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Die schöne Lilofe

Max Geißler: Die schöne Lilofe - Kapitel 3
Quellenangabe
authorMax Geißler
titleDie schöne Lilofe
publisherAlexander Duncker Verlag
year1916
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170202
projectid18285ecb
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Als Luisabeth sechzehn und Lilofe vierzehn Jahr alt geworden, gewann Bellis Inden Herrn Vanderey für den Plan, Luisabeth in ein Züricher Mädchenpensionat zu bringen. Was der Einfluß des Fräuleins und der Schule, was das Zusammensein mit gleichalterigen Genossinnen nicht vermocht hatten – nämlich, nach dem Geschmacke der Erzieherin aus dem stillen, in sich gekehrten Wesen Luisabeths einen flatterfröhlichen Sommervogel zu machen – das sollte das schweizerische Bergland, sollte ein aus aller Herren Länder zusammengetragener Blumengarten junger Mädchen bewirken.

Bellis Inden feierte einen Sieg! Wenn man von Achilles Vanderey nicht gerade forderte, sein Kind nach England zu geben, so ließ er mit sich reden. Der Auszug Luisabeths forderte natürlich Beratungen zwischen Bellis und Herrn Vanderey. Die langen Winterabende boten dazu gute Gelegenheit. Aber es schien Daniel, als ziehe Fräulein Inden die Stunden abendlichen Beisammenseins mit dem Herrn unnötig in die Länge. Das machte ihn noch wachsamer.

Vordem pflegte Herr Vanderey bis gegen Mitternacht bei einer Upmann und einem Glase Wein einsam zu sein, zu lesen oder auch einmal einen wichtigen Brief zu erledigen. Das Kinderfräulein hatte er während der langen Jahre des Abends fast nie rufen lassen. Nun gehörten diese Unterhaltungen auf einmal zur Hausordnung. Hm.

Einmal schellte Herr Vanderey nach zehn Uhr noch und befahl eine halbe Heidsieck und zwei Gläser.

In jener Stunde faßte Daniel den Sektkelch für Fräulein Inden mit den äußersten Spitzen der Finger am Stengel, damit er nicht zum Verräter an ihm würde; denn er dachte, das Glas müßte beschlagen von der Kälte, die aus ihm herüberwehte.

»Es ist spät und es ist nichts mehr für Dich zu tun, Daniel,« sagte Herr Vanderey leutselig. Daniel fühlte, daß ihm über dieser Fürsorge seines Herrn die Tür aus der Hand fliegen und ungebührlich ins Schloß schlagen könnte. Deshalb nahm er sich fest in die Kandare, und an ein Durchgehen war nun nicht mehr zu denken. Aber dies rührende Bedachtsein auf das Wohl des alten Wahrzeichens des Hauses Vanderey war im Grunde doch empörend.

Während er auf der Diele und im Treppenhaus das Licht ausschaltete, stellte er die Leitung der Klingel nach seiner Kammer ein. Das geschah nicht ganz von ungefähr, und sicherlich auch nicht, weil es dem gnädigen Herrn doch einfallen könne, ihn noch einmal zu befehlen – sondern es geschah deshalb, weil die Schelle mit dieser Schaltung die Eigentümlichkeit besaß, in der Dienerstube zu melden, wenn jemand während der Nacht die Tür vor der Stiege nach oben öffnete. Daniel wollte durchaus wissen, um welche Stunde Fräulein Inden Herrn Vanderey verließ.

Ebensowenig von ungefähr machte sich Bellis Inden einige Minuten später auf dem Vorplatze zu schaffen. Sie kannte die Verschlagenheit des steinernen Gastes. Aber nur zwei Sekunden stand sie unschlüssig vor dem Kontakt – dann ließ sie die Schaltung wie sie war. Mochte die Klingel den Schleicher immerhin aus dem Schlafe schreien und ihm rasselnd den Sieg verkünden, den Bellis Inden in dieser Nacht erringen wollte!

Wenn der Sieg aber ein Traum blieb?

Nun, dann wars ja immer noch Zeit, den stählernen Stopfen zu entfernen, sobald sie die Wohnung des Herrn verließ.

Bellis Inden leuchtete in geheimnisreichem Frohsinn, als sie das Zimmer wieder betrat. Sie hatte von dem Juwelier eine Anzahl Armbänder senden lassen; Herr Vanderey sollte für Luisabeth auswählen. Und nun nahm sie jeden der goldenen Reifen und Kettenringe und legte sich ihn probend vor den Augen Vandereys um das weiße Handgelenk.

Bellis Inden war einunddreißig Jahre geworden und hatte die wichtigsten zehn im Hause Vanderey über der Sorge an den Kindern und einem fremden Glück verstreichen lassen. Nicht etwa, als ob sie zwischen diesen Sorgen nie daran gedacht hätte, daß ja der Platz an der Seite des Herrn seit dem Einzuge in Weimar verwaist sei. Aber der Sprung war doch weit ... und wenn sie Herrn Vandereys Gepflogenheiten in den rückliegenden Jahren einmal überdacht hatte, so schien es ihr, es wäre in diesem ernsten und an sein weites Handelsreich gefesselten Mannestume kein rechter Platz für ein spätes Frühlingsspiel der Liebe.

