbgeschlossenen Augen etwas Geheimnisvolles gab, etwas, womit man nie fertig werden konnte. Man war nie ganz sicher, wen sie eigentlich ansehe, wenn sie so für sich allein oder zwischen andern Mädchen dasaß, auch nicht, was sie eigentlich dächte, wenn sie sich an jemand wendete und mit ihm sprach, denn sie nahm sozusagen gleich wieder fort, was sie gegeben hatte. Hinter dem allen steckt wohl eigentlich der Jon Hatlen, dachte Öyvind, sah sie aber doch fortwährend an.

Da endlich erschien der Schulmeister. Alle sprangen von ihren Plätzen auf und stürmten auf ihn zu. »Welche Nummer hab' ich?« »Und ich?« »Und ich, ich?« »Stille, ihr Schlakse, keinen Spektakel gemacht! Ruhe da, dann sollt ihr's zu hören kriegen, Kinder.« Er schaute sich langsam im Kreise um. »Du bist Nummer zwei,« sagte er zu einem Jungen mit blauen Augen, die ihn flehend anblickten; und der Junge tanzte aus dem Kreise hinaus. »Du bist Nummer drei,« damit klopfte er einem kleinen fixen Rotkopf, der ihn hinten am Rock zupfte, auf die Schulter. »Du bist Nummer fünf, du Nummer acht« usw. Er sah Marit: »Du bist Nummer eins von den Mädchen.« Sie wurde glühend rot über Gesicht und Hals, versuchte jedoch zu lächeln. »Du bist Nummer zwölf, bist 'n Faulpelz gewesen, 'n rechter Schlingel; du Nummer elf, war nicht anders zu erwarten, mein Junge; du Nummer dreizehn, mußt noch tüchtig lernen, mußt hübsch zum Überhören kommen, sonst geht's dir schlecht....« Länger konnte Öyvind es nicht aushalten. Nummer eins war zwar noch nicht genannt, aber er hatte doch die ganze Zeit so gestanden, daß der Schulmeister ihn hatte sehen können. »Herr Schulmeister!« – er hörte nicht. »Herr Schulmeister!« Dreimal mußte er es wiederholen, ehe er gehört wurde. Endlich sah ihn der Schulmeister an: »Nummer neun oder zehn, weiß nicht mehr genau,« sagte er, und wendete sich dann wieder an einen andern. »Wer ist denn Nummer eins?« fragte Hans, Öyvinds bester Freund. »Du jedenfalls nicht, Krauskopf!« sagte der Schulmeister und schlug ihm mit einer Papierrolle über die Hand. »Wer ist es denn?« fragten mehrere, »wer ist es, ja wer ist es nur?« »Wer's ist, wird's schon erfahren,« erwiderte der Schulmeister streng; er wollte keine weiteren Fragen. »Geht jetzt hübsch nach Hause, Kinder, dankt dem lieben Gott und macht euern Eltern Freude! Seid auch eurem alten Schulmeister ein bißchen dankbar, ihr hättet jetzt hübsch dasitzen und Nägel kauen dürfen, wenn er nicht wäre!« Sie dankten ihm lachend und zogen jubelnd ihrer Wege, denn in diesem Augenblick, wo es heimging zu den Eltern, waren sie alle froh. Nur einer blieb zurück, der seine Bücher nicht recht finden konnte und, als er sie fand, sich hinsetzte, als wollte er von neuem zu lernen anfangen.

Der Schulmeister ging auf ihn zu. »Nun, Öyvind, willst du nicht mit den andern gehen?« Er antwortete nicht. »Was soll denn das jetzt mit den Büchern?« »Ich will bloß nachsehen, was ich heut' falsch beantwortet habe.« »Du hast sicherlich gar nichts falsch beantwortet.«

Da sah Öyvind ihn an, die Tränen standen ihm in den Augen, unverwandt sah er ihn an, während ihm eine Träne nach der anderen die Backen hinunterrollte, aber er sagte nicht ein Wort. Der Schulmeister setzte sich vor ihn hin. »Freust du dich denn nicht, daß du durch bist?« Es bebberte um seinen Mund, aber er antwortete nicht.

»Mutter und Vater zu Haus werden sehr froh sein,« sagte der Schulmeister und sah ihn an. »Öyvind kämpfte lange, um ein Wort herauszubringen, endlich fragte er leise und abgebrochen: »Ist es – – –, weil ich – – ein Häuslerbub' bin, – – daß ich der neunte oder zehnte geworden bin?« »Wahrscheinlich ist das der Grund,« erwiderte der Schulmeister. »Dann hilft mir ja alles nichts, wie ich auch arbeite,« sagte er tonlos und brach mit allen seinen Träumen zusammen.

Mit einem Male richtete er den Kopf in die Höhe, hob die rechte Hand, schlug mit aller Macht auf den Tisch, warf sich aufs Gesicht und brach in leidenschaftliches Weinen aus.

Der Schulmeister ließ ihn ruhig weinen, sich recht von Herzen ausweinen. Es dauerte eine ganze Weile, aber geduldig wartete der Schulmeister, bis das Weinen etwas kindlicher wurde. Da nahm er Öyvinds Kopf zwischen beide Hände, hob ihn in die Höhe und sah in das verweinte Gesicht. »Glaubst du, daß jetzt eben Gott bei dir war?« fragte er und hielt ihn freundlich vor sich hin. Öyvind schluchzte noch, aber kürzer; die Tränen rannen leiser, aber er wagte nicht, dem, der ihn fragte, ins Gesicht zu sehen, und auch nicht, ihm zu antworten. »Öyvind, das hast du redlich verdient. Du hast nicht aus Liebe zu deinem Christentum und zu deinen Eltern gelernt, du hast aus Eitelkeit gelernt.« Zwischen den verschiednen Worten des Schulmeisters war es jedesmal still im Zimmer; Öyvind fühlte seinen Blick auf sich ruhen, und unter diesem Blick taute er auf und wurde demütig. »Mit diesem Zorn im Herzen hättest du nicht vor den Altar treten dürfen, um mit deinem Gotte den Bund zu schließen, nicht wahr, mein Junge?« »Nein!« stammelte er, so gut er vermochte. »Und hättest du dagestanden mit eitler Freude darüber, daß du Nummer eins wärest, hättest du dich da nicht versündigt?« »Ja,« flüsterte er, und seine Lippen bebten. »Du hast mich trotzdem noch lieb, Öyvind?« »Ja,« und er schlug zum erstenmal die Augen auf. »Dann will ich dir sagen, daß ich es war, der dir den niedrigeren Platz erwirkt hat; denn ich habe dich so innig lieb, Öyvind.« Der Knabe sah ihn an, blinzelte ein paarmal mit den Augen, und die Tränen rannen wieder unaufhaltsam. »Du bist mir doch nicht böse?« »Nein,« er blickte voll zu ihm auf, wenn auch seine Stimme erstickt war. »Mein liebes Kind, ich will um dich sein, solange ich lebe.«

Er wartete auf Öyvind, bis er sich gefaßt und seine Bücher zusammengesucht hatte, und sagte dann, er wolle ihn nach Hause begleiten. Langsam gingen sie heimwärts, anfangs war Öyvind noch still und kämpfte mit sich, aber nach und nach überwand er sich. Er war so überzeugt, daß das Vorgefallene das Allerbeste für ihn wäre, was ihm hätte widerfahren können, und dieser Glaube war, noch ehe er heimkam, so stark geworden, daß er seinem Gott dafür dankte und das auch dem Schulmeister sagte. »Ja, und nun wollen wir auch überlegen, wie wir im Leben etwas erreichen können,« sagte der Schulmeister, »und nicht mehr Blindekuh nach Nummern jagen. Was sagst du zum Seminar?« »Ja, da möchte ich gern hin.« »Meinst du die Ackerbauschule?« »Ja!« »Das wär' freilich auch das beste für dich; die gibt andere Aussichten als eine Schulmeisterstelle.« »Aber wie soll ich denn dahin kommen? Ich hab' so mächtige Lust, aber keine Mittel.« »Sei fleißig und brav, dann werden sich schon Mittel und Wege finden.«

Öyvind war innerlich ganz von Dankbarkeit überwältigt. Vor seinen Augen wurde es wieder funkelnd hell, sein Atem ging leichter, und in ihm brannte das Feuer jener unendlichen Liebe, die uns vorwärtsträgt, wenn man unerwartete Menschengüte erfährt. In solchen Augenblicken stellt man sich die ganze Zukunft wie ein Wandern in frischer Bergluft vor; man fühlt sich mehr getragen, als daß man geht.

Als sie heimkamen, saßen die beiden Eltern in stiller Erwartung in der Wohnstube, obgleich Arbeitszeit und viel zu tun war. Der Schulmeister ging zuerst hinein. Öyvind hinterher, beide lächelten. »Nun?« fragte der Vater und legte das Gesangbuch fort, in dem er gerade das Gebet eines Konfirmanden gelesen hatte. Die Mutter stand am Herde und wagte nichts zu sagen; sie lachte, aber ihre Hand zitterte; sie erwartete augenscheinlich etwas Gutes, wollte sich aber nicht verraten. »Ich bin nur hergekommen, um euch selbst die freudige Nachricht zu bringen, daß euer Junge alle Fragen beantwortet hat, und daß der Pfarrer, als er gegangen war, zu mir gesagt hat, einen besseren Konfirmanden hätte er nie gehabt.«

»Ach, wirklich,« sagte die Mutter und wurde sehr bewegt.

»Das ist ja nett,« sagte der Vater und räusperte sich ein wenig verlegen.

Nachdem es lange still gewesen war, fragte die Mutter leise: »Welche Nummer kriegt er denn?« »Nummer acht oder neun,« sagte der Schulmeister ruhig. Die Mutter sah den Vater an, dieser erst sie und dann Öyvind, und dann sagte er: »Ein Häuslerbub' kann halt nicht mehr verlangen.« Öyvind sah den Vater jetzt wieder an. Es war, als wollte ihm wieder etwas im Halse aufsteigen, aber er bezwang sich, indem er ganz schnell an all das Liebe dachte, eins nach dem andern, bis er es tapfer heruntergeschluckt hatte.

»Und jetzt muß ich wohl wieder gehen,« sagte der Schulmeister, nickte und wendete sich zur Tür. Beide Eltern begleiteten ihn nach ihrer Gewohnheit bis vor die Haustür; hier schob sich der Schulmeister ein Priemchen in den Mund und sagte schmunzelnd: »Er wird doch Nummer eins, aber er braucht es nicht zu wissen, eh' der Tag da ist.« »Schon gut,« sagte der Vater und nickte. »Schon gut,« sagte die Mutter und nickte ebenfalls. Dann nahm sie den Schulmeister bei der Hand und sagte: »Du sollst auch recht schönen Dank haben für alles, was du für ihn tust.« »Ja, ja, recht schönen Dank,« sagte der Vater, und der Schulmeister ging, aber die zwei standen noch lange und sahen ihm nach.

Siebentes Kapitel

Der Schulmeister hatte richtig gezielt, als er den Pfarrer gebeten hatte, erst zu prüfen, ob Öyvind es auch wirklich vertragen könnte, Nummer eins zu sein. In den drei Wochen bis zur Konfirmation war er täglich um den Knaben; eine junge, weiche Seele kann wohl einem Eindruck nachgeben, aber ein andres ist es, ob sie ihn auch mit aller Treue festhalten kann. Manche finstre Stunde kam über den Knaben, ehe er lernte, seine Zukunftspläne von etwas besserem als von Eitelkeit und Trotz leiten zu lassen. Mitten in der besten Arbeit verlor er oft plötzlich die Lust und ließ die Arbeit fahren: »Wozu? was gewinne ich?« Und dann nach einer Weile dachte er an den Schulmeister und seine Worte und seine Güte; aber dieses menschlichen Mittels bedurfte er, um wieder emporzukommen, so oft er von der richtigen Auffassung seiner höheren Pflicht abfiel.

Die Tage, da man sich auf Pladsen für die Einsegnung vorbereitete, waren gleichzeitig auch eine Vorbereitung auf seine Reise nach der Ackerbauschule, denn schon den Tag darauf sollte er sie antreten. Schneider und Schuster saßen in der Stube, die Mutter buk in der Küche Kuchen, und der Vater bastelte an einer Truhe. Viel wurde in dieser Zeit auch davon geredet, was sein zweijähriger Aufenthalt auf der Schule kosten würde, und daß er wohl schwerlich zum ersten Weihnachtsfeste nach Hause kommen könne, vielleicht nicht einmal zum zweiten, und wie schwer ihnen die lange Trennung fallen würde. Man sprach auch von der Liebe, die er seinen Eltern schuldig wäre, die für ihr Kind so große Opfer brächten. Öyvind saß da wie einer, der sich auf eigene Faust hinausgewagt hat und umgekippt ist, aber jetzt von liebevollen Menschen aufgenommen wird.

Ein solches Gefühl verleiht Demut, und mit ihr kommt noch vieles andre. Als der große Tag nahte, durfte er sich wohlvorbereitet nennen und ihm mit vertrauender Hingebung entgegensehen. Jedesmal, wenn Marits Bild sich ihm vor die Seele drängte, schob er es vorsichtig auf die Seite, aber er fühlte einen Schmerz dabei. Er versuchte, sich darin zu üben, allein er wurde doch nicht stärker dadurch, im Gegenteil, der Schmerz war es, der wuchs. Deshalb fühlte er sich gar müde, als er am letzten Abend nach einer langen Selbstprüfung den lieben Gott anflehte, er möge ihn in diesem Punkte doch lieber nicht versuchen.

Gegen Abend kam der Schulmeister. Sie setzten sich in die Stube, nachdem sie sich alle gewaschen und zurechtgemacht hatten, wie man's dort am Abend vor dem Abendmahl und der Konfirmation zu tun pflegt. Die Mutter war bewegt, und der Vater schweigsam; hinter dem Feste morgen lag der Abschied, und es war ungewiß, wann sie wieder so beisammen sitzen würden. Der Schulmeister nahm die Gesangbücher zur Hand, sie hielten eine Andacht und sangen, und dann sprach er ein kleines Gebet, ganz frei, wie die Worte fielen.

