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Die schöne Lilofe

Max Geißler: Die schöne Lilofe - Kapitel 4
Quellenangabe
authorMax Geißler
titleDie schöne Lilofe
publisherAlexander Duncker Verlag
year1916
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170202
projectid18285ecb
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Der Teil des Parks, der die Mädchen in dieser Frühlingszeit auf ihrem mittäglichen Spaziergang umfing, ist der stillste von allen. Der Weg läuft, wo er sich von der Ilm verliert, gegen ein paar alte Stufen, und neben diesen Stufen steht der Schlangenstein. Um dieses von Goethe dem Genius des Ortes geweihte Mal spinnt auch auf der lichtesten Höhe des Jahres Quellenodem, Laubmacht und Dämmerkühle. Wer ein Weilchen dort auf sich selber wartet, harrt nicht vergeblich. Und wer eine Audienz bei dem Herrn Geheimen Rat von Goethe wünscht: Goethe ist an jener Stelle um jede Mittagsstunde zu sprechen, wenn rings die Welt in Gold und Ernteschwüle raucht, ist dort zu sprechen noch für etliche hundert Jahre.

Es stiegen zwei Männer die moosigen Stufen am Stein herab. Der ältere war der Doktor Max Fernau, seines Zeichens Archivar. Er hatte des Lebens Frühlingswege schon hinter sich getreten, tat sich etwas zugute auf seinen täglichen Umgang mit Goethen und hörte es gern, wenn man seine Ähnlichkeit mit Shakespeare entdeckte. Der jüngere, Dr. Wilhelm Fuhr, war lang, hatte einen hochblonden Schnurrbart, wiegte sich kokett in den Hüften, redete mit durchdringender Stimme auf Doktor Fernau ein und trug Tennisanzug und Rakett. Es hieß in der Stadt, er wolle den germanischen Götterhimmel wieder einrichten, habe eine Abhandlung über die Bedeutung der Erbswurst bei den alten Deutschen unter der Feder und käme mit dieser Arbeit doch nie zu Ende, weil er sich zumeist auf der Fahrt nach jungen Mädchen befinde. Zwischendurch wolle er ein Nationaltheater gründen und schreibe Bühnenstücke, die nie aufgeführt würden – kurz: er probierte es mit dem Leben an allen Ecken, aber es ging ihm durch, wo immer er es mit optimistischer Begeisterung anfaßte. So hieß es.

Natürlich hatte keiner der beiden in dem grünen Waldesdunkel auf sich selber gewartet. Sie waren auch nicht gekommen, mit dem Geheimrat Goethe zu konferieren, sondern waren einfach dem Rufe Bellis Indens gefolgt.

Ohne Lilofen konnte sich Fräulein Inden über Tag nicht sprechen lassen. Wenigstens nicht in dieser Zeit, in der das Interesse Dr. Fernaus für sie noch sehr jung und tastend war. Und Lilofe, die um das Geheimnis der Inden wußte und mit blühenden Sinnen alle Träume und Hoffnungen ihr aus dem Herzen geschmeichelt hatte – Lilofe fand die sachten Pennälerflirts auf einmal fad und säuerlich. Sie wünschte etwas zu erleben ...

Einmal hatten sie den Dr. Fernau schon getroffen und waren in seiner Gemeinschaft verschwiegene Parkwege gewandert. Da hatte er so nett und deutsam auf Bellis eingeredet, daß sich Lilofe in mitfühlendem Verständnis ein bißchen rückwärts verlor. Aber nur so weit, daß sie noch jedes Wort hören konnte. Wenn die Unterhaltung einmal flüsternd geführt wurde, spitzte sie auch mit den Augen hinüber; denn dann lächelte der Doktor die Bellis immer so beredt an und brachte seinen Mund so nahe an ihr Ohr – zu famos! Dann sah er aus, als stünde er über und über in Blüte.

»Ein bißchen alt ist er,« hatte Lilofe zu Bellis Inden gesagt, als sie sich vor dem Liszthause unter der großen Linde von ihm verabschiedet hatten. »Ich glaube, in dem Spitzbart, so hier über dem Kragen, ist er gar schon grau.«

Da bekam Bellis Inden das Lachen: »Nestvögelchen Du! Was weißt Du von solchen Dingen!«

Und während sie eine Minute gedankenvoll nebeneinander hinschritten, rechnete Lilofe ganz freiwillig an einem Exempel – das hatte sie während ihrer Schulzeit nie ohne den heftigsten Widerwillen getan. Dann sagte sie: »Tja – es stimmt doch eigentlich ... Sie sind doch schon zweiunddreißig.«

Man mußte wahrhaftig anfangen zu rechnen, damit man das Alter Bellis Indens auf die richtige Höhe brachte; denn die Jahre im Hause Vanderey hatten sie nicht älter gemacht. Und was sich an ihr gewandelt hatte, war ihr zum Vorteil geworden.

Doktor Fuhr, der sich alsbald an Lilofens Seite gefunden hatte, begann gleich ein sehr unterhaltsames Plaudern mit ihr und jagte ihre Gedanken über den Tennisplatz in die dramatische Dichtung, von da in die deutschen Urwälder zu Bären und Auerochsen und den blonden Frauen der Germanen und langte nach zehn Minuten schon bei ihr selber an – bei der schönen kleinen Lilofe Vanderey. Und der gleiche Mund, aus dem wie geölt einige Kapitel deutscher Sitten-, Kultur- und Kunstgeschichte hervorgesprudelt waren, plätscherte nun als ein Springbrunnen von den Lieblichkeiten dieser morgenblanken Mädchenjugend, von ihrem Kleidchen, von dem lockenden Durchbruch der Strümpfe, vom Hute mit den Pfirsichblüten, der an den Seiten so herrlich verhüllend herabgedrückt war, daß er erst recht neugierig machte nach dem, was darunter steckte.

