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Die schöne Lilofe

Max Geißler: Die schöne Lilofe - Kapitel 8
Quellenangabe
authorMax Geißler
titleDie schöne Lilofe
publisherAlexander Duncker Verlag
year1916
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170202
projectid18285ecb
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Endlich pustete der Zug in die Halle.

Da stand sie schön und sündhaft und verlassen am Bahnsteig und blühte in Himmelsfreude.

Papa eigentlich auch; denn was er in dem Augenblick überwarf, in dem er sie entdeckte, war ein schlecht verhüllender Zipfel väterlicher Würde. Den riß sie ihm herunter, als er auf Sprungweite nahegekommen war, und dann stürzte sie sich ihm mit Hurra ins Herz. Das ist kein Druckfehler – sie stürzte sich mittenhinein.

Da ward auch Achilles Vanderey losgelassen von allen Ketten, an die er sich auf der langen Reise gelegt hatte mit hartem Vorbedacht und herzzermahlender Kümmernis.

Es hatte ihm wehgetan, o, so weh, daß dies Sonnenkind verheerend aus seiner Liebe hinausbrach! Und wenn er in der Ecke seines Wagenabteils auf die vielen Stimmen lauschte, die aus allen Zeiten durch den schlagenden Lauf von Eisen laut werden, rief eine klingend und freudig über die anderen hinweg: »Achilles Vanderey, es ist ja Lüge! Woher kommt dir die verrückte Meinung dieser verirrten Anschläge deines Kindes?«

Dann fand er sich in das lächelnde Vertrauen, in die innige Zugehörigkeit zu ihr, bis sein Fuß auf dem lichten Wege des Traums von neuem an einen stromtiefen Schatten geriet.

So riß und schaukelte ihn die Fahrt in Furcht und Hoffnung dahin. Und als er ihr Sonnenaufgangsgesicht über die Berge seiner Sorgen leuchten sah, jubelte ein neuer Tag in ihm herauf.

Dann fuhren sie ins Zentral-Hotel, und sie forderte von ihm: »Du sollst mich verhören!« Es war nun doch eine Sehnsucht in ihr, sich von aller Bangigkeit zu erlösen. »Ich will Dich nicht führen, ich will mich nicht herausreden, sondern Du sollst mir die Wege zeigen, auf denen Du mit mir gehen willst,« sagte sie verantwortungsfroh, »sie sind alle hell und offen.«

Es hat kein Menschenherz je in lichterer Freude gebeichtet, seit Sünde und Liebe auf Erden wachsen, als das Herz Lilofe Vandereys an diesem Tage.

Und dann kam eine letzte Frage des Vaters, schwer und dumpf aufschlagend –

»Wohin verlangt Dein Herz?«

Lilofe stand von dem Stuhl auf, trat ans Fenster und schaute in stillem Hinblicken in das webende Grau der Nacht.

»Glaubst Du, daß dieser Mann Dein Glück ist? Willst Du Dich mit ihm verloben und willst Du sein Weib werden?«

»Nein,« sagte sie.

Und als sie sich ihrem Vater wieder zuwendete, gingen ihr die Augen über. Sie setzte sich auf seinen Schoß und legte ihm die Arme um den Hals –

»Da ich mit ihm fortging, dachte ich, es könnte gar nicht anders kommen. Es war, als wäre mein Herz in drei eiserne Reifen gelegt. Auf der Fahrt hielten sie – über der Flucht aus dem Hotel barsten zwei, und heute zerbrach der dritte. Es war häßlich und tat weh. Aber nicht lange – »du kannst zu dem alten Portier stärkeres Vertrauen haben als zu ihm?« fragte ich mich. »Was will das werden?« Ich bin ein Kind gewesen und bin nun ein Weib geworden. Ich habe geküßt und mich küssen lassen in süßer tiefer Verlorenheit; denn ich hatte einen himmelfrohen Glauben an ihn und mein Glück ...« Sie sprang auf und stand vor ihrem Vater, ernster und größer denn sonst – »Und wenn der heutige Mittag ein Abend gewesen wäre, voll von ziehendem Frühling wie gestern: ich hätte den Glauben an dies Glück nicht verloren gegeben – ich konnte nicht, ich konnte ja nicht! Und ich hätte diese Lippen wieder an seinen Mund gepreßt, nur um zu fühlen, ob mich nicht dummer kindischer Wankelmut irre gemacht hätte an ihm und an seiner Liebe. Aber nun weiß ich es ohnedies: ich glaube nicht mehr an ihn. Ich weiß, er hat sich eingebildet, er führe einen männlichen stolzen Kampf um mich. Er wollte meine Jugend Deiner klugen Einsicht abtrotzen, aber nicht mit Mut und Stärke, sondern mit List und Unehrlichkeit.«