So saßen die vier Menschen bis spät in den Abend beieinander, und die Gedanken hielten Einkehr bei sich selber; endlich schieden sie mit den besten Wünschen für den kommenden Tag und dafür, was er binden sollte. Als Öyvind zu Bett ging, mußte er sich gestehen, daß er sich noch nie in so glücklicher Stimmung niedergelegt hatte. Heute abend gab er dieser Empfindung nämlich eine besondere Deutung; er verstand darunter: nie bin ich so ergeben in Gottes Willen und so fröhlich in Gott zur Ruhe gegangen. Marits Gesicht wollte gleich wieder auftauchen, und das letzte, dessen er sich noch bewußt war, war eine Art Selbstversuchung: nicht ganz glücklich, nicht ganz – und er antwortete: doch, ganz. Aber immer wieder: nicht ganz – doch – ganz; nein, nicht ganz –

Als er aufwachte, dachte er sofort an die Bedeutung des Tages, betete und fühlte sich stark, wie man sich meistens morgens fühlt. Seit dem Sommer hatte er für sich allein auf dem Boden geschlafen; jetzt stand er auf und zog seinen neuen hübschen Anzug an; behutsam, denn er hatte noch nie einen so feinen besessen. Namentlich war da eine rundgeschnittene Tuchjacke, die er erst viele Male befühlen mußte, ehe er sich daran gewöhnen konnte. Er holte sich einen kleinen Spiegel herauf, als er den Kragen umgebunden und die Jacke eben zum vierten Male angezogen hatte. Als er sein eignes vergnügtes Gesicht mit den ungewöhnlich hellen Haaren nun da im Spiegel liegen und ihn anlachen sah, fiel ihm ein, daß das am Ende wieder Eitelkeit wäre. Ja, aber hübsch angezogen und rein gewaschen muß man doch sein dürfen, antwortete er sich selbst, indem er sein Gesicht vom Spiegel wegzog, als ob es Sünde wäre, hineinzuschauen. Ei, freilich, aber man darf sich selbst um solcher Dinge willen nicht allzu lieb haben. – Nein, aber eigentlich muß Gott doch selbst Wohlgefallen daran haben, daß man sich darüber freut, wenn man hübsch aussieht. – Kann wohl sein, aber besser würde es ihm doch wohl gefallen, du freutest dich, ohne allzuviel Gewicht darauf zu legen. – Ganz recht, aber sieh mal, das ist doch nur, weil alles so neu ist. – Ja, dann mußt du es dir aber auch nach und nach abgewöhnen. – Er ertappte sich dabei, daß er sich bald über diesen, bald über einen andern Gegenstand in selbstprüfenden Gesprächen erging, damit keine Sünde diesen Tag beflecke; allein er wußte auch, daß dazu noch viel mehr gehörte.

Als er hinunterkam, saßen die Eltern schon fertig angezogen da und warteten mit dem Frühstück. Er ging auf sie zu, gab ihnen die Hand und bedankte sich für den neuen Anzug. Und ein »trag ihn in Gesundheit« bekam er zurück. Sie setzten sich zu Tisch, beteten still und aßen. Die Mutter deckte den Tisch ab und kam mit dem Proviantkorb für den Kirchgang herein. Der Vater zog sein Wams an, die Mutter steckte ihre Tücher fest, alle nahmen ihre Gesangbücher, schlossen das Haus ab und stiegen bergan. Sobald sie den oberen Weg erreicht hatten, trafen sie Kirchengänger, zu Wagen wie zu Fuß, dazwischen Konfirmanden und hier und da weißhaarige Großeltern, die doch dies eine Mal noch gern mitwollten.

Es war ein Herbsttag ohne Sonnenschein, wie meistens, wenn das Wetter am Umschlagen ist. Gewölk ballte sich zusammen und zerteilte sich wieder, bisweilen löste sich eine ganze Schar von zwanzig Wolken los, die über den ganzen Himmel hinjagten, mit Befehl zum Unwetter; aber unten auf der Erde war es noch still, das Laub hing entseelt und zitterte nicht einmal, die Luft war etwas schwül; die Leute hatten ihre Mäntel mit, benutzten sie aber nicht. Eine ungewöhnlich große Menschenmenge hatte sich um die freiliegende Kirche gesammelt; aber die Konfirmanden gingen gleich in die Kirche hinein, um vor Beginn des Gottesdienstes aufgestellt zu werden. Plötzlich kam der Schulmeister in blauem Anzuge, Rock und Kniehosen, hohen Stiefeln und steifer Halsbinde, mit der Pfeife, die aus der hintern Rocktasche herausguckte, den Gang herunter, nickte und lachte, klopfte einem oder dem andern auf die Schulter, sprach hier und da ein paar Worte mit einem, er möge ja recht laut und deutlich antworten, und kam währenddessen bis in die Nähe der Armenbüchse, wo Öyvind seinem Freunde Hans alle seine Fragen über seine Reise beantworten mußte. »'n Morgen, Öyvind, schöner Tag heut,« sagte er und faßte ihn beim Rockkragen, als ob er mit ihm reden wollte. »Hör mal, mein Junge, ich glaube alles gute von dir. Hab jetzt mit dem Herrn Pfarrer geredet, darfst deinen Platz behalten; stell dich auf als Nummer eins und antworte hübsch deutlich.«

Öyvind sah ihn ganz starr an; der Schulmeister nickte, der Junge ging ein paar Schritte, blieb stehen, ging wieder ein paar Schritte – freilich, es wird wohl richtig sein, er wird wohl beim Pfarrer ein gutes Wort für mich eingelegt haben; und rasch ging er hinauf. »Du bist ja doch Nummer eins geworden,« flüsterte einer ihm zu. »Ja,« erwiderte Öyvind leise, aber er wußte noch immer nicht recht, ob er's wirklich glauben durfte.

Die Aufstellung war beendet, der Pfarrer kam, die Glocken fingen zu läuten an, die Menge strömte herein. Da sah Öyvind Marit Haidehöfen gerade vor sich, sie sah ihn auch an, aber beide waren von der Heiligkeit der Stätte so ergriffen, daß sie sich nicht zu grüßen wagten. Er sah nur, daß sie leuchtend schön war und mit bloßem Kopfe ging, mehr sah er nicht. Und Öyvind, der seit mehr als einem halben Jahre so stolze Pläne auf den Moment gebaut hatte, wo er ihr so gegenüberstehen würde, vergaß, als der Augenblick da war, den Platz und sie, und daß er überhaupt je daran gedacht hatte.

Nachdem alles vorüber war, kamen Verwandte und Freunde, um ihre Glückwünsche anzubringen; dann kamen seine Kameraden auf ihn zu, um ihm Lebewohl zu sagen, da sie gehört hatten, er solle schon am nächsten Tage abreisen; dann kamen alle die Kleinen, mit denen er auf dem Berge Kjaelke gefahren war und denen er in der Schule oft geholfen hatte, und da ging der Abschied nicht ohne Tränen ab. Zuletzt kam der Schulmeister, gab ihm und den Eltern schweigend die Hand und machte ein Zeichen zum Gehen; er wollte mitkommen. So waren denn die vier wieder beisammen, und diesmal sollte es der letzte Abend sein. Unterwegs nahmen noch viele Abschied von ihm und wünschten ihm Glück, aber sonst sprachen die vier nicht miteinander, ehe sie zu Hause in der Stube saßen.

Der Schulmeister versuchte, sie bei gutem Mute zu erhalten. Jetzt, da der Augenblick des Abschieds kommen sollte, konnten sie sich nicht verhehlen, daß ihnen allen bei dem Gedanken an eine zweijährige Trennung graute, denn bis jetzt waren sie noch nicht einen einzigen Tag fern voneinander gewesen; aber niemand wollte es eingestehen. Je mehr sich der Tag neigte, desto beklommener wurde Öyvind zu Sinn; er ging ins Freie, um ein wenig zur Ruhe zu kommen.

Es war schon halb dunkel, und ein eigentümliches Sausen lag in der Luft. Er blieb vor der Tür stehen und sah zum Himmel hinauf. Da hörte er vom Bergrande her seinen Namen rufen, ganz leise, es war keine Täuschung, zweimal wurde er wiederholt. Er schaute auf und sah undeutlich, daß da oben zwischen den Bäumen eine weibliche Gestalt hockte und heruntersah. »Wer ist da?« fragte er. »Ich hab gehört, du willst abreisen,« sagte sie leise; »da mußt ich doch noch mal zu dir, und dir adjö sagen, wenn du nicht zu mir kommst.« – »Nein, aber so was –, Marit – du? Wart, ich komm zu dir hinauf.« »Ach nein, lieber nicht; ich hab schon so lange gewartet, und dann müßte ich noch länger warten; niemand weiß, wo ich bin, und ich muß schleunigst wieder heim.« »Wie lieb von dir, Marit, daß du kommst,« sagte er. »Ich konnte es nicht aushalten, daß du so abreisen solltest, Öyvind; wir haben uns doch schon gekannt, als wir noch ganz klein waren.« »Ja, freilich.« »Und jetzt haben wir ein halbes Jahr lang kein Wort miteinander geredet.« »Ja, das ist wohl so.« »Und damals sind wir auch auf so merkwürdige Weise auseinander gegangen.« »Ach ja; du, ich glaube, ich komme doch hinauf.« »Nein, nein, bitte nicht!« »Aber sag mal: du bist mir doch nicht böse?« »Bewahre, Marit, wie kannst du nur so was denken?« »Na ja, dann also leb wohl, Öyvind, und hab Dank für alles, was wir zusammen schönes erlebt haben.« »Noch nicht gehen, Marit!« »Doch, jetzt muß ich weg, sie werden mich wohl schon vermissen.« »Marit, Marit!« »Nein, Öyvind, ich kann nicht länger wegbleiben; leb wohl!« »Leb wohl!«

Wie im Traume ging er von da an herum, und wenn man ihn anredete, antwortete er wie von weit her; sie schrieben das der nahen Abreise zu, was ja zu erwarten wäre, und diese nahm auch einen Augenblick lang seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, nämlich, als der Schulmeister am Abend von ihm Abschied nahm und ihm dabei etwas in die Hand steckte, was sich nachher als ein Fünftalerschein herausstellte. Aber später, als er zu Bette ging, dachte er nicht an die Abreise, sondern an die Worte, die von der Bergwand heruntergekommen, und die, die wieder hinaufgegangen waren. Als Kind hatte sie nicht zur Bergwand hingedurft, weil der Großvater bange war, sie könnte hinunterfallen. Wer weiß, ob sie nicht doch noch mal herunterkäme!

Achtes Kapitel

Liebe Eltern!

Jetzt haben wir viel mehr zu arbeiten bekommen, aber jetzt habe ich auch die andern schon beinahe eingeholt, so daß es nicht mehr so schwer ist. Und nun will ich auf Vaters Grund viel verändern, wenn ich heimkomme, denn da wird vieles verkehrt angefangen, und es ist wunderlich genug, daß es überhaupt bis jetzt gegangen ist. Aber ich will schon Schneid hineinbringen, denn jetzt hab' ich viel gelernt. Ich möchte gern irgendwohin, wo ich alles das, was ich jetzt weiß, anwenden kann; deshalb will ich mir eine große Stelle suchen, wenn ich fertig bin. Hier sagen alle, mit Jon Hatlen wäre gar nicht so viel los, wie man bei uns zu Hause glaubt, aber er hat ja einen eigenen Hof, also geht es keinen andern was an, außer ihn selbst. Viele, die von hier kommen, bekommen nachher sehr hohen Lohn; die werden nämlich so gut bezahlt, weil unsere Ackerbauschule die beste im ganzen Lande ist. Welche sagen auch, die im Nachbaramt wäre noch besser, aber das ist gar nicht wahr. Hier hört man immerzu zwei Worte: das eine heißt Theorie und das andere Praxis, und es ist gut, wenn man sie beide hat, und das eine ist nichts ohne das andre, aber das letzte ist doch das beste. Das erste Wort bedeutet, daß man die Ursache und den Grund von einer Arbeit kennt, und das andere bedeutet, daß man die Arbeit auch wirklich selbst machen kann, wie zum Beispiel das jetzt mit dem Sumpf. Es gibt nämlich viele, die ganz gut wissen, wie man das mit dem Sumpf machen soll, aber sie machen es trotzdem verkehrt, denn sie können es nicht. Und wieder andere können es wohl, aber sie wissen es nicht, und dann geht es auch oft verkehrt, denn es gibt viele Arten Sümpfe. Aber wir hier auf der Ackerbauschule, wir lernen alle beide Worte. Unser Direktor ist so tüchtig, daß sich keiner mit ihm messen kann. Bei der letzten landwirtschaftlichen Versammlung für das ganze Land hatte er zwei Fragen zu behandeln, während die anderen Direktoren jeder nur eine hatten, und immer wurde alles gemacht, wie er sagte, wenn sie sich's erst überlegt hatten. Aber auf der vorigen Versammlung, wo er nicht war, da haben sie bloß gequatscht.

Den Leutnant, der uns im Feldmessen unterrichtet, hat der Direktor auch nur wegen seiner großen Tüchtigkeit bekommen, denn die anderen Schulen haben keinen Leutnant; aber unser Leutnant ist auch riesig tüchtig, er soll auf der Leutnantsschule der allerbeste gewesen sein.

Der Schulmeister fragt, ob ich auch zur Kirche gehe. Ja, natürlich gehe ich in die Kirche, denn jetzt hat der Pfarrer hier einen Hilfsprediger gekriegt, und der predigt so, daß allen in der Kirche ganz schwumelig wird, und es macht Spaß, ihn zu hören. Er gehört zu der neuen Religion, die sie in Christiania alle haben, und die Leute finden, er sei zu streng, aber das tut ihnen ganz gut.

Augenblicklich haben wir viel Geschichte, was wir vorher nicht gehabt haben, und es ist so merkwürdig, zu sehen, was sich alles in der Welt zugetragen hat, namentlich aber bei uns. Denn wir haben immer und immer gesiegt, ausgenommen, wenn wir verloren haben, aber dann waren wir auch viel, viel kleiner. Jetzt haben wir unsere Freiheit, und kein Volk hat so viel Freiheit wie wir, ausgenommen Amerika, aber da sind sie nicht glücklich. Und unsere Freiheit sollen wir über alles andre lieben.

Jetzt will ich für diesmal schließen; denn ich habe einen sehr langen Brief geschrieben. Der Schulmeister kriegt doch den Brief wohl zu lesen, nicht wahr? Und dann sagt ihm doch, wenn er für Euch antwortet, dann möchte er mir ein bißchen was von einem oder dem andern erzählen; das tut er nämlich nie. Seid nun vielmals gegrüßt von Eurem ergebenen Sohne

Oyvind Thoresen.

Liebe Eltern!

Ich muß Euch doch berichten, daß wir Examen gehabt haben und daß ich in vielen Fächern das Prädikat vorzüglich gekriegt habe, und im Schreiben und Feldmessen sehr gut, und im norwegischen Aufsatz ziemlich gut. Das kommt daher, sagt der Direktor, weil ich nicht genug gelesen habe, und er hat mir ein paar Bücher von Ole Vig geschenkt, und die sind herrlich, denn ich kann alles verstehen. Der Direktor ist sehr gut gegen mich, er erzählt uns so viel. Bei uns, sagt er, ist alles so schrecklich klein im Vergleich zum Auslande; wir können hier fast gar nichts, und müssen alles erst von den Schotten und Schweizern lernen, und von den Holländern lernen wir den Gartenbau, viele reisen dahin nach diesen Ländern, schon in Schweden sind sie viel tüchtiger als wir, und da ist der Direktor selbst gewesen. Nun bin ich bald ein Jahr hier und ich dachte, ich hätte ganz viel gelernt, aber wenn ich höre, was die bei der Entlassungsprüfung alles können, und dann dran denke, daß auch die rein gar nichts können, wenn sie sich mit den Ausländern messen, dann werde ich ganz niedergeschlagen. Und noch dazu ist auch der Boden hier in Norwegen so schlecht gegen den im Auslande, es lohnt sich gar nicht mal, sich soviel damit zu placken. Außerdem mag unser Volk sich auch nichts zeigen lassen. Und wenn sie auch wollten, und wenn der Boden auch viel besser wäre, so haben sie doch kein Geld, um ihn richtig anzubauen. Merkwürdig, daß es überhaupt bis jetzt gegangen ist. Nun bin ich also in der obersten Klasse, und da muß ich noch ein Jahr bleiben, bis ich fertig bin. Aber die meisten von meinen Kameraden sind jetzt fort, und ich habe Heimweh. Mir ist beinah zumut, als stände ich ganz allein, obgleich das doch durchaus nicht so ist; aber es ist so wunderlich, wenn man so lange fortgewesen ist. Ich dachte einmal, ich würde hier sehr tüchtig werden, aber damit sieht's gar übel aus.