Fuhr streichelte die rosa Seidenbänder, die aus der Krempe des Hutes hervorrieselten und unter dem Kinne leicht geschlungen waren. Er zog eine zierliche Dose aus der Tasche und reichte ihr darin erfrischende Fruchtbonbons ...

Lieber Himmel, wie langweilig waren doch die Gymnasiasten dagegen, die zu einem verstohlenen Dämmerflirt sicherlich ihre Unterhaltung sich immer erst zurechtlegen mußten! Von einem war es sogar ruchbar geworden, daß er die würdige Pensionsdame in seiner Not um Rat gefragt hätte, was man denn mit einem jungen Mädchen rede.

Das zweite Bonbon nahm der Doktor schon selber für sie aus der Dose; und wie sie die Lippen danach kräuselte, tupfte er es ihr dazwischen und küßte die Spitzen seiner Finger, die die rote Seide ihres Mundes berührt hatten. Die Büsche hielten ihre Arme schirmend ringsum – Auf einmal ...

»Herr Doktor, ich glaube, Fräulein Inden ist uns abhanden gekommen!«

»Das ist brav von Fräulein Inden,« lachte Fuhr. »Na, ich denke, sie wird sich schon allein nach Hause finden!«

»Meinen Sie, daß wir sie auf diesen Wegen, die ja gar keine sind, jemals wieder entdecken?«

Er hatte Lilofen bei der Hand genommen und führte sie durch kühles Strauchwerk zu einer versteckten Stelle am Ufer der Ilm.

»Hier ist ein wundervolles Einsamsein,« lächelte er.

Es lag da ein Stück Sommerrasen zwischen Fluß und Hügel, so klein, so polsterweich und so artig wie ein Wagen.

»Sehen Sie, hier setzen wir uns hinein und fahren spazieren! So. Nun gucken Sie mal unter den Zweigen hindurch!«

Es hing tiefe tiefe Sommernachmittagsstille ringsum. Eine Grasmücke schlang die Perlenkette ihres Liedes lang und glänzend durch die hohen Wipfel. Und über Baumwurzeln zog die Ilm, still wie ein Traum. Weil sie so vorüberschwamm ohne eine Welle zu werfen, schien es wahrhaftig, als gleite ihr der Rasensitz entgegen, und die Täuschung einer verliebten Wagenfahrt im Sommerwalde war vollkommen.

Nur die blauen Augen des Himmels konnten da und dort durch die goldgrünen Laubmaschen gucken.

Sie mußten dicht an dicht nebeneinander sitzen, wie es der heimliche Sommerwagen gebot. Die Bank war aus einer mächtigen Buchenwurzel gebaut und vom Frühling mit Moos und Rasen gepolstert worden.

Doktor Fuhr legte seinen Hut zur Seite und faßte die kleine Fahrgenossin ans Kinn –

»Aber bitte, nicht die Bänder zerdrücken!« bat sie.

Da löste er die leichtgeschlungenen, und sie war ihm behilflich das kecke, wundervoll berechnete Hütchen abzutun.

»Und mit solch einem Munde, mit solchen Augen, mit diesem Näschen, mit diesem köstlich gefüllten Röckchen und dem ganzen lieben Drum und Dran schreiten Sie ohne Waffen durch die Welt? Liebes kleines Fräulein Vanderey, wird Ihnen denn nicht angst und bange vor Ihrer Frühlingsflaggenfreude?«

»Himmel, wie lustig können Sie reden, Herr Doktor! Frühlingsflaggenfreude – zu nett! Aber was ist denn weiter dabei? Ein Mädchen ist doch schließlich dazu da, um hübsch zu sein! Wissen Sie, ich habe noch eine Schwester, die Luisabeth – wenn ich so wäre wie die, dann wüßt ich gar nicht, wie ich meine Zeit und mich selbst verbrauchen sollte.«

»Aber das wissen Sie, Lilofe, daß diesen Mund der liebe Gott draußen in den Ährenfeldern hat wachsen lassen? Und diese Augen dazu! Und daß er Sie in einer Sonntagslaune zurechtgemacht hat, so mal früh an einem Sommermorgen, als er recht schön ausgeruht war! Und daß ich einen Kuß mit Ihnen wette, daß diese Lippen ein begehrlicher fürwitziger Sekundanermund so rot, so blumenrot geküßt hat!«

»Ach, Unsinn! Ich möchte wissen, wie das hätte zugehen sollen. Ein Sekundaner ist zu solchen Sachen viel zu feig.«

»Also habe ich meine Wette verloren,« sagte Doktor Fuhr mit komischem Bedauern, nahm ihren Kopf zwischen seine Hände und versiegelte ihr den Mund – sauber, voll Hingabe, voll Schelmerei und voll Dankbarkeit.

Sie hatte einen Augenblick zuvor noch ganz klare und richtiggehende Gedanken gehabt, nun waren ihr Herz und Kopf ein wüstes Durcheinander. Sie war dem ›Erlebnis‹ weit aufgeblüht in die Arme gelaufen, aber nun sagte sie: »Ich habe da etwas Furchtbares getan ... ich glaube, wir müssen fliehen!«

Sie fing auch gleich an, nach ihrem Hute zu tasten, der doch irgendwo im Grase liegen mußte. Es kroch ihr etwas hart und kalt in den Hals – »Müssen wir denn nicht fliehen?« fragte sie. Es war wirklich das Weinen, das ihr in der Kehle saß.

