Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Bechstein >

Die schönsten Märchen

Ludwig Bechstein: Die schönsten Märchen - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/bechstei/schoenma/schoenma.xml
typefairy
authorLudwig Bechstein
titleDie schönsten Märchen
publisherVerlagsunion Erich Pabel - Arthur Moewig KG
seriesDie schönsten Märchen
volumeBand 2
printrun5. Auflage
illustratorLudwig Richter
year1991
isbn3811810863
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081020
projectidf1a84e30
Schließen

Navigation:

Der Fischkönig

Alle Kinder kennen das Märchen, wie die Vögel sich einen aus ihrer Mitte zum Könige wählen wollten, wie der König sein sollte, der am höchsten fliegen könne, und wie darauf der Reiher am höchsten flog, aber der kleine Schalk, der Zaunschlüpfer, sich dem Reiher auf den Rücken gesetzt hatte, und als derselbe, der am höchsten flog, nicht höher fliegen konnte, sich das Zaunschlüpferlein erst auf eigenen Flügeln aufschwang und sich selbst zum Könige ausrief: »König bin ich! König bin ich!«

Auch wie das die großen Vögel alle sehr verdrossen hat und wollten ihn wieder herunter haben und sagten, der solle König sein, welcher am tiefsten falle, der Zaunschlüpfer nun herab und in ein Mauseloch fiel und heraus piepte: »König bin ich! König bin ich!« – und die Vögel ihn hernach nur spottweise Zaunkönig riefen.

Auch die kluge Königswahl der Frösche ist allbekannt, ebenso, daß der Löwe der König der vierfüßigen Tiere ist und daß Bienen und Ameisen Königinnen haben.

Aber daß die Fische auch einmal auf die Gedanken einer Königswahl gekommen sind, das ist weniger bekannt, und das kommt hauptsächlich daher, daß die Fische, mindestens für das Menschenohr, stumm sind und keinen Lärm vollführen und kein unnützes Geschwätze auf die Bahn bringen, wenn sie Kaiser oder Könige wählen.

Die Fische waren alle versammelt und riefen in ihrer Sprache: »Wenn wir uns in der belebten Welt umsehen, so erblicken wir rechts und links, daß alles seinen König hat und regiert wird, Tiere und Vögel, Insekten und Amphibien. Nur wir haben noch keinen Regenten! Lasset uns daher einen wählen, der Recht bei uns spricht und dem Schwachen hilft gegen die Starken, und lasset uns den wählen, welcher der schnellste und gewandteste Schwimmer ist.

Wer allen andern voran ist, der hat das natürliche Recht, unser König nicht nur zu heißen, sondern auch zu sein.«

Dieser Vorschlag gefiel den meisten Fischen, fast alle stimmten ihm bei, wer am schnellsten schwimme, solle König der Fische heißen und sein. Das Ziel wurde bestimmt, und das Volk bildete eine lange Gasse, um die Wettschwimmer an sich vorüber zu lassen, wobei die Schwert- und Sägefische eilig auf- und abschwammen und Ordnung hielten; wer sich zu weit vordrängte, bekam mit der flachen Klinge eins auf das Maul.

Die fliegenden Fische schnellten sich in die Luft empor, um dem Königsrennen aus der Vogelperspektive zuzusehen, plumpsten aber immer wieder in das Wasser. Die geharnischten Messerfische stellten sich in Parade auf, um dem Sieger ein Vivat auszubringen und ihm zu huldigen, wozu ein starker Chor Knurrhähne oder gepanzerte Gropfische Tusch knurren wollte. Die Sternseher, auch eine Fischart, prophezeiheten, daß aus der Königswahl, wie bei so mancher in der Menschenwelt, nichts Gescheites herauskommen werde; die Rüsselfische und Murmelbrassen hielten sich abseits und waren der Meinung, ein König sei ganz unnötig und sie müßten von vornherein seine Regierungsweise äußerst mißbilligen, er möge regieren, wie er wolle. Die kleinen Stichlinge endlich machten schlechte Witze über alle Parteien und parodierten unter sich die Schnellschwimmerei mit großem Humor.

Jetzt gab ein alter Zitterrochen durch einen Schlag seines elektrischen Schwanzes das allen zugleich fühlbar werdende Zeichen des Rennens, und da schossen nun die Fische hin, Hecht und Schleie, Barsch und Karpfen, Lachs und Steinbutt, Scholle und Neunauge, alles durcheinander – die Scholle blieb zuerst hinter den andern zurück und sagte: »Was plag ich mich? Langsam kommt man auch weit.«

Allen voran war der Hecht, der schoß zu wie ein Pfeil, plötzlich rief neben ihm eine spöttische Stimme: »Eile mit Weile, guter Hecht!« und wie der Blitz fuhr ein kleiner Fisch an ihm vorüber – und kam als der erste an das Königsziel.

Jetzt schrie alles: »Der Hering ist vor! Der Hering ist vor! Vivat hoch, der Hering soll leben! Vivat!«

Da präsentierten die Messerfische das Gewehr, und die Knurrhähne pullerten einen Parademarsch.

Das war eine Freude unter dem Fischvolke, aber die Scholle, die ganz langsam hinter dem Zuge drein schwamm, hörte nicht ganz deutlich, wen man so weit vorn als Sieger und König ausrief, und fragte eine Flunder, die ihr im Langsamschwimmen Gesellschaft leistete: »Was schreien sie? Wer ist vor?«

»›Der Hering ist vor‹, schreien sie!« rief die Hellbütte oder die Flunder der Scholle etwas laut ins Ohr, worauf diese erwiderte, indem sie aus lauter Ärger und Mißgunst ein schiefes Maul zog: »Na, schreie man nicht so, ich höre ja! Der nackte Hering also? Der Lump, der nackte Hering!« Von dieser Zeit an steht der Scholle das Maul immer schief.

Aber die Sternseher hatten recht gehabt: Dem neuen König wurde das Regiment sehr schwer gemacht; und er vermochte sich nicht so recht zu behaupten; es gibt gar zu viele Königsfresser.

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.