Was soll ich nun anfangen, wenn ich hier fertig bin? Zuerst will ich natürlich nach Hause, später muß ich mir wohl eine Stelle suchen, aber weit weg darf's nicht sein.

Nun lebt wohl, liebe Eltern; grüßt alle, die noch nach mir fragen, und sagt ihnen, daß es mir gut geht, aber daß ich mich nach Hause sehne.

Euer ergebener Sohn

Öyvind Thoresen

Lieber Schulmeister!

Hiermit frage ich bei Dir an, ob Du den einliegenden Brief übersenden willst, aber keiner Menschenseele etwas davon sagen, wenn Du nicht willst, so verbrenne ihn.

Öyvind Thoresen Pladsen.

An die wohlehrsame
Jungfrau Marit Knudstochter Nordistuen
auf den obern Haidehöfen.

Du wirst Dich gewiß sehr darüber wundern, einen Brief von mir zu erhalten, aber das brauchst Du nicht, denn ich möchte Dich nur fragen, wie es Dir geht. Darüber mußt Du mich baldmöglichst und in jeder Hinsicht benachrichtigen, von mir selbst ist nur zu melden, daß ich hier 'in einem Jahre fertig bin.

Ehrerbietigst

Öyvind Pladsen.

An den Junggesellen Oyvind Thoresen
auf der Ackerbauschule.

Deinen Brief habe ich richtig vom Schulmeister erhalten, und da Du mich darum bittest, will ich auch antworten. Aber ich fürchte mich eigentlich, denn Du bist so gelehrt und ich habe einen Briefsteller, aber aus dem will nichts recht passen. Also muß ich es selbst versuchen und Du mußt den guten Willen für die Tat nehmen; aber Du darfst ihn keinem Menschen zeigen, sonst bist Du nicht der, für den ich Dich halte. Aufheben darfst Du ihn auch nicht, weil sonst leicht jemand ihn zu sehen kriegen könnte, sondern Du sollst ihn verbrennen, und das mußt Du mir versprechen. Ich hätte Dir wohl mancherlei zu schreiben, aber ich wage es nicht, wir haben eine gute Ernte gehabt, die Kartoffeln stehen hoch im Preise, und hier auf den Heidehöfen haben wir reichlich geerntet. Aber der Bär hat diesen Sommer übel gehaust; dem Ole Niederhöfen hat er zwei Rinder zerrissen und unserm Häusler eine Kuh so zugerichtet, daß sie geschlachtet werden mußte. Ich webe an einem großen Teppich, der ist ähnlich wie das schottische Zeug, und das ist sehr schwer. Und nun will ich Dir erzählen, daß ich noch zu Hause bin, und daß andere es gern anders haben möchten. Nun weiß ich für diesmal nichts mehr zu schreiben, und deshalb lebe wohl.

Marit Knudstochter.

N.S. Du mußt diesen Brief ja verbrennen.

An den Ackerbauschüler Oyvind Thoresen Pladsen!

Das habe ich Dir stets gesagt, Öyvind: Wer mit Gott wandert, der hat das beste Teil erwählt. Aber jetzt sollst Du meinen Rat hören, und der besteht darin, Dir die Welt nicht mit Sehnsucht und Widerwärtigkeiten zu füllen, sondern auf Gott zu vertrauen und Dein Herz sich nicht in Sehnsucht verzehren zu lassen; denn dann hast Du einen andern Gott neben Ihm. Sodann kann ich Dir zunächst berichten, daß Dein Vater und Deine Mutter sich wohl befinden; ich aber habe Schmerzen in der Hüfte, denn jetzt fängt der Krieg wieder an, bei mir herauszuschlagen und alles, was man da zu leiden hatte. Was die Jugend sät, erntet das Alter, und sowohl Geist wie Körper schmerzen und brennen und wollen mich zu eitel Klagen verlocken. Aber klagen soll das Alter nicht, denn Weisheit rinnt aus den Wunden, und Geduld predigt der Schmerz, daß der Mensch Kraft gewinne für die letzte Reise. Heute habe ich aus vielen Gründen die Feder ergriffen, und zwar zunächst und vor allen Dingen um Marits willen, die ein gottesfürchtiges Mägdlein geworden ist, aber leichtfüßig wie ein Renntier, und voll von Vorsätzen. Sie möchte sich gern an eins halten, aber kann es nicht wegen ihrer Natur; doch das habe ich oft gesehen, daß der Herr gegen solch ein schwaches Herzelein mild und nachsichtig ist und es nicht über Vermögen in Versuchung führt, auf daß es nicht zerbreche; denn sie ist sehr spröde. Den Brief habe ich ihr richtig ausgehändigt, und sie verbarg ihn vor allen, ausgenommen vor ihrem eigenen Herzen. Und will Gott dieser Sache Gelingen geben, so habe ich nichts dawider; denn die Jünglinge haben Wohlgefallen an ihr, wie man leicht wahrnehmen kann, und sie hat vollauf an irdischen Gütern, und auch an himmlischen fehlt es ihr nicht, trotz ihrer Unbeständigkeit. Denn die Gottesfurcht ist in ihrem Herzen wie das Wasser in einem flachen Teiche; bei Regenwetter ist es da, aber im Sonnenschein verschwindet es.

Nun können meine Augen nicht mehr; denn so gut sie auch in der Ferne sehen, so tun sie mir doch weh und füllen sich mit Tränen, sobald ich sie auf das Naheliegende richte. Nur das Eine will ich Dir noch ans Herz legen, Öyvind: Was Du auch erstrebst und erringst, nichts fange ohne Gott an, denn es stehet geschrieben: Es ist besser eine Hand voll von Ruhe, denn beide Fäuste voll mit Mühe und Jammer. (Pred. Sal. 4,6.)

Dein alter Schulmeister

Baard Andersen Opdal.

An die wohlehrsame
Jungfrau Marit Knudstochter, Heidehöfen.

Schönen Dank für Deinen Brief, den ich gelesen und verbrannt habe, wie Du es verlangst. Du schreibst von vielem, von allem möglichen, nur nicht von dem, was ich am liebsten gehört hätte. Auch ich darf nicht von etwas Gewissem schreiben, ehe ich weiß, wie es mit Dir in jeder Beziehung steht. Der Brief des Schulmeisters sagt nichts, woran man sich halten könnte, aber er lobt Dich, und dann sagt er, Du seist unbeständig. Das warst Du schon immer. Nun weiß ich nicht, was ich denken soll, und deshalb mußt Du schreiben. Ich werde nicht ruhig, ehe Du nicht geschrieben hast. Am meisten denke ich jetzt daran, wie Du am letzten Abend auf den Berg kamst, und an das, was Du damals sagtest. Mehr will ich diesmal nicht sagen, und deshalb lebwohl.

Ehrerbietigst

Öyvind Pladsen.

An den Junggesellen Öyvind Thoresen.

Der Schulmeister hat mir einen neuen Brief von Dir gegeben, und den habe ich jetzt gelesen. Aber ich kann ihn gar nicht recht verstehen, und das kommt wohl davon, daß ich nicht gelehrt genug bin. Du willst wissen, wie es mit mir in jeder Beziehung steht? nun, ich bin frisch und gesund, und mir fehlt durchaus nichts. Ich esse gern, besonders wenn es Milchreis gibt, ich schlafe nachts, und dann und wann auch am Tage. Diesen Winter habe ich viel getanzt, denn hier ist viel los gewesen, und es ging lustig zu. Ich gehe in die Kirche, wenn der Schnee nicht zu hoch liegt, aber der ist diesen Winter dick gewesen. Nun wirst Du wohl alles erfahren haben, und wenn nicht, dann weiß ich nichts Besseres, als daß Du mir noch einmal schreiben mußt.

Marit Knudstochter.

An die wohlehrsame
Jungfrau Marit Knudstochter, Heidehöfen.

Deinen Brief habe ich erhalten, aber Du scheinst mich nicht klüger werden lassen zu wollen, vielleicht ist es auch eine Antwort, ich weiß es nicht. Ich mag nichts von dem schreiben, was ich gern schreiben möchte, denn ich kenne Dich nicht. Aber vielleicht kennst Du auch mich nicht.

Denk nur ja nicht, daß ich noch immer der weiche Käse bin, aus dem Du Wasser drücktest, als ich dasaß und Dir beim Tanzen zusah. Seit jener Zeit habe ich auf vielen Brettern gelegen zum Trocknen. Auch bin ich nicht wie die langhaarigen Hunde, die gleich die Ohren hängen lassen und die Leute scheuen, wie ich früher tat; jetzt lasse ich's drauf ankommen.

Dein Brief war recht spaßig, aber er spaßte, wo es durchaus nichts zu spaßen gab, denn Du hast mich recht gut verstanden, und da konntest Du Dir wohl denken, daß ich nicht aus Scherz fragte, sondern weil ich in der letzten Zeit an nichts andres habe denken können, als an das, was ich gefragt habe. Ich bin in großer Angst umher gegangen und habe gewartet, und da kriege ich als Antwort nichts wie Albernheit und Gelächter.

Lebewohl, Marit Heidehöfen, ich werde Dich nicht mehr zuviel ansehen, wie auf jenem Ball. Mögest Du immer recht gut essen und recht gut schlafen und Dein neues Gewebe bald fertig kriegen, und vor allen Dingen den Schnee wegschaufeln, der vor der Kirchtür liegt.

Ehrerbietigst

Byvind Thoresen Pladsen.


An den Ackerbauschüler Oyvind Thoresen!

Trotz meines hohen Alters und der Schwäche meiner Augen und der Schmerzen in meiner rechten Hüfte muß ich doch dem Drängen der Jugend nachgeben, denn zu uns Alten nimmt sie ihre Zuflucht, wenn sie sich selbst festgefahren hat. Sie schmeichelt und weint, bis sie wieder losgekommen ist, dann aber rennt sie gleich wieder auf und davon und will nichts mehr hören.

Also die Marit; sie tut sich so niedlich und zuckersüß und bittet mit vielen Schmeichelworten, ich möchte doch zur Gesellschaft mitschreiben, denn sie traut sich nicht allein zu schreiben: Deinen Brief habe ich gelesen, sie hat sich wohl eingebildet, sie' hätte Jon Hatlen oder irgendeinen andern Narren vor sich, und nicht einen, den der Schulmeister Baard erzogen hat; aber nun hat sie's mit der Angst gekriegt. Indessen bist Du doch zu streng gewesen, denn es gibt gewisse Frauenzimmerchen, die scherzen, nur um nicht weinen zu müssen, und die Art ist schwer von den andern zu unterscheiden.

Aber das gefällt mir, daß Du das Ernste ernst nimmst, denn sonst kannst Du nicht lachen über das, was närrisch ist.

Was nun Euer beider Sinn angeht, – daß Ihr einander gut seid, das ist aus vielem ersichtlich. An ihr habe ich oft gezweifelt, denn sie gleicht dem Wehen des Windes, allein nun weiß ich doch, daß Sie Jon Hatlen widerstanden hat, worüber ihr Großvater in heftigem Zorn entbrannt ist. Als Deine Werbung kam, wurde sie froh, und wenn sie scherzte, so geschah es nicht aus böser Absicht, sondern aus lauter Freude. Sie hat viel ausstehen müssen, und das hat sie getan, um auf den zu warten, nach dem ihr Sinn stand. Und nun willst Du auf einmal nichts mehr von ihr wissen, sondern wirfst sie weg wie ein unartiges Kind.

Das war es, was ich Dir vorhalten wollte, und dann will ich noch den Rat hinzufügen, daß Du Dich ja mit ihr wieder aussöhnen möchtest, denn Du wirst schon auch ohne das genug Gelegenheit zum Streit finden. Ich bin wie jener Greis, der drei Geschlechter gesehen hat; ich kenne die Torheiten und ihren Lauf.

Dein Vater und Deine Mutter lassen Dich grüßen, sie warten sehnlichst auf Dich. Davon habe ich Dir jedoch früher nicht sprechen wollen, damit Du kein Herzweh bekämest. Deinen Vater kennst Du noch nicht; er ist wie ein Baum, der keinen Seufzer von sich gibt, ehe er gefällt wird. Aber sollte Dir einmal etwas zustoßen, dann wirst Du ihn kennen lernen, und Du wirst Dich verwundern, wie wenn einer plötzlich einen Schatz entdeckt. Er ist im Weltlichen bedrückt und schweigsam gewesen, aber Deine Mutter hat sein Herz von der weltlichen Angst befreit, und nun klärt sich sein Lebenstag auf.

Nun verdummen sich meine Augen, und auch die Hand will nicht mehr. Deshalb empfehle ich Dich Ihm, dessen Auge immerdar wacht, und dessen Hand nimmer müde wird.

Baard Andersen Opdal.


An Oyvind Pladsen!

Du scheinst mir böse zu sein, und das tut mir sehr leid. Denn ich habe es ja gar nicht bös gemeint, ich habe es nur gut gemeint. Mir fällt ein, daß ich oft nicht nett gegen Dich gewesen bin, und deshalb will ich jetzt an Dich schreiben, aber Du darfst es niemandem zeigen. Einmal ging es mir so, wie ich's haben wollte, aber da war ich nicht lieb genug; und jetzt will keiner mehr was von mir wissen, und nun geht es mir recht schlecht. Jon Hatlen hat ein Spottlied auf mich gedichtet, und das singen alle Burschen, und ich mag auf keinen Tanz mehr gehen. Die beiden Alten wissen darum, und ich muß böse Worte hören. Aber ich sitze allein und schreibe, und Du mußt es keinem zeigen.

Du hast viel gelernt und könntest mir raten, aber Du bist so weit fort. Ich bin oft bei Deinen Eltern gewesen und habe mit Deiner Mutter gesprochen, und wir sind gute Freunde geworden; aber ich mag ihr nichts sagen, denn Du hast so sonderbar geschrieben. Der Schulmeister macht sich nun über mich lustig, und er weiß nichts von dem Spottlied; denn in seiner Gegenwart wagt keiner so was zu singen. Jetzt bin ich allein und habe keinen, mit dem ich sprechen könnte; ich denke an die Zeit, als wir noch Kinder waren und Du immer so lieb zu mir warst und ich immer auf Deiner Kjaelke sitzen durfte. Ich wollte, ich wäre wieder ein Kind.

Ich wage nicht mehr, Dich um Antwort zu bitten, denn ich wage es nicht. Aber wenn Du mir doch noch ein einziges Mal antworten wolltest, dann würde ich Dir das nie vergessen, Öyvind.

Marit Knudstochter.

Ach bitte, verbrenne diesen Brief; ich weiß kaum, ob ich ihn abschicken darf.


Liebe Marit!

