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Die schöne Lilofe

Max Geißler: Die schöne Lilofe - Kapitel 12
Quellenangabe
authorMax Geißler
titleDie schöne Lilofe
publisherAlexander Duncker Verlag
year1916
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170202
projectid18285ecb
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Flache Wässer trüben sich, wenn ein Wind hineintritt. Flache Wässer durchsonnt die nächste lichte Stunde bis auf den Grund.

Bellis Fernau nahm die Festzeit zu Hilfe und die Helligkeit ihres Gemüts, ihren Leichtsinn und die Erkenntnis der Eigenart Lilofes – und über ein Stündlein war die Kammer voll Sonne!

Bellis Fernau hatte auch Romald Eskriebens ein Privatissimum gehalten – er solle nicht forschen, was es zwischen Lilofen und dem Doktor Fuhr gegeben hätte. Dabei verriet sie ihm, daß Lilofes Gereiztheit die Ursache der plötzlichen Abreise gewesen sei – ein Zustand, an dem er, Romald, ja nicht ohne Schuld wäre. Sie deutete auch auf die Möglichkeit naher Erfüllung seiner Ahnungen hin ... um leichter mit ihm fertig zu werden.

Über ein Stündlein war die Kammer voll Sonne.

Romald Eskriebens hatte Frau Fernau das Versprechen abgenommen, so lange in seinem Hause zu bleiben, als es ihr die Rücksichten auf das eigene Glück erlaubten.

Diese Rücksichten reichten über ihre Person nicht hinaus; denn sie dachte nicht daran, die verunglückte eheliche Gemeinschaft mit Doktor Fernau wieder herzustellen. Romald kannte Fernau nur flüchtig, er konnte kein tiefergehendes Interesse für ihn aufbringen und vermied es, in seinem Hause über die Angelegenheit zu sprechen. Das freundschaftliche Verhältnis der Frauen ward ihm dagegen von Tag zu Tag wertvoller. Er selbst ward darüber freier in seinem Schaffen. Es war, als nähme ihm Bellis die Sorge um Lilofen ab. Was er bei aller Milde und bei allem guten Willen nicht vermocht hatte – es schien sich nun vieles in das gewünschte Gleichmaß zu laufen.

Aber die Lösung des frohen Rätsels, die er von diesen Tagen erhoffte, kam nicht. Aus den Tagen wurden Wochen – seine Hoffnung erfüllte sich nicht.

Das machte ihn gleichgültiger gegen Lilofen; denn für das, was er vor Wochen auf Rechnung ihres körperlichen Zustandes gesetzt hatte, war sie ihm nun verantwortlich geworden.

Begabte Schüler forderten seine Teilnahme in stärkerem Grade als zuvor. Er wünschte seinen Tagen die dreifache Stundenzahl und war froh, daß die Pausen zwischen dem Schaffen sich auf Minuten beschränkten.

Pausen fürchtete er nun; denn er überdachte dann immer den Weg, den er gemeinsam mit Lilofen zu gehen hatte, und wie er sich gestalten würde. Da fand er Verständnislosigkeit des einen für das andere auf beiden Seiten.

Und manchmal, wenn seine Einsamkeit tief und traulich hätte sein können, krochen Gedanken aus ihr hervor, die waren häßlich und schreckhaft wie Gespenster ...

Hatte nicht auch Bellis ihn zeitweilig in seinen Ahnungen über das erblühende Geheimnis in Lilofen bestärkt? Aber war dabei nicht ein Lächeln durch die Winkel ihres Mundes geflattert, das er sich wundergläubig gedeutet hatte?

Sein Blick in die vergangenen Wochen war auf einmal kalt und hell geworden. Er sah, daß er genarrt war und daß beide Frauen ein belustigendes Verstecken mit seiner Unerfahrenheit gespielt hatten. Pah, das ließ sich verschmerzen! Aber die Gewißheit, daß seine besonnene tiefe Künstlerart mit bunten Wimpeln in den selbstvergessenen Leichtsinn der Durchschnittsmänner hineingesegelt war, in jenen Leichtsinn, der den blöden Glauben verbreitet: ein Weib hat schön zu sein, nichts als schön, um Glück zu genießen und Glück zu gewähren – diese Gewißheit war peinigend.

Als sie ihn zum ersten Mal mit ihrem grellen Licht überfiel, wehrte er sich mit mühsam aufgebrachter Ruhe dagegen. »Narr,« sagte er zu sich, »es ist doch ganz anders! Du bist nicht an jener Klippe gescheitert, sondern Du hast in das morgenfrische Mädchenbild die Fülle des Glanzes gedichtet, die Deine Seele ersehnte!«

Dann klopfte ihm die Erinnerung an die hellen Herbsttage an den bayrischen Seen auf die Achsel. Diese Tage waren so mahnend, so durchsichtig gewesen – er aber hatte Augen und Ohren geschlossen. Und der vermaledeite Gedanke ließ ihn nicht los, daß er mit verblendeten Sinnen zu dem Bekenntnisse der Flachheit geschworen und alle Besonnenheit unter seine Füße getreten hatte.

Aber die Stunde, in der er in die Sackgasse des gedankenlosen, veräußerlichten Durchschnittes geraten war – sollte diese Stunde machtvoll genug sein, des Mannes stolzem Sturm aufs Leben ein Bollwerk zu setzen? Die Ketten, die sie ihm angeschmiedet hatte, ließen sich ja doch mit befreiender Kraft zerreißen ...!

Ließen sie sich zerreißen? ...

