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Die schöne Lilofe

Max Geißler: Die schöne Lilofe - Kapitel 5
Quellenangabe
authorMax Geißler
titleDie schöne Lilofe
publisherAlexander Duncker Verlag
year1916
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170202
projectid18285ecb
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Aber um Weihnachten war die Eisbahn blank und bunt. Bald war ein lustiges Schneien in der Luft, bald eine klingende Sonne, die nicht einmal den Reif von den starren Bäumen fächeln konnte.

Da hatte Lilofe Vanderey schon herausgefunden, daß die Mädchen in der Tanzstunde doch ein bißchen gänsig wären. Und die jungen Herren schritten auf den Eisenschuhen viel kühner und kraftvoller als in den Lackstiefeln auf dem Parkett. Es stand auf dem Eise auch keine Lehrerin mit verwittertem Gesicht dabei, die immer in die Hände klatschte und rufen mußte: »Die Herren müssen sich allen Damen gleichmäßig widmen! Vorengagieren ist ein für allemal unstatthaft.«

Na, und ›widmen‹! Widmen nannte sie das – diese Verbeugungen aus Holz, diese Gespräche aus Draht und dieses Lächeln aus verschlissener Seide! Dinge, die Lilofe Vanderey als neu, himmlisch und verlockend ansehen sollte – und war doch froh, daß sie dies alles schon im vergangenen Jahre gelassen hatte!

Lilofe hatte im letzten Sommer über sich und ihr Verhältnis zur Welt nachdenken gelernt.

Diese Welt sah natürlich im Spiegel ihres Herzens wunderlich genug aus – etwa so, daß die schöne kleine Lilofe im Mittelpunkt alles Lebens stand, dem freudig zulief, was jung war und offene Sinne hatte. Was jenseits dieser Grenzen lag, ging ihre Gedanken nichts an – das war Sache des Mannes, mit dem sie sich einmal verheiraten würde.

So war schon in jener jungen Zeit Leben und Geliebtwerden für sie ein und dasselbe. Und schön und berückend zu sein, war der Traum, der sie erfüllte schon in den Tagen, in denen andere junge Mädchen noch daran denken, mit einer Schar wilder Jungen Räuber und Soldaten zu spielen. Sie war ein Triumph der Erziehung Bellis Indens – jener Bellis Inden, die an Luisabeth Vanderey vorübergegangen war wie an verschlossenen Gärten. Allem, was in der älteren Schwester zum Lichte drängte, hatte sie nichts zu geben gehabt.

Auf der Eisbahn schaukelte die Inden mit ihrem Doktor Fernau im Gleitfluge an ihr vorüber. Lilofe brauchte ihr um jene Zeit schon längst nichts mehr abzugucken; der verliebte Sommer war lang und reich genug dazu gewesen.

Auch Doktor Fuhr fehlte an keinem Tage auf dem Eise. Durch ihn war sie aufgenommen worden in die Welt der süßen Geheimnisse. An jenem heißen Tage der ersten Ernte hatte sie sich eingebildet, sie wäre in den langen Doktor verliebt.

Nun aber war sie in ihrer Erkenntnis fortgeschritten und wußte: der Mann, der ihr unter den grüngoldenen Laubdecken die vielen Küsse von den Lippen gepflückt hatte, war ihr nur Mittel zum Zwecke gewesen in ihrer dunkelroten Sehnsucht. Sie liebte die Liebe; sie war entzückt von dem verschwiegenen Abenteuer; sie war auch nicht undankbar für das gestohlene Glück; aber der lange Doktor, der schon siebenundzwanzig Jahre zählte, vermochte ihr Herz nicht mehr für eine Minute in Gefahr zu bringen.

Wenn sie einmal über ihn nachdachte, wie er zwischen den jungen bunten Dingern auf der Eisbahn und dem Tennisplatze umhergaukelte, so schien es ihr, als wäre er immer auf der Entdeckungsreise nach einer, der er es just so machen könnte wie ihr.

Er kannte alle süßen kleinen Mädels der Stadt und lief mit jeder eine Bahnrunde. Oder er hatte sie im Ringe um sich stehen und ließ sie von seinen Bonbons naschen, wofür er ihnen dann ihre Küsse nehmen wollte ...

Weil sie wußte, wie leicht das zu machen war, bewunderte sie ihn längst nicht mehr als den kecken Sieger, sondern dachte: an ein Mädchen mit einiger Erfahrung wagt er sich nicht.

