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Die schönsten Märchen

Ludwig Bechstein: Die schönsten Märchen - Kapitel 40
Quellenangabe
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typefairy
authorLudwig Bechstein
titleDie schönsten Märchen
publisherVerlagsunion Erich Pabel - Arthur Moewig KG
seriesDie schönsten Märchen
volumeBand 2
printrun5. Auflage
illustratorLudwig Richter
year1991
isbn3811810863
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Rupert, der Bärenhäuter

Es war einmal ein Bursch von stämmigem Bau, der schaute trutziglich in die Welt und hatte Mut, mit aller Welt anzubinden, ging dieserhalb unter die Soldaten und schlug sich wacker und tapfer mit dem Feind herum, bis man Frieden machte und den Soldaten ihren Abschied gab, daß sie hingehen konnten, woher sie gekommen waren, oder wohin sie sonst wollten. Da dachte Rupert: Ich will zu meinen Brüdern gehen – denn Eltern hatte er nicht mehr – und wollte bei ihnen bleiben, bis wieder Krieg wäre. Die Brüder aber sagten: »So einer fehlte uns eben, der auf den Krieg wartet – ei, warte du! Wir wollen nichts wissen von Krieg und von Kriegern, wir wollen Ruhe haben! Hast du dich im Kriege durchgeschlagen, so schlage dich auch im Frieden durch; vor der Türe ist dein, daß du es weißt!«

Da gab der Soldat Rupert seinen Brüdern kein einziges gutes Wort, nahm seinen Schießprügel und ging wieder fort in die Welt – und kam in einen großen Wald und sprach zu sich: Es ist schändlich, einen tapfern Burschen und Kriegsmann so fortzuschicken mitten in den Frieden hinein, mit dem unsereiner doch auf der Gotteswelt nichts anzufangen weiß. Ich muß Krieg haben! Wenn nur einer käme, mit dem ich anbinden könnte, und wann's der Teufel selber war! – Und wie Rupert das dachte, lud er sein Gewehr und tat einen starken Schuß hinein mit doppelter Ladung und auch zwei Kugeln. Da kam ein großer Mann durch den Wald auf Rupert zu, hatte einen schwarzen Schlapphut auf, mit roter Hahnenfeder darauf, eine krumme Habichtsnase, einen fuchsfeuerroten Bart und einen grünen Jägerrock an und fragte: »Wo hinaus, Gesell?«

»Was habt Ihr danach zu fragen?« fragte Rupert grob zurück, weil er gern anbinden wollte mit dem ersten besten.

»Hoho! Nur nicht so patzig!« rief der Grüne mit dem Schlapphut und der roten Hahnenfeder. »Fehlt dir was, so kann ich helfen!«

»Mir fehlt es bloß am besten, am Geld!« antwortete Rupert.

»Solltest Geld die Fülle haben, wenn du Mut hättest!«

»Mut? Sappernunditjö! Herr, wer sagt Ihm, daß ich keinen Mut habe? Ich, ein Soldat, und keinen Mut? Mut wie der Teufel!«

»Schau um dich!« sprach der Grüne.

Und da schaute Rupert um, da stand ein Bär hinter ihm, schier so groß wie ein Nashorn und sperrte den Rachen auf und brüllte und kam, auf den Hinterbeinen gehend, auf Rupert zu – der aber nahm sein Gewehr, legte an und sagte:

»Willst du eine Prise Schnupftabak? Da hast du eine Prise!« – und schoß dem Bär die doppelte Ladung in seine Nase hinein, in jedes Loch eine Kugel, die bis ins Hirn drang – und da tat der Bär einen mächtigen Satz und einen lauten Brüll, fiel um und war hin.

»Schau, schau, Mut hast du, wie ich merke!« sagte der Grüne im Schlapphut mit der roten Hahnenfeder, »und so sollst du auch Geld von mir haben, so viel du nur willst, doch unter einer Bedingung!«

»Die möcht ich hören!« sprach Rupert, der längst gemerkt hatte, mit wem er's zu tun, denn zu dem einen Stiefel hatte der Schuster, wie es schien, ein absonderliches Maß genommen, gerade als wenn er einem Pferd einen Stiefel gemacht. »Soll's etwa die Seligkeit sein – so dank ich schönstens!« fuhr Rupert fort.

