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Die schöne Lilofe

Max Geißler: Die schöne Lilofe - Kapitel 13
Quellenangabe
authorMax Geißler
titleDie schöne Lilofe
publisherAlexander Duncker Verlag
year1916
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170202
projectid18285ecb
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Einige Tage später saßen Luisabeth und Lilofe in dem weißen Hause zu Weimar beieinander; Luisabeth halb liegend im Langstuhle, stubensiech, aber mit einem Antlitz, das von einer schier überirdischen Klarheit, Güte und Duldsamkeit umleuchtet war.

Sie litt kaum Schmerzen, aber die Glieder versagten ihr den Dienst.

Sie sprach über Tag stundenlang mit der Schwester, ohne zu ermüden; und wenn sie allein war, kürzten ihr Philosophen und Dichter die Zeit. Sie verfiel nicht über ihrem Leiden, das ein Rätsel war. Aber die frohgemuten Prophezeiungen des alten Oberarztes Schwabe, der sie in die Sonne des neuen Frühlings führen wollte, ließen noch immer keine Erfüllung ahnen, und doch rüstete der Frühling irgendwo am Südmeere schon zur goldenen Bergfahrt.

Neben ihrer Reife und Sommerstille, die wie der Segen der hellen Felder war, stand Lilofe noch immer als das klingende Lenzkind, das auf Offenbarungen wartete. Mädchentage blühten ihr aus den Augen und um die Lippen. Mädchenträume hingen ihr als unverwelklicher Kranz um die Stirne. Es war nirgend ein Zeichen, daß sich dies junge Blühen zur Frucht wandeln wollte – mit jedem neuen Tage weniger; denn sie lebte ihre Mädchenzeit noch einmal in der alten Sorglosigkeit und Falterlust – alles wie ehedem. Ihre beschwingte Art hatte sich nun wieder völlig gelöst von den Pflichten der Hausfrau und Gattin. Die schaffende Stille des Münchener Künstlerhauses lag meilenweit hinter ihr. Hier durfte sie Sonne sein, herrliches belebendes Kinderglück. Hier hatte man auf ihr Licht gewartet.

Zwar: Achilles Vanderey hatte ein paar Abende in besinnlichen Gesprächen mit ihr verbracht. Natürlich. Nun wußte er, wie es um sie stand. Er war ein kluger und ursprünglicher Rechner in allen kaufmännischen Geschäften, aber wo es inneren menschlichen Angelegenheiten galt, vermochte er keinen Finger breit vom Weg einer frohgelaunten Mittelmäßigkeit zu weichen. Und so oft er während Lilofes Eheberichten, die leichtherzig und durchsonnt und auch ein bißchen unehrlich waren, mit lächelnder Sicherheit sich den Bart strich, sagte er: »Das wird sich ja alles geben! Jawohl, mein Kind! Es braucht eine Zeit, damit sich Menschen so verschiedener Art ineinander finden.«

Damit war für ihn die Sache erledigt. Es schlugen sich nicht viele Fäden von ihm zu Romald Eskriebens. Das Wesen des Künstlers lag für ihn zu weit aus dem Bereiche einer rechnerischen Durchdringung. Und daß die Tochter des niederländischen Kaufherrn Achilles Vanderey sich nicht ohne weiteres in die Eigentümlichkeiten der Lebensführung eines Bildhauers schweizerischer Herkunft finden konnte, war für ihn ausgemachte Sache. Er erwartete das weitere von dem Hausmittel der Zerstreuung.

Den Ernst der Lage ließ ihn Lilofes Klugheit nicht ganz durchschauen. Sie glitt auch ihrer Schwester aus den Händen, so oft diese eindringlich Klarheit über ihr Verhältnis zu Eskriebens forderte.

