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Die schönsten Erzählungen

Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Die schönsten Erzählungen - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorEbner-Eschenbach
titleDie schönsten Erzählungen
publisherNymphenburger Verlagsbuchhandlung
year1960
senderwww.gaga.net
created20050223
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Die Reisegefährten

In ein Halbkupee erster Klasse des Schnellzuges Amsterdam-Leipzig war an einem Winterabend ein alter, fein aussehender Herr gestiegen, hatte seinen Pelz und sein Handgepäck auf den leeren Plätzen ausgebreitet und sich sehr behaglich eingerichtet. Der Zug war nicht stark besetzt; der Reisende hoffte allein zu bleiben und wenn auch im rüttelnden Waggon nicht schlafen, sich doch wenigstens bequem ausstrecken zu können. Die Enttäuschung, die ihm bevorstand, wurde ihm bis zum letzten Augenblick aufgespart. Schon war das Zeichen zur Abfahrt gegeben, als eine mächtige, in einen langen Pelzrock gehüllte Gestalt in der Waggontür erschien. Ein junger Mann, ein blonder Riese, trat ein. Mit weicher, wohlklingender Stimme sagte er einige Male: »Pardon!« schloß die Tür, blieb stehen, eine Antwort erwartend. Sie erfolgte nicht, und er legte denn, nachdem er seine eigenen Reiseeffekten im Netze untergebracht hatte, die des alten Herrn sorgfältig und fast respektvoll auf den mittleren Sitz zusammen. Dann setzte er sich auf den frei gewordenen Platz, so bescheiden als möglich und ganz tief in die Ecke.

Jede seiner Bewegungen war von dem anderen mit scharfen, verdrießlichen Blicken verfolgt worden. Sein Mißfallen an dem Menschen steigerte sich, als der den steifen Hut, den er getragen hatte, mit einer runden Pelzmütze vertauschte und der slawische Typus seiner Physiognomie noch deutlicher zum Vorschein kam.

›Ist ein Russe, ist meiner Seel ein Russe‹, dachte der Alte.‹ Wenn er sich auf der Heimreise befindet, werd ich ihn vor Leipzig nicht los. Angenehme Nacht in Aussicht. Raucht eine Nacht durch wie nichts, so ein Russe. Aber der Russe rauchte nicht, er lehnte schweigend und regungslos in seiner Ecke.

Ein neuer Argwohn stieg in dem Wagennachbarn auf: ›Rührt sich nicht, richtet sich zum Schlafen ein. Natürlich, so ein Russe. Raucht wie ein Kohlenmeiler oder schnarcht brüllend wie eine Rohrdommel.‹

Aber der Russe schlief auch nicht. Er hielt vielmehr, soviel man beim Schein der mit dem Waggon hin und her schwankenden Deckenlampe sehen konnte, die Augen mit begütigendem Ausdruck auf den Reisegefährten gerichtet, als ob er sagen wollte: ›Es ärgert Sie, daß ich da bin und das tut mir herzlich leid, doch kann ich mit dem besten Willen nicht verduften.‹

Der Übellaunige schmollte weiter. ›Raucht nicht, schläft nicht, sieht mich an, möchte wahrscheinlich gern plappern, alle Russen plappern gern. Dafür dank ich. Da war mir ein stiller Raucher und selbst ein lauter Schnarcher noch lieber.‹ Er wandte sich plötzlich dem jungen Manne zu und sagte trocken: »Wenn Sie rauchen wollen, rauchen Sie.«

Der Angeredete verbeugte sich: »Ich danke, ich rauche nicht.«

»So? – Aus Gesundheitsrücksichten?« Er lächelte selbst bei der Frage an diesen blühenden, kraftstrotzenden Menschen. »Oder Geschmacksache?«

»Das letztere, ich mag den Tabak nicht.«

»Erstaunlich für einen Russen. Sie sind doch ein Russe?«

»Meine Familie ist deutschen Ursprungs, aber seit mehreren Generationen in Rußland naturalisiert, in Südrußland. Ich lebe in Taurien.« Er stellte sich vor: »Alexis Platow, Gutsbesitzer.« Ein kurzes Besinnen, und mit abermaliger höflicher Verbeugung die Frage: »Und wie darf ich Sie nennen?«

»Nennen Sie mich Doktor«, lautete die barsche Erwiderung. »Ich bin Arzt. Das heißt gewesen. Praktiziere nicht mehr. Wenn Sie schlafen wollen, schlafen Sie«, fügte er hinzu.

»Ich kann nicht, Herr Doktor, ich kann auf der Eisenbahn nicht schlafen, ein so ausgezeichneter Schläfer ich sonst bin.«

»Da geht es Ihnen wie mir«, sagte der Alte, »ich kann im Waggon nicht schlafen und bin kein Raucher.«

»Auch nie gewesen, Herr Doktor?«

»Doch, ein leidenschaftlicher, in der Jugend. Später hat es sich gemäßigt wie so vieles andere. Und auf einmal – das kam plötzlich – machte ich die Bemerkung: es schmeckt dir nicht mehr, du rauchst nur aus Gewohnheit. Da hab ich's aufgegeben.«

»Sofort und gänzlich?«

»Sofort und gänzlich.«

»Bewunderungswürdig, Herr Doktor; eine alte Gewohnheit aufgeben können, ohne rückfällig zu werden, das ist eine große Sache.«

»Nicht so gar groß in meinem Fall. Ich hasse die Tyrannei der Gewohnheit. Der Gewohnheitsmensch ist eigentlich gar kein Mensch, ist ein stumpfer, elefantenhäutiger Popanz.«

»Da haben Sie recht. Auch ich hasse die Gewohnheitsmenschen.«

Der Doktor betrachtete ihn mißtrauisch. Wieder eine Übereinstimmung! Erriet ihn dieser Mensch und wollte sich ihm angenehm machen mit slawischer Wohldienerei? »Können Sie wirklich hassen?« fragte er spöttisch. »Haben Sie die Kraft dazu? Man sieht es Ihnen nicht an. Riesen wie Sie haben gewöhnlich ihre ganze Kraft aufs Wachsen verwendet.«

Platow lachte gutmütig. »Mir ist doch noch einige zu anderer Verwendung übriggeblieben. Nicht nur, um zu hassen.«

»Zum Beispiel?«

»Zum Beispiel, um zu lieben, Herr Doktor.« Unsäglich jubelvoll waren diese letzten Worte hervorgebrochen: »Ich liebe, ich bin verlobt.«

»Schon?«

»Schon seit Jahren; und, so Gott will (dem Doktor schien, als ob Platow unter dem Pelze das Zeichen des Kreuzes mache), in sechs Wochen – verheiratet.«

»Und das wünschen Sie? Können Sie es nicht erwarten, sich unters Joch zu beugen?«

»Kann es wirklich kaum mehr erwarten.«

»So? – Wie alt sind Sie denn?«

»Sechsundzwanzig.«

»Ist das möglich? Ihnen sieht eine zwanzigjährige Seele aus den Augen.«

Der Russe fing an, ihn zu interessieren. Wenn seine Menschenkenntnis ihn nicht täuschte, und die täuschte ihn selten, ehrlich gestanden meinte der Doktor: nie! – war er da auf ein Prachtexemplar der Gattung, auf ein Unikum gestoßen. Auf einen Steppenbären, so höflich wie heutzutage kaum noch ein Haushofmeister, einen jungen Mann der Neuzeit und naiv und vertrauensselig wie ein Kind. Trägt sein Herz auf der flachen Hand herum und fragt: ›Ist's gefällig?‹ So kam er ihm vor, und so mußte er sein; nach kaum einer Stunde hätte der Doktor darauf schwören dürfen.