Dank für Deinen Brief; den hast Du in guter Stunde geschrieben. Nun will ich Dir sagen, Marit: ich habe Dich so lieb, daß ich es hier kaum mehr aushalten kann, und hast Du mich ebenso lieb, dann sollen Jons Spottlieder und andere böse Worte nur Blätter sein, wie sie der Baum für viele trägt. Seit ich Deinen Brief habe, bin ich ein neuer Mensch, denn ich fühle doppelte Kraft in mir und fürchte mich vor niemand in der ganzen Welt. Als ich den vorigen Brief abgesandt hatte, bereute ich es so, daß ich fast krank wurde. Und nun sollst Du hören, was das zur Folge gehabt hat. Der Direktor nahm mich beiseite und fragte mich, was mir fehlte; er glaubte, ich arbeitete zuviel. Da sagte er zu mir, ich sollte, wenn mein Jahr um wäre, noch eins hier bleiben, und ganz umsonst; ich sollte ihm hier und da ein wenig helfen, und er wollte mir noch vieles lehren. Da dachte ich, die Arbeit wäre das einzige, woran ich mich halten könnte, und ich nahm es mit Dank an; und ich bereue es auch noch nicht, obwohl ich mich jetzt sehr nach Dir sehne, denn je länger ich hier bin, desto mehr Grund habe ich einst, Dich zu begehren, wie froh bin ich jetzt, ich arbeite für drei, und nie will ich in irgend etwas zurückstehen! Aber ich will Dir ein Buch schicken, das ich lese, darin steht viel von Liebe. Am Abend, wenn die andern schlafen, dann lese ich darin, und dann lese ich auch Deinen Brief immer wieder durch. Hast Du Dir wohl mal ausgemalt, wie es wird, wenn wir uns wiedersehen? Daran denke ich so oft, und das mußt Du auch mal versuchen. Du sollst sehen, wie schön das ist. Aber ich bin froh, daß ich soviel gearbeitet und gekrabbelt habe, trotzdem es oft schwer war; denn jetzt kann ich Dir alles sagen, was ich will, und in meinem Herzen dazu lächeln.

Viele Bücher will ich Dir zu lesen geben, da kannst Du sehen, wie viele Widerwärtigkeiten alle die zu überwinden hatten, die sich so innig lieb hatten, daß sie lieber vor Kummer sterben wollten, als einander aufgeben. Und so wollen auch wir es machen, und mit großer Freude. Wohl wird es fast noch, zwei Jahre dauern, bis wir uns wiedersehen, und noch länger, bis wir uns kriegen; allein mit jedem Tage, der vergeht, ist es doch einen Tag weniger, daran wollen wir immer denken bei unserer Arbeit.

In meinem nächsten Briefe soll noch vieles stehen, aber heute abend habe ich kein Papier mehr, und die anderen schlafen alle. So will ich mich denn auch hinlegen und an Dich denken, und immer wieder an Dich denken, bis ich einschlafe.

Dein Freund

Oyvind Thoresen

Neuntes Kapitel

An einem Sonnabend im Mittsommer ruderte Tore hinüber, um seinen Sohn zu holen, der heute nachmittag von der Ackerbauschule heimkommen sollte, denn jetzt war er fertig. Die Mutter hatte mehrere Tage lang die Scheuerfrau gehabt, alles war sauber und gescheuert, die Kammer war zurechtgemacht, ein Ofen hineingesetzt, und da sollte Oyvind wohnen. Jetzt brachte die Mutter noch frisches Laub hinein, überzog das Bett mit reinem Leinen und spähte dann und wann hinaus, ob sich noch kein Boot auf dem Fjord zeigte. Drinnen war festlich gedeckt, aber immer noch fehlte etwas, oder die Fliegen mußten fortgejagt werden, und in der Kammer lag immer wieder ein Stäubchen. Noch immer kam kein Boot; sie lehnte sich auf die Fensterbank und sah hinaus. Da hörte Sie auf dem Wege dicht neben sich Schritte und wendete sich um. Es war der Schulmeister, der, auf einen Stock gestützt, langsam den Berg herunterkam, denn es ging noch immer schlecht mit seiner Hüfte. Ruhig blickten die klugen Augen umher. Er machte Halt, ruhte sich aus, nickte ihr zu und fragte: »Na, noch nicht da?« »Nein, sie müssen aber jeden Augenblick kommen.« »Feines Heuwetter heute.« »Aber zu heiß für alte Leute zum Gehen.« Der Schulmeister sah sie lächelnd an. »Sind heut am Ende junge Leute hier gewesen?« »Ja, ein gewisser Jemand war hier, ist aber wieder weggegangen.« »Natürlich; wollen sich wohl heut abend irgendwo treffen.« »Wird wohl so sein; Thore sagt, sie dürfen sich in seinem Hause nicht treffen, ehe sie die Einwilligung der Alten haben.« »Richtig, sehr richtig.« Nach einer Weile rief die Mutter: »Ich glaube fast, da kommen sie.« Der Schulmeister blickte lange hinaus. »Ja, das sind sie!« Sie trat vom Fenster zurück, und er kam herein. Als er sich ein wenig ausgeruht und erfrischt hatte, gingen sie ans Ufer hinunter, während das Boot mit raschen Schlägen auf sie zusteuerte, denn Vater und Sohn ruderten beide. Die Rudernden hatten ihre Jacken abgeworfen, es spritzte weiß unter den Rudern, und bald war das Boot da. Oyvind wandte den Kopf und sah auf, erblickte die beiden am Anlegeplatz, zog die Ruder ein und rief: »Guten Tag, Mutter, guten Tag, Schulmeister!« »'ne ordentliche Mannsstimme hat er gekriegt,« sagte die Mutter mit strahlendem Gesichte; »ach je, ach je, und so blond ist er auch noch,« setzte sie hinzu. Der Schulmeister empfing das Boot mit kräftiger Hand, der Vater zog die Ruder ein. Oyvind lief an ihm vorüber ans Land, gab erst der Mutter, dann dem Schulmeister die Hand und lachte und lachte, und ganz gegen alle Bauernsitte erzählte er gleich in einem reißenden Strome vom Examen, von der Reise, von dem Zeugnis des Direktors und günstigen Anerbietungen. Er fragte nach der Ernte und nach Bekannten, nur nicht nach der einen. Der Vater war dabei, das Gepäck aus dem Boote heraufzutragen, aber er wollte auch gern mit zuhören, er meinte deshalb, es könnte ja vorläufig drin bleiben, und kam mit den andern. Und so ging es denn hinauf, Oyvind lachte und erzählte, die Mutter lachte mit, denn sie wußte gar nicht, was sie sagen sollte, der Schulmeister ging langsam nebenher und sah Oyvind mit klugen Augen an, und der Vater schritt fast ehrerbietig ein Stückchen hinter ihnen her. Und so kamen sie heim. Oyvind freute sich über alles, was er sah, zuerst darüber, daß das Haus neu angestrichen war, dann über die Erweiterung der Mühle, dann darüber, daß die Butzenscheiben in Stube und Kammer herausgenommen waren und weißes Glas an Stelle des grünen gekommen war, und daß die Fensterrahmen vergrößert worden waren. Als er eintrat, kam ihm alles so merkwürdig klein vor, wie er sich's gar nicht vorgestellt hatte, aber es sah lustig aus. Die Uhr kakelte wie eine fette Henne, die Stühle waren so niedlich geschnitzt, als ob sie mitschwatzen wollten, jede Tasse auf dem gedeckten Tisch kannte er, der Herd mit seinen weißen Kacheln lächelte ihm willkommen zu. Duftendes Laub hing an den Wänden, Wacholderbüschel waren auf dem Fußboden gestreut und verkündeten Festzeit. Sie setzten sich zum Essen, aber viel gegessen wurde nicht, denn er plauderte unaufhörlich. Jetzt betrachtete ihn jeder von den andern mit mehr Muße, man fand Veränderungen und Ähnlichkeiten heraus, entdeckte alles, was neu an ihm war, bis auf die blauen Tuchkleider, die er anhatte. Einmal, als er gerade eine lange Geschichte von einem seiner Kameraden erzählt hatte und endlich aufhörte, so daß eine kleine Pause eintrat, sagte der Vater: »Ich verstehe kaum ein Wort von dem, was du sagst, Junge, du sprichst so entsetzlich schnell.« Alle brachen in lautes Gelächter aus, und Oyvind nicht zum wenigsten; er wußte recht gut, daß der Vater recht hatte, aber es war ihm nicht möglich, langsamer zu sprechen. Alles Neue, was er auf seiner ersten großen Wanderschaft gesehen und gelernt hatte, hatte seine Phantasie und Auffassungsgabe dermaßen gepackt und ihn so ganz aus den gewohnten Verhältnissen herausgerückt, daß die Kräfte, die lange geschlummert hatten, wie aufgescheucht waren und der Kopf in unablässiger Arbeit war. Weiter fiel es ihnen auf, daß er sich aus lauter Überstürzung angewöhnt hatte, oft ganz willkürlich zwei, drei Worte wieder und immer wieder aufzunehmen; es war, als stolpere er über sich selbst. Bisweilen wirkte das komisch, aber dann lachte er, und vergessen war es. Der Vater und der Schulmeister saßen da und spähten, ob er etwas von seiner Besonnenheit verloren hätte, aber das schien nicht so zu sein. Er dachte an alles, erinnerte selbst daran, daß das Boot ausgeladen werden müßte, packte gleich sein Zeug aus, zeigte seine Bücher, seine Uhr, alles Neue, und die Mutter fand, er habe alles hübsch geschont. Sein kleines Zimmer gefiel ihm ganz übermäßig; fürs erste wollte er, wie er sagte, daheim bleiben, bei der Heuernte helfen und studieren. Wo er später hin sollte, wußte er noch nicht, aber es war ihm ganz einerlei. Sein Denken war von einer Schnelligkeit und Kraft, die erquickend wirkten, und seine Ausdrucksweise von einer Lebendigkeit, die wohltuend auf Menschen wirken mußte, die das ganze Jahr lang sich immer nur in Zurückhaltung üben. Der Schulmeister wurde um zehn Jahre jünger.

»Na, soweit wären wir also glücklich,« sagte er strahlend, als er sich erhob, um zu gehen.

Als die Mutter, die ihn nach alter Gewohnheit begleitet hatte, wieder hereinkam, bat sie Oyvind einen Augenblick in die Kammer. »Ein gewisser Jemand erwartet dich um neun Uhr,« flüsterte sie. »Wo?« »Oben auf dem Berge!«

Oyvind sah nach der Uhr, es ging auf neun. Drinnen konnte er's nicht mehr aushalten, darum ging er hinaus, kletterte den Berg hinauf, blieb oben stehen und schaute sich um. Das Hausdach lag dicht unter dem Bergrand; das Buschwerk auf dem Dache war groß geworden, alle die jungen Bäumchen um ihn her waren auch gewachsen, und er kannte jeden einzelnen wieder. Er sah den Weg hinunter, der am Berg entlang ging und an der andern Seite vom Walde begrenzt war. Grau und ernst lag der Weg, aber der Wald prunkte mit allerlei Laubarten; die Bäume wuchsen hoch und rank in die Höhe; in der kleinen Bucht lag ein Schiff mit schlaffen Segeln; es war mit Brettern geladen und wartete auf Wind. Er blickte über das Wasser hinaus, das ihn damals fort- und jetzt wieder heimgetragen hatte; still und blank lag es da, ein paar Seevögel flogen darüber hin, aber ohne Geschrei; denn es war schon spät. Der Vater kam aus der Mühle, blieb vor der Tür stehen, sah wie der Sohn über das Wasser hin und ging an den Strand hinunter, um das Boot für die Nacht zu bergen. Die Mutter kam von der andern Seite heraus, sie war in der Küche gewesen; sie sah nach dem Berg hinauf, während sie über den Hof ging und den Hühnern etwas Futter brachte, sah abermals hinauf und summte ein Liedchen. Oyvind setzte sich und wartete; das Unterholz war so dicht geworden, daß er nicht weit sehen konnte; aber er horchte auf das kleinste Geräusch. Lange waren es nur Vögel, die aufflatterten und ihn zum Narren hatten, dann wieder ein Eichhörnchen, das in einen andern Baum hinüberhüpfte. Aber endlich raschelte es ein bißchen weiter weg, es wurde still, es raschelte wieder; er springt auf, sein Herz klopft, und das Blut schießt ihm zu Kopfe. Da knackt es im Busch dicht neben ihm; es ist nur ein großer, zottiger Hund, der herauskommt und ihn anguckt, dann auf drei Beinen stehen bleibt und sich nicht rührt. Es ist der Hund von den Heidehöfen, und dicht hinter ihm raschelt es wieder, der Hund dreht den Kopf um und wedelt: da kommt Marit.

Ein Busch hakte sich in ihrem Kleide fest, sie wendete sich, um ihn loszunesteln, und nun sah er sie. Ihr Kopf war unbedeckt, und die Haare waren in einen Kauz aufgesteckt, wie die Mädchen sie alltags zu tragen pflegen; sie hatte ein derbes, gewürfeltes Kleid ohne Ärmel an, und um den Hals nichts als den überfallenden Hemdkragen; sie hatte sich direkt von der Feldarbeit weggeschlichen und nicht gewagt, erst Staat zu machen. Nun sah sie mit schiefem Köpfchen zu ihm auf und lächelte; es blitzte in den weißen Zähnen und unter den halbgeschlossenen Lidern; so stand sie und zupfte ein wenig an ihrem Kleide, aber dann kam sie näher, und bei jedem Schritt errötete sie immer tiefer. Er ging ihr entgegen und nahm ihre Hand zwischen seine beiden; sie senkte die Augen tief zur Erde, und so standen sie einander gegenüber.

»Dank dir auch für alle deine Briefe,« war das erste, was er sagte, und als sie nun ein klein wenig aufsah und lachte, da merkte er, daß sie das schelmischste kleine Waldhexlein war, dem er je begegnet war, aber verhext war er nun mal, und sie nicht minder. »Wie groß du geworden bist!« sagte sie und meinte doch etwas ganz andres. Sie musterte ihn freier und freier, lachte mehr und mehr, und er lachte auch; aber sie sagten kein Wort. Der Hund hatte sich auf den Felsrand gesetzt und guckte auf das Haus hinunter; Tore sah von unten, vom Wasser her, den Hundekopf und konnte nicht begreifen, was das da oben auf dem Berge sein mochte.

Aber die beiden hatten einander jetzt losgelassen und fingen ein wenig zu plaudern an. Und als er erst in Zug gekommen war, da wurde er so gesprächig, daß sie ihn wirklich auslachen mußte. »Ja, guck, so bin ich, wenn ich froh bin, so recht, recht seelenfroh, weißt; und als zwischen uns beiden alles gut wurde, da war es, als ob in mir ein Schloß aufsprang, richtig aufsprang.« Sie lachte. Dann sagte sie: »Die Briefe von dir, die kann ich alle beinah auswendig.« »Und ich erst deine, na! Aber du hast immer so kurze geschrieben.« »Bloß weil du immerzu so gräßlich lange haben wolltest.« »Und wenn ich gern wollte, daß wir bei einer bestimmten Sache blieben, dann bist du immer ausgerückt.« »Ich bin am niedlichsten von hinten, sagte die Waldhexe und zeigte ihren Schwanz.« »Aber da fällt mir gerade ein, wie bist du denn eigentlich den Jon Hatlen losgeworden? Das hast du mir nie geschrieben.« »Ich? ich hab halt gelacht.« »Was?« »Gelacht, ja, weißt nicht, was lachen ist?« »Und ob! lachen kann ich auch.« »Mal sehen!« »So was! Ich muß doch erst was zum Lachen haben!« »Ich brauch' gar nix, wenn ich recht froh bin.« »Bist du denn jetzt froh, Marit?« »Lache ich denn jetzt?« »Ja, freilich.« Er nahm ihre beiden Hände und schlug sie zusammen, klatsch, klatsch, und dabei sah er sie an. Plötzlich fing der Hund zu knurren an, dann sträubte er das Haar und fing an hinunterzubellen, immer wütender, und zuletzt ganz rasend. Marit sprang erschrocken zurück, aber Öyvind lief vor und guckte hinunter. Es war sein Vater, den der Hund so anbellte. Er stand dicht unterm Berge, beide Hände in den Hosentaschen und sah zu dem Hunde hinauf. »Nanu? Bist du denn auch da oben? Was ist denn das für ein Hundebiest da?« »'s ist der Hund von den Heidehöfen,« erwiderte Öyvind etwas verlegen, »wie zum Kuckuck kommt denn der daher?« Aber die Mutter, die den schrecklichen Lärm gehört hatte, guckte schnell zum Küchenfenster heraus, verstand alles, lachte und sagte: »I, der Hund treibt sich hier jeden Tag herum; da ist nichts Sonderbares dabei.« »So 'n bissiger Köter.« »Er wird freundlicher, wenn man ihn streichelt,« meinte Öyvind und tat es; der Hund schwieg, knurrte aber noch. Der Vater ging ganz arglos ins Haus, und die zwei waren vor der Entdeckung gerettet.