Um die gleiche Zeit, in der Lilofe von der wunderlichen Sehnsucht nach ihrer Schwester befallen wurde, nahte sich das Bild der verlassenen Luisabeth auch ihm. Seine Seele hatte sich gewöhnt, über seinem Schaffen mit diesem Bilde in trautsamer Erinnerung zu verkehren; eifernde Reue half ihm, das klare stille Gesicht zu verklären. Aber in diesen sichtigen Tagen der wachsenden Erkenntnis stand Luisabeths Antlitz nicht mehr in seinen Träumen wie einst – es war nun, als hätten ihm ihre Augen ins Herz gesehen und die Frage erkannt, die da unter den Wirrnissen zu blühen anfing: »Luisabeth, wirst Du dem törichten reuigen sehnsüchtigen Manne verzeihen und wirst Du ihm Deine Hände reichen, wenn er sich zum anderen Male zu Dir findet?« Ihre Blicke waren mitleidig, aber ihr Wille war fest in der Verneinung.

Als sie zum ersten Male so durch seine Sehnsucht ging, erschrak er. Er verscheuchte seine Fantasien durch ein hochmütiges Lachen ... »Wachsen Irrtümer wie der meinige nicht auf hunderttausend Menschenwegen? Und Du willst Deine kluge Art verschließen, Luisabeth, und willst trotzig sein? Du wolltest krank bleiben, wenn ich komme, Dich durch ein Wort gesund zu machen? Du wolltest am Rande des Lebens stehen, wenn ich nahe, Dich in die hellen Gärten zu führen? Luisabeth, Dein Heiland steht vor der Tür, und Du wolltest sie ihm verschließen?«

Bis zu solcher Vermessenheit steigerte sich der Flug seiner Gedanken – damals, als der Zweifel ihn zuerst überkam.

Damals trat er ihn nieder.

Aber er trat den Brand nicht aus. Jeder Wind blies ihn von neuem an, und er fraß sich ihm als Flamme ins Herz.

Und dann?

Der Föhn warf sich über Schnee und Dächer. Der Föhn fuhr in die Wipfel der alten Bäume. Es kam ein Recken in die winterliche Welt. Es kam ein tiefes Atemholen in den Schlaf der Natur, und in den Netzen der Drähte über der Stadt fing sich das hohe wilde Singen des Sturmes.

Wenn sich der ausgerast, bläst der Winter wieder ein paar Backen voll Silber daher – Flitter, Flitter, mit denen sich die Menschen jauchzend behängen; denn sie achten das als Spiel in der närrischen Zeit des Faschings.

Bis in die Tage mit den Masken hatte Lilofe den geschmeidigen Doktor in ihrem Hause halten wollen. Wenn Romald auch in dieser Zeit – als der einzige echte Narr in dem Heere, das sich nur närrisch gebärdete – nicht über sich selbst hinauskam, nun gut: der Frohmut des Doktors und die Lebensfreude Bellis Indens würden schon dafür sorgen, daß die Lust Lilofes nicht in Enttäuschung verkümmerte!

So hatte sie gedacht.

Nun war Doktor Fuhr schon lange, lange fort. Nun krochen die Tage grau und miesepetrig heran. Die Dächer tropften. Der Schnee lag in den Gräben wie durchnäßter Schafpelz. Und Romald Eskriebens stand dem Fasching und dem ungebärdigen Juchezer der zum Narrentum erlösten Menschheit gegenüber als ein Feind. Oder als einer, der mit dem verbrieften Recht auf Schellenkappe und Pritsche nichts anzufangen wußte.

Und Lilofe stand säuerlich in ihren Tagen und war froh, daß diese Tage sich um sie scharten als künftige Entlastungszeugen für die Verhandlung, in der Achilles Vanderey als Richter am Ende doch geneigt sein konnte, sie schuldig zu sprechen. Männer haben eine verrückte Anschauung von den Pflichten und dem Innenleben der Frauen und haben die Neigung, sich gegenseitig beizuspringen, wenn es einen Ausfall gegen das andere Geschlecht gilt ... Und diese Verhandlung kam; sie mußte ja kommen!

Das war die Stelle im Wege, an der ihr Bellis Inden nun wieder verständnisinnig die Hände reichte –

»Na, ja, Bellis, da siehst Du's: ich mag entsagen, soviel ich kann, entsagen bis zur Unmöglichkeit – es ist doch immer nicht genug!«

Bellis Fernau hatte in aller Heimlichkeit erwogen, daß es in dieser Zeit des gärenden Blutes und der buntaufschäumenden Lustigkeit am Ende nicht schwer sein möchte, für den verlorengegangenen Doktor Fuhr und den schaffenswütigen Ehemann Ersatz zu finden. Aber als der Plan schon fallreif geworden war, wartete sie Lilofen doch nicht damit auf. Man konnte nicht wissen, wie solch eine Sache ausging. Es gellte in ihr auch noch der verirrte Hilferuf Lilofes im Ohre aus der Stunde, in der sie ihr gestanden hatte: zuerst ersehne sie einen solchen kecken Wildwuchs der Sinne, aber dann käme es über sie wie die Sintflut, und sie riefe nach Gott und sich selbst.

Zu alledem waren sie beide von Unerfahrenheit dem Faschingstreiben gegenüber – wo war die Grenze zwischen vagierendem Frauentum und dem maskierten Abenteuer, aus dem man sich sauber und sieghaft, unertappt und erlebnisfroh zurückziehen konnte?

 

So geriet die verflossene Erzieherin aus den Gärten der verheißungsvoll lächelnden Träume plötzlich auf den unbequemen Pfad der Verantwortlichkeit.

War das wieder einmal eine jener dummen Beunruhigungen, die sie über ihrem Alleinsein in der letzten Zeit mehrfach angefallen hatten?

Die Verstimmungen im Hause, das eigentliche Wesen Lilofes, der Wunsch nach einem tollen Faschingserlebnis voller Erlösungen des Herzens und der Sinne – das alles schliff an den Nerven. Es war, als hinge sich ihr das Unglück an die Fersen – erst in ihrem Zusammenleben mit Doktor Fernau, und nun auch hier.

Sie hatte sich diese Zweisamkeit im Künstlerheim ganz anders gedacht.