Seit einigen Wochen dachte Fräulein Inden realer. Auf einmal – da wehte die Sommerluft der hohen Reife einer Erkenntnis in sie, die aussah wie glückselige Bangnis. Alles ward hoch und schwankend in diesem Sommerfelde des Lebens und stand in schwülem heißen Wehen. Und der zitternde Hauch ihres Mundes wußte von Sehnsüchten, schwer zu tragen.

Zwischen den beiden tiefen Polsterstühlen, in denen Vanderey und Bellis Inden saßen, war ein so kurzer Weg, daß sich die Spitzen ihrer Schuhe von der hohen Zeit der Reife erzählen konnten, wenn Bellis Inden nicht sehr vorsichtig war.

Sie war es nicht.

Über dem Klubtisch, auf dem der Sekt im Kristall perlte, hing der Schirm der Lampe aus dunkelgelber Seide gleich einer mächtigen Orange. Traumkräfte, und wenn sie noch so tief schliefen, mußten erwachen in diesem schmeichelnden Lichte, erwachen über dem seidenen Flüstern des Champagners, aufblühen in dem begehrlichen Läuten des Goldes, das sich Bellis Inden um den Arm legte. Die stille Stunde hing voll schwerem süßen Rausche der Sinne, und aus den rieselnden Perlen des Sektes blühten dunkelrote Rosen über das Herz des Mädchens. Achilles Vanderey sah sie aufgehen in ihrem hohen Leuchten.

Er hatte das Fräulein seiner Kinder bis zu dieser in Heimlichkeiten funkelnden Nacht kaum je auf ihre schmiegsame Begehrlichkeit betrachtet. Aber nun streichelte er ihren Arm über dem goldenen Reife und sagte: »Nehmen Sie dies Türkisenband von mir an, liebe Bellis! Das andere mit den Brillanten soll Luisabeth gehören zur Erinnerung an ihren ersten Auszug aus dem Vaterhause.«

Bellis Inden hob die Augen auf und sah Vanderey aus ihrem siegenden Glück an ...

»Sie haben mir schon sehr viel geschenkt, Herr Vanderey.«

»Hm,« lächelte er, »ich habe der Freundin meiner Kinder und Hüterin meines Hauses etliches gegeben – an Tagen, die zum Schenken aufgehen. Aber der freundlichen Genossin meines ergrauenden Daseins habe ich nie ein Zeichen meiner dankbaren Gesinnung gewährt.«

»Ah! Der Genossin Ihrer Einsamkeit? ... Hätten Sie mir wirklich Gelegenheit gegeben, das zu sein?« Sie ließ diese Worte auf Vanderey los wie der Frühling die kleinen blauen Schmetterlinge auf einen hellen Tag.

Er sagte: »Nun, da unsere beiden Mädchen bald von dem Herzen ihres Vaters fortdrängen und aus seinen Sorgen herauswachsen, während der alte Vanderey immer tiefer in die Stille seines Hauses hineingerät, nun wird das »Kinderfräulein« ausgestrichen und der Titel »Hausdame« darüber geschrieben.«

Er lächelte das so auf Bellis Inden hin, aber die Worte gingen doch überlegt und würdig aus seinem Munde. Als er von »unseren beiden Mädchen« sprach, schäumte Bellis das Blut im Herzen. Warum blies er nur gleich die kalte und förmliche »Hausdame« darüber? Und wenn es ihm ernst damit war – nur mit der Hausdame – warum ließ er dann ihre Hand so lange in der seinen? Und warum streichelte er den Teil ihres Armes, an dem sich die hellblaue Bluse aus Chinakrepp zurückgeschoben hatte?

Es lag nicht in der Art der Inden, sentimental zu werden. Zudem hatte sie auf diese saumselige Stunde so lange gewartet, daß sie über gutgespielten Sentimentalitäten die hastigen Minuten nicht verstreichen lassen wollte. Vielleicht sagte ihr auch ihre Klugheit: ältere Herren, die sich zu einer Importe und einem Becher alten Weines halten, lieben schaumgeschlagene Süßigkeiten nur selten. So setzte sie sich ihm vor als ein Glas roter Burgunder ... Na, Herr Achilles Vanderey?

Herr Vanderey tat etwa, als hebe er diesen Wein voll Reife und Sonne gegen das Licht und blinzelte bis zu heller Erfrischung durch die rote Glut. Dabei legte er den ganzen flammenden Reichtum auf seine Sinne und fühlte sich in genießender Erkenntnis tief in die süßen Schauer eines Glücks, von dem er nehmen durfte, soviel er wollte.