»Er ist Dir gleichgültig geworden?«

»Nein. Ich bedaure ihn. Ich habe Mitleid mit ihm zum Weinen. Aber aus Bedauern und Mitleid will ich keines Mannes Weib werden.«

»Möchtest Du ihm das nicht sagen?« fragte Vanderey.

»Ich habe es ihn fühlen lassen. Wenn er nicht stumpf an allen Sinnen ist, weiß er es.«

»Und Du willst ihn nicht wiedersehen?«

»Am liebsten nicht. Ich leide auch so um ihn. Wir sind auseinandergegangen und wußten es nicht – es war gut. Ich habe nicht den Wunsch, ihn noch einmal zu sprechen: die Lilofe Vanderey von vorgestern ist nicht mehr die Lilofe Vanderey von heute.« Ihre Augen waren ganz trocken geworden, aber nun brach das mühsam verhaltene Weinen aus ihnen: »Wenn Mädchen durch solches Erleben zu Frauen wachsen – es ist entsetzlich! Wie oft soll mir das noch geschehen? Ist es denn ein Fluch, schön zu sein, ein Fluch, zu lieben und geliebt zu werden?«

Zwei Jahre voll Irrtum, Sehnsucht, Sinnenfreude, Rausch und Ernüchterung drängten sich im Fluge des Erinnerns durch sie hindurch. Die ganze Welt stürzte sich ihr an dies junge Herz, lockend, leuchtend, und alles dauerte drei Tage und ward Schlacke: Fuhr, Walter von Harden, Ernst Gast, Richard Rauch ...

Sie war erlebnisfroh gewesen, und ward nun erlebnisbange. Es wollte Frühling in ihr sein, und sie fürchtete sich davor. Sie hatte ihren Vater jauchzend und sieghell eingeschlossen in ihre Arme – nun war Stück um Stück ihres freudigen Stolzes von ihr abgefallen, und sie schämte sich. Sie war ihm davongelaufen wie ein törichtes Kind, das festliche Lichter in abendlichen Gassen ahnt und vergißt, daß es sich ja nicht heimfinden kann.

Drei Nächte zuvor hatte sie sich noch eingeredet, sie erränge sich durch ihre Flucht das Recht auf Glück – nun war sie dem Dunkel des Abends dankbar, das ihrem Vater ihre Beschämung verhüllte.

»Ich halte es für meine Pflicht, mit Rauch zu reden,« sagte er. »Und Du?«

»Ich will hierbleiben und weinen,« sagte sie, »einen breiten reißenden Strom von Tränen.« Den wollte sie weinen zwischen heut und gestern, zwischen ihr Jungfrauentum und ihre Kindsköpfigkeit. Es war alles so lieb und traurig, so ersehnt und verabscheut, so töricht und listig, so leicht und schwer, es war alles so albern und glückselig. Sie wollte sich aus diesem Wirrsal herausweinen.

Da merkte er, daß er sie klug und väterlich geführt hatte.

Sie warf sich auf das Bett und preßte das Gesicht in Hände und Kissen.

»Willst Du hier auf mich warten, bis ich zurückkehre?«

»Drei Tage, drei Wochen, drei Jahre,« sagte sie, »ich gehe nicht über die Schwelle ohne Dich.«

Er fuhr in das Savoia-Hotel und fand Rauch verschlossen und unmutig.

»Sie haben nicht gehandelt als ein ritterlicher Mann, Herr Rauch,« sagte er.

Rauch reckte sich empor –

Vanderey aber ließ sich nicht beirren. Das Bild dieses alten Studenten war in den vergangenen Stunden so sicher in ihn hineingezeichnet worden, daß es keiner Berichtigung mehr bedurfte.

