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Die schöne Lilofe

Max Geißler: Die schöne Lilofe - Kapitel 7
Quellenangabe
authorMax Geißler
titleDie schöne Lilofe
publisherAlexander Duncker Verlag
year1916
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170202
projectid18285ecb
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Darüber war das Beruhigungsfest schon in vollem Gange. Sie wußte nun, daß von Genua aus die Feste ihres Papas in einem herrlichen Schlachtplane gewonnen werden sollte. Und diese Idee war so überwältigend, daß an ein Mißlingen des Sturmes gar nicht zu denken war.

Über allem kam sie sich schon ganz verheiratet vor, und eigentlich war es nur noch ein bißchen Scham, die sie zu einem Kampfe forderte. Nicht als ob sie sich das Verheiratetsein von ihrer mädchenhaften Phantasie in einem leuchtenden Film hätte vorspielen lassen – nein, nein, so aufgeregt, so sündhaft, so blumenrot, dachte sie nicht, sondern sie lugte nach der kindisch kleinen Tasche droben im Gepäcknetz, in die sie die Notdürftigkeiten für eine Reisenacht verpackt hatte. Und damit wollte sie über die Alpen? Damit wollte sie in ein neues Land und an das andere Ufer ihres Lebens? War das nicht zum Lachen?

Nein, es war zum Weinen. Es war durchaus zum Weinen; denn die kleine rote Tasche mit ihrer Handvoll Eitelkeitskram war ein Sinnbild der Ausrüstung der ganzen kleinen Lilofe Vanderey fürs Leben!

Aber sie weinte nicht; sie weinte ganz und gar nicht; denn was sie mit ihrer Schönheit und Sinnenfreude von dieser Welt ermessen konnte, paßte sich dem Maß an, als wäre alles dafür zurecht geschlagen, und an ihrem ichzentralen Daseinsgefühle vermochte nichts ernstlich zu rütteln. Ausleben, sich ausleben hieß die neue Pflicht des Daseins. Ausleben, sich ausleben! purzelte es hervor aus jedem halbflüggen Munde. Und warum sollte diese Forderung für soviel Jugend und Schönheit keine Geltung haben?

Der Brummer unter dem Weinglase war nach dem Erlösungsspruche Rauchs weit zurück hinter die rasende Fahrt gewirbelt worden. Das Glühlicht an der Decke warf einen so lieben goldenen friedevollen Schleier von Verschwiegenheit über beide, daß Lilofe das Denken und Sorgen für jetzt endgültig aufgab ... nein, an die blauen Vorhänge, die sich hüben und drüben über ihr Alleinsein ziehen ließen, dachte sie doch, und auch daran, daß hinter dem blauen Schutze aus dem Alleinsein während der Nacht eine himmelsüße Verlorenheit werden müsse.

Danach gingen sie in den Speisewagen.

Es war wie immer: die Augen aller wendeten sich zu dem schönen klaren Mädchengesicht, und sie war Siegerin, ohne ein Wort zu sagen und ohne mit einem Blick einen anderen ins Feuer zu schlagen. Es wurde Frühling, wohin sie kam, und die Menschen wurden voll freudiger Andacht vor dieser blonden warmbelebten Jugend.

Richard Rauch selber erschauerte vor ihr in andächtigem Glück. Längst verlorene Kräfte des Gemüts glühten wieder in ihm empor. Ein namenloser froher Stolz erlöste ihn von dem Mißvergnügen, das zwei ergebnislose Kandidatenjahre in ihm hatten wachsen lassen zu wuchtender Herrschaft. Es war ihm, als erzwinge er sich mit diesem Siege das Ehrendoktorat des Lebens.

Und als er sie schaukelnd vor seinen Schritten durch den Gang des Zuges zurückgeleitete und die Hände leicht auf ihre Hüften gelegt hatte, neigte er seinen Mund an ihr Ohr und sagte: »Nun kommt der Königsmantel! Führe ich Dich nicht auf einer langen sonnenhellen Frühlingshöhe? Schwebt nicht die Erde rückwärts unter unseren Füßen? Die blauen Wände des Himmels schließen sich um uns, und die kleinen Engel sitzen davor mit goldenen Harfen!«

Lilofe zog die Vorhänge an der Gangseite zu und tat das Hütchen ab, das, wie jenes aus der Halbkinderzeit, mehr ahnen als schauen ließ, was daruntersteckte.

Sie rückte ihr Haar vor dem Spiegel schämig ein wenig zurecht, und als sie die Umarmung seiner Augen und seine lockenden Hände fühlte, schlug sie rasch den Schirm vor das Licht – sie stand ohne Hut so bloß und verraten vor ihm, so einverstanden mit seiner Sehnsucht ... wurden denn nicht alle Geheimnisse an ihr offenbar?

»Ich will die kecke Lampe nicht!« lachte sie.

Da sank sie schon in das dürstende Begehren seiner Sinne. Sie saß auf seinem Knie und legte ihre Arme um ihn.

Später, viel später, als sie schon ganz eingehüllt war in den purpurnen Mantel, mit dem er sie hatte schmücken wollen, empfand sie noch, daß er sie längs hinbettete auf das schmale Lager.

