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Die schönsten Märchen

Ludwig Bechstein: Die schönsten Märchen - Kapitel 39
Quellenangabe
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authorLudwig Bechstein
titleDie schönsten Märchen
publisherVerlagsunion Erich Pabel - Arthur Moewig KG
seriesDie schönsten Märchen
volumeBand 2
printrun5. Auflage
illustratorLudwig Richter
year1991
isbn3811810863
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die vier klugen Gesellen

Es waren einmal vier Reisegesellen, die wanderten miteinander und hatten sich ganz zufällig auf dem Wege getroffen. Der eine von ihnen war ein Königssohn, der zweite ein Edelmann, der dritte ein Kaufmann, der vierte ein Handarbeiter. Allen vieren war die Barschaft ausgegangen, wie das bisweilen Reichen und Armen auf Reisen zu gehen pflegt, und sie hatten nichts als die Kleider, die sie auf dem Leibe trugen; ihre Säckel waren leer. Wie sie sich nun einer großen königlichen Residenz näherten und mächtigen Hunger verspürten, so warfen sie die Frage auf, woher sie Geld und Nahrung bekommen würden. Und da sprach der Königssohn: »Wir mögen ratschlagen, wie wir wollen, so geht es doch allein den Weg, den Gott geordnet hat, und wer an Gott hangt mit getreuer Hoffnung, der wird nicht verlassen.«

Da sprach der Kaufmann: »Vorsichtigkeit mit Vernunft gepaart geht über alles.«

Und der Edelmann: »Eine kräftige wohlgestalte Jugend ist noch mehr wert.«

Darauf bemerkte der Wandergesell, der ein Handarbeiter war: »Nach meinem geringen Verstand halte ich dafür: Sorgsamkeit mit Übung sei das Beste.«

Wie unter solchen Gesprächen die vier Reisegefährten gegen Abend in die Nähe jener Stadt gekommen waren, ruheten sie vor dem Tore aus, und da sprachen die drei andern zu dem vierten, dem Wandergesellen: »Du rühmst vor allen Sorgsamkeit, ei, so gehe du hin und trage Sorge, daß wir alle diese Nacht unsre Speisen bestreiten!«

»Das will ich tun«, antwortete der Arbeiter, »wenn ein jeder hernach auch tun will nach seiner Lehre, daß es uns allen frommt.« Das verhießen ihm die Gefährten, und so ging jener in die Stadt hinein und befragte sich, was wohl ein Mann tun müsse, um so viel zu verdienen, daß vier Männer sich einen Tag lang sättigen könnten. Da beschied man ihn, nichts sei einträglicher, als Holz zu tragen, denn Holz sei teuer, der Wald weit und die Stadtleute seien bequem. Da ging der Mann eilend in den Wald, band sich eine tüchtige schwere Bürde Holz zusammen, trug es in die Stadt, empfing dafür zwei Silberpfennige, wofür er für sich und seine Gesellen Speise und Trank bestreiten konnte, und schrieb überaus freudig mit Kreide an das Tor der Herberge, worin sie übernachteten: Die Sorgsamkeit des Redlichen hat durch Übung seiner Kraft an einem Tage zwei Silberpfennige gewonnen.

Am andern Morgen sprachen die drei Gesellen zum vierten, dem Edelmann: »Nun schaue und siehe zu, daß du uns heute mit Speise versorgst, und nimm deine Schönheit und Jugendkraft, und was du sonst weißt, dabei zu Hilfe.« Der ging auf die Stadt zu und dachte bei sich: Arbeiten kannst und magst du nicht und weißt auch sonst nichts anzufangen. Und doch wäre es dir eine Schande, mit leerer Hand zu deinen Gefährten zurückzukehren. Und stellte sich in trüben Gedanken an die Säule eines Hauses, willens, sich mit Kummer von seinen Wandergesellen zu scheiden. Da ging eine junge, schöne und reiche Witwe vorüber, sah die jugendliche Wohlgestalt des Edelmanns und wünschte zu erfahren, von wannen er sein möge. Sie sandte ihre Dienerin, ließ ihn zu Gaste bitten, erfuhr seine Umstände und befreundete sich so mit ihm, daß sie ihm, als er von ihr schied, hundert Goldpfennige verehrte. Da kehrte er mit reicher Zehrung zu den Kameraden in die geringe Herberge vor dem Tore zurück und schrieb an die Pforte: Mit frischer Jugend gewann einer eines Tages einhundert goldner Pfennige.