»Bellis Fernau mit ihrer aufgetrennten Ehe,« sagte Luisabeth einmal so von oben herab, »ich glaube, Du leidest an dieser Fernau!«

Da brach ein Sonnenschein über Lilofe aus dem Frost der Stunde – »Aufgetrennte Ehe,« jubelte sie, »großartig!«

Und diese aufgetrennte Ehe fesselte sie vom Augenblick an erst recht. Zuvor hatte sie die Tatsache hingenommen als etwas schier selbstverständliches – Himmel, was hatte Bellis von den verholzten Junggesellengepflogenheiten des leise angegrauten Doktors berichtet! Nun reizte sie die Frage, ob sich die getrennte Naht wieder flicken lassen würde. Sie brannte auch gleich in lebhafter Sehnsucht nach der Freundin. Während der Reise durch die Nacht und am nüchternen Morgen der Ankunft in Weimar hatte etwas befremdend Frostiges zwischen ihnen beiden gelegen. Bellis Fernau war dann in einem Hotel am Bahnhofe abgestiegen, und Lilofe hatte in jener Stunde viel zu heftig mit sich selbst zu tun gehabt, als daß sie bei den Angelegenheiten der anderen mit besinnlicher Hingabe hätte verweilen können.

Nun aber verlegte Luisabeth ihr allen Ernstes den Weg zu Bellis. Sie wünschte nicht, daß jene das Haus wieder betrete – wenigstens nicht in dieser Zeit.

Achilles Vanderey begrüßte die Anwesenheit seines sonnigen Kindes mit Genugtuung. Es war ihm zu kühl und still in seinem Hause geworden. Jetzt strahlte die Lichtfreude wieder in ihn aus allen Winkeln.

Auch draußen mußte ihre Helligkeit lockend niedergegangen sein in die februargraue Welt; denn während die Schwestern an jenem Tage beieinander saßen und Luisabeth lächelnd von Lilofes durch Sonne betäubtem Hirn redete, trat der würdige Hausmeister Daniel herein und meldete den Assessor Walter von Harden. Daniel machte sich natürlich seine Gedanken darüber, aber er stand in jenem versteinerten Gleichmut an der Tür, mit dem er dienstliche Verrichtungen unwandelbar versah. Der junge Diener, der ihm seit seiner Ernennung zum Hausmeister beigesellt gewesen, war wieder entlassen. Daniel hatte nicht gelitten, daß Luisabeth diesem Jüngeren einen Auftrag erteilte; es war sein Ehrgeiz, in liebender Fürsorge für sie aufzugehen.

Nun fand er an jedem Tage ein Viertelstündchen, mit ihr über Lilofen und Romald Eskriebens vertraulich zu plaudern. Und ihm, der den Gang der Uhr in dem Hause Vanderey nun schon ins dritte Geschlecht regeln half, war es vorbehalten, mit ausgestrecktem Finger auf die Stelle des Werkes zu deuten, an der sich im Laufe der Jahre seiner Ansicht nach der Staub gesammelt hatte: »Merken Sie, liebes gnädiges Fräulein, daß die Inden an allem schuld ist? Ich bin ja nur der alte treue Hausmeister, aber soweit reicht mein Verstand doch nun mal auch. Die Inden hat einen goldenen Sommervogel aus unserem kleinen Fräulein gemacht. Von Blüten und Honig will er naschen, aber wenn ein Wetter kommt, wird er aus seiner Bahn getrieben, und dann ist das ein gefährliches Fliegen. Lieber Gott, wenn man jedem Tag ins Gesicht gesehen hat, an dem das so geworden ist, dann konnte man wohl auch wissen, daß aus dem goldenen Flatterdinge nicht über Nacht 'ne ernste und gefaßte Dame wird.«

Luisabeth wußte aus den Reden des steinernen Gastes die geklärte Lebensweisheit herauszufinden. Und was weder Schopenhauer noch Goethe in seinen Gesprächen mit Eckermann verraten hatte, das legte der einfältige Hüter des Hauses ihr sozusagen auf der flachen Hand zurecht.

Aber jetzt stand er auf seinem Posten als das gemeißelte Bild und wartete, was er dem Herrn Walter v. Harden berichten solle. Herr Vanderey war nicht daheim, ihn zu empfangen.

Drei Minuten später saß der Assessor Lilofen drunten in dem vertrauten Raume gegenüber. Sie plauderten und lachten wie einst, da er noch ein junger Student gewesen war. Ernst Gast, der Dichter, trat aus den weißen Türen der Ewigkeit und schritt als ein Schatten für eine leise Minute an ihnen vorüber. Ernst Gast ... Hatten Zeit und Leben die kleine Lilofe Vanderey seitdem gewandelt?