Er hatte ein Gespräch gefürchtet und sich dann selbst kopfüber hineingestürzt und wußte bald so viel von dem Reisegefährten, daß er seine Lebensgeschichte hätte schreiben können. Aber besser als er würde Geßner oder Florian das getroffen haben. Die reine Idylle. Alexis war auf dem Gute seiner Eltern geboren worden und ihr einziges Kind geblieben. Seinen Vater verlor er früh, wurde von der besten Mutter erzogen und bildete sich ein, ihr die Aufgabe nicht besonders schwer gemacht zu haben.

»Was aus mir werden konnte, bin ich unter ihrer Leitung geworden. Einen großen Geist und große Talente konnte sie mir nicht anerziehen. Ich bin ein einfacher Mensch. Sie werden das schon gemerkt haben, Herr Doktor, denn Sie haben einen scharfen Blick. Mittelschlag. Altmodisch, so jung ich bin, dem Vorurteil der Pflicht unterworfen, ein gläubiger Christ.«

Der Doktor murmelte: »Phänomenal« und setzte laut und ohne Spott hinzu: »Nun, ich gratulier Ihrer Mutter und gratulier Ihrer Braut.«

»Machen Sie ihre Bekanntschaft, Herr Doktor, ich hab sie beide da!« rief Platow, und seine Augen leuchteten. Er zog ein kleines Etui aus der Tasche, in dem zwei Miniaturbildchen eingerahmt waren, vortreffliche, in der Art Daffingers gemalte Porträts. Eine ältliche Frau in Witwentrauer, mit edlen, etwas strengen Zügen, und ein sehr junges Mädchen. Der Doktor stand auf, trat unter die Lampe und betrachtete die Bilder.

»Sie sehen Ihrer Mutter nicht ähnlich«, sagte er, zu Platow emporsehend, der gleichfalls aufgestanden war.

»Nein. Ich bin ganz und gar meinem Vater nachgeraten. Meine Mutter ist eine Deutsche.«

»Und das ist Ihre Braut. O prachtvoll! Wenn das Bild nicht geschmeichelt ist.«

»Geschmeichelt?« rief Platow in heller Entrüstung, und der Doktor fuhr fort:

»Wenn das Original so klug ist und so gut, so sanft und so energisch, wie es hier aussieht, kann man Ihnen nur Glück wünschen.«

»Das kann man, vor allem Glück wünschen, daß ich dieses Jahr überstanden habe, das Prüfungsjahr. Ein ganzes Jahr der Trennung von ihr, von meiner Mutter. Mein zukünftiger Schwiegervater stellte die Bedingung, als ich bei ihm um meine Sonja warb: ›Du – er sagt du zu mir, wir sind Nachbarn – bleibst ein Jahr fort, siehst dir eine andre Welt, andre Menschen an, und wenn du dann zurückkehrst und wenn es dir daheim wieder gefällt und auch Sonja dir noch gefällt, ist sie dein.‹ Ist sie mein«, wiederholte er, nahm dem Doktor das Etui aus der Hand und versenkte sich in den Anblick des Bildes seiner Braut. Sein Gesicht wurde ordentlich hübsch vor tiefer Wonne und schöner Zärtlichkeit. »Wenn ich denke!« rief er, »in drei Tagen bin ich daheim, habe alle und alles wieder, was ich liebe, meine Mutter, meine Braut, mein altes Haus und den Wald und die Felder und die Steppe, zuviel des Glückes! Zum Erschrecken viel! Wie soll ein Mensch, dem ein solches Glück auf Erden zuteil wird, sich auch noch den Himmel verdienen können?«

Er hatte sich wieder in seine Ecke gesetzt, lehnte den Kopf zurück und schloß die Augen.

Der Doktor aber beugte sich vor: »Sie sind mir merkwürdig«, sagte er. »Sie haben doch studiert. Oder nicht?«

»Gewiß, ich habe die Universität absolviert.«

»Und den Glauben nicht eingebüßt? Nichts von Ihrem Glauben?«

»Von meinem Glauben?« er dachte eine lange Weile nach, er war sehr ernst geworden. »Ich will Ihnen etwas anvertrauen, Herr Doktor, etwas, das nicht einmal meine Mutter weiß. Ist das nicht seltsam? Ihr sagt ich es nie. Aber wir begegnen uns einmal im Leben und dann vielleicht nie wieder. In die Krim kommen Sie wohl nicht?«

»Schwerlich, junger Mann. Mein Weg führt jetzt ans Goldne Horn und weiter, und wieder heim ... Nun, was wollten Sie mir anvertrauen?«

»Daß mein Glauben eine Lücke hat, eine merkwürdige Lücke. Ich kenne die Reue nicht. Höchstens denke ich: Was du getan hast, war nicht gut, nicht schön. Das ist aber auch alles, ist nur Selbsterkenntnis, nicht Reue, nicht die Reue, die zu haben unsere Religion uns vorschreibt. Ich habe doch schon manches Unrecht begangen, und wenn ich darüber nachdachte, gründlich und ehrlich, mußte ich mir gestehen: Wenn du wieder in dieselbe Lage versetzt würdest, würdest du auch wieder dasselbe Unrecht begehen. Das ist schrecklich, Herr Doktor, das ist das Gegenteil dessen, was zu empfinden meine Pflicht wäre als Christ. Wenn ich noch schärfer zusehe, ganz helle Augenblicke habe, Augenblicke, in denen im Kopfe alles licht wird und man aus- und durch und durch-denkt, dann ist es mir schon gewesen, als ob ich eine Berechtigung hätte, Reue nicht zu empfinden. Und als ob alle Menschen eine gleiche Berechtigung hätten. Welche Lücke in meinem Glauben, Herr Doktor, welch ein klaffender Riß! Aber solche Augenblicke, in denen man ausdenkt, sind selten. Im gewöhnlichen Leben duselt man so hin. Für den täglichen Gebrauch langt unsereins mit geringem Gedankenmaterial reichlich aus. Der Weg, den die Gedanken genommen haben in seltenen – soll ich sagen begnadeten oder unheilvollen Stunden? – verschüttet sich. Man findet ihn nicht wieder, aber das Resultat bleibt, die gewonnene Erkenntnis ist da. So ist bei mir die Erkenntnis da: Du bist der Reue unfähig.«


»Das ist allerdings sonderbar«, versetzte der Doktor und war wieder sehr spöttisch, aber voll Wohlwollen. Dem Skeptiker, dem Unfrommen, machte die Lücke in der Frömmigkeit seines Reisegefährten Vergnügen. Und für den Urheber dieses Vergnügens sprach etwas in seinem, der Vorliebe und Sympathie schwer zugänglichen Herzen.