Nun am dritten Tage sprachen die drei zu dem Kaufmann: »Heute ziehe du hin und gewinne mit deiner Vorsichtigkeit, die mit Vernunft gepaart ist, uns auch einen guten Tag und erwünschte Zehrung.«

Da ging der Kaufmann fort und durch die Stadt, welche am Meere lag, hinab nach dem Hafen; da legte sich eben ein Kauffahrer im Hafen vor Anker, und die Kaufleute begrüßten den Patron des Schiffes, fragten nach seinen Waren und wollten mit ihm handeln, aber dieser forderte ihnen allen zu viel, und sie konnten sich nicht mit ihm einigen. Da sprachen sie untereinander: »Wir wollen ihm jetzt nichts weiter bieten; in kurzer Frist gereut ihn seine hohe Forderung, und wenn auch seine Waren so viel wert sind, so ist doch außer uns keiner, der Belieben trägt, sie zu kaufen.« Und da gingen jene Kaufleute von dem Patron weg. Der arme Kaufmann aber, welcher der Sohn eines reichen Kaufmanns war, ging zu dem Patron hin, entdeckte sich ihm, nannte ihm den Namen seines Vaters und kaufte ihm die ganze Schiffsladung um fünfzigtausend Gulden ab. Bald kehrten die Kaufleute noch einmal zurück, und weil sie die Waren brauchten, so bezahlten sie dem Käufer fünftausend Gulden Gewinn und bezahlten die Kaufsumme für die Waren. Da ging der junge Kaufmann fröhlich zu seinen Gesellen und schrieb an das Tor, wo die Schrift der Gefährten schon stand: Durch Vorsicht und Vernunft hat ein Mann eines Tages fünftausend Gulden gewonnen. Und hielt nun mit seinen Gesellen ein stattliches Freudenmahl.

Am folgenden Morgen sprachen nun die drei zu dem Königssohn, dessen Herkunft sie nicht kannten: »Gesell, es ist an dir, daß du hingehest und uns mit Speise und Trank versorgst. Siehe zu, was Gott dir und deiner getreuen Hoffnung beschert, und möge es reichlich ausfallen!«

Da machte sich der Königssohn auf den Weg in die Stadt und dachte: Was sollst du tun und beginnen? Du hast keine Arbeit gelernt, hast keine Jugend-Schönheit, hast keinen reichen Kaufmann zum Vater und bist nicht klug und nicht vorsichtig. Du hast nur dein Vertrauen auf Gott, und Gott wird dir helfen. Da setzte sich der Königssohn an die Straße auf einen Stein und versank in tieftrübe Gedanken.

Es war aber in dieser Königsstadt der König abermals gestorben, und man führte an diesem Tage seine Leiche aus der Stadt in ein nahes Kloster, und alles Volk folgte dem Zuge. Der Königssohn aber saß so vertieft in Nachdenken über das widerwärtige Schicksal, welches er erfahren hatte, daß ihn nichts kümmerte, was außer ihm vorging, und so versäumte er aufzustehen, als der Zug mit der königlichen Bahre vorüberging. Da trat ein Gewaltiger hinzu, der ergrimmte über diese Unschicklichkeit, gab dem Königssohn einen Backenstreich und sprach, indem er ihn von dem Stein stieß, auf dem er saß: »Du verwünschter Bösewicht! Trägst du keine Trauer im Herzen über des Königs Tod, den alle beweinen? Hinweg mit dir!«

Der Königssohn ließ schweigend den Zug vorübergehen, und als dieser zurückkam, da saß er wieder auf dem Stein, traurig und in gedankenvollem Sinnen. Da trat jener Gewaltige ihm wieder zornig nahe und fuhr ihn mit harter Rede an: »Sagte ich dir nicht vorhin, du solltest dich hier nicht mehr finden lassen?« Und er winkte den Schergen und ließ ihn in einen Kerker führen. Dort saß er, doch mit voller Hoffnung zu Gott, daß dieser ihn erlösen werde. Und als darauf das Volk zusammentrat, einen neuen König zu wählen, weil der vorige ohne Erben verstorben war, so sprach jener Gewaltige, daß er einen Mann im Kerker habe, der ein Verräter scheine, und man solle ihn öffentlich verhören und Recht über ihn sprechen. So wurde der Gefangene über alles Volk gestellt und gefragt, wie und warum er in dieses Land gekommen sei. Und er sprach: »Wisset, daß ich eines Königs Sohn bin« (und nannte den Namen seines Vaters), »und da mein Vater starb, so fiel an mich das Reich; aber mein jüngerer Bruder hatte mehr Anhang, darum drängte er mich vom Throne, und weil ich besorgen mußte, daß er mich töte, so bin ich entwichen aus meinem Erbe und in dieses Land gekommen.«

Unter dem Volke, welches dies hörte, waren viele Männer, die hatten des Königssohn Vater gekannt und hatten auch in jenem Reiche gewandelt. Die sagten aus, daß jener König ein gerechter und frommer Mann gewesen und daß sein älterer Sohn auch fromm und tüchtig sei, und einige schrien: »Vivat! Es lebe der König!« Und da schrien die andern auch so: »Vivat! Es lebe der König!« und wählten den Königssohn zu ihrem Herrn. Da wurde er erhoben und im Triumph durch die Stadt geführt, nach des Landes Brauch und Sitte, und auch um die Stadt, und da kam er mit der Menge an die nahe Herberge, wo er mit seinen Wandergesellen gehaust und an deren Pforte die drei Denksprüche seiner Gefährten standen, und sah sie an und befahl, dazu zu schreiben: Fleißige Sorge, kräftige Jugend, vorsichtige Vernunft und was dem Menschen Gutes und Böses begegnet, das kommt alles von Gott, wie es die Menschen verdienen.