Sie fühlte ihn unter ihren Schultern, fühlte ihn an ihrer Brust und an ihren Lippen, aber es waren doch alle Grenzen verwischt zwischen ihr und ihm.

Wenn es Tag wird über den blauen Seen, liegt die Welt weithin ufergrau. Und als Lilofe hinausspähte in das dämmerige Licht, war eine fremde Erde um sie, und sie sah über alles dahin, und die alten Türme und Giebel Weimars krochen nicht aus dem Morgennebel. Dazwischen schwebte ein großer Schatten, der sank ihr ans Herz und war so schwer, daß sie ihn mit den Händen fortdrängen wollte. Aber er litt es nicht.

Da sagte sie: »Nun steh ich heute abend als vermißt in der Zeitung.«

»Nein,« sagte er. »Während Du schliefst, habe ich ein Telegramm an Deinen Vater aus dem Wagen gereicht – nicht bei Nacht zu bestellen – und habe ihn benachrichtigt, daß Du Dich mit mir auf eine kurze Reise begeben hast. Brief folgt, Sorgen überflüssig, alle Schuld die meine.«

Und doch war ihr, als müßte sie nun die Rettungsleine ziehen, um wenigstens einmal hinauslaufen zu können in diese vorüberrasende februarmürrische Einsamkeit der Felder, und in einem wilden Schrei sich Erlösung schaffen von dieser qualvollen Bedrängnis.

Es ging nicht.

Alle Schrecken des Stillhaltens, des Stillhaltenmüssens fielen über sie.

Darüber wurde das Rasseln des Zuges, das ihr in den Liebestraum der Nacht geklungen wie das Schlagen beseeligter Schwingen – das Rasseln des Zuges wurde ihr nun zum Klange schmiedender Hämmer. Die schlugen die Ketten, in die Lilofe Vanderey gelegt werden sollte.

Sie hockte sich in die Ecke, tat als ob sie schliefe und war froh, daß Menschen in das Abteil gekommen waren. So konnte sie Rauch ihre Qualen leichter verbergen.

Drei Stunden litt sie mit geschlossenen Augen und todwundem Herzen.

Sie wußte genau, daß es das Fieber war, was durch ihre Pulse jagte und ihr eine bleierne Schwere in die Glieder schlug. Sie hatte nun die zweite Nacht nicht geschlafen und fühlte ihre Haut welk werden. Sie dachte, sie hinge in diesem Morgen wie eine Blume, die sich im Glase zu Tode geblüht hatte.

Als sie einmal die Augen aufschlug, sah sie Rauch in ihr Erwachen grüßen, und draußen standen die Schweizerberge mit Schneekronen auf den Häuptern und dem blauen Himmelsmantel um die Schultern. Es war eine Herrlichkeit bis zum Selbstvergessen.

Um diese Zeit fand sie sich denn auch zu sich und erkannte, daß alles Schreckliche ja weit hinter ihr läge und daß sie sich mit jeder Kurve, die der Zug durchraste, weiter davon entferne. Sie stülpte das Hütchen auf, ordnete mit Hingebung die Haare unter die verschwiegene Krempe und sagte pah.

Da merkte Rauch: sie hatte jetzt die Türe zugeschlagen, durch die die peinigenden Gedanken rückwärts geflohen waren.

Er trat mit ihr in den Seitengang, und sie ließen durch das geöffnete Fenster eine Meile Morgenluft über sich laufen, die war voll Reif und Gipfelsonne.

»Was meinst Du?« fragte sie. »Wie wird Papa sich zu dem Sturme stellen?«

Es klang ganz gefestigt.

»Wie ich ihn kenne,« sagte Rauch, »wird er vor allem schweigen wie ein Grab, aus lauter Liebe zu seinem kleinen Mädel. Und dann wird er sich von seiner Klugheit die Falten des Ärgers auf der Stirn ausplätten lassen und wird sich wundern, daß wir ihn nicht mitgenommen haben. Ich will ihn einladen, nachzukommen, sobald er auf diesen erleuchteten Standpunkt gelangt ist; denn weißt Du, ich verspüre nicht die geringste Lust, mir von seiner väterlichen Majestät irgendwelche Gesetze schreiben zu lassen.«

Sie hörte das mutig an. Aber ihr Herz mahnte sie, an eine schlimmere Wendung zu denken. Sie wußte nicht, wie die aussah, und wußte nicht, wann und wo sie Wirklichkeit sein würde. Aber das Bild von den zwei feindlichen Puffern, zwischen die sie geraten wäre, tauchte von neuem blitzhaft in ihr auf und hatte diesmal an Deutlichkeit gewonnen. Doch blieb es nur für einen Augenaufschlag des Gewissens stehen und sank wieder zurück in den tiefen Schlummer. Und das kindliche Vertrauen in ihre Jugend und Schönheit saß dabei und sang das Schlaflied. Durch die lange Nacht des Gotthards brauchte es nicht zu erwachen. Mailand war für sie nur ein Übergang über den Bahnsteig in den Zug nach Genua; dabei hätschelte sie ihr Herz, bis es lächelte im Traum von seinem Glück. Und sie fragte Rauch:

»Hattest Du nicht daran gedacht, daß Mailand auch schon recht weit von Weimar ist, und daß Dein kleines Mädel auf dieser Höllenfahrt ausfallen könnte wie eine Blume?«

»Ach wo! Bei Genua hat der Frühling sein Winterschloß!« Er lachte und zog sie an sein Herz. »In Nervi blüht die Erde, und wenn das Meer in den Klippen zerschellt, steigen schon weiße Rosen daraus empor, weil sie den Lenz jubeln hören. In Nervi ist eine Straße mit haushohen Palmen – freust Du Dich?«

»Bis zum Erschauern,« sagte sie. –

Auf den langen Steigen des Genueser Bahnhofs lag die Stunde nach Mitternacht. Die hat tote Augen.