»Wir sind einander nie begegnet«, sagte er, »wir werden einander nie mehr begegnen, aber wir sind für viele Stunden zusammen eingesperrt in einem engen Rumpelkasten, wie zwei Gefangene in einer Zelle. Es ist eine bekannte Sache, daß Zellengenossen unbeschränktes Vertrauen zueinander haben. Sie schenken mir das Ihre, ich will Ihnen dafür etwas schenken, was sonst nicht zu haben ist, überhaupt nicht, um gar keinen Preis – das Meine. Hören Sie, junger Mann, auch ich habe Seltsames im Punkt der Reue erfahren. Ich war ein Reuekünstler, ich bin als Reuiger geboren; ich glaube, daß ich mit dem ersten Atemzug bereute, auf die Welt gekommen zu sein. Denken Sie, dieses Talent haben und ein Arzt sein, immer von dem Gefühl begleitet sein: Hättest du das doch nicht getan, oder mehr getan, oder anders getan. Wärst du nicht so kühn oder nicht so ängstlich gewesen!«

»Verzeihen Sie, Herr Doktor«, unterbrach ihn Platow, »was Sie da gequält hat, war nicht Reue, es waren Skrupel, Gewissenszweifel. Reue hat man nur – wenn man sie hat – um einer Sünde willen.«

»Verlassen Sie sich darauf: meine Reue war so heiß, wie der frömmste Büßer sie nicht heißer zu fühlen vermag. Äußerlich merkte man mir nichts an, ich trug eine eiserne Maske und gab mich für unfehlbar und bin dabei ein berühmter Arzt geworden. Und jetzt kommt die Anomalie. Irrtümer, um derentwillen mich der strengste Beichtiger losgesprochen hätte, habe ich blutig bereut. Ein Verbrechen, um dessentwillen mich der erste beste Strafrichter verurteilen müßte – nie.«

Der Russe sah ihn mit lachenden Augen an. »Sie wollen ein Verbrechen begangen haben, Herr Doktor? Nun erlauben Sie mir, Sie halten mich für gar zu naiv.«

»Es ist, wie ich Ihnen sage. Das größte Verbrechen, das ich als Arzt begehen konnte, habe ich begangen: ich habe einen Kranken, den ich behandelte, dessen Leben ich fristen sollte und konnte, sterben lassen, zugrunde gerichtet mit Bedacht.«

»Warum sagen Sie mir das?« rief Platow. »Es kann nicht sein. Mir ist noch selten ein Mensch auf den ersten Blick so verehrungswürdig vorgekommen wie Sie.«

»Den ersten Blick? – Wer jung ist wie Sie, tut gut, ihm zu mißtrauen. Sie kommen da mit einem Reisegefährten zusammen, der Ihnen einen guten Eindruck macht, fühlen sich zu ihm hingezogen und erfahren, daß er einen Mord begangen hat. Denn ein Mord war's, da hilft alles nichts. Er hat ihn begangen und nie bereut. Dieser Skrupelfänger, der tagelang bereuen konnte, daß er bei einem seiner leicht erkrankten Patienten dieses Mittel angewendet hat und nicht jenes – hat einen Mord nie bereut.«

»Einen Mord – einen Mord« – wiederholte Platow in einem Ton voll Entsetzen. »Wann war das? Wo war das?«

»Wann? Vor vielen Jahren. Wo? In einer ziemlich großen Provinzstadt, irgendeiner slawischen, in die mich die Verhältnisse verschlagen hatten. Es waren außer mir noch zwei Ärzte dort und ein Bader. Alle drei hatten im Hause des Pan Sylvester ordiniert und waren suppliert worden, einer durch den andern, immer hinterrücks. Nebenbei gesagt, der jüngste war talentvoll und der einzige, der mich erstaunt und sogar mißtrauisch angesehen hat, als ich ihm zum erstenmal sagte: ›Sie, Ihr Pan Sylvester stirbt.‹ Er selbst ist – schad um ihn – bald darauf während einer Typhusepidemie, die im Lande raste, hinweggerafft worden, wie viele andere Ärzte. Er hatte eine große Verachtung gegen Pan Sylvester, und die teilten viele mit ihm, und viele wieder empfanden Mitleid mit ihm, ohne recht zu wissen warum, und nannten ihn immer nur den armen Pan Sylvester. Ausgemacht war, daß er nie einem Bekannten – Freunde hatte er nicht – den geringsten Gefallen und nie einem Armen die geringste Wohltat erwiesen hatte. Er bedauerte sich immer, niemals aber so jämmerlich, als wenn ihn jemand um etwas bat. Der andere kam sich dann vor, wie wenn er einen Bettler hätte berauben wollen. In der Kunst, zu lamentieren, besaß dieser Pan eine unerhörte Virtuosität. Wenn er es darauf anlegte, zu rühren, rührte er sogar die Gleichgültigen und Kalten. Eine nur ließ sich nie hinters Licht führen, die eine, die ihn ganz und völlig kannte, die alte Haushälterin Bohuslava, eine Art Faktotum. Sie war mit der verstorbenen Frau ins Haus gekommen und hatte mit ihr alle Qualen ihrer unglückseligen Ehe durchgemacht. Es hieß, die Frau sei bildhübsch und der Mann voll tollwütiger Eifersucht gewesen. Ohne Grund. An ihrer Frauentugend hatten nicht einmal die Mißgünstigen je gezweifelt. Aber sie klagte – und das war ungeschickt und wurde ihr übelgenommen. Es ist einmal Ehrensache für die Frau, in ihrer Ehe wenigstens glücklich zu scheinen. Sie setzt sich selbst herab, wenn sie eingesteht, daß sie es nicht ist. Die Welt fordert in dem Punkte eine heroische Heuchelei, die vielleicht ihr Gutes hat. Das gehört aber nicht hierher.

Eines Tages traf ich meinen jungen Kollegen, und er kündigte mir an, ich möge mich gefaßt machen, nächstens zu Sylvester gerufen zu werden. Der Pan beginne liebenswürdig mit ihm zu sein, ein sicheres Zeichen stiller Unzufriedenheit bei dieser aufrichtigen Seele. Unter der Hand, auf Umwegen, hatte er sich schon nach mir erkundigt in seiner Katzenart.

›Geben Sie acht‹, sagte mein Kollege, mächstens werden Sie gerufen. Sie kommen jetzt dran und nach Ihnen, oder vielleicht schon im geheimen mit Ihnen zugleich, irgendeine Kurpfuscherin. Gehen Sie trotzdem zu ihm, ich bitte Sie, nicht seinet-, aber der Tochter wegen. Ein wunderbares Wesen. Sie werden sehen. Ich wäre längst weggeblieben, ohne diese Märtyrerin – und welches Leben führt der Engel!‹ Er sprach lange fort in Ausdrücken ... mit einer Begeisterung ... Ich mußte merken, was es bei ihm geschlagen hatte. Aber er war gescheit, er machte sich keine Hoffnung; er wußte: ein reiches Edelfräulein und ein armer Doktor, das stimmt nicht. Stimmte wenigstens damals noch nicht.

Richtig also, bald darauf erhielt ich einen schön geschriebenen Brief von der Panenka Michaela. Im Namen ihres Vaters bat sie mich, ihn am nächsten Morgen, so früh, als mir irgend möglich sei, besuchen zu wollen. Die Neugier trieb mich hin. Ich bin bis ins Mannesalter hinein neugierig gewesen. Was ich fand, war ein luxuriös eingerichtetes Haus, zahlreiche Dienerschaft und endlich ein mit wahrem Raffinement für das Wohlbehagen des Patienten ausgestattetes Krankenzimmer. Er selbst ein langer, dürrer Mensch mit einem Vogelkopf. Den flachen Schädel bedeckten dichte, kurz gehaltene, pfefferfarbige Haare. Die Augen waren klein und lauernd, die Nase bog sich schnabelartig dem breiten Munde zu. Sein gelbliches Gesicht war bartlos. Um den Hals hatte er einen seidenen Schal geschlungen und trug einen weiten Tuchrock mit Verschnürungen. Dieser Vogelmensch hatte eine hohe klagende Stimme und ein unstillbares Sprechbedürfnis und setzte sich gleich in Szene als der geduldige und heldenmütige Kranke, der die schweren Leiden, die Gott über ihn verhängt, gern auf sich nähme, wenn sie ihn nur nicht zu einer Plage und zu einer Last für seine Umgebung machen würden. Aber das – das war ihm das Ärgste. Er, eine Plage, eine Last, der sein Leben lang ein Zentrum gewesen war und gewohnt zu nützen, zu stützen. Der Reim gefiel ihm, er wiederholte ihn mehrmals. Ich denk es noch. Was man sich merkt ... Das Gedächtnis ist ein eigenes Ding ... Was man sich merkt – was man vergißt! ...