Aber er wollte nicht.

Na, Herr Vanderey? ...

Die Zeit rann nicht wie die trockenen Körner durch die Sanduhr – sie verrieselte wie die Perlen im Glase. Bellis Inden wußte genau, daß sie Vanderey die Ausstattung Luisabeths nun bis auf das letzte Stück gezeigt und erläutert hatte. Man sah also dem letzten Akte des freundlichen Spieles entgegen, das von ihr so klug und unauffällig in Szene gesetzt worden war.

Die fatale Rangerhöhung – oder wie sie es nennen sollte – dieses Wort »Hausdame« war ihr wie ein Splitter Eis aufs Herz gefallen. Sie strich sich über die sorgsam polierten Nägel der Linken und senkte die Lider. Sie wußte, daß sie dann gut aussah; denn ihre Wimpern lagen als ein unendlich zartes Gewebe über dem Glanze der Augen ...

»Hm, Hausdame,« sagte sie, »dies Wort hat einen fremden, einen häßlichen Klang. Es tönt so von Schwellen und Türen hindurch – nicht, Herr Vanderey? Von der ›Genossin eines ergrauenden Daseins‹ ist darin kaum etwas zu spüren,« setzte sie keck und ein wenig resigniert hinzu.

»Ach, lieber gar,« sagte er und hob sein Glas lockend gegen das ihre, »was haben Sie sich da zusammengedacht!«

»Nun – eigentlich hoffte ich es im Leben weiter zu bringen als zu einer Hausdame ...« Gott, wie furchtbar schwer macht es solch ein Mann einem Mädchen!

»Wie meinen Sie das, Fräulein Inden?«

»Meinen? Na Gott – meinen! Man will, wenn man so sachte anjahrt und doch noch jung ist – eigentlich noch recht jung ... Nun ... man ist doch nicht gerade zu einer Hausdame geboren. Man könnte doch auch daran gedacht haben, sich einen Hausstand zu gründen.«

»Natürlich kann man daran gedacht haben.«

»Wenn man aber über lieben fremden Sorgen gar keine Gelegenheit dazu wahrgenommen hat?«

»Dann freilich –« Vanderey zog die Achseln.

»Und wenn man ein köstliches Jahrzehnt hindurch immer nur in heiterer unerforschlicher Selbstlosigkeit blühte ...«

»Eine Tat, die Anerkennung und Dankbarkeit verdient.«

»Und wenn man darüber so ganz hineingewachsen ist in ein Haus und sein Scheiden doch vielleicht eine große Lücke risse ...«

»Eine sehr große Lücke, liebes Fräulein Inden! Ich kann Sie versichern, daß Sie meinem Hause nur schwer ersetzbar sein würden. Man hat sich aneinander gewöhnt, man vertraut sich, man schätzt sich ...«

»Nun ja. Aber man hat doch auch die Gelegenheit vorübergehen lassen, sich ein Glück des Herzens zu schaffen, das durch keine Stellung aufgewogen wird, und wäre sie die vortrefflichste, die sich denken läßt.«

»Aber ganz selbstverständlich, liebes Fräulein! Man würde mich für einen brutalen Egoisten halten müssen, wenn ich Ihnen den Aufenthalt in meinem Hause verlockender hinstellte als den Weg, auf den Sie die Liebe ruft. Wenn Sie diesen Ruf je vernehmen, so müssen Sie ihm folgen. Oder haben Sie sich ihm gar schon einmal verschlossen?«

Bellis Inden zögerte mit der Antwort. Sollte das eine Prüfung ihres Herzens sein?

»Nein,« sagte sie dann, »ich habe es über frohen, wenn auch wahrlich nicht immer leichten Pflichten versäumt, nach ihm hinzuhören.«

So bewegte sich die Unterhaltung in kreisrunden Bahnen; es fehlten ihr neue Bilder und Ausblicke; denn Herr Vanderey stand den Versuchen, seine Gedanken auf die erhofften Wege zu leiten, mit peinigender Verständnislosigkeit gegenüber.

Bellis fühlte, die Unterhaltung durfte sich nicht in unbegrenzte Fernen verlieren oder – Herr Vanderey mußte zuvor sagen, daß dies abendliche Zusammensein ja eine ganz herrliche Erfindung wäre, die man beibehalten wollte.

Sie prüfte ihn auf alle Heimlichkeiten seiner Gedanken; aber sie fand sich nicht in ihm zurecht. Übrigens – der Sekt und die Behaglichkeit des Augenblicks gestatteten ihr doch wohl, sich ein wenig familiärer zu geben? Sie lehnte sich in den Stuhl, und wie sie die Knie übereinanderschlug, schupfte sich der Rock neckisch und klug höher und ließ den zierlichen Schuh sehen und zum mindesten ahnen, was darüber war.