»Na, diesmal ging's ja noch,« sagte Marit, als sie wieder beisammen waren. »Meinst du, später wird's schlimmer?« »Ich wenigstens kenne einen, der uns aufpassen wird.« »Dein Großvater?« »Freilich.« »Pah, der soll uns nichts anhaben!« »Nicht so viel.« »Und das versprichst du mir?« »Ja, das versprech ich dir, Öyvind.« »Wie hübsch du bist, Marit!« » sagte der Fuchs zum Raben, da kriegte er den Käse.« »Ich will auch Käse, das darfst du mir glauben.« »Aber du kriegst keinen, ätsch.« »Dann nehm ich mir welchen!« Sie drehte schnell den Kopf, und er nahm ihn nicht. »Ich will dir mal was sagen, Öyvind!« sie guckte von der Seite zu ihm auf. »Na?« »Du bist so häßlich geworden!« »Du möchtest mir wohl doch gern den Käse geben?« »I wo,« und wieder wendete sie sich ab.

»Jetzt muß ich gehn, Öyvind,« »Ich komm mit.« »Aber nicht weiter als bis zum Waldrand, sonst kann Großvater dich sehen.« »Nein, nicht weiter als bis zum Waldrand. Na wart mal du, du läufst mir ja weg?« »Wir können doch hier nicht nebeneinander gehen.« »Na, weißt du was, nennt man das vielleicht begleiten?« »Fang mich doch!«

Sie rannte davon, er hinterher, bald blieb sie hängen, und er fing sie.

»Hab ich dich jetzt für immer, Marit?« Er schlang seinen Arm um ihren Leib.

»Ich glaube, ja,« sagte sie leise und lachte, wurde aber gleich darauf rot und ernst.

Na, jetzt soll es aber gehen, dachte er, umschlang sie und wollte sie küssen. Aber sie duckte den Kopf unter seinem Arme durch, lachte und lief ihm fort.

Bei den letzten Bäumen blieb sie aber stehen. »Wann treffen wir uns wieder?« fragte sie leise. »Morgen, morgen!« antwortete er ebenso. »Ja, morgen! Adjö!« Und schnell rannte sie fort. »Marit!« Sie blieb stehen. »Komisch, daß wir uns zuerst hier oben auf dem Berge getroffen haben, nicht?« »Ja, komisch !« und fort war sie.

Lange sah er ihr nach, der Hund sprang voraus und bellte, sie lief hinterher und machte in einem fort »scht«. Er drehte sich um, nahm seine Mütze und warf sie in die Luft, fing sie und schleuderte sie wieder hoch. »Jetzt glaube ich wirklich, ich fange an froh zu werden,« sagte der Bursch und ging singend heim.

Zehntes Kapitel

An einem Nachmittag im Spätsommer die Mutter und eine Magd rechten gerade Heu zusammen, und Öyvind und der Vater trugen es hinein, kam ein kleiner barfüßiger Bub mit bloßem Kopfe den Berg herunter und über die Felder auf Öyvind zugelaufen und steckte ihm einen Zettel zu. »Na, du kannst aber rennen!« sagte Öyvind. »Bin auch bezahlt dafür,« antwortete der Junge. Ob er denn Antwort mitnehmen solle? Darauf sagte er nein und trat schleunigst den Rückzug über den Berg an, denn, sagte er, es käme einer hinter ihm her. Öyvind öffnete mit vieler Mühe das Zettelchen, denn das war erst in einen ganz schmalen Streifen zusammengelegt, dann geknotet und dann versiegelt, und las:

»Jetzt ist er im Anmarsch, aber es geht langsam. Lauf in den Wald und versteck Dich.

Eine, die du kennst.«

»I, fällt mir nicht ein,« dachte Öyvind und sah trotzig den Berg hinauf. Es dauerte denn auch nicht lange, bis ganz oben an der Halde ein alter Mann zum Vorschein kam; er blieb stehen, ging ein Stückchen und blieb wieder stehen. Sowohl Tore wie seine Frau hielten mit der Arbeit inne, um ihn zu betrachten. Tore fing verschmitzt zu lächeln an, aber die Mutter wechselte die Farbe. »Kennst du den?« »Na und ob, den muß man wohl kennen!«

Vater und Sohn fingen wieder an, Heu zu tragen, aber Öyvind wußte es immer so einzurichten, daß sie dicht hintereinander waren, wie ein schwerer Weststurm zog der Alte vom Berge da oben langsam näher. Er war sehr groß und ziemlich wohlbeleibt; er hatte schlimme Füße und ging mühsam Schritt für Schritt, sich schwer auf seinen Stock stützend. Bald war er so nahe, daß sie ihn deutlich sehen konnten; er blieb stehen, nahm die Mütze ab und wischte sich den Schweiß mit einem Tuche ab.

Er war bis tief an den Hinterkopf hinunter kahl, hatte ein rundes, runzliges Gesicht, buschige Augenbrauen, kleine, stechende, blinzelnde Augen, aber noch alle Zähne im Munde. Seine Sprache klang scharf und gellend, als ob sie über Stock und Stein hüpfe; aber ab und zu ruhte sie mit großem Wohlbehagen auf einem »r«, schnarrte mehrere Ellen weit darüber hin und machte zugleich einen gewaltigen Hopser mit der Stimme. Er war aus früheren Zeiten bekannt als ein muntrer, wenn auch hitziger Mann; auf seine alten Tage war er infolge von allerlei Widerwärtigkeiten jähzornig und mißtrauisch geworden.

Tore und Öyvind machten noch manche Wendung, ehe Ole sich herangepirscht hatte; beide merkten, daß er nicht in guter Absicht kam, und eben deshalb war es so komisch, daß es so lange dauerte, bis er da war. Sie bemühten sich beide, höchst ernsthaft einherzugehen und leise zu sprechen, aber da es kein Ende nehmen wollte, kam ihnen das Lachen. Oft kann einen ein halbes Wort, wenn es treffend ist, unter solchen Umständen zum Lachen reizen, und ganz besonders, wenn das Lachen mit Gefahr verbunden ist. Als er zuletzt nur noch ein paar Steinwürfe von ihnen entfernt war, die jedoch kein Ende nehmen wollten, sagte Öyvind ganz trocken und leise: »Der Mann muß schwere Ladung haben!« Mehr war nicht nötig. »Ich glaube, du bist nicht gescheit, Junge,« flüsterte der Vater, obgleich er selber lachen mußte, »Hm, hm,« erscholl ein Räuspern vom Hügel. »Er macht seine Kehle zurecht,« flüsterte Tore. Öyvind warf sich vor einem Heuhaufen auf die Knie, steckte den Kopf ins Heu und lachte.

Der Vater beugte sich ebenfalls nieder.

»Wir gehen lieber in die Scheune!« flüsterte er, nahm einen Arm voll Heu und trabte davon. Öyvind, ganz krumm vor Lachen, nahm schnell ein kleines Bündel, lief hinter ihm her und warf sich auf die Tenne nieder. Der Vater war ein ernsthafter Mann, aber brachte ihn jemand zum Lachen, dann fing es erst in ihm zu glucksen an, dann kamen längere stoßweise Triller, bis endlich alles in einen einzigen schallenden Brüllton zusammenfloß, worauf dann Welle auf Welle mit immer längerem Keuchen hervorbrach. Jetzt war er in Zug gekommen, der Sohn lag auf dem Boden, der Vater stand über ihn gebeugt, und beide lachten, kringelten sich vor Lachen. Es hatte sie bisweilen mit solchen Lachraptussen. »Aber dieser kommt wirklich ungelegen,« sagte der Vater. Zuletzt wußten sie nicht, wie das gehen sollte, denn jetzt mußte der Alte ja da sein. »Ich denke gar nicht dran, hinauszugehen,« sagte der Vater, »ich hab nichts mit der Sache zu schaffen.« »Schön, dann geh ich auch nicht,« erklärte Öyvind. »Hm, hm,« klang es draußen dicht an der Wand. Der Vater drohte dem Jungen. »Marsch hinaus mit dir!« »Erst du!« »Willst du dich gleich packen!« »Erst du!« sie bürsteten sich gegenseitig ab und traten dann mit höchst ernsten Mienen hinaus. Als sie unten an der Scheunenbrücke waren, sahen sie Ole nach der Küchentür gewendet stehen, als ob er sich bedächte. Er hielt die Mütze in der Hand, in der er auch den Stock hielt, und trocknete mit dem Taschentuche den Schweiß von seinem kahlen Schädel, während er zugleich die wenigen Haarbüschel hinter den Ohren und im Nacken zurecht zupfte, daß sie sich wie Borsten sträubten. Öyvind hielt sich hinter dem Vater; dieser mußte deshalb still stehen, und um der Sache ein Ende zu machen, sagte er mit ungeheurem Ernst: »Na, so alte Leute noch auf den Beinen?« Ole wendete sich um, sah ihn bös an und setzte seine Mütze wieder zurecht, ehe er erwiderte: »Ja, scheint so!« »Wirst wohl müde sein, willst du nicht hineinkommen?« »Danke, kann hier draußen ausruhn: mein Geschäft ist kurz.« Da klinkte jemand leise die Küchentür auf; zwischen der in der Küchentür und Tore stand der alte Ole, den Mützenschirm tief über die Augen hinuntergedrückt, denn seitdem das Haar ihm ausgegangen war, war ihm die Mütze zu groß geworden. Um besser sehen zu können, bog er den Kopf weit hintenüber, den Stock hielt er in der rechten Hand, und die linke stemmte er in die Seite, wenn er nicht gerade gestikulierte, und auch dann tat er nichts andres, als sie halb von sich abstrecken wie einen Wächter seiner Würde. »Ist der da hinter dir dein Sohn?« begann er mit scharfer Stimme. »Man sagt so.« »Heißt er nicht Öyvind?« »Ja, so heißen sie ihn.« »Er ist auf einer von diesen Ackerbauschulen da unten im Süden gewesen, nicht?« »Ja, so ist es wohl.« »Das Mädel, meine Großtochter, die Marit, die ist seit einiger Zeit ganz verrückt.« »Ach, das ist aber schade!« »Sie will sich nicht verheiraten.« »Nicht möglich!« »Sie will keinen von allen den Bauernburschen, die um sie freien.« »Ach was!« »Und das soll dem seine Schuld sein, ja, dem da hinter dir.« »Ei, ei.« »Er soll ihr den Kopf verdreht haben; ja, der da, dein Sohn, der Öyvind.« »I Teufel auch!« »Siehst du, ich mag nicht, daß mir jemand meine Pferde wegnimmt, wenn ich sie zur Weide schicke, und mag auch nicht, daß mir jemand meine Mädel nimmt, wenn ich sie zu Tanze schicke, mag's durchaus nicht.« »Das versteht sich.« »Ich kann doch nicht hinterherlaufen, ich bin alt, ich kann nicht immerzu aufpassen.« »Glaub's schon, glaub's schon!« »Bei mir muss alles seine Art haben, hörst du wohl; da soll der Hauklotz stehen, und da das Beil liegen, und da das Messer, und da soll gefegt werden, und da darf was hingeworfen werden, da, und nicht vor die Tür, da, ganz genau in die Ecke, gerade dahin und nirgend anders. Also, wenn ich zu ihr sage: nicht den, sondern den, dann soll's eben der sein, und nicht der.« »Freilich!« »Aber so ist es nicht; drei Jahre lang hat sie nein gesagt, und drei Jahre lang hat es zwischen uns gar nicht gut gestanden. Das ist schlimm, und wenn der da schuld dran ist, so will ich's ihm nur eingetränkt haben, so daß du, sein Vater, es hörst, daß ihm das alles nichts nützt, er muß ein Ende machen.« »Ja, ja!« Ole blickte Tore eine Weile an; dann sagte er: »Du antwortest so kurz?« »Tja, die Wurst ist nicht länger.«

Da mußte Öyvind lachen, obgleich ihm wahrlich nicht lächerlich zumute war. Aber bei mutigen Menschen liegt Furcht immer dicht an der Grenze des Lachens, und jetzt neigte er zum Lachen. »Was lachst du?« fragte Ole kurz und scharf. »Ich?« »Lachst du mich vielleicht aus?« »Gott bewahr mich!« Aber seine eigene Antwort reizte seine Lachlust noch mehr. Ole sah das und wurde ganz wütend. Sowohl Tore als auch Öyvind wollten ihr Benehmen durch ernste Gesichter und die freundliche Bitte, doch einzutreten, wieder gut machen; aber es war ein dreijähriger Ingrimm, der sich da Luft machen mußte, und der ließ sich nicht eindämmen.

»Denkst du vielleicht, daß du mich zum Besten haben kannst, he?« begann er; »ich bin in meinem Recht, ich sorge für das Glück meiner Enkelin, wie ich es für das beste halte, und das Lachen junger Gelbschnäbel soll mich nicht davon abhalten.

Man zieht seine Mädel nicht groß, um sie in das erste beste Pächterhaus hineinzuschmeißen, das ihnen die Tür aufmacht, und man wirtschaftet nicht vierzig Jahre lang, um dem Ersten, der dem Mädel den Kopf verdreht, alles ins Maul zu werfen. Meine eigne Tochter sperrte und spreizte sich so lange, bis sie schließlich einen Landstreicher heiratete, und der soff sie alle beide kaputt, und ich mußte ihr Kind zu mir nehmen und den Spaß berappen; aber, Hölle und Teufel, so soll's meinem Enkelkind nicht ergehen, damit du's nur weißt! So wahr ich Ole Nordistuen Heidehöfen bin, sag ich dir: eher soll der Pfarrer das Koboldspack im Nordalswalde aufbieten, als daß er zwei solche Namen wie deinen und Marits von der Kanzel aufbietet, du Ungeheuer! Gehst du vielleicht darauf aus, anständige Freier vom Hofe zu verscheuchen? He? Versuch's nur mal, dich zu zeigen; dann sollst du ein Retourbillett den Berg runter kriegen, daß die Schuhe hinter dir herdampfen. Du Fratzenschneider, du! Du glaubst vielleicht, ich weiß nicht, was ihr denkt, du und das Mädel. Ihr bildet euch ein, der alte Ole Nordistuen wird bald die Nase in die Luft strecken da draußen auf dem Kirchhof, und dann wollt ihr vor den Altar trippeln. Aber ich hab meine sechsundsechzig Jahre auf dem Buckel, und ich werd euch schon beweisen, mein Junge, daß ich leben bleibe, bis ihr beide darüber die Gelbsucht kriegt. Und das noch obendrauf: leg dich meinetwegen um mein Haus rum wie frischgefallener Schnee, du sollst doch nicht ihre Fußsohlen zu sehen kriegen, denn ich schick sie fort, an einen Ort, wo sie vor dir sicher ist, dann kannst du hier herumflattern wie 'ne Elster und dich mit Regen und Nordwind verheiraten. Und nun aus meinen Augen; nun hab ich dir, der sein Vater ist, meine Meinung gesagt, und willst du ihm wohl, dann bring ihn dahin, daß er den Fluß dahin lenkt, wo er laufen kann, über mein Eigentum ist es verboten.« Er machte kehrt und entfernte sich mit kleinen, schnellen Schritten, wobei er den rechten Fuß etwas höher hob als den linken und fortwährend vor sich hinbrummte.