»Denken Sie nicht, daß ich gekommen sei, Sie zur Rechenschaft zu ziehen, Herr!« sagte Vanderey. »Der Weg zu einer Braut muß nicht über den Vater führen – er muß nicht – aber für Sie wäre er der einzige gewesen, der einige Aussicht auf Erfolg gewährte. Meine Tochter wünscht Sie nicht mehr zu sehen. Ich habe Ihnen Reisekosten und Auslagen für sie zu ersetzen. Ich bitte, nehmen Sie das Geld an und geloben Sie Verschwiegenheit über einen Irrtum, an dem Sie die Schuld tragen. Es ist nicht meine Absicht, Bande des Herzens zu zerreißen – die Seele meines Kindes ist für mich ein Heiligtum ... wenn Sie glauben, durch die Kraft der Liebe und die Würde einer ihrer selbst sicheren Männlichkeit den Weg zurückzufinden, auf dem Sie meine Tochter verloren: Sie werden in mir keinen Feind haben, aber ich bin der erfahrene Freund und Berater meines Kindes.«

Die Männer verneigten sich stumm und Vanderey verließ das Hotelzimmer.

Sie sahen einander nicht wieder.

 

Lilofe Vanderey weinte, als müßte sie sich aus der tiefen Finsternis eine helle und schöne Gasse schaffen.

Als ihr Vater heimkehrte und die Türe ganz leise öffnete, weil er dachte, Lilofe schliefe, richtete sie sich auf dem Lager empor, stützte die Hände nach rückwärts und wunderte sich, daß er schon wieder da wäre. Er schaltete auch diesmal das Licht nicht an und redete mit ihr in dem traulichen Scheine, den die Straßenlaternen durch die Fenster warfen.

Sie sagte: »Ich hätte ihm doch noch ein Wort vergönnen sollen; wir haben uns sehr sehr lieb gehabt.«

Vanderey dachte: »Armes kleines Mädel!« denn er merkte, daß sie geblendet in ein Licht geflattert war, und konnte doch nicht mit ihr darüber reden. Er wußte auch nicht, daß ihre Augen schon lange um solche Lampen funkelten und daß viele blanke Wege durch ihre Seele liefen mit blitzendem Sande wie am Meersaum. Aber dies strahlende Wunder sickert durch die Finger wie Tränen und erlischt.

Es lagen schöne Gärten in ihr – Erde, Erde! Aber die Liebe ist nicht von der Erde. Sie geht nicht aus wie das Leuchten im Sande, das nur von der Gnade der Sterne da ist, sondern sie wird selbst erhöht als ein Stern an die Feste des Himmels und scheint in die Menschenseelen Trost und Hoffnung, Freude und Glanz aus Ewigkeiten ...

Sie sagte ganz verschattet: wir haben uns sehr, sehr lieb gehabt – aber sie weinte nicht so sehr darüber, daß diese Liebe jählings zerbrochen war, sondern über die neue Enttäuschung, die ihre junge Eitelkeit erfahren hatte.

Sie hatte Bellis Inden wißbegierig gefragt: »Was muß ich tun, daß ich selig werde?« Und die hatte ihr geantwortet: »Was weiter, als schön zu sein?« Und nun hatte sie die Probe auf das Exempel gemacht.

Es ist eine Rede unter den Menschen: des Weibes Glück und Klugheit ist seine Schönheit. Das Unkraut dieser Rede wächst aus einem Geschlecht in das andere und wächst in allen Völkern und ist Regel und Richtschnur geblieben bis in die Zeit, da die Frauen hinüberwurzeln in alle Berufe. Es ist die Meinung: einem schönen Weibe lebt sich das Glück von selbst in Herz und Hände; die anderen Frauen aber fühlen sich darüber hinter den Zäunen geboren und müssen ausgehen zu kämpfen; oder sie sitzen an den Rändern des Lebens und ringen mit Bitternis und Entsagung.

Bellis Inden kannte keine andere Weisheit vom Weibe, als schön zu sein. Da das Kind Lilofe in ihre Hände blühte, lachte sie ihm diese Weisheit ins Herz. Und das blumenfrohe junge Herz flatterte damit in die Welt – nicht eins aus einem wunderlichen Dutzend, sondern eins aus Hunderttausenden der gleichen Art.

Sie war als das schöne und richtige Kind ihrer Zeit voller Wünsche wie ein abendlicher Jahrmarkt voller Lichter, voller Klänge, voll buntem verwirrendem Wirbel, und sie verlangte zu wissen, welches der drehenden Bilder das schönste wäre.

So sah es in ihr aus am Ende der großen Fahrt zum Glück: sie saß mit rückwärts gestützten Armen auf dem Lager und hatte verweinte Augen.

