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Die schönsten Kinder- und Hausmärchen

Brüder Grimm: Die schönsten Kinder- und Hausmärchen - Kapitel 133
Quellenangabe
titleDie schönsten Kinder- und Hausmärchen
authorJacob und Wilhelm Grimm
typefairy
created20110909
publisherHille u. Partner
senderreuters@abc.de
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Der Ranzen, das Hütlein und das Hörnlein

s waren einmal drei Brüder, die waren immer tiefer in Armut geraten, und endlich war die Not so groß, daß sie Hunger leiden mußten und nichts mehr zu beißen und zu brechen hatten. Da sprachen sie: »Es kann so nicht bleiben. Es ist besser, wir gehen in die Welt und suchen unser Glück.«

Sie machten sich also auf und waren schon weite Wege und über viele Grashälmerchen gegangen, aber das Glück war ihnen noch nicht begegnet. Da gelangten sie eines Tags in einen großen Wald, und mitten darin war ein Berg, und als sie näher kamen, so sahen sie, daß der Berg ganz von Silber war. Da sprach der älteste: »Nun habe ich das gewünschte Glück gefunden und verlange kein größeres.« Er nahm von dem Silber, soviel er nur tragen konnte, kehrte dann um und ging wieder nach Haus. Die beiden andern aber sprachen: »Wir verlangen vom Glück noch etwas mehr als bloßes Silber«, rührten es nicht an und gingen weiter.

Nachdem sie abermals ein paar Tage gegangen waren, so kamen sie zu einem Berg, der ganz von Gold war. Der zweite Bruder stand, besann sich und war ungewiß.

»Was soll ich tun?« sprach er. »Soll ich mir von dem Golde so viel nehmen, daß ich mein Lebtag genug habe, oder soll ich weitergehen?« Endlich faßte er einen Entschluß, füllte in seine Taschen, was hinein wollte, sagte seinem Bruder Lebewohl und ging heim.

Der dritte aber sprach: »Silber und Gold, das rührt mich nicht: Ich will meinem Glück nicht absagen, vielleicht ist mir etwas Besseres beschert.« Er zog weiter, und als er drei Tage gegangen war, so kam er in einen Wald, der noch größer war als die vorigen und gar kein Ende nehmen wollte; und da er nichts zu essen und zu trinken fand, so war er nahe daran zu verschmachten. Da stieg er auf einen hohen Baum, ob er da oben Waldes Ende sehen möchte, aber so weit sein Auge reichte, sah er nichts als die Gipfel der Bäume. Da begab er sich, von dem Baume wieder herunterzusteigen, aber der Hunger quälte ihn, und er dachte: Wenn ich nur noch einmal meinen Leib ersättigen könnte. Als er herabkam, sah er mit Erstaunen unter dem Baum einen Tisch, der mit Speisen reichlich besetzt war, die ihm entgegendampften. »Diesmal«, sprach er, »ist mein Wunsch zu rechter Zeit erfüllt worden«, und ohne zu fragen, wer das Essen gebracht und wer es gekocht hätte, nahte er sich dem Tisch und aß mit Lust, bis er seinen Hunger gestillt hatte. Als er fertig war, dachte er: Es wäre doch schade, wenn das feine Tischtüchlein hier in dem Walde verderben sollte, legte es säuberlich zusammen und steckte es ein. Darauf ging er weiter, und abends, als der Hunger sich wieder regte, wollte er sein Tüchlein auf die Probe stellen, breitete es aus und sagte: »So wünsche ich, daß du abermals mit guten Speisen besetzt wärest«, und kaum war der Wunsch über seine Lippen gekommen, so standen so viel Schüsseln mit dem schönsten Essen darauf, als nur Platz hatten. »Jetzt merke ich«, sagte er, »in welcher Küche für mich gekocht wird; du sollst mir lieber sein als der Berg von Silber und Gold«, denn er sah wohl, daß es ein Tüchleindeckdich war, packte es fein säuberlich in sein Bündel und machte sich auf den Heimweg.