Da merkte der Doktor, daß es ihr ernst mit ihrer Frage war – »Fliehen?« fragte er. »Tja, wohin sollen wir denn gleich fliehen?«

»In die Wüste Sahara! Oder an das Tote Meer! Oder auf ein Schiff!«

Er merkte an der Furcht in ihren Augen, daß sie nach einer großen fernen Einsamkeit suchte, aber er merkte auch, daß sie nur fort wollte von sich selber.

Da lachte er ihr in das sündige kleine Gesicht hinein – »Ist ja nicht halb so schlimm!« sagte er. »Jedes kleine Mädchen muß doch mal einen ersten Kuß kriegen. Und dieser war ja nur eine verlorene Wette. Die Sahara, die Ufer des Toten Meeres, der rettende Bord eines Ozeandampfers – alles verbotene Wege für Sie, Sie närrisches liebes Wunder!«

»Aber wenn Sie bei mir sind?«

»Dann wird das Strafmaß noch mal so hoch. Entführung einer Minderjährigen!« lachte er.

Darüber wuchs die Vorstellung ihrer Verworfenheit bis an die blaue Feste des Himmels, und der liebe Gott guckte zum Fenster heraus und hatte sich den Kopf des Handelsherrn Achilles Vanderey aufgesetzt, und er sagte nur das eine Wort: »Lilofe.« Aber er sprach es mit drei Ausrufezeichen. Davon geriet sie ins Wanken, tat einen furchtbaren Fall und saß auf einmal wieder neben dem gräßlichen langen lieben Doktor Fuhr, hatte die Stirn an seinen Arm gelegt und bedeckte sich zum Überfluß das Gesicht mit den Händen.

Langsam wurde es wieder hell in ihr, und sie hob die Augen aus der Dämmerung ihrer Sünden und fragte: »Sieht man mir etwas an?«

»So wenig wie einer Mohnblume, die der lustige Sommerwind geküßt hat.«

»Na, Sie sind aber ein gräßlicher Sommerwind!« lachte sie. Allein das Lachen kam nicht recht zur Blüte. »Gott, was machen wir nur gleich?«

Da faßte er sie bei den rosenroten Ohren, über denen sie sich die goldenen Haarschnecken gewickelt hatte, küßte sie ein-, zwei-, drei-, zehnmal, und hielt ihr danach eine erziehliche Rede voll milder Überzeugungskraft.

Bald wollte das Ührchen ihres Herzens seinen Schlag vergessen, bald fing es an zu laufen, als könnte es den Gespenstern entrinnen, die sich im Laube wiegten oder durch die Astgabeln grinsten. Merkwürdig: sie ärgerte sich über den langen Doktor Fuhr, weil er mit so frecher Selbstverständlichkeit in ihre Hürden gebrochen war, gerade als hätte er ein verbrieftes Recht auf alles, was rosig und erlebnisfroh an ihr blühte. Aber sie maß sich selbst doch alle Schuld an dieser sündhaft-seligen Sommerfahrt bei.

Darüber krochen sie aus dem Dickicht –

»Aussteigen! Wir sind am Ziel!« rief der Doktor.

Weil es die verschwiegenen Büsche nun erlaubten, drückte sie ihm einen kleinen silbernen Spiegel in die Hand, vor dem machte sie Toilette und kam dabei zu sich selber.

Auf dem Wege, den sie nun einschlugen, spazierte dieser lange kecke Mensch einher, als wären Verliebtheit und Küsse für ihn Dinge, die bisher noch nicht einmal als Ahnungen durch seine Träume gezogen.

Da wollte sie es auch so machen, aber sie fühlte ja noch das Kribbeln an ihren Ohren, um die er seine Hände gelegt, und jeder Kuß zuckte ihr noch jäh und heiß auf dem Munde. Und weil er ihr die niedliche Geschichte vom lieben Gott und dem Sonntagsmohn erzählt hatte, war ihr nun, als trüge sie gleich einen ganzen Busch der brennenden Blumen zwischen den Lippen. Wenn ihnen ein Mensch begegnete, hob sie schon in geraumer Entfernung die Hände vorn an den Hut und hatte da etwas zu biegen und in Ordnung zu bringen, was gar nicht gebogen und in Ordnung gebracht werden mußte.

Endlich sah sie Bellis Inden mit dem Doktor Fernau des Weges ziehen. Es war gräßlich. Sie blieb stehen und schaute rückwärts und sagte in ihrer großen Not: »Sehen Sie, nun passiert uns auch das noch. Wollen wir denn nicht rasch weglaufen?«

Da fand der Doktor das erlösende Wort: »So schauen Sie doch nur hin, wie schön und schuldlos die beiden daherwandeln!«

Dann schwang er das Rakett, die beiden Paare trafen aufeinander, und Doktor Fuhr hielt gleich eine ganz verlogene Rede ... »Hier bringe ich Ihnen Ihren liebenswürdigen Schützling froh und wohlbehalten zurück, verehrtes Fräulein Inden! Wir haben von Herzen bedauert, daß wir Sie über angeregtem Plaudern verloren. Nun haben wir suchend alle Parkwege schon dreimal abgeschritten.«

Es war ein Glück, daß Bellis Inden und Doktor Fernau mit dem Shakespearegesicht dem langen Redner Wort für Wort glaubten. Lilofe warf dem Fräulein mit forschendem Eifer zwar ein paar schnelle Blicke zu – wissende, kennerhaft vertiefte Blicke, die sie vor zwei Stunden noch gar nicht hätte aufbringen können – zu sehen, ob ihr an Lippen, Wangen und Haar ein verräterisches Blühen hinge. Es war aber nichts da, als das schöne volle Licht des Tages.