Darüber fiel aller Glanz in ihren Augen von ihm ab. Es ward ihr ein Vergnügen, ihm vor den vielen kleinen Mädchen, die seine Keckheit noch lockte, einmal eine herzhafte Abfuhr zu bereiten. Sie erfand auch das Wort vom ›Elementarlehrer der Liebe‹ für ihn, das so verwegen und zutreffend war, als wäre es von einer allwissenden jungen Frau geformt worden, mit der er einmal vor Jahren in dem grünen Sommerwagen an der Ilm spazieren gefahren war.

In dieser Zeit lernte Lilofe den Studenten Walter v. Harden und den lyrischen Dichter und Lautenschläger Ernst Gast kennen.

Gast, wenn er nicht mit seinem Freunde Harden lief, hatte auch auf den stählernen Schuhen etwas von dem verträumten Sonnenrosenmann jenseits der Zäune.

Er war verliebt ohne Rettung und bewies diesen Zustand dadurch, daß er sich in der Regel am anderen Ende der großen Schwanseebahn aufhielt und Lilofes wiegenden Lauf aus der Ferne mit schweigender Hingebung verfolgte. Aus der Entfernung trank er das süße Mädchenbild in seine Augen, damit es in der Dachstube um ihn sei und seine Seele und den armen Raum himmlisch verkläre.

»Du armer Narr!« sagte Walter v. Harden zu ihm. Aber er spottete auch diesmal nicht; denn er wußte: wenn dieser Dichter der Zukunft überreich an Glück sein wollte, mußte sein Glück Traum bleiben. Sein Herz lebte nun einmal von geträumter Vollkommenheit der Welt, und seine Seele mußte sich die Sonne ihrer Seligkeit dichten können. Wenn er sie erst in den Händen hielt, erkannte er Staub und Fehl an ihr und sein Traum war zu Ende, sein Glück war tot.

Einmal, als Ernst Gast auf dem Eise recht erdenfreudig und mutig war, sagte Walter v. Harden zu ihm: »Heute will ich Dich der schönen Lilofe Vanderey vorstellen.«

Gast sah an diesem Tage gut und fast wohlhabend aus. Er trug einen abgelegten Herbstanzug Hardens, und über Tag war ihm ein lyrisches Gedicht gelungen, schön und klingend in Wort und Weise. Davon behauptete er, es wäre eines von jenen, die auf den Frühlingswiesen des Himmels erblühten. Harden lachte ihm ins Gesicht und sagte: »Man muß viel Geduld mit Dir haben, mein Junge!«

Von diesem Liede lag noch ein lichtfroher Schein in seinen Augen; darin dichtete seine Seele weiter wie die Sonne im Silberschaume des Himmels, wenn sie gesunken ist, und Boote voll Rosen sendet, daß sie anlegen an den veilchenblauen Pforten der Nacht.

Nun starrte Ernst Gast auf seinen tollkühnen Freund. Vorstellen – ihr vorstellen?

Es war ihm nicht bange, daß ihn Lilofe enttäuschen könnte, aber er fürchtete sich, ihre Stimme zu hören. Er erschauerte vor dem Glanze, der für ihn, für ihn ganz allein aus ihren Augen gehen sollte, und er sagte: »Ich bin wahrhaftig ein armer Narr! Walter, laß mich sie lieben, laß mich ihre Nähe ahnen und laß mich fromm werden an ihr wie der Morgen fromm wird, durch den die Kirchenglocken gehen, aber ...«

»Genug!« rief Harden. »Auch das Narrentum des Glücks hat seine Grenzen, mein teurer Sonnenrosenmann. Lilofe Vanderey – wer ist sie? Ein kleines Mädchen, dem es nicht im Traum eingefallen ist, daß sie die Muse eines Dichters sei! Laß sie ahnen, wie lieb Du sie hast, und sie wird Mühe haben, ihr Herz in den Händen zu behalten.«

»Meinst Du, Harden, meinst Du wirklich?«

»Ja, bildest Du Dir denn ein, so etwas Kleines, Keckes träumt wie Du von einer himmlischen Liebe?«

»Warum ist denn das so unmöglich? Sieh doch mich an! Ich habe sie immer nur aus der Entfernung betrachtet und habe ihren Mund doch schon tausendmal zugedeckt mit Küssen, so heiß und rot wie die Blätter frischerblühter Nelken.«

»Du! Du, mein lieber armer Narr! Ein Dichter mag in solchen Dingen die verwegensten Wunder fertigbringen, aber ein kleines Mädchen –«