Es taumelte auch eine Minute in närrischem Aufputz durch das halbe Licht des Zimmers – Zipfel an der Kappe und Schellen daran; die sprach zu ihr: »Wenn du deinen Vater nicht gerufen hättest, wäre vielleicht alles gut geworden! Oder das Glück der anderen Tage wäre noch da und dauerte noch ein paar Wochen! Warum hast du in der raschen Stunde der Furcht nach ihm gerufen?«

Und es kam eine andere, die sprach: »Sie sagen alle, du seiest schön, jung und voll berückendem Leben. Sie sagen: du brauchst nur die Augen aufzuschlagen und bist Siegerin über das Herz eines Mannes – jawohl, Bellis Inden hat so gesprochen! Aber: wie lange hat sich der Doktor Fuhr um deine Schönheit gekümmert? Und hat diese Schönheit aus Walter von Harden ein Wort verliebter Sehnsucht zu schlagen vermocht? Sie hat Richard Rauch durch zwei wilde verküßte Nächte geführt, und als sie ihn stark machen sollte, wankte er, und als er kämpfen und siegen sollte für dich, war er nicht da! Was ist es also mit deiner Schönheit? Wo ist das Glück, davon sie dir immer heimlich ins Ohr geredet haben?«

Achilles Vanderey wandelte indes schweigend durch das Zimmer. Lilofe starrte ihm nach wie dem Leben, dann sagte sie: »Was soll nun geschehen?«

Für solche Fälle hatte Achilles Vanderey das Hausmittel der Zerstreuung – er kannte kein besseres.

»Du mußt Ablenkung haben,« sagte er, »sonst wirst Du Dich in Deine Gedanken verfitzen. Du hast gehandelt als ein tapferes, kluges kleines Mädel ...«

»Ach, Papa! Dies neckische ›kleine Mädel‹ hab' ich nun zum Überfluß vorgesetzt bekommen! Es paßt nicht mehr für mich.«

»Na also: gehen wir heut abend ins Politeama, und morgen fahren wir nach Rapallo, übermorgen nach Zürich, leisten Luisabeth einige Tage Gesellschaft und dann nehmen wir sie mit heim.«

Jawohl, das war es! Nun hatte Lilofe Vanderey zum ersten Male den großen Schreck vor dem ›süßen kleinen Mädel‹ bekommen – nun hatte sie sich zum ersten Male einen Stoß gegeben, abzurücken von sich selber und von den Menschen, die von Kind auf um sie gewesen waren – nun war sie von einer Stunde fest und unwillig aufgesetzt worden, daß sie sich ganz zerrüttet vorkam – da hielt das Leben gleich wieder Herrn Achilles Vanderey in Bereitschaft, der ihr weißmachte: du hast dich da in Gedanken verloren, die nicht für dich taugen! Gleich wieder trat Bellis Inden in Gestalt ihres Vaters hinter ihren Stuhl und hielt ihr die Hände seitlich an die Augen wie ein paar Scheuklappen, damit sie um Gott nicht die Klarheit sähe, die in ihr über sich selbst heraufdämmerte; noch ganz ferne vom Tage, noch ganz mit Finsternis durchwoben, aber es war doch ein Aufgehen der Wahrheit.

Zuerst hatte Achilles Vanderey diese Selbstbesinnung begrüßt. Aber nun dauerte das schon Stunden, und er sagte: »Es ist ein unfruchtbares Beginnen.«

So reckt sich die gesunde Art eines jungen Menschen hundertmal – wenn er ein Knabe ist, trotzt er sich wohl auch einmal hindurch. Aber zu einem kleinen Mädchen, das zu nichts anderem auf der Welt ist als zum Schönsein, tritt die nichtsnutzige Vorsehung in Gestalt eines vom Schlage der Bellis Inden und sagt: »Willst du wohl! Du läufst ja über deinem Unmut an wie ein Scheunenfenster – wie willst du denn das Licht sehen?«

Achilles Vanderey verordnete nicht drei Tage Einzelhaft, sondern Singspielhalle, Diners, Charmieren und Lustigsein; denn solch ein Herumraten an sich selbst ist Mehltau fürs Herz und vor allem fürs Gesicht.

Und wo der große ernste Falter seine Kreise gezogen, spielten eine Stunde später hundert kleine blaue Schmetterlinge. Politeama!

Am nächsten Tage ward aus dem roten Tascherl ein Koffer; und aus der Handvoll Eitelkeitskram für die heimliche Extratour einer halben Nacht ward eine gigantische Reiseausrüstung.