Eigentlich hätte Lilofe ihrem Doktor nun vorwurfsvoll schwören mögen, daß der Doktor Fernau ganz gewiß viel artiger mit Bellis Inden verfahren sei, als er mit ihr. Der aber tat, als wäre nie ein heimliches Wort zwischen ihnen geredet worden, war mit Fräulein Inden schon in einer Erörterung über die Reize des Tennisspiels und verpflichtete sich, das ›kleine Fräulein‹ darin zu unterrichten. Dann verabschiedeten sich die Herren, und nicht einmal der liebe Gott hätte dem Doktor Fuhr die verliebte ›Wagenfahrt‹ ansehen können, durch die er sich kaum erst hindurchgeküßt hatte.

Diese gutgespielte Schuldlosigkeit befestigte Lilofen vor jedem Überfall durch Fräulein Inden. Sie hatte ihr zuvor alle unbeholfenen oder listigen Gymnasiastenanläufe in froher Überlegenheit verraten. Nun aber war sie in heimliche Gärten getreten, die sie jedem Späherblicke verschließen wollte – oder die ganze Blumenherrlichkeit zerfiel für sie in Staub und Asche.

Nicht etwa, als ob sie schattenstumm nach Hause gegangen wären. Oh nein! Sie kicherten sich in eine Fröhlichkeit hinein, wie sie aus verliebten Stunden herüberweht. Aber Bellis Inden brachte doch kaum eine Ahnung auf von der Keckheit dieses langen Doktors, der da hineingriff in alles, was blühte, wie ein kleines Stadtmädchen in die Ränder des Kornfelds.

 

So war Lilofe Vanderey auf der zweiten Stufe der Treppe zu den sieben Seligkeiten des Herzens angelangt.

In ihrem Zimmer kühlte sie sich das Gesicht und den Mund, der so furchtbar heiß war!

Als sie sich ein wenig sorgenvoll im Spiegel besah, um alle Heimlichkeiten aus dem Gesicht zu stöbern, die da Verstecken spielen konnten, lachte ihr aus dem Glase Lilofe Vanderey in hellem Vergnügen in die Augen und sagte zu ihr: »Guck, bist du nicht sogar noch ein bißchen hübscher geworden? Hast du nicht glänzendere Augen? Steht nicht ein feines Licht darin, das du zuvor nie gesehen hast? Und sind deine Lippen nicht röter und lieblicher, weil nun ein bißchen Sünde darüber gelaufen ist?«

Das Wort Sünde fuhr noch immer wie ein brennender Pfeil durch ihre Gedanken. Aber sie hatte nun gar keine Furcht mehr vor ihm, und sie überlegte sich, ob sie denn nicht schrecklich dumm und kindhaft ausgesehen hätte, wie sie den Doktor zur Flucht in die Sahara hatte bereden wollen.

Lachen mußte sie aber nun doch, als drunten der Gong zum Tee rief, wo sie mit ihrem Vater zusammentreffen würde; denn sie dachte daran, daß sie Herrn Vanderey zuletzt in einem ganz wunderschönen Mantel aus weißen Flutterwolken durch das Fenster des Himmels hatte schauen sehen ... »Was daher kommt, daß man noch so jung und dumm ist!« sagte sie zu sich selber und jubilierte sich aus ihrem Zimmer die Treppe hinab in eine Unbefangenheit, die durchsichtig war wie ein Sektglas und ganz voll Perlen und süßer Mädchenjugend.

Herr Vanderey merkte nichts. Natürlich merkte er nichts.

Weil sie auf einmal schrecklich lernbegierig geworden war und ihrer selbst doch nicht ganz sicher, forderte sie das Fräulein auf: »So, nun erzählen Sie mal Papa, wie schön und heiß es war, und was wir diesen langen Nachmittag getrieben haben.«

Sie hätte nun doch schwören wollen, daß Bellis Inden zwei feuerrote Liebesstunden lang von dem Doktor Fernau sich hatte küssen lassen, und wünschte durchaus zu wissen, wie die um alle Klippen herumsegelte. Da bekam Herr Vanderey in der robusten Ahnungslosigkeit, welche Kinder stets in ihre Väter hineindichten, viel von Vogelgesang, Sonne, Sensenklingen und grüngoldener Traumstille zu hören. Zuletzt wunderte er sich im Stillen, wie man sich so ausdauernd mit diesen Dingen vergnügen könne.

 

So vervollkommnete die Erzieherin ihr Werk mit jedem Tage.

Herr Vanderey fand alles in schönster Ordnung und war froh, daß sich der kleine Riß wieder zugezogen hatte, der durch ihn in das Verhältnis zwischen Bellis Inden und seinem Hause gekommen war.

Lilofe lernte nun immer mehr; denn die Inden dachte nicht daran, daß diese junge Lust am Erleben zwar herzhaft jung und lustig bleiben, aber doch in würdigere Bahnen geleitet werden müßte. Sie selbst war ja nicht viel älter gewesen, als sie die untersten Klassen der Liebesschule durchlaufen hatte – und übrigens: ihre Zukunft lag nicht mehr im Hause Vanderey! Wer durfte ihr verdenken, daß sie ihr Leben nicht im Eifer für das andere verblühen lassen wollte?

Es kamen die raschen weißen Tennistage.