»Sage doch nicht immer so despektierlich ›kleines Mädchen‹!«

»Nun schmerzt ihn auch das noch! Also: Lilofe Vanderey fühlt von weihevollen Dichterküssen dieser Art nichts, sie schmeckt nichts, sie ahnt nichts, und sie würde in ein durchaus unseliges Lachen verfallen, wenn ihr jemand zumutete, daß sie sich dabei beschiede. Eine Liebe auf Entfernung bringt einem Mädchen auf die Dauer ein angesäuertes Gesicht, und sie ist für sie ein einfältiges und fades Spiel!«

»Aber Lilofe Vanderey ist doch ein Weib, ein junges schönes engelreines Weib!«

»Ja, ja,« machte Harden ärgerlich, »eben deswegen! Denkst Du, der liebe Gott läßt solch einen kleinen Blumengarten wachsen, damit keiner darin spazieren geht? Je hübscher sie ist, desto früher und leuchtender erwacht in ihr die Überzeugung, daß sie nicht allein für sich zu blühen und zu sterben habe, mein lieber Junge! Du machst es einem wirklich recht schwer, nicht zum Spötter an Dir zu werden.«

Walter v. Harden suchte in seinen Erinnerungen – es lag ein herrliches Semester hinter ihnen voll von Studentenüberschaum und Maiensünden; und nun stand dieser Lautenschläger vor seiner Liebe und war so dumm in allen Dingen, daß einem das Herz vor ihm wehtun konnte!

Es war aber ein seltsames Begehren in dem ritterlichen jungen Harden, ihm aufzuhelfen. Schon von jener Stunde an, in der ihm die Tragik dieses Lebens aufging. Daß Gast inzwischen seine Berufung zum lyrischen Dichter vernommen hatte, hielt Harden für kein Unglück; und doch war er sich darüber klar, daß über dichtenden Menschen gemeinhin ein unerforschlich finsteres Verhängnis waltet. Aber er wußte auch: Ernst Gast lebte einstweilen unter der Dornenkrone des Poeten als ein König – nein, er lebte darunter als ein Gott; denn seine Traumkraft vom Glück war ohne Maß. Gast sah im Schmucke dieser Krone vorbei an seiner Armut; er fühlte nicht, daß er hungerte; er lebte sich durch seinen Jammer als durch eine wunschlose Freude – – ein Narr, wer diesem seligen Manne an den Zäunen weit hinter den Menschen helfen wollte!

Aus solcher Erkenntnis hatte Harden dem Bäcker und Fleischer Anweisung gegeben, ihm wöchentlich einige Male zu senden, was er brauchte, um nicht körperlich zusammenzubrechen. Er ließ ihm aus einem Gasthaus im Winkel zweimal in der Woche warmes Essen schicken – es war alles, was ihm zu tun vergönnt war, und war fast mehr, als ihm sein bescheidener Wechsel erlaubte.

Nun dachte er sogar daran, einen Verrat an ihm zu begehen. Einen Verrat aus Freundschaft; denn er sah keinen anderen Ausweg, nachdem sich Gast gesträubt hatte, Lilofen kennen zu lernen. Ernst Gast mußte in diesem Falle von sich selbst erlöst werden. Er hatte zuvor im Leben gestanden – nun aber dichtete er sich an diesem Leben vorüber. Er war auf der harten Erde gegangen, die ihn hätte stark machen können – nun wandelte er auf dem Schaume der Sonnenwölkchen und musizierte mit kleinen Engeln. Er hatte gehungert und gedürstet und hatte in ehrlichem Zorn sein Schicksal gescholten, oder er hatte seiner Mutter gar ein freventlich sündhaftes Wort ins Grab hinüber geschrien – nun lächelte er sich mit der verzückten Lust eines Märtyrers im Traumrausch durch das Elend seiner Tage. Nun war er ein Narr und dachte, er wäre ein König!

Darüber sann Walter v. Harden Verrat. Er konnte sich keinen reineren und edleren Dienst der Freundschaft denken.

Durch Doktor Fuhr ließ Harden sich mit Lilofen bekannt machen.

Er tat gleich sehr geheimnisvoll, so daß all ihre Sinne steil wurden in Erwartung auf den lyrischen Dichter. Einen leibhaftigen Dichter hatte sie noch nicht gesehen; denn Fuhr hatte diesen Glanz für sie nie gehabt.

In den Fernen des Himmels hingen die schimmernden Lichter eines Frosts. Die Dämmerung brach in violetten Dünsten über die Dächer. An jenem Abende geleitete Harden Lilofe Vanderey nach Hause. Sie wunderte sich, daß er ihre Wohnung wußte, aber er ließ ihr keine Zeit, deswegen in ihn zu dringen; denn er erzählte von dem heiligen Feuer, das ihre junge Schönheit in einen Dichter geworfen hätte.