 

Lilofe hing sich in Rauchs Arm wie ein Kind, das verirrt gewesen ist und nun heimfinden soll. Drei Tage Müdigkeit und zweihundert Meilen Leben hatten sich in sie hineingezwängt und machten sie taumelschwer. Alle Eisenräder rollten ohne Aufenthalt in ihren Nerven weiter.

Rauch befahl einen Gepäckträger noch in der Nacht mit den Koffern zum Hotel. Dann saßen sie in dem schmerzenden Lichte des Saales. Rauch wollte noch speisen und bestellte ein Zimmer. Es war, als hämmerte er ihr einen großen spitzen Nagel mitten ins Herz. Er sah, wie der Schreck alle Türen an ihr aufstieß und lächelte ihr noch ins Gesicht. Sie aber dachte nicht an die Nacht und seine Sehnsucht und dachte nicht daran, daß sein wilder Erobererzug sich auf diesen Plan gründete; sie dachte: ich soll mich entkleiden vor Dir – entkleiden, so wie ich es in jeder Nacht in der verhüllenden Einsamkeit meines Zimmers zu tun pflege? Das ist ja unmöglich, ist ja alles unmöglich! Es schrie laut und qualvoll auf in ihr. Tränen, über ihr Herz geweint, rannen wie schimmernde Strandmuscheln unaufhörlich in ihr dahin. Sie konnte die Augen nicht mehr zu dem Entführer aufheben, und als der Kellner die Speisen servierte, lief sie hinaus. Nicht einmal die kleine rote Tasche hatte sie bei sich, aber sie lief in die fremde Stadt, lief durch das versickernde Nachtleben, bog um eine Ecke, irrte in kleine Gassen zwischen himmelhohen Häusern. Dann trat sie in ein Bierhaus mit hellen schreienden Scheiben – es stand darauf geschrieben: man spricht deutsch – dort forderte sie ein Zimmer. Zimmer hatte man da nicht. Sie log, sie habe ihren Vater im Gedränge vor dem Zuge verloren. Und man geleitete sie in ein benachbartes Hotel. Der Portier sprach deutsch – er sah aus, Himmel wie sah er nur aus? Sie starrte ihm ins Gesicht als einem, der sie nun an der Hand nehmen müßte, weil er sie schon als Kind an seinen Händen geführt hatte ... Daniel! Es ward ihr ganz heimisch zu Mute und ihr lachendes Vertrauen schlug wieder die Augen auf: »Ich habe kein Geld, Herr – es ist alles in der kleinen roten Tasche – auch mein Hausschlüssel! Aber ich will Ihnen meine Uhr lassen, oder diesen Armreif – glauben Sie mir doch!«

Der Portier lächelte ihr gütig ins Gesicht und wies ihr ein Zimmer an.

Da stand sie nun mitten darin. Das Licht von drei Lampen brach über sie, kalt und mitleidlos, und schrie ihr zu, wie arm und verlassen sie war. Und ein solch wunderlich Ding ist das Menschenherz: sie wußte, wenn jetzt die kleine rote Tasche bei ihr gewesen wäre, und wenn sie den Hausschlüssel hätte fühlen können, die Kopfbürste und die Seifendose und was das rote knirschende Leder sonst noch umfing – und wenn sie das alles hier auf den Tisch ordnen dürfte, sie hätte den Kampf mit der Nacht und dem anderen Tage damit bestanden! Aber nun – was sollte sie mit diesem fremden toten Zimmer anfangen? Sie merkte, daß sie unterging und hob die Arme hoch; denn diese entsetzliche Einsamkeit schlug über ihr zusammen.

Da rettete sie sich auf den Korridor, eilte die Treppe hinab und fand den Portier, der sich in seinem Glashause gerade wieder auf die Liegebank strecken wollte.

Der Mann war Österreicher, er hatte ein ausrasiertes Kinn, sprach ein gemütvolles Deutsch und hatte liebe, erfahrene graue Augen.

»Sie, lassen Sie mich auf dem Rand Ihres Lagers sitzen oder in dem Stuhle da, bitte!«

»Wollen S' Ihnen net lieber schlaf'n leg'n, Freil'n?«

»Ach, ich bin mir ja selbst abhanden gekommen! Es geht nicht. In allen Winkeln hockt ein Lebendiges und grinst mich an!«

Darüber stand ein ahnendes Licht in dem Manne auf, der Geist des jungen Dinges möchte getrübt sein –

»Is Ihnen leicht was aufs Gmüat g'fall'n?«

Vor seiner treuherzigen Sorge und den zutraulichen Worten fand sie ihr Vertrauen zur Welt wieder und sie erzählte ihm, was ihr in den letzten zwei Tagen geschehen war.