In ihnen lernte Achilles Vanderey den Doktor Fuhr kennen und versicherte ihm in die Hand, wie sehr er sich freue, daß der Herr Doktor sich seines kleinen Mädchens annehme. Er lud ihn auch gelegentlich für einen Abend ein.

Es war da sehr unterhaltsam. Bellis Inden und Lilofe blieben nach Tisch noch eine halbe Stunde in der fröhlichen Gemeinschaft der Herren, und als sie sich zurückzogen, setzte Lilofe einen sehr jungen und sehr unschuldsvollen Knix vor den Doktor hin. Dann war sie hinaus. Und der Doktor sagte: »Sie heißt in der Stadt die schöne kleine Lilofe Vanderey und hat es schon in ihrem zarten Alter fertiggebracht, die Weimarischen Berühmtheiten um eine zu vermehren.«

»In unserem Hause heißt sie das Fräulein Lütütü,« entgegnete Herr Vanderey. Das war lustig anzuhören.

Aber Doktor Wilhelm Fuhr war doch der erste von allen Menschen, der daran dachte: in drei Jahren könne sich diese kleine schöne Lilofe Vanderey verheiraten. Natürlich mit ihm. Es wäre dann aus ihr die schöne Lilofe geworden, und – so gefährlich das ist – Männer lassen sich nun einmal gern um ihre Frauen beneiden. Was wiederum daher rührt, daß der Fall selten ist wie Erdbeeren im Winter.

Achilles Vanderey hatte jedoch in Verlobungsangelegenheiten offenbar keine glückliche Hand: er lud den Doktor Fuhr nach diesem Abend nicht wieder ein. Nicht, weil er gemerkt hätte, daß Fuhrs Interesse für Lilofe doch um eine gute Spanne verfrüht einsetzte; und auch nicht deshalb, weil der Doktor vor dem wichtigen Gebiete des Welthandels stand wie vor der Stadt mit den neun eisernen Toren, sondern wegen eines Planes, den der praktische Sinn des ›Kaufmanns von Kind an‹ für eine hilflose Phantasterei hielt.

Fuhr entwickelte ihm nämlich gleich an diesem ersten Abend seine Lieblingsidee eines Naturtheaters. Er tat nicht, als ob er diese Sache erfunden hätte, und schmückte sich nicht mit Ehren, die seinem Freunde Doktor Wachler gehörten. In einer derartigen Pflegestätte edler, neuer nationaler dramatischer Kunst einen Teil seiner Kapitalien sicher und gewinnbringend anzulegen, dazu sollte sich der Kaufherr Achilles Vanderey freudigen Herzens entschließen.

Aber als der Doktor das Schlußzeichen hinter seine flammende Rede setzte in den Worten: »Na, was sagen Sie dazu? Ist das nicht groß? Ist das nicht glänzend? Ist das nicht eine deutsche Tat?«, da goß Vanderey ihm zunächst ein Glas beerengoldenen Geisenheimer Fuchsberg ein und sagte: »Dieser Wein ist leicht und sehr reif, Vorzüge, die ich Ihrer Darstellung nicht nachrühmen kann – das heißt: so weit die reale Seite Ihres Unternehmens in Frage kommt.« Dann lachte er: »Einreden gegen die künstlerische Bedeutung der Sache würden Sie sich wohl von mir nicht gefallen lassen; und selbst wenn ich sie pekuniär stützte, wollen Sie mich nicht als künstlerischen Beirat haben. Natürlich nicht; denn ich bin ein Kaufmann. Und so kann ich ohne weiteres die ideelle Seite des Planes als vollkommen und groß anerkennen, und dennoch ist er praktisch für mich kaum einer ernsten Unterredung wert. So wenig ich vom Theater verstehe, so weiß ich doch, daß die Seele einer ordentlichen Komödie eine eingespielte Künstlergemeinschaft ist. Alle Sommertheater – und zuletzt handelt es sich doch nur um ein solches – haben eine fatale Verwandtschaft mit der Schmiere; denn ein Zusammenspiel, wie es nötig wäre, fehlt ihnen. Vor allem aber: wie kann ein Mann im regenkühlen Deutschland auf diese wundersame Idee verfallen? Sie probieren meinetwegen mit Regenschirmen – ein vergnügter Gedanke: Rautendelein mit dem Paraplui? Oder die phantasievoll durcheinander gewürfelte Schar von Elfen, Rüpeln und Helden des Sommernachtstraums mit Regenschutz, der sich zu diesem Zweck als große Seerosen oder Mohnblumen konstruieren ließe! Und denken Sie sich, welch eine berückende Stimmung müßte die Zuschauer in Bann schlagen! Ob der Theaterapparat aus Pappe oder Leinwand oder aus rauschendem lebendigen Hochwald ist – ganz gewiß, das mag theoretisch nicht gleichgültig sein; praktisch ist das Gewitter der Donnermaschine aber ungleich angenehmer als zuckende Blitze und ein Sturzregen in der Natur, über dem das Publikum aufständisch wird und ruft: »Wir wollen unser Geld wieder haben, denn wir haben für den Sommernachtstraum bezahlt, und nun wird die Sintflut aufgeführt!« Prosit, Herr Doktor! Verzeihen Sie die lange Rede, aber die Ihrige war sieben Meilen länger. Bleiben wir Freunde, Verehrtester, doch ich müßte schon ein Dichter sein, wenn ich den verrückten Einfall haben könnte, ein Naturtheater in einem deutschen Walde zu fundieren.«

Natürlich hatte Doktor Fuhr gegen eine derartig nüchterne Beurteilung seiner idealen Sache Einwände. Er führte Herrn Vanderey eine schöne breite Straße, die war mit Wenn und Aber und tüchtigen Vorsätzen gepflastert und sah deshalb dem bekannten Wege zur Hölle so ähnlich wie ein Naturtheater einer Schmiere.