Was er berichtete, das klang wie gewoben aus Traum und Märchen von Tausend und einer Nacht. Er sprach von den Stummen des Himmels, die nicht sagen können, was sie leiden; und Lilofe hätte nicht halb so klug zu sein brauchen als sie war – sie dachte an jene finstere Novembernacht.

Wundersam: sie hatte gemeint, wenn sie den jemals erriete, der mit Herz, Laute und Mitternacht unter ihrem Fenster vorübergeflogen war, dann würde sie vergehen vor Lachen ...

Nun aber lachte sie nicht. Es war ihr, als habe ihr Walter v. Harden eine Geschichte vorgelesen, die nicht von dieser Erde war.

Er selbst hatte darüber fernschauende Augen bekommen, die waren, als hätten sie ein Wunder gesehen.

Und nun gestand er Lilofen: »Ich habe erst in dieser Stunde erfahren, daß sich in ihm ein Märchen hereinlebt in unsere Zeit. Ich bin an seiner Seite gegangen seit zwei Jahren und erkannte dies Märchen nicht. Nun ist mir, als hätte ich einen Bund mit Ihnen geschlossen, Sie liebes schönes Mädchen, aus diesem König im Reiche der blauen Träume einen edlen Menschen zu machen.«

Sie sollte also nicht weniger sein als die Muse eines Dichters. Himmel, welch eine Unordnung richtete dies stolze Wort in dem kleinen Mädchen an! Sie merkte gleich: der Einsturz war so heillos, daß sie gar nicht wußte, wie sie sich ohne fremde Hilfe daraus retten sollte. Und Harden wiederum merkte, daß der Lautenschläger durch die silbernen Gärten ihrer Seele schritt in einer weißen Toga mit goldenen Borden, auf dem wallenden Haar den lichten Kranz, in den Händen eine Sonnenrose und in den Augen Anbetung. Darüber fing er an, für Ernst Gast zu fürchten, er werde dem Traumbilde nicht standhalten können – und für Lilofen: sie werde einen schrecklichen Fall aus dem hellen Himmel ihrer Träume tun.

Er wollte beides verhüten und wollte die ungeduldige Freude des Mädchens doch noch ungeduldiger machen. Es sollte nicht nur kindhafte Neugier sein, nicht bloß das eitle Glück am Geliebtwerden, sondern er wollte gleich etwas von der seligen Erkenntnis in diese junge Brust pflanzen, der es als das hehrste Los des Weibes gilt, einem Dichter Traum und Königin zu sein.

So führte er sie in die Stille des winterlichen Parks. In dem Netze der kahlen Äste hingen die Sterne und flimmerten wie zappelnde Fischlein, die in die Maschen gegangen sind.

Vor Jahr und Tag hatte Lilofe hier unter den frostglitzernden Bäumen die Huldigungen ausbrechender Pennälerherzen entgegengenommen – Fackelzug! Im Sommerschatten hatte Doktor Fuhr ihr Herz an zwei Sonnenstrahlen aufgehängt und vertrieb sich damit einen Nachmittag in aufregendem Spiele: die Liebesschaukel! Nun rief Walter v. Harden hier mit feierlichem Ernst nach ihr zur Rettung eines Menschen. Gestern Spielzeug, heute Muse des Dichters, und morgen?

Es wurde ihr wieder einmal bange vor den Stürmen des Lebens.

Über allem fühlte sie, daß noch kein Mann so sicher und voll überlegener Ruhe in sie hineingetreten war. Die anderen drängten sich durch die Türen wie in Fastnachtslaune, tändelten sich an sie heran und suchten eine Sonnenstunde lang nach Blumen. Man mußte da immerfort aufpassen, um hübsch in Ordnung zu bleiben. Na, und gar jener lange Doktor Fuhr, der stets tat als wäre er auf der Suche nach einer Probiermamsell!

Aber Walter v. Harden schritt so ritterlich neben ihr. Er forderte nicht einmal, daß sie ihre Hand in seinen Arm legte; er neigte ihr sein Gesicht nicht zu, als warte sein Mund auf einen unbewachten Augenblick zu räuberischem Überfall. Und doch war ihr, als müßte sie ihre Hände voll Vertrauen in die seinen legen und sagen: »Ich will alles tun, was Sie von mir verlangen; denn ich weiß, es ist ritterlich und gut.«

Das war ein wunderliches Gefühl, so wunderlich, daß sie dachte, wenn er immer bei ihr wäre, so brauche sie keinen Menschen mehr, sie könnte ganz in ihm untergehen, und das wäre das Glück.