Wie er merkte, daß sie nur am Jungsein litt und nicht am Verstande, wurde er ganz vergnügt und fing mit ihr an zu beraten, was zu tun wäre.

»Halt eine Depeschen aufgeben, dringend, an den Herrn Papa,« fiel ihm ein.

»Ja, wenn S' mir das Geld halt ausleihen möchten!« lachte sie und redete schon in seiner Sprache, die ihr so in Ohr und Herz schmeichelte. Ganz umarmerisch und hingebungsfreudig war ihr zu Mute.

Sie machten sich also an die Abfassung der Depesche: »Achilles Vanderey, Elisabethstraße 6, Weimar. Bin wohlbehalten in Genua, Hotel Central, und gehe keinen Schritt weiter ohne Dich. Lilofe.«

Damit schritt der alte treue Mensch hinaus in die Nacht. Sie schloß die Türe hinter ihm und saß mit steilen Sinnen auf dem Rande der Liegebank, zu warten, ob ein verspäteter Hotelgast Einlaß begehre. Es war ihr, als hielte sie die Hände Achilles Vandereys schon fest in den ihren. Über der neckischen Lage, in die sie geraten war, und über der bunten Jagd ihrer Gedanken wuchsen ihr die Schwingen wieder.

Als der Portier nach einer Viertelstunde zurückkehrte, war sie willig, sich schlafen zu legen, und ließ sich zum anderen Male von ihm über die weichen Läufer der Treppen geleiten. Dann lief ihr das Herz über: »Liebes gutes altes Gesicht!« sagte sie und legte ihm die Hände auf die Achseln. Sie stand vor ihm in dem unverhüllten Lichte, ihre Dankbarkeit umatmete ihn und ihre Frühlingsaugen segneten ihn –

»Schon gut, Freil'n,« sagte er, »i versteh alles – Ihnen und den, der Sie hergebracht hat. S' is halt das Jungsein und das Schönsein. Dagegen kann mer nix mach'n.«

Das war ein Wort von so schlichter Selbstverständlichkeit, liebevollem Verzeihen und tiefer Hellkraft – ihr seliges leichtsinniges Herz sprang ihr auf die Lippen und sie küßte den guten Alten ab, daß ihm vor ihrer kindlichen Freude der Atem verging.

»Da kann mer nix machen,« lachte er. »Aber nun, Freil'n – 's is halber drei und höchste Zeit zum Schlafen. Ich will am Morgen gleich den Hausdiener ins Savoia-Hotel schicken wegen dem roten Tascherl, wissen S'.«

»Ja, das tun Sie mal ...«

»Naa, naa,« widersetzte er sich, »zuerst müssen S' mir auf Ehr' und Seligkeit versprechen, daß Sie schlaf'n wie a Murmerl, sonst bleibt 's Tascherl wo's is; denn wenn der Herr Papa kommt und S' schau'n so aus, wissen S' ...«

»Ach, ich schlaf bis tief in den Tag! Aber der Hausbursche, der das Tascherl holt,« neckte sie, »mag im Savoia sagen: der Herr, der im Nachtzuge mit der jungen Dame gekommen ist, soll auf diese junge Dame um elf Uhr warten.«

»'s is halt 's Jungsein,« lächelte der Alte – »a Krankheit, wo sich von selbst heilt.« Und damit lächelte er sich zur Türe hinaus.

Er lächelte sich auch noch die Treppe hinab. Er streckte sich zwar wie vorher auf die Liegebank, er tat wie eine sorgliche Mutter seinem singenden Herzen auch das Licht aus, dann aber blinzelte er verstohlen unter den halbgeschlossenen Lidern hervor nach dem wundertätigen Bilde der allerschönsten Jungfrau von Weimar, die sein gläsernes Häuslein am Tore ganz voll Himmelsglanz gestrahlt hatte, und die sich nun niederneigte und ihn küßte in ihrer kindlichen Dankbarkeit wie vorhin, so oft es der Traum vom Wunder dieser Nacht ihm eingab.

Als es tagte und sein Dienst von einem anderen übernommen wurde, ging der treue frohbeglückte Mann nicht heim, sondern koste das kleine rote Tascherl mit seinen Händen und fühlte, daß seine Freude närrisch geworden war bis zum Weinen.

Er stieg siebenmal die Treppe empor in den ersten Stock und lauschte an der Tür, ob es sich dahinter regte. Und weil er immer nichts hörte, ließ er das rote Tascherl nicht aus den Händen; denn es kam ihn eine Furcht an, dies junge gebenedeiete Menschenkind könne fortgehen, ohne daß es die alten Augen noch einmal mit dem Sommerregen seiner Schönheit erquickt habe.

So wundertätig wirkte Lilofe Vanderey, daß ein alter Hotelportier den Gedanken an einen klingenden Lohn für die geopferte Nacht dahinwarf als einen Frevel an seinem Glück. Er dachte: und wenn sie drei Tage schläft, so will ich doch warten auf das Licht, nach dem mein Herz dürstet.

Dann sah er sie durch den Türspalt lugen. Da trippelte er mit dem roten Tascherl ihrer Sehnsucht den Gang entlang.

»Kommen Sie nur immer herein, Herr ... na, wie heißen Sie doch gleich?