Herr Vanderey war auch bei diesem Gange geduldig; wie er denn im Zuhören artiger war als in seiner Rede, weil er die geschmeidige Umschreibung seiner Gedanken, wenigstens einem Manne gegenüber, der ihn um Kapital angegangen, nicht für angebracht hielt.

Aber er war unerschütterlich, und als er – übrigens vortrefflich gelaunt – durch das Zimmer spazierte, hielt er eine vernünftige Rede voll heiterer Ironie über die Komödie Welt im allgemeinen.

Da erklärte ihn der Doktor stillschweigend für gekettet an ein rettungsloses Banausentum. Er verplätscherte noch eine Viertelstunde im Gespräch über Tagesfragen, dann ging er, ein besiegter Sieger. Drunten im Flur stand die Statue Daniel, grau, stumm und ahnungslos, daß er da einen hinausgeleitete, der dem Hause Vanderey leicht zum Verhängnis hätte werden können. Aber als die Gartenpforte ins Schloß schlug, fiel Finsternis zwischen sie und jenen.

 

In den hellen Gärten leuchteten die letzten Sterne des Jahres, Astern und Dahlien.

Um diese Zeit brachte Doktor Fernau das Wachstum seines verliebten Sommers in Sicherheit: er verlobte sich mit Bellis Inden.

Herr Vanderey war gerade wieder für einige Wochen in Holland.

Daniel war gerührt von der Güte des Schicksals und beschloß, sich von Herrn Vanderey zum Hausmeister ernennen zu lassen; denn er ahnte, daß er den raschen Pflichten eines Dieners in der Zeit nicht mehr genügen könnte, in der das leuchtende Jungfrauentum Lilofes lärmende Gäste in das Haus locken werde. Er hatte sich vor einiger Zeit schon den Doktor Fuhr mit Augen des Mißtrauens betrachtet; denn daß die Inden da, reichlich verfrüht, etwas in die Wege geleitet haben könnte, schien ihm nicht ausgeschlossen – dieser Doktor war ja der gleiche, der auf dem Tennisplatze zwischen den jungen Mädchen herumflatterte, wie ein weißer Schmetterling zwischen bunten Kleeköpfen.

Nun aber sorgte ihn auch das nicht mehr; denn die Verlobung der Inden hatte für ihn die Wirkung eines Bades der Wiedergeburt gehabt: Daniel war ein neuer Mensch geworden und beglückwünschte seinen Herrn über Berg und Strom hinweg zu seiner Errettung. Eigentlich dachte er dabei immer an sich; aber vor dem Küchenpersonal gab er dem Ausdrucke seiner Genugtuung eine Wendung selbstloser Treue.

Herr Vanderey hatte sich dieses Jahr ganz anders gedacht. Zu alledem fing es auf dem Balkan wieder einmal an zu rauchen. Davon schwelte durch das Haus Achilles Vanderey in Amsterdam ein Rauch verbrannter Hoffnungen – Handelsbeziehungen wurden gelöst, langfristige Kredite wurden gefordert, in der Auslandabteilung der Firma waren die Erdbebenweiser in schlitternder Bewegung, und Herr Vanderey war heute in Athen und morgen in Serbien, heut in der bulgarischen Königsstadt und morgen in der rumänischen. Unterwegs empfing er den Brief Bellis Indens, der ihm verkündigte, sie trete am ersten Januar aus ihrer Stellung, weil sie sich verheirate. Daneben lag das Schreiben Lilofes, jubelnd und frühlingsblau, das ihm den Beginn der Herz und Sinn berückenden Tanzstunde anzeigte ... Das Leben sorgt für Gegensätze.

 

So lag das schöne stille weiße Haus in jenem Winter vereinsamter denn je. Und die kleine Lilofe Vanderey hüpfte auf die dritte Stufe der Treppe zu den Seligkeiten des Herzens.

Diesmal ließ sich die Sache gleich herrlich romantisch an.

In einer wolkenverhüllten Novembernacht, die um die Stadt hing wie dunkelblaues Aprilgewitter, ohne Sturm, aber von fremder lauer Schwere und Finsternis, erhob sich nämlich drunten im Garten ein sanftes Spiel.

Bellis Inden erwachte davon. Daniel rieb sich die Augen. Lilofe sprang aus dem Bett und öffnete das Fenster zu einem fingerbreiten Spalt ...

Drunten ward aus den tastenden Griffen Gesang. Es war kein schöner Gesang, aber er war laut und schwärmerisch und zerschlug den Mitternachtsschlaf des Hauses. Sänger und Laute mußten sich in einem Taxus verborgen haben. Nicht ein Schatten wurde von den fünf Paar Augen wahrgenommen, die aus den Fenstern in der blauen Novemberfinsternis danach suchten. Lilofe und Bellis Inden ließen es sich gemeinsam angelegen sein. Das Fräulein war in einer Hast zu Lilofen geschlüpft, die ihr nicht Zeit gelassen hatte, das aufgeregte Nachtgewand ganz zur Verschwiegenheit zu verpflichten. Und an den weichen Klängen der Laute kletterte das Lied der ungefügen Kehle in die Fenster – das Lied, das den schwärmerischen Ernst des Sängers verleugnete, der in dieser Stunde sich selbst verlor und an Gebärden wie ein anderer Mensch erfunden werden wollte. Also sang er:

Sie machen dir Komplimente
Und senden dir Blumen ins Haus;
Doch du, du kleine Kokette,
Du lachst sie ja alle nur aus.