Walter v. Harden forschte nicht danach.

Dann erfuhr Lilofe, daß er ein erst an diesem Vormittage fertig gewordener Assessor sei. Er hatte ihr sein Erstaunen nicht verhehlt, sie im Hause anzutreffen. Dies Staunen geschah natürlich gleich beim Eintritt ins Zimmer, und Daniel war noch Zeuge.

Daniel hatte mitunter seine grämliche Stunde. Und als er die Verwunderung aus Harden lachen hörte, fiel ihm eine Stelle aus seinem Verkehr mit den Musen ein. Er schritt über die Stufen hernieder und sagte: »Sie lügen einander an in Lieben und im Hassen und sterben, sterben dann im Innersten verlassen ...«, denn es war ihm klar, daß der Herr Assessor v. Harden der Kunde nachgeflogen war: Lilofe Eskriebens sei wieder im Hause. Das staunende Begegnen war für Daniel nur eine gutgespielte Szene. Warum kam Harden gerade in diesen Tagen? Warum hatte er sich durch fünf Monate nicht sehen lassen?

So empfand das alte treue Herz Daniels diesen Besuch als einen Schmerz. Die Erinnerung, daß Harden Luisabeth hinter dem Brautpaare bis vor die Stufen des Altars geleitet hatte, stand noch lebendig in ihm. Aber was er nicht wußte, war, daß Walter v. Harden als Referendar während der vergangenen Monate einem auswärtigen Gerichte zugeteilt gewesen war.

Darum kam ihn nun das graue Elend an. Er rechnete: dies Wiederauftreten, das der Helligkeit Lilofes so ungestüm nachdrängte, müsse über Luisabeths stille und doch ein wenig schwermütige Heiterkeit fallen als Reif auf eine gehütete Blume.

Daniel befand sich wieder einmal in einem Zustande der Empörung, die ihn bis in die Wurzeln erschütterte.

Da rief ihn die Glocke schon wieder in das Besuchszimmer.

»Daniel, Herr v. Harden möchte Luisabeth seine Aufwartung machen. Fragen Sie, ob sie in der Lage sei, zu empfangen – was ich wohl glaube.«

Daniel war nicht hartsinnig genug, er hörte den Wunsch, der in Lilofes letzten Worten lag, und verbarg ihn Luisabeth nicht. Er wußte nicht: war es Schmerz oder war es Freude, was ihn bedrängte? Aber da ihn Luisabeth in leiser Erregung anlächelte und seine Frage bejahte, löste sich auch seine Verwirrung.

Luisabeth war von frühen Kindesjahren her gewöhnt, daß die Sonne Lilofes belebend durchstrahlte, was um sie war. Nun küßte ihr Harden die Hand, ritterlich – wie er das wohl auch Lilofen getan hatte. Nun saßen sie zu dritt beieinander, es war wieder wie in den anderen Tagen, aber es wurde von Luisabeth gesprochen ... Nun ja, das brachte das Kranksein so mit sich, das rätselhafte Kranksein. Aber Herr v. Harden erbat sich die Erlaubnis, fortan im Hause aus- und eingehen zu dürfen, wie es dem Studenten gewährt gewesen sei – und er richtete diese Frage an Luisabeth voll von warmbelebtem Glück. Es klang, als betrachte er Lilofe nur als Gast in diesen Räumen.

Luisabeth fühlte diese heimlich beredte Huldigung, aber – nun ja, sie war die Ältere, und er meinte wohl, ihr Zustand fordere von ihm ein besonderes Aufgebot von Zartheit und Rücksichtnahme. Aber Hardens ehrliche Freude, sie wiederzusehen, streichelte sie dennoch wie das Glück eines Traumes und kam über sie wie die weißen Blätter der Kirschblüten, die durch das neue Licht des Frühlings gesegelt sind. Zum ersten Male, zum ersten Male in ihrem Leben stand sie neben Lilofe in hellem beglückendem Licht!

Seit jenen fernen Tagen, in denen Romald Eskriebens am Zürichsee seine scheuen Huldigungen wie Blumen über sie geworfen, hatte sie dies leise Streifen des Glücks nicht mehr verspürt, das sie nun umflog.