Es ging gegen die hohe Nacht, und Herr Vanderey – weil er ans Schlafengehen dachte? – nahm aus einem Wandschrank eine Likörflasche und goß daraus in zwei bunte Gläser.

»Das rote Ihnen,« lächelte er.

Es war ein sanfter Holländer, aber lächelnd und eingängig und berückend wie süße Träume.

Als Vanderey das Glas hob und mit der Spitze seines kleinen Fingers Bellis Indens kleinen Finger berührte, mußte sie an die Schelle denken, die Daniel draußen auf die Lauer gelegt hatte: das leise Finden der Finger klang ihr bis ins Herz. Sie dachte auch an eine ganz ferne Schule der Liebe, durch die sie in sehr jungen Jahren gelaufen war – über und über Flamme, hinter der der Wind drein ist. Das war so durch ihre Jugend hindurchgelodert und war plötzlich darnieder. Und das andere Mal mit einem Straßburger sehr schlanken und sehr blonden Fähnrich – es war himmelsüß und höllengefährlich gewesen. Vorbei gings auch. Aber es hatte ihr die heiße Traumkraft geschenkt, die ihre Sinne nun sehnsüchtig durchschütterte.

Aus dem kleinen Kristall rann Vergangenheit und Zukunft über ihre Lippen, und in Herrn Vanderey eine Stimmung, von der sie ahnte, daß sie ihm Unternehmungskraft verlieh.

Aber es blieb dennoch eine wunderlich kühle Besonnenheit in diesem Manne. Er dachte sogar an die Likörflasche und schloß sie wieder in den Wandschrank; die Gläser auch dazu, damit er sie Daniel bei einer weniger verräterischen Gelegenheit übergeben könnte.

Und doch trat er dann hinter ihren Stuhl.

Sie hatte den Kopf nach rückwärts gelehnt, wie zu Beginn einer sommerlichen Traumfahrt über die blauen Seen des Glücks. Da legte er seine Hände über das wellige Haar an ihren Schläfen und küßte sie leis auf die Stirn.

Sie erschrak nicht – warum sollte sie ihn nicht merken lassen, daß sie auf ihn gewartet hatte?

Und Herr Vanderey war weiß Gott kein Philister. Aber er hielt auf Sauberkeit der Schwellen seines Hauses, und der Gedanke, mit dem Fräulein seiner Kinder in heimlichem Einverständnisse zu sein, war ihm unbequem und säuerte ihm das Herz an. In dieser Stunde natürlich nicht; denn als er die verständnisvolle Hingabe gewahrte, küßte er Bellis Inden auch auf den Mund.

Aber sie merkte: es lag in diesem Kusse das volle Gefühl der Verantwortlichkeit. Es war kein jauchzendes Versinken in rosenrote Unendlichkeit, über der alle Himmel klingend aufgehen und um die die Sterne als silberne Schellen läuten.

Sie hatte sich das ganz anders gedacht – jawohl, hundertmal hatte sie diesen Augenblick sich in süßen Verschwiegenheiten vorweggenommen, bis all ihre Sinne das Funkeln bekamen. Es war eine lange bereitete Rechnung, die nun just deshalb nicht stimmen mochte; denn Liebe ist das unüberlegteste Ding der Welt, und wenn sie vor die Menschen tritt und die Finger hebt, um daran etwas herzuzählen, ist es schon um sie geschehen. Die Liebe ist das einzige Wunder in unserer gescheiten Zeit.

Aber für Herrn Vanderey war dieser Augenblick nicht eine Rechnung – für ihn war er eine Gelegenheit ... Das bedachte Bellis Inden. Und sie hätte fünfzehn Jahre jünger sein müssen, wenn ihr nun das Herz nicht hätte schlagen sollen in dumpfer Bangnis! Vanderey hatte ihr einen Gefallen erwiesen, vielleicht auch sich selbst – er war ihren Wünschen ein Stück entgegengekommen, soweit es sein guter Geschmack ihm gestattete ...

Dieses kühle Licht einer fatalen Erkenntnis leuchtete in der Sekunde in sie hinein, in der sie die Augen schloß, weil sie die Lippen des Mannes auf ihrem Munde fühlte. Deshalb schmeckte der Kuß nach Galle und Scham, und Bellis Inden flog wie ein Federball aus dem Zimmer und schnellte die Treppe hinter der grünen Glastür empor. Sie dachte nicht mehr an die Klingel, die da auf der Lauer lag; und in Daniels gerechten Schlummer fuhr ein wildes Rasseln. Da träumte er einen jähen Traum von sieben Millionen weißglühenden kleinen Stahlkugeln, die aus einem Loch in der Wand auf ihn herniederliefen, suchte sein Heil in der Flucht aus dem Bett, und als er zu sich selber kam und die Schelle in teuflischer Besessenheit immerfort auf ihn einschrie, mußte er sich grollend auf den Weg machen und die Türe vor der Treppe schließen, weil sie Bellis Inden in ihrer Hast nicht fest ins Schloß gedrückt hatte. Da riefen die Uhren im Hause die Mitternacht.