»Schmiedl, zu dienen, gnä' Freil'n!«

»Ach kommen Sie nur getrost herein, lieber getreuer Vater Schmiedl; denn Sie lachen nicht über das arme verwaiste Mädel. Gelt, ich hab' Sie geküßt, heut Nacht? Sind Sie mir böse? Ach Gott, haben Sie denn noch niemals erfahren in Ihrem langen Leben, daß ein Mensch vor lauter Glück närrisch werden kann?«

»Selbstverständlich, Sie schönes und liebes Freil'n! Aber wie mir das so geschehen is, so hab ich doch gemeint, das Freil'n hat sich wohl in dem roten Türl da ein wenig geirrt.« Er deutete auf seinen Mund – »ich denk, er ist röter worden über Nacht von dem Glück, das auf ihn gefallen.«

»Und heut abend, Schmiedl, heut abend sind Sie wieder da unten im Hotel?«

»Bin ich. Und morgen in der Nacht auch, wenn der Herr Papa kommt.«

»Gelt, und Sie holen mich heut und morgen abend am Savoia-Hotel ab – ich denke, um neun Uhr. Das ist eine beruhigende und vertrauenerweckende Stunde.«

»Ah, ich verstehe schon!«

Vier frohe Augen blinzelten sich dabei an.

Lilofe Vanderey, die doch auf die Hilfe des roten Tascherls gewartet hatte, sah schon wieder aus, als hätte sie den Morgen hell geschienen. Und doch hingen ihr noch die Spuren des Schlummers in dem blanken Haar, der sich mit erlösender Liebe über sie geworfen hatte, und ihre Bewegungen waren ein wenig bedacht; denn die Bluse war auf dem Rücken zu schließen, und weil sie das Türlein trotz aller Biegsamkeit nicht hatte zudrücken können, zwinkerte dort ein Fingerbreit keusches weißes Geheimnis hindurch.

»Schauen S', Herr Schmiedl, nicht einmal den Rücken kann ich Ihnen zukehren vor lauter dankbarer Verehrung!« scherzte sie. »Nun müssen Sie mir die Liebe schon noch gewähren und sich einmal herumdrehen. Ja, so – 's ist schon recht!«

Sie tat den Schlüssel aus dem Kleid, entnahm der Tasche den Hundertmarkschein und wickelte ihn in ein unscheinbares Stück Papier.

»So, nun dürfen Sie wieder gucken. Da!« sagte sie, »damit Sie das arme kleine deutsche Mädel nicht ganz vergessen! Aber auseinanderfalten dürfen Sie das Papier erst, wenn Sie nach Hause kommen. Haben Sie eine Frau?«

»Hab' ich. Schön is 's gewes'n, die Mirzl, die Schönst' im Stubaiertal zu ihrer Zeit. Aber halt, das muß ich schon sagen: wenn sie hundertmal schöner und lichter gewesen wär' – gegen Sie is s' doch recht ein arm's Hascherl.«

»Also: Sie warten, bis Sie daheim sind, dann rufen Sie die Mirzl und sagen zu ihr: du, das hat mir ein kleines deutsches Mädel zum Andenken gegeben, weil ich so treu und väterlich zu ihr gewesen bin! Und geküßt hat sie mich auch, da auf den Mund – jawohl, verraten Sie es ihr nur ... so kindisch dankbar haben Sie das kleine deutsche verirrte Mädel gemacht; denn Sie haben es heimgeholt aus der tiefsten Not ihres Lebens.«

Der Weg durch den Spiegel zu sich selbst war für Lilofe Vanderey der kürzeste. Auch jetzt. So hatte es Bellis Inden sie gelehrt – seit dem Tage des Niederländer Häubchens bis zu dem Morgen, an dem sie dem Genueser Hotelportier den ersparten Hundertmarkschein in die Hand drückte, lag ihr Beginnen beschlossen in Bellis Inden. Und das Leben sagte dazu ›ja‹ und ›hurra‹ und streute ihr Blumen um jeden Schritt.

Der cand. phil. Richard Rauch aber war am Kreuzwege der Mitternacht miselsüchtig geworden. Als er erfuhr, daß seine Begleiterin entwischt sei, sagte er: »es ist eine Blamage,« suchte ein Bierhaus nach deutscher Art und setzte sich in einen gesicherten Winkel zu mannhaftem Trunke.

Er begann feindselig und verachtungsvoll und gedachte, jedes leergesogene Glas an der Wand zu zerkrachen. Aber er trank sich in eine leise Zärtlichkeit. Und als er seine späten Tritte durch die verwaisten Gassen hallen hörte, war seine Aussöhnung vollkommen.

Vom Meere her atmete der Frühling erlöst über die schlummernde Stadt und pflanzte den Glauben an Wunder in alles Lebendige.

 

Als Lilofe Vanderey am Morgen um elf Uhr im Frühstückssaale des Savoia-Hotels aufging, war keine Rettung für ihn, und er wäre in jauchzender Selbstvergessenheit und Dankbarkeit bei einem Haare vor ihr auf die Knie gesunken, weil sie wiedergekommen war, weil sie ihn suchte, weil sie seinen Sinnen und Sehnsüchten das große Auferstehungsfest verhieß.