Und doch – was stand denn eigentlich zwischen diesen beiden Menschen, das sie nicht zusammenkommen ließ? Was denn, das nicht mit einem festen Anlauf wegzuräumen wäre?

Bellis schlug mit der Faust auf den Tisch –

Zum Donnerwetter, Romald Eskriebens mußte ja doch nicht immer seinen Willen durchsetzen!

Sie hatten es nun wieder seit dem Weihnachtsfeste schweigend geschehen lassen, daß er vom Morgengrau bis zur Dämmerung über seinem Werke saß und des Abends oftmals noch sich seinen Schülern widmete. Jetzt – beim Fasching – war die Reihe an den Frauen, Rücksicht von ihm zu fordern und mit aller Entschiedenheit ihn vor die Wahl zu stellen!

Mit einem, so fuhr sie aus dem Zimmer. Sie wirbelte die Treppe zur Werkstätte empor und stand vor dem Bildhauer –

»Herr Eskriebens ...«

Der Atem brach stoßend über ihre Lippen.

Sie hatte ihn anzischen wollen wie eine Schlange, die aus dem Gebüsche bricht. Aber vor der hohen Fremdartigkeit dieser Umgebung ward ihr zungenschneller Eifer fast schüchtern.

Es war alles so groß und unalltäglich in diesem Raume. Etwas wundersam Beseeltes – wie in einem menschenleeren Gotteshause, und doch ganz anders. Stumme graue und weiße Gestalten standen umher. Ein kraftgebärdiger Waldmensch war da, der eine überraschte Quellnymphe in seine Arme zwang; ein Kentaur, ruhevolle weibliche Akte. Dann »Die Dämmerung«. Die war nun in köstlich belebten Marmor geschlagen.

Eskriebens hatte Schlägel und Meißel nicht aus den Händen gelegt, während Frau Bellis so gegen ihn ankeuchte. Entweder kam sie als Botin und Wortführerin seiner Frau, oder sie wurde selbst von einem verrückten Einfall geplagt. Wenn sie jetzt in seine heitere und gesicherte Ruhe einbrechen wollte, so hatte sie sich keine glückliche Stunde gewählt.

Er lächelte sie aus seinen blauen deutschen Augen an, und der blonde Schnurrbart konnte das ironische Zucken der Lippen nicht verbergen.

»Sehen Sie mal, teuerste Frau!« sagte er und deutete auf die Skulptur. Seine Hände zogen in der Luft die klingenden Linien nach, die nach unten zu verdämmern und in die heimlichen Brunnen der Nacht zu verfließen schienen.

»Das sieht ja aus, als wären Sie fertig!« sagte Bellis überrascht.

»Fertig!« jauchzte er. »Könnten Sie ahnen, welch eine beglückende Empfindung den Künstler vor seinem vollendeten Werke überströmt! Ich glaube, dies ist mein bestes. Ich habe es mit einer heiligen Sammlung geschaffen. Es ist so im tiefsten beseelt, es ist fast vollkommen das geworden, was in mir lebte – eine Schöpfung, so gelungen, wie es mir meine künstlerische Entwicklung zu dieser Zeit gewähren kann. Aber ich hoffe und sehe diese Entwicklung noch im Erblühen ... na, was sagen Sie?«

»Hm,« antwortete Bellis, »wenn man vor dem Werk eines Mannes steht, der einem persönlich unbekannt ist, so urteilt man in der Regel keck drauf los, oft sogar lästerlich keck und ohne Ehrfurcht vor der Kunst ... Das verbietet sich in diesem Falle von selbst. Das erkenn' ich jetzt erst, und ich weiß auch jetzt erst, wie himmelfern ich einem solchen Werke stehe; denn nun, da ich reden soll, fallen mir nur Worte ein, die Ihnen – dem Schöpfer – recht arm klingen werden. Gemeinplätze, lieber Eskriebens! Nicht wahr, Sie fordern nicht, daß ich vielleicht dümmer vor Ihnen stehe, als ich in Wirklichkeit bin? Ich trat so ahnungslos in Ihre Werkstatt, daß ich fast zurückprallte vor Betroffenheit und meinen Einbruch schon bereute, als ich die Tür noch nicht hinter mir ins Schloß gedrückt hatte.«

Sie hatte gehofft, in dieser behenden Rede über ihre Befangenheit hinwegzukommen. Aber die ward nur noch größer.

Es war ihr, als ergriffen alle die Werke in Ton, Gips und Marmor Partei für ihren Schöpfer und als lebten sie in diesem Augenblick ein unheimliches Leben.

Das bedrängte sie mit kalter Gewalt.

Sie schaute verängstigt um sich – wie jemand, der im halben Licht einer Mondnacht zwischen die Steinbilder eines Parkwegs gerät und fühlt, daß Steine in solchen Stunden atmen.

Sie trat ganz nahe an Eskriebens heran, um nicht allein zu sein, und sagte in verändertem Tone: »Ich kann mir denken, daß Sie sich schwer zu den Menschen finden, wenn Sie – wie in dieser Zeit – wochenlang schweigsam und bis in die Seele gebannt Verkehr pflegen mit der Welt dieser wunderlich belebten Schöpfungen ... Ich wollte Sie zur Rechenschaft ziehen, Eskriebens. Ich hatte das ganze Herz voll Unwillen gegen Sie ... nun bin ich auf einmal betroffen.«

»Be – trof – fen,« sagte sie; denn ihre Augen hingen an dem gemeißelten Antlitz, das sich mild und königlich niederneigte über Blumen, Schilf und Quell und eine Ruhe über alles Leben sah, eine Ruhe, die war segnend wie Nachtgebet.

»Eskriebens!« rief Bellis und legte ihre Hand auf seinen Arm.