Fräulein Inden droben in ihrem Zimmer, das neben den Schlafstuben der beiden Mädchen lag, hörte die Tritte des Dieners auf der Treppe; denn sie stand noch hinter ihrer Tür und hielt den Schlüssel in der Hand. »Esel!« knirschte sie, als sie merkte, daß Daniel aus dem zweiten Stockwerk herunterstieg. Dann schaltete sie das Licht ein und sah sich im Spiegel. Sie preßte die Hände gegen Wangen und Schläfen, als ob sie sich damit kühlen könnte. »So zu entwischen,« dachte sie, »ob das nicht doch eine Dummheit war? Ach was! Bildeten Sie sich am Ende gar ein, Herr Vanderey...« Wenn er etwa denken wollte, er hätte sie verstanden, so war er ja nun wohl eines besseren belehrt; denn mehr, als ihm aus den Armen laufen, konnte sie doch nicht. »Und glauben Sie wirklich, ich wäre Ihnen zu einer kleinen Affäre gerade gut genug? Nein, nein, Herr Vanderey, da suchen Sie sich gefälligst eine andere!« Sie lief durch das Zimmer und wechselte die Farbe. Sie schlug mit der geballten Rechten in die flache Linke, als säße Herr Vanderey im Winkel auf einem Stuhle und wartete, daß ihm der Standpunkt klar gemacht würde.

Das dauerte bis gegen zwei Uhr. Sie legte darüber ein Kleidungsstück nach dem anderen ab, und erst als sie sich das Haar für die Nacht bereitete, hatten die Zweifel Muße, ihren gelben Eifer sacht zu umstricken.

Zu Ende? Verspielt?

Ja, warum denn? Sie war einfach davongelaufen wie ein scheues junges Ding, dem der Liebste am anderen Tage doch wieder nachgeht! Und was in ihr gekocht hatte an seinem gemäßigten Feuer, das hatte dieser Herr Vanderey ja nicht sehen können.

 

Am nächsten Tage trafen sie einander beim gemeinsamen Mittagsmahle. Die Mädchen waren schon mit Papa im Eßzimmer, aber von Bellis Inden forderte es doch ein tüchtiges Maß von Kraft, daß sie sich vor der Tür bis zur Unbefangenheit zusammenraffte. Ihre Nasenflügel wehten, als sie hereintrat. Herr Vanderey war heiter und liebenswürdig und verriet nicht einmal im Tone seiner Worte, daß diesem Tag eine Nacht vorausgegangen war, deren er sich zu erinnern hätte.

Ob er nicht für nötig hielt, sie für den Abend zu einer Besprechung zu bitten?

Nein.

Lilofe legte ihm noch vor Tisch die Arme um den Hals und erbat sich die Erlaubnis, mit Fräulein rodeln zu dürfen. Luisabeth verzichtete. Und Lilofe stürmte gleich nach dem Essen davon, sich in ihr neues Rodelkleid zu werfen. Während sie so jubilierend aufflog, sah ihr die Schwester lachend nach. Da fand sie den Namen, der viele Jahre lang an Lilofen hängen blieb ... »Ein richtiges Fräulein Lütütü!« sagte sie, und Achilles Vanderey fing dies Wort auf und hätschelte es in Fröhlichkeit wie das tirilierende Herz seiner Jüngsten.

Es kamen damals die grellen Farben auf, und die Rodelbahnen wurden zu Winterwiesen voll blühendem Frühling. Es war eine ganz neue und frische Art, jung zu sein.

Dies Jungsein betrieb Bellis Inden an jenem Tage zunächst aus Trotz und Verzweiflung. Aber sie betrieb es mit Geschick und Geschmack, ja, sie hätte leicht die Hübscheste und Geschmeidigste im Winterwalde des Weimarer Webichts sein können, wenn ihr nicht die kleine Lilofe den Rang abgelaufen hätte. Darüber fiel ihr jedoch nicht ein Stäubchen in das Jubilieren ihrer Augen. Lilofe trug noch die tangogelbe Zipfelmütze der feschen Mäderln, die an allem, was in ihrer bunten Sporthaut steckte, zwar ganz unsagbar reizend und knospenhaft fertig sind, aber sie war doch noch ein Kücken, das bis dahin weder von Ursache noch Wirkung naher Wunder leiblich durchleuchtet war.

Bis dahin! Denn als es früh und heimlich zu dunkeln begann und ein violetter Himmel der frostkalten Nacht sich um die Schultern legte, waren der Welt zwei neue Sterne aufgegangen: die Augen Lilofes.