Der Ankauf und die Freude an den neuen Dingen stellten Lilofen, die ganz besinnlich hatte von sich selber abrücken wollen, wieder mitten in sie hinein, so pfingstfestblank und aufgeräumt, daß sie dem jovialen Papa auf der Fahrt nach Zürich ganz in der alten Weise das Versprechen abschmeichelte: Luisabeth dürfe von der Liebesreise ins Himmelblaue nicht ein Wort erfahren; denn die Schwester würde keinen Funken Verständnis für das bißchen verwilderte Erleben aufbringen.

So ging sie zwar nicht ohne Erfahrungen daraus hervor, aber auf dieser vierten Stufe der Seligkeiten ihres ruhelosen Herzens wäre sie vielleicht zu einer tiefen Erkenntnis gelangt – da führte sie Herr Vanderey fort von dem erdämmernden Lichte.

 

An einem Vorfrühlingsmorgen, randvoll von Sonne und aufbrechendem Jahr, hielten sich die Schwestern im Garten eines Züricher Hotels an den Händen –

»Himmel, was bist Du ein helles und leuchtendes Mädchen geworden, Lilofe Vanderey!« lachte Luisabeth.

Und: »Himmel, wie still und glücklich siehst Du aus, Luisabeth Vanderey!« lobte Lilofe.

»Man erkennt Deine Helligkeit ganz genau, wenn man ein Jahr zwischen lauter jungen Mädchen gelebt hat, von denen auch viele schön und blank und bunt sind wie ein Blumenstrauß – es kann einem ja bange werden vor der Allgewalt dieses Blühens!« sagte Luisabeth.

Und: »Ich mag solche Augen gern leiden wie diese da,« deutete Lilofe. »Es ist gesammelte Weisheit, Innigkeit und Stete darin ... etwa auch Geheimnisse?« forschte sie.

Da schlug Luisabeth die Lider mit den weichen aschgrauen Wimpern nieder – »Auch ein ganz fernes liebes frohes Wünschen ist darin!« sagte sie leise.

»Himmel, wie scheu und artig sie tut! Als wär' es eine Sünde, ein Herz zu haben! Ich wollt', ich hätte eins!« Und sie tippte der Schwester mit dem spitzen Finger gegen die linke Brust und sagte: »Aber ich glaube, ich habe da drin einen kleinen roten flatterigen Irrtum. Es läßt sich mit solch einem Ding zu nichts rechtem kommen. Nicht wahr, Papa?«

Achilles Vanderey entledigte sich seiner Verlegenheitszeugenschaft nicht ohne Geschick, indem er behauptete, der nahe Verwandtschaftsgrad gestatte ihm die Verweigerung der Aussage.

Dann faßte er seine beiden Mädel unter, die goldene rechts und links die silberne, und sie gingen miteinander eine lange schöne Villenstraße dahin, immer unter ausgespannter Seide des Himmels. Die Berge warfen sich in Allgewalt auf gegen die feierliche blaue Unendlichkeit und wurden zu wehendem Gipfelglanze, wurden zu hohen segelnden Wolken.

Vanderey schmunzelte sein Behagen bald nach der linken, bald nach der rechten Seite. Es war zum ersten Male, daß er mit den erwachsenen Töchtern in so inniger Verschränkung dahinschritt. Er feierte diesen Tag als eins der hohen Feste seines Lebens; denn es kam ihm vor, als hätte er beide recht eigentlich wiedergefunden.

Er hatte in schmunzelndem Behagen auch dabeigestanden, wie sie nach Mädchenart ihre Augen auf Entdeckungsreisen zueinander schickten, und gleich zwei Tauben, die lange von dem heimischen Futterplatze verschlagen waren, in überpurzelnder Freude die dicksten Körner aufpickten.

Es war ein nie genossenes Glück, das er empfand; es war alles ganz märchenhaft, und er dachte, es klinge in ihm aus der Frühzeit seines Lebens ein altes trauliches Sagen herauf, in dem von einer silbernen und einer goldenen Quellnymphe die Rede gewesen war; und dieses alte Sagen war nun Erfüllung geworden.

Wenn die beiden freundlichen Mädchenbilder nebeneinander standen, lag wahrhaftig ein stilles silbernes Scheinen über Luisabeth.