Er also war gewohnt gewesen, zu nützen, zu stützen. Und jetzt! Ach, wenn seine Kinder nicht wären, ihnen zu Liebe, die es um ihn nicht verdienten, ließ er so deutlich durchblicken, daß es einem die Augen ausstach, schleppte er sein elendes Dasein weiter und tat sogar, was eben zu tun Pflicht ist, um es zu erhalten, nur ihnen zuliebe.

Und nun kam die Krankengeschichte, die lange vor dem A anfing und weit hinter dem Z aufhörte. Alle Augenblicke berief er sich auf seine Tochter und auf die alte Wirtschafterin, die beide anwesend sein mußten bei meinem ersten Besuch. Wenn er so stark aufgetragen hatte, daß ihm die Tünche selbst zu schreiend und zu unwahrscheinlich vorkam, dann sollte seine Tochter die Behauptung bestätigen. Sie errötete, sie zögerte, brachte die Lüge nicht heraus. Sie sagte: ›Ja, ungefähr ... Es wird dir so vorgekommen sein‹, und seufzte ganz leise und mit unsagbarer Langmut: ›Der arme Papa!‹

Was, ›der arme!‹ Ich beobachtete ihn; wenn sie ihn halb und halb im Stiche ließ, da kochte es in ihm, da sah er sie an, als ob er sie zerreißen wollte. Da begriff ich, wie zornmütig er werden konnte, der sentimentale Dulder.

Unter einem solchen Blicke schauderte sie, beugte sich aber nicht, gab nicht klein bei. Sie war ein tapferes Geschöpf. In der Stunde schon habe ich sie beurteilt und hatte an dem Bilde, das ich mir damals von ihr gemacht, auch in der späteren Zeit wenig hinzuzufügen und wenig hinwegzunehmen. Nicht normal, eine Heilige. Heilige sind ja nicht normal. Übermüdet, erschöpft durch das Leiden, den fortwährenden Kampf, die fortwährende Selbstbeherrschung. Und schön ... eine anmutige, unwiderstehliche Schönheit. Eine Gestalt, hoch und schlank und wie für die Ewigkeit gebaut. Und die Ansätze der Glieder und des Halses doch so fein, und ein Ebenmaß ... ihre Bewegungen waren wie Musik. Dunkle, große Augen und im Gesicht dieser Heiligen etwas von dem keuschen Liebreiz der knidischen Aphrodite.«

Er schwieg plötzlich, er saß aufrecht und sah gerade vor sich hin, und das schwankende Licht der Lampe glitt über seine edlen, markigen Züge, und Platow dachte: Wie prächtig sieht er noch aus als Greis. Er muß ein gefährlicher Mensch gewesen sein und wird dieser Panenka Michaela nicht weniger gefallen haben als sie ihm. Und stolz und tüchtig und sicher war und ist er, und was er da erzählt von einem Verbrechen, das er begangen hat, glaube ich nicht. »Glaube ich nicht!« rief er laut und weckte den Doktor aus tiefem Sinnen. Der fuhr zürnend auf:

»Was glauben Sie nicht?«

»Daß Sie ein Verbrechen begangen haben.«

»Nach Belieben – ich bin wohl ein alter Gaukler, der auf den Eisenbahnen herumfährt und wildfremden Personen Schauermärchen erzählt!«

»Oh, Herr Doktor, oh!«

Der Doktor strich mit der Hand über seine Stirn: »Seit Jahren ist ihr Bild nicht mehr so deutlich vor mir gestanden, es war wie im schönsten Traum. Das dank Ihnen der Teufel, daß Sie mich geweckt haben ... Aber auch die andere«, setzte er nach einer Weile mit der früheren Lebhaftigkeit hinzu, »die alte Bohuslava, ihr Widerspiel, steht vor mir in ihrer monumentalen, aber nicht – o gar nicht abstoßenden Häßlichkeit. Groß, starkknochig, mit derben Zügen, unbotmäßigen grauen Haaren, die von allen Seiten unter der runden, bändergeschmückten Haube hervorquollen und von denen jedes einzelne gegen die göttliche Weltordnung zu protestieren schien. Sie hatte zwei Leidenschaften: Haß gegen ihren Herrn, Liebe für seine Kinder, die Liebe einer Löwenmutter. Wenn Pan Sylvester sie anrief: ›Bohuslava, weiß Sie noch, besinnt Sie sich noch?‹, besann sie sich nie, wußte sie nie, verstand ihn zu ärgern, daß jeder Blutstropfen in ihm zu Galle wurde. Dann freute sie sich so offenbar, daß er es merken mußte. Bei solchen Gelegenheiten stieß er sie – wie ich hörte, sogar höchst eigenhändig – zur Tür hinaus, zum Hause aber nicht. Er dachte nicht daran, die alte, unentbehrliche Dienerin zu entlassen, er war ein Gewohnheitspopanz und hatte übrigens ein Bedürfnis nach lärmenden und aufregenden Szenen.«

Der Doktor unterbrach sich: »Ein Fluch war der Mensch, ein Fluch für seine Kinder. Er hatte deren drei. Das älteste, ein Sohn, ein ernster, tüchtiger Mann, verwaltete die großen Güter, nach den Anordnungen des Vaters, wie der sich einbildete, tatsächlich aber selbständig. Seit drei Jahren schon war er mit einem liebenswürdigen jungen Mädchen verlobt, einer vermögenslosen Waise, um die sich auch ein anderer gutsituierter und unabhängiger Mann bewarb. Pan Sylvester versagte seine Einwilligung zu dieser Heirat, er wollte durchaus nur von einer wohlhabenden Schwiegertochter etwas hören. Nicht weniger bockig als er war der Vormund des Mädchens, stand ganz auf der Seite des andern Bewerbers, konnte den Augenblick kaum erwarten, sein verantwortliches Amt als Beschützer seiner schönen, vielumworbenen Mündel loszuwerden. Es lag also Gefahr im Verzuge und Pan Sylvester, dem man endlich eine halbe Zustimmung abgerungen hatte, zog die Sache in die Länge, zögerte, vertröstete. Ja, der verstand zu quälen.

Auf keinem lastete er aber durch sein bloßes Dasein so entsetzlich schwer wie auf seinem jüngsten Kinde, einem Sohn. Vierzehn Jahre alt damals und auch schön. Der alte Pan hatte lauter schöne Kinder. Nur ein gar so zartes Gebilde, dieser hellblonde Knabe, ein Kind des Alters und der Kränklichkeit. Man hatte gezweifelt, daß seine Mutter noch die Kraft haben werde, ihn zur Welt zu bringen. Acht Tage nach seiner Geburt starb sie. Michaela hatte sich seiner mütterlich angenommen, er war ihr das Liebste auf der Welt, der scheue, blauäugige Sylph. Mich ließ er kühl. Ich fragte seine Schwester: ›Wie geht's Ihrer Treibhauspflanze, Ihrem Herzblatt?‹ Ich neckte sie: ›Sind Sie auch gewiß, daß er lebt, ein Mensch ist, und nicht eine Orchidee?‹ Darüber konnte sie böse werden, und es war zu herrlich, und ich jubelte und triumphierte. Sie kann doch auch böse werden, gehört nicht zu den puren Geistern, ist nicht bloß eine Heilige.