»Dummer Kerl!« entgegnete der Waldjäger, »was habe ich von deiner Seligkeit? Die kannst du für dich behalten, an der liegt mir gar nichts. Nein, das ist meine Bedingung, daß du in den nächsten sieben Jahren dich nicht wäschst, nicht kämmst, dir nicht den Bart scherst, die Nägel nicht schneidest, in keinem Bette schläfst und kein Vaterunser betest, was ohnehin nicht deines Kriegshandwerks Sache ist. Dafür gebe ich dir Rock und Mantel, die du aber auch einzig und allein in diesen sieben Jahren tragen mußt. Stirbst du innerhalb dieser Zeit, so bist du mein; bleibst du am Leben, so habe ich kein Teil an dir, du aber hast Geld nach wie vor und kannst damit anfangen, was du willst, und ich putze dich wieder sauber, und sollt es mit meiner Zunge sein.«

»So – und das alles nennst du eine Bedingung?« fragte Rupert. »Mich dünkt, es wären ihrer schier ein Dutzend, doch es sei darum, ich will es probieren, probiert geht über studiert!«

»Topp!« sagte der Teufel und zog den grünen Rock aus und zog auch sehr geschwind dem toten Bären das Fell ab und fuhr fort: »Hier ist dein Rock, hier sind dein Mantel und deine Bettdecke. In die Rocktasche brauchst du nur zu greifen, so findest du Geld, und die Bärenhaut, mit der deckst du dich, du Bärenhäuter du; das ist der schönste Faulpelz, den einer sich nur wünschen kann, der die Taschen voll Geld hat und daher nicht nötig, etwas zu tun.«

Als Rupert den grünen Rock angezogen hatte, griff er vor allen Dingen in die Tasche, um zu sehen, ob es auch wahr sei mit dem Gelde, denn er traute dem Teufel nicht, dieweil dieser ein Vater der Lügen genannt wird. Da aber die Tasche sich als ein nimmerleerer Fortunatussäckel erwies, so hing Rupert seine Bärenhaut um und ging ohne Adieu vom Teufel hinweg, denn dieser war indes verschwunden.

Rupert lebte nun in den Tag hinein, ließ den lieben Gott einen guten Mann sein und den Teufel auch einen guten Mann, ließ seinen Bart stattlich wachsen, daß er ganz wahlfähig in irgendeinem deutschen oder polnischen Reichstag erschien, denn die Kraft steckt im Haar, das lehrt bereits die Geschichte Simsons, und brachte es dahin, daß er schon im zweiten Jahre aussah wie ein Schubut und Waldschratt, zumal auch seine Fingernägel außerordentlich aristokratisch-vornehm noch über das chinesische Maß hinaus gewachsen waren. Die Leute wichen ihm aus, wenn sie ihn von weitem sahen oder rochen, denn obwohl er keinen Tabak rauchte, so roch er doch schon von weitem viel ärger als ein Wiedehopf, der überhaupt mit Unrecht als Stinkhahn verschrien ist, denn der Wiedehopf selbst stinkt gar nicht, nur seine Unreinlichkeit und das, womit er umgeht, bringen ihn in so schlimmen Ruf.

Nun gab aber der Bärenhäuter den Armen immer viel Geld, damit sie beten sollten, daß er die sieben Jahre überdaure, und die Armen nahmen gern das Geld und versprachen, recht fleißig zu beten. Ob sie's getan haben, weiß ich nicht, und die Wirte nahmen ihn auch gern auf, da er viel aufgehen ließ, und überhaupt steht baumfest, daß, wenn einer nur Geld hat und es aufgehen läßt, da darf er ungescheut der ärgste Bärenhäuter sein, er findet stets Anhang und Anklang und Anerkennung, aber Geld gehört ein für allemal dazu.