Der Ruf war gedämpft, war selbst wie eingehüllt in Dämmerung –

»Eskriebens, hat Lilofe gewußt, daß Sie ihrer Schwester Luisabeth in diesem Werk ein Denkmal gesetzt haben? Und wie konnten Sie das vollbringen, ohne von jener ganz erfüllt zu sein? Ich bin erschrocken bis ins Herz, Eskriebens! Nun kommt mir furchtbare Erleuchtung: Lilofe hat sich über dieser Erkenntnis gequält bis zur Zerrissenheit. Das ist des Rätsels Lösung!«

»Ach Unsinn!« lachte Eskriebens, »Sie hat sich ja gar nicht um mein Schaffen gekümmert!«

»Scheinbar! Aber nun – erklärt sich Ihnen als Künstler das Verhalten Lilofes nicht?«

»Es ist die kindische Eifersucht der Frau auf das Werk des Mannes! Was sonst? Die Eifersucht auf ein Schaffen, das den Mann nach Ansicht des Weibes über Gebühr fesselt. Lilofe ist verwöhnt vom Leben und von den Menschen. Sie fordert ihren Mann als immer williges Spielzeug ihrer Launen und Sinne – und ihrer Eitelkeit.«

»Sie reden da eine lästerliche Torheit, mein Freund! Von einem Künstler, mein' ich, müßte man doch erwarten können, daß er sich in die Psyche des Weibes zu besserer Erkenntnis vertiefe! Oh, Eskriebens, sind Sie wirklich solch ein Kind, daß Sie meinen, eine junge, schöne verwöhnte Frau könne gleichmütig zusehen, wenn ihr Gatte in seinem Werk einer anderen Opfer bringt? ... Jawohl, das ist es! Ich habe das richtige Wort gefunden. Ich will Ihnen sagen, wie ich mir das denke – ich spreche zu Ihnen als Weib: Um ein Werk zu schaffen wie dieses, so voll Ähnlichkeit und leuchtender Beseelung, mußte Luisabeth Vandereys Bild auf allen Ihren Wegen um Sie sein. Selbst in Ihren Träumen hat es bei Ihnen stehen müssen ...«

Sie war vor Eskriebens hingetreten und sah ihm in die Augen.

Da ertrug er ihre Blicke nicht und wandte sich wieder dem Werke zu.

Er betrachtete es eine Welle mit weihevoller Hingabe und sagte: »Nun ja, Sie mögen Recht haben. Ich bin bei Luisabeth Vanderey in einer sehr schweren Schuld.«

Das war ein Geständnis! Alle Türen riß es auf und ließ Sturm und Licht in Bellis Fernau.

»Himmel,« schrie sie, »was für eine Verwirrung der Herzen! Und welch ein ungeheuerliches Verbrechen an Menschenglück begehen Sie, Eskriebens!«

Er warf den grauen Leinenrock ab –

»Halt!« rief er, »Sie brechen da in Räume, in die ich Ihnen den Eintritt nicht gestatte, verehrteste Frau! Ich freue mich Ihrer Anwesenheit in meinem Hause. Aber ich muß Ihnen gestehen, daß ich Ihr Urteil in Eheangelegenheiten im allgemeinen nicht hoch veranschlage. Und selbst, wenn ich in dieser Ansicht irre –: die Ehe ist ein Pakt zwischen zweien – ein recht schwieriger Pakt, Frau Doktor Fernau, nicht wahr? – der aber zu unlösbaren Verwicklungen führt, wenn Dritte dabei die Hände im Spiel haben.«

Diese Worte ließen an Klarheit kaum etwas zu wünschen.

Übrigens erkannten beide, daß sie sich an diesem Orte und zu dieser Stunde nicht gefunden hatten, um sich über derartig innere Angelegenheiten zur Rechenschaft zu ziehen. Und doch fühlte Eskriebens, daß er Bellis nicht mit zum Zerreißen gespannten Nerven entlassen konnte. Er stand in einer Stunde tiefer seelischer Beglückung, weltumarmerisch war ihm zu Mute – warum umleuchtete er Frau Bellis nicht mit seinem rosenroten Glücke?

»Wissen Sie,« sagte er, »ich hab' Ihnen wohl vorhin zuviel zugestanden. Ich habe zu Ihnen geredet, wie ich zu einem Künstler hätte reden dürfen. Ein Weib vermag Person und Sache aber nie voneinander zu trennen. Wenn ich gesagt habe: ›Sie mögen im Rechte sein‹, so ahnte ich nicht, daß Sie auf die Vermutung verfallen konnten, die sich in Ihren Worten kundgab.«

»Ah!«

»Im übrigen stellen Sie sich zu der Frage, wie Sie wollen, verhehlen Sie mir aber, bitte, nicht, weshalb Sie mich in meinem Atelier aufsuchten.«

Es lag nicht in der Art von Frau Bellis, so leichten Kaufes sich zum Rückzuge zwingen zu lassen. Aber – ihre Entdeckung blieb ihr ja für alle Fälle; und darum schien es ihr unhöflich, die Brücke nicht zu betreten, die er ihr geschlagen hatte.

»Warum ich gekommen bin? Ich wollte Sie auffordern, mit uns lustig zu sein.«

»Drei Tage! Sieben Tage – wenn Sie wollen!«

»Es ist Fasching in der Welt,« lockte sie weiter.