Um auf den Jungen zurückzukommen – der bebte vor seinem Vater, erzitterte, nicht aus Furcht – aus Abneigung. Ein zweiter, so absolut reiner Fall von angeborener, unüberwindlicher Antipathie ist mir nie wieder vorgekommen. Das bißchen Rot, das der Knabe auf den Wangen hatte, verschwand, verwandelte sich in einen grünlichen Schatten, wenn es hieß: der Vater läßt dich rufen. Und gerade für ihn hatte Sylvester eine Art Vorliebe, soviel, als er eben haben konnte. Er legte ihm die Hand auf den Kopf, streichelte ihm das Gesicht. Dann durchzitterte den ganzen zarten Körper des Kindes ein rieselnder Schauer ... peinlich mit anzusehen. Alle bemerkten es, nur der Urheber der Qual nicht, die sein armes Kind mit aller Kraft, die ihm zu Gebote stand, zu verhehlen suchte.«

Der Doktor hielt inne - versank in Schweigen. Eine Weile verging, bevor er wieder das Wort nahm: »In diesen letzten Tagen sind allerlei Zufälligkeiten zusammengekommen, die gemacht haben, daß ich an Pan Sylvester öfter denken mußte, als es in Jahren geschah. Er erscheint mir heute doch in einem etwas milderen Lichte als damals ... Ebenso widerwärtig, aber weniger verabscheuungswürdig. Er war eigentlich kein böser Mensch, er hat seine Bauern nicht geschunden, seine Diener nicht mißhandelt. Er war falsch, borniert und egoistisch, und - wieviel Wahre, Gescheite und Selbstlose laufen denn auf der Welt herum? Im Äußeren hatte er etwas vom Vogel, im Innern war er wie Blei, so zäh, so schwer – was der lasten konnte! Wo er sich zeigte, da gab's nur ihn, da kam keine andere Individualität zur Geltung, da verlor jeder das Recht auf sein eigenes Ich.«

»Merkwürdig, Herr Doktor«, sagte Platow, »ich kenne einen Menschen von derselben Art. Er steht mir fern, gottlob, aber sehen Sie, den haß ich. Und wenn ich mit ihm leben müßte, wer weiß, wessen ich fähig wäre.«

»Keiner argen Grausamkeit, wenn er nur Ihnen Übles täte; wenn Sie ihn aber eine«, – er verbesserte sich: »andere zugrunde richten sähen, die Ihnen lieber sind, als Sie sich selbst ... Nehmen Sie nur an, die Zeiten, in denen das Blei nichts tat als lasten und beklemmen, das waren die guten. Die schlimmen waren, wenn es ins Kochen kam und einer der Wutanfälle eintrat, die kein Ende nehmen wollten. Da zitterte das ganze Haus – unnötigerweise. Die Leute hätten aus vielfacher Erfahrung wissen können, daß ihnen nichts geschah. Aber kämpfen Sie die Furcht mit Vernunftgründen nieder, versuchen Sie's!«

Von neuem ließ er eine Pause eintreten und fuhr dann fort:

»Einmal paßte mir Bohuslava im Vorzimmer auf:

›Der Pan gefällt mir nicht‹, sagte sie.

›Auch mir nicht‹, gab ich zur Antwort.

Sie schwieg lange, dann legte sie die Finger auf meinen Arm und sprach: ›Zeit war's, sonst nimmt er sie mit, oder schickt sie gar noch voraus.‹ Ich wußte, von wem sie sprach. ›Sie‹, das war Michaela. Wie diese ihren Bruder, so liebte Bohuslava ihr Fräulein. Vielleicht noch mehr. Es war eine mit Verzweiflung gefütterte Abgötterei. Die Alte hätte sich für ihre Herrin in Stücke hacken lassen und war nicht imstande, ihr die kleinste Bitternis zu ersparen: ›Haben Sie Augen, Herr Doktor? Fällt Ihnen nicht auf, wie sie aussieht?‹

›Fällt Ihnen nicht auf?‹ fragte sie mich. Blödsinnige Weibsperson – mich! Freilich, meine eiserne Maske. Es liegt nur eine Generation zwischen euch und uns, aber der Unterschied ist himmelweit. Für uns war Begehren und die Hand ausstrecken nicht eins. Daher die geübte Kraft. Ein Arzt braucht mehr Seelenstärke als ein anderer. Beim ersten Betreten eines Hauses fallen Schranken vor ihm nieder, die man vor dem ältesten Bekannten aufrechterhält. Wenn er Vertrauen gewonnen hat, wie kommt man ihm entgegen, wie wird er erwartet und begrüßt – nur den Geliebten erwartet und begrüßt man wie den guten, geschickten Herrn Doktor, der den unausstehlichen Herrn Papa behandelt ... Sich hüten! Oh – kein Narr sein, sich nicht täuschen! das prägte ich mir ein, täglich wenigstens einmal. Ich wurde aber oft dreimal an einem Tage gerufen, und die Ungeduld des Kranken teilte sich seiner Tochter mit. Immer war sie es, die mir entgegenkam, freundlich und wie aufatmend. Und dieses Frauenzimmer da fragte: ›Fällt Ihnen nichts auf an ihr?‹ Die unnatürlich groß geöffneten Augen und die Abmagerung und ... Ja, sie bezeichnete die Symptome der Nervenkrankheit, die im Anzüge war, ganz richtig und genau. ›So hat ihre Mutter angefangen zu sterben. Und sie wird es kürzer machen. Sie war nie so kräftig wie ihre Mutter. Oh, Herr Doktor, ein Bild der Gesundheit, als sie an den Altar getreten ist, und ein Herz! Kein Engel des Lichts kann besser sein – und nach zehn Jahren nicht mehr zu erkennen. Aufgeregt, zerfahren, kaum noch gut. Aus adeliger Familie waren sie beide, aber sie gebildet, fein, eine Stadtdame und er – nun, Sie sehen ja. Den Umgang mit seinesgleichen immer gemieden, da hätte er ja doch Rücksichten haben, sich ein bißchen zusammennehmen sollen, also – lieber nur mit Untergebenen verkehrt, die sich aus allem eine Ehre machen mußten. Sie hatte bei Tag keine Freude und bei Nacht keine Ruhe. Diese Auftritte! Mein Schlafzimmer befand sich zu ebener Erde, gerade unter dem ihren. Da hörte ich ihn auf und ab rasen, da schrie und beschimpfte er sie und schwor, daß sie ihn betrüge!‹ Die Alte brach plötzlich ab, ihre Gedanken hatten auf einmal eine andere Richtung genommen: ›Und sie hat auch keine Ruhe mehr bei Nacht, seit drei Wochen ist sie nicht mehr in ihr Bett gekommen. Sie muß bei ihm wachen.‹ – ›Wozu denn?‹ rief ich, ›das ist ja ganz überflüssig.‹ – ›Aber er will's, das heißt, er gibt zu verstehen, daß er es will. So etwas sagen, Gott behüt's, man muß es erraten und es ihm aufdrängen. Er muß sich wehren können und beteuern: Ich mag es nicht, sie tut's aus Eigensinn. Und weh ihr, wenn sie es nicht täte. Ihr ärgster Feind könnt ihr nichts anderes raten.‹ – ›Ich werde der Komödie ein Ende machen‹, sagte ich, ›ich werde ihm befehlen, eine Krankenwärterin zu nehmen.‹ – ›Ja, ja, befehlen Sie das, wenn Sie ihn wollen weinen sehen, befehlen Sie's. Er hat drei Kinder, muß aber eine fremde Wärterin nehmen. Er hat das Haus voll Leute, lauter Leute, die von ihm leben, besser leben als er, und ist auf die Dienste einer fremden Person angewiesen.‹ – Sie konnte nicht weiter, sie knisterte förmlich vor Entrüstung. ›Der Jaroslav‹ – das war der ältere Bruder – ›hilft auch mit sie quälen‹, begann sie nach einer Weile von neuem. ›Er bildet sich ein, daß sie Einfluß hat auf den Vater, der Narr, er kennt ihn nicht, war von klein auf mehr aus dem Haus als drinnen, weiß nicht: Auf den Vater hat niemand Einfluß, nie-nie-niemand! Ist zur Hälfte Stein, zur Hälfte Teig. Gewinnen Sie dem Stein Mitleid ab, schlagen Sie Nägel in Teig ein! Jaroslav meint, wenn sie nur wollte, wenn sie den Vater bitten wollte, er warte nur darauf, um nachzugeben. So plagt er sie ... Der Jüngste plagt sie ebenfalls, ohne es zu wollen, ohne es zu wissen, ohne anders zu können. Er hat vor dem Vater eine Scheu, daß es unnatürlich ist. Auf meinem Arm bekam er einmal Krämpfe, weil der Pan ihn streichelte. Wenn der Pan ihn streichelt, ist's nicht anders, wie wenn er sich von einer Schlange liebkosen lassen müßte. Er hat es ihr gestanden unter Tränen und sie ist darüber völlig in Verzweiflung geraten: O mein Kind, o mein Liebling, so darfst du nicht fühlen, das ist eine große Sünde. Du mußt das überwinden, mein Kind! So predigt sie ihm und leidet mit ihm mehr als er selbst ... und was tut sie in ihrer Frömmigkeit, diese Heilige? – Sie tut Buße für ihn.«