Über die Zurückbleibenden war plötzlich ein tiefer Ernst gefallen, eine böse Ahnung hatte sich in ihren Scherz und ihr Lachen gemischt, und das Haus stand einen Augenblick leer und öde, wie nach einem plötzlichen Schrecken. Die Mutter, die von der Küchentür aus alles mit angehört hatte, sah Öyvind an, bekümmert und dem Weinen nahe, und sagte kein Wort, um ihm das Herz nicht noch schwerer zu machen. Als sie alle schweigend hineingegangen waren, setzte sich Tore ans Fenster und sah Ole mit ernstem Gesichte nach. Öyvinds Augen hingen an jeder seiner Mienen, denn von seinem ersten Worte mußte ja fast die Zukunft des jungen Paares abhängen. Setzte Tore sein Nein zu dem Oles, so war es fast hoffnungslos, daran vorbeizukommen. Seine Gedanken eilten geängstigt von einem Hindernis zum andern; einen Augenblick sah er nichts als Armut, Widerstand, Mißverständnis und gekränktes Ehrgefühl vor sich, und jede Stütze, nach der er greifen wollte, entglitt ihm. Seine Unruhe wurde noch dadurch vermehrt, daß die Mutter mit der Hand auf der Küchentürklinke dastand, zögernd, ob sie den Mut haben sollte, dazubleiben und die Entscheidung mit anzuhören, und daß sie schließlich ganz den Mut verlor und sich hinausschlich.

Öyvind sah den Vater unverwandt an, aber dieser sah nur starr in die Ferne; der Sohn wagte auch nicht ihn anzureden, denn er mußte dem Vater Zeit lassen, seine Gedanken voll auszudenken. Aber jetzt hatte auch die Seele ihren Angstlauf vollendet und nahm wieder Haltung an. »Niemand als Gott allein vermag uns schließlich zu trennen,« dachte er bei sich selbst und sah des Vaters gerunzelte Augenbrauen, jetzt kam's wohl bald. Tore seufzte tief, erhob sich, sah auf und begegnete dem Blick des Sohnes. Er blieb vor ihm stehen und sah ihn lange an. »Mein Wunsch wäre ja,« begann er, »daß du sie aufgäbest, denn man soll sich nie etwas erbetteln oder ertrotzen. Willst du aber trotzdem nicht von ihr lassen, dann magst du mir's gelegentlich sagen, vielleicht kann ich dir dann helfen.« Er ging wieder an die Arbeit, und der Sohn folgte ihm.

Am Abend aber war Öyvind mit seinem Plane im reinen; er wollte sich um die Stelle des Amtsagronomen bewerben und den Direktor und den Schulmeister um ihren Beistand bitten. »Hält sie dann an mir fest, dann werde ich sie mit Gottes Hilfe schon durch meine Arbeit erringen.«

Vergebens wartete er diesen Abend auf Marit; aber während er auf dem Berge hin und her ging, sang er das Lied, das sein Lieblingslied war:

Hoch den Kopf, du kecker Knab,
brach dir auch manche Hoffnung ab,
neue dir wieder winken,
siehst du das Höchste nur blinken.

Hoch den Kopf und nicht gezagt.
Hör den Ruf: wer's mutig wagt,
dem wird in tausend Zungen
goldene Freiheit gesungen.

Hoch den Kopf! Im goldnen Strahl
wölbt sich in dir ein Sternensaal,
himmlische Saiten sich schwingen,
Jubelharfen erklingen.

Hoch den Kopf und singe getrost,
nimmer zerstörst du, was keimt und sproßt,
denn hinter gärenden Kräften
grünt es mit schwellenden Säften.

Hoch den Kopf und werde gefeit
durch aller Hoffnungen Seligkeit,
die durch das Weltenall schweben
und jeden Funken durchbeben.

Elftes Kapitel

Mitten in der Mittagspause war's; auf den großen Heidehöfen hielten die Leute Siesta, auf den Wiesen lag das Heu aufgeworfen, und die Rechen staken in der Erde. Unten an der Scheunenbrücke standen die Heuwagen, die Geschirre lagen daneben, und ein Stückchen davon weideten die Pferde.

Außer ihnen und ein paar Hühnern, die sich auf den Acker verlaufen hatten, war nicht ein einziges lebendes Wesen zu erblicken.

In der Felswand oberhalb der Höfe war eine Kluft, durch die ging der Weg zu den Heidehof-Almen, großen, grasreichen Bergweiden. Dort oben in der Kluft stand heute ein Mann und spähte in die Ebene hinunter, ganz als ob er jemand erwarte. Hinter ihm lag ein kleiner Gebirgssee, aus dem der Bach, der die Kluft gerissen hatte, hinunterfloß. Um diesen See führten auf beiden Seiten Viehsteige nach den Almen hinauf, die man weit hinten sehen konnte. Es jodelte und bellte ihm entgegen, die Herdenglocken hallten zwischen den Bergen, denn die Kühe waren heute reine Durchgänger und ganz hitzig auf das Wasser; Hunde und Hirten bemühten sich, sie zusammenzuhalten, aber vergebens. Die Kühe kamen mit den sonderbarsten Faxen angesetzt, machten notgedrungene Sprünge und liefen unter kurzem unbotmäßigem Gebrüll mit hoch erhobenem Schwanze direkt ins Wasser hinein, wo sie stehen blieben; bei jeder Bewegung des Kopfes klangen ihre Glocken über den See hin. Die Hunde schleckten ein wenig, blieben aber am Lande, die Hirten kamen hinterher und setzten sich auf den warmen, glatten Felsen. Hier nahmen sie ihren Proviant hervor, tauschten miteinander, renommierten gegenseitig mit ihren Hunden, Ochsen und Hausherren, zogen sich dann aus und sprangen ins Wasser, ihren Kühen nach. Die Hunde wollten nicht mit, sondern schlenderten faul, mit hängenden Köpfen, brennenden Augen und lechzenden Zungen am Ufer herum. Kein Vogel war an den Halden zu sehen, kein Laut zu hören außer dem Geplauder der Mädchen und dem Herdengeläut; verbrannt und versengt stand das Heidekraut, die Sonne glühte die Bergwände aus, daß alles schier erstickte in der brütenden Hitze.

Öyvind war's, der dort oben in der Mittagsonne saß und wartete. Er saß in Hemdärmeln dicht am Bache, der aus dem See hinunterfloß. Noch immer zeigte sich niemand auf der Heidehofebene, und schon fing er an, bang zu werden, als plötzlich auf Nordistuen ein großer Hund schwerfällig aus einer Tür herauskam, und hinter ihm ein Mädchen in Hemdärmeln; sie lief über die Wiesen den Berg hinan, und gern hätte er ihr einen Jodler entgegengeschickt, aber er wagte es nicht.

Er beobachtete aufmerksam den Hof, ob vielleicht jemand zufällig herauskäme und sie bemerkte, doch schon war sie in Sicherheit, und voll Ungeduld sprang er mehrmals auf.

Endlich kam sie, mühsam den Bach entlang kletternd, der Hund vor ihr her, hin und wieder stehen bleibend, um zu wittern, während sie sich am Gesträuch festhielt und ihre Schritte immer müder und müder wurden. Öyvind lief ihr entgegen, der Hund knurrte, wurde aber sofort zum Schweigen gebracht. Sowie Marit ihn kommen sah, setzte sie sich auf einen großen Stein, glühend rot, müde und ganz aufgelöst vor Hitze. Er schwang sich neben sie auf den Stein. »Fein, daß du kommst, dank dir auch!« »Ach, aber die Hitze und der Weg! Hast du lange gewartet?« »Nein. Seit er uns abends aufpaßt, müssen wir halt die Mittagzeit benutzen. Aber in Zukunft, denke ich, brauchen wir es nicht mehr so heimlich und mühselig zu machen, grade darüber wollte ich mit dir reden.« »Nicht mehr heimlich, wie denn sonst?« »Ich weiß freilich, daß dir das Heimlichtun gerade am meisten Spaß macht; aber Mut zu zeigen, macht dir auch Spaß. Heute habe ich lange mit dir zu reden, und du mußt hübsch artig zuhören.« »Ist's wahr, daß du Amtsagronom werden willst?« »Ja, und ich werde es schon erreichen. Damit habe ich nun einen doppelten Zweck, erstlich mal, eine feste Stellung zu bekommen, und dann, und vor allen Dingen, etwas auszurichten, was dein Großvater sehen und beurteilen kann. Es trifft sich sehr günstig, daß die meisten Freibauern auf den Heidehöfen junge Leute sind, die gern Verbesserungen und Hilfe hätten; Geld genug haben sie auch. Da will ich also anfangen; ich will alles verbessern, von ihren Viehställen an bis zu ihren Wasserleitungen, ich will Vorträge halten und arbeiten, ich will den Alten sozusagen mit guten Taten umzingeln.« »Das hast du famos gesagt, Öyvind, weiter?« »Ja, das zweite geht uns beide an. Du darfst nicht reisen.« »Wenn er es aber befiehlt?« »Und nichts mehr verheimlichen, was uns angeht.« »Wenn er mich aber quält?« »Wir erreichen nämlich viel mehr und schützen uns besser durch offenes Auftreten. Wir müssen erst recht vor den Augen der Leute so zusammenhalten, daß sie immer davon reden müssen, wie lieb wir uns haben; desto eher wünschen sie, daß wir glücklich werden möchten. Du darfst nicht reisen. Trennung bringt leicht Gefahren mit sich, und Geschwätz kann sich zwischen uns drängen. Im ersten Jahre glaubt man nichts davon, aber nach und nach fängt man doch so ganz allmählich an, dran zu glauben. Aller Wochen einmal wollen wir uns treffen und alles Böse, was sie zwischen uns auftürmen wollen, fortlachen; wir wollen uns auch beim Tanze treffen und den Takt treten, daß es klingt, während die Leute ringsumher sitzen und über uns klatschen, wir wollen uns bei der Kirche treffen und uns begrüßen, daß alle, die uns hundert Meilen voneinander fort wünschen, es sehen. Macht jemand ein Spottlied auf uns, so setzen wir uns hin und versuchen eins als Antwort zu machen; wenn wir uns gegenseitig helfen, werden wir's schon zustande bringen. Niemand kann uns was anhaben, wenn wir zusammenhalten und den Leuten auch zeigen, daß wir es tun. Alles, was unglückliche Liebe heißt, gehört den Furchtsamen oder den Schwachen, oder den Kränklichen, oder den Berechnenden, die nur auf eine gewisse Gelegenheit warten, oder den Schlauen, die schließlich doch für ihre eigene Schlauheit bluten müssen, oder den Sinnlichen, die sich nicht so lieb haben, daß sie Standesunterschiede und andres drüber vergessen; die gehen herum und verstecken sich, schicken sich Briefe, beben bei jedem Wort, und diese Angst, diese stete Unruhe, dieses unaufhörliche Prickeln im Blute halten sie schließlich für Liebe, fühlen sich unglücklich und lösen sich auf wie Zucker. Pah, hätten sie sich richtig lieb, dann wären sie nicht so bangbüchsig, dann lachten sie lieber und gingen, offen in jedem Lächeln und offen in jedem Wort, geradeswegs auf die Kirchentür zu. Ich habe Bücher darüber gelesen, und ich habe es selbst gesehen: mit der Liebe, die auf Schleichwegen geht, ist's jämmerlich bestellt. Anfangen muß sie heimlich, weil sie mit Schüchternheit beginnt; aber leben muß sie in Offenheit, weil sie in Freude lebt. Grad wie beim jungen Frühlingslaub ist's; was wachsen soll, kann sich nicht verstecken, jedenfalls wirst du immer sehen, daß in demselben Moment, wo der Baum knospt und treibt, alles Dürre vom Baume abfällt. Einer, über den die Liebe kommt, läßt all das alte, tote Zeug fahren, die Säfte schwellen und treiben; und das sollte niemand merken?

Juchhe, mein Schatz, froh sollen sie werden, wenn sie uns zwei Frohe angucken; zwei Brautleute, die sich treu bleiben, tun eine Wohltat an den Leuten, denn sie geben ihnen ein Gedicht, das ihre Kinder zur Schande der ungläubigen Eltern auswendig lernen. Ich habe von vielen solchen gelesen, auch in unsrer Bygde leben noch welche im Volksmund, und gerade die Kinder von denen, die einst all das Böse angestiftet haben, singen sie jetzt mit Rührung. Ja, Marit, jetzt wollen wir einander die Hände geben so, ja, und dann wollen wir uns versprechen, zusammenzuhalten, so, ja und dann soll's schon gehen, hurra!« Er wollte sie beim Kopfe fassen, aber sie wendete sich ab und ließ sich vom Steine heruntergleiten.