»Fasching? Ach so. Jawohl. Also los, seien wir lustig!« Er hob die Arme, er nahm eine Tänzerstellung ein, deutsch, ungefüge, die paßte nicht zu Romald Eskriebens. Aber er jauchzte: »Herrgott, sehen Sie denn nicht – ich bin ja bereit für das Narrentum bis zur Selbstvergessenheit! Was wollen Sie noch?«

»Ich war gekommen, Ihnen zu sagen, daß Ihre Frau diese Tage mit heimlicher Freude erwartet hat. Sie haben sie ja all die Wochen her so zur Seite gesetzt – na, etwa wie eine Ihrer Skulpturen, an die Sie sich in begeistertem Glücke heranmachten, an der Sie aber bald müde wurden und die Sie vergaßen.«

»Das ist Ihre persönliche Auffassung,« sagte Eskriebens, »und sie ist falsch. Sie sollen sehen, daß sie falsch ist. Beim Sinken des heutigen Abends gehen wir unter die Narren – Sie, Lilofe, ich, meinetwegen mein ganzes Haus! Aber die Stunden bis dahin müssen Sie mir und meinem Werke noch lassen. In einer kleinen Frist werden meine Schüler hier sein. Die wollen meine ›Dämmerung‹ auf einem Wagen eigenhändig in die Ausstellungsräume ziehen! So beglückt sind sie davon und – es ist Fasching! Also: bis in den Nachmittag hätschele ich noch mein Werk, dann hätschele ich meine Frau und ihre flimmernden Träume. Ich bitte um allerhand närrische Einfälle Ihrerseits und um ein tagelanges Festprogramm!«

Bellis Fernau war über ihren erfolgreichen Sturmangriff voll blühendem Frohlocken. Es kam ihr die Erleuchtung, als wäre Eskriebens von ihr und Lilofen während der vergangenen Wochen nun doch Unrecht geschehen. Sie war nahe daran, sich ganz auf die Seite des Mannes zu schlagen – aber wie ... »Nein, es ist furchtbar schwer, die Frau eines Künstlers zu sein! Solch eines Mannes, der seiner Muse dient als einer Königin in Demut und Hingabe. Wie soll unsereins denn daneben bestehen? Alle Schönheit, Jugend und lockende Lust der Sinne kann ja nicht dagegen an! Ich glaube, ein Künstler sollte nicht heiraten. Er tritt schon mit einem ›Verhältnis‹ – dem zu seiner Muse – in die Ehe, und es ist selbst für die verliebteste Frau keine Aussicht, diese königliche Gegnerin aus dem Felde zu schlagen.«

Frau Bellis schmetterte ihm ihre Dutzendweisheit ans Herz wie Lerchenjubel. Sie wurden beide vergnügt daran – Bellis, weil sie der Lösung des Problems der Künstlerehe zum mindesten nahe zu sein glaubte – Eskriebens, weil er sie nicht ernst nahm. Fasching!

Zudem dröhnten die Tritte der vier jungen Bildhauer schon die Stiege empor. Lachen, Sieg und mutwilliges Glück lief ihnen vorauf, und Frau Fernau eilte mit fliegenden Fahnen an der aufrechten Jungmannschaft die Stufen hernieder.

Bis an die Dachluke beflaggt, hielt sie Einzug in Lilofes Zimmer.

Nach einer Minute funkelten sie beide wie Tautropfen an einem Pfingstmorgen. Nun konnte das herrliche Erleben beginnen ...

Ein solch lachendes Gesicht setzt das Schicksal auf, während es unter den Falten seines Gewandes schon die Faust erhebt zu dumpfgewaltigem Schlage ...

Die Lust, die vollendete ›Dämmerung‹ zu sehen, ehe sie in die Ausstellungsräume übersiedelte, mußte Bellis Lilofen ausreden. Ihre zitternden Nerven spielten ihr sicherlich einen Streich, wenn sie erkannte, daß das Werk ein Geschenk der anderen Zeit an Eskriebens war, jener Zeit, in der Luisabeths Stern über ihm stand, und die er nun all die Wochen her mit der Seele gesucht hatte.

Frau Bellis ward auch mit dieser Gefahr fertig.

»Ach,« dachte sie, »er wird ja nun alles verwunden haben! Erinnerung und Schuld werden untergehen in ihm beim gesammelten Anblicke der jungen Schönheit seines Weibes; denn schön soll sie sein in diesen Tagen der Lust – der strahlende Frühling müßte vor ihr mit Neid bekennen, daß an dies Wunder ihrer bestrickenden Jugend kein Blühen der Erde heranreicht!« Und sie sprach: »Nein, nein, sehen darfst Du die ›Dämmerung‹ nicht, Lilofe! Er will Dich ja damit überraschen. Er will Dich hinreißen an sein Herz mit seinem Werke; denn wenn es erst an Ort und Stelle steht, in der richtigen Umgebung, weißt Du, dann – meint er – werde es Dich überwältigen.«

In der Reihe von Tagen wollte sie die Gelegenheit schon wahrnehmen, Lilofen in Gemeinschaft mit Eskriebens von der Notwendigkeit zu überzeugen, daß die ›Dämmerung‹ das still durchleuchtete Antlitz Luisabeths tragen müßte.

Freilich, das würde eine Stunde voll elektrischer Schwüle geben und viel Klugheit erfordern. Aber wenn das Leben licht und freudeschauernd sie umfunkelte, dann ließ sich auch das mit Aussicht auf Erfolg in die Wege leiten ...

Sie wollte dann die grauen Gedanken Lilofes zwischen ihren jauchzenden Händen erschlagen wie Motten.

Und über ein kleines, so jubelten die beiden Frauen einander an. Über ein kleines, so saßen sie mit ihrem Glück in einem Auto und kicherten sich von Besorgung zu Besorgung. Für den Fasching, alles für den glückseligen Fasching!

Bis in den späten Nachmittag hatte sich Eskriebens noch Urlaub erbeten; dann wollte er ganz ihnen gehören und sich zu jeder würdigen Narrheit verführen lassen. Mit einem bunten Programm für die Nacht fuhren sie um die Teestunde wieder daheim vor.

Eskriebens war noch nicht da.

Sie nahmen den Tee und brodelten in Erwartung. Sie saßen zwischen Tag und Dunkel und sannen sich heiße Wangen und Herzen wie kleine Mädchen vor dem ersten Ball. Sie schlugen Licht, das ganze Haus voll Licht, brachten das Kammermädchen in fliegende Erregung, als die Friseuse fünf Minuten vor der ihr gestellten Frist nicht schon in wildester Tätigkeit war ...

Es schlug sechs Uhr.

Eskriebens?

Eskriebens war noch nicht da.

Unerhört!