Sie schloß die Augen für eine Frist, in der der Sonnenstrahl an ihrer Seele hätte vorüberhuschen können, wenn er sich nur verirrt hatte.

Aber er blieb. Er blieb, leuchtete, wärmte, wollte Wunder tun.

Wie ihr war, so mag es der Blume sein, die in der Scholle schläft und den goldenen Wanderschuh des Frühlings über sich schreiten hört. So mag es der Nachtigall sein, der – wenn die Knospen des Waldes die Hüllen sprengen – das Herz schwillt im erquellenden Rufe des ersten Liedes.

Und Lilofe erkannte, sie erkannte mit hundertfach wachen Sinnen, was da zu leben begann. Sie sah den Widerschein des Glücks, der sich auf Luisabeths Stirne legte wie das leise Rot des Abends um die Säume des Himmels.

Darüber fiel ihr ein, daß eine Pflicht im Hause auf sie warte, und sie flatterte aus dem Zimmer. Im Stiegenhause hörte sie die Stimme des Herrn Achilles Vanderey. Er mußte gerade über die Schwelle getreten sein und sprach mit Daniel. Himmel, Achilles Vanderey konnte das ganze süße Wunder erschrecken!

Sie hatte einen tiefen Respekt vor ihm. Ja, ihre Kindhaftigkeit fiel ihr im Zusammensein mit ihm oft quälend unbequem auf die Seele. Aber in diesem Augenblicke gewann sie die Herrschaft über die schreckliche Klugheit ihres alten Herrn. Sie faßte ihn unter und geleitete ihn in sein Zimmer und umgaukelte ihn.

Als er sich ihr eine Welle hingegeben und sie erwartungsvoll überlegen angelächelt hatte – denn er dachte, sie wolle ihm wie in seligen Kindertagen irgendein Einverständnis abschmeicheln – erfuhr er, daß er zum mindesten ein halbgefrorener alter Herr sei.

»Na, na,« sagte Herr Vanderey ein bißchen ungläubig.

Aber seine leuchtende Kleine war ungelehrig –

»Ach, Papa, tu nur nicht so! Erstens weiß ich genau, daß in dem früheren Jahrhundert, aus dem Du der Jetztzeit überkommen bist, die Menschen von den tiefsten Geheimnissen des Lebens keine Ahnung hatten; und zweitens: bedenke, daß Du ein Mann bist! Was ahnen Männer von den Wundern, die aufblühen in den schimmernden Gärten einer Mädchenseele?«

Herrn Vanderey wurde der Stand der Dinge nun wahrhaftig dunkel.

Da fächelte sie Licht über ihn:

»Du, Walter v. Harden ist Assessor geworden!«

»Sehr nett von ihm,« bestätigte Vanderey.

»Aber noch netter ist, daß er noch ganz examenwarm seinen Besuch macht – nicht mir, nicht Dir, sondern Luisabeth.«

»Na, und da bist Du der Ansicht, daß ich gleich hinaufgehe und ihn beglückwünsche?«

Da schwang sie sich – ganz sein kleines Mädel von einst – auf sein Knie, schloß ihn in die Arme und schwur, sie werde ihn nicht mehr freigeben, bis er gelobe, ganz zu vergessen, daß Harden im Hause sei.

So neckten sie einander und vergaukelten eine kleine Sonnenstunde in Herzensheimlichkeiten. Und als Harden gegangen war und beide in tiefster Ahnungslosigkeit in Luisabeths Zimmer traten, nahm Luisabeth das neckische Versteckspiel willig auf und wunderte sich über Lilofes Fernbleiben.

»Ach! Hat er mich etwa gar vermißt?« fragte die Kleine.