Er wurde voll Frömmigkeit an dieser Blütenlust, von so beseeligender Frömmigkeit, daß eine Scheu vor allem Fragen in ihn kam, warum sie geflohen wäre.

Nur seine Augen verlegten sich auf ein lustiges Raten und ahnten sich bis hinan an zwingende schämige Mädchengeheimnisse. Seine Gedanken rieten sich darüber hinweg an ihre blanke Kindhaftigkeit, der vor lauter Lust und Traum vom Erleben bange geworden sei vor dem letzten Glück, das heiß und überflußreich aus ihr hinausströmen sollte. Er dachte auch daran, daß sein Herz an ein planvoll unsinniges Vagabundentum gewöhnt wäre und daß das freibeuterische Hinlieben aufs Geratewohl nun zu Grabe geläutet werden müßte ...

So dichtete er sich ein geschwollenes Kompendium über die erzieherische Macht der Liebe.

Die vorahnende Freude auf das nahe Himmelsfest, an dem er sie in Stücke küssen würde, verbarg er ihr nicht.

Sie aber ließ sich seine verliebten Träume überwerfen mit der flimmernden Empfindungskraft ihres Geschlechts. Und als sie auf dem Strandwege von Nervi, weit draußen bei San Ilario, der Heerschau beigewohnt hatten, die der Frühling hielt, war es an der Zeit, ihm den Schlachtplan zu entwickeln, den sie mit Schmiedl heut nacht fertig gemacht hatte.

Sie ging in aller Bedachtsamkeit zu Werke und wunderte sich des Wachstums ihrer Klugheit und Frauenlist; denn sie merkte: sie verrichtete Taten, die ihr gestern und daheim unmöglich gewesen wären.

Sie verriet ihm nicht zuerst, daß sie um neun Uhr am Savoia von ihrem alten Freunde in Obhut genommen würde, sondern sie knitterte zuvor das dringende Antworttelegramm des Achilles Vanderey aus der Tasche, das ihr am Ausgange des Zentral-Hotels überreicht worden war: »Bin morgen nachmittag vier Uhr bei Dir. Papa.«

Er las es siebenmal und sagte: »Es ist eine Blamage.«

»Ich glaube, Du bist wunderlich? Oder findest Du beglücktes Gefallen an unserm Türstehen?« sagte sie.

Er legte diesem Wort eine süße Deutsamkeit bei, die sein Herz in leuchtendes Zittern setzte, und ward zu einem duldenden Büßer beim Anblicke der fernen Türen des Himmels, die sie ihm zeigte. Und das Meer küßte heimlich singend Lenzesträume vor ihnen in die Klippen ... »wir saßen am einsamen Fischerhaus, wir saßen stumm und alleine« ... kein Meer der Erde vermag diese Wogenweise inniger und so übervoll aus silbernen Schalen um die lauschenden Säume der Erde zu träumen, als das Meer von Nervi.

»Eigentlich wäre das meine Sache gewesen, Deinen Papa zu rufen,« behauptete er in einer letzten Anwandlung von Eroberermut.

»Da ich nun aber doch mit Dir ausgerissen bin, wird er sich zunächst an mich halten. Er steht mir näher.« Das lachte sie heraus – diesmal so herzhaft eindeutig und furchtlos, daß ihm keine Widerrede einfiel. »Siehst Du,« neckte sie, »wenn das Zimmer mit den zwei Betten uns nun im Wege stünde – ich müßte mir ja beide Augen zuhalten vor Papa! Und gib mir doch gleich mal fünfzig Lire, ich habe da allerhand zu kaufen, was eigentlich in das rote Tascherl gehört hätte.«

»Wir besorgen es, wenn wir heimgekommen sind.«

»Dazu bist Du total untauglich, mein Freund und Geliebter,« scherzte sie. »Dazu gehört mein Interimspapa Xaver Ignaz Schmiedl; denn erstens ist er altverheiratet, und zweitens brauche ich ihn als Taschenwörterbuch, Abteilung Wäsche- und Toiletteartikel für Damen, weißt Du. Dazu reicht weder deutsche Philologie noch Dein brüchiges Französisch.«

Es brach eine traute schwarzsammetene Februarnacht herein. Die hauchte Geheimniskraft in die Gassen zwischen Meer, Berg und Palmen von Nervi.

Da schritten sie hinab vor die Klippen, wo der Sand funkelte wie der Himmel, und waren jung und gebefroh und voller Sterne. Der Frühlingsabend war lang. Und die Zweieinsamkeit voll hoher goldener Welten war ersehnt und grenzenlos und konnte von keinem Überflusse schwer werden.

Aber es war anders geworden mit ihnen. Wenigstens mit Lilofe. Sie hielt die Augen zwar hingebungsvoll geschlossen, denn es lag ihr nichts daran, zu sehen, wie weit und wohlig die blauen Wogen dieser südlichen Nacht sie hintrugen zwischen Himmel und Erde; aber so oft sich der schlummernde Klöppel der Turmuhr regte, ward es wach in ihr, als wäre ihr Herz die Glocke, auf die der mahnende Hammer der Zeit fiel. Der zerschlug auch die lange Kette der Küsse – er brauchte zwölf Schläge dazu, vier helle und acht dunkle voll gesammelter Kraft. Woraus zu ersehen, daß die Stunde uferlos und die Fesselung der Sinne tief gewesen war bis zu den Säumen verantwortungslosen Glücks.