»Das auch noch?« Ich weiß, daß ich's geschrien habe. Ermessen Sie nur. Noch Buße tun. Sie, noch Buße tun! Ich war wie ein Verrückter. Ich ging nach Hause, und mit dieser Nacht begann eine Reihe von furchtbaren Nächten, in denen ich nur den einen Gedanken in mir herumwälzte, immer den einen und denselben Gedanken: Wenn der Mensch nicht wäre! Wenn der Mensch aufhörte zu sein.

Oh, die Familienmiseren! Dieses Aufgefressenwerden aller durch den einen. Immer den Unwürdigsten, denn die Guten fügen sich, geben nach, bringen Opfer ... Es braucht gar nicht der pater familias zu sein, es kann auch eine Mutter sein, eine Schwester, ein Kind, der oder dem alles geschlachtet wird. Man braucht sie nicht einmal zu lieben, am allerwenigsten zu achten. Aber sie haben die Macht, die Vampire. Irgendein Vorurteil gab sie ihnen, ein kränkliches Gefühl von Pflicht oder auch Furcht vor der öffentlichen Meinung ... Die Vampire! Wer weiß, ob diese Aussauger und Auffresser nicht die unbewußten Urheber der Vampirsage sind.«

Platow lächelte: »Sie sind nicht verheiratet, Herr Doktor?«

»Nein.«

»Auch nie gewesen?«

»Nein.«

»Sie haben auch nie daran gedacht, sich zu verheiraten – es niemals heiß und sehnlich gewünscht?«

Der Doktor sah ihn rasch und durchdringend an und antwortete nach kurzem Zögern. »Doch – das heißt, dieser Wunsch hätte heiß und sehnlich werden können, wenn ich ihn nicht im Keim erstickt hätte.«

»Und warum haben Sie das getan, Herr Doktor? ...

Verzeihen Sie«, setzte er mit dringender Bitte hinzu, »ich sündige auf das Vertrauen, mit dem Sie mich beehrt haben – warum haben Sie diesen Wunsch im Keim erstickt?«

»Die Umstände zwangen mich dazu.«

»Und jetzt, Herr Doktor, denken Sie von dem Glück, das sich Ihnen versagt hat oder das Sie verschmäht haben, doch gar zu gering, wie das Familienbild beweist, das Sie eben entwarfen. Aber bitte, erzählen Sie weiter von Ihrem Vampir.«

»Ja, ja, er war einer, ohne Genuß davon zu haben; er gehörte, wie schon gesagt, nicht zu denen, die bös sind um des Bösen willen. Er hatte keine Freude an der Peinigung anderer und überhaupt an nichts und nichts vom Leben. Dieses elende und elend machende Dasein fristen, war in jeder Hinsicht eine undankbare Aufgabe. Und ich unterzog mich ihr seit Monaten und hätte mich ihr noch durch Monate, vielleicht Jahre unterziehen können.«

»Können?« wiederholte Platow und starrte ihn angstvoll an.

Der Doktor hielt den Blick aus, sein Ausdruck wurde streng, seine Rede eisig. »Das Leben dieses Menschen fristen, hieß seine Leiden fristen, seine Kinder unglücklich machen oder töten. Ich habe ihn aufhören lassen zu leiden und zu quälen. Der Mann, der so vielen das Dasein verdüstert und vergällt hatte, hat einen leichten, sanften Tod gehabt ... Und als es geschehen war, wissen Sie, was mir dann unbegreiflich erschien? Meine in Zweifelsqualen durchwachten Nächte, der furchtbare Widerstreit, unter dem der Entschluß gereift war. Was hatte diese furchtbaren Kämpfe, diesen Widerstreit erregt, was hatte mich dem Wahnsinn so nahe gebracht, daß ich dagestanden war Aug in Aug mit ihm, mit der entsetzlichen Frage auf den Lippen: Bin ich dir schon verfallen? Ist keine Rettung mehr? Lauter drehende Räder im Gehirn, kein Ruhepunkt, kein Lichtstrahl. Und jetzt: Überwunden! Was hatte den Konflikt erregt? Der Widerspruch zwischen dem anerzogenen Pflichtgefühl und der Pflicht als solcher, der Pflicht an sich. Die hatte ich erfüllt, der war ich gerecht geworden, und eine wonnige Ruhe durchsonnte mich.«

Der Mund Platows bewegte sich, aber es drang kein Laut aus ihm hervor. Nur die großen Augen mit ihrem hellen Kinderblick sprachen: ›Hast du mich zum besten oder dich selbst?‹ Er drückte sich tief in seine Ecke, es überrieselte ihn kalt. War er mit einem Irren eingesperrt für den Rest der Nacht, konnte es noch zum Kampfe kommen zwischen ihm, dem Riesen, und dem feinen, kleinen, schmächtigen alten Herrn?

Einen Augenblick nachher staunte er schon, wie dieser Einfall ihm hatte kommen können. Der alte Herr in der anderen Wagenecke sah wahrlich einem Verrückten nicht gleich, war ganz Klugheit, Reife, Überlegung. Voll Lebhaftigkeit nahm er seine Erzählung wieder auf.

»Daß der Seelenfrieden, zu dem ich nun gelangt war, anhielt und daß nicht der kleinste Mißton meine wundervolle Stimmung störte, das dankte ich den herrlichen Kindern. Beim Begräbnis hatte ich sie nur flüchtig gesprochen, war in der Nähe gestanden, ein stiller Beobachter. Der Älteste war blaß, biß die Zähne fest aufeinander; ich wußte, was er empfand: Schmerz, daß er keinen Schmerz empfinden konnte an diesem offenen Grabe. Der Sylph preßte den Kopf an die Schulter seiner Schwester, sah mit Angstaugen um sich, alle bedauerten ihn: ›Der arme Jüngling, wie traurig er ist, wie ihm bangt nach dem Vater!‹ flüsterten die Leute einander zu. Ich wußte es besser: vor dem Vater bangt ihm. Ihn durchgruselt's: Vielleicht sprengt er den Deckel seines Sarges, steht auf, kommt, liebkost mich wieder ... Und sie – woher sie die Tränen genommen hat, weiß ich nicht; aber sie hatte Tränen, heiße, kindliche Tränen, um den Peiniger. Sie weinen zu sehen, tat mir nicht weh. ›Es sind deine letzten Tränen‹, dachte ich, ›für lange Zeit. Warte nur, wie du aufblühen wirst in Jugendfrische, einem neuen Glücke entgegenblühen. Du kennst die höchsten Menschengüter noch nicht, ahnst nichts von der Wonne der Freiheit, der Selbstbestimmung, von der ernsten Seligkeit, keinen Richter über dein Tun und Lassen zu haben als dein eigenes Gewissen. Du wirst am Morgen erwachen mit einem Glücksgefühl, dessen Grund du nicht kennst. Aber du wirst es haben, auch wenn du dir nicht gestehst: Der Bedränger ist fort, daher kommt es. Du lagst wie im Grabe, nun ist der Stein gehoben. Das Kellergewölbe, in dem du, eine Lebendig-Tote, vegetiertest, ist gesprengt. Über dir blaut der Himmel mit seiner Tagessonne und mit den Sternen der Nacht. Tritt hinaus! lebe! Freue dich deiner Schönheit, deiner Jugend, sie werden nicht welken im Dienste des Absterbenden. Du wirst dein holdes Selbst der Liebe hingeben, der Pflege des Werdenden. Freudige Sorge um Blüten und Früchte wird deine segensreichen Tage erfüllen‹.