Die Antwort kam zögernd: »Na, er hat nicht davon gesprochen. Aber ich nehme es an.«

»Ah! War er nett?«

»Er war schon immer ritterlich und von sehr wohltuender Art im Verkehr ...«

Lilofe pochte mit goldenem Finger an alle Türen wie der Frühling, der Blüten sehen will. Sie zitterte in ungeduldigem Glück, wenn sie fühlte, wie Luisabeths Herz mädchenhaft gläubig und in morgenroter Hoffnung auffliegen wollte und sich nun doch sträubte, zu glauben und zu bekennen. Sie streichelte ihre Stirn und Wangen – »hurrje,« lachte sie, »Du bist ja ganz voller Sonne! Und nun sei nicht töricht, Du liebe gute, Du weise Luisabeth! Deine Philosophen und Dichter in Ehren – aber in diesem Punkte ist die kleine Lilofe ihnen über und Dir! Jawohl, Dir auch, und sie sagt Dir: in vier Wochen wirst Du fliegen können! Mädel, was weißt Du vom Leben!«

Sie tat auf einmal schrecklich verheiratet.

»Mir ist wahrhaftig, als wüchsen mir schon die Flügel,« lächelte Luisabeth.

Lilofe stand ganz durchleuchtet vor ihr.

»Vielleicht ist es vermessen,« sagte sie, »aber ich muß jetzt an das liebe Wunder denken, das aus dem Hause des Jairus erzählt wird. Etwa so: ›und er hieß sie alle hinausgehen und trat zu ihr und sprach: Mägdlein, ich sage dir, stehe auf! ...‹ Du, es ist eine köstliche Weisheit in dem alten Berichte; aber das wunderbarste ist: unter den Menschen geschieht diese Geschichte noch an jedem Tage, und sie wissen es nicht. O Luisabeth, wenn das wahr wird – und es wird wahr – dann ... mir ist, als erlebte ich durch Dich nun auch an mir erst das große Wunder der Liebe! ... Hab' ich mich darum nach Dir gesehnt, Luisabeth?« Die Seele zitterte ihr, als sie das sagte. Weiß Gott, was sie sann in dieser freudigen klaren Einkehr ... »Und wie hab' ich dies Wunder gesucht all die Jahre her!«

So lehnte sie an der Armstütze des Stuhles und streichelte Luisabeths Haar. Beide wußten: sie waren einander nie so nahe gewesen im Leben.

Am anderen Tage kam Harden. Er kam nun jeden Tag. Und zwischendurch erschien hie und da der alte Doktor Schwabe, zu sehen, ob die Erfüllung nahe wäre. »Na, Luisabethchen, der Frühling steht draußen und wartet auf Sie,« sagte er. »Soll ich ihm die Botschaft bringen, daß Sie noch immer nichts von ihm wissen wollen?«

Da versprach sie ihm: morgen, wenn er wiederkäme, würde sie nicht mehr im Stuhle liegen. O ja, sie fühle die Sonne und fühle, wie es um sie zu blühen begänne, zu blühen: um sie, über sie her und tief in sie hinein!

Und Lilofe geleitete den alten Herrn bis zum Tore vor dem Garten und flüsterte ihn voller Licht und Geheimnisse.

So band der Frühling einen Tag an den anderen zu buntem Strauße. Er kam mit heller seliger Bedrängnis.

Einmal, als Harden die lichte Straße zwischen den aufspringenden Gärten daherschritt, stand Luisabeth droben an ihrem Fenster. Und da er zu ihr ins Zimmer trat, ging sie ihm entgegen, und ihrer beider Hände fanden sich und sie sagte: »Warum kann ich das nun heute? ... Und ich hätte es nicht gekonnt all die Zeit her?«

»Die Auferweckung der Luisabeth!« jauchzte Harden; und er machte seine Hände los und zog das selige leuchtende Mädchen an sein Herz.

Um die Mitternacht, die diesem Tage folgte, lag Lilofe wach auf ihrem Lager. Sie stand auf und trat an das Fenster. Draußen war die hohe blaue Einsamkeit des Himmels. Da funkelten Leid und Glück um ihre Wimpern wie die Sterne. Und sie fühlte: sie war einen weiten Weg in Irrtum und Verblendung gegangen – nun war sie durch das Glück der Schwester zur letzten Stufe der sieben Seligkeiten des Herzens gelangt. Da setzte sie sich an den Tisch und schrieb: »Komm zu mir, Romald! Es ist ein Wunder geschehen an Luisabeth, an dem ganzen Hause – und auch an mir!«

 

Ende.

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