Sie begeisterte und kicherte sich in dem neuen Leuchten am Arme des Fräuleins auf den Weg nach Hause. Es waren da zwei Trupps von Gymnasiasten und Realgymnasiasten – ein ganzer Haufe dampfender Frühling – die flogen um Lilofe Vanderey herum wie die Bienen, erhöhten sie zum gnädigen Fräulein und wetteiferten in kecken Kämpfen und maigrüner Pennälerforschheit um den neuen Stern. Natürlich stand eine Schule gegen die andere, wodurch die Sache noch einmal so komisch und ›himmlisch‹ wurde.

Anfangs war der frohgemute Ansturm der bunten Mützen so gefährlich, daß Lilofe nach Rettung durch Bellis Inden ausspähte. Himmel, oh Himmel, wenn so zwanzig Jungen auf einmal losgelassen werden und einem den Schlitten unter die Mitte und die Hände unter die Füße legen wollen, und wenn man von solchem stampfendem Menschenzehngespann auch noch den Berg heraufgezogen wird – wie soll denn da so ein kleines gnädiges Fräulein sein Herz festhalten?

Auf diesem Heimwege kannte Lilofe Vanderey die Jenenser Verbindungen alle, in die jene Sekundanerjugend dereinst einspringen wollte. Sie wußte von den Troglodyten in Kiel, wußte von den Borussen in Bonn und sogar von Sueven und Vandalen – ist denn so etwas nicht grauslich? Und dazu hatte sie mindestens zehn Einladungen zu Studentenbällen, die in einigen Jahren stattfinden würden. Sie stellte sich vor, daß sie dazu mit Papa und Fräulein eine Rundreise machen müßte, und erwog gleich, ob es nicht am besten wäre, wenn sie selbst auf etwa zehn Universitäten je ein Semester studieren ginge.

Aus diesem allen ist zu erkennen, daß Lilofe Vanderey nicht nur ein ungewöhnlich hübsches, sondern auch ein ungewöhnlich gescheites Mädel und Kind ihrer Zeit war; denn als sie am Mittag ihrem Vater die Erlaubnis abgeschmeichelt, hatte sie von solchen Kenntnissen noch keine Ahnung. Aber die Schleier zwischen ihr und der Welt waren nun im Fallen und ließen Geheimnisse und Wunder sehen – Himmel, oh Himmel, wie süß ist es, ein hübsches kleines Mädel zu sein!

Das Fräulein war während der Stunden im bereiften Walde des Webichts, aus dem sich die Rodelbahn in elegantem Hechtsprung gegen die Ilm hinabwirft, für Lilofen zur Statistin geworden. Nun aber wandelten sie innig aneinandergeschmiegt auf Umwegen dem Haus in der Elisabethstraße entgegen. Es rottete sich gleich ein ganzer Trupp Schlitten hinter ihnen zusammen, und an der Kegelbrücke war es eine Heerfahrt geworden.

Bellis Inden erkannte, daß sich so etwas nicht mit einem lächelnden Wort in die Flucht schlagen ließe. Und so spazierten sie in Winterschlummer und Seligkeit die Parkwege entlang. Die Heerfahrt natürlich hinterdrein. Auf dem Stern, um den damals noch die hohen halbvermorschten Pappeln standen, die unter der Weisung des Herrn Geheimrats v. Goethe gepflanzt waren, ließen sich die Damen einkreisen und das Fräulein hielt eine beschwingte Rede und sagte: »Sie sind allesamt sehr ritterliche junge Leute ...« Auf einmal, da hub ein begeisterungsvolles Trampeln an, das sich zu einem förmlichen Wintergewitter entwickelte. Zum Glück besann sich Bellis Inden, daß die studentische Jugend bei passender und unpassender Gelegenheit ihren Beifall mit den Füßen spendet. Sie ließ den Donner verrollen ... »Aber wenn Sie nicht versprechen, sich an den Säumen des Parks unauffällig und sehr artig seitwärts in die Büsche zu schlagen, so gehen wir keinen Schritt vorwärts, und müßten wir hier zu klingenden Säulen gefrieren!«

Die Kühnsten behaupteten zwar, es wäre ihnen eine Himmelsfreude, mit zu erstarren, aber das war nicht wörtlich zu nehmen, und klang auch nicht ganz so ernsthaft wie die mörderisch-selbstmörderische Beteuerung des Fräulein Inden.

Überdem hatte sich die Heerfahrt in zwei Reihen geordnet. Etliche, die im winterlichen Walde zwischen den Rodeltouren verbotene Rauchversuche ergötzlich fanden, hatten Zündhölzer verteilt; etliche führten auch schon Benzinfeuerzeuge als Zeichen ihrer Sekundanerwürde mit sich – kleine Flammen sprangen daraus empor oder sprühten an den Hölzern auf, und in langsam abgemessenem Schritte bewegten sich die Reihen ›fackeltragend‹ über den schönen stillen Platz unter den bereiften Bäumen.

Als sie an die große Wiese kamen, wo der Weg vom Stern rechts nach der Naturbrücke und dem Borkenhäuschen einbiegt, grüßte das Gartenhaus Goethes vom Hügelhang am Horn her in fast heiligem Traume.