Er blieb sitzen, sie kam wieder und, die Arme auf seine Knie stützend, kniete sie vor ihm und sagte, indem sie zu ihm aufblickte: »Hör mal, Öyvind: wenn er nun aber will, daß ich reise, was dann?« »Dann sagst du einfach nein, rund nein.« »Um Gotteswillen, geht denn das?« »Er kann dich doch nicht selbst in den Wagen hinausschleppen.« »Wenn auch das nicht gerade, so kann er mich doch auf mancherlei andre Weise zwingen.« »Das glaub ich nicht; Gehorsam bist du ihm ja schuldig, so lange er keine Sünde von dir verlangt; aber du hast auch die Pflicht, ihm deutlich zu verstehen zu geben, wie schwer es dir diesmal fällt, gehorsam zu sein. Ich meine, wenn er das sieht, dann wird er sich doch bedenken; jetzt glaubt er wie die meisten andern, es sei nur Kinderei. Zeig ihm, daß es mehr ist.« »Glaub nur, es ist gar nicht so einfach, mit ihm fertig zu werden. Er bewacht mich wie eine angebundene Ziege.« »Aber du reißt den Strick doch mehrmals am Tage kaputt!« »Ist nicht wahr.« »Doch, jedesmal, wenn du heimlich an mich denkst, reißt du ihn kaputt.« »Ach soo; aber wer sagt dir denn, daß ich so oft an dich denke?« »Säßest du sonst wohl hier?« »Ach du Dummer, du hast ja nach mir geschickt.« »Aber du bist gekommen, weil dich die Gedanken hierher trieben.« »Oder lieber, weil so schönes Wetter war.« »Eben fandest du es ja noch so schrecklich heiß.« »Ja, zum Bergaufgehen, aber nicht zum Bergabgehen!« »Warum bist du denn heraufgegangen?« »Bloß, um hinunterlaufen zu können.« »Warum bist du denn nicht schon gelaufen?« »Weil ich mich ausruhen mußte.« »Um mit mir von Liebe zu reden?« »Den Spaß konnte ich dir ja leicht machen, dich anzuhören.« »Während's Vögelein sang, « »und alles ruht,« »und die Glocke klang « »in Waldeshut.«

In diesem Augenblicke sahen die beiden den Großvater, wie er herausgehumpelt kam, und an der Glockenschnur zog, um die Leute wach zu läuten. Aus Scheunen, Schlupfwinkeln und Häusern kamen sie hervor, gingen schläfrig zu den Pferden und den Rechen, zerstreuten sich über die Wiesen, und kurz drauf war alles wieder Leben und Arbeit. Nur der Großvater ging von einem Hause nach dem andern und zuletzt auf die höchste Scheunenbrücke hinauf und guckte sich nach allen Seiten um. Ein kleiner Junge kam auf ihn zugelaufen, vermutlich hatte er ihn gerufen. Der Junge ging richtig in der Richtung nach Pladsen hin, der Großvater rund um das Gehöft herum, wobei er oft hinaufsah und wohl nichts weniger ahnte, als daß das Schwarze da oben auf dem »Großen Stein« Marit und Öyvind waren. Aber wieder mal setzte Marits großer Hund sie in Verlegenheit. Er sah ein fremdes Pferd auf den Heidehof zufahren, und da er sich einbildete, mitten in seinen Hofgeschäften zu sein, fing er aus vollem Halse zu bellen an. Sie suchten ihn zum Schweigen zu bringen, aber er war böse geworden und wollte nicht. Unten stand der Großvater und starrte in die Höhe. Doch es wurde noch schlimmer, denn alle die Hirtenhunde hörten mit Erstaunen die fremde Stimme und liefen herbei. Als sie sahen, daß es ein großer, wolfähnlicher Hund war, taten sich alle die struppigen Finnenhunde gegen den einen zusammen. Marit erschrak so, daß sie ohne Lebwohl davonlief. Öyvind stürzte sich mitten in die Schlacht hinein, trat und schlug um sich, aber sie verlegten nur den Kampfplatz und stürzten wieder aufeinander los, unter gräßlichem Geheul und Getrampel, Öyvind wieder hinterher, und so immer weiter, bis sie sich endlich bis zum Ufer des Baches hingewalzt hatten, da lief er schnell hinzu, und die Folge war, daß sie alle ins Wasser plumpsten, und zwar gerade an einer Stelle, wo's recht tief war; da liefen sie beschämt auseinander, und so endete diese Waldschlacht. Öyvind ging quer durch den Wald, bis er auf die Landstraße kam, aber Marit stieß unten am Zaune mit dem Großvater zusammen; das hatte der Hund ihr angetan.

»Na, wo kommst denn du her?« »Aus dem Walde.« »Was hast denn da zu suchen?« »Beeren gepflückt.« »Das ist nicht wahr!« »Nein, ist es auch nicht.« »Na also, was machtest du?« »Sprach mit wem.« »Mit dem Pladsenbub?« »Ja.« »Hör mal, Marit, morgen reist du.« »Nein.« »Hör mal, ich will dir nur eins sagen, nur das Eine: du wirst reisen!« »Du kannst mich doch nicht in den Wagen schleppen.« »So? das könnte ich nicht?« »Nein, weil du nicht willst.« »So? ich will nicht? Na, wart nur! Nur zum Spaß, verstehst du, nur Zum Spaß will ich dir sagen, daß ich deinem Lumpenbengel da die Rippen zerschlagen werde.« »Das wagst du doch nicht.« »Wage ich nicht? Wage ich nicht, sagst du? Oho, wer sollte mir denn was tun, he?« »Der Schulmeister.« »Der Schu-Schu- Schulmeister? glaubst am Ende, der schert sich um ihn?« »Ja, der hat ihn doch auch auf die Ackerbauschule gebracht.« »Der Schulmeister?« »Ja, der Schulmeister.«

»Na, kurz und gut, Marit, ich will von diesem Rumflankieren nichts mehr wissen, du mußt weg von hier. Du machst mir nur Sorge und Kummer, grad wie deine Mutter, nur Sorge und Kummer. Ich bin ein alter Mann und will dich gut versorgt sehen, ich will nicht um dieser Geschichte willen wie ein Narr im Volksmund leben. Ich will nur dein eignes Bestes, das mußt du doch anerkennen, Kind. Mit mir ist's bald vorbei, dann stehst du allein da. Wie wäre es wohl deiner Mutter ergangen, wäre ich nicht gewesen? Hör nun, Marit, sei verständig, hör zu, was ich dir sage; ich will nur dein eignes Bestes.« »Ach, das willst du gar nicht.« »So! was will ich denn, he?« »Deinen Willen durchsetzen, das willst du, aber nach meinem fragst du nicht.« »Solltest du am Ende gar einen Willen haben, du Küken? Solltest wohl gar dein eignes Bestes besser verstehen, du Närrchen, he? Ein bißchen Haue sollst du haben, so groß und lang du bist. Hör mal, Marit, laß doch mit dir reden, im Grunde genommen bist du gar nicht so dumm, du bist nur rein gestört. Hör mich mal an, ich bin ein alter, verständiger Mann. Laß uns offen miteinander reden: mit mir steht's gar nicht so gut, wie die Leute denken; ein armer, lockrer Zeisig kann leicht mit dem Wenigen, was ich besitze, auf- und davonfliegen; dein Vater hat arg zugegriffen. Man muß auf dieser Welt nun mal für sich selber sorgen, besser ist sie's nicht wert. Der Schulmeister hat gut schwatzen, der hat selbst Geld. Und der Pastor auch; die können klug schnacken. Aber wir, die wir uns fürs tägliche Brot abschuften müssen, mit uns ist das was andres. Ich bin alt, ich weiß vieles und habe mancherlei gesehen. Die Liebe, siehst du, die mag gut genug sein, so zum Davonschwatzen, aber sie taugt nichts; die ist gut genug für Pfaffen und so Leute, aber wir Bauern müssen die Sache anders anfassen. Erst das Brot, siehst du, dann Gottes Wort und dann ein bißchen Schreiben und Lesen und dann ein bißchen Liebe, wenn's sich gerade so macht; aber es nützt schockschwerenot nichts, mit der Liebe anzufangen und mit dem Brot zu enden. Na, was hast du nun zu sagen, Marit?« »Ich weiß nicht.« »Du weißt nicht, was du antworten sollst?« »Doch, ich weiß schon .« »Na also?« »Soll ich's sagen?« »Natürlich sollst du's sagen.« »Ich halt sehr viel auf diese Liebe.« Einen Augenblick stand er ganz entsetzt da, dachte dann an die hundert ähnlichen Gespräche mit ähnlichem Ausgang, schüttelte den Kopf, drehte ihr den Rücken zu und ging seiner Wege.

Er fiel über die Knechte her, schnauzte die Mägde an, prügelte den großen Hund und jagte einem kleinen Huhn, das sich auf den Acker hinausgewagt hatte, einen Heidenschreck ein; aber zu Marit sagte er nichts.

Als Marit diesen Abend auf ihr Kämmerlein kam, um zu Bett zu gehen, war sie froh, daß sie das Fenster öffnete, sich hinauslehnte, lange hinausguckte und sang. Sie hatte ein kleines, feines Liebeslied bekommen, und das sang sie:

Liebster, liebst du mich?
ei so lieb ich dich
bis an meines Lebens Ende.
Sommerlust ist fort
Gras und Spiel
verdorrt kommt zurück zur Sonnenwende.

Was du sprachst vorm Jahr
ich noch heut bewahr.
Sitzt wie 'n Vöglein dort vorm Zimmer,
zwitschert Seligkeit,
pickt und prophezeit
unterm warmen Sonnenflimmer.

Tiri liri li,
hörst du mich denn nie,
Knabe hinterm Birkenstege?
will mein Wörtlein gehn,
kann's den Pfad nicht sehn,
dunkel ist's zeig ihm die Wege.

Tralla lala la,
ach was tat ich da?
Sang ich etwa gar vom Küssen?
Hörtest du's mein Lieb,
ach vergib, vergib,
werd es widerrufen müssen.

Gute, gute Nacht,
Traumgott kommt so sacht,
zeigt mir deine lieben Augen,
heimlich schlüpft hervor
deiner Worte Chor,
die so ganz und gar nichts taugen.

So nun schließ ich zu,
willst du noch was, du?
Leis verhallt der Ton im Winde,
lockt und lacht so sehr,
willst noch immermehr?
Abend ist so weich und linde.

Zwölftes Kapitel

Jahre sind seit dem letzten Auftritte vergangen.

Es ist Herbst, der Schulmeister wandert auf Nordistuen zu, öffnet die Haustür, findet niemand zu Hause, öffnet noch eine Tür, findet immer noch niemand zu Haus und geht dann weiter, bis in das innerste Zimmer des langen Gebäudes; dort sitzt Ole Nordistuen allein vorm Bette und beguckt seine Hände.

Der Schulmeister grüßt und wird gegrüßt; er zieht sich einen Schemel heran und setzt sich vor Ole hin. »Du hast mich rufen lassen,« sagt er. »Ja, das hab ich.«

Der Schulmeister nimmt sich eine frische Kautabakprise, sieht sich in der Kammer um, nimmt ein Buch, das auf der Bank liegt, und blättert darin, »Was willst du denn von mir?« »Ich überlege es grad.«

Der Schulmeister läßt sich Zeit, holt langsam seine Brille hervor, um den Titel des Buches zu lesen, wischt die Brille ab und setzt sie auf. »Du fängst an, alt zu werden, Ole.« »Ja, eben darüber wollt ich mit dir reden, 's geht rückwärts mit mir, bald lieg ich flach.« »Dann sorg dafür, Ole, daß du in Frieden liegen kannst,« er klappt das Buch zu und sieht nach dem Fenster.

»Ist 'n gutes Buch, das da.«

»Nicht übel; bist du oft über den Einband hinausgekommen, Ole?< »Ei wohl, in der letzten Zeit, «

Der Schulmeister legt das Buch fort und steckt die Brille wieder ein. »Mit dir steht's jetzt wohl nicht recht nach Wunsch, wie, Ole?«

– »Ach, das hat's nicht getan, so lang ich denken kann.« »Ja, so ist mir's auch lange Zeit ergangen. Ich lebte in Zwietracht mit einem guten Freunde und verlangte, er sollte zu mir kommen, und so lange war ich unglücklich. Da kam ich auf den Gedanken, daß ich ja zu ihm gehen könnte, und von Stund an ist es mir wieder gut ergangen.« Ole blickt auf, sagt aber kein Wort. Der Schulmeister: »Wie findest du denn, daß es mit deinem Hofe geht?«

»Rückwärts wie mit mir selber.« »Wer soll ihn denn übernehmen, wenn du fort bist?« »Das ist's ja grade, was ich nicht weiß, und das nagt an mir.«

»Bei deinen Nachbarn steht's jetzt recht gut, Ole.« »Ja, die die haben ja den diesen Agronomen zur Hilfe.«

Der Schulmeister, während er sich gleichgültig nach dem Fenster wendet: »Du solltest auch Hilfe nehmen, Ole. Gehen kannst du nicht mehr ordentlich und von der neuen Landwirtschaft verstehst du wenig.« Ole: »Wer sollte mir wohl helfen!« »Hast du vielleicht drum gebeten?« Ole schweigt. Der Schulmeister: »So hab ich auch lange mit dem lieben Gott gestanden. Du meinst es nicht gut mit mir, sagte ich zu ihm. Hast du mich denn drum gebeten? fragte er. Nein, das hatte ich nicht; da bat ich ihn, und seitdem ist mir's recht gut ergangen.« Ole schweigt, und jetzt schweigt der Schulmeister ebenfalls.

Endlich sagte Ole: »Ich habe ein Enkelkind; das weiß ganz genau, was mir Freude machen würde, ehe man mich hinausträgt, aber es tut's nicht.« Der Schulmeister lächelt: »Vielleicht würde es ihm keine Freude machen.« Ole schweigt.

Der Schulmeister: »An dir nagt mancherlei, aber so viel ich merke, dreht sich doch alles schließlich nur um den Hof.« Ole erwidert leise: »Er ist durch viele Geschlechter unser gewesen und der Boden ist gut; was die Väter meiner Väter in saurem Schweiß zusammengearbeitet haben, liegt in ihm; aber jetzt will nichts mehr gedeihen. Auch weiß ich nicht, wer, wenn man mich hinausgefahren hat, hineinfahren wird, vom Geschlecht wird's keiner.« »Dein Enkelkind wird das Geschlecht erhalten.« »Aber der, der sie nimmt, was wird der aus dem Hof machen? Das möchte ich wissen, ehe ich mich zur Ruhe lege, Es hat Eile, Baard, mit mir und mit dem Hof.«

Beide schweigen; endlich sagt der Schulmeister: »wollen wir nicht ein wenig hinausgehen bei dem schönen Wetter und uns auf dem Hofe umsehen?« »Ja, das wollen wir; ich habe Arbeitsleute oben an der Halde; sie sollen Laub holen, aber sie arbeiten nicht, außer wenn ich hingucke.« Er humpelt nach seiner großen Mütze und dem Stock und sagt dabei: »Sie mögen nicht bei mir arbeiten, ich begreif's nicht.« Als sie hinausgekommen waren und um die Ecke des Hauses bogen, blieb er stehen und sagte: »Da siehst du's! Keine Ordnung, das Holz überall herumgeschmissen, das Beil nicht in den Block gehauen.« Er bückte sich mühsam, hob es auf und hieb es fest. »Da ist ein Fell hinuntergefallen, aber hat wohl jemand es wieder aufgehängt?« Er tat es selbst. »Und hier der Stabbur; was meinst du wohl, die Treppe ist weggenommen.« Er trug sie selbst auf die Seite. Dann blieb er stehen, sah den Schulmeister an und sagte: »Und so geht's einen Tag wie alle Tage.«

Als sie hinaufkamen, hörten sie von den Berghalden her munteren Gesang. »Ei, da wird ja gesungen bei der Arbeit,« sagte der Schulmeister. »Das ist der kleine Knut Ostistuen, der da singt; er holt Laub für seinen Vater. Da hinten arbeiten meine Leute, die singen gewiß nicht.« , »Das ist doch keins von den Liedern der Bygde?« »Nein, ich hör's.« »Öyvind Pladsen hat in Ostistuen viel zu tun gehabt; vielleicht ist es eins von den Liedern, die er mit heimgebracht hat, denn dem folgen viele Lieder.« Darauf wurde nichts erwidert.