Nun ging die Bärenhäuterei schon in das vierte Jahr, und der Bärenhäuter hatte sie satt, denn er gefiel sich selbst nicht mehr, geschweige andern; im Gesicht schleppte er einen sehr belebten Urwald von Haarmoos herum, an den Fingern waren ihm Mistgabeln gewachsen, und sonderlichen Spaß hatte er auch nicht, trotz allen Geldes. In den Wirtshäusern gab man ihm stets die hintersten und höchsten Zimmer, drei, vier, fünf Treppen hoch und immer nahe bei den Retiraden. Einst saß er nun so ganz verdrießlich in seinem Zimmerchen, sann über sein Schicksal nach und wünschte sehnlichst seine Zeit herum, wo er einen neuen Menschen an- und den Schweinigelsbart samt den Galgennägeln an den Fingern ablegen wollte, da hörte er nebenan jemand ächzen und krächzen zum Steinerbarmen.

Gleich ging er hinüber, dem Nachbarn beizustehen, denn der Bärenhäuter hatte von Natur ein mildes und gutes Herz. Da saß ein wehklagender und jammernder alter Mann, der dachte, als der Bärenhäuter kam, der Böse sei es und wollte ihn holen, denn der Bärenhäuter sah dem Teufel viel ähnlicher als sonst einem Geschöpf Gottes, doch ließ er sich endlich besänftigen und bewegen, seine Not zu klagen. Diese Not war nun gerade dieselbe, die des Bärenhäuters Not auch gewesen war, nämlich die bekannte Geldnot. Der gute Alte hatte drei Töchter und viele Schulden und sollte eben ein sehr eingezogenes Leben führen, weil er den Wirt, der ihn ausgezogen hatte, nicht bezahlen konnte. Der Bärenhäuter lachte darüber; der freilich hatte gut lachen, wie jeder, dem ein Goldborn in der Tasche quillt. Er bezahlte des alten Mannes Schulden bei Heller und Pfennig, und dieser lud ihn ein, mit ihm zu gehen und seine Töchter zu sehen, die nicht wenig schön seien, und eine davon solle ihn aus Dankbarkeit heiraten.

Das war dem Bärenhäuter recht, denn er hatte viele Zeit übrig, und ward ihm die Zeit oft lang auf seiner Bärenhaut und ging auf Eroberungen aus, wie ein tapfrer Soldat immer tun soll, nur war es schade, daß er sich nicht nett und niedlich machen durfte, kein Stutz- und Spitzbärtchen, schwarz gewichst, und keine frisierten Löckchen und schlanke Flanken und glatte Nägel und kein Kölnisches Wasser und keine Havannazigarre erster Sorte. Das alles durfte er nicht, sondern mußte ganz Bärenhäuter bleiben und hingehen und Sturm laufen, wie er leibte und lebte, war, stand, ging und roch. Die beiden ältesten Töchter des geretteten Mannes entsetzten sich vor dem Ungetüm, das die Perücke mit unterschiedlichen Zöpfen übers Gesicht trug, statt auf dem Hinterkopf, das Patschhändchen gab wie der Vogel Greif, und das seine Wäsche bereits vier Jahre trug, davon selbige ganz isabellfarbig geworden war und roch wie ein altes leeres Essigfaß im Kellergewölbe, nichts weniger als appetitlich. Nur die jüngste Tochter, und zugleich die schönste, hielt Stand, indem sie nicht davonlief. Sie behielt im Auge, daß dieser Bärenhäuter ihren Vater gerettet und dadurch sie selbst mit von Schimpf und Schande; sie besaß die schöne Tugend der Dankbarkeit, die so viele nicht besitzen. Da nun der Bärenhäuter wahrnahm, daß dieses schöne Kind nicht vor seiner häßlichen und abschreckenden Gestalt zurückbebte, ja, daß es des Vaters Wort bei ihm erfüllen wollte – so bot er ihr einen schönen Ring, doch nur zur Hälfte – als Wahrzeichen, daß er sich mit ihr verlobe, und bat sie, recht fleißig für ihn zu beten, daß er noch drei Jahre und womöglich auch etwas darüber am Leben bliebe, und nahm auf drei Jahre Abschied, um sich in dieser Zeit zu entbärenhäutern und nach deren Ablauf als ein wohlgelecktes Herrchen wiederzukommen. Dies Kunststück kann auch nicht jeder machen; mancher geht als leidlich guter und zahmer Junge vom Elternhaus fort und kommt waldteufelähnlich zurück als der größte Bärenhäuter, den es nur geben kann. Die junge Schönste und schönste Junge, die sich dem Bärenhäuter verlobt hatte, kleidete sich schwarz und hatte von ihren Schwestern ob ihres zotteligen Bräutigams gar viel auszustehen. Diese spöttelten, bald die eine, bald die andre: »Gib acht, wenn du ihm die Hand reichst, daß er sie dir nicht abbeißt, denn er hat dich freßlieb!«