Der halbe Mond stand über dem Park; der Odem der Nacht wob sacht über der Ilm herauf; weithin lag silberne menschenleere Einsamkeit, lag der stille Nebelglanz. Es war eine jener Stunden, die ganz voll Seele sind und ihren Reichtum über Weimars junges Geschlecht hinwehen – keine Stätte der Welt ist so hehr und so voll klingender Ewigkeit. Und deshalb war keins der vielen jungen Augenpaare, das nicht über den Winterschlummer der Wiese hinübergeschaut hätte, wo die kleinen Scheiben im Scheine des Mondes funkelten; denn es war, als öffne der Alte drüben ein Fenster und schaue heraus auf die vielen kleinen Flammen, die da um eine junge Begeisterung brannten.

An der Naturbrücke verlöschten die Lichter. Paarweise und in Trupps zogen die Fackelträger ihre verschiedenen Wege, und an der Belvedererallee waren die Mädchen allein. Es war keiner der Begleiter keck und in seiner Herzensverwirrung trotzig geworden. Bellis Indens Wort von der jungen Ritterlichkeit war also doch ein feiner Gruß gewesen und ein Zügel allem Übermut. Aber die »Wiederkommen!« und »Auf Morgen!« und die heftigen Wünsche, daß Schnee und Winter niemals vergehen möchten, machten Lilofe Vanderey vollends wirbelig ...

»Liebstes, allerschönstes, herrlichstes Bellischen, war es nicht wundervoll? Wissen Sie, was wir machen? Wir schreiben heut abend alle die Namen der Jungens auf einen Zettel ...«

»Jungens?« lachte Bellis Inden.

»Na ja, viele sind doch noch keine richtigen jungen Herrn – doch erst wenn die Tanzstunde kommt, wissen Sie.«

»Habt ihr denn auch davon geredet?«

»Aber natürlich! Himmlisch, sag ich Ihnen! Meinen Sie, daß wir Luisabeth davon erzählen? Sie ist so anders, und sie lächelt sich über alles wahrscheinlich in ihre Verächtlichkeit hinein – mit Lütütü, ich kenne das!«

Dabei faßte sie Bellis Indens Arm mit ihren beiden Händen und drückte ihn mit inbrünstiger Heftigkeit ans Herz.

»Wissen Sie, daß Sie heute ganz anders waren als sonst, allerschönste Bellis? Viel netter, viel jünger, und Sie haben sich so herrlich wenig um mich gekümmert! Nicht wahr, es ist auch zu dumm, wenn einem immer das Fräulein am Rocke hängt – man ist doch selber schon groß genug.«

»So, so,« lächelte Bellis Inden. Sie brauchte nicht allzu achtsam hinzuhören auf das, was Lilofe von ihren Entdeckungen des Lebens über sie jauchzte. Auch für sie hatte dieser Tag seine Geschichte, und auch für sie stand er am Anfang einer neuen Zeit.

 

Aber der Roman Bellis Indens soll hier nicht erzählt werden oder doch nur, insoweit er mit dem Hause Vanderey verknüpft ist. Herr Vanderey hatte ihr gestern abend nicht gesagt, daß er alle Fäden ihres Lebens in sein Haus herüberschlagen möchte. Gestern noch hatte sie gedacht, Lilofe könnte sie vielleicht einmal Mama rufen müssen – aber zwischen jetzt und jenem Gedanken lag auf einmal wieder ein sternenweiter Weg.

Und Herr Vanderey war ja auch wirklich nicht närrisch genug, zu meinen, ihr lichtes sommerliches Mädchentum wolle zugunsten seines Hauses oder gar zu seiner Bequemlichkeit auf alle freundlichen Lebenspläne verzichten, die für sie draußen in der Welt lägen.

Heute waren diese Pläne wieder buntbewimpelt obenaufgeschwommen.

Lilofen war die Veränderung in dem Wesen des Fräuleins nicht entgangen. Immer, wenn sie einmal verstohlen nach ihr ausgeschaut hatte, war sie in Herrengesellschaft gewesen, und manchmal war ihr hellblaues Rodelkleid sogar auf dem Schlitten eines ihrer Sportfreunde an Lilofen vorübergeflitzt.

Es bildete sich aus all diesen Wahrnehmungen für die kleine Lütütü ein verschwiegenes und freundschaftliches Abkommen zwischen beiden, daß die Einzelheiten des Tages ihr Geheimnis zu bleiben hätten.