Sie saßen danach geblendet in dem Wagen der Tram, glitten an den Gärten Nervis vorüber und die hohe Strandstraße dahin, aber am Savoia-Hotel in Genua stand väterlich und milde der Herr Xaver Ignaz Schmiedl und musterte mit gütigen Augen den jungen Mann, der ihn bittersüß ›mitleidloser Entführer‹ hieß.

Lilofe Vanderey funkelte wie eine rote Strandnelke, wenn die Sonne aufgeht, und tat als wäre diese Minute die herrlichste des Tages. Rauchs Wunschheimlichkeit tat ihr wohl, und ihre junge Blankheit und Scheu machte ihm weh. Voller Verheißungen waren sie beide.

»Na ja,« sagte Rauch und stand unter dem Portale. Lilofe deutete sich das als: ›es ist ganz in der Ordnung‹. Aber Xaver Ignaz Schmiedl hörte einen verkappten Fluch daraus, und lächelte sich neben seinem Schützling wissend von hinnen.

Als er wieder allein war, ergriff Rauch die Gelegenheit, das deutsche Bierhaus zu suchen, und er begann ernstlich über den nächsten Tag nachzudenken. Da fand er: es hätte nicht halb soviel Mut dazu gehört, Herrn Achilles Vanderey durch einen Brief aus gesichertem Hinterhalte einen Vorschlag zur Lösung der Dinge zu machen, oder ihm gar ein Wort des Einverständnisses abzutrotzen.

Nun hatte ihm die kindliche List und Furcht Lilofes seine stärkste Waffe entwunden, und er suchte in den Rüstkammern seiner Erfahrung nach einem leidlich würdigen Raufzeug, mit dem er dem gefährlichen Alten entgegentreten könnte.

Der Angriff war in bedrohliche Nähe gerückt und hatte höllverdammte Ähnlichkeit mit einem Rigorosum.

Die Stunde war blauschwarz und schwer. Er goß von dem goldhellen Pilsner an Erleuchtung in sie, was sie zu fassen vermochte. Dann erkannte er, daß Mut in diesem Falle Tollkühnheit, List möglicherweise Sieg sei; und um alle Ecken lugte die Wahrnehmung: das martialische Draufgängertum, das ihn in dies Abenteuer getrieben, war ihm wohl irgendwo am Wege liegen geblieben. Jedenfalls war es nicht mehr da.

Es löschten für ihn alle Lichter aus in dieser fremden Welt, sobald Lilofe von ihm ging. Auch hatte er sich die Jahre her in eine Sorte Weibtum hineingelebt, das herzenseigensüchtig, klettenanhänglich und von wedelnder Unterwürfigkeit war – man hatte Mühe, sich auf ritterliche Art davon zu befreien, wenn es überständig wurde.

Aber dies kleine Mädel war von einer unbewußten Herrschsucht; und das schlimmste an ihr war, daß man vor ihr nicht einmal mit hindonnernder Innigkeit auf den Tisch hauen und sich Erlösung von aller Bedrängnis erfluchen konnte.

Sie ging einfach fort, sie ging, damit sie sich vor dem Herrn Papa nicht die Augen zuzuhalten brauche! Und dieser Papa blieb für sie die erste Instanz.

Richard Rauch war also besonnen wie nie zuvor in seinem Leben, aber zur stärkeren Förderung dieser nachmitternächtlichen Sammlung des Gemüts krachte er das hohe Glas nun doch an die Wand und schaute nicht auf, als ihn die Tat zum Gegenstande hälsereckender Aufmerksamkeit gemacht hatte.

So war er allgemach heimisch geworden in der Fremde, und das Landsknechtstum bierfroh beschaulicher Jahre sandte ihm treuherzigen Gruß. Darüber ward ihm im tiefsten Herzen wohl und frei; er hatte die Tage her hart in Ketten gelegen.

Und wenn der Alte das Mädel mitnähme?

Auf einmal standen Mauern um ihn, die er in dem gekrönten Tatentrotz der vergangenen Tage nicht gesehen hatte.

Aber er trank sich besinnlich hindurch. Und als er in der dritten Morgenstunde als der Letzte an den vertrauten Gruppenbildern der Männer mit den langstieligen Besen dahinschritt, dröhnte er einen kellertiefen Studentensang weihevoll durch die nächtlichen Gassen der fremden Stadt.

Ein Viertel vor vier schellte er am Zentral-Hotel und forderte ein Zimmer mit zwei Betten.

Xaver Ignaz Schmiedl erkannte ihn und seinen Schmerz und zeichnete ihm den Weg zum »Savoia« auf ein Stück Papier.

Dann ging Rauch ein Stück, kehrte um, schellte den geplagten Mann abermals heraus und gab ihm die Zeichnung wieder – »Ich danke,« sagte er, »ich finde mich auch so!«

Danach betrat er zu nachdenklichem Wandel die Bahnhofshalle, schritt lange auf und nieder und fand auf einer Bank einen Gepäckträger. Den zog er aus tiefem Schlafe und sagte zu ihm: »Sie heißen Achilles Vanderey.« Er wollte mit ihm die Szene probieren, die sich etliche Stunden später abspielen würde. Aber der Mann forderte verständnislos einen Gepäckschein. Und als sie eine Weile in zwei verschlossenen Sprachen miteinander gestritten hatten, begann das Echo durch das Eisensparrenwerk zu kollern. Da wandten sie sich voneinander ab, und der erste Morgenzug rannte mit heißem Atem von draußen herein.