Ihr Haar war nicht von dem matten Glanze des Mondlichtes, das in einer Hochnacht aus den Gewölben des Himmels bricht, aber es wob die Weichheit der grauseidenen Dämmerungen um sie, die auch nicht ohne Glanz sind. Es war nichts von jener lauten Schönheit an ihr, die sich in alle Augen stürzt. Sie konnte mit anderen Mädchen durch die Straßen gehen und wurde unter allen am leichtesten übersehen. Aber wenn sie sprach, schmeichelte sich der Klang ihrer Stimme ins Ohr, und wenn sie voll Freude an einem Menschen war, wie bei dem Wiedersehen, durchschien es ihre Wangen gleich späten angeglühten Wölklein, die ihre Himmelfahrt halten.

Sie war eine Handbreit größer als Lilofe. Herr Vanderey bildete sich zwar ein, er überrage Luisabeth noch, aber das war nicht wahr, und er erntete damit einen Heiterkeitserfolg.

Weil er merkte, daß die Mädchen ratefroh aneinander wurden, zog er sich nach Tisch auf sein Zimmer zurück und überantwortete sie ihren Geheimnissen. Sie spazierten im Sonnenschein am See.

Lilofe klopfte gleich an alle verschlossenen Türen: »Na, wie steht das, Luisabeth? Ich setze Ehr' und Seligkeit dagegen, daß diese grauseidenen Augen ihre Stunden haben, in denen sie wach hinter herabgelassenen Läden träumen! Wie ist das mit dem fernen lieben frohen Wünschen?«

Da rüsteten sich die kleinen Rosawölkchen zum Fluge.

»Du bist voll und fertig geworden, seit wir uns nicht gesehen haben,« lachte Lilofe.

»Und Du bist so furchtbar wissend!« sträubte sich Luisabeth und war doch froh, daß sich ihr Glück nicht verbergen ließ.

Lilofe hing sich noch fester in ihren Arm: »Na, nu mal los, und foltere mich nicht so! Ach weißt Du, die Inden – es war zu fein! Ich habe mit ihr die ganze Brautzeit durchlebt. Abends mußte sie beichten – manchmal auch morgens. Sie stand immer über und über in Blüte, und man konnte ihr, so oft sie heimkam, die Küsse ordentlich von den Lippen ablesen, so wie man Rosenblätter um eine Vase aufnimmt.«

»Ach daher!« wunderte sich Luisabeth.

»Ja, daher auch!« lachte die Kleine und lupfte gleich die Hülle ein wenig; denn sie wollte doch zeigen, daß sie nicht nur über Erlebnissen aus zweiter Hand flügge geworden wäre. »Also: Du brauchst gar nicht so scheu zu sein – ich bin doch ein Jahr älter geworden! Und das Jahr zwischen fünfzehn und sechszehn ist bei einem Mädchen fix wie ein Monat, aber es mißt doch gut drei spätere; denn es hat alle Hände voll Erlebnisse.«

So stahl sich die Goldene in das Vertrauen der Silbernen.

Auch das geschah zum ersten Mal im Leben dieser Schwestern, die von so verschiedener Art waren.

Luisabeth hatte schon die Hand auf die Klinke gelegt, um die Türe vor ihrem Glück zu öffnen, aber sie fragte noch: »Na, und Vera Kruse?«

»Ach weißt Du, die ist in allen Stücken das Gegenteil von Bellis Inden. Sie ist die richtige Hofmeisterin. Einmal – es war zu komisch – hat sie sogar gesagt: ›Fräulein Lilofe, Sie müssen an Ihrer Seele ein wenig verhüllter vor der Welt erscheinen.‹ Aber weißt Du, übel ist sie nicht; ich lasse mir von ihr einfach nicht in meine internen Angelegenheiten hineinreden. Und doch muß man einen Menschen haben, dem man sich ohne die Furcht anvertrauen kann, daß er einen immer gleich reparaturbedürftig findet. Das geht zwischen mir und der Kruse nicht.«

»Na und Papa?«

»Na, Papa! Lieber Himmel, er ist der beste gütigste lustigste Papa von der Welt, aber er ist doch eben nur ein Papa und damit für die schönere Hälfte eines Mädchenlebens schlechthin unbrauchbar.«

Luisabeth lachte hell auf: »So hab' ich das doch gar nicht gemeint! Ich wollte wissen, wie sich Papa zu ihr stellt.«