Beim Nachtmahle funkelte sie so über den Tisch herüber, und Herr Vanderey fragte ein bißchen mit lächelnder Aufdringlichkeit an ihr herum. Aber sie parierte alle Finten geschickt. Da hatte Fräulein Inden Gelegenheit, zu beobachten, was sie in diesem Kinde im vorhinein fertiggemacht hatte. Im übrigen blieb es bei der Darstellung einer leuchtenden allgemeinen Schlittenfröhlichkeit, in der sie mittendrin gewesen waren. Vom Fackelzug auf dem Stern, von der Rede des Fräuleins und nun gar von der Verwirrung, die Lilofe in einem ganzen Heer von Gymnasiasten angerichtet hatte, war nicht weiter die Rede. Einmal legte Herr Vanderey aber doch die Gabel fort und hörte mit Überraschung, wie aus dem Munde seines kleinen Mädels ein Hurrliwusch von gespornten Jungenausdrücken hervorpurzelte, die aussahen, als trügen sie Fuchsenbänder und Bierzipfel.

Fräulein Inden hatte bei keiner der Mahlzeiten dieses Tages ein Wort an Herrn Vanderey gerichtet, und er wohl auch kaum eins an sie. Aber es lag nicht die leiseste Spannung in der Luft.

Abends, als Luisabeth allein in ihrem Zimmer saß, machte sich Daniel noch einmal dort zu schaffen ...

»Luisabethchen,« sagte er und preßte die Spitze des rechten Zeigefingers auf die Lippen, zum Zeichen, daß er diese Zwiesprache als Geheimnis behandelt wissen wollte, »Luisabethchen, ich glaube, wenn Sie von Zürich nach Hause kommen, wird eine Veränderung bei uns vorgegangen sein.« Diesem jungen Mädchen gegenüber verlor sich die starre Undurchdringlichkeit seines Gesichts, und es trat die liebe mitfühlende Art des alten treuen Mannes heraus. »Haben Sie nicht gemerkt, daß der Pott einen Riß gekriegt hat? Ich glaube, es ist gestern abend etwas vorgegangen zwischen Herrn Vanderey und der Inden. Können Sie sich denken, daß die sich einbildet, sie würde gar einmal Ihre Mama werden?«

Er zog die dicke Wollgardine zum Überflusse vor die geschlossene Tür gegen das Zimmer Lilofes.

Wenn die Köchin oder das Zimmermädchen so zu ihr geredet hätten, hätte sich Luisabeth ›solchen Klatsch‹ verbeten. Aber Daniel war kein Schwätzer. Vor seinen Worten erschrak sie und sagte: »Wäre das möglich? ... Dann würden nur noch wenig Freuden in diesem Haus auf mich warten.«

»Sßt!« machte Daniel. »Sie brauchen nicht zu erschrecken, Luisabethchen – ich denke, die Gefahr ist vorüber.«

»Ist sie denn überhaupt einmal dagewesen?«

Daniel nickte lächelnd und zwinkerte bedeutsam mit den Augen: »Wohl, wohl, Fräulein – aber natürlich nur als Traum in dem närrischen Herzen der Inden.« Dann trippelte der Alte hinaus ... »Gute Nacht, Luisabeth! Ich hoffe, wir haben es alle beide überstanden.«

 

Gleich nach Ostern brachte Herr Vanderey seine Tochter Luisabeth nach Zürich und schloß daran für sich einen Aufenthalt in Santa Margherita und Portofino, der ihn einige Wochen von Hause fern hielt.

Danach erkannte Daniel, daß Bellis Inden und Lilofe noch kecker und beweglicher geworden. Es war überhaupt seit den Rodeltagen zwischen beiden eine Verbindung zustande gekommen, die hatte Augen voll leuchtender Geheimnisse.

Der Frühling stickte den Rasen des Gartens mit Krokus. Unter allen Büschen quoll das Blühen hervor in gelben, weißen und blauen Farbenbrünnlein, in die sich die Bienen stürzten zu Bädern voll Süße und Licht. Die Mittage waren voll jubilierender Verliebtheit. Bellis Inden und Lilofe kicherten sich hindurch und küßten sich zwischen den Berichten über ihre feuerroten Mädchengeheimnisse.

Daniel, der das alles blühen sah, war seit dem Fortgange Luisabeths vereinsamt. Es ward für ihn vieles zu schweigender Gewißheit, wenn die beiden Mädchen so in der Betriebsamkeit ihrer Sinne zwischen den ernsten Taxusbüschen hindurchleuchteten.

Draußen, nur ein paar Rehsprünge weit, trieben Wind und Sonne in den Kastanien der Allee ihr verliebtes Spiel, und die Kastanien säeten Glanz von ihren silbernen Leuchtern über die Träume des Parks. Es sind hundert Jahre durch diese königliche grüne Baumstille gezogen, und es lebt ein volles, wundersam sehnsüchtiges Lieben in allen Gebüschen. Die Ilm rennt von draußen aus den lustigen Wiesen und blanken Erlensäumen unter die dunkelgrünen Laubgewölbe; sie stürzt sich über ein Wehr und will spielen mit den hüpfenden Sonnenfleckchen und dem Winde, der über den kühlen Rasen läuft – aber schon nach hundert Schritten hält sie den Atem an und spiegelt schöne tiefe Bilder.

* * *

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