Er war noch nicht lang gewandert, da begegnete ihm ein Reiter, der war bis an die Zähne gewaffnet und schaute gar grimmig drein und sprach zu ihm: »Heda, Freund, gib mir gleich ein Stücklein Brot oder was du sonst als Wegzehrung in deinem Bündel führst.« Der Bursche aber erwiderte: »Wenn Ihr hungrig seid, so will ich um Gottes willen mit Euch teilen.« Darauf holte er sein Tüchlein aus dem Bündel, breitete es auf die Erde und sprach: »Tüchlein, deck dich«, und alsbald stand da Gesottenes und Gebratenes und war so warm, als wenn es eben aus der Küche käme. Der Kriegersmann machte große Augen, ließ sich aber nicht lange bitten, stieg vom Pferd und langte zu und schob immer größere Bissen in sein Maul hinein. Als sie abgegessen hatten, schmunzelte der Reiter und sagte: »Hör, dein Tüchlein hat meinen Beifall, das wäre so etwas für mich auf meinen Feldzügen, wo mir niemand etwas Gutes kocht. Ich will dir einen Tausch vorschlagen, dort am Sattelknopf hängt ein Ranzen, der zwar alt und unscheinbar ist, in dem aber wunderbare Kräfte stecken. Wenn man auf die eine Seite klopft, kommen hunderttausend Mann zu Fuß und zu Pferd heraus, klopft man aber auf die andere Seite, kommen aller Art Musikanten. Gibst du mir das Tüchlein dagegen, so ist der Ranzen dein.«

»Meinetwegen«, sagte der Bursche, »wenn's nicht anders sein kann, so wollen wir tauschen«, gab dem Reiter das Tüchlein, hob den Ranzen vom Sattelknopf, hing ihn um und nahm Abschied. Als er ein Stück Wegs gegangen war, wollte er die Wunderkräfte seines Ranzens versuchen und klopfte darauf. Alsbald traten hunderttausend Kriegshelden zu Fuß und zu Pferde vor ihn, und ihr Anführer sprach: »Was verlangt mein Herr und Gebieter?«

»Setzt in aller Eile dem Reiter nach und fordert mein Wünschtüchlein zurück.«

Sie machten linksum, und gar nicht lange, so brachten sie das Verlangte und hatten es dem Reiter, ohne viel zu fragen, abgenommen. Er hieß sie wieder abziehen und ging weiter.

Nachdem er eine gute Weile wacker seiner Nase hinterhermarschiert war, sah er einen zweiten Reiter des Wegs dahertraben, der war auch gar fürchterlich gewaffnet und verlangte wie der vorige, der Bursche sollte ihm zu essen geben. Der breitete wiederum sein Tüchlein aus, lud den Helden ein, vom Pferd zu steigen, und sie hielten zusammen ihre Mahlzeit. Nach dem Essen sprach der Reiter: »In meiner Satteltasche hab ich ein altes, abgegriffenes Hütlein, das hat seltsame Eigenschaften: Wenn das einer aufsetzt und dreht es auf dem Kopf herum, so gehen die Feldschlangen, als wären zwölfe nebeneinander aufgeführt, und schießen alles darnieder, daß niemand dagegen bestehen kann. Das wollt ich für dein Tischtuch wohl hingeben.«

»Das läßt sich hören«, antwortete er, nahm das Hütlein, setzte es auf und ließ sein Tüchlein zurück. Kaum aber war er ein Stück Wegs gegangen, so klopfte er auf seinen Ranzen, und seine Soldaten mußten ihm das Tüchlein wieder holen. Es kommt eins zum andern, dachte er, und es ist mir, als wäre mein Glück noch nicht zu Ende. Seine Gedanken hatten ihn auch nicht betrogen.

Nachdem er abermals ein Stück gegangen war, begegnete ihm ein dritter Reiter, der nicht anders als die vorigen von ihm zu essen verlangte. Er ließ ihn von seinem Wunschtüchlein mitessen, und das schmeckte dem Reiter so gut, daß er ihm zuletzt ein Hörnlein dafür bot, das noch ganz andere Eigenschaften hatte als das Hütlein. Wenn man darauf blies, so fielen alle Mauern und Festungswerke übern Haufen. Der Bursche gab dem Reiter zwar das Tüchlein dafür, ließ sich's aber hernach von seiner Mannschaft wieder abfordern, so daß er endlich Ranzen, Hütlein und Hörnlein beisammen hatte.