»Ach so! Ja Gott, er ist wohl froh, daß das Hauswesen in ihren Händen ist. Übrigens, Du wirst Dich mit Vera Kruse vortrefflich verstehen, sie ist in ihrer Art einwandfrei. Aber ich freue mich doch, daß wir Dich endlich wiederhaben. Und nun peinige mich nicht – weißt Du noch, die Inden hat immer gemeint, Daniel der Steinerne hätte sich an Dir abgefärbt! Aber nun bist Du doch ein Jahr nicht mit ihm zusammengewesen – deshalb: Sesam, tu dich auf!«

Diese Beschwörungsformel bewährte auch diesmal ihre Kraft. Es sprangen nicht Felsen vor ihr, es schlugen nicht krachende Türen, aber es faltete sich auf zu sachtem Blühen wie unter den schmeichelnden Händen der Sonne. Und Lilofe lächelte ihren Sieg über die fromme Scheu der anderen, und ihre Hände wurden vorwitzig, als müßten sie der sachten Blume zum Lichte helfen –

»Ei, Schwesterlein, silbernes Schwesterlein, Du bist ja bis über die Ohren verliebt! Seit gestern? Oder schon seit voriger Woche?«

»Seit Allerseelen!« gestand Luisabeth.

»Seit vier Monaten! Allmächtiger Frühlingshimmel, fall nicht ein! Ich erschaure in Andacht vor der Dauerhaftigkeit Deiner Gefühle! Und Du bist noch immer anbetungsfroh? Seht Ihr Euch jeden Tag?«

»Ach wo! Seit Weihnachten ist er schon fort.«

»Wohin?«

»Nach Weimar.«

»Wegen Deiner?«

»Wohl auch,« lächelte ihr Glück. »Er ist Bildhauer und schafft dort noch an der Akademie; das heißt, er hat sein eigenes Atelier – und denk' mal: man hat es ihm im Tempelherrenhaus im Park eingerichtet. Ist das nicht wundervoll?«

Lilofe Vanderey reihte die Fragen auf den langen Faden ihrer Neugier wie in ihrer frühen Kindheit die Perlen auf den Zwirn, nur mit dem Unterschiede, daß ihr über dem Fragen die Geduld nicht ausging.

Der Schwester Luisabeth auch nicht. Ihr war, als schmücke sie sich heimlich mit der Kette der funkelnden Neugier zu Ehren des fernen Geliebten.

Sie hatte es all die Zeit her nicht über sich gebracht, die Schätze ihres Herzens vor den Pensionärinnen auszustellen wie in einer Jahrmarktsbude, aber nun ward ihr wohlig dabei und sie ließ sich die Seele voll Sonne scheinen.

Lilofens Forscherlust ließ nicht nach, und endlich war das Bild fertig vom Namen bis auf das Federl am Hut. Diesen Namen Romald Eskriebens fand sie ›furchtbar apart‹ und schrieb ihn zuletzt mit dem Tändelstöckchen in den Sand. Dann eröffnete sie Ausblicke in den sommerlichen Park von Weimar, der auch auf der Strecke von der Elisabethstraße bis zum Tempelherrenhaus manch verschwiegenen Weg hat. Sie bedachte die Vorgänge, die ohne Übereifer zu einer Verlobung im Oktober führen müßten, und redete Luisabeth um ihre Besinnlichkeit, daß ihr die Freude heiß und kalt übers Herz schauerte.

»Du fährst ja gleich mit sechsen,« lachte sie, »und es ist lauter schnaufendes junges Ungestüm.«

»Ich bin glücklich, ich bin glücklich zum Rasen!« sagte Lilofe – es war das der übliche Grad ihres Glücksgefühls – »denn weißt Du, ich habe das auch schon mal mit Papa besprochen, ich fände es gar nicht nett, wenn die jüngere vor der älteren Schwester heiratete.«

Und wuppdiwupp war sie mittendrin in ihrem verliebten Dasein. Es war, als hätte sie ein Loch in den Himmel geschlagen; nun prasselten die dreihundertfünfundsechzig Abenteuer dieses Jahres daraus auf Luisabeth Vanderey hernieder, daß sie sich ans Herz faßte und nicht wußte, wie es möglich wäre, solch eine Sammlung von Verliebtheiten in einem faustgroßen Kämmerlein unterzubringen.

Lilofe begann der Wahrheit gemäß mit der ›Wagenfahrt‹ des Doktor Fuhr. Die durchlebte sie mit einer Hingabe, daß sie über der Erzählung ein dutzendmal ihren Mund bereit legte zu still beglückter Empfängnis.