Jedes Wort, das ihr Harden sagte, blieb in ihr stehen wie ein Stern. Es wurden ihrer immer mehr. Es wurde ein ganzer Himmel voll davon.

Als hätte er geahnt, daß niemand zuvor in einem Gespräche mit ihr an das Wunder gerührt hatte, das Dichtern vom Weibe gekommen, führte er sie ein Stück durch das Leben Goethes. Er erzählte ihr, wie die Namen von Frauen um die Standbilder der Großen leuchten, und wie der jener Lesbia seit zweitausend Jahren nicht ausgelöscht werden konnte in der Geschichte der Dichtung, weil der Römer Katull ihn durch seine Lieder klingen ließ.

Es sprach Jugend zu Jugend. Jugend schlug die Türen auf und Jugend schaute mit gläubigen Augen weit hin über das neue Land, das sich da breitete.

Darüber waren sie in die Nähe der Belvedererallee gekommen.

»Was soll ich denn nun tun?« fragte Lilofe.

Harden wunderte sich, daß sie davon noch gar nicht geredet hatten.

»Hm,« sagte er, »ich komme vor dem Christfest wahrscheinlich nicht mehr nach Weimar; aber es ist nötig, daß Ernst Gast einmal mit sich und den überirdischen Dingen fertig werden muß. Könnten Sie es wohl über sich bringen, einmal in seine Dachstube emporzusteigen? Morgen? So um diese Zeit? Es sieht Sie in jenem Hause kein Mensch. Auf den Stufen sind mühselige Lichter, und in dieser Gegend kennt Sie auch niemand.«

»Na, und wenn ich ginge? Was soll ich denn zu ihm sagen?«

»Daran dürfen Sie nicht denken! Sie müssen sich aus sich selber in die Mansarde des Dichters verirren. Er kennt Sie – Sie gehen in seinen Träumen zu allen Stunden bei ihm ein und aus. So sagen Sie ihm: ›Ihr Freund Walter v. Harden hat mich um diesen Gang gebeten‹.«

»Und wenn er mich wortlos anstarrt?«

»Dann stehen Sie von dem einzigen Stuhl auf, der in der Wohnung ist, und gehen hinaus; denn dann kann ihm durch Sie nicht geholfen werden. Überlassen wir alles der kommenden Stunde, liebes Fräulein! Sie dürfen getrost gehen und ohne Bangnis – Ernst Gast ist ein edler, reiner, nur etwas wunderlicher Mensch.«

»Ich fürchte mich nicht vor seiner Wunderlichkeit,« sagte Lilofe und ergriff die Hand, die sich ihr bot. »Ich werde gehen, weil Sie es mir geheißen haben.«

 

Dann hörte sie seine verklingenden Schritte und dachte: »Er hat kein Wort davon gesprochen, daß wir uns wiedersehen wollen. Warum ist er nicht länger bei mir geblieben? Es ist noch nicht einmal sieben Uhr.«

Sie trat in das Haus und trat in ihr Zimmer.

Fräulein Inden war nicht daheim. Sie hatte an diesem Tage den Besuch einer Dame gehabt, die in ihre Stellung treten wollte. Lilofe hatte sich bei ihr ausbedungen, daß sie stets dabei sein dürfe, wenn eine Besprechung in dieser Angelegenheit stattfände ... Pah, mochte Bellis Inden engagieren wen sie wollte! Es war kein Fingerbreit Raum in ihr seit diesem Nachmittag. Auch an morgen und den kühnen Aufstieg in die Dachstube dachte sie kaum. Sie träumte sich kein Bild von dem Dichter. Sie wußte, wenn sie in das finstere Haus am Rollplatz ging, würde das Bild Walters v. Harden bei ihr sein, und so oft es dunkel um ihre Füße wurde, träte er zu ihr. Und wenn ihr bange wäre, wollte sie an seine Stimme denken.

Alle kleinen Abenteuer des Herzens hatte sie bis zu dieser Stunde Bellis Inden vertraut. Sie hatte ihr nach einigem Zögern sogar verraten, wie begehrlich der Doktor Fuhr sie damals abgeküßt. Nun begriff sie auf einmal nicht, wie ihr davon auch nur ein Wort hatte über die Lippen gehen können.

An diesem Abend wurde ein Unerhörtes Tatsache: Lilofe Vanderey hatte das Bedürfnis, allein zu sein. Sie dachte, wie schön es wäre, ihren Gedanken nachzuströmen, die hinübermündeten in die Ritterlichkeit und die junge Kraft Walters v. Harden. Die Inden, die ihr am Tische der stillen Mädchenstube gegenübersaß, hatte sicherlich niemals so innig empfunden wie sie selbst in dieser Abendstunde, für die sie irgendein gleichgültiges Buch vom Regale nahm. Sie blickte in die Seiten, sie wendete auch einmal ein Blatt um, aber sie las nicht; denn sie täuschte diese stumme Geselligkeit nur vor, um ganz allein mit sich bleiben zu können.