Nach zwanzig Minuten vernahmen sie draußen seine Schritte. Schwere Schritte – gar nicht wie die eines Mannes, der doch zum mindesten umfunkelt sein mußte von dem Spiele der Lichter des Paradeballes, die sich in den hellen Herzen der Frauen brachen.

Er trat im Überrock ins Zimmer; er schwankte herein und starrte die Frauen an wie einer, der Gespenster sieht. Schuhe und Beinkleider waren voll Straßenkot, der Überrock, die Hände –

»Heiliger Gott, Eskriebens, was ist geschehen?« schrie ihn Bellis Fernau an.

Er stützte beide Hände auf den Rand des Tisches und starrte hinab auf Blumen und Bänder, auf Schmuck und Licht. Er stand dort wie ein Bild aus Stein. Dann erhob er die Stimme und sah die Frauen an. Es war, als suchte er nach Worten, die das Unfaßbare zu fassen vermöchten. Und zuletzt mußten doch die ärmsten ihm gewichtig genug erscheinen – sie waren trocken wie Zunge und Lippen, über die sie sich mühsam herüberfanden: »Der Karren kam ins Gleiten auf der kotigen Straße; die beiden linken Räder barsten – was weiß ich! ... Auf einmal – ein armer Torso lag die ›Dämmerung‹ an der Bordkante der Straße.«

Frau Bellis legte ihre Arme auf seine Schultern – »Armer Eskriebens,« sagte sie.

Lilofe hatte sich in einen Polsterstuhl geworfen. Ein jäher Schrei rang sich aus ihrem Munde. Dann ward es so still, daß man die kleine silberne Standuhr ticken hörte, die den sehr leisen Gang hatte.

Eskriebens wandte sich und schritt aus dem Zimmer.

Da hörte man wieder von der Uhr her den Schritt der Zeit – wie sie auf den Zehen ging.

»Wir dürfen ihn nicht allein lassen!« sagte Bellis.

»Wenn er nicht allein sein wollte, wäre er hier geblieben. Er kann sich selbst gar nicht von Schuld freisprechen,« grollte Lilofe. »Solch eine Schöpfung läßt man nicht von unerfahrenen jungen Künstlern aus der Werkstatt bringen! Es wird auch ein Teil Übermut dabei gewesen sein ...«

Und dann stieß der Schmerz, ungeheuer und mit scharfen Fängen, auf sie hernieder. Sie schwang sich aus dem Stuhle ...

»Bellis, Bellis,« rief sie, »meine Ahnung, meine furchtbare Ahnung!«

»Du wolltest dies blöde waltende Schicksal vorausempfunden haben?«

»Nein, nein, nicht das – aber das andere: Eskriebens ist vom Glück verlassen! Er steht verloren in der Welt. Was hat er nun vor sich gebracht? Wer redet von ihm? Wer fördert ihn? Erst steht er in hartem Willen auf sich selbst, dann wirft er den Fleiß von Monaten in den Graben! Nun ja, er hat Geld, er hat das Geld seiner Frau; das macht ihn noch trotziger in seiner Selbstgerechtigkeit. Und wer neben ihm steht, wird mit ihm untergehen. Furchtbar! Bellis, mach' die Augen auf und sieh, was ich sehe!«

»Du bist Dir wieder einmal aus den Händen gefallen, liebste Kleine!« sagte Frau Fernau mit erzwungener Ruhe. Aber ihre Stimme klirrte dabei.

»Ha, ich bin nie in meinem Leben so bei mir gewesen, ich war nie so weitsichtig wie in dieser Stunde!«

»Was siehst Du denn?«

»Daß dies ganze wilde Begebnis ein Sinnbild meines Lebens ist!«

Lilofe war bleich geworden, aber der Schmerz hielt sie in eisernen Händen; sie war nicht zitterig und kindhaft, wie es Bellis erwartete, sondern sie war von einer trotzigen und grausamen Eigensucht, die gar nicht mit Romalds Elend zu fühlen vermochte. Sie schrie ihr Leid auch nicht hinaus, sondern redete lange und halblaut mit Bellis, warum dieses Begebnis ein Bild ihres Lebens wäre, und daß ihre junge Schönheit über solchem Leben an seiner Seite in Stücke gehen würde wie das Bild aus Marmor, das er geschaffen.

Es waren wunderliche scharfe Gedanken, die sie aussprach; es waren geschliffene Worte – und alles ohne Liebe.

Da war es Bellis klar, daß Lilofe fortdrängte von diesem Manne. Es war ihr, als müsse sie ihr über diese Stunde der Qual hinüberhelfen, ihr und ihm; denn Eskriebens hatte sie mit Freude und Hoffnung in seinem Hause aufgenommen. Die Brücke, die Lilofe von dem Unglück zu sich selbst und der kommenden Zeit schlug, würde ja keine kurze Stunde halten! Ein einziger leuchtender Abend mußte neue Wege weisen ...! Wie ein Licht durchzuckte sie der Gedanke: »Lilofe, ein Bild Deines Lebens wäre dies alles ...? Ist es nicht vielmehr das Bild des Lebens Deiner Schwester Luisabeth?«

Aber die Worte, die sich ihr so jäh auf die Lippen drängten, sprach sie nicht aus. Die Ahnung peinigte sie, als schlüge sie damit die Wunde nur noch tiefer, an der Lilofes Herz blutete.