Du läßt es dir lächelnd gefallen,
Ich weiß es, nur mich hast du lieb –
Ich stahl dir manchen Kuß von den Lippen,
Doch du vergabst gleich dem Dieb.

Und wenn du so lieblich sie anlachst,
Wie prahlen sie laut dann mit dir ...
Ich lächle dann still und frohlocke;
Denn du gehörst ja mir!

Ganz klar darüber, daß dieser Lobgesang nicht an ihn gerichtet sei, war sich im Haus ohne weiteres nur einer: Daniel.

Vornehmlich mischten sich in der Köchin und dem Zimmermädchen Traum und Wachen zu so süß geschlagenen Gefühlen, daß sie hinter ihren Fenstern in lauschender Hingabe sich von den sanften Händen der Töne streicheln ließen.

Daniel knurrte etwas von ›unerhörter Anmaßung‹ und ›Polizeiwidrigkeit‹. Aber als er völlig wach geworden war, interessierte ihn die Geschichte doch, und er fing an, versöhnlicher zu denken. Was auch damit zusammenhing, daß der Text des Liedes und die mitternächtlichen Umstände auf eine Ehrung Lilofes deuteten – Umstände, auf die eine junge herzbetörte Ratlosigkeit verfallen war, weil sie anders der schrecklich sich nähernden Verstörung des Verstandes sich nicht zu entgehen getraute.

Einen Lautenjüngling, den die rosenwangige Sauberkeit Babettes, des Zimmermädchens, oder das rundliche Frauentum der Köchin Kathinka zu so verliebter Raserei in Tönen gebracht hätten, konnte sich die geläuterte Weisheit Daniels nicht denken. Zu diesen beiden gab es einfachere Wege als über die silberne Leiter einer Nachtmusik. Daniel brauchte also am anderen Morgen dem Küchenpersonal gegenüber nicht einmal Worte für seine moralische Entrüstung zu finden – auf die beiden anderen erstreckte sich seine Verantwortlichkeit nicht.

Natürlich wäre eine so schwarze Verschwiegenheit selbst einer Novembernacht nicht abzuschmeicheln gewesen, wenn die verliebte Raserei nicht mit einiger Umsicht verfahren wäre. An jener Stelle nämlich, an der die Elisabethstraße auf die Alexanderallee mündet, verlor sich die letztere in jenem Jahre nach ein paar Schritten in die Stille der Felder. Dort waren um die Mitternacht zwei Gestalten in flüsterndem Gespräch gewandelt. Als sie den Laternenmann am Werke sahen, der um die zwölfte Stunde den einen Teil der Straßenlichter austut, so daß nur noch eins um das andere die letzte Hälfte der Nacht durchleuchtet, verbargen sich die beiden Gestalten in dem lampenlosen Dunkel jenes unbewohnten Straßenendes.

Der Schritt des Laternenmannes nahte und verhallte.

Dann traten die beiden wieder hervor, schlichen in die Elisabethstraße, löschten die letzten Laternen aus und verbargen sich in einem Taxus des Vanderey'schen Vorgartens.

Der eine war ein Jenenser Student der Rechte im fünften Semester, hieß Walter v. Harden und war mitgekommen, teils um zu sehen, welchen Verlauf die Sache nähme, teils um das Werk des Laternenauslöschers zu vollenden. Er konnte weder die Laute schlagen noch singen.

Der mit dem Saitenspiel war einer jener Stummen des Himmels, denen ein Gott immer nur auf Umwegen zu sagen gab, was sie leiden.

Sein Leben war Tragik gewesen von jener leichtherzigen Liebesstunde an, in der die junge Wäscherin unterging, die seine Mutter wurde. Nach seinem Vater hieß er Hugo, nach seiner Mutter Gans. Leiden mußte er an beiden. Als den glücklichsten Tag seines Lebens pries er jenen, an dem er in der Dachstube auf dem Rollplatze zu dem sachten Weinen seiner Laute zum ersten Male Worte fand – Worte, die anfingen zu blühen wie Verse.

Darüber ward er froh, denn er sah ferne gegen die Türen des Himmels in die hellen Gärten des Ruhms, in denen die Dichter gehen. Dichter dürfen ihren Namen ablegen, wenn er ihnen nicht gefällt, und dürfen einen glänzenden neuen überwerfen wie eine Toga! Als er dies Überwerfen probierte, schauten die rußgeschwärzten Dächer dabei durch das rußgeschwärzte niedere Fenster. Daneben stand das rostrote Öflein, das ihm im Winter warm machen sollte für den Fall, daß er Geld hätte. Da stand der Stuhl mit der blechernen Waschschüssel; und unter dem eisernen Bettgestell lagen ein paar vertretene Filzschuhe. Die waren ihm von seiner Mutter überkommen. Am Jammer ihres Daseins war ihr vor einem Jahre das Herz gebrochen. Sechs Monate zuvor war der Mann gestorben, von dem sie ihm gesagt hatte: er ist dein Vater.

Als der tot war, hinterließ er zwar keine Erben, aber auch nur eine Handvoll Taler.

Bis dahin war Hugo Gans Student gewesen. Literaturgeschichte, deutsche Philologie – aber nur mit der kleinen Matrikel; denn er hatte das Gymnasium nicht durchlaufen.

Über Nacht war er verwaist, und über Nacht war er der Ärmste unter den Armen der Stadt geworden. Da kroch er in die Dachkammer auf dem Rollplatz zu Weimar, und es fiel ihm ein, unter die Dichter zu gehen.