Bellis Inden hatte ihre Nachfolgerin unter den Bedingungen engagiert, die von Herrn Vanderey gestellt worden waren. Sie wunderte sich über die Veränderung, die sie an Lilofen bemerkte, und sie hätte nach einem Wege gesucht, auf dem ihr das Geheimnis abzuschmeicheln war – aber sie hatte kein reines Gewissen. Nun dachte sie, vielleicht wäre es das Bild der neuen Hausdame, das Lilofen so still gemacht hätte. Sie nähte an den Stücken für ihre Ausstattung emsiger denn je und warf nur ein Wort zu ihr hin, wenn sie sah, daß Lilofe gerade über das Buch hinwegträumte. Nein, Bellis Inden hatte kein reines Gewissen; denn sie hatte alle jungen und hübschen und alle stattlichen Bewerberinnen abgelehnt und es so einzurichten gewußt, daß Lilofe keine zu Gesicht bekam. Was sie selbst bei Herrn Vanderey nicht erreicht hatte, gönnte sie auch keiner anderen. Und Vera Kruse sah lehrerinnenhaft aus, war reichlich angejahrt und reizlos. An Lilofen und ihre Wünsche hatte sie bei der Wahl gar nicht gedacht.

Als diese das Bild betrachtete, sagte sie: »Es scheint ein stilles und ernstes Mädchen zu sein. Sie sieht aus, als wäre sie vom Leben hart angefaßt worden.«

Lilofe sagte das so teilnahmlos unter der Lampe hinweg, daß Bellis ihr Erstaunen nur mit Mühe verbergen konnte. Dann begann sie wieder in dem von Lilofe angeschlagenen Tone: »Nun ja, es kommt ja für Dich auch herzlich wenig darauf an. Ihr beiden Schwestern seid einem Fräulein jetzt aus den Händen gewachsen, und Vera Kruse wird andere Pflichten im Hause haben als ich.«

Am anderen Tage war Lilofe durchschienen von einer stillen klaren Freude. Aber in der Nacht hatte sie eine schmerzlich süße Minute lang in ihre Kissen geweint. Richtige heiße Tränen. Und doch war das schöner gewesen als die bunten Erlebnisse ihres erwachenden Herzens alle zusammen. Ihre Gedanken waren Walter v. Harden nachgegangen und wußten nicht, wo sie ihn suchen sollten. Er hatte nicht gesagt: Ich komme wieder zu Ihnen. Jetzt schlief er eine halbe Eisenbahnstunde von ihr oder er war nach Jena gereist, weil er da eine kleine Freundin hatte. Mit der stand er irgendwo unter hellen Lichtern oder – was fast noch schlimmer war – in einem verschwiegenen Hausgange. Vielleicht hatte jene ein Kleid an, das all seine Sinne mit einem lockenden Schimmer umschmeichelte. Und er hatte gar keine Zeit, an Lilofe Vanderey zu denken ... Auf einmal lief ihr etwas heiß über die Wange und lief ihr über die erschreckte Hand. Es tat so weh, und war doch so lieb, daß sie lächelte und rasch das Licht ausschaltete; denn es war ihr, als müßte nun Bellis Inden über sie kommen und sehen, wie töricht, traurig und glücklich sie wäre.

Daß sie um Walter v. Harden geweint hatte, war das herrlichste Geheimnis, das sie sich denken konnte. Sie sah sich am anderen Tage noch einmal alle Sterne an, die über seinen Worten in ihr aufgegangen waren, und richtete sich und diesen Tag nach seinem Willen, als stünde Harden immer neben ihr und sagte: So will ich dies haben und so das andere. Sie war grausam gegen sich selbst in der Unterordnung unter den fremden Willen – lauter Wunder, die sie bis gestern abend nicht einmal in Traumesfernen geahnt hatte.

Aber manchmal ging durch den hohen Sonnentag und die Feldstille ihrer Seele der Flug einer weißen großen Wolke und warf einen Schatten. Dann stand alles ganz still in ihr. Sie schaute weit hinaus und dachte: »Eigentlich bin ich froh, daß ich das Mädchen nicht kenne, das er lieb hat. Aber es ist doch schlimm ...« Und manchmal zuckte ihr wieder das Weinen um den Mund, das so schmerzlich war und doch ohne Bitternis ... Es war alles neu in ihr geworden.