Da merkte sie die Neigung Luisabeths, sich zur Salzsäule zu verwandeln, und sagte: »Du brauchst Dich gar nicht so himmelweit von Dir selber zu verlieren! Ist es nicht viel erstaunlicher, daß Du Dich von Romald Eskriebens noch nicht hast küssen lassen? Hast Du etwa immer mit anbetendem Augenaufschlage neben ihm gesessen und deshalb nichts von seiner Absicht gemerkt?«

»Gott,« sagte Luisabeth, »man küßt doch nicht gleich so wild drauf los.«

»Bei mir ist das immer so. Denke Dir, sogar der lyrische Dichter Ernst Gast, der früher einmal auf den klangvollen Namen Hugo Gans hörte ...«

Sie schlug mit ihrer Frühlingsstimme an das ferne stille Grab, und Ernst Gast ging heraus und wandelte, wandelte durch den Sonnenschein des zeitlosen Lenzes am Zürichsee.

Es muß gesagt werden: Lilofe Vanderey war von einer unsündigen Wahrhaftigkeit, während sie Seite nach Seite ihres verliebten Tagebuches umschlug. Sie fühlte auch, daß sie nie zuvor so weihevoll gedacht und gesprochen hatte wie jetzt von jenem Erlebnis –

»Ich war damals noch jung und dumm; ich sollte einen armen Menschen erlösen von seinem Leid und von seiner Liebe, aber ich hatte noch nicht gelernt, mit anderen Augen zu sehen als mit diesen beiden Kornblumen da. Die erwarteten ein Wunder und fanden gefrorene Wirklichkeit; die wollten staunen in ein Dichterglück und sahen in Jammer. Ach Luisabeth, Du liebes stilles Mädchen der grauseidenen Dämmerungen, hätt' ich Dich damals um mich gehabt – Ernst Gast wäre wohl nicht hingegangen zu den weißen Türen seiner Sehnsucht!« Sie atmete tief und schwieg lange. Dann sagte sie: »Ich glaube, ich habe zu irdische Augen. Ich habe auch zu irdische Sinne.«

»Und heute weißt Du das alles?« fragte Luisabeth – »Es sind noch keine vier Monate verstrichen ... und Du wußtest es damals nicht?«

»Wahrhaftig! Noch nicht einmal so lang wie Deine Liebe! Himmel, da hab' ich schon Walter von Harden erlebt und Richard Rauch und was noch dazwischen!«

Sie plätscherte nun auch diese Geschichten heraus – aber der letzten hielt sie die Augen zu: Luisabeth durfte an ihr nicht alles erraten.

Merken sollte sie aber doch, daß es ein großes Erlebnis gewesen war.

Und als Luisabeth forschte, ob es denn ein Zufall gewesen wäre, daß Rauch zu gleicher Zeit in Genua sich aufgehalten, rückte Lilofe ein wenig von der Wahrheit ab. Sie sagte, er wäre ihnen nachgereist.

»Und ist auch dies nun zu Ende?« fragte Luisabeth.

»Zu Ende? Wenn Du mir sagst, daß auch Du den Glauben an diesen Mann nicht hättest aufbringen können ...«

»Dann ist es zu Ende,« sagte Luisabeth.

Sie verließen die Bank am besonnten Seesaume.

»Was denkst Du?« fragte Lilofe, da sie eine Zeit schweigend nebeneinander hergeschritten waren.

»Ich denke, man muß Dich vor Dir selber erretten,« sagte Luisabeth. »Vielleicht wäre es gut, wenn Du eine Zeit lang mit Papa allein reistest – – oder mit Vera Kruse,« setzte sie scherzend hinzu.

»Wir bleiben ja noch vier Wochen unterwegs. Weißt Du nicht mehr, daß wir nach Süddeutschland gehen? Da kannst Du Dir ja die Rettungsmedaille an mir verdienen!« sagte Lilofe. Es klang spitz.

»Du bist zu jung, um in Ruhe so hübsch, so leuchtend, so lenzwarm zu sein.«

Da legte Lilofe ihr die Arme um den Hals und küßte sie. Ein Bäckerjunge, der des Weges kam, blank und frischgebacken, lupfte sein Käppli und sagte: »Lueget, Meitschi – mich düecht, wenn wir halbiereten, so hätt' keiner sich zu klagen!«

* * *

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