»Ausheilen!« dachte Frau Bellis; »ferne von diesem Hause, in dem ihr nicht die Erfüllung geworden ist, die sie erhoffte! Ausheilen – vielleicht in Sehnsucht ...« Das Leben hat seltsame Mittel, gesund zu machen. Und sie fragte: »Lilofe, meinst Du, daß es gut sei, wenn ich mit Romald rede und ihm nahelege, Dein Zustand erfordere Ruhe? Ich will ihm sagen, sein Unglück sei das Deine; es hätte Dich so furchtbar erschüttert.«

Lilofe sah sie mit klaren kalten Augen an und sagte: »Nein, Bellis, ich will mich nicht fortlügen von ihm. Ich habe zu wenig teilgehabt an seinem Werke, viel zu wenig, um mich von seinem Unglück in solchem Grad erschüttern zu lassen. Wenn Du glaubst, ich hätte nur auf eine Gelegenheit gewartet ...«

»Ja, muß ich denn nicht dieses Glaubens sein? Aus all Deinen Reden von vorhin, aus Deiner Härte, die Dich nicht zu einem Worte tiefsten Mitgefühls kommen ließ, aus Deinem Verhältnis all die Wochen her – wie sollte ich denn zu einer anderen Überzeugung kommen?«

»Wir verstehen uns nicht mehr,« sagte Lilofe. »Ich verstehe ihn nicht, aber ich verstehe auch Dich nicht. Mir ist, es gäbe nur einen Menschen, der mich zu mir selbst führen kann – Luisabeth!«

Da schürzte der Schmerz Frau Bellis die Lippen; denn sie empfand die Abkehr Lilofes von ihr. Jetzt, da das Leben alle Finsternis über ihr ballte, jetzt sollte sie ihr nichts mehr bedeuten?

»Du widersprichst Dir ja selbst, mein Kind!« sagte sie bitter. »Vorhin hast Du beteuert, Du wärest noch nie so bei Dir und so weitsichtig gewesen, und nun behauptest Du, Luisabeth könnte Dich zu Dir selbst führen? Was soll man denn mit solcher Verwirrung anfangen?«

Eine stille bange Minute lang sahen sich die Frauen an. Dann brach ein erschütterndes Weinen aus Lilofen. Sie warf die Arme um die Freundin ihrer Kindheit und schüttete ihr die Tränen auf das Herz –

»Und doch und doch, die stille Luisabeth soll mich führen zu mir selber, zu der neuen, der klaren, der leuchtenden Lilofe! Ich habe Sehnsucht nach ihrem Lichte. So wie ich all die Zeit her war und wie ich jetzt bin, nein, so kann ich mich nicht mehr ertragen!«

Es war das heiße schwere Ringen, das sie nie mehr ganz losgelassen hatte zu ihrer kindhaft sonnigen Unbefangenheit seit jener Stunde, in der sie unter den Händen und Küssen Doktor Fuhrs nach Hilfe schrie.

Nun dehnte sie abermals ihre Arme um einen Menschen, der die frühe Sonnenzeit des Lebens mit ihr durchlacht und durchliebt hatte. Wieder war ihr, als müsse sie in diesem Menschen die jubilierende Vergangenheit festhalten, und dennoch stand sie mitten in der Stunde, die ihr das Bekenntnis abgerungen hatte: »So kann ich mich nicht mehr ertragen!«

Es war das tiefe Heraufdämmern des neuen Tages, dem sie sich in Glück und Reue ans Herz stürzen wollte, wenn er nur erst gekommen wäre. Es war das verheißungsvolle und doch noch schreckhafte Aufglimmen der Erkenntnis, daß sie ein Kind geblieben, eitel und voll kindhafter Träume und Anschläge.

Manchmal, wenn sie in diesen Tagen alleingewesen war mit ihren Sehnsüchten und zerrinnenden Hoffnungen, hatte sie gedacht: es müßte etwas Großes über sie kommen, das sie erlöse aus diesem Nebel der Seele und diesen flitternden Fäden ihrer Wünsche. Es müsse etwas Unerhörtes kommen, das sie befreie von ihrem Durst nach dem Leben, der sie quälte wie in ihren Mädchenjahren.

Sie wußte nicht, wie dies Leben aussähe, aber sie dürstete.

Sie war nicht unglücklich an der Seite Romalds des Künstlers, aber sie war ohne Glück. Sie wußte, daß sie die Hände ausstrecken konnte nach allem, was sie froh machte – er würde es ihr nicht wehren; aber sie wußte nicht, was es eigentlich war, das sie ersehnte. Darum blieb es bei dem ›Unerhörten‹, das kommen mußte wie ein Blitzschlag, der die Welt der Wirrnisse in ihr mitten entzweischlug.

So stand sie am Anfange der neuen Straße. Sie stand an der Wegscheide, an der die ›stummen Mächte‹ der anderen Jahre beredt wurden. Sie hörte ihre Stimmen durch die Finsternis, die noch in ihr war, und erkannte diese Mächte nicht. Aber ihre Gedanken waren zu geschliffenen Waffen geworden und zu einem Lichte, in dem sie vorwärtsschritt. Darin gelangte sie zu der Frage: »Was ist es nun gewesen mit Bellis Fernau? Sie sollte Rat wissen für mein Herz und mein Wünschen, aber es fällt ihr nichts ein. Sie hat viel mehr erfahren im Leben als ich und ist doch nicht weiser geworden.«

An solcherlei Gedanken griff sie sich vorwärts, und sie gelangte doch nicht ins volle Licht.

Deshalb blieb die Sehnsucht nach Luisabeths Klarheit in ihr bestehen. Wenn sie bei der Schwester wäre, würde Bellis Fernau nicht um sie sein; denn es lagen Welten zwischen diesen beiden, und so oft sie den Namen Luisabeths nannte, wurden die Lippen von Frau Bellis voll Bitterkeit.

Und da sie den ernsten Willen ihr kundgab, womöglich noch in dieser Nacht und ohne Verzug nach Weimar zu reisen, nahm Bellis Fernau in ihrer Not Zuflucht zu Eskriebens. Sie eilte über die mit Läufern belegten Gänge in das Zimmer Romalds und fuhr gleich das schwerste Geschütz auf: sie redete zu ihm von einer beabsichtigten Flucht Lilofes.