So wartete sie auf die Dämmerung, in die sie mit all seinen Wünschen zu Ernst Gast gehen wollte.

Dabei fiel es ihr kaum ein, wie das nun eigentlich werden sollte, und daß ihr Harden geheißen hatte, dem Ernst Gast die Seele voll Sonne zu scheinen. Einmal dachte sie wohl daran, daß er ihr die Geschichte von den Frauen erzählt hatte, die um Goethe gewesen waren, und von dem Sterne Lesbia, den der Römer Katull angebrannt hatte und der noch immer in hellem Lichte strahlte. Warum hatte er ihr denn das eigentlich gesagt?

Ihre Gedanken verfitzten sich darüber zu einem bunten Gewirr. Aber auch das kümmerte sie nicht; denn eines Tages würde Walter v. Harden ihr zu Hilfe kommen und sie daraus erlösen.

Dann schritt sie in die sinkende Nacht. Sie sah die Laternen angehen, sie stieg die Treppe des Hauses im Winkel empor, frisch und zupackend; denn es war ihr auf dem Wege zur Gewißheit geworden, daß Harden nur ein neckisches Spiel mit ihr triebe, um plötzlich hinter einem Vorhange der Dichterwohnung aufzutauchen.

 

Auf den Absätzen der steilen alten Holztreppe standen die mühseligen Lichter, die ihr aus Hardens Erzählung ganz vertraut waren. Die Treppe wurde immer qualvoller, je höher sie stieg, eingeschleiert in eine dicke Luft aus Holz und Armut. Im vierten Stockwerke war die Tür mit der Visitenkarte Ernst Gasts.

Lilofe lauschte, ob hinter dieser Türe Stimmen wären, die in Erwartung flüsterten.

Es sprach da jemand in einem wunderlichen vollen Tone ...

Sie klopfte an.

Dann fiel ihr ein dämmeriges Licht entgegen, das aus einer kleinen dunkelgrünen Schirmlampe sickerte, wie man sie für zehn Pfennig in einer Glücksbude auf dem Jahrmarkt gewinnen kann. Die kärglichen Lichtfächer wurden von den Rändern des Tisches abgeschnitten, als hätten sie darüber hinaus nichts zu bescheinen. Und auf dem Tische lagen sehr viele Papiere. Auf dem dürftigen Bette ruhte die Laute.

Lilofe Vanderey zog die Türe hinter sich zu. Die Füße versagten ihr den Dienst; denn Ernst Gast wandte langsam seinen Kopf nach ihr. Weil er nicht sehen konnte, wer hereingetreten war, stand er auf und hob die Lampe hoch, fast bis zur Decke, und stand nun inmitten der kleinen Stube, wie einer, der durch die altersgrauen Dielen heraufgestiegen.

Sie sah in ein Paar abwesende Augen und in ein bleiches Gesicht, und der stumme Lichtträger rührte sich nicht.

»Ich bin Lilofe Vanderey,« sagte sie, »Ihr Freund Walter v. Harden hat gewünscht, daß ich zu Ihnen kommen – heute und in dieser Abendstunde. Haben Sie etwas mit mir zu reden?«

In die letzten Worte zitterte ihr das Herz; es lag nun eine Wirklichkeit um sie, die war in ihrer Armseligkeit und in ihrem Erleben für ihre Mädchenjugend so gewaltig, daß sie nicht dagegen ankonnte.

Sie hatte nie darüber nachgedacht, wie arme Leute wohnen. Nun stürzte über diesem Anblick alles in ihr zusammen. Nur der eine wilde Gedanke blieb stehen – starr wie der Mann mit der hocherhobenen Lampe, die gegen die Decke blakte, so oft der Rand des Zylinders diese Decke berührte – der Gedanke: sie sei das Opfer eines übermütigen Studentenstreiches geworden.

Sie dachte nicht an den reinen und edlen und sehr wunderlichen Menschen, der hier zwischen Elend, getünchten Mauern und vereisten Scheiben nach Liedern suchte. Es fiel ihr nicht ein, daß sie aus der Seele dieses armen Narren durch ein inniges Wort, durch ein bißchen Freude Quellen eines ewigen Lichtes schlagen könnte. Ihre Kindhaftigkeit dachte nicht daran, daß sie wie eine Märchenkönigin durch ein beglückendes Lachen diese kahlen Wände zu Gold und jene Eisblumen für ihn zu duftenden Wundern wandeln könnte. Sie sagte auch nicht: »Ernst Gast, Dichter und Sternenpilger, lesen Sie mir aus Ihren Liedern vor; denn ich weiß, manche diese Lieder sind reich und klug beschwingt von erdfernem Glück!« Nein, sondern sie dachte: »Wie soll ich die qualvollen Treppen wieder hinuntergehen, wenn Gespenster hinter mir sind?«

Da stellte Ernst Gast die Lampe auf den Tisch und nahm den grünen mitleidigen Schirm herab.