Da wunderten sich alle über den Sinn des neuen Königs, freuten sich ihrer Wahl und erkannten, daß Gott ihnen diesen Herrscher gesendet habe. Als nun der König in den Thronsaal geführt ward und auf dem Stuhle des Königtums saß, da sandte er nach seinen Wandergesellen und sammelte um sich alle Edlen des Reichs, alle Weisen und alles Volk, so viel der Saal fassen konnte, und sprach: »Gepriesen sei Gott, der König der Könige, und Dank seinem heiligen Namen! Meine lieben Gefährten glaubten nicht, daß Gott unsre Schritte lenkt, nun müssen sie aber das an mir erkennen, denn weder die Kraft des Leibes, verbunden mit tätiger Sorgfalt, noch die Jugendkraft und Wohlgestalt, noch Handelswitz und Weisheit haben mir zum Throne verholten. Nie hoffte ich von dem Tage an, als ich durch meinen Bruder aus dem Reich verstoßen wurde, solcher Ehren und Würde wieder teilhaft zu werden; arm und im Pilgerkleid kam ich hierher, aber Gottes Hand war es, die mich führte, Gott war es, der mich erhöhte, an dem mein Herz mit treuer Hoffnung gehangen!«

Auf diese Rede erhob sich ein Mann aus dem Volke und sprach: »Nun hören wir erst, wie würdig du, o König, dieses Reiches bist, da Gott dir so viel Weisheit und Vernunft verliehen hat. Wir werden mit dir, als einem weisen König, wohl beraten sein, denn seine Treue führte dich nicht ohne Ursache zu jener Gesellschaft. Ihm sei Lob und Dank!«

Da stimmte das Volk freudig bei, und der König nahm wieder das Wort und redete: »Als ich vertrieben war, diente ich unerkannt eine Zeitlang einem Edelmann, allein ich fand mich bewogen, den Dienst zu verlassen, und als ich meinen Lohn empfing, so blieben mir nach dem, was ich für meine Kleider zu bestreiten hatte, nur zwei Pfennige. Da dachte ich in meinem Sinn: Einen Pfennig willst du Gott opfern und einen zu deiner Notdurft verwenden. Da begegnete ich einem Vogelhändler, der trug ein Turteltauben-Paar zu Markt, und ich dachte: Nicht besser kann der Mensch Gott dienen, als wenn er ein Geschöpf vom Tod erlöst, und da feilschte ich um die beiden Tauben, und da der Vogler mir beide nicht um einen Pfennig geben wollte, so dachte ich bei mir selbst: Läßt du die eine gefangen, so sind sie voneinander getrennt, und das ist ihnen der schlimmste Dienst. Da gab ich meine beiden Pfennige hin um die zwei Tauben, trug sie auf einen weiten Acker und ließ sie hinfliegen. Da flogen sie auf den Ast eines wilden Birnbaumes, unter dem ich stand, und wie ich wieder von dannen gehen wollte, so hörte ich, daß die eine Taube zu ihrer Freundin sprach: ›Dieser Mann hat uns vom Tod erlöst und uns unser Leben um all sein Gut, so viel er hatte, erkauft. Wir sind ihm Dank und Wiedervergeltung schuldig.‹ Und da riefen mir die Tauben und sagten: ›Du hast an uns große Barmherzigkeit geübt, und es ist unsere Pflicht, daß wir dir wieder vergelten. Unter dieses Baumes Wurzeln liegt ein großer Schatz, grabe nach, so wirst du ihn finden.‹ Ich grub und fand den Schatz und bewahrte ihn, lobte Gott und bat ihn, die guten Tauben in seinen Schutz zu nehmen und sie vor allem Übel zu bewahren, dann aber sprach ich zu ihnen: ›Wenn doch eure Vernunft und Weisheit so groß sind, und da ihr sogar zu fliegen vermögt, wie kam es denn, daß ihr in die Haft des Mannes geraten seid, aus dessen Händen ich euch kaufte?‹ Darauf antworteten die beiden Turteltauben: ›O du weiser Frager! Weißt du nicht, daß der Flug der Vögel, die Schnelle der Rehe, die Stärke der Stiere nichts vermag gegen das Verhängnis oder die göttliche Anordnung? Dagegen vermag sich keine Kreatur zu schützen, und so wenig wie ein Geschöpf unsrer Art, so wenig kann auch der Mensch auf Erden göttlicher Schickung entrinnen.‹«

Als der König den Edlen und dem Volke ausgelegt hatte, wie er zu einem ruhevollen Gottvertrauen gelangt sei, wurde er aufs neue gepriesen, und er bestellte, daß seine Wandergesellen in der Nähe blieben. Den Edelmann machte er zu einem Herrn am Hofe, den Kaufmann setzte er über die Einkünfte des Reiches, und den Handarbeiter machte er zum Oberaufseher der Gewerbe, und so war durch Verstand, Vernunft, Klugheit und Gottvertrauen ihrer aller Glück begründet.

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