Köstliche Gedanken – ich hing ihnen nach.

Ins Haus war ich nicht mehr gekommen, und es waren doch schon zwei Wochen seit dem Tode des Pan vergangen. Jaroslav hatte mich mehrmals besucht, immer Grüße von seiner Schwester gebracht und endlich gesagt, es täte ihr leid, daß ich gar nicht mehr käme.

›Ist denn jemand krank?‹ fragte ich, und er antwortete, sie hätten gehofft, daß der Freund sich noch bei ihnen einfinden werde, wenn der Arzt nicht mehr nötig sei.

Am selben Nachmittag ging ich hin.

Es war im Winter und begann zu dunkeln. Die zwei Laternen vor dem alten Hause, dem schönsten auf dem großen Platze, brannten schon; mir kam es vor, als sähe es weniger finster drein als sonst, als hätten die grauen Mauern ein freundliches Greisenlächeln. Das Tor schien zu sprechen: ›Bist endlich da, es hat mich gelangweilt, daß du so lang nicht kamst‹« ...

Der Erzähler hielt einen Augenblick inne, dann fuhr er eifrig fort: »Und das alte Tor öffnet sich, als ich den schweren Klopfer in Bewegung setze, schickt der überstandenen Langweile noch einen Gähner nach und schluckt mich voll Behagen, und ich streichle es im Vorübergehen. Und der kahle Portier mit dem großen Barte und den Schweinsaugen, dessen Stummheit sprichwörtlich geworden ist, hält mir eine Rede: ›Ach, der Herr Doktor, aber das ist schön, daß man den Herrn Doktor einmal wiedersieht.‹ Auch die anderen Diener, lauter Charakterköpfe, grüßen bis zur Erde, schauen neugierig, zuvorkommend, untertänig. Ja, das alte Wort: Was du bei den Herren giltst, sagt der Gruß der Diener dir. Auf dem Gange traf ich Bohuslava. Ihr gelbes Gesicht strahlte vor stillem Glück. Ich glaube, wenn der Pan aus seinem Grabe gestiegen wäre, sie hätte ihn umarmt unter der Bedingung, daß er sich nur eiligst wieder zu seinen Vätern versammle. Im Salon fand ich die ganze Familie. Sie saßen alle beisammen um den Tisch des großen Etablissements, nicht wie sonst, jeder für sich in einem andern Winkel. Das Licht der hohen, mit einem roten Seidenschirm bedeckten Lampe fiel auf lauter heitere, friedliche Gesichter. Erlöst! Erlöst! schien auch da mir alles zuzurufen.

Jaroslav und seine liebliche Braut waren über eine Landkarte gebeugt, sie entwarfen den Plan zu ihrer Hochzeitsreise. Er hielt ihre Hand in der seinen, ihre Köpfe berührten sich, zärtlich und glückselig flüsterten sie miteinander. Hinter ihnen stand der kleine, gelbliche, nervöse Vormund und hatte seine Freude an der ihren, hauptsächlich aber an dem Gedanken, daß er jetzt frei von Sorgen sei und nicht mehr in Versuchung komme, seine Mündel unglücklich zu machen aus Gewissenhaftigkeit.

Der schöne Sylph war auch da, schon in den paar Wochen ein weniger ätherisches Wesen geworden ...

Und ihr, der Schönsten, der Liebsten, der Unvergleichlichen, sah ich es auf den ersten Blick an: sie ißt, sie schläft, sie befindet sich auf dem besten Wege zur Genesung. Sie lebt auf und gibt sich wohl keine Rechenschaft von dem Grund, dem sie dieses Aufleben verdankt.

Ich hatte von meinem alten Vorrecht Gebrauch gemacht und war unangemeldet eingetreten. Näherte mich dem Tische. Ein Freudenschrei: ›Ah – Sie!‹ begrüßte mich. Michaela hatte ihn ausgestoßen. Sie stand rasch auf, kam auf mich zu und reichte mir beide Hände und entzog sie mir wieder plötzlich ganz bestürzt ... Und diese Begrüßung, diese Bestürzung, dieses scheue Zurückweichen – waren von einer Beredsamkeit ...

Nein, daran hatte ich nie gedacht – das nie für möglich gehalten – nie! Es überkam mich wie ein blendendes Licht, es lahmte mich, ich stand da und schwieg und sah ihr in die Augen.

›Herr Doktor‹, sagte sie mit leiser und mühsamer Stimme. ›Dank, daß Sie doch endlich kommen, daß Sie mir erlauben, Ihnen zu danken für alles, was Sie für unseren armen Papa getan haben. Sie waren übermenschlich gut für ihn, geduldig, nachsichtig, wie noch kein Arzt vor Ihnen ...‹

›Ja, ja, erfinderisch gut‹, fiel Jaroslav ein, der auch aufgestanden und an die Seite seiner Schwester getreten war. ›Was Sie ihm an Leiden ersparen konnten, haben Sie ihm erspart. Daß seine letzten Tage fast schmerzfrei gewesen sind, daß sein Tod ein so sanfter war – Ihr Werk, verehrter Herr Doktor, lieber Freund‹, er betonte das Wort, sah mich wie ermunternd an und setzte mit lächelnder Bitte hinzu: ›wenn wir so sagen dürfen‹.

Dann habe ich bei ihnen einen unvergeßlichen Abend zugebracht. Es waren liebe Menschen; wohl, sicher, gut auf gehoben fühlte man sich unter ihnen. Sie waren gescheiter, gebildeter, als ich sie geschätzt, nahmen einen bedeutend höheren geistigen Standpunkt ein, als ich gewußt hatte. Das war alles unterdrückt gewesen, das alles wäre verkümmert ohne die Befreiung von der erdrückenden Last, unter der sie geseufzt hatten.

Um zehn Uhr wurde der Wagen des Vormunds gemeldet. Er mahnte zum Aufbruch, verabschiedete sich, und ich tat dasselbe. Michaela reichte mir die Hand und sagte: ›Auf Wiedersehen!‹ Und ich sprach mein Bedauern darüber aus, nicht wiederkommen zu können, brachte etwas von einem Ruf ins Ausland vor, dem ich unverzüglich Folge leisten müsse. Ich küßte ihre liebe Hand und beugte mich tief, tief, ich wollte nicht, daß sie mir ins Gesicht sähe.

Ein böser Augenblick und bös die Zeit, die ihm folgte. Man kann so etwas tun, wie das, was ich getan habe, man kann sich Glück dazu wünschen, im ersten Augenblick und immer, aber belohnen kann man sich dafür nicht lassen.«

»Natürlich nicht. Oh, das hätte noch gefehlt!« rief Platow.