Er probierte viele klingende Namen; aber sie standen nicht zu seiner Dürftigkeit, und er kam sich darin vor wie Hans Wurst in einem Leichenzuge. Da nannte er sich Ernst Gast – das ist so kurz wie Hans Wurst, dachte er voll Bitternis. Und es klang etwas von Erdenunrast und Wandermüdigkeit in diesen Dichternamen.

Natürlich war er vereinsamt. Er hatte einen einzigen Menschen, der ihm Geld lieh und selbst wenig besaß. Dieser Mensch war der stud. jur. Walter v. Harden. Drüben in Jena hatte er mit ihm seine Bude geteilt.

Walter v. Harden sagte zu Ernst Gast: »Du armer Narr! Dein Name macht so herrlich ›st, st‹ – warum hört Dich keiner? Lauf durch die Straßen und sag Deinen Namen vor Dich hin: Ernst Gast, Ernst Gast, Ernst Gast – und es werden zehntausend Menschen die Ohren spitzen. Dichte nichts als diese beiden Worte, und Du bist in einem Jahre der berühmteste deutsche Dichter.«

Und dennoch war Walter v. Harden kein Spötter; denn er ging mit seinem Freunde in jener musikalischen Nacht und drehte die Lampen aus, damit jener nicht zum Spotte werde.

Einst erzählte Ernst Gast in seiner Dachstube dem Walter v. Harden, er habe nun sechs Pfund lyrische Gedichte geschrieben und zu nahezu zwei Pfund die Weisen aus seiner Laute hervorgesonnen – still und voller Anbetung – wie sein Wandel hinter den Zäunen, wo die großen Sonnenrosen sind ...

Auch da spottete Walter v. Harden nicht, sondern er ging und erstand für den Dichter eine Blutwurst und einen Laib frisches Brot. Beides wog zusammen schwerer als sechs Pfund lyrische Gedichte und anderthalb Pfund Träume in Tönen.

Von all diesen Dingen ahnte Lilofe Vanderey garnichts. Sie durchsuchte die Winkel der finsteren Nacht, in der die silberne Liederleiter stand, sie suchte bis gegen drei Uhr und fand's nicht. Sie schlug ein Blatt im Buche dieses Jahres nach dem anderen um. Auf jedem war etwas geschrieben von verliebten jungen Leuten, welche Stunden und Wege kannten, an denen sie die aufregende Sonne dieser lichten Mädchenjugend im Vorüberstreifen beschien. Alle standen im Alter der ungefügen Stimmen; und Lauten mit Bändern waren um diese Zeit in jedem Hause, aus dem eine kecke Jungenjugend sich hinüberschwang in das Dasein verliebter Schwärmerei und heimlich geträumter Küsse.

Nicht einmal ein entfliehender Schatten hatte verraten, auf welchem Wege der nächtliche Sänger von der Stätte seines klingenden Einbruchs geschieden war.

Aber just deswegen: »Rasend interessant!«

Lilofe zersann sich bis zur Übernächtigkeit; denn als es im Garten still geworden war, hatten sie gleich Licht gemacht. Der verliebte Schwärmer sollte wenigstens an diesem Zeichen erkennen, daß er nicht ungehört geblieben sei. Das kleine Mädchenherz irrte ihm ja nach wie ein aufgeschreckter Vogel.

Und zu all dieser Aufregung am nächsten Abende der verspätete Beginn der Tanzstunde, die Lilofen schöner und leuchtender finden mußte als je! Also: die schmeichelnde Wärme des Bettes über die spielenden Sinne! Schlaf in die Augen! Vergessen über die Träume! gebot Fräulein Inden. »Wie sollst Du denn morgen aussehen, gerade morgen! Himmel!« lachte sie. »Wenn er Dich so erspähen könnte, Du Pfirsichblüte Du, Du liebe wilde Rose!«

Bellis Inden nahm sie jauchzend in die Arme und bedeckte ihr Mund und Hals und die schwellenden Brüstlein mit Küssen – »Soll ich Dir sagen, daß Du auch mich wieder jung gemacht hast, goldenes Maienwunder Du?«

»Na, na,« neckte Lilofe, »vielleicht hab ich dabei ein bißchen geholfen! Aber die Lichter da – die hat ein anderer in diese Augen gestellt, und dieser Mund ist so heiß an einem Feuer geworden, das der schlanken Bellis von keinem Mädchen kommen konnte.«

So redeten sie sich aneinander in ein quellendes Glück.

Über allem erfaßte Bellis Inden die Kleine und legte sie zu Bett, wie sie es vor zwölf Jahren mit ihr getan hatte. Sie strich ihr dabei sanft tastend am Körper entlang; das war beseligend wie Maiensonne, wenn sie junge Glieder überfällt und dunkelrote Sehnsucht hineinblüht.

Am andern Tage die Tanzstunde!

Es ist nichts so randvoll von Erwartungen. Es ist kein Traum so frühlingswiesenbunt. Kein Glanz so jubelnd. Nirgend sonst im Leben sind die Augen der Mütter so ratefroh und geheimnisdurstig, so lachend in Hoffnung und Erinnern. Alles noch herabgelassen, was das Leben an lichten frommen Schleiern aufzubieten hat. Und dahinter doch viele helle lockende Lampen, dahinter das schmeichelnde Rufen des Glücks, dahinter tausend geahnte Wunder – Leben, halt still! Leben tu dich auf und bekenne, daß du der Himmel bist!

Es gingen drei Wochen dahin in dem berückenden Glauben, daß alles so wäre.

* * *

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