Nun schaute Lilofen erst recht alles mit toten Augen an – alles, alles starr und gestorben in diesem Raume!

Er strich mit den Händen über den Brettsitz des Stuhles, rückte ihn ein wenig vom Tisch ab und sagte: »Darf ich bitten? Ich habe nur diesen einen.«

Das war ja eine ganz verständige Rede und es lag zwischen ihr und einer besonnenen Unterhaltung nur eine kleine Spanne Weg. Aber die Jugend Lilofes fand diesen Weg nicht; denn der Dichter und seine Träume standen vor ihr als ein gegossener Block.

Ernst Gast lehnte nun gegen das schmale Fensterbrett. An die Scheiben hinter ihm rührte von draußen das Flimmern des Mondes.

Er sprach von Walter v. Harden und wie es gekommen wäre, daß er sie zu diesem Gang in die Dachstube bewogen hätte?

»Er sagte, Sie brauchten Sonne, und ich könnte diese Sonne sein. Aber wie soll ich denn so etwas machen?«

Da schlug eine Furcht in das Herz des armen Ernst Gast. Es war ihm: diese Stunde wäre das Letzte und Größte, was ihm die Freundschaft Hardens erzeigte. Harden hatte ihm hundertmal gesagt, er wäre ein armer Narr, und er wäre so welttöricht und glücksfremd: die Gesandten eines Märchenkönigs könnten ihm eine Krone auf purpurnen Kissen entgegentragen – er griffe nicht danach!

Die Stunde der Wunder, in der die Träume Wahrheit werden, tritt nur ein einziges Mal in das Leben jedes Menschen. Sie war da, und Ernst Gast erkannte sie. Die Furcht, sie ungenützt verstreichen zu lassen, warf ein steiles Licht in ihn. Er begann, geblendet und ungefüge, hineinzutappen in die große Stunde der Wunder ... Es war die gleiche, in der dem Kinde Lilofe das Herz gefror vor der Armut, in die sie gegangen. Es war jene, zu der sie geleitet worden in einer dunkelroten Freude an dem Glück, das ihr von Walter v. Harden kam, und in der ihr nun die Seele wund wurde; denn sie hielt diesen Dichter Ernst Gast und sein Leben für einen Trug.

Ernst Gast aber warf sich vor ihr auf die Knie und umstrickte sie mit seinen Armen. Er schrie ihr heiße flehende Worte ins Gesicht, daß sie sich mit beiden Händen gegen ihn stemmte. Sie suchte mit verängstigten Augen über ihn dahin, ob die Wände nicht aufgingen und Walter v. Harden herausträte. Sie sah nicht den Jüngling, der an ihr als an seiner flammenden Seligkeit verbrannte. Sie ahnte nicht einmal den Dichter, dem sie Not und Kraft und Quell aller Träume war – sie sah den armen Narren, wie er eiserne Fesseln zerbrach und über sie warf in klirrenden Worten.

Da wand sie sich in seinen Armen und ihr Entsetzen richtete sie auf.

Erschreckt sah er sie an; denn er fühlte, wie sie sich in Abscheu gegen ihn sträubte. Und alle Ketten fielen wieder über ihn. Er stand auf und sagte: »Warum sind Sie denn dann gekommen?«

Da fürchtete sie sich und ging rückwärts gegen die Tür –

»Geleiten Sie mich nicht hinab, Herr Gast,« bat sie, »und seien Sie mir nicht böse, daß ich mich in Ihre dächerhohe Einsamkeit drängte. Ich habe es nicht aus mir selbst getan.«

Nun starrten sie sich in Wahrheit so an, wie es ihr gestern um diese Stunde von dem Licht einer Ahnung ins Herz gespiegelt worden war. Sie ging langsam und tastenden Fußes hinaus und fühlte, wie die Leitstange der Treppe in ihrer Hand wankte.

Die Sorge um ihre verfehlte Sendung lastete auf ihr. Nein, nein, so konnte Harden dies alles nicht gemeint haben! Einer so verbogenen und kopflosen Sache wegen hätte er nicht zwei Stunden lang auf sie eingeredet! Und nun hing sich die letzte Frage dieses unseligen Menschen an sie und wuchtete sie tief hinein in Scham und Reue – »Warum sind Sie gekommen?«

* * *

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