»Nimm dich in acht, mein süßes Kind, daß er dich nicht aufleckt, Bären lieben den Honig!«

»Tue ihm ja allen Willen, sonst brummt er, dein zukünftiger Zottelbär!«

»Ei, was wird das für eine lustige Hochzeit werden, wenn erst der Bärentanz losgeht!«

Doch die junge Braut schwieg zu allem still und ließ ihre älteren Schwestern spötteln und witzeln, so viel sie wollten, unterdessen setzte ihr Verlobter sein Leben fort, doch ohne des Guten und Schlimmen zu viel zu tun, lebte sich glücklich durch das letzte der sieben Jahre hindurch und suchte am letzten Tage das Plätzchen wieder auf, wo ihm vor sieben Jahren der Teufel erschienen war. Dieser erschien auch richtig wieder, doch mit einiger Verstimmung, denn er merkte, daß der Bärenhäuter der Bärenhäuterei längst überdrüssig war und mit ihm brechen wollte, wollte daher das Geschäft klug machen und die Röcke wieder umtauschen, aber der Bärenhäuter sagte: »So geschwind geht es nicht, erst leckst du mich und putzest mich rein, wie du zugesagt, damit ich wieder einem hübschen Menschen gleich sehe und nicht einem Waldschratt oder dir, du unsaubrer Geist!«

Da mußte der Teufel den Bärenhäuter hübsch renovieren, ihm die Haare kämmen mit seinen Fingern, und mit seiner Zunge, die wie ein Reibeisen kratzte, ihm die Haut rein ablecken, ihm auch die Nägel schneiden und mußte ihn waschen und wieder ganz schön machen. Das kam ihm sauer an und war ein schwer Stück Arbeit, denn man hat gesehen in der Welt, was das mit einjährigen Bärenhäutern schon für eine Hauptmühe kostet, geschweige nun, wenn einer sieben Jahre in der Bärenhäuterei verharrte. Dann bekam der Teufel von dem weiland Bärenhäuter, nunmehrigen Herrn Rupert, einen rechten Tritt zum Valet, und der letztere kleidete sich sehr schön und reiste mit Extrapost und Dampf nach dem Wohnort seiner Verlobten, wo ihn aber niemand kannte.

Er gebärdete sich als ein reicher Freier und ließ verlauten, daß er eine der drei Schönen heiraten wolle, davon eine bereits seine Verlobte war. Diese eine hatte gar keine acht auf ihn, aber ihre Schwestern, die hätten ihn gar zu gern gemocht und putzten sich wie die Pfauen und zankten sich, welche ihn nehmen sollte. Rupert aber erbat von seiner Braut einen Becher Weines, trank und bat sie, ihm Bescheid zu tun; wie sie das tat, erblickte sie die Hälfte ihres Verlobungsringes in dem Becher und war ganz hin vor Erstaunen und süßer Freude. Er aber umfing sie und küßte sie; da kamen ihre Schwestern aufgeputzt und furchtbar aufgedonnert dazu und wurden grün und gelb im Gesicht aus Neid und Ärger über ihrer Schwester Glück – und rannten davon. Eine stürzte sich voll Groll und Grimm in den Ziehbrunnen, die andre hing sich voll Gift und Galle auf dem Boden auf, und da war auch gleich der Teufel bei der Hand, fing beider Seelen auf und sagte: »Eine Seele mußt ich haben – und nun habe ich zwei. Wünsche Glück zur Hochzeit!« Damit fuhr er ab, und Rupert heiratete nach der Austrauer seine liebholde schönste Jüngste und ist niemals mehr wieder ein Bärenhäuter geworden.

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