Eskriebens saß bei der kleinen Schirmlampe am Schreibtisch. Er arbeitete nicht. Er hatte den Band einer Kunstgeschichte aufgeschlagen, aber er las auch nicht. Aus dem zitternden Klange der Stimme vernahm er die tiefe Erregung, die aus Bellis zu ihm sprach. Er konnte die zuckenden Lippen nicht sehen und nicht das bleiche Gesicht; denn die Lampe unter dem dunkelblauen Schirm warf ihre schmale Lichtgarbe nicht über den Stoffbezug des Tisches hinaus.

Sie redeten lange miteinander – Bellis heftig und mit schlagenden Nerven; Eskriebens ruhig und aus männlicher Ergebung und seinem ungeheuren Schmerze.

Da merkte er, daß Frau Bellis weniger in Sorge um ihn und Lilofen war als in Sorgen um sich selbst. Sie redete unter dem Deckmantel der Liebe und Freundschaft für die, die ihr anvertraut gewesen war vom ersten kindlichen Lallen, redete unter dem Deckmantel der Dankbarkeit für die Gastfreundschaft, die sie im Hause Eskriebens gefunden hatte. Aber die Furcht sah Romald aus ihren Augen an: ich werde nun fortan einsam sein; ich werde treiben wie ein Stück Wrackholz; denn ich kann Lilofen nicht in das Haus folgen, in dem Achilles Vanderey blind und taub gegen meine schimmernden Wünsche war.

Bei all dieser kunstvollen Umhüllung saß Bellis Fernau in bemitleidenswerter Dürftigkeit vor ihm.

»Warum soll Lilofe denn nicht gehen?« fragte er. »Nun ja, ihr Platz wäre in dieser Zeit an meiner Seite, mehr denn je. Aber mir ist, sie sucht die Kraft dazu und findet sie nicht. Warum soll ich ihr den Weg verlegen zu einem Ziele, zu dem ihre Hoffnung sie drängt? Wäre es nicht denkbar, daß ihr aus der Schwester eine neue Gnade emporblüht und daß das Leid der vorigen Stunde sie gesegnet hätte?«

»Eine neue Gnade?« fragte Frau Bellis zerrüttet in sich hinein.

Es war ein Wort von festlichem Klange und tiefer Deutsamkeit. Eine neue Gnade!

Sie fing an zu suchen, welcher früheren Gnade er diese neue entgegenstelle? Da war Lilofes Schönheit, die frühlingsmächtige. Da war ...

Aber Bellis fühlte, sie mußte kämpfen; darum lächelte sie eine unverhaltene Ironie über das klingende Wort und sagte: »Von wem könnte ihr die neue Gnade denn kommen, wenn nicht von mir, die ihr Seele und Sinne geschmückt hat von Kind an?«

»Geschmückt!« entgegnete Eskriebens fast wehmütig und lehnte sich nachdenklich in den Stuhl zurück. »Geschmückt! Jawohl, das ist das richtige Wort. Aber mit lauter Schmuck kann der Mensch nicht durchs Leben gehen. Schmuck ist etwas für Zeiten. Doch – ich bin jetzt nicht zu Betrachtungen aufgelegt. Aber eine Antwort blieb ich Ihnen schuldig, darum muß ich Ihnen sagen: ich halte es nicht für gut, Lilofe ferner unter dem gleichen Einflusse zu sehen. Vielleicht war es ein Fehler des Herrn Vanderey, sein Kind immer nur in die nämliche Sonne zu stellen ...«

Bellis Fernau war von aufgepeitschter Empfindlichkeit –

»Ah! Ihre Worte sind ausgezeichnet durch Milde und Liebenswürdigkeit, Herr Eskriebens; Sie sind sehr sanft, aber sie treffen mich dennoch ins Herz.« Sie erhob sich von ihrem Sitze. »Wir wollen nicht miteinander rechten, vor allem heute nicht! Aber das muß ich Ihnen sagen: ich habe mein Leben und mein Glück dem Kinde Lilofe geopfert, und ich habe wenig Dank dafür empfangen, daß ich mich selbst über diesem Opfer vergaß.«

Es war immer die gleiche Rede, die sie an wunden Stellen des Lebens führte. Nun konnte sie ihre Tränen nicht mehr halten. Ehe Eskriebens ein beschwichtigendes Wort fand, war sie zur Türe hinaus.

Er dachte noch eine Weile über ihre Worte nach. Dann suchte er Lilofen in ihrem Zimmer auf. Er hieß das Mädchen hinausgehen, das ihr beim Einordnen der Kleider in die Koffer behilflich war.

»Es ist gut, daß Du Dich zur Reise rüstest,« sagte er. Es war eine karge Stunde.

Da wurde sie betreten; denn sie wunderte sich, daß er sie in ihrem Willen bestärkte. Sie hörte aus seinen Reden, wie er nicht daran dachte, daß diese Trennung ein Auseinandergehen ihrer Wege für immer sein sollte. »So gut und vertrauensvoll ist er,« sagte sie sich, »und so leicht macht er mir diese bitteren letzten Stunden.« Es überkam sie Scham vor seiner Ehrlichkeit. Herrgott, wenn doch nur hinter einem seiner Worte die Hörner des Satans hervorschauen wollten, die sie vor ihr selbst gerechtfertigt hätten! Dann fiel ihr die Rettung ein: die Fülle dieses Tages an verwirrenden Geschehnissen, die als Hoffnung, Glück, Rausch, Schrecken und gefrorener Jammer einander hetzten, hätte sie unfähig gemacht zu einer Aussprache, wie er sie wohl erwartete. »Ich will Dir alles schreiben,« sagte sie, »aber ich muß mich zuvor erst selbst wiedergefunden haben.«

Drüben in ihrem Zimmer rüstete auch Bellis Fernau zur Abreise.

Darüber kam die letzte Stunde. Und Romald Eskriebens gab den Frauen vor Mitternacht im Wagen das Geleit zum Bahnhofe. Es war eine kalte zerstürmte Februarnacht. Regen und Schnee flogen hindurch und weit hinaus lag tiefe Finsternis.

* * *

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