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Die schönsten Märchen

Ludwig Bechstein: Die schönsten Märchen - Kapitel 51
Quellenangabe
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authorLudwig Bechstein
titleDie schönsten Märchen
publisherVerlagsunion Erich Pabel - Arthur Moewig KG
seriesDie schönsten Märchen
volumeBand 2
printrun5. Auflage
illustratorLudwig Richter
year1991
isbn3811810863
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der listige Rabe

Der Adler, welcher zu dem am Boden scheinbar elend daliegenden Raben flog, fragte nun diesen alsbald: »Wer bist du? Wie kommst du hierher? Und wohin sind deine Brüder gezogen?«

Mit matter Stimme antwortete der Rabe: »Was quälst du mich mit Fragen? Siehst du nicht meinen elenden Zustand? Laß mich ruhig liegen und sterben! Ich vermag dir nichts zu sagen, könnte ich aber ein Wort mit deinem Könige reden, so würde ihm daraus kein Schade entspringen.« Da rief der Adler den Adlerkönig herbei, und als der letztere den Raben erblickte, sprach er: »Diesen kenne ich wohl! Er ist des Rabenkönigs vertrauter Geheimrat und ein Abkömmling jenes elenden Schwätzers, der meinen Ahnherrn um die allgemeine Reichskrone des gesamten Geflügels brachte. Mich wundert äußerst, daß wir ihn in solcher Lage finden.«

Darauf fragte der Aarenkönig den alten Raben: »Was hat denn dich in solche Widerwärtigkeit gebracht?«

»Ach, großmächtiger Herr und König!« antwortete der Rabe. »Böser Rat und närrisches Verständnis!«

»Wieso?« fragten die Adler.

Und jener antwortete: »Nachdem ihr den Raben also tatet, wie ihr getan, und viele getötet, berief unser König seinen geheimen Rat und fragte uns, seine Ratgeber, ob er wider euch streiten solle. Da sprach ich: ›Mich bedünket mitnichten, gegen die edlen Aaren zu streiten, denn sie sind mächtiger als wir und frischeren Herzens. Mein Rat ist, uns mit ihnen zu vertragen, Ruhe und Frieden zu halten, ihnen vielmehr, statt ihnen uns widerspenstig zu zeigen, einen jährlichen Tribut zu entrichten, in ihren Schutz uns zu begeben‹ – da kam ich aber sehr übel an, denn alle anderen Räte rieten unserem Könige, gegen euch zu streiten und zu kämpfen auf Tod und Leben, es falle wohl oder übel aus. Ich blieb dagegen fest auf meiner Meinung und rief: ›Niemand wird leichter von seines Feindes Hand erlöset, als wer sich ihm unterwürfig macht. Sehet die Saat auf dem Felde und die Halme der Wiesengräser, wie sie sich beugen vor dem Winde. Dem hohen und harten Baum bricht der Wind die Krone ab, weil der Baum sich bedünken läßt, er dürfe nicht weichen und wanken, aber das schlanke schwache Rohr bleibt ungebrochen, weil es Demut gelernt hat. Demut schützt vor Wehmut!‹ Als ich so redete, schrien alle, die mich hörten: ›Du bist ein treuloser Ratgeber! Du hältst zur Schar unserer Feinde! Du förderst unsern Verlust, um dir drüben Gunst zu machen, du ehrloser Verräter, der du bist!‹ – und fielen über mich her und schlugen mich, bissen mich, kratzten mich und traten mich mit Füßen, so daß ich halb tot hier liegen blieb und mich nur wundert, daß ich noch atme.«

Auf diese Rede wandte sich der Adlerkönig an seinen ersten Geheimrat mit der Frage: »Was bedünket dich, daß wir mit diesem Raben beginnen sollen?«

»Nichts, mein König«, antwortete der Premier, »bedünket mich, als daß wir diesen Raben alsobald erwürgen, denn er ist ungleich klüger als wir, er ist einer der listigsten und verschlagensten unter dem ganzen Rabengeschlechte; mit seiner Vertilgung bereiten wir dem Rabenkönige und den Raben den empfindlichsten Verlust und uns ungleich größere Sicherheit, denn jene haben keinen zweiten, der ihnen so wohlüberdachten, klugen und schlauen Rat zu ersinnen vermöchte wie eben dieser. Die alten Weisen sagten: Wem Gott etwas Großes und Gutes in die Hand gibt und er verliert es, der findet es selten wieder, und wer einen Feind hat, den das Glück ihm in die Hand sendet, und er achtet das nicht und läßt den Feind wieder entgehen, der ist ein Tor, dem alle Weisheit der Welt nicht frommen mag.«

»Was meinst du?« fragte auf diese Rede der Adlerkönig seinen zweiten Geheimrat.

Dieser letztere war minder mordsüchtig und sagte: »Mein Rat ist, daß du den Raben nicht töten läßt. Es ziemet, dem Demütigen und Hilflosen Barmherzigkeit zu erzeigen. Ist dieser Rabe auch unser Feind, so ist er doch zugleich unser wehrloser Gefangener. Wir haben ihn nicht im Streite gegen uns ergriffen, sein Unglück hat ihn in unsere Hand und Macht gegeben. Mancher fand Hilfe von seinem Feind, die der Freund ihm versagte, und ward damit des Feindes Freund und des Freundes Feind.«

»Was sagst du dazu?« fragte nun der Adler seinen dritten Geheimrat.

Und dieser erwiderte: »Auch ich, mein allergnädigster König und Herr, kann nicht für die Tötung dieses unseres Gefangenen stimmen, vielmehr wäre mein Rat, guten Nutzen von ihm zu ziehen. Seine Freunde und sein König haben ihn mißhandelt und schmählich in seiner Not ihn verlassen. Er kann uns, und wird es auch, alle Heimlichkeit unserer Feinde offenbaren, und das kann uns nur zugute kommen, wenn einer unserer Feinde gegen die seinen steht. Seine Feinde zu entzweien und dann über sie zu triumphieren, haben die alten Weisen für die beste Kunst zu kriegen und zu herrschen erklärt, wie es ging mit dem Dieb, dem Teufel und dem Einsiedel.«

»Wie war denn das?« fragte der Adlerkönig, und sein dritter Geheimrat erzählte das nachfolgende Märchen.

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