»Jetzt«, sprach er, »bin ich ein gemachter Mann, und es ist Zeit, daß ich heimkehre und sehe, wie es meinen Brüdern ergeht.«

Als er daheim anlangte, hatten sich seine Brüder von ihrem Silber und Gold ein schönes Haus gebaut und waren reiche Handelsleute geworden. Er trat bei ihnen ein, weil er aber in einem halb zerrissenen Rock kam, das schäbige Hütlein auf dem Kopf und den alten Ranzen auf dem Rücken, so wunderten sie sich, daß er so wenig auf seiner Wanderschaft gewonnen. Weil's aber ihr leibhaftiger Bruder war, so erbarmte sie seine Armut, und sie gaben ihm reichlich, damit er eine Zeitlang davon leben sollte. Er aber sprach: »Liebe Brüder, wenn ihr nicht zu stolz seid und mich nicht verschmäht, so will ich euch heute zum Mahle laden, da wollen wir unser Wiedersehen feiern.« Sie aber schalten ihn und sagten: »Willst du alles auf einmal verschlemmen, was wir dir gegeben haben?« Doch weil er nicht nachließ und sie immer dringlicher bat, mit ihm zu speisen, so ließen sie's am Ende zu. Und er hieß sie sich zu Tische setzen, das taten sie und schüttelten die Köpfe, weil doch keine Schüssel darauf stand. Er aber nahm sein Tuch, breitete es aus, sprach seine Worte, und im Augenblick stand der ganze Tisch voll der kostbarsten Speisen: Gebratenes, Gesottenes, Gebackenes, dazu alle Sorten Weins, so köstlich, daß es auf des Königs Tafel keinen besseren geben konnte. »Ha« und »Ho«, riefen die Brüder, »ist's so gemeint! Du bist nicht so lahm, als du hinkst«, griffen vergnügt zu und ließen sich's prächtig schmecken. Ihr Gastgeber aber nahm seinen Ranzen, schlug auf die eine Seite, und da kamen eine Menge Spielleute, die machten Musik, daß es eine Art hatte. Dann klopfte er auf die andere Seite, kommandierte seine hunderttausend Soldaten, die mußten, sooft die drei Brüder tranken, aus allen Rohren Freudenschüsse abfeuern.

Das hörte aber der König, der wohnte vier Meilen davon, und meinte, die Feinde wären gekommen, schickte deshalb einen Trompeter ab, der sollte ausforschen und ihm Nachricht bringen, was der Lärm zu bedeuten hätte. Der Trompeter ging auch hin und meldete dann seinem König, drei Brüder feierten ihr Wiedersehen und machten sich's lustig zusammen. Da ließ der König anspannen und fuhr selbst hin, denn es ließ ihm keine Ruhe, daß gewöhnliche Leute sollten Soldaten kommandieren können zu ihrem Fest, gerade wie ein großer Herr. Als er aber hinkam, ward er freundlich aufgenommen und eingeladen, sich zu Tisch zu setzen und mitzuhalten. Das tat er denn, und immer wenn eine Schüssel leer war, so stand gleich eine neue an ihrem Platz, und der Wein in den Krügen ward überhaupt nicht alle. Das gefiel dem König zuletzt so sehr, daß er beschloß, das Tüchlein müßt er haben, und er bot Ländereien und einen guten Teil seines Schatzes dafür. Der Bursche, dem das Tüchlein gehörte, wollt es aber nicht um alle Schätze der Welt hergeben. Da sprach der König: »Willst du mir's nicht gutwillig geben, so nehme ich es mit Gewalt«, nahm das Tüchlein vom Tisch, stieg in seine Kutsche und befahl dem Kutscher, so schnell zu fahren, daß den Pferden das Feuer unter den Hufen sprühte. Im Schloß aber ließ er alle Türen und Tore verschließen und gab Befehl, wenn der Bursche komme, dem das Tuch gehörte, so solle man ihn nicht einlassen, sondern ihm zwanzig Hiebe auf den Buckel geben. Und bald darauf kam er auch, ward aber nicht vor den König gelassen, sondern mußte mit blauen Flecken und jämmerlich zerschlagen wieder abziehen.