Es kam eine klopfende Scheu in Richard Rauch, Achilles Vanderey säße darin. Deshalb rettete er sich aus der Halle und ging schlafen. Und als er um Mittag erwachte, hing die Welt für ihn fad und greulich voll Aschermittwoch.

Dazu kam noch das peinliche Gefühl, daß sein Mut sich kückenhaft unter Lilofes Flügel zu retten versuchte; denn als sie in den Speisesaal trat, war sie schon hellauf durchschienen von der Freude, die ihr von Deutschland her in einem D-Zug entgegenflog.

Ein ganz unglaublicher Zustand, sagte sich Rauch. Und je leuchtender sie in das Dasein funkelte, desto gefräßiger kroch ihn das Bewußtsein seiner Schuld und Schwäche an. Er hatte daran nun allein zu tragen und war wieder einmal auf das Sprungbrett gestellt, unter dem schwindelnder Abgrund gähnte und das unter ihm wippte, sobald ihn aus irgend einem Winkel das Wort »Examen« traf.

Darüber wurde er unfähig, zu denken – einfach unfähig.

»Ich bin krank, todkrank,« sagte er, »und brauche Bettruhe.«

»Unmöglich,« behauptete Lilofe.

»Und es ist doch so. Vielleicht ist es der beste Einfall, den mein nichtswürdiges Schicksal aufzubringen vermag.«

»Ich verstehe Dich nicht. Du rennst damit mein Herz und mein Vertrauen zu Dir vollends über den Haufen ...«

»Na, zum Donnerwetter –«

»Das vertrag ich nicht, Richard!«

»Pardon! Ich glaube gar, Du hältst mich für feig! Oho – – Dein Papa kommt einfach zwölf Stunden zu spät, das ist des Pudels Kern. Ha, heut nacht hättest Du mich sehen sollen! Ich habe um vier Uhr vor dem Tore Deines Zentral-Hotels die Wache bezogen und wollte nicht vom Platze weichen bis nachmittags.«

»Du scheinst mit derartig wunderlichen Anwandlungen ja förmlich geplagt zu sein,« sagte sie.

»Mein Kind,« fiel er ihr ins Wort, »diesen gereizten Ton vertrage nun wieder ich nicht! Übrigens bin ich ja vorerst bei einem Zusammensein gar nicht vonnöten. Du hast doch zunächst das Gelände zu erkunden. Und wenn es darüber Abend werden sollte – was wahrscheinlich ist –: nun, ich esse in der Pilsener Bierhalle, Piazza Zecca, zur Nacht; dort können wir Deinen schreckhaft veranlagten Papa ja in Behandlung nehmen.«

»Du meinst also nicht, daß Dein Zustand eine ausgedehnte Bettruhe fordert?«

»Fordert! Natürlich fordert er ...« donnerte Rauch los.

»Bitte – wenn es Deine Krankheit erlaubt, mäßige Dich ein wenig.«

»Naja – aber ich lasse mich von ihm einfach nicht unterkriegen! Ich will meinen Mann schon stehen, weißt Du, und Du wirst einen Helden auf dem Posten finden! Nur augenblicklich bin ich dazu nicht imstande. Du siehst ja, mich lockt weder diese Schildkrötensuppe, noch – – ich pfeif' auf die ganze Speisenfolge! Kellner, nur ein Diner heute!«

Lilofe sah ihn bewegt an.

Da fiel ihm ein: »Du kannst Papa vielleicht sagen, daß ich schon bei der Abreise schwer leidend gewesen wäre.«

»Ach, fällt mir ja gar nicht ein!« lachte sie. »Siehst Du denn nicht, daß ich eine Siegerkrone trage? Und nun soll ich mich selber darum betrügen? Ich habe gewonnenes Spiel und soll auf den Preis verzichten? Nein, Herr Richard Rauch, das geht über Mitleid und Liebe! Aber ich will Dir etwas sagen« – da löschten zwei Kerzen aus von den vielen, die in ihr brannten –: »Es sind zwei Angeklagte zu dieser Verhandlung geladen. Jeder hat seine Schuld und jeder verantwortet sich selbst. Willst Du aber kneifen, so sag's mir; dann ist der eine Angeklagte einfach nicht erschienen ...«

»... und wird › in absentia‹ verurteilt. Noch lange nicht das Dümmste, mein Kind.«

Er starrte vor sich auf den Tisch und versuchte, sich den Seelenzustand zu definieren, der sie in den Stand setzte, in solcher Stunde einen goldbraunen Fasan mit Trüffeln zu verzehren, als wär' es ein Verlobungsmahl ...

Das Herz lief ihm an. Er drehte die Zeiger seiner Uhr, als ließe sich der bleitretigen Zeit damit auf die Beine helfen.

Lilofe aber war in diesen drei Tagen gelehrig genug gewesen: sie fühlte, wie sie nun über den hinauswuchs, der so erobererfroh an seinen Schild geschlagen hatte.

* * *

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