Die wiese, über die sie gingen, gedieh nicht gut; es fehlte an der rechten Pflege. Der Schulmeister bemerkte es, und da blieb Ole stehen. »Ich habe nicht mehr die Kraft dazu,« sagte er fast wehmütig. »Fremde Arbeitsleute ohne Aufsicht sind zu kostspielig. Aber glaub mir, es tut weh, über solch 'ne Wiese zu gehen.«

Als sie später auf die Größe des Gutes zu sprechen kamen, und wo eine ordentliche Bewirtschaftung am meisten Not täte, beschlossen sie, den Abhang hinaufzugehen, um das Ganze überschauen zu können. Als sie endlich einen hohen Punkt erreicht hatten und es vor ihnen ausgebreitet dalag, sagte der Alte bewegt: »Ich möchte nicht gern so davon weggehen, wir haben alle dort unten gearbeitet, Vater, Mutter und ich, aber viel ist nicht mehr davon zu sehen.«

Da tönte fast unmittelbar ihnen zu Häupten ein Lied mit jener eigentümlichen Herbheit, die eine Knabenstimme hat, wenn sie so recht drauflosgejubelt. Sie standen nicht weit von dem Baume, in dessen Wipfel der kleine Knut Ostistuen saß und Laub für seinen Vater schlug, und sie lauschten unwillkürlich dem Knabengesang:

Willst du wandern auf die Höhn
willst dein Bündel schnüren,
sollst du leichten Schrittes gehn,
wenig mit dir führen.
Schleppe nicht des Tales Zwang
mit auf Bergesweite,
spül's hinab mit freud'gem Sang
an des Felsens Seite.

Aus dem Zweig ein Vöglein ruft Bygdeklatsch muß schweigen, reiner, reiner wird die Luft, wie wir höher steigen. Atme tief aus froher Brust, Kindheitsbilder necken rosig und voll Schelmenlust dich aus Busch und Hecken.

Stehst du still auf deinem Gang, tief hinein zu lauschen, wird als hehrer Hochgesang Einsamkeit dir rauschen. Nur ein Quell kann murmeln leis, nur ein Stein kann rollen, dein vergeßner Pflichtenkreis mahnt mit Donnergrollen.

Zittre, Herz, doch im Gebet. Durch Erinnerungen aufwärts hoch zum Gipfel geht, wer die Welt bezwungen. Dort wo Petrus Hütten baut für den Herrn des Lebens, hoch hinauf, auf Gott vertraut, wanderst nicht vergebens.

Ole hatte sich niedergesetzt und sein Gesicht mit den Händen bedeckt. »Hier will ich mit dir reden,« sagte der Schulmeister und setzte sich daneben.


Auf Pladsen war Öyvind gerade von einer längeren Reise zurückgekehrt; der Postwagen stand noch vor der Tür, da das Pferd Rast machte. Obgleich Öyvind als Amtsagronom jetzt guten Verdienst hatte, so wohnte er doch noch immer in der kleinen Kammer auf Pladsen und half in der Wirtschaft, wenn er freie Zeit hatte. Der kleine Hof war von einem Ende zum andern neu bewirtschaftet, aber er war so klein, daß Öyvind ihn scherzweise Mütterchens Puppenspiel nannte; denn sie war es vorzugsweise, die die Landwirtschaft betrieb.

Er hatte sich eben umgezogen, der Vater war mit Mehl bestäubt aus der Mühle gekommen und hatte sich auch umgezogen. Sie planten grade einen kleinen Spaziergang vor dem Abendbrot, als die Mutter mit einem Male ganz blaß ins Zimmer stürzte. »Es kommt ein ganz seltsamer Besuch auf unser Haus zu, seht doch nur!« Beide Männer eilten ans Fenster, und Öyvind platzte zuerst heraus: »Das ist ja der Schulmeister und ja, ich glaube fast, es ist ja wirklich, er ist es!« »Ja, das ist der alte Ole Nordistuen,« sagte nun auch Tore, vom Fenster zurücktretend, um nicht gesehen zu werden, denn schon waren die beiden nah am Hause.

Gerade als Öyvind vom Fenster zurücktrat, warf ihm der Schulmeister von draußen einen Blick zu. Baard lächelte und sah sich nach dem alten Ole um, der sich mit seinem Stock und den kleinen, kurzen Schritten vorwärtsarbeitete, wobei das eine Bein immer höher gehoben wurde als das andere. Draußen hörte man den Schulmeister sagen: »Er scheint erst eben wieder heimgekommen zu sein,« worauf Ole zweimal sagte: »So, so.«

Lange standen sie draußen im Flur. Die Mutter hatte sich in den Winkel verkrochen, wo das Milchbort war, Öyvind nahm seinen Lieblingsplatz ein, den Rücken gegen den großen Tisch gelehnt und das Gesicht nach der Türe gewendet, und der Vater saß neben ihm.

Endlich klopfte es, und herein trat der Schulmeister, der den Hut abzog, und hinter ihm Ole, der die Mütze abzog, worauf er sich nach der Tür umdrehte, um diese zu schließen. Alles das machte er sehr langsam; offenbar war er verlegen. Tore erhob sich, bat die Eintretenden, Platz zu nehmen; sie setzten sich beide nebeneinander auf die Bank am Fenster, und Tore nahm seinen alten Platz wieder ein.

Und jetzt werden wir zu hören bekommen, wie die Werbung vor sich ging.

Der Schulmeister: »Der Herbst hat uns doch noch hübsches Wetter gebracht!« Tore: »Ja, 's hat sich rausgemacht in der letzten Zeit.« »Jetzt wird sich's wohl lange halten, wo der Wind umgeschlagen hat.« »Seid ihr da oben schon mit der Ernte fertig?« »Eben nicht; hier, der Ole Nordistuen, den du vielleicht kennst, möchte gern deine Hilfe, Öyvind, wenn sonst nichts im Wege steht.« Öyvind: »Wenn sie verlangt wird, werde ich tun, was ich vermag.« »Ja, er meinte eigentlich nicht nur so ganz vorübergehend. Es will mit dem Gute nicht recht vorwärts, und er meint, daß es an der rechten Triebkraft und Aufsicht fehle.« Oyvind: »Ich bin leider so wenig zu Hause.« Der Schulmeister guckt zu Ole hinüber; dieser merkt, er müsse jetzt ins Feuer rücken, räuspert sich ein paarmal und legt dann los: »Es war, es ist ja, hm es war meine Meinung, daß du hm gleichsam fest fest, du solltest , hm, da oben bei uns wie zu Hause sein, immer da sein, wenn du nicht auf Reisen bist.« »Schönen Dank für das Anerbieten, aber ich möchte doch am liebsten da wohnen bleiben, wo ich wohne.« Ole sieht zum Schulmeister hinüber, und dieser sagt: »Dem Ole scheint's heute ein bißchen wüst im Kopf herumzugehen. Die Sache ist wohl die, daß er früher schon mal hier gewesen ist, und die Erinnerung daran bringt ihn ein bißchen durcheinander.« »So ist es,« fällt Ole rasch ein; »ich war damals ganz verrückt. Ich hab mich solange mit dem Mädel abgequält, bis das Holz faserig geworden ist. Laßt alles vergessen sein. Der Sturm schlägt das Korn, aber die Brise nicht; ein Regenstrom löst keinen großen Stein; Maischnee tut der Saat nicht weh; der Donner schlägt die Leute nicht tot.«

Alle vier lachen, und der Schulmeister sagt: »Ole meint also, du sollst nicht länger daran denken, Öyvind, und auch du nicht, Tore.« Ole sieht sie an und weiß nicht, ob er sich fortzufahren trauen soll. Da sagt Tore: »Der Hagedorn faßt mit vielen Zähnen, reißt aber keine Wunden. In mir sitzt sicherlich kein Dorn mehr.« Ole: »Ich kannte damals den Jungen noch nicht. Jetzt sehe ich, daß es wächst, wo er sät. Wie die Saat, so die Ernte; in seinen Fingerspitzen sitzt Geld, und drum möchte ich ihn gern haben.«

Öyvind sieht den Vater an, dieser die Mutter, die guckt seitwärts nach dem Schulmeister, und nun sehen alle ihn an. »Ole meint, er hat einen großen Hof .« Ole unterbricht ihn: »Großer Hof, aber schlecht bestellt; ich kann nicht mehr, ich bin alt, und die Beine wollen nicht mehr wie der Kopf. Aber ich glaube, es kann sich lohnen, da oben anzupacken.« »Gut und gern der größte Hof im Kirchspiel,« fällt der Schulmeister ein. »Der größte im Kirchspiel, ja, das ist gerade das Unglück. Zu großer Schuh fällt ab; mag das Gewehr noch so gut sein, man muß es auch heben können,« und sich schnell zu Öyvind wendend: »vielleicht könntest du's mit anfassen?« »Ich sollte also Verwalter sein?« »Ganz recht, ja; du sollst den Hof haben.« »Haben soll ich ihn?« »Ja ja, ganz recht; und ihn verwalten!« »Aber « »Na? Willst du nicht?« »Doch, natürlich will ich.« »Ja, ja, so ist's also abgemacht, sagte die Henne und flog aufs Wasser.« »Aber« Ole guckt den Schulmeister verwundert an. »Öyvind will auch noch gern wissen, ob er die Marit kriegt?« Ole schnell: »Die Marit mit in den Kauf, die Marit mit in den Kauf.« Da brach Öyvind in ein helles Lachen aus, er sprang in die Höhe, alle drei stimmten ein, Öyvind rieb sich die Hände, lief im Zimmer auf und ab und wiederholte unaufhörlich: »Marit mit in den Kauf, Marit mit in den Kauf!« Tore lachte mit tiefem Gluckgluck, die Mutter in der Ecke sah ihren Jungen unverwandt an, bis sich ihre Augen mit Tränen füllten.

Nach einer Weile fragte Ole sehr gespannt: »Was hältst du vom Hofe?« »Vorzüglicher Boden.« »Vorzüglicher Boden, nicht wahr?« »Herrliche Weide.« »Herrliche Weide! Es wird also gehen?« »Es soll der beste Hof im Amt werden!« »Der beste Hof im Amt! Glaubst du, meinst du wirklich?« »So wahr ich hier stehe!« »Siehstewohl, hab ich's nicht immer gesagt?« Sie redeten beide gleich schnell und paßten sich ineinander wie zwei Räder an einem Wagen. »Aber Geld, siehst du, Geld! Und ich hab keins!« »Ohne Geld geht's freilich langsam, aber es geht.« »Es geht! Gehen tut's freilich! Aber hätten wir Geld, dann ginge es schneller, sagst du?« »Doppelt so schnell.« »Doppelt so schnell? Geld sollten wir haben! Na ja, na ja, wer nicht alle Zähne hat, kann auch kauen; wer mit Ochsen pflügt, kommt auch vorwärts.«

Die Mutter blinzelte Tore zu, der sie ein paarmal hastig von der Seite ansah, während er sich auf seinem Platze hin und her wiegte und mit den Händen unaufhörlich übers Knie strich; der Schulmeister blinzelte zu ihm hinüber, Tore öffnete den Mund, hustete und nahm einen Anlauf, allein Ole und Öyvind schwatzten sich unablässig in den Mund, lachten und lärmten, so daß man gar nicht zu Worte kommen konnte.

»Na, jetzt schweigt mal ein wenig, Tore hat was zu sagen,« fällt der Schulmeister ihnen ins Wort. Sie verstummen und blicken Tore an. Dieser hebt endlich ganz leise an: »Von jeher ist es hier so gewesen, daß wir 'ne Mühle gehabt haben, in letzter Zeit haben wir sogar zwei gehabt. Diese Mühlen haben im Laufe der Zeit immer mal 'nen Groschen abgeworfen; weder mein Vater noch ich haben je von diesem Geld was verbraucht, außer als Öyvind draußen war. Der Schulmeister hat es aufbewahrt, und er sagt, es hätte sich ganz hübsch vermehrt, da wo es steht; aber jetzt ist es wohl das beste, Öyvind kriegt es für Nordistuen.« Die Mutter stand in ihrer Ecke und machte sich ganz klein, während sie mit leuchtenden Augen Tore betrachtete, der sehr ernst dasaß und beinah ein dummes Gesicht machte. Ole saß ihm gegenüber mit offenem Munde. Öyvind war der erste, der sich von seinem Erstaunen erholte und rief: »Ist es nicht, als ob das Glück mir folgte?« Er ging auf den Vater zu und klopfte ihm auf die Schulter, so daß es dröhnte. »Ei, ei du du, Vater!« sagte er lustig, rieb sich die Hände und ging weiter.

»Wieviel mag's wohl sein?« fragte endlich Ole den Schulmeister ganz leise. »I, gar nicht so wenig.« »Ein paar hundert Taler?« »Noch ein bißchen mehr!« »Noch ein bißchen mehr? Öyvind, hör doch, noch mehr! Gott bewahr mich, was das für 'n Hof wird!« Er sprang auf und lachte laut.

»Jetzt geh ich mit dir zu Marit,« sagt Öyvind; »wir nehmen gleich den Wagen, der noch draußen steht, dann geht es schnell.« »Ja, schnell, schnell! Willst du auch immer alles schnell haben?« »Ja, schnell und toll.« »Schnell und toll! Grad wie ich, als ich jung war, grad so.« »Hier ist die Mütze und der Stock, jetzt jage ich dich raus!« »Du jagst mich fort, ha, ha, aber du kommst mit, nicht wahr, du kommst mit? Kommt mit, ihr andern, heut abend müssen wir zusammen bleiben, so lange noch ein Scheit auf dem Herde glüht; kommt mit.« Sie versprachen nachzukommen. Öyvind half ihm in den Wagen hinein, und vorwärts ging es nach Nordistuen hinauf. Dort oben war der große Hund nicht der einzige, der sich wunderte, als Ole Nordistuen mit Öyvind Pladsen auf den Hof gefahren kam. Während Öyvind dem Greise aus dem Wagen half und Knechte und Tagelöhner sie angafften, kam Marit in den Flur hinaus, um zu sehen, was denn der Hund da so zu bellen habe, blieb aber wie angewurzelt stehen, wurde feuerrot und rannte wieder hinein. Der alte Ole rief indessen, als er eingetreten war, mit so fürchterlicher Stimme nach ihr, daß sie wieder zum Vorschein kommen mußte. »Geh hin und putz dich, Mädel; hier steht der Mann, der den Hof haben soll.«

»Ist das wahr?« rief sie, ohne es selbst zu wissen, so laut und so hell, daß es klang. »Ja, es ist wahr!« erwiderte Öyvind und klatschte in die Hände; damit dreht sie sich auf dem Absatz um, wirft das, was sie gerade in der Hand hat, weit von sich und nimmt Reißaus; aber Öyvind hinterher.

Bald kamen der Schulmeister, Tore und seine Frau; der Alte hatte Lichter auf den Tisch gestellt und ein weißes Tuch aufdecken lassen; Wein und Bier wurde aufgetragen, und er selbst ging fortwährend ab und zu, hob die Beine noch höher als gewöhnlich, aber doch immer den rechten Fuß höher als den linken.


Ehe diese kleine Erzählung schließt, kann noch berichtet werden, daß Öyvind und Marit fünf Wochen später in der Kirche getraut wurden. Der Schulmeister leitete heute selbst den Gesang, da sein Stellvertreter krank war. Seine Stimme war zittrig geworden, denn er war alt; aber Öyvind fand, es sei eine Freude, ihn zu hören. Und als er Marit die Hand gereicht und sie vor den Altar geführt hatte, nickte ihm der Schulmeister vom Chore herab zu, geradeso wie er es geträumt hatte, als er an jenem Tanzabende so traurig dasaß. Er nickte wieder, während ihm die Tränen in die Augen wollten.

Jene Tränen auf dem Tanzfeste waren der Eingang zu den heutigen gewesen, und dazwischen lag sein Glaube und seine Arbeit.

Hier endet die Erzählung von einem frohen Burschen.

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