Da geriet er in Zorn, klopfte auf seinen Ranzen, bis seine Hunderttausend in Reih und Glied vor ihm standen, und befahl ihnen, das Schloß des Königs zu umzingeln. Da schickte der König einen Hauptmann mit seinen Scharen gegen ihn aus, der sollte den Ruhestörer aus der Stadt jagen. Aber die Hunderttausend schlugen den Hauptmann mit seinen Leuten zurück, daß sie mit blutigen Nasen abziehen mußten. Der König sprach: »Der hergelaufene Kerl ist noch zu bändigen«, und schickte am anderen Tage eine größere Schar gegen ihn aus, aber sie konnte noch weniger ausrichten. Der Bursche drehte ein paarmal sein Hütlein auf dem Kopfe herum: Da fing das schwere Geschütz an zu spielen, und des Königs Leute wurden geschlagen und in die Flucht gejagt.

»Jetzt mache ich nicht eher Frieden«, sprach er, »bis mir der König seine Tochter zur Frau gibt und ich in seinem Namen das ganze Reich beherrsche.« Das ließ er dem König verkünden, und dieser sprach zu seiner Tochter: »Muß ist eine harte Nuß; was bleibt mir anders übrig, als daß ich tue, was er verlangt? Will ich Frieden haben und die Krone auf dem Haupte behalten, so muß ich dich hingeben.«

Die Hochzeit ward also gefeiert, und der Bursche hatte nun sein Tüchlein wieder und die Königstochter obendrein. Da war der König recht verdrießlich. Noch verdrießlicher aber war die Königstochter, daß ihr Gemahl ein gemeiner Mann war, der einen schäbigen Hut trug und einen alten Ranzen umhängen hatte. Sie wäre ihn gerne wieder losgewesen und sann Tag und Nacht, wie sie das bewerkstelligen könnte. Da dachte sie: ›Sollten seine Wunderkräfte wohl in dem Ranzen stecken?‹, verstellte sich und liebkoste ihn, und als sein Herz weich geworden war, sprach sie: »Wenn du nur den schlechten Ranzen ablegen wolltest, er verunziert dich so sehr, daß ich mich deiner schämen muß.«

»Liebes Kind«, antwortete er, »dieser Ranzen ist mein größter Schatz, solange ich den habe, fürchte ich keine Macht der Welt«; und verriet ihr, mit welchen Wunderkräften er begabt war. Da fiel sie ihm um den Hals, als wenn sie ihn küssen wollte, nahm ihm aber mit Behendigkeit den Ranzen von der Schulter und lief damit fort.

Sobald sie allein war, klopfte sie darauf und befahl den Kriegsleuten, sie sollten ihren vorigen Herrn festnehmen und aus dem königlichen Palast fortführen. Sie gehorchten, und die falsche Frau ließ noch mehr Leute hinter ihm herziehen, die ihn ganz zum Lande hinausjagen sollten.

Da wäre er verloren gewesen, wenn er nicht das Hütlein gehabt hätte. Kaum aber waren seine Hände frei, so schwenkte er es ein paarmal: Alsbald fing das Geschütz an zu donnern und schlug alles nieder, und die Königstochter mußte selbst kommen und um Gnade bitten. Weil sie so beweglich bat und sich zu bessern versprach, so ließ er sich überreden und bewilligte ihr Frieden. Sie tat freundlich mit ihm, stellte sich an, als hätte sie ihn sehr lieb, und wußte ihn nach einiger Zeit so zu betören, daß er ihr vertraute, wenn auch einer den Ranzen in seine Gewalt bekäme, so könnte er doch nichts gegen ihn ausrichten, solange das alte Hütlein noch sein wäre. Als sie das Geheimnis wußte, wartete sie, bis er eingeschlafen war, dann nahm sie ihm das Hütlein weg und ließ ihn hinaus auf die Straße werfen.

Aber noch war ihm das Hörnlein übrig, und in großem Zorne blies er aus allen Kräften hinein. Alsbald fiel alles zusammen, Mauern, Festungswerke, das ganze Schloß, und schlugen den König und die Königstochter tot. Und wenn er das Hörnlein nicht abgesetzt und nur noch ein wenig länger geblasen hätte, so wäre alles über den Haufen gestürzt und kein Stein auf dem andern geblieben. Da widerstand ihm niemand mehr, und er setzte sich zum König über das ganze Reich.

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