»Um mich zur Hölle völlig reif zu machen, meinen Sie?«

Der Reisegefährte senkte den Kopf. Seine beweglichen Züge hatten etwas Starres, Unerbittliches angenommen. Er blieb lange stumm. – »Ich muß Sie noch einmal fragen, Herr Doktor«, sprach er endlich, »warum haben Sie mir das alles erzählt?«

»Es kommt von der Zellengenossenschaft; das war schon zwischen uns ausgemacht. Warum haben Sie mir Dinge erzählt, aus denen Sie sogar Ihrer Mutter ein Geheimnis machen?«

»Meine Geständnisse sind ungefährlich.«

»Ja so. Und die meinen von gar heikler Natur.«

»Sie haben mir Ihren Namen nicht genannt, gestehen aber, daß es ein berühmter ist. Ihre Geschichte bietet Anhaltspunkte genug, die mich auf die richtige Spur zu führen vermöchten, und wenn ich nachforschen wollte ...«

»Könnten Sie mich nachträglich noch vor den Untersuchungsrichter bringen«, versetzte der Doktor kühl und ironisch. »Sie werden es nicht tun ... Wenn ich nur noch einiges so sicher wüßte!«

»Ja, ja, Herr Doktor, Sie können darauf schwören, ich werde keine Nachforschungen anstellen, und es freut mich, daß Sie mir das ansehen. Diese Sicherheit erklärt aber noch nicht, warum ...«

Der Doktor fiel ihm ins Wort: »Warum ich Ihnen etwas erzählt habe, das ich meinem besten Freunde verschwieg und das nie wieder über meine Lippen kommen wird? Nun – Sie wissen – meine Gedanken waren all die Tage von der alten, vergessenen Geschichte erfüllt und hätten sich mit ihr beschäftigt, wenn ich die Nacht hindurch allein geblieben wäre. Da kamen Sie und machten mir den Eindruck eines Menschen, vor dem man ohne Gefahr laut denken kann ... Dazu eine seltsame Macht: der Reiz des Einmal-und-Niewieder, der uns antreibt, etwas zu tun, das sonst durchaus nicht in unserer Art liegt ... Endlich – was niemand besser begreifen wird als Sie« – schloß er mit einem Lächeln – »das Beichtbedürfnis, das in jedem Menschen liegt und das auch einen Irreligiösen plötzlich überkommen kann.«

»Nein, Herr Doktor«, erwiderte Platow, »ein Beichtbedürfnis war es nicht, denn diesem müßte die Reue vorangegangen sein, und...« Er unterbrach sich: »Sie haben vorhin von Pflicht gesprochen, und mir schien es, als ob Sie sagen wollten – oder habe ich Sie mißverstanden? –, daß es für besondere Menschen in besonderen Fällen ein Drüberstehen gibt. Das will mir nicht zu Kopf. Ich glaube, niemand steht über der Pflicht, der ganz ordinären, deutlich vorgezeichneten. Die des Arztes ist: das Leben des Kranken, der sich ihm anvertraute, so lange zu fristen, als er irgend vermag.«

»Ganz recht, ganz recht.«

»Aus Ihrer Geschichte geht aber hervor ...«

»Nichts für andere! Ich protestiere gegen jede Nutzanwendung.«

»Sehr gut«, sagte Platow mit ungewohnter Schärfe, »ein andrer soll also nicht eine Todsünde begehen, um ein Wesen, das er liebt, vom Tode zu retten.«

»Was ein andrer soll, weiß ich nicht. Ich bin noch nie in der Haut eines andern gesteckt, ich kann für einen andern das feine Abwägen nicht vornehmen zwischen Einsicht und Vermögen, äußerem und innerem Zwang und so vielem noch, aus dem das Sollen eines Menschen sich konstruiert. – Ich habe gewagt, dem Schicksalsrad in die Speichen zu greifen. Beliebt es ihm, mich dafür zu zermalmen – je nun! Zum Glück darf ich hoffen, daß die Rache mein Haupt allein treffen wird‹, sprach er mit heiterer Überlegenheit.

»Ich habe Michaela nach Jahren wiedergesehen. Ganz unerwartet. Auf dem Lande. Sie hatte nach Deutschland geheiratet, war zu Besuch bei Verwandten ihres Mannes. An einem meiner glücklichsten Tage habe ich sie wiedergesehen. Nach einer Nacht, in der ich mit schwerer, tückischer Krankheit Minute für Minute um das Leben eines einzigen Kindes gerungen hatte und siegreich geblieben war. Eine Stunde der Ruhe, ein erquickendes Bad, dann ging ich in den Garten. Seelenvergnügt. Es ist nett, wenn man einem Paar schon verzweifelter Eltern sagen kann: ›Da habt ihr ihn, er lebt, er wird leben.‹ Ich ging also in den Garten und fand Frau Michaela dort auf einer Bank sitzend, ein prachtvolles Kind auf dem Schoße. Sie wußte, daß ich da war, sagte sie mir, sie hatte ihren Verwandten schon den Trost gegeben: ›Wenn der kommt, wird alles gut.‹ Ich nahm Platz neben ihr, bewunderte ihr kleines Fräulein und während wir plauderten, guckten aus den Gebüschen nebenan dunkle, leuchtende Augen hervor, und noch ein Mägdlein erschien und ein köstlicher Junge und noch einer, und im ganzen wurden es fünf. Eines schöner als das andere, lauter Raffaelische Gestalten. Ja, sie war glücklich. Sie liebte und wurde geliebt und behandelt wie ein Kleinod. Auch Jaroslav war glücklich mit seinem sanften Frauchen und hatte drei Kinder, und verwaltete sein Gut und war ernst und fleißig und tüchtig. Als ich nach dem Sylph fragte, lagerte eine schwere Wolke sich über ihre Stirn. Der Sylph war tot. Er war geistlich geworden, in einen strengen Orden getreten, um zu büßen.«

»Was zu büßen?«

»Seine einzige Schuld. Unwillkürlich begangen und doch so qualvoll bereut: den Haß gegen seinen Vater, den er bekämpft hatte, solange er sich von ihm Rechenschaft gab, und der nicht einmal am Grabe des Toten erlöschen wollte. Im Kloster fand seine Seele endlich ihren Frieden, aber der zarte Körper des jungen Mönchs erlag den schweren Kasteiungen, die er sich selbst auferlegte ...«

»So hat«, sprach der Doktor in plötzlich verändertem Tone, »der alte Pan sich doch einen nachgezogen.«

»Danken Sie Gott. Dieser Märtyrer ist im Himmel und betet dort für die Sünder.«

»Und das ist gut für die Sünder, meinen Sie?«

»Oh, Herr Doktor – ja!«

»Sie glauben an die Erlösung der einen durch die Gebete der anderen? ...«

Es war nach Mitternacht, der Zug fuhr in einen großen Bahnhof ein. Die Passagiere verließen die Waggons und drängten sich in die Restauration, um ein provisorisches Frühstück einzunehmen. Bei der Rückkehr in sein Kupee freute sich der Doktor auf die Fortsetzung des unterbrochenen Gesprächs. Der Slawe mit seiner Frömmigkeit und mit seinen lichten Momenten hatte es ihm angetan. Zu seinem Erstaunen waren die Effekten des Mitreisenden aus dem Netze entfernt, und als er den eintretenden Schaffner fragte, ob der junge Mann, der früher mit ihm gefahren war, auf der Station zurückgeblieben sei, erhielt er die Antwort:

»Nein, er fährt mit, aber in einem ändern Wagen.«

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